Logo weiterlesen.de
Drei Küsse bis zur Liebe

PROLOG

Gegenwart

Clio hatte wieder den Traum, der sie seit Jahren verfolgte. Er hielt sie in seinem Bann, und sie konnte sich ihm nicht entziehen. Endlich erwachte sie, schweißnass, zwischen zerwühlten Betttüchern. Sie schlug das oberste zurück, drehte sich auf den Rücken und versuchte, ruhiger zu atmen.

Ihr Herz klopfte so laut, dass es ihr in den Ohren dröhnte. Es war jetzt fast fünfzehn Jahre her, dass ihre kleine Cousine Ella mit dem Kinderwagen in der „Paradise“-Lagune versunken war, trotzdem war es für Clio, als wäre es erst gestern passiert. Das Unterbewusstsein eines Menschen glich einem Labyrinth, und einer dieser verschlungenen Wege führte Clio immer wieder zu der knapp verhinderten Tragödie.

Manchmal glaubte sie, die Erinnerung würde nie verblassen – der furchtbare Schreck, die Unfähigkeit, das Geschehene zu begreifen, und vor allem das lähmende Entsetzen. Es kam jetzt noch vor, dass Tante Lisa, Mutter von drei hübschen, fröhlichen Teenagern – darunter Ella –, in dunklen Momenten von Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen gepeinigt wurde. Nie, beteuerte sie dann, würde sie es sich verzeihen, dass sie die Bremse des Kinderwagens versehentlich nicht angezogen hatte.

Ohne Josh Hart, den stadtbekannten „bösen“ Jungen, der im entscheidenden Augenblick wie ein blonder Engel erschienen war, hätte das Unglück mit Sicherheit einen tödlichen Verlauf genommen. Josh hatte schwere Jahre hinter sich, was mitleidige Beobachter bewog, seine fast täglichen üblen Streiche zu übersehen. Dem allgemeinen Vernehmen nach, hatte sich seine Mutter mit einer Überdosis Rauschgift umgebracht, als er fünf Jahre alt war. Von seinem Vater wusste man nichts.

Joshua, kurz Josh genannt, wurde der Fürsorge übergeben. Er lebte in verschiedenen Heimen, bis er – etwa ein Jahr vor Ellas Unfall – in die Stadt kam. Eine entfernte Verwandte seiner Mutter, eine sechzigjährige Witwe, hatte ihn bei sich aufgenommen, wurde aber nicht mit ihm fertig.

Am Ende resignierte sie vollends, und Josh kam immer mehr herunter. Er widersetzte sich jeder Autorität, klaute, was ihm gefiel, und machte Spritztouren in fremden Luxusautos, ohne sie jedoch jemals zu beschädigen. Dafür kannte er sich mit Motoren und Schlössern zu gut aus. Einmal schnappte er sich im Jachthafen von „Moon Bay“ ein hochtouriges Schnellboot, raste damit herum und brachte es nach einer halben Stunde unversehrt zurück. In der Schule erschien er höchstens zweimal pro Woche, war aber trotzdem der Klügste in der Klasse.

Wenn es im Leben entscheidende Momente gab, in denen einer beweisen konnte, was wirklich in ihm steckte, dann hatte der dreizehnjährige Josh Hart es an jenem Unglückstag bewiesen. Mit bemerkenswertem Mut hatte er der kleinen Ella das Leben gerettet, ohne ein einziges Mal an seine eigene Sicherheit zu denken.

Schon damals hatte er Clio fasziniert und geängstigt, und daran hatte sich nichts geändert. Er tat es immer noch. Dabei war er inzwischen ein bewunderter und angesehener Unternehmer mit abgeschlossenem Jurastudium. In seinem Büro hingen Ehrenurkunden an der Wand, und das alles verdankte er Clios Großvater, der ihm den Aufstieg ermöglicht hatte.

