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Drei Hochzeiten und eine ewige Liebe

1. KAPITEL

Pia war gerade Zeugin einer Katastrophe geworden.

Okay, es hatte keine Verletzten gegeben, aber die Auswirkungen waren verheerend.

Versunken in die Gedanken an das eben Erlebte, sah Pia sich auf dem Hochzeitsempfang um. Wer hätte auch ahnen können, dass sich in einem Kirchengang, in dem meterweise elfenbeinfarbener Satin ausgebreitet war und in dem der Duft von Lilien und Rosen die Sommerluft versüßte, eine Katastrophe anbahnte? Als Hochzeitsplanerin hatte Pia schon so einiges erlebt. Der eine oder andere Bräutigam, der kalte Füße bekommen hatte. Bräute, denen die Hochzeitskleider zu eng geworden waren. Einmal hatte sogar ein kleiner Junge einen der Eheringe verschluckt, die er zum Altar hätte tragen sollen. Aber Pias absolut zuverlässige und praktisch veranlagte Freundin Belinda würde keine derartigen Probleme auf ihrer Hochzeit haben. Jedenfalls hatte Pia das bis vor zwei Stunden noch geglaubt.

Umso fassungsloser war sie – so wie auch alle anderen Gäste – gewesen, als der Marquis von Easterbridge entschlossenen Schrittes zum Altar gegangen war, um zu verkünden, dass es tatsächlich einen triftigen Grund gab, warum Belinda Wentworth und Tod Dillingham nicht heiraten konnten. Weil nämlich Belindas überstürzte und heimlich geschlossene Ehe mit Colin Granville, dem jetzigen Marquis von Easterbridge, bisher weder annulliert noch geschieden worden war.

Ein Raunen war durch die Kirche gegangen, in der sich die Crème de la Crème der New Yorker Gesellschaft versammelt hatte. Glücklicherweise war niemand in Ohnmacht gefallen.

Zumindest dafür war Pia dankbar. Selbst eine Hochzeitsplanerin konnte nicht mehr viel ausrichten, wenn der Hund den Kuchen fraß, ein Taxi das Kleid der Braut mit Schmutz bespritzte oder, wie in diesem Fall, sich der rechtmäßige Ehemann entschied, zur Trauung zu erscheinen!

Wie erstarrt hatte Pia dagesessen. Schutzengel, hatte sie noch benommen gedacht, scheinen heutzutage selten im Einsatz zu sein.

Im nächsten Moment hatte sie dann leise geflucht. Verdammt, Belinda, warum, zum Teufel, hast du mir nichts von deiner Hochzeit in Las Vegas erzählt? Noch dazu, wenn du ausgerechnet den erbitterten Feind deiner Familie heiratest!

Doch instinktiv hatte Pia gewusst, warum. Es war etwas, das ihre Freundin zutiefst bedauerte. Mitleidig überlegte Pia, was Belinda im Augenblick auszustehen hatte. Sie und Tamara Kincaid, eine der Brautjungfern, waren Belindas beste Freundinnen in New York.

Gleichwohl musste Pia sich aber auch eingestehen, dass sie eine gewisse Mitschuld traf. Warum hatte sie Colin nicht entdeckt und aufgehalten, wie es sich für eine gute Hochzeitsplanerin gehört hätte?

Die Leute würden sich wundern, warum sie als Beraterin und Freundin der Braut nicht über genügend Informationen verfügt hatte, um den Marquis von Easterbridge fernzuhalten oder ihn davon abzuhalten, solch einen öffentlichen Skandal zu verursachen. Damit hatte er nicht nur die Hochzeit ihrer Freundin ruiniert, sondern auch ihr Ruf als Hochzeitsplanerin.

Pia war zum Heulen zumute, als sie daran dachte, wie sehr ihr noch junges Unternehmen, das sie „Pia Lumleys Hochzeitsträume“ genannt hatte, darunter leiden würde. Die Wentworth-Dillingham-Hochzeit – oder, genauer gesagt, die Beinahe-Hochzeit – war ihr bisher größter Auftrag gewesen. Erst vor gut zwei Jahren hatte sie sich selbstständig gemacht, nachdem sie einige Jahre als Assistentin in einer großen Eventagentur gearbeitet hatte.