Damals

Der Tag hatte strahlend begonnen. Es war zu Beginn der langen Weihnachtsferien, die Regenzeit – „troppo time“, wie sie im tropischen Norden genannt wurde – stand kurz bevor. Die ersten Monsungüsse hatten das Land in ein Paradies verwandelt. Die Natur zeigte sich von ihrer schönsten, verschwenderischsten Seite. Überall spross und blühte es, die süßesten Düfte erfüllten die Luft. Die ausladenden, mit leuchtend roten Blüten geschmückten Zweige der Flamboyants spendeten willkommenen Schatten. An den Magnolienbäumen sprangen die ersten rosa Knospen auf, und unter den Kassien bildeten welkende Blüten dichte gelbe Teppiche. Die ganze Welt war wie verzaubert.

„Was hältst du von ‚Paradise Lagoon‘?“, fragte Tante Lisa, die ein Picknick im Sinn hatte.

Ein anderer Ort kam kaum infrage. „Paradise Lagoon“ war die schönste und kühlste Oase der Stadt, ein weitläufiges Parkgelände, das von einer tiefgrünen Lagune beherrscht wurde, an deren Ufer unzählige blaue Wasserlilien blühten. Nur die weißen Bougainvilleenranken, die Mauern und Spaliere überzogen, konnten mit der blauen Pracht wetteifern.

Sie fuhren in Tante Lisas Auto dorthin, fröhlich und unbekümmert, obwohl Snowy – ein stadtbekanntes, trinkfreudiges Original – behauptete, vor einiger Zeit in der Lagune ein „Saltie“ gesichtet zu haben, eins der berüchtigten Salzwasserkrokodile.

„Hütet euch vor dem Burschen“, hatte er im Pub gewarnt und dabei sein Bierglas geschwenkt. „Es ist ein wahrer Riese … etwa sechs Meter lang, vermute ich.“

Man hatte ihn ausgelacht, denn man hielt sein angebliches Ungeheuer für einen treibenden Baumstamm. Trotzdem war das Gebiet durchforstet worden, denn man befand sich ja schließlich in den Tropen, nördlich vom Wendekreis des Steinbocks.

Die Menschen hatten sich mit den gefährlichen Tieren abgefunden. Es kam nur darauf an, ihnen nicht in die Quere zu kommen. Die riesigen Biester fraßen alles, was sich dem Ufer näherte: Menschen, Rinder, Pferde, Hunde und sogar ausgewachsene Büffel. Wasserschildkröten zählten zu ihren Delikatessen.

Seit über zehn Jahren war in „Paradise Lagoon“ kein solches Untier gesichtet worden, und so blieb auch diese Suche erfolglos. Das letzte Opfer war ein junger japanischer Tourist gewesen, der im Alkoholrausch um Mitternacht ins Wasser gestiegen war, trotz der Warnschilder und der Vorhaltungen seines ebenfalls betrunkenen Begleiters, die leider umsonst gewesen waren. Ein Krokodil hatte am Ufer auf Beute gelauert, sich den unglücklichen Mann geschnappt und unter Wasser gezogen, um ihn später in Ruhe zu fressen.

Das Ereignis hatte in der Stadt Entsetzen ausgelöst. Das Viech war erschossen worden, obwohl die Art unter Naturschutz stand. Anschließend hatte man die Lagune nach weiteren Tieren abgesucht, aber es war kein zweites gefunden worden. Die ganze Stadt atmete auf. Jeder wusste, dass gerade Brutzeit war. Die Krokodilweibchen legten am Ufer von Flüssen, Lagunen und Billabongs Nester von vierzig bis sechzig Eiern an, aber in „Paradise Lagoon“ ließ sich keins zwischen den wuchernden Wasserpflanzen entdecken. Trotzdem blieb man weiter wachsam. Die Biester konnten an Land erstaunliche Strecken zurücklegen, um günstigere Jagdreviere zu erreichen.

Der Park von „Paradise Lagoon“ war allgemein beliebt, aber niemand wagte, dort zu baden. Außerdem war es streng verboten. Die meisten Einwohner besaßen zu Hause ohnehin einen Swimmingpool. Man picknickte in dem schönen Gelände, in dem es Spielplätze für die Kleinen und Grillplätze für die Großen gab. Es fehlte nicht an Fahrrad- und Spazierwegen, und Kinder unter zwölf Jahren hatten nur in Begleitung eines Erwachsenen Zutritt. Dabei wurde ihnen schon von klein auf eingehämmert, wie gefährlich es war, zu dicht ans Wasser zu gehen.

An diesem Tag hatte Tante Lisa die Aufsicht über die Kinder übernommen. Weder die kleine Ella noch Clio und ihre beste Schulfreundin Tulip – beide neun Jahre alt – befanden sich in Gefahr.

Clio, Lyle und Allegra Templetons einzige Tochter, konnte auf eine idyllische Kindheit zurückblicken. Ihre Familie war eine der reichsten im Norden. Clios Großvater, Leo Templeton, hatte in jungen Jahren viel wertvolles Land geerbt und dadurch das Familienvermögen, das sein Vater und Großvater durch Schaf- und Rinderzucht erworben hatten, beträchtlich vermehrt. Als kluger Geschäftsmann investierte er auch in andere Wirtschaftsunternehmen, die inzwischen von dem Clan kontrolliert wurden und überaus erfolgreich waren. Clios Eltern waren das bekannteste und beliebteste Paar der Stadt. Sie selbst wurde von ihrem Großvater gern „der schönste Edelstein im Diadem der Templetons“ genannt.

„Kein Mädchen auf der Welt kann sich mit dir messen!“

Das war natürlich ein sehr subjektives Urteil, aber sie wurde wirklich von allen geliebt – und das nicht nur, wie sie deutlich spürte, weil sie eine Templeton war.

Tante Lisa zauberte die köstlichsten Leckereien aus ihrem brandneuen Picknickkorb hervor: kleine Pasteten aus Hühnerfleisch und Pilzen, Schinkenquiche, harte Eier im Wurstmantel und als Nachtisch, soweit man überhaupt in der Lage war, noch mehr zu essen, saftigen Schokoladenkuchen. Dazu gab es kühlen goldgelben Apfelsaft zu trinken. Die kleine, achtzehn Monate alte Ella saß vergnügt in ihrem Wagen und strahlte ihre Mutter aus leuchtend blauen Augen an. Nach dem Picknick streckten sich Clio und Tulip im Gras aus und sprachen über alles, was neunjährige Mädchen beschäftigte: Klassenkameraden, Filme, Popstars, Tulips neues Fahrrad und ihre Ballettstunden. Tante Lisa las in ihrem Buch. Baby Ella gluckste vergnügt vor sich hin.

Bevor sie den Heimweg antraten, spazierten sie noch durch den Park und bewunderten die bunten Papageien und Loris, die scharenweise auf den Bäumen saßen. Plötzlich klingelte Tante Lisas Handy. Während sie zur Seite trat, um den Anruf entgegenzunehmen, gingen Clio und Tulip langsam weiter.

In dem Moment passierte es.

Der Kinderwagen mit dem fröhlich strampelnden Baby setzte sich langsam in Bewegung, rollte unaufhaltsam den Abhang hinunter und immer schneller auf die Lagune zu. Kein Baum oder Strauch stand da, um die Fahrt zu bremsen. In nur wenigen Sekunden erreichte der Wagen mit der kleinen Ella das Ufer und verschwand unter der dunklen Wasseroberfläche.

Tante Lisa drehte sich erschrocken um, ließ ihr Telefon fallen und schrie in panischer Angst. Die Leute erzählten später, man hätte sie einen Kilometer weit hören können. Beide Mädchen sprangen auf und starrten dem Wagen nach. Tulip wurde blass und sank ohnmächtig zu Boden. Clio stand wie angewurzelt da. Sie war zwar eine gute Schwimmerin, hatte sich aber nie in die Lagune gewagt, die in der Mitte sehr tief sein sollte.