Oh, das war alles grauenvoll. Ein Albtraum – für Belinda und für sie.

Als sie fünf Jahre zuvor direkt nach dem College aus einer Kleinstadt in Pennsylvania nach New York gekommen war, hatte sie davon geträumt, es hier zu etwas zu bringen. Auf diese Weise zu scheitern war äußerst deprimierend.

Wie zur Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen war, gleich nachdem die Braut mit ihrem Bräutigam und ihrem Noch-Ehemann verschwunden war, eine der furchterregendsten Matronen der High Society von New York auf sie zugestürmt.

Mrs Knox hatte sich zu ihr gebeugt und theatralisch geflüstert: „Pia, meine Liebe, haben Sie denn nicht gesehen, wie der Marquis in die Kirche gekommen ist?“

Pia hatte gequält gelächelt. Sie hätte gern gesagt, dass sie keinen blassen Schimmer gehabt hatte, dass der Marquis und Belinda verheiratet waren. Dass es auch nicht viel genützt hätte, ihn aufzuhalten, denn an der Tatsache, dass er und Belinda ein Ehepaar waren, hätte es ja nichts geändert. Aber aus Loyalität zu ihrer Freundin hatte sie geschwiegen.

Mrs Knox’ Augen hatten gefunkelt. „Sie hätten diesen öffentlichen Skandal verhindern müssen.“

Stimmt, dachte Pia. Aber selbst wenn ich es versucht hätte, hätte es nichts genützt. Der Marquis war wild entschlossen gewesen.

Nach dem Vorfall hatte Pia versucht, die Situation zu retten, indem sie sich mit ausgewählten Mitgliedern der Familie Wentworth besprochen und dann alle Gäste dazu ermuntert hatte, zum Empfang ins Plaza Hotel zu fahren, frei nach dem Motto „The show must go on“.

Als Pia sich jetzt im Saal umschaute, entspannte sie sich ein wenig, obwohl es ihr immer noch im Kopf schwirrte.

Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung, eine Entspannungstechnik, die sie schon vor langer Zeit erlernt hatte, um den Anforderungen von gestressten Bräuten und noch stressigeren Hochzeitstagen gelassen entgegensehen zu können.

Belinda und Colin würden die Sache sicherlich klären können. Irgendwie. Man könnte eine kurze Erklärung an die Presse herausgeben, um die Wogen zu glätten. Vielleicht so etwas wie: Infolge eines unglücklichen Missverständnisses …

Ja, genau so. Alles würde sich wieder einrenken.

Mit der Entspannung war es schlagartig vorbei, als Pia einen großen blonden Mann am anderen Ende des Saals entdeckte.

Obwohl er ihr den Rücken zuwandte, bekam sie eine Gänsehaut, denn er kam ihr seltsam vertraut vor. Oh nein, dachte sie. Als er sich umdrehte, um mit einem Mann zu sprechen, der zu ihm getreten war, sah sie sein Gesicht und schnappte nach Luft.

Das war jetzt eine echte Katastrophe, dagegen war das Drama in der Kirche harmlos gewesen.

Konnte dieser Tag noch schlimmer werden?

Da stand doch tatsächlich James Fielding … alias „Mr Right“, der sich leider als falsch, falsch und noch mal falsch erwiesen hatte.

Was hatte James hier zu suchen?

Drei lange Jahre war es her, seit sie ihn zuletzt gesehen hatte, damals, als er so unverhofft in ihr Leben getreten war, um genauso schnell wieder zu verschwinden. Aber es bestand kein Zweifel: Bei diesem verführerischen blonden Adonis handelte es sich eindeutig um James.