Während sie noch leise ein Gebet vor sich hin sprach, tauchte von irgendwoher ein großer, sportlicher Junge auf, dessen dichtes blondes Haar wie Gold in der Sonne glänzte. Wie ein junger Löwe lief er den Abhang hinunter und verschwand kopfüber unter Wasser, ohne dass sich die Oberfläche merklich kräuselte.

Inzwischen kamen auch andere Parkbesucher angestürmt und boten ihre Hilfe an, ohne genau zu wissen, was passiert war. Jeder kannte Tante Lisa und ihr süßes Baby. Aber wo war Ella? Die Frage wurde in Sekundenschnelle beantwortet, und allgemeiner Jubel erhob sich, als Joshs blonder Haarschopf, triefnass und von grünen Algen bedeckt, aus dem Wasser auftauchte. Der Junge hatte Ella aus dem Wagen gezogen und hielt sie fest im Arm.

Danke, danke, danke, lieber Gott! Danke, danke, danke, Josh!

Wie erlöst, rannte Clio den Abhang hinunter, bereit, Josh zu helfen, aber er rief ihr so wütend zu, an Land zu bleiben, dass ihr die Tränen kamen. Eine Krankenschwester, die gerade ihre Freistunde hatte, untersuchte Ella, bevor sie die Kleine ihrer aufgelösten Mutter an die Brust legte. Dann kümmerte sie sich um Tulip, die inzwischen wieder bei Bewusstsein war und kreidebleich im Gras saß. Zwei kräftige Männer zogen Josh aus dem Wasser, obwohl seine empörte Miene deutlich verriet, dass er keine Hilfe brauchte.

Im selben Moment schrie eine ältere Frau laut auf und machte alle auf die neue Gefahr aufmerksam, die sich unheimlich schnell vom fernen Ende der Lagune näherte. Nur die Höcker über den Augen und die Nasenlöcher waren über dem Wasser zu erkennen. Das Krokodil hatte zwar nicht die von Snowy angegebene Länge, also war es vermutlich ein Weibchen, aber es hätte sich den Jungen und das Baby mühelos schnappen können.

Josh Hart ließ sich keuchend ins Gras fallen und streckte Arme und Beine weit aus. Clio hatte nie mehr als zwei Worte mit ihm gewechselt, jetzt aber hockte sie sich neben ihn und fragte: „Wusstest du von dem Krokodil?“ Seinen sonnengebräunten Arm wagte sie dabei nicht zu berühren.

„Was für eine alberne Frage, Kleines“, antwortete er und drehte ihr das Gesicht zu. Seine Nasenflügel bebten, die blauen Augen strahlten wie zwei Sterne. „Es gibt fast überall Krokodile, und Snowy hat euch Dummköpfe gewarnt.“ Bei den letzten Worten machte er ein so strenges Gesicht wie ein Erwachsener, der seine Überlegenheit hervorkehren wollte. Clio ließ sich dadurch allerdings nicht einschüchtern. Obwohl Josh keinen guten Ruf hatte, wusste sie, dass er ihr nie etwas antun würde.

„Sie haben die ganze Lagune abgesucht“, erinnerte sie ihn.

„Anscheinend nicht gründlich genug“, erwiderte er, ohne den Blick abzuwenden.

„Du hast meine Cousine, die kleine Ella, gerettet …“

„Ich weiß.“ Das klang schroff und abweisend.

Bei seiner Abfuhr und Feindseligkeit schoss ihr Röte ins Gesicht.

„Du bist Clio Templeton, nicht wahr?“, fragte er unvermutet. „Der Liebling der ganzen Stadt … die Prinzessin.“

Sie ignorierte jedoch seinen Sarkasmus, denn sie empfand ihm gegenüber eine tiefe Dankbarkeit. „Und du bist ein Held“, sagte sie, beugte sich spontan zu ihm hinunter und küsste ihn auf die Wange. „Ich werde nie vergessen, was du heute getan hast, Joshua Hart.“

Ein wachsamer Ausdruck erschien in seinen blauen Augen – und noch etwas, das Clio nicht deuten konnte. „Doch, das wirst du.“

„Niemals!“ Sie stand auf, und ihre großen dunklen Augen glänzten vor Bewunderung. „Ich weiß, dass vieles von dem, was die Leute über dich erzählen, wahr ist, Josh, aber du bist mutig. Ich bin stolz, dich zu kennen.“

Josh lachte, es war allerdings kein gewöhnliches Lachen. „Schluss jetzt, Prinzessin“, sagte er und stand auf. „Sie rufen nach dir.“

Später kam es Clio so vor, als hätte die Luft um sie herum vor Spannung geknistert. Diese Spannung spürte sie jedes Mal, wenn sie ihm begegnete.

1. KAPITEL

Woran erkennt man die ersten Anzeichen der Liebe? überlegte Josh, während er durch die sternenklare Nacht fuhr.

Wenn sich ein hübsches Mädchen mit langem rabenschwarzem Haar und großen, dunkel glänzenden Augen über einen beugte und einen auf die Wange küsste? Wenn man sich ungeheuer zusammennehmen musste, um nicht von fast vergessenen Empfindungen überwältigt zu werden? Wenn man ein merkwürdiges Glücksgefühl verspürte und das Leben plötzlich einen Sinn bekam?

Niemand außer seiner unglücklichen Mutter hatte ihn je geküsst oder seine Seele bewegt. Nur Clio Templeton war es an jenem denkwürdigen Tag gelungen, ihn aus seiner emotionalen Starre zu lösen. Das Erlebnis hatte ihn verändert und vielen erlittenen Entbehrungen den Stachel genommen. Sie war erst neun Jahre alt gewesen und hatte es doch geschafft, den Panzer zu durchdringen, den er sich zugelegt hatte und der ihn unverwundbar machen sollte. Es hatte nicht mehr dazu bedurft, als ihre weichen Lippen auf seiner nassen Wange zu spüren.

Clio war es als einzigem Menschen gelungen, Gefühle in ihm wachzurufen, die er in den qualvollen Jahren nach dem Tod seiner Mutter verdrängt hatte. Er war bis heute nicht überzeugt, dass seine Mom freiwillig eine Überdosis genommen hatte. Sie hatte ihn geliebt, und er hatte diese Zuneigung erwidert. Sie waren ein Paar gewesen – zwei gegen den Rest der Welt. Seinen Vater kannte er nicht, aber er war bestimmt ein Schuft gewesen. Vielleicht glich er ihm, denn im Gegensatz zu ihrem Sohn war Carol klein und zierlich gewesen, hatte dunkles Haar und sanfte braune Augen gehabt. Sie hatte den Namen des Mannes, dem sie ihren Sohn verdankte, nie verraten. Dabei hatte er erst ihre Träume und dann ihr Leben zerstört. Das gemeinsame Kind war als unglückliche Waise zurückgeblieben.

So weit Joshua Harts Geschichte. Mit fünf Jahren war er auf sich alleingestellt gewesen, hatte nichts verstanden und umso mehr unter Einsamkeit und totaler Isolierung gelitten. Man hatte ihm sogar einen neuen Namen gegeben: Joshua, nach einer Gestalt aus der Bibel. Sein ursprünglicher Name hatte angeblich zu fremdartig geklungen.

Mit den Jahren kam der Hass. Er hatte ihn offen gezeigt. Jeder war Zeuge gewesen. Gleichzeitig hatte sich sein Körper entwickelt, und er war zu einem Athleten herangewachsen. Er hatte Muskeln bekommen und war zu der beachtlichen Größe von ein Meter siebenundachtzig aufgeschossen. Man hätte ihn mit einem jungen, aus dem Zoo ausgebrochenen Löwen vergleichen können, denn er war eine bemerkenswerte Erscheinung. Doch was hatte das Schicksal mit ihm vor? Sollte er sein Leben im Gefängnis verbringen? An Gott glaubte er schon lange nicht mehr. Warum auch? Er war hin und her geschoben worden, von einem Heim ins andere, von der Untersuchungshaft in einen Knast für Jugendliche. Ihm war nichts erspart geblieben, und er hatte Dinge erlebt, die zu schrecklich waren, um darüber sprechen zu können.

Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als sich aus dem Sumpf herauszuarbeiten – Stück für Stück, Schritt für Schritt. Die enorme Anstrengung hatte ihn hart gemacht und ihn gebührenden Abstand zu seinen Mitmenschen nehmen lassen, denn nur so war er nicht verletzbar. Viele „anständige“ Leute in der Stadt hielten sich von ihm fern. Sie wussten nicht, was er durchgemacht hatte, und hätten ihm ohnehin nicht geglaubt. Sie kamen aus angenehmeren Verhältnissen. In der kleinen Stadt im tropischen Norden von Queensland genoss man die schöne, üppige Natur und lebte im Wohlstand – wie im Gelobten Land.

Die Villa der Templetons lag am Ende einer Sackgasse, in der bereits viele Autos parkten. Auch in der geschwungenen Auffahrt reihten sich die Wagen der Luxusklasse aneinander. Der teuerste gehörte Jimmy Crowley. Er war nur ein Jahr älter als Josh, und die Limousine hätte besser zu seinem Großvater gepasst, dem mächtigen, einflussreichen Ekel, aber Jimmy gab sich große Mühe, ein ebenso bedeutender Mann zu werden. Dazu war er beinahe gezwungen, denn sowohl er wie seine Familie lebten in der Überzeugung, dass Clio Templeton für ihn bestimmt war. Wer sonst als die schönste Frau der Stadt hätte ihm genügt? Selbst Josh fand, dass sie diese Bezeichnung verdiente.

Sobald Josh aus seinem metallicgrauen Porsche stieg, umgab ihn die warme Nachtluft mit ihren vielfältigen Düften. Der Duft von Frangipani, Oleander und Gardenien mischte sich mit dem des weiß blühenden Ingwers und echten Jasmins. Er wunderte sich immer wieder, wie stark der süße Geruch auf ihn wirkte. In den weitläufigen Gärten der Villa waren fast alle tropischen Pflanzen vertreten. Sie erstreckten sich über mehr als zwanzig Hektar Land und stellten bei den geltenden Grundstückspreisen einen überaus wertvollen Besitz dar.

Die Gärten waren weit über die Stadtgrenze bekannt und wurden auch Besuchern gezeigt. Clios Urgroßmutter hatte einen künstlichen See anlegen lassen, in dem keine Krokodile zu befürchten waren. Er wurde von einem Wasserfall gespeist, der schäumend über riesige Felsbrocken stürzte, die man aus der näheren Umgebung herbeigeschafft hatte. Ein vom Haus aus nicht sichtbarer Staudamm sorgte dafür, dass immer genügend Wasser vorhanden war. Jeder Betrachter musste annehmen, dass es sich um ein natürliches Gewässer handelte. Die Ufer waren mit Riedgras und Rohrkolben bepflanzt. Dazwischen wuchsen weiße Lilien, japanische Wasseriris und tropische Farne.

Josh richtete seinen Blick auf das Haus. Es hatte im Lauf der Zeit fast übertriebene Ausmaße angenommen, was besonders widersinnig erschien, weil nur noch zwei Personen darin wohnten: Leo Templeton und seine Enkelin Clio. Leos Frau war vor über zehn Jahren gestorben, und das Wirtschafterehepaar, Tom und Meg Palmer, bewohnten einen eigenen Bungalow, der an einer verborgenen Stelle im Garten lag.