Er war fast zehn Jahre älter als sie, also sechsunddreißig. Aber man sieht es ihm nicht an, musste sie insgeheim zugeben. Das blonde Haar war jetzt kürzer geschnitten, aber mit seinen breiten Schultern, der muskulösen Statur und der stattlichen Größe von fast einem Meter neunzig war er noch genauso beeindruckend, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Früher war er ein unbekümmerter und scheinbar sorgenfreier Mann gewesen, doch heute wirkte seine Miene ernster. Trotzdem, eine Frau vergaß ihren ersten Liebhaber nie – schon gar nicht, wenn er am Morgen danach wortlos verschwunden war.

Unbewusst begann Pia auf James zuzugehen. Sie wusste nicht, was sie sagen würde, aber ihre Füße trugen sie vorwärts, während die Wut in ihr wieder aufflammte. Instinktiv ballte sie die Hände zu Fäusten.

Im Näherkommen bemerkte sie, dass James mit Oliver Smithson, einem bekannten Wall-Street-Hedgefonds-Manager, redete.

„… Eure Gnaden“, sagte der ältere Mann gerade.

Pia stutzte. Eure Gnaden?

Wieso wurde James mit diesem Titel angeredet? Auf dem Empfang waren eine Reihe von britischen Aristokraten, aber selbst ein Marquis wurde allenfalls mit „Mylord“ angeredet. Soweit sie wusste, wurde „Euer Gnaden“ nur für einen … Herzog benutzt.

Es sei denn, Oliver Smithson scherzte? Aber das war eher unwahrscheinlich.

Ehe sie den Gedanken weiterverfolgen konnte, war sie bei ihnen, und James entdeckte sie. Zufrieden registrierte Pia, dass er überrascht blinzelte, als er sie wiedererkannte.

In seinem Smoking sah er lässig-elegant aus. Er hatte ebenmäßige Gesichtszüge, auch wenn seine Nase nicht ganz gerade war und das Kinn ein wenig kantig wirkte. Die Augenbrauen über den bernsteinfarbenen Augen, deren Schimmer sie während der einen Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, so fasziniert hatte, waren nur eine Spur dunkler als sein Haar.

Wenn sie nicht so wütend gewesen wäre, hätte so viel maskuline Attraktivität sie vielleicht atemlos gemacht. Allerdings spürte sie, dass sie gegen seine Reize nicht ganz immun war.

Kein Wunder, dass ich vor drei Jahren auf ihn hereingefallen bin, rechtfertigte sie sich, der Mann ist ein wandelndes Sexsymbol.

Obwohl sein verwegener Charme, mit dem er sie bei ihrer ersten Begegnung so überrumpelt hatte, ein wenig gezähmt schien, spürte sie, dass ihm wahrscheinlich noch immer keine Frau widerstehen konnte. Ihr war es ja auch nicht gelungen.

„Ah, unsere bezaubernde Hochzeitsplanerin“, begrüßte Oliver Smithson sie, der offensichtlich nichts von der Spannung, die in der Luft lag, mitbekam. Er lachte herzhaft. „Das war wahrlich nicht vorherzusehen, oder?“

Pia wusste, dass er das Drama in der Kirche meinte, doch leider traf es auch auf die momentane Situation zu. Nie im Leben hätte sie erwartet, James hier zu treffen.

Als wüsste er genau, was sie dachte, hob James eine Augenbraue.

Bevor einer von ihnen jedoch etwas sagen konnte, fuhr Smithson an Pia gewandt fort: „Haben Sie Seine Gnaden, den Duke of Hawkshire schon kennengelernt?“

Den Duke …? Pia riss die Augen auf und starrte James in stummer Wut an. Er war also wirklich ein Herzog? Hieß er überhaupt James?

Okay – die Antwort auf diese Frage kannte sie, denn selbstverständlich hatte sie die Gästeliste vor der Hochzeit angeschaut. Allerdings hatte sie keine Ahnung gehabt, dass ihr One-Night-Stand und James Carsdale, der neunte Duke of Hawkshire, ein und dieselbe Person waren. Plötzlich wurde ihr schwindelig.

James sah Oliver Smithson an. „Vielen Dank, aber Miss Lumley und ich kennen uns bereits“, erklärte er, bevor er sich wieder zu ihr umdrehte. „Und bitte nennen Sie mich Hawk, das tun die meisten.“

Ja, wir kennen uns besser, als man vermuten würde, dachte Pia verbittert. Und wie konnte James oder Hawk – was war das überhaupt für ein Name? Habicht, wie albern! – es wagen, so überheblich und gelassen dazustehen?

Ihr Blick begegnete dem des Mannes, der ein Fremder für sie war und den sie doch auf so intime Weise kennengelernt hatte. Das Kinn vorreckend, meinte sie: „J…ja, i…ich hatte bereits das Vergnügen.“

Ihre Wangen röteten sich. Sie hatte eine geistreiche, doppeldeutige Bemerkung machen wollen, das Ganze jedoch versaut, indem sie unsicher und naiv geklungen hatte.

Verdammt, warum musste sie ausgerechnet jetzt wieder anfangen zu stottern? Das bewies nur, wie aufgeregt sie war. Dabei hatte sie so lange mit einem Therapeuten gearbeitet, um diesen Sprachfehler zu beheben.

Hawk kniff die Augen zusammen. Offenbar hatte er ihren Seitenhieb verstanden, und der gefiel ihm ganz und gar nicht. Aber dann hellte sich seine Miene plötzlich auf, bevor er sie überraschend zärtlich ansah.

Ihr verräterischer Körper reagierte sofort darauf: ein Kribbeln im Bauch, ein köstliches Ziehen im Unterleib … Sie musste sich täuschen, James flirtete doch nicht etwa mit ihr, oder?

Hatte er Mitleid mit ihr? Schaute er auf sie herab, auf die naive Jungfrau, die er nach nur einer Nacht verlassen hatte? Bei dem Gedanken bekam sie ein flaues Gefühl in der Magengegend.

„Pia.“

Als er ihren Namen aussprach, überkamen sie Erinnerungen an eine unglaublich erotische Nacht zwischen ihren bestickten weißen Laken.

Der Teufel soll dich holen, dachte sie und versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen.

„Was für ein unerwartetes … Vergnügen“, bemerkte Hawk und verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln, als wollte er demonstrieren, dass er dieses Spielchen mit der Doppeldeutigkeit genauso gut beherrschte.

Bevor sie darauf antworten konnte, blieb ein Kellner neben ihnen stehen und präsentierte ein Tablett mit kleinen Häppchen.

Als Pia einen Blick auf das Tablett warf, erinnerte sie sich sofort daran, dass sie und Belinda einen ganzen Nachmittag damit zugebracht hatten, die Kanapees auszuwählen.

Kurz entschlossen beschloss sie, alles auf eine Karte zu setzen.

„Danke.“ Sie nickte dem Kellner zu und bediente sich.

Mit einem Lächeln auf den Lippen drehte sie sich wieder zu James herum. „Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Bon Appetit.“

Ohne zu zögern, warf sie ihm die Hors d’œuvres mit dem Auberginenpüree ins Gesicht, machte auf dem Absatz kehrt und steuerte auf die Hotelküche zu.

Vage nahm sie noch die erstaunten Blicke des Hedgefonds-Managers und einiger anderer Gäste wahr, ehe sie die Schwingtüren zur Küche aufstieß. Wenn ihr guter Ruf bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ruiniert gewesen war, dann war er es spätestens jetzt. Aber das war es wert gewesen.

Hawk nahm die Serviette, die ein Kellner ihm eilig reichte.

„Danke“, sagte er mit angemessen aristokratischer Selbstbeherrschung und wischte sich das Gesicht ab.

Leicht irritiert musterte Oliver Smithson ihn. „Also …“

Hawk fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und erklärte: „Köstlich, allerdings ein wenig scharf“, wobei er sowohl das Häppchen als auch die kleine Sexbombe meinte, die es ihm ins Gesicht geworfen hatte.

Der Hedgefonds-Manager lachte unsicher und schaute sich um. „Wenn ich gewusst hätte, dass diese Hochzeitsfeier so aufregend wird, hätte ich Aktien dafür auf den Markt gebracht.“

„Ehrlich?“, erwiderte Hawk gedehnt. „Aber Sie haben wohl recht. Solche Aktien verlieren nicht an Wert. Genau genommen sind es heutzutage doch Skandale, die zu Ruhm und Reichtum führen, oder nicht?“

Hawk war klar, dass er alles daransetzen musste, um diesen Flächenbrand einzudämmen. Trotz des Affronts, den er hatte erdulden müssen, dachte er vor allem an die niedliche Hochzeitsplanerin, die gerade eben davongestürmt war.

Hawk bemerkte, dass Smithson ihn neugierig musterte und sich wohl gerade überlegte, ob er in diesem peinlichen Moment etwas sagen sollte.

„Sie entschuldigen mich sicherlich?“, meinte Hawk daher und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, in die Richtung, in die Pia gegangen war.

Vermutlich sollte man einen wichtigen Geschäftspartner nicht einfach so stehen lassen, aber jetzt gab es Dringenderes zu erledigen.

Als er in die Küche schlenderte, fuhr Pia zu ihm herum.

Sie war – genau wie beim ersten und letzten Mal, als sie sich getroffen hatten – sexy, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ihr kurviger Körper steckte in einem Kleid, das sie wie eine zweite Haut umschmeichelte. Ihr glattes dunkelblondes Haar war zu einem praktischen, aber eleganten Knoten hochgesteckt. Und dann waren da noch ihre Haut – so weich wie ein Pfirsich –, die vollen Lippen und die Augen, die ihn an klaren Bernstein erinnerten.

Diese Augen funkelten jetzt wütend, während Hawk versuchte, sich gegen Pias Sex-Appeal zu wappnen.

„B…bist du auf der Suche nach mir?“, wollte Pia wissen. „Wenn ja, bist du drei Jahre zu spät!“

Hawk konnte nicht umhin, ihre resolute Art zu bewundern, auch wenn es in diesem Fall zu seinen Lasten ging. „Ich wollte mich erkundigen, wie es dir geht. Ich versichere dir, wenn ich gewusst hätte, dass du hier bist …“

Wütend kniff sie die Augen zusammen. „Dann hättest du was getan? Wärst in die andere Richtung gerannt? Hättest die Einladung zur Hochzeit abgelehnt?“

„Dieses Treffen ist für mich genauso überraschend wie für dich.“

Das Auftauchen des Noch-Ehemannes der Braut in der Kirche war schon erstaunlich gewesen, aber nicht zu vergleichen mit dem Schock, den Hawk erlitten hatte, als er Pia wiedergesehen … und ihre Fassungslosigkeit und den Schmerz auf ihrem Gesicht bemerkt hatte.

„Eine unangenehme Überraschung, Euer Gnaden“, konterte Pia. „Ich erinnere mich nicht, dass du deinen Titel erwähnt hast, als wir uns das letzte Mal getroffen haben.“

„Damals hatte ich den Titel noch nicht“, versuchte er, sich zu rechtfertigen.

„Aber du warst auch nicht einfach nur James Fielding, oder?“

Dem konnte er nicht widersprechen, also schwieg er.

„Dachte ich’s mir doch!“

„Ich heiße James Fielding Carsdale, und jetzt bin ich der neunte Duke of Hawkshire. Früher hatte ich das Anrecht, als Lord James Fielding Carsdale oder einfach …“, seine Lippen verzogen sich zu einem selbstironischen Lächeln, „… mit Mylord angeredet zu werden, obwohl ich meist auf den Titel und all die Formalitäten, die damit einhergehen, verzichtet habe.“

Die Wahrheit war, dass er früher, als er noch ein Playboy gewesen war, lieber inkognito als Mr James Fielding unterwegs gewesen war, um lästigen Frauen, die nur auf sein Geld aus waren, aus dem Weg zu gehen – bis jemand, nämlich Pia, durch ebendiese Charade und sein heimliches Verschwinden verletzt worden war.

Dabei hatte er eigentlich gar keinen Anspruch auf den Titel des Dukes gehabt, sondern das Anrecht darauf erst erhalten, nachdem sein älterer Bruder William bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen war. Ein Verlust, der Hawk noch immer einen Stich versetzte. Früher war er Lord James Carsdale, der sorglose jüngere Sohn, gewesen, der sich nicht mit der Verantwortung, die der Titel mit sich brachte, belasten musste.

Es hatte drei Jahre gedauert – so lange trug er diese Verantwortung jetzt schon –, um ihm klarzumachen, wie gedankenlos und leichtsinnig er gewesen war und wie viel Schaden er damit angerichtet hatte. Vor allem Pia gegenüber. Aber sie irrte sich, wenn sie glaubte, er wolle ihr aus dem Weg gehen. Er war froh, sie wiederzusehen – froh, vielleicht etwas wiedergutmachen zu können.

Pia runzelte die Stirn. „Willst du damit sagen, dass dein Verhalten irgendwie entschuldigt werden kann, weil der Name, den du mir genannt hast, nicht völlig falsch war?“

„Nein, aber ich versuche, wenn auch verspätet, reinen Tisch zu machen.“ Hawk seufzte still.

„Vergiss es. Ich hatte schon gar nicht mehr an dich gedacht, bis sich eben die Möglichkeit eröffnet hat, dich mit deinem Verschwinden zu konfrontieren.“

„Pia, können wir woanders darüber reden?“ Vielsagend schaute Hawk sich um. Das Küchenpersonal und die Kellner warfen ihnen bereits neugierige Blicke zu. „Wir sind Teil des heutigen Spektakels, und ich glaube, das grenzt schon bald ans Melodramatische.“

„Glaub mir“, konterte sie, „ich bin schon auf genügend Hochzeiten gewesen, um zu wissen, dass wir noch lange nicht im melodramatischen Bereich sind. Zum Melodrama wird es erst, wenn die Braut vor dem Altar in Ohnmacht kippt oder der Bräutigam allein in die Flitterwochen fliegt, nicht wenn die Hochzeitsplanerin ihren lausigen One-Night-Stand zur Rede stellt.“

Hawk schwieg. Vermutlich hatte sie recht. Was machte eine Szene mehr oder weniger schon aus, nachdem bereits so viel passiert war? Außerdem war es offensichtlich, dass Pia sehr betroffen war. Die Unterbrechung während der Trauung machte ihr wohl mehr Sorgen, als sie zugeben wollte, ganz zu schweigen von seiner Gegenwart.

Ungeduldig verschränkte Pia die Arme vor der Brust. „Läufst du bei jeder Frau am Morgen danach weg?“

Nein, nur bei der einzigen Frau, die sich als Jungfrau entpuppt hatte – bei ihr. Ihr herzförmiges Gesicht hatte ihn genauso fasziniert wie ihr wohlproportionierter Körper, und am nächsten Morgen war ihm klar geworden, dass es ihn heftig erwischt hatte.

Hawk war keineswegs stolz auf sein Verhalten. Aber sein ehemaliges Ich schien Lichtjahre entfernt von dem Mann, der er jetzt war.

Obwohl es ihn auch jetzt drängte, sie an sich zu ziehen, sie zu berühren …

Schnell verdrängte er den Gedanken und rief sich in Erinnerung, was in seinem Leben als Duke jetzt wichtig war. Es ging nicht an, dass er Pias Leben noch einmal durcheinanderbrachte. Dieses Mal wollte er wiedergutmachen, was er ihr angetan hatte.

Selbst in seiner Sturm- und Drangzeit, als er noch viel weniger verantwortungsbewusst gewesen war, hatte er niemals der erste Liebhaber für eine Frau sein wollen. Die Vorstellung, als „der Erste“ in Erinnerung zu bleiben, gefiel ihm nicht. Und auch er wollte sich nicht mit so etwas belasten. Das passte nicht in sein sorgenfreies Leben.

Jetzt behauptete Pia, sie hätte ihn vergessen. Tat sie es aus Stolz, oder war es die Wahrheit? Ihm war es nämlich nicht gelungen, sie sich gänzlich aus dem Kopf zu schlagen – sosehr er es auch versucht hatte.

Da er ihre Frage noch immer nicht beantwortet hatte, starrte Pia ihn zornig an, bevor sie erneut auf dem Absatz kehrtmachte. „D…dieses Mal bin ich diejenige, die geht. Lebt wohl, Euer Gnaden.“

Sie marschierte weiter in die Küche hinein und ließ Hawk stehen. Was für ein grässlicher Abschluss eines ohnehin schrecklichen Tages – vor allem für Pia! Belindas verhinderte Trauung würde sich sicherlich nicht gerade positiv auf den Ruf von Pias Firma auswirken. Und die Tatsache, dass Pia so wütend über Hawks Täuschungsmanöver war, dass sie ihn mit Häppchen beworfen hatte, machte die Sache nicht gerade besser.

Pia brauchte ganz offensichtlich Hilfe.

Und je länger Hawk darüber nachdachte, desto ausgezeichneter erschien ihm die Idee, die ihm schon die ganze Zeit durch den Kopf ging.

2. KAPITEL

Als Pia nach dem Empfang nach Hause kam, versuchte sie nicht, Hawk mit Gewalt aus ihren Gedanken zu verbannen.

Stattdessen hob sie Mr Darcy von ihrem Schreibtischstuhl, schaltete ihren Computer ein und gab Hawks Namen und Titel bei Google ein. Dabei redete sie sich ein, dass sie nur nach einem Foto Ausschau hielt, damit sie einen Steckbrief in alter Westernmanier anfertigen konnte: GESUCHT: ATTRAKTIVER DUKE, DER SICH ALS MR RIGHT AUSGIBT. In Wahrheit war sie natürlich scharf auf mehr Informationen.

James Fielding Carsdale, neunter Duke of Hawkshire.

Das Internet enttäuschte sie nicht. Innerhalb weniger Sekunden erschienen die ersten von zahlreichen Einträgen.

Hawk hatte drei Jahre zuvor Sunhill Investments, eine Hedgefondsfirma, gegründet, kurz nachdem er ihr, Pia, die Unschuld geraubt und sich davongemacht hatte. Die Firma war erfolgreich, so sehr, dass Hawk und seine Partner inzwischen zu Multimillionären geworden waren.

Mist. Es war schwer zu akzeptieren, dass ihm das Glück hold gewesen war, nachdem er sie hatte sitzen lassen. Es gibt eben keine Gerechtigkeit auf dieser Welt, dachte sie.

Der Firmensitz von Sunhill Investments war in London, doch vor Kurzem war ein Büro in New York eröffnet worden, sodass Hawks Anwesenheit auf dieser Seite des Atlantiks wohl nicht nur mit der Hochzeit zusammenhing, zu der es nicht gekommen war.

Während Pia die Einträge las, streichelte sie geistesabwesend Mr Darcys Ohren, als er ihr um die Beine strich. Sie hatte den Kater aus dem Tierheim geholt, nachdem sie zwei Jahre zuvor in diese Wohnung eingezogen war. Gelegentlich nutzte sie sie auch, um potenzielle Kundinnen zu empfangen, und hatte sie entsprechend eingerichtet. Meist besuchte sie die zukünftigen Bräute jedoch in ihren stilvollen, luxuriösen Häusern.

Der nächste Klick mit der Computermaus öffnete einen älteren Artikel aus einer der New Yorker Klatschzeitungen. Das Bild dazu zeigte Hawk zwischen zwei blonden Models, einen Drink in der Hand und ein teuflisches Funkeln in den Augen.

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