In Festbeleuchtung wirkte die im Kolonialstil erbaute Villa besonders eindrucksvoll. An den kunstvollen hölzernen Gitterarbeiten, die vielfach zum Einsatz gekommen waren, erkannte man deutlich den südostasiatischen Einfluss. Leo liebte es, Gäste zu empfangen. Weihnachten war nicht mehr fern, und die Christmas Eve Party im Hause Templeton gehörte zu den gesellschaftlichen Ereignissen des Jahres.

Josh selbst bedeutete Weihnachten nichts, denn er konnte es mit niemandem teilen. Natürlich hatte es Affären in seinem Leben gegeben. Sex diente schließlich der Entspannung, aber sein Herz blieb jedes Mal unberührt. Er ließ die Frauen nicht so weit an sich heran. Manchmal glaubte er, zu ewiger Einsamkeit verurteilt zu sein. Er wäre nicht der Erste gewesen.

An diesem Abend waren die hundert reichsten und angesehensten Mitbürger eingeladen worden. Es sollte für die Entbindungsstation des Krankenhauses gespendet werden, das einen ausgezeichneten Ruf hatte und überwiegend von den Templetons finanziert worden war. Der Gastgeber erwartete, dass bedeutende Summen zusammenkamen. Er hatte auch Josh eine Einladung geschickt, mit dem Hinweis, dass es das übliche reichhaltige Büfett geben würde und eine Absage nicht infrage käme. Josh wäre trotzdem nicht erschienen, wenn es sich nicht um Leo und seine bezaubernde Enkelin gehandelt hätte.

Clio selbst hätte ihn kaum zu dem Empfang gebeten, denn sie lebten in zu verschiedenen Welten. Ein Emporkömmling hatte sich von der Prinzessin fernzuhalten. Dafür war gesorgt worden, obwohl Josh ihr manchmal begegnete, wenn er Leo besuchte, was allerdings in letzter Zeit nicht mehr so häufig geschah, denn Josh war inzwischen ein vielfacher Millionär.

Als Grundstücksmakler und Bauunternehmer hatte er früh ein Vermögen gemacht. Nirgends konnte man so gut verdienen wie bei der Vermittlung von Land – es sei denn beim Bergbau, und da war er inzwischen auch beteiligt. Das nördliche Queensland erlebte zurzeit einen enormen Bauboom, von dem Josh wesentlich profitierte. Er kaufte freie Flächen und errichtete darauf lukrative Apartmentblocks, die durch Bürohäuser und Einkaufszentren ergänzt wurden.

Anfangs hatte Leo ihm das nötige Kapital zur Verfügung gestellt, aber inzwischen hatte Josh seine Schulden mit Zinsen zurückgezahlt. Trotzdem verdankte er Leo sein neues Leben. Nach dem Zwischenfall mit Ella hatte Leo einen Treuhandfonds für ihn gegründet, was auf so etwas wie eine Vormundschaft hinauslief. Das hatte ihm den raschen Aufstieg ermöglicht, aber seine üble Vergangenheit war darüber nicht vergessen worden, und ein so unschuldiges Wesen wie Clio durfte auf keinen Fall davon berührt werden. Falls jemand überhaupt noch etwas Positives mit dem Unfalltag verband, behielt er es für sich. Dass die Geschehnisse noch einmal lebendig werden oder irgendeine Rolle spielen würden, hielten beide für ausgeschlossen.

Seit Clios Vater vor einigen Jahren zum zweiten Mal geheiratet hatte, wohnte Clio bei ihrem Großvater. Kurz nach ihrem siebzehnten Geburtstag war ihre Mutter bei einem Segelunfall ums Leben gekommen. Clio hatte sehr unter dem Verlust gelitten, denn das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war sehr innig gewesen.

Mit Keeley, der zweiten Mrs Templeton, verstand sie sich gar nicht. Sie war wesentlich jünger als ihr Mann und bei Weitem nicht so schön wie die verstorbene Allegra, die aus Italien stammte. Dafür setzte sie sich gern in Szene und konnte endlos über belanglose Dinge reden, was bei gesellschaftlichen Anlässen von großem Vorteil ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Drei Küsse bis zur Liebe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen