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Drei Historical Bücher auf 1200 Seiten: Gezeiten des Schicksals

Drei Historical Bücher auf 1200 Seiten: Gezeiten des Schicksals

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2021.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Drei Historical Bücher auf 1200 Seiten: Gezeiten des Schicksals

Copyright

Dreimal Historisches Abenteuer - Gezeiten des Südens

Alfred Bekker | Gezeiten des Südens

Zum Buch | Gesamtumfang: ca. 150 Normseiten | Wiedersehen im Südland

Sturm über St. Kitts

Karibische Flüche

Über den Autor

Alfred Bekker (Leslie Garber) | Wiedersehen im Südland

Wiedersehen im Südland | von Alfred Bekker (Leslie Garber)

Alfred Bekker

Sturm über St.Kitts

Alfred Bekker

Karibische Flüche

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About the Author

About the Publisher

Adele und die Gildenfrau: Verbotene Liebe Anno 1602

Adele und die Gildenfrau

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Die Wismar-Saga - Sammelband 4 historische Romane

Die Wismar-Saga - Sammelband 4 historische Romane | Astrid Gavini

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​SEELEN IM NEBEL

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Seelen in der Dämmerung

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Also By Astrid Gavini

Also By W. A. Hary

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Drei Historical Bücher auf 1200 Seiten: Gezeiten des Schicksals

von Alfred Bekker, Astrid Gavini, W.A.Hary

Über diesen Band:

Dieser Band enthält folgende Bücher:

Alfred Bekker: Gezeiten des Südens

W.A.Hary: Adele und die Gildenfrau

Astrid Gavini: Die Wismar-Saga

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Im Jahre des Herrn 1602, im Kreise der Obrigkeit der Hansestadt Hamburg, spinnt Gildenfrau Margarethe Brinkmann ihr Netz aus Intrigen und Verschwörungen, um ihre in der Gilde vereinigten Hansekaufleute ganz oben zu halten, in Konkurrenz zur noch einflussreicheren Wetkengilde. Doch als Frau darf sie stets nur aus dem Hintergrund heraus handeln, weil offiziell nur Männer das Sagen haben innerhalb der damaligen Obrigkeit.

Was lange währt, wird endlich gut. Das möchte man sagen. Aber nur, wenn man meint, dass die jetzt unmittelbar bevorstehende Hochzeit ihrer Enkelin Adele ausgerechnet mit dem Sohn ihres Erzfeindes Johann Wetken der Gildenfrau gefallen könnte. Es darf hingegen das Schlimmste für die junge Liebe befürchtet werden. Und was wird tatsächlich geschehen?

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Dreimal Historisches Abenteuer - Gezeiten des Südens

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Dreimal Historisches Abenteuer - Gezeiten des Südens

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2018.

Table of Contents

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Alfred Bekker

Gezeiten des Südens

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Dreimal historisches Abenteuer

Inhalt

Wiedersehen im Südland

Sturm über St. Kitts

Karibische Flüche

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Zum Buch

Gesamtumfang: ca. 150 Normseiten

Wiedersehen im Südland

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Historische Erzählung - Eine Reise nach Australien Anno 1809!

Eine dramatische Reise ins Australien der ersten Siedler...

Portsmouth, England 1809...

Catherine Glenfield zog ihren Umhang enger um die Schultern. Die Haare der jungen Frau klebten am Kopf. Sie war völlig durchnässt, denn es regnete immer wieder wie aus Kübeln und ein eiskalter Wind trieb ihr den Regen ins Gesicht.

Den Regen und manchmal sogar etwas von der Meeresgischt.

Sie stand da und blickte suchend auf die grauen Wellen. Sie spürte einen Kloß in ihrem Hals stecken.

John, warum musst du nur bei diesem Wetter hinausfahren?, ging es ihr durch den Kopf. Ihre Augen verengten sich, suchten den Horizont ab, aber nirgends war dort der Mast der SEAGULL zu sehen, des Schiffs von John Billings, dem Mann den sie liebte.

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Sturm über St. Kitts

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Anno 1689... Ein warmer Tropenwind blähte die Segel des Dreimasters „Saint Denis“ auf. Man hatte Marie de Perrin davor gewarnt, sich zu häufig an Deck aufzuhalten, da die Sonne in diesen Breiten viel stärker schien, als in den Gärten von Versailles und Sonnenschirme eine Dame nicht davor bewahren konnten, ihre vornehme Blässe zu verlieren. Aber Marie de Perrin war das in diesem Augenblick gleichgültig. Die junge Frau freute sich nach der wochenlangen Überfahrt in die Karibik einfach zu sehr auf den Anblick festen Landes. Tagelang war ihr schlecht gewesen. Das dauernde Schwanken der „Saint Denis“ hatte sie seekrank gemacht. Sie hatte zwar davon gehört, wie strapaziös die Überfahrt war, hatte aber zuvor keine richtige Vorstellung von dem gehabt, was sie erwartete. Hoffentlich entschädigte St. Kitts für alles bisher Erlebte. Vielleicht mit dem Mann ihrer Träume? ...

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Karibische Flüche

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Historische Erzählung um Piraten & Geister Anno 1699

Anno 1699...

Jane freut sich darauf, ihren 23. Geburtstag bei ihrem Vater in Port Royal auf Jamaika verbringen zu können. Sir James Bradford ist dort seit einem halben Jahr Gouverneur und führt das Regiment an. In politisch stürmischen Zeiten treiben währenddessen Piraten unweit des britischen Postens ihr Unwesen. Und so kommt alles ganz anders als von Jane erhofft, im Jahre des Herrn 1699...

Die Geisterfahrt der PRINCESS MARY in die Sargasso-See der karibischen Piraten - solche von dieser wie auch der jenseitigen Welt...

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Über den Autor

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Alfred Bekker schrieb unter dem Pseudonym Leslie Garber diese fesselnden Romane.  Als Neal Chadwick begann der bekannte Autor von Fantasy-Romanen, Jugendbüchern und Krimis seine Karriere. Seine Romane um DAS REICH DER ELBEN, die GORIAN-Trilogie und die DRACHENERDE-SAGA machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er schrieb für junge Leser die Fantasy-Zyklen ELBENKINDER, DIE WILDEN ORKS, ZWERGENKINDER und ELVANY sowie historische Abenteuer wie DER GEHEIMNISVOLLE MÖNCH, LEONARDOS DRACHEN, TUTENCHAMUN UND DIE FAKLSCHE MUMIE und andere. In seinem Kriminalroman DER TEUFEL AUS MÜNSTER machte er mit dem Elbenkrieger Branagorn eine Hauptfigur seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einem höchst irdischen Mordfall.

Die Erzählungen dieses Bandes erschienen ursprünglich separat unter dem Pseudonym Leslie Garber.

© 2012 der Digitalausgabe AlfredBekker/CassiopeiaPress

Ein CassiopeiaPress E-Book

www.alfredbekker.de

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Alfred Bekker (Leslie Garber)

Wiedersehen im Südland

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CassiopeiaPress/www.AlfredBekker.de

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(C) 2006 UND 2010 BY Alfred Bekker, www.AlfredBekker.de

Ein Cassiopeia Press Ebook

Die Erstveröffentlichung erfolgte als Original-Hörbuch. Alle Rechte vorbehalten.

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Wiedersehen im Südland

von Alfred Bekker (Leslie Garber)

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Portsmouth, England 1809...

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CATHERINE GLENFIELD zog ihren Umhang enger um die Schultern. Die Haare der jungen Frau klebten am Kopf. Sie war völlig durchnässt, denn es regnete immer wieder wie aus Kübeln und ein eiskalter Wind trieb ihr den Regen ins Gesicht.

Den Regen und manchmal sogar etwas von der Meeresgischt.

Sie stand da und blickte suchend auf die grauen Wellen. Sie spürte einen Kloß in ihrem Hals stecken.

John, warum musst du nur bei diesem Wetter hinausfahren?, ging es ihr durch den Kopf. Ihre Augen verengten sich, suchten den Horizont ab, aber nirgends war dort der Mast der SEAGULL zu sehen, des Schiffs von John Billings, dem Mann den sie liebte.

Der Sturm peitschte die Wellen unablässig gegen die Kaimauer. Oft genug schlugen sie über dem Ufer zusammen. Zwei Kriegschiffe seiner Majestät waren fest vertäut im Hafen. Daneben unzählige kleinere Schiffe ziviler Art. Vom Frachtschoner bis zum Fischerboot. Dass gleich zwei Schiffe der königlichen Kriegsflotte im Hafen lagen war ungewöhnlich, denn normalerweise war die englische Flotte im Dauereinsatz gegen Blockadebrecher.

Jahrelang hatte Napoleon auf der anderen Seite des englischen Kanals Vorbereitungen für eine Invasion der britischen Inseln vorgenommen. Nachdem die Briten die englischen Kriegshäfen blockiert hatten, waren die Franzosen dazu übergegangen, entlang der Küste von den Pyrenäen bis zur Nordsee tausende kleiner Boote für die Invasion zu bauen, was die Flotte gezwungen hatte, jetzt nicht nur die französischen Kriegshäfen zu blockieren, sondern die gesamte Küste. Ein ungeheurer Aufwand, der die englische Flotte ständig in Atem gehalten hatte. Inzwischen hatte Napoleon seine Truppen aus der Normandie und der Bretagne abgezogen. Der Kaiser der Franzosen hatte seine Pläne einer Invasion in England längst aufgegeben. Inzwischen hatte sich der Zweck der englischen Blockade gewandelt. Die Aufgabe der englischen Kanalflotte war es seit gut einem Jahr, jeglichen Handel mit Frankreich zu unterbinden, was dem Schmuggel eine ungeahnte Blüte verschafft hatte.

„Madam, was tun Sie da?“, drang eine Stimme an Catherines Ohren.

Schritte ließen sie herumfahren.

Sie sah in die wässrig blauen Augen von George Jackson, dem Hafenmeister. Er hatte seine Mütze tief ins Gesicht gezogen und den Kragen seines Rocks hochgeschlagen.

„Ich muss hier regelmäßig nach dem Rechten schauen – aber für Sie gibt es einfach keinen Grund hier herumzustehen und sich durchnässen zu lassen!“, meinte er.

„Die SEAGULL ist noch draußen“, rief sie. Catherine zitterte. Einerseits vor Kälte, und andererseits, weil ein inneres Frösteln ihr Herz umklammert hielt. Sie hatte das Gefühl, nicht atmen zu können. Als ob ihr Brustkorb in einem der Korsetts gesteckt hätte, mit denen sich die feinen Damen des Adels noch bis vor wenigen Jahren eingeschnürt hatten.

„Captain John Billings ist ein Teufelskerl! Ich wäre bei dem Wetter niemals hinausgefahren! Und Sie sehen ja - nicht einmal die Marine seiner Majestät des Königs traut sich das und bleibt lieber im sicheren Hafen.“

„Die SEAGULL müsste längst zurück sein!“

„Wohin war sie denn unterwegs?“

„Nur zur Isle of Wight.“

„Nicht etwa noch ein Stück weiter?“

Catherine sah den Hafenmeister empört an. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Na kommen Sie, John Billings ist kein Heiliger – und er wäre auch nicht der erste, der behauptet, zur Isle of Wight oder den Kanalinseln zu fahren und in Wahrheit in der Bretagne oder der Normandie ankommt. Egal, was so gesagt wird, es ist unmöglich die ganze Küste wirklich abzuriegeln. Jeder, der auch nur ein bisschen von der Seefahrt versteht weiß das!“

Er kicherte. Aber dies erstarb, als Catherines energische Stimme ihn unterbrach.

„John ist kein Schmuggler und auch kein Spion. So etwas würde er nie tun!“

„Madam, ich habe nur Spaß gemacht und ich wollte damit überhaupt nichts andeuten oder jemanden beleidigen.“

„Dann ist es ja gut.“

„Am besten, Sie vergessen einfach, was ich gesagt habe.“

„Das wird in der Tat das Beste sein!“

„Und für Sie wird es das Beste sein, wenn Sie nicht länger hier herumstehen! Sie werden sich den Tod holen. Entweder, weil Sie Fieber kriegen oder weil eine der Wellen Sie von der Kaimauer holt! Sie sind hier in Portsmouth geboren und aufgewachsen, Madam. Und daher wissen Sie, dass so etwas schon geschehen ist! Man kann sich dann nicht mehr auf den Beinen halten, wenn der Wind so stark ist...“

„Ich danke Ihnen für die Sorge, Sir“, erwiderte Catherine etwas spitz.

Der Regen ließ nach. In der Ferne riss jetzt sogar ein heller Fleck das Grau des Himmels auf. Für einige Augenblicke fielen Sonnenstrahlen auf das Wasser und ließen es in fast zauberhafter Schönheit glitzern, bevor es sich wieder zuzog. Das Wetter war hier so launisch und wechselhaft, dass man an manchen Tagen das Gefühl bekommen konnte, alle vier Jahreszeiten an einem einzigen Tag zu erleben.

Vielleicht ließ ja der Sturm jetzt nach. Das konnte die Rettung für John Billings und seine Crew von der SEAGULL sein.

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CATHERINE DACHTE AN den Moment zurück, an dem sie John Billings zum ersten Mal begegnet war. Fast ein Jahr lag das nun zurück. Er war groß, breitschultrig, trug einen groben Rock aus Tweed und eine Mütze, als er die Weinhandlung von Thomas Glenfield betrat, Catherines Vater.

Schon in dem Moment, in dem seine angenehm samtene, tiefe Stimme zu ihr sprach, hatte sie sich von ihm angezogen gefühlt. Eine Kraft, die unwiderstehlich war, zog sie zu ihm hin. Diese Stimme wollte sie immer wieder hören, ganz gleich, was sie sagte. Sein Lächeln verzauberte sie und sorgte dafür, dass ihr Herz schneller schlug.

John Billings war mit einem Batzen Geld nach Portsmouth gekommen. Geld, dass er von einem Onkel geerbt hatte, der in London ein gutgehendes Geschäft mit Tuchen betrieben hatte. Das hatte John Billings verkauft. Er wollte ins Frachtgeschäft einsteigen, sich einen Segler kaufen und auf den kleineren Routen entlang der südenglischen Küste und zur Isle of Wight segeln.

Zumindest am Anfang, da er sich noch keine großen, wirklich Ozeantauglichen Schiffe leisten konnte.

Aber dieser Tag würde eines Tages kommen, da war er sich sehr sicher.

Drei Flaschen Wein kaufte er im Laden der Glenfield, der mehr oder minder von Catherine allein betrieben wurde, nachdem ihr Vater schwer gestürzt war und das Bett kaum noch verlassen konnte.

Ihre Mutter war bereits im Kindbett gestorben und so blieb die Last, das Geschäft weiterzuführen an Catherine hängen.

Nicht, dass sie etwas dagegen gehabt hätte! Im Gegenteil. Schließlich kannte sie das Geschäft von Grund auf und war von frühester Jugend an in alle Transaktionen ihres Vaters einbezogen worden.

Wie gebannt hatte Catherine Johns Plänen zugehört.

Der junge Mann stellte sich vor, mit seinem Schiff ein Vielfaches von dem zu verdienen, was er durch die Weiterführung des Tuchhandels in London hätte gewinnen können.

„Ach, seien Sie doch ehrlich! Sie wollen sich einfach lieber den Wind um die Nase wehen lassen, als den ganzen Tag in einem stickigen Laden zu verbringen, Mister Billings!“

„Ich gebe zu, dass diese Überlegung durchaus eine Rolle spielte“, sagte der zukünftige Schiffseigner. Und dann rechnete er Catherine vor, dass er in jedem Geschäftsjahr einen bestimmten Betrag zurückzulegen gedenke, um sich irgendwann ein zweites Schiff leisten und bemannen zu können.

„Nach und nach wird Billings eine große Reederei werden! Eine der Größten in England und da England die Meere beherrscht, auch eine der wichtigsten in der Welt. Irgendwann werde ich größere Schiffe kaufen, die für den Handel mit den Vereinigten Staaten und den spanischen Amerika-Kolonien gebraucht werden und sogar nach Indien oder das neu entdeckte Neu Holland fahren...“

Es hatte Catherine gefallen, wie stark diese Mann an seine Chance glaubte und wie gut er alles durchdacht hatte.

Drei Flaschen Wein hatte der junge Mann schließlich bei ihr gekauft.

„Die Bestände an französischen Weinen sind leider seit der Blockade sehr knapp geworden“, stellte Catherine bedauernd fest.

„Und die Preise haben sich rasant nach oben entwickelt, wie bei jeder knappen Ware, nicht wahr?“, lächelte er und der Blick seiner meergrünen Augen ging ihr dabei durch und durch. Sie musste unwillkürlich schlucken und gleichzeitig aufpassen, ihre Faszination nicht allzu offen nach außen dringen zu lassen. Das ziemte sich schließlich für eine ehrbare junge Frau nicht.

„Statt französischen Wein, hätte ich das hier anzubieten“, erklärte Catherine und zeigte John Billings eine Flasche mit einem Etikett, das in spanischer Sprache verfasst worden war.

„Keine Ahnung, wie man das ausspricht, was da steht“, sagte Billings.

„Der Inhalt dieser Flaschen stammt aus Jerez (sprich Cheres – scharfes ch am Anfang, der Schlusslaut wie th im Englischen) de la Frontera in Andalusien.“

„Jerez!“, versuchte John es nachzusprechen. „Da verdreht man sich die Zunge im Hals!“

„Deswegen nennen wir es einfach Sherry!“

„Klingt schon besser.“

„Vielleicht das ja etwas für Sie!“

„Warum nicht? Ich brauche den Wein demnächst, wenn mein Schiff auf den Namen SEAGULL getauft wird.“

Sie hob amüsiert die Augenbrauen. „Ein Schiff, das Sie wohlgemerkt noch gar nicht haben!“

„In meiner Vorstellung ist es bereits mein Eigentum und liegt im Hafen vertäut – jederzeit bereit auszulaufen!“

„Na ja, für eine Schiffstaufe wäre eine der letzten Flaschen französischen Weins wohl auch wirklich verschwendet!“, lächelte Catherine.

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CATHERINE UND JOHN sahen sich von da an immer öfter. John kaufte sich ein Schiff, das gut und solide war und zumindest für die Gewässer des englischen Kanals vollkommen ausreichte. Außerdem hatte es genug Stauraum, sodass man damit tatsächlich eine wirtschaftliche Küstenlinie betreiben konnte.

Sie gingen miteinander spazieren und schlenderten durch die engen, verwinkelten Gassen von Portsmouth, wenn sie Zeit dazu hatten. John war manchmal tagelang unterwegs.

Catherine ertappte sich dabei, wie sie unruhig wurde, wenn John dabei die vorgesehene Zeit überschritt. Zumeist war der unberechenbare Wind dafür verantwortlich. Wenn die Windverhältnisse schlecht waren, konnte so aus einer Reise von einer Woche auch leicht mal das Doppelte werden.

Einmal, als die SEAGULL erst spät abends zurückkehrte, obwohl sie bereits am Vormittag erwartet worden war, stand Catherine ausdauernd am Kai und blickte in die Nacht, bis sie endlich das Schiff herannahen sah. Wie ein Schatten wirkte es in der Dunkelheit. Ein paar Laternen gab es an Mast und Bug, aber die waren aus der Ferne kaum zu sehen. Zu schwach waren sie.

Als die SEAGULL endlich angelegt hatte, stürzte Catherine auf John zu, nachdem dieser an Land gestiegen war. Dann hielt sie inne.

„Wenigstens Sie scheinen die SEAGULL zu erwarten“, sagte John.

Sie sah ihn an und er erwiderte ihren Blick. Dann wandte er sich an seinen Steuermann. „Ihr macht hier alles klar!“

„Aye, aye!“

John wandte sich Catherine zu und bot ihr seinen Arm. „Darf ich Sie nach Hause bringen?“

„Es sind nur wenige Yards, aber... Ja!“ Sie errötete leicht. Sie hatte das zwar erhofft, aber eigentlich nicht erwartet.

Sie gingen also zur Weinhandlung der Glenfield, während ein heller Mond diese Nacht eine ganz besondere Stimmung gab.

Vor der Weinhandlung blieben sie stehen. Sie sahen sich an. Und dann folgten sie bei einem gemeinsamen Wunsch und küssten sich.

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JETZT, DA CATHERINE in dieser sturmumtosten Nacht am Ufer stand und wieder einmal darauf wartete, dass John Billings wohlbehalten zurückkehrte, dachte sie an diesen ersten Kuss, den es zwischen ihnen gegeben hatte und dem noch so viele weitere gefolgt waren.

John hatte inzwischen bei ihrem Vater ganz offiziell um Catherines Hand angehalten. In ein paar Monaten sollte die Hochzeit sein.

Sollte das alles verblassen wie ein schöner Traum?

Doch dann, endlich, tauchte der Mast der SEAGULL auf. Das Schiff war ein Spielball der Wellen und kaum in der Lage noch einen Kurs zu halten. Die Segel waren gerefft und die SEAGULL näherte sich nur langsam.

Catherine harrte aus, bis sie endlich den Hafen erreichte und vertäut worden war, was für die Besatzung einen Kampf ohnegleichen bedeutete.

Vollkommen erschöpft stiegen die Seeleute an Land. John Billings nahm Catherine in den Arm und sie drückte ihn an sich. „Ich möchte dich nie wieder loslassen!“, sagte sie.

„Ich dich auch nicht, Catherine“, erwiderte er.

„Das heißt, du wirst Weinhändler und im Laden meines Vaters arbeiten?“

„Das heißt, ich werde dich nie wieder loslassen, bis auf die kurzen Momente, in denen ich auf See bin, Darling!“

Sie seufzte. „Ich wusste doch, dass an der Sache ein Haken ist!“

John sah an ihr herab. „Du bist vollkommen durchnässt!“, stellte er fest. „Auf keinen Fall hättest du hier draußen so lange Ausschau halten sollen.“

„Ich hätte ohnehin keine Ruhe gefunden, ehe ich nicht gewusst hätte, dass dir nichts geschehen ist!“, hauchte sie.

Starker Regen setzte nun ein. John nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich. Sie stellten sich erst unter den Dachvorsprung eines der Häuser in der Nähe des Hafens.

John Bellings hatte ganz in der Nähe ein Zimmer, das man durch einen separaten Eingang erreichen konnte. Von dem, was er mit der SEAGULL verdiente, hätte er sich leicht ein ganzes Haus kaufen können, aber das wollte er nicht. Er sparte jedes Pfund dafür, sich endlich ein zweites, größeres Schiff leisten zu können.

Und was das betraf, war er auf bestem Wege.

Es war ein mühsamer Weg, den Traum von der eigenen Ärmelkanal-Frachtflotte zu verwirklichen. Aber John hatte die ersten Schritte schon getan.

Er zog die junge Frau weiter mit sich.

„Was hast du vor?“, fragte sie.

„Dich vor einer Lungenentzündung zu retten!“

„Das ist nur Regen – nichts Giftiges! Und vielleicht hast du es noch nicht bemerkt, ich bin nicht aus Zucker, sodass ich sofort zerfließe!“

Sie hatten den Aufgang zu Johns Wohnung erreicht. Einen Moment lang zögerte sie, strich sich das klatschnasse Haar aus dem Gesicht und wechselte einen Blick mit John.

„Was werden die Leute sagen, wenn...“

„...wenn ich dich jetzt mitnehme? Sie werden es gar nicht bemerken, weil die meisten Leute in Portsmouth im Moment ihre Fensterläden geschlossen haben und hoffen, dass nicht all zuviel von diesem Regen in ihre Häuser hineinspritzt. Also komm.“

„Ich...“

„Wovor fürchtest du dich?“

Sie überlegte einen Moment und dann fand sie, dass Johns Frage eigentlich auch schon die Antwort enthielt. Nein, wenn John bei ihr war, dann schien es nichts und niemanden geben zu können, der sie zum Fürchten brachte.

Er nahm zärtlich ihre Hand und führte sie ins Haus. Sie erreichten die Tür, die mit einem Vorhängeschloss gesichert war. John Billings bewahrte schließlich einige wichtige Dokumente in seinem Zimmer auf. Dokumente, die er nicht auf See mitnehmen wollte, weil sie nicht zu ersetzen gewesen wären.

Schließlich betraten sie die Wohnung.

„Ich habe leider kein Feuerholz für den Kamin“, bekannte John.

„Das macht nichts“, hauchte sie. Sie sahen sich erneut an und einige Augenblicke lang sagte keiner von ihnen ein Wort. John Billings schluckte. Er trat auf die zu und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Sehr zärtlich und liebevoll tat er dies.

Ihre Lippen trafen sich zu Küssen, die immer fordernder und leidenschaftlicher wurden.

Dann zögerte sie plötzlich.

Mit hochrotem Kopf sagte sie: „Wir sollten das nicht tun. Ich weiß, wohin das führt. Und es ist Sünde, wenn das geschieht, bevor wir tatsächlich vor Gott Mann und Frau sind.“

„Vor Gott sind wir das längst!“, widersprach John Billings. „Nur vor der Welt noch nicht. Das ist die Wahrheit! Denn für mich gibt es keine andere als dich.“

Erneut begann er, sie zu küssen, ihr zärtlich über das Haar, die Stirn, das Gesicht und schließlich auch über die Schultern zu streicheln.

Jede seiner Berührungen erschien ihr wie eine prickelnde Quelle sinnlichster Empfindungen. Sie wollte mehr davon. Viel mehr. Und so entschied sie, dass er mit seiner Interpretation der Ehe vor Gott Recht hatte.

„Es ist die Kraft der Liebe, die uns zueinander zieht!“, murmelte sie. „Und gegen diese Kraft ist kein Kraut gewachsen.“

„Ja, das ist ein wahres Wort“, gab er zu. Sie küssten sich erneut. Er streifte ihr den Umhang von den Schultern – sie tat dasselbe mit seiner Jacke. Sie sanken auf das Bett, in dem John nächtigte, wenn er nicht gerade auf See war. Es bot für beide Platz genug.

„Oh, John!“, flüsterte sie.

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ALS SIE AM MORGEN DURCH ein paar Sonnenstrahlen geweckt wurden, die durch das Fenster fielen, schreckte Catherine geradezu hoch.

„Was haben wir nur getan!“, stieß sie hervor.

„Wir haben genau das vorweggenommen, was uns in Kürze ohnehin niemand mehr streitig machen wird! Was soll man sich darüber groß Gedanken machen?“

Sie begann sich anzuziehen. „Ich kann es gar nicht mehr erwarten, bis wir verheiratet sind und ich nicht mehr darauf achten muss, dass mich auch niemand dabei beobachtet, wie ich die dieses Haus verlasse...“

„Ach, Catherine... Das ist ein schöner Traum von der Zukunft.“

„Nur leider sind wir keine Königskinder, sondern die Kinder einfacher Bürger.“

In diesem Moment klopfte es grob an der Tür.

„John Billings! Machen Sie die Tür auf! Im Namen des Königs, öffnen Sie.“

John fuhr hoch und sah Catherine fragend an. „Wer kann das sein?“

„Ich weiß es nicht, John.“

Er zog sich rasch an. Er hatte sich gerade Hemd und Hose übergestreift, da flog die Tür zur Seite. Vier Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten stürzten herein.

John erstarrte. Und Catherine konnte nur fassungslos mit ansehen, was geschah. Ein Sergeant betrat als letzter das Zimmer. Er sah John an.

„Sie sind der Kapitän John Billings?“

„Ja, Sir, der bin ich. Aber was wird hier für ein Auflauf veranstaltet? Das muss eine Verwechselung sein!“

„John Billings, Ihnen wird vorgeworfen, mit Ihrem Schiff die Blockade Frankreichs verletzt zu haben und in Gewässer gesegelt zu sein, die dem Einflussgebiet der Feinde seiner Majestät angehören. Sie werden deshalb festgenommen und in den städtischen Kerker überstellt, bis ein Gericht über Ihren Fall entschieden hat!“

Der Sergeant nahm Haltung an.

„Das ist unmöglich!“, rief John.

„Ziehen Sie sich vollständig an, Mister Billings. Und dann machen Sie bitte keine weiteren Umstände, sonst müssen wir Gewalt anwenden.“

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JOHN BILLINGS WURDE in den städtischen Kerker geworfen, der völlig überfüllt war. Catherine versuchte eine Besuchserlaubnis zu erwirken, was ihr nach einigen Schwierigkeiten auch gelang. Sie wurde zum Kerker vorgelassen, wo John hinter gusseisernen Gitterstäben zusammen mit zwei Dutzend anderen Gefangenen in seinem Verlies saß.

„Catherine, es wird schon alles wieder gut“, sagte er.

„Aber die behaupten, dass du Hochverrat begangen und die Blockade gebrochen hättest! John, die werden dich hinrichten oder für Jahre hinter Gitter bringen!“

„Nein, das werden sie nicht“, war er zuversichtlich. „Ich habe nämlich nichts dergleichen getan und die Wahrheit wird sich schon herausstellen!“

„Oh, John!“

Sie nahm seine Hand, aber das wollte der Wächter nicht zulassen. „Kommen Sie, das geht zu weit“, sagte er. „Sie müssen jetzt gehen.“

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ES WURDE NICHT ALLES gut, wie John gehofft hatte. Die Anklage basierte auf einer anonymen Beschuldigung, die angeblich von einem der Seeleute stammte, die mit John Billings hinausgefahren waren, den John für die nächste Fahrt nicht mehr anheuern wollte.

Eigentlich lagen keine handfesten Beweise vor. Aber das Gericht war völlig überlastet. Es urteilte im Schnellverfahren. Und da die Regierung von Premierminister Putt gerade erst neue Gesetze erlassen hatte, die Blockadebrecher aus Profitgier, wie es hieß, strenger abstrafen sollten, sah das Gericht auch keinen Anlass, Gnade walten zu lassen.

Der Verteidiger war schlecht vorbereitet und wenig interessiert an dem Fall. Halbherzig versuchte er, ein Urteil durch Geschworene anstatt durch einen Einzelrichter zu erwirken, aber der Antrag wurde abgelehnt.

Nach wenigen Minuten war der Schuldspruch gefallen.

John Billings wurde wegen Hochverrats zu zwanzig Jahren Haft, abzubüßen in einer Strafkolonie in Neu Holland, verurteilt.

Catherine glaubte den Boden unter ihren Füßen zu verlieren, als sie dies anhörte.

„Unsere Regierung sieht es als das Beste an, wenn Blockadebrecher und andere, die England Schaden zufügen oder es in dieser schweren Zeit an der Loyalität zu König und Vaterland mangeln lassen, in dem neuen Kontinent im Süden durch Arbeit zur Läuterung gelangen“, begründete der Richter sein Urteil.

John wurde aus dem Gerichtssaal geführt. Catherine versuchte zu ihm zu gelangen, aber das wir nicht möglich. Ein Menschenauflauf trennte sie sehr schnell von ihm. Bewaffnete Wächter sorgten dafür, dass sie abgedrängt wurde. Er wandte den Kopf in ihre Richtung, während er abgeführt wurde. Einen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke.

Tränen glitzerten in Catherines Augen. Sie hätte schreien wollen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.

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SCHON EIN PAAR TAGE später wurde John mit einem Gefangenentransport nach Southampton gebracht. Von dort aus liefen inzwischen alle Monate Schiffe in die Kolonien in Neu Holland aus, das man auch Australien oder das Südland nannte.

Ein Land so trocken und heiß, dass die holländischen Seefahrer, die vor über hundert Jahren bereits an seinen Küsten gelandet waren, recht rasch das Interesse an diesem Kontinent verloren hatten. 1788 waren die ersten britischen Siedler im Südosten des Kontinents gelandet und hatten sich niedergelassen.

Seitdem gab es einen zwar zunehmenden, aber im Ganzen doch recht spärlichen Verkehr an diesen Ort, der im wahrsten Sinne des Wortes am anderen Ende der Welt lag. Die klimatischen Bedingungen waren nicht optimal. Geschichten über Wundersame Tiere und zahllose Giftschlangen machten die Runde und es gab nicht wenige, die es als völlig sinnlos ansahen, diesen Südkontinent zu besiedeln, da die dortigen Kolonien mit Sicherheit für hundert Jahre auf Hilfe von außen angewiesen seien – wenn sie es überhaupt je schafften, sich selbst zu versorgen.

Die Holländer hatten schon gewusst, warum sie die Terra Australis verschmäht hatten, obwohl sie durch ihre Kolonien auf Java und Sumatra eigentlich eine viel bessere Ausgangsposition gehabt hatten.

Catherine versuchte alles, was in ihrer Macht stand, um das Unvermeidliche doch noch aufzuhalten. Sie beauftragte einen Anwalt, um gegen das Urteil vorzugehen, aber das erwies sich als erfolglos. Als sie schließlich nach Southampton gelangte, bekam sie gerade noch mit, wie das Schiff, mit dem John Billings deportiert wurde, den Hafen verließ.

Sie stand an der Kaimauer und sah den braunen Segeln nach, bis diese hinter dem Horizont verschwanden. Wie betäubt fühlte sie sich. Der Gedanke daran, dass sie John nie wieder sehen würde, ließ sie kaum atmen.

Aber genau damit musste sie rechnen.

Keiner der Deportierten war je zurückgekehrt.

Und wenn ich ihm folgen würde – ans andere Ende der Welt?, ging es ihr durch den Kopf. Aber auch das war vollkommen utopisch. Sie hätte niemals Geld genug gehabt, um sich eine Fahrt dorthin leisten zu können. Davon abgesehen konnte sie auch ihren kranken Vater und dessen Weinhandlung nicht im Stich lassen.

In meinem Herzen wirst du immer bei mir sein, John!, dachte sie. Ganz egal, wohin uns das Schicksal auch jeweils verschlagen mag...

Tränen glitzerten in ihren Augen und ein kühler Wind trocknete sie. Sie schluckte und fühlte eine Traurigkeit wie nie zuvor in ihrem Leben.

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ES WIRD ANDERE JUNGE Männer in deinem Leben geben“, sagte ihr Vater später zu ihr. „Du wirst sehen, eines Tages kommst du darüber hinweg!“

„Nein, das glaube ich nicht“, erwiderte sie. „Ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen.“

„Aber es wird so kommen, glaub mir!“

„Ich bin mir ganz sicher, dass ich John niemals vergessen werde. Wo immer er auch sein mag...“

In den nächsten Tagen wurde John Billings’ Schiff, die SEAGULL, versteigert, den nach dem Gesetz fiel das Eigentum eines Hochverräters an die Krone Englands.

Der Herbst kam. Die Blätter fielen und die Traurigkeit der Landschaft war wie ein Spiegelbild von Catherine Glenfields Seele. Sie hatte das Gefühl, als wäre ein Teil ihrer selbst gestorben. So als hätte man ihr Stück ihres Herzens herausgerissen. Ihre Arbeit in der Weinhandlung verrichtete sich wie mechanisch. Und auch das Gerede der Leute nahm sie nur ganz am Rande wahr.

Hier und da kam das Gerücht auf, dass John Billings vielleicht sogar für die Weinhandlung der Glenfields französischen Wein aus Frankreich herübergeschmuggelt habe. Die wildesten Spekulationen schossen in dieser Hinsicht ins Kraut. Die Versicherungen, dass die Bestände an französischem Wein, die es bei den Glenfields gab, noch aus der Zeit vor der Blockade stammten, wurden eher achselzuckend zur Kenntnis genommen und nicht wirklich geglaubt.

Auf Grund einer anonymen Anzeige kam es schließlich sogar zu einer Durchsuchung der Bestände. Aber da die Weinhandlung der Glenfields immer sehr akribisch geführt worden war, fanden sich für jede einzelne Flasche entsprechende Herkunftsbelege, sodass die Anzeige im Sande verlief.

Für Catherines Vater jedoch war das alles etwas zu viel. Nachdem der ohnehin kranke Mann über starke Schmerzen in der Brust klagte, ließ Catherine Dr. Soames kommen, den Hausarzt der Familie.

Als er später mit Catherine sprach, konnte der Mediziner der jungen Frau leider keine große Hoffnung machen.

„Es ist das Herz“, sagte Dr. Soames. „Ihr Vater braucht jetzt absolute Ruhe. Jede Aufregung könnte einen weiteren Anfall hervorrufen.“

„Ich werde tun, was ich kann“, versprach Catherine. „Schon jetzt führe ich den Weinhandel mehr oder weniger allein. Aber es wir immer schwerer für uns, seid diese Gerüchte im Umlauf sind, dass wir vom Schmuggel über den Kanal profitiert hätten.“

„Ich weiß, Miss Glenfield, ich weiß...“, nickte der Arzt. „Und ich wünschte, ich könnte mehr für Sie tun.“

*

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IN DER FOLGEZEIT KAM Dr. Soames öfter zu den Glenfields, um regelmäßig den Zustand des Hausherrn zu kontrollieren. Der Winter 1809/10 war ungewöhnlich hart für die Südküste Englands. Die Temperaturen sanken über Wochen unter den Gefrierpunkt. Eiszapfen hingen von den Dächern der Häuser und eine dünne Schneeschicht lag über allem.

Thomas Glenfield erlitt einen zweiten Herzanfall, den er nur knapp und durch das beherzte Eingreifen des Arztes überlebte.

„Ich habe wirklich alles getan, um Aufregung von ihm fern zu halten“, sagte Catherine später, als sie mit Dr. Soames noch bei einer Tasse Tee vor dem Kamin saß. „Aber allein die Bilanzen des Weinhandels werden ihn schon genug aufgeregt haben!“

„Warum haben Sie ihm diese Unterlagen dann überhaupt gezeigt?“

Catherine seufzte.

„Weil er sich noch mehr aufgeregt hätte, wenn ich sie ihm nicht gezeigt hätte, so wie ich es ursprünglich vorgehabt habe! Aber Dad witterte natürlich gleich, dass da etwas nicht in Ordnung war.“

„Steht es so schlimm?“, fragte Dr. Soames in verständnisvollem, warmherzigem Ton.

Catherine nickte. „Einige glauben, dass wir Franzosenfreunde wären, während gleichzeitig englische Soldaten auf dem Kontinent gegen Napoleon kämpfen und dort ihr Leben lassen!“

„Gegen Dummheit und Fanatismus gibt es leider keine wirksame Medizin“, erwiderte Dr. Soames.

„Ja. Das ist wohl wahr.“

Der Arzt druckste noch etwas herum und Catherine spürte, dass er noch etwas zu sagen beabsichtigte, was ihm noch auf dem Herzen lag. „Miss Catherine...“, brachte er schließlich heraus. „Ich darf Sie doch so nennen, hoffe ich? Ich weiß, dass uns die Krankheit Ihres Vaters zusammengeführt hat, aber in dieser Zeit habe ich die Gespräche und den gedanklichen Austausch mit Ihnen sehr genossen...“

„Das geht mir umgekehrt genauso, Dr. Soames. Und ich weiß sehr wohl, dass Sie für meinen Vater alles nur erdenkliche tun...“

„In vielen Dingen steht die Medizin heute noch am Anfang.“

„Das ist mir in letzter Zeit sehr schmerzhaft bewusst geworden“, konnte Catherine nur zustimmen. Aber sie begann zu erahnen, dass dies nicht der eigentliche Punkt war, auf den der Arzt hinauswollte.

„Miss Catherine, vielleicht komme ich mit diesem Ansinnen zu eine völlig ungeeigneten Zeitpunkt zu Ihnen und falls das so sein sollte, so sagen Sie mir dies bitte offen und ehrlich. Aber anderseits kann ich auch nicht länger verbergen, dass ich mich zu Ihnen hingezogen fühle.“

Catherine schluckte und errötete leicht.

Gewiss war ihr der Arzt sympathisch und auch sie hatte es genossen, mit jemandem über alles sprechen zu können. Auch über Dinge, die ihr so auf der Seele lagen und die sie ihrem Vater gegenüber mit Rücksicht auf dessen ach so labile Gesundheit nicht zu erwähnen wagte.

Aber dieses Geständnis kam nun doch überraschend.

Sie wich dem Blick Ihres Gegenübers aus.

„Dr. Soames, ich...“

„Nennen Sie mich ruhig George, Miss Catherine!“

Aber Catherine Glenfield schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, ich möchte Sie eigentlich gerne weiterhin Dr. Soames nennen, wenn Sie gestatten.“

Dr. Soames Körperhaltung straffte sich. „Ich verstehe“, murmelte er. „Es tut mir Leid, wenn ich zudringlich gewirkt haben sollte. Es ist nur so, dass ich mir eine engere Verbindung zwischen uns durchaus gewünscht hätte. Und vielleicht lassen Sie sich das ja auch noch einmal durch den Kopf gehen und überlegen sich, wie Ihre Zukunft aussehen soll...“

„Nein, ich glaube kaum, dass Sie das richtig verstehen können, Dr. Soames.“

„Dann erklären Sie es mir, Miss Catherine“, forderte der Arzt sie auf.

Catherine seufzte. Ein Schwall wirrer Gedanken jagte in ihrem Kopf herum und bildete ein Knäuel verschlungener Verbindungen, das ihr in diesem Augenblick kaum entwirrbar schien.

„Es war durchaus nicht meine Absicht, Sie vor den Kopf zu stoßen, Dr. Soames, denn auch ich habe die Gespräche und den Austausch mit Ihnen sehr geschätzt. Sie waren mir in diesem dunklen Herbst und in diesem noch finsteren Winter eine große Stütze. Aber ich will auch ehrlich zu Ihnen sein. Die Art von Zuneigung, die Sie mir gegenüber zu empfinden scheinen, kann ich leider nicht erwidern.“

„Aber vielleicht werden Sie das noch – in der Zukunft“, wandte Dr. Soames ein. „Ich bitte Sie, berauben Sie mich nicht dieser Hoffnung!“

„Es tut mir aufrichtig leid, ich halte das für ausgeschlossen.“

Dr. Soames wirkte enttäuscht. Er trank seinen Tee aus. „Ihr Herz gehört noch immer John Billings“, stellte er fest.

„Er wurde durch eine ungerechte Justiz, die sich von einer Intrige blenden ließ, von mir fortgerissen, aber das heißt nicht, dass ich ihn vergessen hätte. Dazu wäre ich nicht in der Lage! Und wenn es irgendeine Möglichkeit dazu gäbe, würde ich ihm nach Neu Holland folgen!“

„Sie wissen nicht, was Sie sagen, Miss Catherine!“

„Oh doch, das weiß ich! Es soll ein Land sein, in dem bleich angemalte Eingeborene den Busch auf Hunderten von Meilen mit Feuer entflammt haben. Ein Land, in dem es mehr Giftschlangen gibt als bei uns Vogelarten. Ein Land, dessen Inneres so heiß und trocken sein soll, das niemand darin vorzudringen vermag.“

„Nicht von ungefähr wurde es mit der Hölle verglichen!“

„Das würde mich alles nicht schrecken, Dr. Soames.“

Sie schwiegen eine Weile und Dr. Soames äußerte schließlich seinen Wunsch zu gehen.

An der Tür wandte er sich noch einmal zu Catherine herum. „Bei alledem, worüber wir gesprochen haben, sollten Sie auch Ihre Zukunft nicht außer Acht lassen“, sagte Dr. Soames.

„Sie meinen, eine Arztfrau hätte eine sicherere Zukunft als die Erbin eines inzwischen ziemlich verschuldeten Weinhändlers?“

„So direkt hatte ich das nicht ansprechen sollen“, gestand Dr. Soames. „Aber im Prinzip ist es genau das, was Sie bedenken sollen, Miss Catherine.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Sorge um mich, Dr. Soames. Aber das alles ändert nichts an der Gültigkeit dessen, was ich Ihnen gegenüber bisher zu diesem Thema äußerte.“

Dr. Soames verabschiedete sich und Catherine schloss die Tür. Nein, da war kein Zweifel in ihr. Der Platz in ihrem Herzen war besetzt. Mochte John Billings auch Tausende von Meilen von hier entfernt sein, so war sie doch in Gedanken und mit Gefühl immer bei ihm.

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DER WINTER WAR NOCH nicht zu Ende, da wachte Thomas Glenfield eines Tages nicht mehr auf. Sein schwaches Herz war stehen geblieben und er war friedlich eingeschlafen.

Dr. Soames blieb nichts weiter übrig, als den Tod des Patienten festzustellen.

Catherine schluchzte. Auch wenn sie das Unvermeidliche lange hatte kommen sehen, so war es nun doch ein entsetzlicher Schrecken.

Doch der Schrecken war damit für die junge Frau noch keineswegs vorbei. Die Weinhandlung hatte inzwischen ein Kredit aufnehmen müssen und die Bank forderte diesen nun zurück. Den alten Glenfield hatte man als kreditwürdig angesehen – nicht aber seine Tochter.

„Es tut uns Leid, dass wir Ihnen keinen angenehmeren Bescheid geben können, Miss Glenfield, aber ich habe die Angelegenheit mit unserem Direktorium immer und immer wieder erörtert und das Risiko, Sie als Kreditnehmerin einzusetzen, erschien uns einfach gegenüber unseren Bankkunden als nicht verantwortbar“, erläuterte Mister Jeffrey Winterbottom die Situation, während Catherine Glenfield wie angewurzelt und starr vor Angst im Büro des Bankdirektors saß.

Winterbottom war ein dicker, feister Mann, der die Angewohnheit hatte, dauernd mit seiner goldenen Taschenuhr herumzuspielen. Er zog diese immer wieder aus der Westentasche heraus, öffnete sie und ließ sie mit einem klackenden Geräusch wieder zuschnappen.

„Bitte geben Sie mir doch eine Chance“, flehte Catherine. „Zumindest dieselbe Chance, die Sie der Weinhandlung gegeben haben, solange mein Vater noch lebte!“

„Es mag herzlos klingen, Miss Glenfield, aber genau darin liegt der Unterschied. Wir glauben einfach nicht, dass Sie den Laden wieder auf die Beine kriegen! Vor allem nicht, nachdem diese unschönen Gerüchte im Umlauf sind...“

„...die sich allesamt als haltlos erwiesen haben, Mister Winterbottom!“, fiel Catherine ihm ins Wort.

„Das mag in den Augen der Behörden und der Justiz so sein – aber nicht in den Augen Ihrer Kundschaft. Finden Sie sich damit ab: Entweder, Sie können den Kredit bis Morgen auslösen, oder die Weinhandlung wird samt dem Inventar an den Meistbietenden verkauft.“

„Aber ich kann diese Summe nicht aufbringen, Sir!“

„Das tut mir Leid für Sie, Miss Glenfield. Und es tut mir Leid für Ihren Vater, den ich über viele Jahre hinweg in finanziellen Dingen beraten habe. Aber die Dinge sind nun mal so, wie sie sind!“

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WIE BETÄUBT VERLIESS Catherine das Büro von Jeffrey Winterbottom. Die Weinhandlung war verloren. Alles, was ihr jemals gehört hatte oder gehören sollte, zerrann ihr jetzt unter den Händen.

Die Versteigerung am nächsten Tag ergab nicht einmal einen Bruchteil der Summe, die nötig gewesen wäre, um die Schulden zu tilgen.

Alles, was sie jetzt noch hatte, war ein Bündel mit ihren persönlichen Sachen. Ein paar Kleidungsstücke und eine King James Bibel. Das war alles.

Mit ihrem letzten Geld fuhr sie mit der Postkutsche nach Southampton, wo sie entfernte Verwandte hatte, bei denen sie unterzukommen hoffte.

Besonders gelegen kam sie im Haushalt ihres Großonkels Richard Glenfield nicht, der sich schon vor ihrer Geburt mit Catherines Vater zerstritten hatte.

Er führte einen kleinen Krämerladen und hatte selbst keinen Penny übrig.

Aber Catherine wurde dennoch aufgenommen und schlief in der Stube. Tagsüber half sie im Laden und am Abend zog es sie oft in die Nähe des Hafens. Dorthin, wo sie das Schiff hatte auslaufen sehen, das John Billings mitgenommen hatte.

Ein paar Monate gingen so ins Land. Es wurde wärmer, auch wenn an der Kanalküste immer ein frischer Wind vom Meer her wehte.

Und dann wurde eines Tages wieder einer jener mächtigen Segler beladen, die sich auf die Reise ans andere Ende der Welt machten. Gefangene waren nicht an Bord, sondern vorwiegend dringend benötigte Werkzeuge. Auch Tiere wurden auf das Schiff gebracht. Allen voran Schafe, die man offenbar in Neu Holland gut züchten konnte.

In einem Moment, in dem die Wachen abgelenkt waren, schlich sie an Bord. Catherine schlich bis zu einer Luke, die unter Deck führte. Sie stieg hinab und verbarg sich zwischen Mehlsäcken, Säcken Saatgut, aus dem Siedler in Neu Holland fruchtbare Felder zu machen gedachten und Kisten voller Werkzeug. Flugscharen waren darunter ebenso wie jede Menge Schaufeln und Hacken. Noch gab es in Neu Holland kaum Betriebe, die Eisen verarbeiteten. Aber das würde sich in wenigen Jahren sicherlich geändert haben.

Catherine verbarg sich dort unten. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Es war eine verrückte Idee, die ihr Kopf herumspukte. Warum nicht einfach an Bord des Seglers bleiben und sich bis nach Neu Holland fahren zu lassen?

Schlimmer, als es für sie hier in England war, konnte es ohnehin nicht mehr werden.

Wollte sie wirklich als fünftes Rad am Wagen im Haushalt ihres Großonkels Richard versauern? So mittellos, wie sie war, konnte sie weder heiraten noch irgendein Geschäft beginnen. Allenfalls als Wäscherin hätte sie sich noch verdingen können – oder als Prostituierte in den zweifelhaften Tavernen am Hafen.

Auf einmal erschien Catherine dieses Schiff wie eine einmalige Chance, dem Elend, das zweifellos auf sie in der Zukunft wartete, doch noch zu entkommen.

Schlimmer als das, konnte auch ein Leben in der Gluthölle von Neu Holland nicht sein – ganz gleich, welche der furchtbaren Geschichten, die man darüber hörte, nun der Wahrheit entsprechen mochten und welche nicht.

Far Hope, so lautete der beziehungsreiche Name des Dreimasters.

So kauerte Catherine unter Deck, verbarg sich ganz weit im hintersten Winkel des Lagerraums.

Träger schleppten die halbe Nacht hindurch Kisten und Säcke in diesen Raum.

Fässer mit Frischwasser wurden zugeladen – und solche mit Rum. Außerdem sehr viel Stockfisch als Verpflegung für die Mannschaft.

Am nächsten Tag legte das Schiff ab. Catherine war eingeschlafen. Sie erwachte, als ein Ruck durch die Far Hope ging.

Die Rufe der Matrosen waren unüberhörbar. Befehle wurden über Deck gerufen und bestätigt. Außerdem setzte man Segel und nahm Fahrt auf. Das Schiff neigte sich ein wenig mit dem Wind und wurde sanft hin und her gewiegt.

Die Zeit wirkte auf Catherine wie ins Unendliche gedehnt, denn es schien sich nichts zu ereignen. Jeder Tag und jede Nacht nach waren gleich. Selbst am Tag fiel so gut wie kein Licht in das Ladedeck. Allenfalls ein paar Sonnenstrahlen, die sich durch die Ritzen zwischen den Planken stahlen oder durch die Luke hereinkamen. Wenn sie geschlossen war, dann bedeutete dies für Catherine eine fast vollkommene Dunkelheit.

Doch innerhalb kürzester Zeit vermochte sie sich im Ladedeck quasi blind zu bewegen. Ihre Hände übernahmen dabei die Aufgaben der Augen. Da sich auch die Vorräte hier befanden, hatte sie jederzeit ausreichend Wasser, Stockfisch und Zwieback zur Verfügung, um Hunger und Durst zu stillen.

Sie musste nur aufpassen, sich nicht gerade in dem Augenblick an den Vorräten zu schaffen zu machen, wenn der Schiffskoch den Raum betrat, um irgendetwas für das tägliche Mahl zu holen, das er für die Besatzung herrichten musste.

Ein Mahl, über das die Besatzungsmitglieder jeden Tag etwas mehr murrten, wie Catherine durch die dünnen Planken sehr wohl mitbekam. Die Stimmung unter den Seeleuten war schlecht. Ein Teil von ihnen bezweifelte, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, sich für eine der Neu Holland-Fahrten anheuern zu lassen.

Die meisten der Männer schliefen auf dem Zwischendeck über der Ladekammer, wo sich auch die Luken der Kanonen befanden. Von dort aus konnte Catherine ihre Gespräche sehr gut mit anhören. Sie gab sich deswegen auch keinerlei Illusionen hin.

Was mit ihr geschah, wenn sie entdeckt wurde, wusste sie nicht.

Vielleicht würde man sie einfach irgendwo an Land setzen, von wo aus sie dann zusehen konnte, wie sie fort kam.

Auch damit musste sie rechnen.

Schließlich war der Captain der Far Hope während der Seereise nach Neu Holland ein fast unumschränkter Herrscher auf seinem Schiff.

Etwas, das so mancher von ihnen allerdings auch weidlich ausnutzt!, ging es ihr durch den Kopf.

Der Captain der FAR HOPE hieß Blackwell und Catherine hörte seine Kommandos bis in den Laderaum.

Ein Tag verging für sie wie der andere und sie verlor langsam den Sinn dafür, wie viel Zeit vergangen war. Aber sie stellte fest, dass es immer wärmer wurde, da die FAR HOPE offenbar in wärmere Klimazonen einfuhr. Die Luft wurde fast unerträglich stickig und Catherine hätte sich nichts so sehr gewünscht, wie einmal am Deck gehen zu gehen, um frei durchzuatmen. Selbst auf dem Zwischendeck über ihr musste es geradezu paradiesisch sein, da die Kanonenluken für Durchlüftung sorgten.

Hier unten aber fühlte sie sich wie lebendig begraben.

Manchmal dämmerte sie den ganzen Tag mehr oder weniger vor sich hin, kaum fähig einen klaren Gedanken zu fassen.

Das Wasser schmeckte schal und Catherine wurde tagelang so schlecht, dass sie schon dachte, ihre letzte Stunde hätte geschlagen.

Eines Nachts schlich sie an Deck. Der Wunsch, frei atmen zu können, war einfach übermächtig geworden. Erschreckend schwach waren inzwischen ihre Arme und Beine, da sie sich in den Wochen, die zurücklagen kaum hatte bewegen können und sich schlecht ernährt hatte.

Catherine stieg vorsichtig die Leiter empor und öffnete die Luke, die an Deck führte. Sie kam am Zwischendeck vorbei. Die meisten Seeleute schliefen. Hier und da war ein Schnarchen zu hören.

Als Catherine an Deck gelangt war, stand der Mond als großes, helles Oval am Himmel. Catherine blickte zum Sternenhimmel empor. Wenn ich darin geübt wäre, dann könnte ich jetzt erkennen, wie weit gen Süden wir schon gesegelt sind!, dachte sie. Und irgendwo in einer einsamen Siedlung am Rand des Südlandes blickte jetzt vielleicht auch John Billings zum Himmel hinauf und dachte an sie. Jedenfalls stellte sich Catherine das vor. Ein Gedanke, der ihr Kraft gab. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, während sie sich sein Gesicht mit den meergrünen Augen vorstellte. Das Lächeln, mit dem er sie immer angesehen hatte. Ein Ausdruck, der ihr das Gefühl gegeben hatte, dass sie da jemand von ganzem Herzen und aus tiefster Seele liebte. Sie glaubte für einen Moment den Klang von Johns Stimme zu hören.

So weit wir auch räumlich voneinander entfernt sein mögen, in Gedanken sind wir doch beieinander!, ging es ihr durch den Kopf. Und es gibt nichts, was uns zu trennen vermag...

Der Geruch von Salzwasser und Seetang drang ihr in die Nase. Aber in dieser Nacht kühlte es kaum ab. Sie mussten sich irgendwo in tropischen Gewässern befinden. Wahrscheinlich an der westafrikanischen Küste.

Sobald wir das sturmumtoste Kap der guten Hoffnung erreichen, werde ich es in meinem Versteck sicher mitbekommen!, dachte Catherine.

Sie zuckte zusammen als ein knarrender Laut ertönte.

Einer der Steuerleute hielt Wache am Ruder. Seine Gestalt ragte hoch auf und hob sich wie ein dunkler Schemen gegen den Sternenhimmel und das Mondlicht ab.

Aber er konnte Catherine nicht sehen, da sie sich in dem Schatten befand, den die Heckaufbauten der FAR HOPE warfen.

Die Segel waren nur mäßig gebläht. Ein lauer, warmer Wind blies. Immerhin herrschte keine Flaute.

Ich werde vorsichtiger sein müssen!, dachte Catherine.

Bis kurz vor Morgengrauen blieb sie an Deck.

Dann erst schlich sie zurück in den Lagerraum. Gerade noch rechtzeitig, um nicht von den erwachenden Matrosen entdeckt zu werden.

Sie kauerte sich in ihre Ecke und wenig später kam der Koch zu ihr hinunter, um ein paar essbare Zutaten zu suchen, die die Ratten bisher verschmäht hatten.

Catherine wagte es kaum zu atmen und sie hatte das Gefühl, dass der Koch eigentlich ihren Herzschlag hätte hören müssen.

Aber er verschwand schließlich wieder.

Knarrend stieg er die Leiter empor und Catherine atmete auf.

*

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DIE FAR HOPE LEGTE in einem britischen Stützpunkt an der Goldküste an, um frisches Trinkwasser an Bord zu nehmen. Es ging rasch weiter gen Süden. Die Temperaturen gingen zurück. Der Seegang nahm spürbar zu.

Eines Tages schreckte Catherine aus tiefem Schlaf hoch. Eine Hand fasste sie bei der Schulter.

„Heh, du!“

Sie zuckte zusammen und blickte in die Augen des Kochs. Durch die Luke fiel ein bisschen Licht. Außerdem durch die Ritzen zum Zwischendeck. Aber das reichte kaum aus, um wirklich viel sehen zu können.

Unwillkürlich wollte Catherine einen Schrei ausstoßen, aber der Koch presste ihr seine riesige Hand auf den Mund.

„Sei still“, sagte er.

Dann ließ er sie los und musterte sie. Sie wich etwas zurück. Offenbar hatte der Koch etwas gesucht und war dabei auch in den hinteren Teil des Lageraums vorgedrungen.

„Wer bist du?“, fragte der Mann.

Catherine war unfähig, auch nur einen einzigen Ton hervorzubringen.

„Du bist eine blinde Passagierin, was?“

Was gab es darauf zu sagen.

Der Koch lachte. Er griff nach Catherines Arm und erwischte ihr Handgelenk. Sein Griff war wie ein Schraubstock. „Komm mit“, sagte er. „Wir werden sehen, was der Captain dazu sagt!“

Der Koch zog sie mit sich. Er stieg mit ihr die Leiter hinauf. Schon im Zwischendeck wurde sie von verwunderten Blicken gemustert.

„Heh, wen hast du denn da aufgegabelt?“, rief einer der Seeleute.

„Ich hatte immer gedacht, dass Seejungfrauen ins Land der Fabeln gehören!“

Dröhnendes Gelächter folgte.

Wenig später hatte der Koch Catherine an Deck gezerrt.

„Captain, wir haben eine blinde Passagierin!“, meldete der Koch.

Captain Blackwell war ein großer, breitschultriger Mann mit grauem, etwas verfilzt wirkendem Haar, das ihm bis zur Schulter herabfiel.

Seine Haut war wettergegerbt. Die Züge wirkten hart. Das hervorspringende Kinn unterstrich diesen Eindruck noch.

Die Linke umfasste den Griff eines Säbels, der ihm an einer Schärpe um die Schultern hing. Die FAR HOPE segelte zwar nicht für die britische Marine, aber Captain Blackwell hatte ehemals dort gedient, bevor er bei Admiral Nelson in Ungnade gefallen und entlassen worden war. Catherine wusste dies aus den Gesprächen der Seeleute, die sie ziemlich gut hatte verstehen können.

Angeblich war es bei der Entlassung Blackwells um die Veruntreuung von Marinegut gegangen und da alle Seiten einen Prozess in der Sache hatten vermeiden wollen, um das Ansehen der Navy nicht zu schädigen, hatte man Blackwell einfach aus dem Dienst entfernt und auf eine Strafverfolgung verzichtet.

Aber das ist eben der Unterschied zwischen einem Mitglied des Offizierscorps der königlichen Marine und einem einfachen Frachtkapitän wie John Billings, der schon einer halbgaren Anschuldigung wegen nach Neu Holland deportiert wurde!, ging es Catherine bitter durch den Kopf.

Captain Blackwell musterte sie eingehend.

Ihr war sehr wohl bewusst, dass sie diesem Mann jetzt völlig ausgeliefert war und ihr Schicksal davon abhing, was er entschied.

Catherines Atem ging schneller. Der Puls schlug ihr bis zum Hals. Sie schalt sich eine Närrin dafür, geglaubt zu haben, während der gesamten Fahrt nach Neu Holland unentdeckt an Bord bleiben zu können. Das war wohl sehr naiv gewesen. Aber nun war es nicht mehr zu ändern. Was auch immer geschah, es konnte kaum schlimmer sein, als das, was sie in der Heimat erwartet hätte, als unerwünschtes fünftes Rad am Wagen im Haushalt ihres Großonkels Richard, der in ihr nichts anderes als eine nutzlose Kostgängerin sah.

„Wann bist du an Bord gekommen?“, fragte Captain Blackwell barsch. „Schon in Southampton?“

„Ja, Captain“, sagte sie.

„Was fällt dir ein, dich an Bord zu schleichen?“

„Ich will nach Neu Holland.“

Captain Blackwell brach in Gelächter aus. Er wandte sich an den Koch. „Haben Sie das gehört, Moore?“

„Ja, Sir“, nickte der Koch.

„Die einen werden in Ketten nach Neu Holland gebracht, weil dort außer denen, die man dazu verdammt hat, niemand leben will. Und diese junge Lady schleicht sogar eigens dafür an Bord der FAR HOPE, um dieses unwirtliche Land zu erreichen!“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und trat auf Catherine zu. „Eine Frau an Bord bringt nur Unruhe! Wir erreichen bald die Kapkolonie. Da sollte ich sie an Land setzen!“

„Nein!“, entfuhr es Catherine. „Ich bitte Sie, nehmen Sie mich mit nach Neu Holland!“

Ihr Gegenüber verengte die Augen.

Catherine sah das Misstrauen überdeutlich, das ihr entgegenschlug. Und in gewisser Weise konnte sie den Captain der FAR HOPE sogar verstehen.

„Bist du auf der Flucht vor dem Gesetz?“, fragte Captain Blackwell.

Catherine schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist nicht der Fall.“

„Du sprichst in Rätseln. Warum fliehst du dann ans Ende der Welt? Was hast du auf dem Gewissen?“

„Nichts.“

„Bist du eine Giftmischerin oder etwas in der Art? Vielleicht ist es sogar besser, die Kapkolonie vor dir zu verschonen und dich bereits an der Skelettküste an Land zu setzen – oder gleich über Bord zu werfen! Die Haie wollen schließlich auch leben!“

Gelächter brach aus.

Ein Gelächter, das sofort erstarb, nachdem Captain Blackwell die Hand gehoben hatte.

Einige Augenblicke herrschte Schweigen.

„Ich kann mich nützlich an Bord machen!“, sagte Catherine.

„Du siehst auch gerade so aus, als hättest du die muskulösen Arme eines Seemannes“, spottete Captain Blackwell.

„Ich wüsste schon etwas, wie sie sich ihre Passage verdienen könnte!“, grinste der Koch dreckig.

Aber als er den eisigen Blick des Captains sah, verstummte er sofort. „Das kommt nicht in Frage!“, fuhr Captain Blackwell dazwischen. „Wenn sich einer von euch mit ihr vergnügt, werden die anderen verrückt. Also wird keiner von euch sie anrühren. Außerdem ist Engländerin und Christin – und nicht irgendeine heidnische Eingeborene.“

Der Koch nahm Haltung an. „Ja, Sir!“, stieß er hervor.

Blackwell bedachte Catherine mit einem durchdringenden Blick. „Du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet!“, stellte er fest. „Wovor fliehst du? Wenn du mir das nicht beantworten willst, dann lass dir dieselbe Frage von den Haien stellen - aber ich habe keine Lust, mein Schiff unnötig mit Problemen zu befrachten, die durch deine Anwesenheit entstehen könnten.“

„Es gibt nichts, wovor ich fliehe, Captain. Ich folge vielmehr jemandem nach Neu Holland.“

„Wem?“

„Meinem Verlobten.“

Captain Blackwell runzelte die Stirn.

Der Wind fuhr ihm durch das graue, verfilzte Haar und ließ es einer Fahne gleich wehen. Blackwell wirkte nachdenklich. Dann sagte er schließlich: „Du musst eines sehr kindlichen Glaubens sein, um annehmen zu können, deinen Verlobten in Neu Holland noch anzutreffen.“

„Weshalb?“

„Weil ich annehme, dass er nicht freiwillig dorthin verbracht wurde.“

„Das ist richtig.“

„Und weil ich weiter annehme, dass kaum die Hälfte der Gefangenen überhaupt ihren Bestimmungsort erreicht haben und ein weiterer Teil dieser Deportierten im Verlauf des ersten halben Jahres ein Opfer von Schlangenbissen oder Krankheiten wurden...“ Blackwell atmete tief durch. „Mach dich in der Küche nützlich und sieh zu, dass du nicht zuviel isst!“

„Das heißt, ich kann an Bord bleiben?“

„Das heißt, ich werfe dich vorerst nicht den Haien vor. Was in Kapstadt geschieht – das warten wir ab!“

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CATHERINE MUSSTE NUN dem Koch zur Hand gehen, der ihr immer wieder mit anzüglichen Bemerkungen klarmachte, was er eigentlich von ihr wollte.

Aber sie stand unter dem Schutz des Captains und gegen den wagte niemand zu rebellieren.

Wochen später erreichte die FAR HOPE Kapstadt, das die Briten erst vor drei Jahren endgültig den Holländern abgenommen hatten.

Die britische Krone war damit auf groteske Weise Nutznießer der Eroberungen ihres Feindes Napoleon geworden, der die Niederlande besetzt und einen Günstling auf den Königsthron gesetzt hatte.

Ein Teil der Ladung wurde in Kapstadt gelöscht und dafür neue Waren an Bord genommen.

Insgesamt dauerte der Aufenthalt drei Tage.

Da es bisher keine Vorkommnisse gegeben hatte, die Captain Blackwell zu der Ansicht kommen ließen, sich mit Catherine Glenfield unnötig Schwierigkeiten eingehandelt zu haben, sah er davon ab, sie in der Kapkolonie zurückzulassen.

Im Gegenteil! Die Stimmung unter der Besatzung hatte sich verbessert, da viele die Speisen als schmackhafter empfanden, die jetzt in der Bordküche zubereitet wurden.

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FÜR VIELE WOCHEN SAH die Besatzung der Far Hope nun kein Land mehr.

Nur das Azurblau des Indischen Ozeans.

Captain Blackwell ließ die Ausgucke verdoppeln, da er befürchtete, auf französische Kriegschiffe zu treffen, die von Madagaskar oder Ile de France und anderen französischen Besitzungen im Indischen Ozean aus unterwegs waren.

Als dann endlich der Ruf „Land in Sicht!“ ertönte, war das für alle an Bord eine Erleichterung. Die Freudenrufe konnte man wahrscheinlich meilenweit hören.

Catherine stand wie alle anderen auch an Deck.

Die Küste nahte heran. Sie sah bräunlich bis gelblich aus. Hohe Rauchsäulen ragten in den Himmel empor.

„Warum brennt es dort?“, fragte Catherine einen der Männer.

„Weil die Eingeborenen ihr Land ständig in Brand halten“, sagte einer der Matrosen – ein freundlicher, gutmütiger Kerl namens Todd.

„Aber wieso zünden sie ihr Land an?“, fragte Catherine.

„Sie jagen damit – und sie bekämpfen die natürlichen Gegner ebenfalls mit Feuer“, gab Todd Auskunft. „Eine Fahrt an der Küste Neu Hollands entlang ist immer eines der seltsamsten Erlebnisse, über die ein Seefahrer berichten kann. Vor allem hält jeder, dem man das in England erzählt einen für einen Geschichtenerzähler, der sich bei seinen Übertreibungen nicht zurückhalten kann. Aber du siehst ja nun mit eigenen Augen. Dieses Land brennt. Es scheint fast so, als hätten die Eingeborenen es durch Feuer geformt.“

Die ganze Fahrt an der Küste dieses rätselhaften Landes entlang sahen sie von der FAR HOPE aus an Land die Feuer brennen. Mal zahlreicher, mal nur vereinzelt. Aber immer stiegen die Rauchwolken empor.

Dass so manch einer gedacht hatte, sich tatsächlich am Rand des Höllenschlunds zu befinden, der hier her gekommen war, konnte sich Catherine nun lebhaft vorstellen.

Ab und zu kam die FAR HOPE nahe genug ans Ufer heran, um einzelne Eingeborene sehen zu können, die von hohen Klippen aus zu ihnen hinüberblickten.

Captain Blackwell sah die Mischung aus Entsetzen und Staunen in Catherines Gesicht. „Na, bereust du es schon, her gekommen zu sein?“

„Nein“, flüsterte sie. „Niemals werde ich das bereuen.“

Sie dachte daran, dass es nun nicht mehr lange dauern konnte, bis sie John Billings wiedersah.

Ihr Herz schlug wie wild bei dem Gedanken daran.

Aber andererseits war John ein Gefangener und das bedeutete, dass es möglicherweise gar kein Widersehen gab. Zumindest nicht in Freiheit.

Sie biss sich auf die Lippen.

Die Frage, was sie konkret dagegen unternehmen wollte, dass John weiterhin in einer Strafkolonie Zwangsarbeit leisten musste, hatte sie bisher einfach verdrängt.

Aber nun brach diese Frage natürlich umso heftiger in ihr auf.

Vielleicht sollte ich mich an den Gouverneur der Kolonie wenden!, dachte sie sich.

Die FAR HOPE passierte die Meeresstraße zwischen der Terra Australis und der Insel Tasmanien, wo es seit 1803 auch einen Stützpunkt der Briten gab. Einen kleinen Hafen namens Hobart.

Diesen Hafen lief die FAR HOPE auch zunächst an. Die Strecke, die jetzt noch vor ihnen lag, entsprach fast der Entfernung zwischen Portsmouth und Lissabon.

Das Südland musste wahrhaft gewaltige Ausmaße haben. Ein Kontinent, der so groß wie fast ganz Westeuropa war. Erst vor kurzem hatte man ihn zur Gänze kartographiert, sodass feststand, dass es sich tatsächlich um eine riesige Insel handelte, die von allen Seiten vom Meer umspült wurde.

In Hobart hörte die Besatzung der FAR HOPE die ersten Neuigkeit aus Neu Süd Wales, wie die britische Kolonie an der Ostküste Neu Hollands genannt wurde.

„Es scheint in Neu Süd Wales eine Rebellion gegen den Gouverneur gegeben zu haben“, berichtete Captain Blackwell, nachdem er von seinem Landgang zurückgekehrt war, gegenüber seinen Offizieren. Aber er tat dies laut genug, sodass jeder, der es hören wollte, alles mitbekam. Catherine spitzte natürlich die Ohren. „Offenbar gab es viele Tote und Verwundete. Und der Gouverneur wurde abgesetzt. Manche sagen allerdings auch, dass die Rebellen erschossen worden sind. Seit vier Monaten hat man keinerlei Nachrichten mehr aus Neu Süd Wales empfangen. Sollten Schiffe von dort losgesegelt sein, so müssen sie die Nordroute genommen haben.“ Der Kapitän runzelte die Stirn und setzte noch hinzu: „Manche sagen sogar, es sei alles niedergebrannt, was bisher an der Botany Bay aufgebaut worden ist und Port Jackson würde nicht mehr existieren.“

Von dem Matrosen namens Todd, der die Route nach Neu Holland wohl schon öfter gefahren war, erfuhr Catherine dann Näheres.

„Dieser Gouverneur – William Bligh ist sein Name – regierte die Kolonie wie seinen persönlichen Besitz und war für seine Selbstherrlichkeit berüchtigt! Wahrscheinlich bist du zu jung, um den Namen William Bligh schon in anderem Zusammenhang gehört zu haben.“

Catherine zuckte mit den Schultern. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung!“

„Er war der Kommandant der legendären Bounty. Neu Süd Wales hat er als eine Art Privatkönigreich betrachtet! Und das schon gut zwanzig Jahre lang! Wenn du mich fragst, dann war es nur eine Frage der Zeit, wann sich da mal Unmut regt, und sie diesen Tyrannen im Dienst seiner Majestät einfach absetzen.“

„Was könnte das für die Strafgefangenen bedeuten?“, fragte sie.

Todd zuckte mit den breiten Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Alles“, sagte er.

„Alles?“

„Zwischen Freiheit und sofortiger Hinrichtung ist bei so einem Umsturz doch alles drin. Wir wissen nicht, was geschehen ist und daher lässt sich das überhaupt nichts sagen.“

Captain Blackwell entschied sich zunächst dafür, für ein paar Tage in Hobart zu bleiben und erst zu entscheiden, ob er weiter nach Neu Süd Wales segeln sollte, wenn er etwas genauere Nachrichten über die dortigen Vorkommnisse bekommen hatte.

Er überlegte sogar, Port Jackson überhaupt nicht mehr anzufahren, wenn sich herausstellen sollte, dass dort möglicherweise eine wilde Bande von Meuterern das Regiment übernommen hatte. Das Risiko war in dem Fall einfach unkalkulierbar.

Dass man in Port Jackson auf seine Waren dringend wartete, stand natürlich auf einem anderen Blatt. Und es lag Captain Blackwell eigentlich fern, seine Handelspartner im Stich zu lassen. Aber andererseits ließen sich die Güter, die die FAR HOPE transportierte, auch ebenso gut in Hobart verkaufen. Möglicherweise konnte er damit auch auf den Inseln des nahen Neuseeland erfolgreich sein. In Hobart machten Gerüchte die Runde, dass dort die Gründung einer britischen Kolonie kurz bevor stand.

Erste Siedler waren bereits dort. Und sie hatten sicher dringenden Bedarf an allem, was man sich nur denken konnte.

Eine Woche verging, dann eine zweite und eine dritte.

Catherine überlegte schon, ob sie die FAR HOPE vielleicht verlassen und notfalls in Hobart auf eine Gelegenheit warten sollte, doch noch nach Port Jackson zu gelangen.

Die Unruhe in ihr wuchs.

Die Ungewissheit nagte einfach zu sehr an ihrer Seele. Was war mit John Billings geschehen.

Vier Wochen, nachdem die FAR HOPE den Hafen von Hobart angelaufen hatte, traf schließlich ein Segler aus Port Jackson ein.

Es gab neue Nachrichten. Der Verlauf der Rebellion wurde etwas weniger blutig dargestellt. Angeblich gab es einen neuen Gouverneur und die Verhältnisse seien in geordneten Bahnen.

Captain Blackwell erkundigte sich danach, wer dieser neue Gouverneur sei.

„Lachlan Macquarie – ein sehr fähiger Mann!“, lautete die Antwort des anderen Kapitäns.

Blackwell hatte schon von Macquarie gehört.

Und so entschied er, dass man es wagen könne, gen Norden zu segeln.

*

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DAS LAND, AN DEM DIE Far Hope nun vorbeisegelte, war hügelig und grasbewachsen. Der Name Neu Süd Wales kam also nicht von ungefähr. Aber die Feuer der Eingeborenen waren auch hier allgegenwärtig.

Die Far Hope fuhr schließlich in eine recht verborgen gelegene Bucht und erreichte so Port Jackson, den ersten Hafen der Kolonie.

Das Schiff legte an und wurde vertäut. Um den Anlegeplatz der Far Hope bildete sich sogleich ein kleiner Menschenauflauf, denn allzu oft kam es nicht vor, dass hier Schiffe anlegten. Und schon gar nicht solche, die aus England kamen.

Als Catherine den Boden dieses neuen Landes betrat, hatte sie ein Gefühl, als ob sie sich in einem Traum befand und jederzeit daraus erwachen konnte.

Es gab nur wenige Häuser in Port Jackson und eine Militärkommandantur.

Todd, der ebenfalls an Land gestiegen war, sprach sie an. „Der Captain hat gesagt, wir bleiben eine Woche hier in Port Jackson. Falls du es dir also noch mal überlegen sollest und plötzlich Heimweh nach England hast...“

Aber Catherine schüttelte den Kopf.

„Das wohl kaum“, sagte sie.

„Aber es könnte ja sein, dass du deinen Verlobten hier nicht findest. Dass du ihn vielleicht nirgendwo mehr findest...“

„Das werde ich bis dahin sicher herausgefunden haben. Wo sind die Gefangenen?“

„Die Strafkolonie ist an einer anderen Bucht, hier ganz in der Nähe. Sie heißt Sydney Cove oder einfach nur Sydney. In dem dazugehörigen Ort residierte auch der Gouverneur – ob das auch für seinen Nachfolger gilt, musst du selbst herausfinden.“

*

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CATHERINE FAND IM HAFEN eine Barkasse, die sie mit nach Sydney Cove nahm. Dafür musste sie mit Aus- und Einladen helfen. Der Besitzer der Barkasse war zwar eigentlich der Ansicht, dass Frauen dafür nicht taugten, aber im Moment konnte er nicht wählerisch sein. Die Waren, die aus der FAR HOPE in Barkassen umgeladen wurden, sorgten ohnehin schon dafür, dass die gesamte männliche Bevölkerung von Port Jackson Arbeit bekam und so musste der Mann froh sein, überhaupt jemanden zu finden.

Er hieß Jenkins und war ein rothaariger Mann mit vielen Sommersprossen.

Er ruderte die Barkasse nach Sydney Cove hinüber, wo man ebenso gespannt auf die Ankunft des Schiffs – und vor allem seiner Waren – gewartet hatte wie in Port Jackson.

„Es gab mal ein paar Franzosen, die sich hier niederlassen wollten“, sagte er. „Das ist aber schon einige Jahre her! Deswegen hat man die Hauptsiedlung nach Sydney verlegt, weil man sich dort besser verteidigen kann!“ Er zuckte mit den Schultern. „Da hat man diesen Flecken Erde extra nach dem ehrenwerten Minister seiner Majestät Thomas Townsend Sydney benannt, in der Hoffung, dass sich das Mutterland vielleicht mal etwas mehr um Neu Süd Wales kümmert. Aber nicht einmal das hat etwas genützt!“

„Ich verstehe.“

„Mal `ne Frage: Ich sehe keinen Ring an Ihrem Finger. Sie sind nicht verheiratet, was? Also, bevor Sie schlechtere Angebote annehmen, sollten Sie sich mal überlegen, ob jemand, der eine Barkasse besitzt nicht...“

„Ich bin verlobt“, erwiderte Catherine.

„Jammerschade“, fand er. „Es gibt nämlich so wenig weiße Frauen hier.“

*

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IN SYDNEY COVE STIEG Catherine an Land. Sie half dem Barkassenbesitzer noch bei der Entladung des Bootes und fragte sich dann nach dem Büro des Gouverneurs durch.

Er residierte in einem einfachen Holzhaus, in dem er auch privat wohnte. Es erinnerte an die bunt angemalten Bürgerhäuser in Portsmouth oder Southampton, nur dass es für einen Gouverneur seiner Majestät recht bescheiden wirkte.

Zwei Soldaten hielten vor der Tür Wache. Ein Sergeant schritt ziemlich nervös davor auf und ab, so als erwartete er, dass jederzeit etwas Unvorhergesehenes geschehen konnte. Möglichweise waren die Verhältnisse nach der Rebellion gegen das Regime von William Bligh doch noch nicht so klar und eindeutig, wie man das in Hobart erzählt hatte.

Catherine näherte sich der Tür des Hauses. Der Sergeant wurde auf sie aufmerksam und trat ihr einen Schritt entgegen.

„Was suchen Sie hier, Madam?“

„Ich möchte zum Gouverneur, seine Exzellenz Mister Lachlan Macquarie.“

Der Sergeant blickte an Catherines Kleidern herab, die etwas verdreckt waren. Während der Schiffspassage war es nicht einfach gewesen, das Äußere einigermaßen in Ordnung zu halten.

„Sie scheinen bessere Manieren zu haben, als Ihre zerschlissenen Kleider vermuten lassen“, sagte er.

Catherine lag eine giftige Erwiderung auf der Zunge, denn die Uniform des Sergeanten war auch nicht unbedingt in dem Zustand, in dem sie hätte sein sollen. Davon abgesehen, dass er in ihr auch erbärmlich schwitzte, da sie für die hiesigen klimatischen Verhältnisse einfach nicht gemacht war. Aber diese Bemerkung schluckte Catherine herunter.

Sie wollte ja schließlich etwas von Ihrem Gegenüber.

„Ich bin soeben mit dem Schiff hier angekommen und suche meinen Verlobten, einen Mann namens John Billings.“

„Wurde er in die Strafkolonie deportiert?“

„Ja. Durch ein ungerechtes Urteil, das...“

Der Sergeant hob die Hände. „Schon gut, Madam. Aber die Strafkolonie gibt es nicht mehr – zumindest so lange nicht, bis neue Gefangene aus England kommen.“

„Was?“ Catherine vergaß für einige Augenblicke, den Mund wieder zu schließen.

„Gouverneur Macquarie hat als eine seiner ersten Amtshandlungen eine Amnestie verfügt. Es gab hier ein paar Kämpfe, wie Sie sicher gehört haben und der Gouverneur hielt es nicht für verantwortbar, dass unter den gegebenen Umständen fast alle Soldaten mit der Bewachung von Gefangenen beschäftigt sind.“ Der Sergeant grinste. „Da hat er das ganze Gesindel einfach entlassen. Zumindest diejenigen, die die Kämpfe und die letzte Epidemie überlebt haben. Viele waren das sowieso nicht. Die einzigen Gefangenen sind zurzeit der alte Gouverneur und ein paar seiner Vertrauten!“

„Ich suche Mister John Billings! Was können Sie mir darüber sagen, wo er geblieben sein könnte?“

„Keine Ahnung, Madam. Er konnte gehen, wohin er wollte. Und in der letzten Zeit sind die Unterlagen über die Gefangenen auch nicht besonders sorgfältig geführt worden. Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, ob er überhaupt dabei war!“

„Was ist das für ein Krach?“, polterte eine raue Stimme. Der Sergeant nahm sofort Haltung an.

Ein Mann im braunen Gehrock und aschblonden Haaren kam an die Tür. Er war Ende dreißig, trug einen Backenbart und schwitzte furchtbar.

Das Wasser lief ihm die hohe Stirn hinunter. Er setzte seine Brille ab, die ohnehin vollkommen beschlagen war und musterte Catherine.

„Wer ist diese Person?“, fragte er.

„Mister Macquarie, das ist eine Frau, die mit dem Schiff kam“, sagte der Sergeant sichtlich eingeschüchtert.

Der Gouverneur runzelte die Stirn. „Sind sie etwa ledig?“, fragte er an Catherine gewandt.

„Nun, Sir, ich...“

„Ich mag keine ledigen Frauen in meiner Kolonie! Das bringt nur Unruhe und Unmoral, es sei denn, Sie wären eine Nonne! Also sehen Sie zu, dass Sie heiraten, dazu gebe ich Ihnen zwei Wochen! Es gibt schließlich genügend Junggesellen hier! Andernfalls müsste ich Sie aus Sydney verweisen. Schließlich soll sich hier nicht bald schon so ein Sündenbabel etablieren, wie in manchen Vierteln von London!“

„Sir, ich suche meinen Verlobten. John Billings. Er war bei den freigelassenen Gefangenen, so hoffe ich“, erwiderte Catherine.

Macquarie wandte sich an den Sergeant. „Sehen Sie zu, dass Sie herausbekommen, wo dieser John Billings abgeblieben ist!“

„Aber Sir, der könnte überall sein! Vielleicht hat er sich auf irgendeiner Farm anheuern lassen oder...“

„Schauen Sie als erstens ins Sterberegister und dann in die Gefangenenlisten, Sergeant. Ersteres ist nämlich genauer!“, unterbrach der Gouverneur den Sergeant. „Und machen Sie schnell! Sonst verschwendet die junge Lady hier noch wertvolle Zeit von den zwei Wochen, die ich ihr gegeben habe, um eventuell einen Toten zu suchen. Das kann ja nun wirklich nicht in unser aller Interesse sein!“

***

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FAST ZEHN MEILEN MEILEN musste Catherine durch hügeliges Grasland gehen. Und sie konnte nur hoffen, sich dabei richtig orientiert zu haben.

Aber ihr Herz war leicht und der Gedanke daran, in Kürze auf John zu stoßen, ließen ihre Füße sich fast wie von selbst bewegen.

John Billings, so hatte sich durch die nicht ganz freiwilligen Bemühungen des Sergeants herausgestellt, wohnte inzwischen auf einem Stück Land ein paar Meilen vor Sydney.

Schon von weitem hörte sie das Hämmern.

Eine Hütte entstand auf einem Hügel.

Und davor grasten ein paar Schafe.

Für Catherine gab es kein Halten mehr, als sie John Billings erkannte. Er hatte sich verändert. Ein Bart verdeckte sein Gesicht und das Haar war ziemlich lang geworden.

„John!“, rief sie.

Er drehte sich zu ihr um und glaubte im ersten Moment seinen Augen nicht zu trauen.

„Catherine! Mein Gott, was machst du denn hier?“

„Ich hoffe, du freust dich! Schließlich bin ich dir um den ganzen Erdball gefolgt.“

Einen Augenblick klang blieben sie voller Staunen voreinander stehen, so als ob jeder von ihnen es einfach nicht fassen konnte, den anderen tatsächlich vor sich zu sehen. Dann flogen sie sich in die Arme.

John hielt Catherine fest im Arm und die junge Frau schmiegte sich an ihn. Wie lang hatte sie auf diesen Augenblick gewartet. Und nun war er endlich da.

„Oh, John, ich hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt, nach allem, was ich gehört hatte...“

Sie küssten sich. Zuerst zart und zurückhaltend, doch dann voller Leidenschaft.

Atemlos lösten sie sich schließlich wieder voneinander.

John Billings sah sie an, strich ihr zärtlich über das Haar und schüttelte voller Verwunderung den Kopf. „Wie bist du hier her gekommen, Catherine?“

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte sie. „Und ich denke, ich werde Zeit genug haben, sie ausführlich zu erzählen. Aber sag mir zuerst, was das für Schafe sind... Und wie kommt ein amnestierter Gefangener zu einem Stück Land?“

„Land gibt es hier im Überfluss“, sagte John. „Und es ist Land, das sich sehr gut zur Schafzucht eignet. Die Tiere gehören natürlich nicht mir, sondern einem benachbarten Farmer, für den ich die Arbeit übernehme. Dafür darf ich im nächsten Jahr einige der Jungtiere behalten und damit meine eigene Herde aufmachen.“

„Ein guter Plan, John“, flüsterte Catherine.

John lächelte. „Ja, das finde ich auch. Obwohl ich eigentlich immer gehofft hatte, England noch einmal wieder zu sehen.“

„Man kann sich auch hier ein Leben aufbauen, glaube ich“, sagte Catherine.

John legte den Arm ihre Schulter.

„Wenn du es sagst.“

„Der Gouverneur hat mir zwei Wochen gegeben, um zu heiraten“, berichtete Catherine. „Andernfalls würde er mich der Kolonie verweisen!“

John Billings runzelte die Stirn. „Was sind das denn für eigenartige Maßnahmen?“

„Offenbar ist der neue Gouverneur sehr um die Tugend in seiner Kolonie besorgt!“

„Er ist eigentlich hier, um die Disziplin wieder herzustellen und den Einfluss der Englischen Krone zu sichern. William Bligh war es nämlich ziemlich gleichgültig, was in London am Kabinettstisch so beschlossen wird.“

Catherine lächelte.

„Und mir ist es ziemlich gleichgültig, aus welchem Grund der Gouverneur so eigenartige Bestimmungen erlässt oder welche Laune ihn dazu getrieben hat, mir dabei behilflich zu sein, dich zu finden.“

„So?“

„Ich will einfach nur eine Antwort von dir, John. Ja oder...“

John küsste sie, ehe sie zu Ende sprechen konnte.

„Ist das Antwort genug?“, fragte er.

Sie lächelte. „Vollkommen“, erwiderte sie.

––––––––

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ENDE

14.7.07

© Alfred Bekker

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Alfred Bekker

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(Leslie Garber)

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Sturm über St.Kitts

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Historisches Abenteuer

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Anno 1689...

„Es wird Sturm geben“, hatte der Kapitän schon vor einer ganzen Weile gesagt. „Das habe ich im Gefühl. Vielleicht wird der Sturm noch nicht heute oder morgen kommen. Aber er liegt in der Luft.“

Niemand glaubte ihm.

Ein warmer Tropenwind blähte die Segel des Dreimasters

„Saint Denis“. Man hatte Marie de Perrin davor gewarnt, sich zu häufig an Deck aufzuhalten, da die Sonne in diesen Breiten viel stärker schien, als in den Gärten von Versailles und Sonnenschirme eine Dame nicht davor bewahren konnten, ihre vornehme Blässe zu verlieren.

Aber Marie de Perrin war das in diesem Augenblick gleichgültig. Die junge Frau freute sich nach der wochenlangen Überfahrt in die Karibik einfach zu sehr auf den Anblick festen Landes. Tagelang war ihr schlecht gewesen. Das dauernde Schwanken der „Saint Denis“ hatte sie seekrank gemacht. Sie hatte zwar davon gehört, wie strapaziös die Überfahrt war, hatte aber zuvor keine richtige Vorstellung von dem gehabt, was sie erwartete. Wie jene Männer das aushielten, deren Beruf es war, im Dienste des Sonnenkönigs zur See zu fahren und Verbindung zu den überseeischen Besitzungen zu halten, war ihr ein Rätsel. Es schien ihr, als ginge das über die Möglichkeiten der menschlichen Natur hinaus.

Marie de Perrin hatte noch immer ein flaues Gefühl in der Magengegend. Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, so lag der Grund dafür nur zum Teil in der unruhigen See des Atlantiks...

Es gab da noch etwas anderes, was ihr auf der Seele lag. Die Sehnsucht nach jenem Mann, in den sie sie sich unsterblich verliebt hatte – auch wenn sich alle Welt gegen dieses Glück verschworen zu haben schien.

Sie trat an die Reling auf dem Achterdeck des Dreimasters und ließ den Blick schweifen. Eine geradezu paradiesisch wirkende Insel hob sich vom hellen Blau des Himmels und dem etwas dunkleren, mit grün durchmischten Blau der karibischen See ab.

„Das ist St.Kitts, Mademoiselle“, sagte Kapitän Jacques Bonneau, der neben Marie getreten war, ohne dass sie es zunächst bemerkt hatte.

„Die Perle Frankreichs in der Karibik“, seufzte Marie. „Das scheint mir nicht übertrieben zu sein.“

„Nur aus der Ferne, Madame. Diejenigen, die hier leben, denken zum Großteil anders darüber.“

„Weil sie Sklaven sind?“

Kapitän Bonneau lachte heiser. „Nicht nur die Sklaven wünschen sich an einen anderen Ort, Mademoiselle, sondern auch die Mehrheit der Siedler bereut, jemals hier her gekommen zu sein.“

„Wenn Sie das sagen, Kapitän...“

„Noch vor zwanzig Jahren war St.Kitts neben Jamaika eine der Perlen Englands“, erwiderte Kapitän Bonneau. „Ich war dabei, als wir es den Engländern abnahmen.“

„Besteht nicht die Gefahr, dass die Englänger versuchen, sich dieses Eiland zurückzuholen?“

„Genau gesagt sind es zwei Inseln, Mademoiselle. Und um Ihre Frage zu beantworten: Ja, sie würden es sicher gern versuchen, aber ich glaube kaum, das ihnen dabei Erfolg beschieden sein wird. Schließlich gibt es eine gute Verteidigungsanlage und ich denke, nicht einmal die englischen Siedler, die es nach wie vor auf der Insel gibt, wünschen sich die Herrschaft eines königlichen Gouverneurs zurück. Die habe allgemein in der Karibik keinen guten Ruf, weil sie korrupt sind und zu viele Steuern berechnen!“

Marie seufzte. Mit den Gärten von Versailles und ihrem geometrischen Ebenmaß war das alles nicht zu vergleichen. Hier wucherte die Vegetation. Gewächse, die sie nie zuvor gesehen und von denen sie allenfalls etwas gehört hatte, entdeckte sie am Ufer.

Die nahende Hafenstadt Basseterre bestand nur aus ein paar handvoll Häuser aus Lehm. Die vornehmen Bauten waren aus Sandstein, manche auch aus Holz. Am Ufer gab es mindestens so viele schwarze wie weiße Menschen. Marie hatte davon gehört, dass auf den Plantagen von St.Kitts und Hispaniola schwarze Sklaven den Zuckerrohr ernteten, die in einem steten Strom aus Afrika verschleppt und in den europäischen Besitzungen in der neuen Welt gebracht wurden.

„Ich hoffe, es holt Sie jemand ab“, sagte Kapitän Bonneau.

„Aber normalerweise spricht es sich auf der Insel immer wie ein Lauffeuer herum, wenn ein Schiff anlegt. Zumindest wenn es ein Schiff aus Frankreich ist und nicht einer dieser Zuckerrohr- oder Sklavenschiffe, die hier alle naselang anlegen.“

Eine große Menschenmenge versammelte sich am Kai, als die Saint Denis im Hafen von Basseterre anlegte. Marie ertappte sich dabei, dass sie die Gesichter der am Ufer Stehenden absuchte.

Robert, dachte sie. Bist du hier? Nein, das wäre ein zu großer Zufall. Wie hättest du schließlich wissen können, dass ich heute hier in Basseterre auf St. Kitts anlegte?

Vor ihrem inneren Auge erschien das Bild von Robert de Goénèc, einem jungen Adeligen, den sie am Hof in Versailles kennen gelernt hatte. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie sie sich das erste Mal begegnet waren. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, wenn sie daran dachte.

Sie war ihm direkt in die Arme gelaufen und dort wäre sie am liebsten für immer geblieben...

Marie musste schlucken als sie an die Vergangenheit dachte.

Die Küsse, die Umarmungen, die Zärtlichkeit und der Charme dieses jungen Mannes. Da alles war jetzt wieder so gegenwärtig, als wäre es gerade erst geschehen. Ein wohliger Schauer überlief Maries Rücken und sie bekam trotz der drückenden Hitze eine Gänsehaut.

„Alles in Ordnung mit Ihnen, Mademoiselle de Perrin?“, fragte Kapitän Bonneau.

Marie nickte.

„Ja“, flüsterte sie. „Ich denke schon...“

„Ich dachte nur. Sie wirkten so...“

„Ich war in Gedanken, Monsieur. Nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssten“, versicherte sie.

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EIN JAHR ZUVOR...

„Hoppla!“, sagte eine sonore Männerstimme. Kräftige Arme fingen sie auf. Sein Haar war dunkel und gelockt. Es fiel ihm schulterlang über den Rücken. Seine Beine steckten in hohen Schaftstiefeln und an der Seite trug er einen Degen. Ein charmantes Lächeln umspielte seinen Mund, während seine dunklen Augen Marie aufmerksam musterten. „Von wem hatte ich die Ehre umgerannt zu werden?“

Marie erwiderte seinen Blick, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und atmete tief durch, soweit das in dem engen Korsett, das sie trug, überhaupt möglich war. Dann löste sie sich von ihm und raffte ihr Kleid wieder zurecht.

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Gefahr bestand, Euch umzurennen, Monsieur.“

„...de Goénèc“, vollendete er. „Robert de Goénèc. Ich glaube, ich habe Euch schon einmal beim Menuett beobachtet.“

„Warum habt Ihr Euch nicht getraut mich anzusprechen und mit mir zu tanzen?“

„Hättet Ihr Euch denn dazu herabgelassen?“

„Nun...“

„Antwortet nicht! Es ist vielleicht ganz gut so, dass ich Euch nicht angesprochen habe, obwohl ich es durchaus erwog. Aber ich bin kein geschickter Tänzer, müsst Ihr wissen und ich sage es Euch frei heraus: Mein Vater ist ein einfacher Graf in der Bretagne und dort sind die Umgangsformen vielleicht nicht ganz so fein, wie hier am Hof von Versailles.“

Marie musste lächeln. „Mit anderen Worten, Ihr habt zwei linke Füße beim tanzen und wolltet mir eine Blamage ersparen.“

„So könnte man sagen...“

„Aber wenn Euer Vater nur ein einfacher Graf ist, dann –verzeiht mir diese Bemerkung – seid Ihr kaum bedeutend genug, als dass König Ludwig Eure Anwesenheit bei Hof verfügt haben dürfte! Was macht Euch dann so wichtig, dass Ihr trotzdem hier in Versailles seid?“

Robert de Goénèc grinste breit. „Die Gunst des Königs, die ich momentan genieße scheint hier gegenwärtig der entscheidende Faktor zu sein. Und natürlich sein Vertrauen in meine Fähigkeiten.“

Marie hob die Augenbrauen. Der Sohn eines einfachen Grafen, der vom König mit einer besonderen Aufgabe betraut worden war?

Das klang geheimnisvoll. Aber vielleicht war dieser Robert de Goénèc auch nur ein Aufschneider, der sich wichtig machen wollte. Auf Versailles wimmelte es von dieser Sorte. Der Hof war schließlich nichts anderes als eine gewaltige Bühne der Selbstdarstellung. Und wer auf ihr am Besten zu glänzen wusste, konnte hoffen, vom König vielleicht für ein einträgliches Amt eingesetzt zu werden oder andere Vergünstigungen zu bekommen.

„Nun, wie gesagt, ich darf nicht darüber reden. Und wenn ich es täte, wäre ich die Gunst des Königs gleich wieder los!“

„Oh, so hat es vielleicht mit den Geheimnissen der Diplomatie des Krieges zu tun?“

„Es hat keinen Sinn, wenn Ihr weiter in mich zu dringen versucht, Mademoiselle. Ich bin verschwiegen wie ein Grab.“

„Zu schade. Ich liebe Geheimnisse zu enträtseln und dachte, ich hätte dazu jetzt eine willkommene Gelegenheit.“

„Eine Hofdame, die Geheimnisse liebt und mir bis jetzt Ihren Namen noch nicht verraten hat – wie interessant“, sagte Robert.

Marie hatte eine Erwiderung auf der Zunge gelegen, doch in diesem Augenblick kam eine Gruppe von kichernden Hofdamen hinter einer der Hecken des Irrgartens hervor, in dem sich die vom Sonnenkönig Ludwig VIV. zur Anwesenheit am Hof verpflichteten Adeligen allerlei neckischen Spielchen hingaben und sich die Langeweile vertrieben. Der Grund für diese Anwesenheitspflicht war so einfach wie einleuchtend: Der König glaubte, Verschwörungen des Adels am besten dadurch begegnen zu können, dass er zumindest den bedeutenden Teil dieses Standes für lange Perioden des Jahres bei Hofe versammelte und so am besten unter Kontrolle halten und bespitzeln konnte.

Und selbst bei jenen, deren Töchter er als Hofdamen in Versailles aufnahm, hatte er dadurch in Notfall immer ein Faustpfand, um den Betreffenden unter Druck setzen zu können.

Das Gekicher der jungen Frauen erstarb, als sie Robert de Goénèc sahen.

„Ach hier seid Ihr also, Marie!“, sagte eine von ihnen. Sie hieß Arielle de St.Clair und war die Tochter des Herzogs von Otranto.

„Wir hatten Euch wirklich schon überall gesucht... Wollt Ihr uns diesen Kavalier nicht vorstellen?“

„Robert de Goénèc – ein Mann, der in der Gunst des Königs steht, für den er eine geheime Mission zu erfüllen hat – was immer darunter auch zu verstehen sein mag. Manche sagen ja, dass selbst seine Gärtner schon Geheimnisträger seien, weil niemand vorab wissen darf, welche Veränderungen unser aller König als nächstes veranlassen wird.“

„Komm, Arielle! Wir stören hier nur!“, sagte eine andere der jungen Frauen, deren Haar ganz weiß gepudert war. Sie rückte sich das Decollete zurecht und warf Robert Goénèc einen Blick zu, der Marie aus irgendeinem Grund nicht gefiel. „Vielleicht sieht man sich ja bei anderer Gelegenheit, Monsieur“, sagte die weiß Gepuderte. „Mein Name ist Valerie de Rimbourg und ich mache übrigens aus meinem Namen kein Geheimnis und aus sonst auch nichts, was Ihr vielleicht zu wissen verlangt!“

Allgemeines Gekicher kam unter den jungen Frauen auf, die sich daraufhin entfernten.

Robert wartete, bis sie gegangen waren.

„Marie heißt Ihr also. Und wie weiter?“

„Jemand, den ein Geheimnis umgibt, sollte vielleicht doch auch in der Lage sein, ein Geheimnis zu lüften“, erwiderte Marie kokett. „Oder meint Ihr nicht?“

„Gewiss. Aber ich frage mich, weshalb Ihr ein Geheimnis daraus macht!“

„Vielleicht um Euer Interesse zu wecken – da Ihr Euch ja offenbar für Geheimnisse interessiert...“

Mit diesen Worten ließ Marie de Perrin den jungen Mann zunächst stehen. Aber es dauerte nicht lange, bis beide sich erneut begegneten. Die gesellschaftlichen Anlässe zu Versailles waren dermaßen zahlreich, dass man unmöglich an allen von ihnen teilnehmen konnte.

Einer dieser Anlässe war das morgendliche Ankleiden des Königs, zu dem sich der Hofstaat und darunter auch sämtliche Minister versammelten. Je nachdem, welches Kleidungsstück der König ihm anzulegen gestattete, so hoch war die Gunst bemessen, die der König ihm derzeit gerade entgegenbrachte. Die Rangfolge unter den Ministern, Potentaten, Würdenträgern und Beratern war einem ständigen Wechsel unterworfen. Es herrschte ein steter Wettbewerb um die Aufmerksamkeit seiner Majestät, der sich selbst gerne als Jupiter in einer Schar von Göttern sah.

Robert de Goénèc durfte immerhin den linken Stiefel dem Monarchen überziehen. Das war zwar noch kein besonders hoher Rang, wie Marie de Perrin leicht amüsiert feststellte – aber dennoch war er damit besser dran, als der Kriegsminister, der schon seit einer Woche die Ehre hatte, den Nachttopf des Monarchen leeren zu dürfen – was dieser mit einer schwungvollen, aus dem Fenster gerichteten Bewegung zu erledigen pflegte.

Später, als Marie de Perrin Gelegenheit zu einem Spaziergang in den von einer an geometrischen Formen und einer Faszination für die Regelhaftigkeit der Mathematik geprägten Gärten hatte, traf sie erneut auf Robert de Goénèc.

Er sprach mit einigen Männern, von denen Marie inzwischen wusste, dass sie am Hof große Bedeutung hatten. Kardinal Mazzarin war darunter, sowie Colbert, der Minister für Wirtschaft und Finanzen, dessen Politik zur Förderung der Manufakturen Frankreich eine einzigartige wirtschaftliche Blüte geschenkt und das Staatssäckel hatte voll werden lassen.

Schließlich löste sich Robert aus dieser Gruppe und ging Marie entgegen.

„Seid gegrüßt, Mademoiselle de Perrin. Oder darf ich Euch einfach Marie nennen?“

„Das wäre vielleicht etwas verfrüht“, lächelte sie. „Oder lernt ihr so frivole Sitten in der Bretagne?“

Amüsiert schüttelte Robert den Kopf. „Nein, ich gestehe, ich habe den Sinn des Begriffs Frivolität erst hier in Versailles kennen gelernt und war natürlich zunächst furchtbar schockiert.“

„Was offensichtlich schnell nachgelassen hat“, vollendete Marie.

„Wie bei Euch, nehme ich an.“

„Immerhin scheint Ihr ernsthaftes Interesse genug an mir verspüren, um meinen Namen herauszufinden...“

„Das war nicht schwer. Ein paar Bekannte hier und da... Es ist schließlich kein Staatsgeheimnis, wer Ihr seid!“

„Anders, als es bei Eurer geheimnisvollen Mission der Fall ist“, konterte Marie. Sie gingen zusammen ein Stück des Weges.

Auf einer der Rasenflächen konnte man den König dabei beobachten, wie er mit ein paar Hofdamen Blinde Kuh spielte. Er schien völlig in diesem Spiel aufzugehen, und in diesem Augenblick hätte man kaum glauben können, es mit einem Mann zu tun zu haben, der fast seine gesamte bisherige Amtszeit hindurch Krieg geführt hatte.

Colbert wurde hinzugerufen und aufgefordert, sich doch am Spiel zu beteiligen. Dieser folgte notgedrungen der Aufforderung.

Seinem gequälten Lächeln war anzusehen, dass ihm eigentlich keineswegs der Sinn danach stand.

„Ich sehe die Erleichterung in Euren Augen, Monsieur“, sagte Marie de Perrin mit einem koketten Lächeln. „Die Erleichterung darüber, dass nicht Ihr es wahrt, den er herbeigerufen hat.“

„Ich hätte es als Ehre empfunden“, sagte Robert.

„Gewiss. Sowie der Kriegsminister es als Ehre empfindet, seit einer Woche den Nachttopf des Königs leeren zu dürfen.“ Der ironische Unterton bei dieser Bemerkung war nicht zu überhören.

Marie lächelte. „Das ist keineswegs eine Ehre, auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag.“

„Ach, nein? Ihr wisst mehr darüber?“

„Es gab Unregelmäßigkeiten im Kriegsministerium.

Soldgelder verschwanden und das Geld für bestellte Musketen versickerte im Nirgendwo. Was dem Kriegsminister widerfährt ist eine Bestrafung – und eine Warnung zugleich. Und wenn Ihr sein Gesicht heute Morgen gesehen habt, dann wisst Ihr, dass er dies auch so verstanden hat.“

„Mon dieu, Ihr habt Recht, Monsieur de Goénèc.“

„Robert, wenn Ihr wollt und die Anzüglichkeit ertragen könnt!“

Sie lächelte. „Ich werde es in Erwägung ziehen“, erwiderte sie.

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AM ABEND SPIELTE EIN Orchester zum Tanz auf. Der einem Wiegeschritt entsprechende Rhythmus des Menuetts erfüllte den Raum. Der Klang eines Cembalos mischte sich mit den Streichern und Holzbläsern zu einem harmonischen Ganzen. Wie eine akustische Entsprechung zu den geometrischen Gärten. Alles passte zusammen, alles harmonierte.

Alles war von einer bestechenden Logik erfüllt, deren Gleichmaß der beherrschende Faktor war. Die Damen hatten ihre aufwändigsten Kleider angelegt.

In den Reifröcken vermochten sich manche von ihnen kaum zu bewegen. Die Decolletes waren tief, der Gebrauch von Puder und Parfum geradezu verschwenderisch, während vor einem allzu intensiven Gebrauch von Wasser gewarnt wurde, da es angeblich die Haut aufweichen und das Eindringen von Krankheiten begünstigen konnte.

Der Kapellmeister zählte gewiss zu den berühmtesten Komponisten Europas, denn dem König war das Beste gerade gut genug. Aber Marie war sein Name entfallen.

Er stand vor seinem Orchester und dirigierte es mit rhythmisch sehr sicherer Hand.

Diesmal ging Robert de Goénec auf Marie zu und forderte sie zum Tanz auf. Er nahm ihre Hand und schritt mit ihr im Takt des Menuetts. Dass er kein besonders geübter Tänzer war, blieb Marie nicht verborgen. Aber einen Grund, zu glauben, dass er sich blamiert, hat er allerdings auch nicht!, ging es ihr durch den Kopf.

Seit ihrer nachmittäglichen Begegnung in den Gärten hatte Marie an kaum etwas anderes denken können, als an ihn. Diesen Mann, den sie bei einem der kindischen Spiele beinahe umgerannt hätte und der ihr noch immer mehr Rätsel aufgab, als sie es ertragen konnte.

Sie wollte einfach alles über ihn wissen. Seine Gegenwart faszinierte sie.

Der Klang seiner Stimme übte einen Zauber aus, wie sie ihn nie zuvor gespürt hatte. Und das Schlimmste war, dass sie jedes Mal, wenn sie ihm begegnete, das Gefühl hatte, dunkelrot zu werden.

Freundinnen versicherten ihr zwar, dass das überhaupt nicht der Fall sei und man ihr ihre Nervosität gar nicht ansehen konnte.

Aber Marie glaubte nicht so recht daran.

Gib es zu, du hast dich verliebt!, meldete sich eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Aber die andere Hälfte ihrer Seele wollte das nicht so recht wahrhaben.

Der Sohn eines Comte de Goénèc wäre in den Augen ihres Vaters nicht standesgemäß gewesen, dessen war sie sicher. Ein einfacher Graf aus der Bretagne war nun wirklich nicht das, was ihrer Familie für sie vorschwebte – obwohl die Familie de Perrin nun auch nicht gerade zum Hochadel gehörte. Aber immerhin hatte sie einen Minister unter Ludwig XIII., dem Vorgänger des derzeitigen Monarchen, gestellt und ihr Onkel Colonel Jean Baptiste de Montcalm war Kommandant der französischen Truppen auf der Karibik-Insel St.Kitts.

Marie seufzte, während der Takt der Musik sich jetzt veränderte und das Orchester eine schnellere Sarabande anstimmte.

Nein, all die Gedanken, die sie sich machte, waren völlig verfrüht. Warum sollte sie ihr Glück nicht einfach genießen? Ohne Rücksicht darauf, was die Zukunft für sie vielleicht brachte.

Sie rechnete nicht damit, das Glück zu haben, vielleicht zur Maitresse des Königs aufzusteigen. Das war das geheime Ziel beinahe des gesamten weiblichen Hofstaats unter 25 Jahren. Wem es gelang, ein Kind des Königs zu empfangen, hatte nicht nur für sich selbst ausgesorgt, sondern konnte auch mit zahlreichen Vergünstigungen in Form einträglicher Ämter für die Familie rechnen.

Aber Marie war Realistin genug, um nicht damit zu rechnen.

Außerdem empfand sie zwar tiefen Respekt für den allerkatholischsten König, aber als Mann reizte er sie in keine Weise.

Wie wird mein Leben enden?, fragte sie sich nicht zum ersten Mal. Wahrscheinlich in einer am Hof arrangierten Ehe mit einem Mann, den seine Familie für politisch einflussreich hält und der Vermögen hat und seine Leidenschaft anstatt mit mir mit einer seiner Maitressen ausleben wird!

Und was war mit ihren eigenen Gefühlen?

„Ich habe mir Mühe gegeben, Euch beim Tanz einigermaßen geschickt zu begegnen“, sagte Robert.

„Ihr macht das auch ganz ausgezeichnet,... Robert!“

„Ist das nicht sehr gewagt, mich so zu nennen?“

„Ich habe beschlossen, etwas zu riskieren.“

„Es wäre mir ein Vergnügen, Marie!“

„Mir auch.“

Ihrer beider Blicke trafen sich und schien für einen Augenblick zu verschmelzen.

„So erweist Ihr mir Eure Gunst?“, fragte Robert schließlich.

Marie de Perrin lächelte „Das wäre nun wirklich etwas verfrüht. So weit sind wir noch lange nicht.“

„Ihr scheint es zu genießen, wenn Euch ein Kavalier den Hof macht.“

„Steht mir das nicht zu, Monsieur?“

„Gewiss steht Euch das zu – einer Frau, die so schön und charmant ist und von der ein einziger Blick reicht, um einen Mann vollkommen willenlos zu machen.“

Marie lachte. Sie lachte so laut, dass einige der umstehenden Festteilnehmer sich bereits umdrehten. Arielle de St.Clair steckte bereits mit ein paar anderen Hofdamen die Köpfe zusammen und begannen zu tuscheln. Versailles war eine einzige Gerüchteküche.

Aber Marie wusste aus eigener Erfahrung, dass selten so heiß gegessen wurde, wie die Gerüchteköche es angerichtet hatten.

„Ihr übertreibt, Robert!“, sagte sie und strahlte ihn dabei an.

„Aber eins muss man Euch lassen, Ihr könnt Süßholz raspeln wie kaum ein Zweiter. Und seid ehrlich: In der Bretagne könnt ihr das wohl kaum gelernt haben.“

„Vielleicht habt ihr ein falsches Bild meiner Heimat“, sagte Robert. „Es gibt dort durchaus nicht nur einfache Fischer und Dörfer die aussehen, als wären sie von der Zeit vergessen worden, sondern auch ein paar schöne Chateaux.“

„Ich bin beeindruckt. Nicht von der Bretagne – da soll vor allem das Wetter grässlich sei, was für mich schon ein Grund ist, niemals dorthin zu reisen, sondern von Euch. Denn Ihr malt sie einem in so strahlenden Farben, dass man fast geneigt sein könnte, alles zu vergessen, was man über dieses Land weiß.“

„Zu wissen glaubt...“

„Wie auch immer, Robert!“

Robert nahm ihre Hände und der Blick, mit dem er sie bedachte, ging Marie durch und durch. Ein Augenblick, der ruhig eine Ewigkeit dauern dürfte!, ging es Maie durch den Kopf.

Doch dieser Moment wurde jäh unterbrochen. Ein Geräusch, dass nach einem zu Boden geworfenen Mehlsack klang, durchdrang den Raum.

Das Orchester hörte auf zu spielen, der Kapellmeister vergaß das Dirigieren und ein Aufschrei ging durch den Saal, gefolgt von einem Raunen.

„Der König!“, riefen mehrere Stimmen gleichzeitig. „Was ist mit dem König?“

Robert de Goénèc ließ Marie los.

Er schritt mit energischen Schritten durch den Raum. Eine Gasse wurde für ihn gebildet.

Der König lag am Boden. Er hielt sich den Leib. Bei ihm waren seine langjährige Haupt-Maitresse, die Madame de Montespan sowie sein Leibarzt. Vom gepuderten Gesicht Ludwigs XIV. war kaum etwas zu sehen, da das lange, gelockte Haar alles verbarg.

„Mein König“, stieß Robert hervor.

„Gut, dass Ihr da seid, Monsieur de Goénèc!“, murmelte Ludwig. Er verzog das Gesicht und erbrach sich auf den glänzenden Parkettboden.

„Es muss etwas im Essen gewesen sein“, stellte der Leibarzt fest. „Ich schlage vor, dass wir Euch zur Ader lassen, Majestät!“

„Das einzige Mittel, das Eure Medizin kennt!“, stellte Robert de Goénèc mit leichtem Spott im Tonfall fest.

„Habt Ihr an meiner Heilkunst etwas auszusetzen?“, erwiderte der Leibarzt. „Wenn es so ist, so kommen diese Einwände aus unqualifiziertem Mund.“

Der König hob die Hand. „Lasse es gut sein, Goénèc! Ich weiß Eure Besorgnis zu schätzen. Wahrscheinlich wird es mir tatsächlich gut tun, wenn ich zur Ader gelassen werde.“

„Ich hätte da auch noch ein höchst wirksames Pulver, das gegen Verstimmungen des Magens sehr wirksam sein soll“, berichtete der Leibarzt. „Es kommt aus Ägypten und besteht aus zerkleinerten Mumien...“

„Das klingt nicht gerade appetitlich“, bekannte der König.

„Aber dieses Mittel ist bereits seit den Kreuzzügen als wirksame Arznei bekannt. Mehreren Päpsten wurde damit das Leben gerettet.“

„Und wie vielen hat es das Leben gekostet?“, fragte Robert de Goénèc scharf.

„Es ist schon in Ordnung, Goénèc!“, schritt der König ein. „Ich vertraue meinem Arzt.“ Er ließ sich aufhelfen und tat dann kund, sich zum Aderlass zurückziehen zu wollen.

*

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ROBERT DE GOÉNÈC KEHRTE zu Marie zurück, die ihn fragend ansah.

„Was ist geschehen? Ein Anschlag auf den König?“

„Ja – oder ein schlampiger Koch der verdorbenes Essen zubereitet hat. Aber das wird herauszufinden sein.“

„Von Euch, Monsieur de Goénèc?“

„War ich nicht bereits Robert für Euch?“

„Ihr weicht meiner Frage aus.“

„Wir können hier nicht darüber reden“, sagte Robert.

„Dann gibt es vielleicht einen verschwiegeneren Ort, an dem wir das könnten...“

„Habt Ihr einen Vorschlag, Marie?“

„Zum Beispiel mein Gemach, Monsieur. Ich freue mich auf weitere Unterhaltungen mit Euch...“

„Dieser Palast ist wie eine kleine Stadt. Wo befindet sich Euer Gemach?“

„Ihr werdet es sicher herausfinden...“ Marie ließ ein Taschentuch fallen und rauschte mit ihren Reifröcken davon.

Robert hob das Tuch auf. Ein erwartungsvolles Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

*

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ICH HABE EUCH MIT dem jungen Goénèc gesehen, Mademoiselle“, sprach Arielle de St.Clair Marie an als sie diese in einer der Wandelhallen des Palastes antraf. „Leugnet nicht, dass Ihr ein gewisses Interesse an ihm habt. Schon die Szene im Irrgarten sprach für sich...“

„Nun, ich will weder etwas leugnen, noch bestätigen.

Allerdings frage ich mich, weshalb Ihr mich darauf ansprecht“, erwiderte Marie. Sie fragte sich außerdem, ob es vielleicht sein konnte, dass Arielle de St.Clair ein ganz eigenes Interesse an Robert de Goénèc entwickelt hatte. Zumindest war Marie jetzt sehr hellhörig geworden.

„Ich möchte Euch nur einen Rat von Frau zu Frau zu geben.

Falls Ihr es gestattet.“

„Dann wisst Ihr mehr über das Geheimnis, dass Robert de Goénèc umgibt?“

„Über den Auftrag, den er vom König erhielt? Nein. Bei dem entscheidende Gespräch waren tatsächlich nur Ludwig und Robert anwesend....“

„Ihr nennt ihn Robert“, stellte Marie stirnrunzelnd fest.

Sie hob die Hände. „Oh, kein Grund zur Besorgnis Eurerseits.

Ich habe nicht vor, mit Euch in Konkurrenz zu treten, da ich momentan in Liebesdingen – wie soll ich mich da ausdrücken? –ganz andere Ziele verfolge.“

Marie fragte sich, ob diese Bemerkung und die Tatsache, dass Arielle Robert beim Vornamen genannt hatte, vielleicht nichts weiter als eine versteckte Bosheit war, um in ihr Zweifel zu säen und letztlich ihr Glück zu verhindern. Dass Arielle eine geschickte Spielerin auf der Klaviatur der Intrige war, hatte sie nicht nur einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Einen Augenblick überlegte Marie, ob sie Arielle brüsk zurückweisen sollte, um ihr von Anfang an klarzumachen, dass Marie keineswegs die Absicht hatte, eine Marionette in Arielles Intrigenspielen abzugeben.

Aber dann entschied sie sich doch dagegen.

Die Neugier war einfach stärker als die Vorsicht.

„Nun, da Ihr mir die Höflichkeit Eures Ratschlags erweist, so nehme ich diese Gunst gerne entgegen“, sagte sie.

Arielles Lächeln wirkte aufgesetzt.

In ihren Augen glitzerte es kühl – und Marie entging das keineswegs. „Nun, wenn ich das richtig sehe, so möchtet ihr, dass dieser Robert de Goénèc sich für Euch entflammt.“

„Da Ihr schon alles zu wissen scheint – wozu braucht Ihr noch meine Antwort?“, entgegnete Marie mit einer Gegenfrage. Sie verbarg die untere Hälfte ihres Gesichts mit dem Fächer.

„Möchtet Ihr, dass er sich dauerhaft für Euch begeistert?“

„Welche Frau wollte das nicht?“

„Dann solltet Ihr Euch nicht ausschließlich auf Eure –zugegebenermaßen üppig vorhandenen – weiblichen Reize verlassen, sondern die Hilfe des Übernatürlichen in Anspruch nehmen.“

„Wie bitte? Habe ich das richtig verstanden?“, fragte Marie empört.

„Ihr seid lange genug hier, um zu wissen, dass auf Versailles der Glaube an die Macht der Hexerei so weit verbreitet ist wie der Glaube an die katholische Kirche und alle möglichen magischen Hilfsmittel verwendet werden, um der Natur etwas nachzuhelfen.

Vor allem in Liebesdingen. Ich kann Euch da ein paar Rezepte empfehlen, die dem ersten Anschein nach sehr unappetitlich sind, aber...“

„Danke, aber da vertraue ich doch lieber der Natur.“

Arielle musterte Marie von oben bis unten und lächelte spöttisch. „Wie ich sehe, pudert Ihr Euch und helft der Natur auch in anderer Weise an der einen oder anderen Stelle ein wenig nach –ich hoffe, ich darf das sagen, ohne dass Ihr es als beleidigend empfindet? Aber wozu über etwas schweigen, das doch so offensichtlich ist und außerdem der allgemeinen Praxis entspricht?“

„Ich danke Euch für Euer freundliches Angebot, Arielle. Aber ehrlich gesagt, bin ich nicht an einem Mann interessiert, der nur nach dem Genuss irgendeiner abscheulichen Tinktur Verlangen nach mir verspürt – einer Tinktur, die ich ihm zuvor noch auf irgendeine Weise ins Essen mischen muss.“ Marie schüttelte entschieden den Kopf. „Das ist nicht für mich.

Arielle lächelte.

„Eigenartig...“

„Was ist eigenartig?“, fragte Marie zurück.

„Ich scheine Euch falsch eingeschätzt zu haben. Irgendwie habe ich gedacht, Ihr wärt ehrgeiziger.“

„Ich habe nicht den Ehrgeiz die Maitresse des Königs zu werden, wenn Ihr das meint. Und wie man weiß ist diese Position ja im Moment auch besetzt.“

Arielle lächelte etwas säuerlich. „Es werden immer wieder und überall Plätze frei, Mademoiselle. Und außerdem muss das Ziel des Ehrgeizes ja auch nicht gleich der König sein.“

*

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ES WAR SCHON WEIT NACH Mitternacht, als es an der Tür von Maries Gemach klopfte.

„Herein“, sagte sie.

Die Tür wurde geöffnet. Robert de Goénèc stand vor der Tür.

Marie saß auf einem Diwan, der zu zwei Dritteln von ihren Reifröcken besetzt wurde.

„Ein begabter Maler würde ein Meisterwerk schaffen, wenn Ihr ihm so Modell sitzen würdet“, sagte Robert und reichte ihr das Taschentuch, das sie zurückgelassen hatte.

„Ihr schmeichelt.“

„Ich schmeichele keiner, die es nicht verdienen würde!“

Er nahm ihre Hand und küsste sie.

„So habt Ihr mein Gemach gefunden. Ihr seid gut informiert, Robert.“

„So werden wir Geheimnis um Geheimnis voneinander erfahren!“

Marie lächelte. Sie erhob sich. „Ihr scheint es kaum erwarten zu können...“

„Ist meine Ungeduld so offensichtlich?“, fragte Robert de Goénèc.

„Das ist sie. Aber ich muss euch sagen, dass ich sie teile...“

Sie standen jetzt sehr nahe beieinander. Ihre Blicke verschmolzen miteinander. Weiche Schatten tanzten im flackernden Kerzenlicht auf Roberts Gesicht und umschmeichelten die Linien seiner Züge. Ein Lächeln spielte um seinen Mund.

Marie schluckte.

Hatte sie auf diesen Augenblick nicht sehnsuchtsvoll gewartet?

Jetzt wollte sie ihn voll auskosten und genießen. Robert berührte zärtlich ihre Taille und zog sie zu sich heran. Ihrer beider Lippen trafen sich zu einem Kuss voller Leidenschaft. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und seine Schultern.

„Mon dieu“, hauchte sie, während Robert mit seinen Küssen ihren Hals entlangfuhr. „Hört nicht auf damit, Robert!“

Er begann damit, die Verschnürungen Ihres Mieders zu lösen.

Marie ließ die Röcke zu Boden gleiten und streifte Robert den Rock über die Schultern, dem gleich darauf auch das Hemd folgte.

Er blickte wohlgefällig an ihr herab und sagte: „Ich muss sagen, dass die Enthüllung von Geheimnissen nur selten so viel Vergnügen bereitet, wie in diesem Moment...“

„Diese Empfindung teile ich, Robert!“ Sie strich mit der Hand zärtlich über seine Schultern und Arme. In seinen Augen las sie pures Verlangen. Ihr Herz schlug wie rasend, als sie auf den Diwan sanken und sich voll ungeduldiger Leidenschaft einer ersten, innigen Verreinigung hingaben. Atemlos fühlte Marie einen Sturm der Leidenschaft durch ihren Körper rasen, der schließlich gestillt wurde.

Doch nur für einen Moment.

Sie lösten sich voneinander. Marie nahm seine Hand und zog Robert mit sich zu dem breiten Bett, das inmitten ihres Gemachs stand. Doch ehe sie dort niedersanken, bedeckte Robert ihren Hals und ihre Schultern erneut mit leidenschaftlichen Küssen.

„Was sagt Ihr zu den Geheimnissen, die Ihr erkundet habt?“, hauchte sie.

„Mon amour, ich bin überwältigt.“

„Das solltet Ihr auch sein Robert!“

Ihre Körper schmiegten sich voll neu erwachendem Verlangen aneinander.

*

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DIE GANZE NACHT HINDURCH waren sich Marie de Perrin und Robert Goénèc in Leidenschaft und Zärtlichkeit zugetan, bis sie schließlich völlig erschöpft in seinen Armen einschlief.

Es war bereits kurz vor Sonnenaufgang, als Marie erwachte und bemerkte, dass das Bett neben ihr leer war.

Robert de Goénèc hatte sich bereits angekleidet und war gerade damit beschäftigt, sich den breiten, schärpenartigen und über der Brust getragenen Gürtel anzulegen, an dem sein Degen hing.

Nun bemerkte er, dass Marie erwacht war und ihm schon einige Augenblicke lang mit einem versonnenen Lächeln zusah.

„Ich hoffe, ich habe nicht Euren Schlaf gestört, Mademoiselle“, sagte er.

„Jedenfalls nicht auf eine Weise, die ich nicht begrüßt hätte, Robert!“

„Dann bin ich ja froh.“

„Ich wünschte, Ihr könntet noch hier bleiben.“

„Das wünschte ich mir auch – doch ein Tag voller Aufgaben wartet auf mich.“

„Aufgaben, die mit dem geheimnisvollen Auftrag Eures und unser aller Königs zu tun haben?“, fragte Marie mit einem koketter werdenden Lächeln auf den Lippen.

Robert hob die Augenbrauen.

„So ist es, Marie.“

„Dann könnt Ihr mir vielleicht, bevor Ihr geht, noch berichten, welche Fortschritte Eure Bemühungen inzwischen gemacht haben, eine Einheit von dem König treu ergebenen Geheimpolizisten aufzustellen, die das Verbrechen im nahen Paris bekämpfen sollen...“

Robert de Goénèc erstarrte.

Er sah sie vollkommen perplex an.

Damit hatte er nicht gerechnet.

Marie setzte sich im Bett auf. „Ihr seid überrascht? Wir sprachen über das Entschlüsseln von Geheimnissen und nicht nur Ihr seid darin ein Meister!“

Sein Gesicht veränderte sich. „Wie habt Ihr herausbekommen, was, dass...“

„...dass der König Euch offenbar im Moment, was seine persönliche Sicherheit angeht, mehr vertraut, als der Garde seiner königlichen Musketiere, seinen Leibwächter oder diesem polnischen Leibarzt, der sich Korzeniius nennt, weil er es très chic findet, einen latinisierten Namen zu tragen, anstatt sich Korzeniowski zunennen, wie er bei seiner Geburt hieß?“

Robert de Goénèc atmete tief durch. „Ja, genau davon spreche ich“, nickte er.

„Ich habe so meine Quellen...“

Sein Tonfall wurde jetzt sehr ernst. Was Marie als eine Koketterie gemeint hatte, schien Robert nun absolut nicht als einen Spaß auffassen zu können. „Ihr müsst in dieser Frage ehrlich zu mir sein und mir sagen, über wen Ihr diese Dinge in Erfahrung bringen konntet. Denn das bedeutet, dass die Sicherheit des Königs vielleicht noch sehr viel stärker bedroht ist, als es selbst meinen schlimmsten Befürchtungen entspricht. Es gibt schließlich viele, die ein Interesse daran haben, seine Majestät früher als die Natur es will ableben zu lassen. Der Papst, die Habsburger und ein Heer von ausgemusterten Maitressen, deren Familien dem vergangenen Einfluss nachtrauern, den sie auf die Politik des Königs und vor allem die Verteilung einträglicher Ämter nehmen konnten.“

Marie erhob sich vom Bett und trat ihm entgegen. „Beruhigt Euch, Robert. Ich wollte Euch necken, daher redete ich unbedacht daher.“

„Und doch wusstet Ihr von meinem Auftrag. Woher?“, hakte Robert de Goénèc nach, der keineswegs bereit war, sich damit zufrieden zu geben.

„Ich versichere Euch, die Sicherheit des Königs ist nicht in Gefahr, mon amour.“

„Dann nennt mir Eure Quelle“, verlangte Robert noch einmal und noch sehr viel unmissverständlicher.

Marie seufzte. „Gerade noch hattet Ihr soviel weiche, anschmiegsame Sinnlichkeit in Euch. Ihr wart erfüllt von zärtlichem Verlangen – und jetzt hat Euch die Aufgabe schon wieder fest im griff, die Euch unser aller Monarch gestellt hat.“

„Das mag so sein“, gab Robert zu. „Was meinen Gefühlen für Euch im Übrigen nicht den geringsten Abbruch tut. Ich habe auch nicht vor, der Person, von der ihr diese Informationen erhalten habt, in irgendeiner Form Schwierigkeiten zu bereiten. Aber es wäre für mich ein weiterer Hinweis darauf, dass es in diesem Palast Machteinflüsse gibt, die nicht zu kontrollieren sind und jedes Geheimnis früher oder später zu den Feinden seiner Majestät tragen.“

Marie schüttelte den Kopf. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. Das verfehlte nicht seine Wirkung, wie Marie beruhigt feststellte. Ihrer beider Lippen fanden sich zu einem Kuss, der die Erinnerungen an die letzte Nacht in ihnen beiden wieder in Erinnerung rief.

Seufzend lösten sie sich schließlich voneinander.

Marie atmete tief durch.

„Ich muss darauf dringen, dass Ihr mir nicht nur die Geheimnisse Eurer Seele und Eures Körpers, sondern auch das von Eurer Informationsquelle offenbart, Mademoiselle“, beharrte Robert schließlich. „Andernfalls könnten die Folgen für uns beide verheerend sein.“

„Ihr habt Angst, in Ungnade zu fallen?“

„Ich wäre nicht der erste.“

Marie atmete tief durch. „Gut. Ich will den Mann, dem ich in Liebe und Leidenschaft verbunden bin, nicht auf diese Art weiter foltern.“

„Das ist großzügig, Mademoiselle!“

„Ihr kennt den stellvertretenden Kommandanten der königlichen Musketiergarde.“

Robert nickte. „Das ist Ferdinand de Beaufort.“

„Er ist mein Großcousin. Wir wuchsen zusammen auf und da er ein paar Jahre älter als ich ist, war er für mich so etwas wie ein großer Bruder, wenn ihr versteht, was ich meine.“

Robert ballte die Hände zu Fäusten. „Wie hat er mitbekommen können, wie der König mir diesen Geheimauftrag gab?“ fragte er laut.

Marie zuckte mit den Schultern. „Ich nehme an, er war zugegen, ohne dass Ihr davon etwas mitbekommen konntet.

Vielleicht verbarg er sich hinter einem Vorhang oder dergleichen.“

„Das hieße, er hätte gelauscht!“

„Nein“, widersprach Marie mit allem Nachdruck. „Ferdinand würde so etwas nicht tun, wenn er nicht den ausdrücklichen Befehl des Königs hätte. Ihm gehört seine absolute Loyalität. Aber vielleicht vertraut Euch der König nicht ganz so exklusiv, wie Ihr geglaubt habt, Robert.“

„Ja, das wäre möglich...“

„Übrigens möchte ich nicht verhehlen, dass es Ferdinand überhaupt nicht gefällt, dass sich außer ihm und seinen Musketieren noch jemand um die Sicherheit des Hofs kümmert.“

Robert hob die Augenbrauen. „Möglicherweise traut der König uns beiden nicht absolut. Aber das ist sein gutes Recht und vielleicht sogar ein Gewinn an Sicherheit.“

„So kann man das auch interpretieren, Monsieur.“

Robert gab ihr einen letzten Kuss und wandte sich dann in Richtung Tür.

„Wisst Ihr übrigens, dass Arielle de St.Clair mir empfahl, Euch mit magischen Tinkturen willenlos zu machen?“, fragte Marie.

„Ich scheine noch nicht lange genug in Versailles zu sein, um bereits in alles eingeweiht zu werden, was hinter den Kulissen dieser königlichen Bühne so abläuft...“

Robert lächelte mild. „Nicht alles davon ist sehr appetitlich, Marie.“

„Das habe ich inzwischen auch erfahren“, nickte sie.

„Vertraut in meinem Fall besser auf Eure Anziehungskraft als Frau, anstatt auf die magische Wirkung irgendwelcher unaussprechlichen Mixturen. Ein verdorbener Magen, wie er im Moment unseren König plagt, macht nicht unbedingt einen hingebungsvollen Liebhaber.“

„So ist mit dem König genau dies geschehen?“, erkundigte sich Marie.

Robert bestätigte dies. „Vermutlich ja. Und es wäre auch nicht der erste Versuch, ihn mit okkulten Praktiken zu beeinflussen.“

*

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IN DEN NÄCHSTEN TAGEN sahen sich Robert de Goénèc und Marie de Perrin fast täglich.

Nur dann, wenn Robert seine Pflichten ihn in die nahe Stadt Paris riefen oder es wichtige Missionen gab, die er anderswo im Reich des Sonnenkönigs zu erfüllen hatte. Aufträge, die natürlich streng geheim waren und über die er auch Marie gegenüber nicht ein Sterbenswörtchen verlor. Marie drang in dieser Hinsicht allerdings auch nicht weiter in ihn. Sie wusste sehr wohl, dass dies sinnlos war.

Es reichte schon, dass sie mit Hilfe ihres Großcousins Ferdinand de Beaufort erfahren hatte, was Roberts eigentliche Aufgabe war.

Dass es auch für sie selbst besser war, nicht all zuviel über die Einzelheiten zu erfahren, sah sie durchaus ein.

Die Nächte verbrachten sie in Maries Gemach. Marie lebte wie in einem Rausch der Sinne.

Arielle de St.Clair suchte immer wieder den Kontakt zu ihr, um sie auszufragen. Doch Marie blieb recht reserviert.

„Ihr scheint Euer Glück diskret zu genießen, was Euer gutes Recht ist“, sagte sie während eines Spazierganges in den Gärten, den Marie allein unternahm, da Robert de Goénèc für den König in wichtiger Mission für ein paar Tage unterwegs war. Wohin genau es ging, hatte er nicht erwähnt, nur dass er zwei oder drei Tage nicht in Versailles sein würde.

„Nun, ich bin nicht daran interessiert, mein Glück überall herauszuposaunen, zumal ich mich vorsehen muss“, sagte sie.

„Schließlich ist mein Großcousin Ferdinand Hauptmann bei den Musketiers und sollte er mein Verhältnis mit Monsieur de Goénèc nach Hause melden, wäre meine Familie alles andere als erbaut davon.“

„Mademoiselle, Ihr glaubt doch nicht im ernst, dass dies nicht längst bis zu Eurem Großcousin durchgedrungen ist! Ihr scheint keine Vorstellung davon zu haben, wie schnell sich Neuigkeiten hier verbreiten. Vielleicht redet Ihr auch zu wenig mit gut informierten Personen...“ Ein aufgesetztes Lächeln erschien dabei auf Arielles Gesicht.

„Ihr meint vermutlich Euch selbst damit“, stellte Marie fest.

„Ich höre hier das Gras wachsen, Marie! Und das solltet Ihr auch tun.“

Marie lächelte. „Und hin und wieder nehmt ihr gewiss auch die Hilfe übernatürlicher Orakel zu Hilfe, habe ich recht?“

„Ich lade Euch gerne zu einer der Seancen ein, die ich mit ein paar Freundinnen abhalte...“ Sie hob die Augenbrauen und wartete auf eine Antwort.

Marie war jedoch im ersten Moment zu sehr schockiert, um auch nur einen einzigen Ton hervorbringen zu können. Sie wedelte sich mit dem Fächer etwas Luft zu, denn auf einmal hatte sie das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zukönnen.

Natürlich hatte Marie von diesen in ihren Augen heidnischen und mit dem katholischen Glauben nicht zu vereinbarenden Praktiken gehört, die in Versailles offenbar hinter den Kulisse gang und gäbe waren. Aber ihrer Meinung nach bedeutete die Einnahme einer magischen Arznei einen weit weniger starken Verstoß gegen die Gebote des Herrn als eine Seance.

„Haltet Ihr auch...“ Marie stockte. „Ich wage es kaum zu fragen“, brach sie schließlich ab und musste unwillkürlich schlucken.

„Ob wir schwarze Messen abhalten?“

„Ja.“

„Wie ich sehe, sind Gerüchte nicht aufzuhalten. Und in ihnen allen ist auch ein wahrer Kern.“

„So gehört Ihr zu denen, die dem Satan dienen?“

Arielle St.Clair widersprach sie ihr. „Nein, wir dienen ihm nicht – ich jedenfalls ganz bestimmt nicht. Aber ich bediene mich seines Beistandes, so wie ich mich auch des Beistandes unseres Herrn Jesus Christus oder eines einflussreichen Ministers bedienen würde.“ Arielle seufzte. „Oh, Marie, was seid Ihr nur für ein naives Geschöpf. Ihr müsst in größter Abgeschiedenheit von der Welt aufgewachsen sein und es ist auf eine gewisse Weise bewundernswert, wie gut es Eure Eltern verstanden haben, die Reinheit Eurer Seele zu bewahren. Aber das Leben spielt nach anderen Regeln. Und das Leben hier in Versailles folgt wiederum Regeln, die sich noch viel mehr von allem unterscheiden, was es sonst auf der Welt geben mag.“ Sie kicherte. „Ich hoffe, Ihr brecht jetzt nicht den Kontakt mit mir – einer zumindest gelegentlichen Teufelsanbeterin – ab!“

„Nein, das nicht!“

„Bedenkt, dass Ihr mir immerhin zugute halten müsst, dass ich keine Protestantin bin, Marie, was doch zweifelsohne sehr viel schlimmer wäre! Und bedenkt des Weiteren, dass unser allerkatholischster König sich nicht scheut, im Verbund mit den Türken gegen die Habsburger Krieg zu führen. Was kann es da so schlimm sein, sich doppelt abzusichern und sich gleichzeitig des Beistandes Gottes und anderer Mächte zu versichern?“

„Das mag Eure Ansicht sein, Mademoiselle de St.Clair. Aber ich fürchte, dass ich sie nicht ganz teilen kann.“

„Marie, ich war von Anfang an bestrebt, Euch als Freundin zu gewinnen, denn Ihr scheint mir eine diskrete Art zu haben, die es einem erleichtert, Geheimnisse mit Euch zu teilen. Und so will ich Euch jetzt auch den wahren Grund dafür nennen, dass ich Euch aufsuche.“

Die ganze Zeit schon hatte Marie das Gefühl gehabt, dass alles das, was Arielle de St.Clair ihr bisher gegenüber geäußert hatte, nichts weiter, als die Ouvertüre für ihr eigentliches Anliegen war.

„Ich muss Euch warnen, Mademoiselle – und zwar ganz eindringlich“, flüsterte sie im Ton einer Verschwörerin.

„Warnen?“, fragte Marie. „Aber wovor denn?“

„Der Stern von Robert de Goénèc sinkt.“

„Woher wollt Ihr das wissen?“

„Ich weiß es aus sicherer Quelle. Und diese Quelle ist die Madame de Montespan.“

Madame de Montespan war zwar schon seit Jahren nicht mehr die aktuelle Favoritin des Königs, aber offiziell immer noch seine Maitresse en titre. Im Palast bewohnte sie ein eigenes Haus, in dem der König täglich mehrere Stunden verbrachte, während ihre gemeinsamen und inzwischen für die Thronfolge legitimierten Kinder in einem weiteren Gebäude von der vermutlichen Nachfolgerin und gegenwärtigen Favoritin, der Marquise de Maintenon aufgezogen wurden.

Dennoch war die Madame de Montespan nach wie vor eine der einflussreichsten und bestinformierten Personen am Hofe.

„Ihr habt engeren Kontakt zur Madame de Montespan?“, fragte Marie verwundert, denn sie hatte beide bei Hofe nie zusammen gesehen. Aber da der Stern der Montespan schon seit längerem im Sinken begriffen war, konnte das nur von Klugheit zeugen.

Schließlich galt es ja auch, sich mit der Nachfolgerin zu arrangieren.

Arielle wirkte auf einmal recht nervös. „Ihr wisst vielleicht, dass gegen die Madame de Montespan schon seit Jahren wegen versuchten Giftmordes ermittelt wurde.“

„Ja, aber bislang doch ohne Ergebnis.“

„Weil es kein Ergebnis geben sollte“, erwiderte Arielle. „Es wäre eine Belastung für die Kinder des Königs, wenn offiziell würde, dass dessen Maitresse en titre versucht hat, den König mit Hilfe einer Giftmischerin zu ermorden. Und im Übrigen scheint der König ja auch ein großes Herz zu haben und sich wieder ganz gut mit Madame de Montespan zu verstehen.“

„Ich verstehe immer noch nicht, was das mit Robert zu tun haben soll?“

„Er scheint in dieser Sache ermittelt zu haben. Vielleicht sogar im Auftrag des Königs. Darüber gibt es verschiedene Meinungen.

Jedenfalls fand er zuviel heraus und das ist für einige hier am Hof ziemlich gefährlich.“

„Für die Madame de Montespan?“

„Nicht nur für die. Sie müsste mit Sicherheit damit rechnen, jetzt vom Hof verbannt zu werden und sogar den Kontakt zu ihren Kindern zu verlieren. Aber auch einigen Ministern wie Colbert und dem Hauptmann der Musketiers sagt man nach, dass sie geholfen hätten, die Giftaffäre zu vertuschen und dass sie jetzt absolut nicht erbaut darüber sein können, dass jemand weiter in der Sache herumstochert.“

„Ich werde mit Robert reden.“

Arielle de St.Clair nickte. „Tut das, Mademoiselle. Wenn es nicht sogar schon zu spät ist...“

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MARIE DE PERRIN VERSUCHTE Robert de Goénèc zu finden, doch sie bekam nur die Auskunft, er sei in offizieller Mission zur spanischen Grenze unterwegs. Marie wunderte sich allerdings darüber, dass er ihr gegenüber von seiner bevorstehenden Abwesenheit nichts erwähnt hatte. Eigentlich entsprach das nicht seiner Art und da sie sich zuletzt gar nicht oft genug hatten treffen können und eigentlich sogar für den Abend verabredet waren, erstaunte dies die junge Frau umso mehr.

Über die Dauer der Abwesenheit des Monsieur de Goénèc konnte ihr ebenfalls niemand was sagen, was ihr Erstaunen noch vergrößerte.

Normalerweise war ihr dies immer angekündigt worden.

Am nächsten Tag fand eine der zahllosen Jagden statt, an denen der ganze Hof – auch die Damen - teilzunehmen pflegten.

Das Wetter war schön und es hätte normalerweise auch für Marie keinerlei Ausrede gegeben, die es ihr gestattet hätte, daran nicht teilzunehmen. Selbst der mit Schmuck überladene, auf stelzenhaft hohen Absätzen dahinschreitende Prinz Philippe, der mit Charlotte von der Pfalz leidlich glücklich verheiratete Bruder des Sonnenkönigs, von dem bekannt war, dass er sich mehr zu jungen Männern als zu seiner eigenen oder irgendeiner anderen Frau hingezogen fühlte, musste daran teilnehmen, obwohl dabei stets die Gefahr bestand, dass er sich seine edlen Gewänder ruinierte.

Marie gab vor krank zu sein und bat darum, sich in ihre Gemächer zurückziehen zu dürfen. Erstaunlicherweise nahm daran niemand Anstoß.

Noch erstaunlicher war, dass ihr Großcousin Ferdinand de Beaufort, seines Zeichens stellvertretender Hauptmann der Musketiers, sie dort aufsuchte.

„Ferdinand! Du bist nicht auf der Jagd!“

„Nein, ich habe mich exklusiv um die Bewachung des Schlosses zu kümmern. Zumindest konnte ich es so einrichten, so dass wir uns unterhalten und dabei relativ sicher sein können, dass man uns nicht belauscht.“

Marie hob die Augenbrauen und sah Ferdinand fragend an.

„Was um alles in der Welt ist so wichtig, dass du dafür den Dienstplan deiner Musketiers so manipulierst, dass dir eine Jagd entgeht – denn ich weiß, dass du daran immer große Freude hattest.“

Ferdinand – ein großgewachsener Mann mit stolzem Profil und dünnem Oberlippenbart – lächelte verhalten. Dann kam er gleich zur Sache.

„Es geht um deine Affäre mit dem jungen Goénèc. Leugne es nicht - auch wenn ihr euch überlegt habt, sie nicht gerade an die große Glocke zu hängen, so wissen doch inzwischen mehr Menschen darüber Bescheid, als ihr ahnt.“

Marie seufzte. „Willst du meine Familie gegen diese Verbindung aufbringen? Nur zu, es ist sicher nichts leichter als das. Aber...“

„Nein, nein. Keine Sorge, darum geht es nicht. Die Sache ist von viel größerer Brisanz, als du dir vorzustellen vermagst.“

„Soweit ich weiß, ist Robert de Goénèc zurzeit auf offizieller Mission in den Diensten des Königs an der spanischen Grenze.“

„Ja, das ist die offizielle Version“, bestätigte Ferdinand. „Aber nicht die Wahrheit...“

Marie schluckte. Irgendetwas sehr Schreckliches musste geschehen sein. Ferdinand kannte sie schließlich von Kindesbeinen an und sie hatte ihn nie so ernst dreinblicken sehen.

Es schien ihm wirklich sehr ernst zu sein.

„Was ist denn die Wahrheit?“, fragte sie schluckend. „Ist ihm etwas geschehen?“

„Robert de Goénèc wurde gestern verhaftet“, berichtete Ferdinand. „Ich selbst habe diese Verhaftung durchgeführt. Der König schickte ihn in einer fingierten Mission los und ich fing ihn mit einem Trupp Bewaffneter ab.“

„Wo ist Robert jetzt? Was geschieht mit ihm?“, fragte Marie.

Ihr Herz raste. Der Gedanke daran, dass der geliebte Mensch jetzt womöglich in einem finsteren Kerker schmachtete, raubte ihr schier den Verstand. Der Gedanke allein schon war ihr unerträglich.

„Keine Sorge, Marie, es geht ihm gut. Zumindest den Umständen entsprechend, was in erster Linie heißt, dass er am Leben ist. Aber du wirst ihn nie wieder sehen.“

„Was?“

„Es ist das Beste, du findest dich damit ab, Marie. Schlag ihn dir aus dem Kopf. Er wird den Boden Frankreichs nicht wieder betreten.“

„Das will ich nicht glauben.“

„Tu es besser, denn sonst könnte es sein, dass du in diesen Strudel mit hineingezogen wirst. Um ein Haar wäre das schon geschehen, aber meinem Eingreifen verdankst du es, dass du aus dieser Affäre herausgehalten werden konntest. Andernfalls sähe es jetzt übel aus...“

Marie schüttelte den Kopf. Sie hatte immer noch nicht begriffen, welches Spiel hier im Gang war. Eine üble Intrige offenbar. „Was wirft man Robert vor?“

„Du erinnerst dich daran, dass der König vor kurzem zusammengebrochen ist...“

„Man vermutete schlechtes Essen.“

„Oder eine Vergiftung. In Verdacht geriet Catherine de Roncômps, eine junge Frau, die wohl kurzzeitig die Gunst des Königs genoss und versuchte, ihn mit einem wohl etwas unbekömmlichen Liebeselixier für sich zu entflammen.“

Marie dachte sofort an Arielle de St.Clair, die ihr in Bezug auf Robert de Goénèc einen ganz ähnlichen Vorschlag gemacht hatte.

War sie mittelbar an der Affäre beteiligt? Marie hielt es für mehr als wahrscheinlich, entschied sich aber, darüber zu schweigen.

Selbst gegenüber ihrem Großcousin Ferdinand.

„Aber was um Himmels Willen hat Robert mit alledem zu tun?“

Ferdinand seufzte. „Auf den ersten Blick nicht viel. Und doch reicht es aus, um seine Karriere bei Hof ein für allemal zu beenden

– zumindest so lange, wie dieser König regiert oder sich nicht irgendwelche anderen dramatischen Veränderungen bei Hof ergeben.“

„Du sprichst in Rätseln, Ferdinand! Ich erwarte klare Auskünfte von dir!“

„Gut, die sollst du bekommen“, versprach Ferdinand. „Die gerade erwähnte Favoritin des Königs – Catherine de Rôncomps –ist eine weitläufige Verwandte von Monsieur de Goénèc. Und das allein macht ihn zu einem Sicherheitsrisiko erster Klasse.“

„Aber es kann ihm doch niemand deswegen den Prozess machen!“, empörte sich Marie. „Das wird der König nicht zulassen, davon bin ich überzeugt!

„Wer redet denn von einem Prozess?“, erwiderte Ferdinand.

„Daran kann niemand interessiert sein – und der König am allerwenigsten. Ich habe ihn gestern mit einigen Männern nach LeHavre eskortiert. Dort wurde er auf ein Schiff gebracht, das ihn nach St.Kitts bringt.“

Marie sah Ferdinand mit großen Augen an. Den Namen St.Kitts hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört. Was sollte das sein? Eine Insel im englischen Kanal oder ein einsames Dorf an der französischen Atlantikküste? War das die Maßnahme, die man sich ausgedacht hatte, um den allzu eifrigen Ermittler Robert de Goénèc auszuschalten? Eine Abschiebung in die Provinz?

„St.Kitts ist eine Insel in der neuen Welt, die von der Marine des Königs vor zwanzig Jahren den Engländern abgerungen wurde.

Die Besitzungen dort sind nicht so bedeutend wie die französischen Territorien in Louisiana oder am St.Lorenz-Strom.

Aber ein Teil des Zuckers, mit dem der Hofstaat von Versailles dafür sorgt, dass ihm die Zähne früh schwarz werden, dürfte von dort stammen.“

Für Marie war diese Nachricht wie ein Schlag vor den Kopf.

Sie stand völlig konsterniert da. Ein ganzer Ozean lag zwischen ihr und Robert. Und Ferdinand hatte recht – vermutlich würde er so schnell nicht wieder den Boden des französischen Mutterlandes betreten dürfen.

„Es ist am besten so, Marie. Glaub mir. Und es gibt sicherlich galante Seigneurs genug hier zu Versailles, um dich in nächster Zeit etwas auf andere Gedanken zu bringen und diesen Verlust zu ersetzen.“

Marie schluckte. „Du erwähntest, dass du es warst, der Robert in Gewahrsam genommen und nach LeHavre eskortierte...“

„Das ist richtig.“

„Sei ehrlich zu mir, Ferdinand – es liegt auch in deinem ganz persönlichen Interesse, dass Robert nicht mehr hier am Hof ist!“

„Er ist über das Ziel hinaus geschossen und wurde dadurch gefährlich“, gab Ferdinand zu. „Und ich gebe auch gerne zu, dass es mir nicht besonders angenehm war, dass der König ihn mit derart delikaten Missionen betraute.“

„Weiß er um deine Rolle in diesem Spiel?“

Ferdinands Gesicht wurde finster. „Ich brauchte ihn darüber gar nicht erst aufzuklären. Ein Mann wie er versteht es, eins und eins zusammenzuziehen und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Genau das hat er getan.“

„Dann wird er jetzt gewiss auch den Schluss ziehen, dass ich ein Teil dieser Verschwörung bin!“

Ferdinand druckste etwas herum. Aber Marie kannte ihn schließlich seit der Jugend und wusste, wann er versuchte, etwas vor ihr zu verbergen. Jedem anderen mochte er vielleicht etwas vormachen können – aber nicht ihr.

„Ja, genau diesen Schluss hat er gezogen.“

„Und du hast ihm, hoffe ich, widersprochen?“

Ferdinand schwieg.

Ein Schweigen, das in dieser Situation sehr viel beredter war, als so manches Wort. Der stellvertretende Hauptmann der Musketier-Garde schluckte und schüttelte schließlich den Kopf.

„Nein“, flüsterte er und seine Stimme war dabei belegt und kaum hörbar.

„Wie konntest du mir das antun!“, stieß Marie empört hervor.

„Nicht genug, dass du mich gewaltsam von meinem Geliebten getrennt hast – du hast auch noch sein Herz gegen mich gekehrt, sodass er sich jetzt meiner in einer Weise erinnern wird, die...“

Marie sprach nicht weiter. Tränen glitzerten in ihren Augen und verwischten die Schminke ihres Gesichts. Eine Welt brach für sie in diese Augenblick zusammen. Eine Welt voller Harmonie und Liebe, die sich für sie in den letzten Wochen aufgetan hatte und sie hatte festhalten wollen, so lange es irgendwie ging.

„Ich dachte, es wäre das beste so“, sagte Ferdinand sehr ernsthaft und mit gerunzelter Stirn. „Ich wollte verhindern, dass er dich vielleicht durch Briefe kompromittieren könnte, denn es ist dir vielleicht nicht ganz klar, wie haarscharf du an dieser Katastrophe vorbeigekommen bist.“

Marie schluchzte. Sie war unfähig, darauf noch etwas zu erwidern.

Welch eine größere Katastrophe konnte es denn geben, als dass der Mensch, den sie liebte, von ihr annehmen musste, an einer Intrige gegen ihn beteiligt gewesen zu sein?

*

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1689, ST.KITTS, KARIBIK

„Du wirst doch nicht so töricht sein, ihm nachzureisen!“, hatte Marie die Worte ihres Großcousins Ferdinand noch im Ohr, während sie mit einem überdachten Wagen den zu der etwas oberhalb des Hafens gelegenen Festungsanlage von Basseterre fuhr. Ein Wagen, den ihr Onkel Jean-Baptiste de Montcalm geschickt hatte, sollte sie zur Residenz des Kommandanten der französischen Truppen auf St.Kitts bringen. Vor sechs Monaten hatte Montcalm dieses Kommando bekommen. Und das, was auf den ersten Blick wie eine Ehre aussah – Frankreich in diesem Teil der Welt zu repräsentieren – war in Wahrheit eine Maßnahme, einen verdienten, aber in letzter Zeit durch seine Kritik am Heereswesen zunehmend unbequem gewordenen Offizier kaltzustellen, der mit diesem Kommando am Ende der Welt und einem ansehnlichen Plantagenbesitz abgefunden worden war.

Ein Jahr war es her, seit Marie und Robert so gleichermaßen plötzlich und unfreiwillig getrennt worden waren. Und nun, so hoffte Marie, führte das Schicksal sie vielleicht wieder zusammen.

Nichts wünschte sie sich sehnlicher als das, obwohl sie wenig Hoffnung hatte, dass Robert ihr verzeihen würde. Er musste sie nach den Geschehnissen in Versailles noch immer für eine Intrigantin halten, die mitgeholfen hatte, ihn ins Unglück zu stürzen – ja, dies vielleicht sogar von Anfang an in der Hoffnung auf weitergehende Vorteile beabsichtigte!

Sie hatte sich vorgenommen, es ihm zu erklären.

Sie konnte nur hoffen, dass er ihr glaubte, denn Zeugen konnte sie dafür nicht benennen.

In diesem Jahr war viel geschehen.

Die Übernahme des Truppenkommandos auf St.Kitts durch ihren Onkel ermöglichte es Marie, nach St.Kitts zu fahren. Immer wieder hatte sie beim König um die Erlaubnis dafür ersuchen lassen sich vom Hof zu entfernen, die immer wieder abschlägig beschieden worden war, ohne dass dafür eine Begründung angegeben wurde. Ihr Großcousin Ferdinand hatte sie eindringlich gewarnt, diese Fahrt zu unternehmen, da es sie mit der Verschwörung in Verbindung bringen konnte, deretwegen Robert de Goénèc seiner Zeit in die Karibik verbannt worden war. Die Folge konnte darin bestehen, dass man ihr die Möglichkeit zur Rückkehr nach Versailles verweigerte. Aber diese Rückkehr, so hatte Marie inzwischen für sich entschieden, lag eher im Interesse ihrer Familie, als im Interesse ihres eigenen Glücks. Und so hatte sie sich darüber hinweggesetzt. Nie hätte sie es sich verzeihen können, wenn sie es nicht wenigstens versucht hätte, Robert wiederzusehen und ihm zu erklären, was wirklich geschehen war.

Und so hatte sie ihrem Onkel geschrieben mit der Bitte, sie für die Zeit ihres Aufenthalts zu beherbergen.

Unter welchen Umständen genau Robert de Goénèc auf St.Kitts lebte, davon wusste Marie nichts. Da ihm persönlich nichts vorzuwerfen gewesen war, nahm ihr Großcousin Ferdinand an, dass er ein Amt in der Kolonialveraltung bekam, dass einträglich genug war, um ihm ein standesgemäßes Auskommen zu sichern.

Mehr allerdings auch nicht. In Anbetracht der Umstände sei das jedoch mehr, als man normalerweise erwarten könne und sicher auch nur der besonderen Vertrauensstellung geschuldet, die Robert beim König innegehabt hatte.

Der Wagen fuhr den steil ansteigenden Weg zur Festung hinauf.

Marie war mit so wenig Gepäck unterwegs, dass der Fuhrmann alles mit einer Fahrt hatte mitnehmen können. Marie beobachtete das bunte Treiben am Hafen und in den Gassen von St.Kitts. Dies war eine andere Welt, so empfand sie, und wahrscheinlich passten ihre Kleider, die dem dernière crie von Versailles entsprachen, schon aus klimatischen Gründen gar nicht hier her. Allzu enge Schnürungen und Korsetts raubten eine ja bereits im kühlen Europa den Atem – wie viel mehr unter den tropischen Bedingungen von St.Kitts.

Die Hitze setzte Marie stark zu und sie war froh, als der Wagen endlich das Festungstor passierte und sie sich im relativ kühlen Schatten der mächtigen Mauern befand, die Basseterre gegen einen Angriff von Land oder See schützen sollten.

Ein schwarzer Diener nahm das Gepäck, nachdem der Wagen gehalten hatte. Ein weiterer Diener öffnete ihr die Wagentür. Marie stieg aus und fächelte sich mit dem Fächer etwas frische Luft zu.

Auf den Stufen des Haupthauses, in dem der Kommandant der Garnison von St.Kitts residierte, kam Colonel Jean-Baptiste de Montcalm, um seine Nichte zu empfangen.

„Seid willkommen, Marie, auch wenn es mir ein Rätsel ist, was eine junge Frau in der Blüte ihrer Jahre dazu veranlassen kann, den Hof von Versailles, das Zentrum der zivilisierten Welt, gegen einen Ort wie diesen einzutauschen, an dem einem der Schweiß in Strömen unter der Perücke herläuft!“

„Ich danke Euch für Euer Willkommen“, gab Marie freundlich zurück.

„Ihr müsst mir natürlich alles berichten, was es am Hof für Neuigkeiten gibt. Meistens sind die Neuigkeiten, die wir hier erfahren, bereits hoffnungslos veraltet, ehe sie hier eintreffen.“

„Ich fürchte, das wird in meinen Fall nicht anders sein. Ich soll aber ganz herzlich von meinen Eltern grüßen.“

Montcalm führte Marie ins Haus, dessen bescheidener Luxus natürlich nur ein Abklatsch jenes Glanzes war, den Marie in Versailles kennen gelernt hatte und der ihr dort beinahe schon zur Selbstverständlichkeit geworden war.

Colonel de Montcalm ließ sich ausführlich schildern, was derzeit am Hof für Gerüchte die Runde machten. Insbesondere interessierte ihn der Einfluss einiger Minister auf den König. Viel konnte Marie de Perrin ihm dazu nicht sagen, da sie sich nie für die politischen Zusammenhänge interessiert hatte. Aber der Colonel war selbst mit den geringen Hinweisen schon zufrieden, die man aus den Beobachtungen der jungen Frau gewinnen konnte.

Irgendwann kam Marie dann auf Robert de Goénèc zu sprechen. Sie hatte sich zunächst in dieser Hinsicht zurückgehalten. Ob und wie viel ihr Onkel etwas über ihr Verhältnis zu Robert wusste, war ihr nicht bekannt. Aber im Augenblick war ihr das auch recht gleichgültig.

So fragte sie Montcalm also, was er über einen französischen Edelmann namens Robert de Goénèc zu sagen wisse, der vor gut einem Jahr nach St.Kitts gebracht worden war.

Montcalm zog die Augenbrauen zusammen. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, denn er wollte trotz der Hitze nicht auf eine standesgemäße gepuderte Perücke verzichten, die ein lichter werdendes Haupthaar verbarg und deren Schnürband auf die uniform abgestimmt war. Haltung bewahren in jeder Situation, das war schon immer sein Credo gewesen, wie Marie de Perrin sehr wohl wusste. Ihre Eltern hatten immer voller Bewunderung von ihm gesprochen und bei den Begegnungen, die sie als Kind mit dem Colonel gehabt hatte, war er ihr immer als ein sehr würdevoller Mann erschienen, dessen Vielzahl von Orden sie immer stark beeindruckt hatte.

„Robert de Goénèc? Ja, der war hier in Basseterre.“

„Er war?“, echote Marie. „Heißt das, er ist gar nicht mehr auf der Insel?“

In diesem Moment hatte sie das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Konnte es sein, dass sie um die halbe Welt gesegelt war und die Unannehmlichkeiten einer strapaziösen Seereise auf sich genommen hatte – nur um festzustellen, dass alles umsonst gewesen war und sich der Geliebte gar nicht mehr an jenem Ort befand, der innerhalb des letzten Jahres der Ort ihrer geheimen Sehnsüchte und Träume gewesen war?

Das durfte einfach nicht sein.

Aber ausgeschlossen war es nicht. Schließlich fuhren regelmäßig Schiffe nach Hispaniola oder Louisiana und einigen anderen, weniger bedeutenden Besitzungen des Königs von Frankreich in der Neuen Welt.

„Oh, die Insel hat er nicht verlassen. Vielmehr bekleidete er zunächst ein Amt in der Kolonialverwaltung, aber der Duc de Roquefort hat ihn für die Verwaltung seines Plantagengutes angeworben, das er hier unterhält. Ihn selbst zog es zurück nach Europa. Die Hofgesellschaft von Versailles schien ihm zu fehlen und so brauchte er jemanden, der für ihn die Plantage führt und das Anwesen verwaltet, das sich der Duc hat aufbauen lassen.“

„Wo befindet sich dieses Anwesen?“, fragte Marie.

„Auf der anderen Seite der Insel. Das sind etwa 18 Meilen –also nichts für eine abendliche Spazierfahrt. Aber für morgen stelle ich gerne einen Wagen zur Verfügung...“

Marie seufzte.

„Nun bin ich schon so weit gereist und doch noch unerreichbar weit vom Ziel entfernt....“

„Erzählt von diesem Robert de Goénèc“, forderte Montcalm sie auf. „Ihr müsst einen Grund haben, ihm bis hier her zu folgen.

So ist es doch, nicht wahr? Und wahrscheinlich wisst Ihr sehr viel mehr über ihn zu berichten als ich, der ich ihn nur flüchtig während seines kurzen Dienstes in der Kolonialverwaltung kennen- und durchaus auch schätzen gelernt habe.“

Marie seufzte. „Gut, ich werde Euch alles erzählen, Onkel.“

*

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MARIE GING AN DIESEM Abend bereits früh ins Bett. Bleierne Müdigkeit befiel sie. Gleichzeitig ließ sie die bange Frage jedoch nicht zur Ruhe kommen, wie ihre morgige Begegnung mit Robert de Goénèc wohl ausgehen würde?

Sie wünschte sich so sehr, dass er sie einfach in die Arme schloss und sie ihre Liebe da fortsetzen konnten, wo sie so abrupt unterbrochen worden war. Aber Marie war durchaus bewusst, dass dies nicht so einfach möglich sein würde, wie sie es sich von ganzem Herzen gewünscht hätte.

Und was, wenn er bereits eine andere zu seiner Gefährtin erwählt hatte? Von vielen Franzosen auf St.Kitts und anderen karibischen Besitzungen hieß es, dass sie Kreolinnen zu ihren Frauen machten. Und immerhin war seit ihrer letzten Begegnung inzwischen ein gutes Jahr vergangen. Ein Jahr, in dem Robert de Goénèc die Hoffnung, jemals nach Frankreich zurückkehren und Marie de Perrin wieder sehen zu können, möglicherweise bereits innerlich begraben hatte.

Zumindest war das nicht auszuschließen.

Diese Zweifel und die Ungewissheit nagten auf eine furchtbar quälende Art an ihrer Seele, sodass die junge Frau trotz ihrer todesähnlichen Müdigkeit einfach keine Ruhe finden konnte.

Sie schloss die Augen und sah vor sich Roberts Gesicht, so wie sie es zuletzt in Erinnerung hatte.

Mit einem Lächeln um die Lippen fiel sie schließlich doch in einen unruhigen und traumlosen Schlaf tiefster Erschöpfung.

*

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EIN DURCHDRINGENDER Laut weckte sie. Ein Geräusch, das an grollenden Donner erinnerte. Aber schon im nächsten Augenblick begriff die junge Frau, dass es sich um keinen Donner des Himmels, sondern um Kanonendonner handelte.

Marie stand sofort auf und eilte zum Fenster.

Unten in Basseterre wurde bereits gekämpft. Mehrere Schiffe standen in der Hafenbucht und ließen ihre Kanonen krachen. Im fahlen Mondlicht war die englische Flagge zu sehen.

Offenbar waren auch bereits Truppen mit Barkassen gelandet.

Stimmengewirr und Schreie drangen zu Marie herauf.

Es klopfte an der Tür.

„Marie! Ich bin es! Euer Onkel.“

Marie eilte im Nachthemd zur Tür und öffnete.

„Was ist los?“, fragte sie verwirrt.

„Die Engländer machen offenbar ernst und wollen sich die Perle der neuen Welt zurückholen! Aber das werden wir nicht zulassen.“

Lauter Kanonendonner unterbrach den Colonel. Offenbar wurde jetzt auch von der Festung aus geschossen.

„Zieht Euch an, Marie!“, forderte der Colonel seine Nichte auf.

„Es steht ein Wagen für Euch bereit. Er soll Euch in Sicherheit bringen. Ihr wolltet ja ohnehin zum Gut des Duc de Roquefort und im Moment erscheint mir das auch als ein geeigneter Zufluchtsort.

Monsieur de Goénèc wird Euch dort sicher aufnehmen – unter den gegebenen Umständen kann er einer Landsmännin die Hilfe wohl kaum verweigern, ganz gleich, was auch immer zwischen Euch gestanden haben mag.“

„Und was wird aus Euch?“, fragte Marie.

„Ich werde hier meine Pflicht tun und die Engländer zurückschlagen“, sagte der Colonel, aber Marie nahm ihm die Zuversicht nicht wirklich ab. Außerdem hatte sie gesehen, dass mindestens die englischen Kriegsschiffe im Hafen das Feuer eröffnet hatten – und deren Feuerkraft überstieg die der Festung bei weitem. Das konnte auch ein militärischer Laie sehr schnell anhand der Anzahl und Größe der Kanonen erkennen.

„Was ist, wenn Euch das nicht gelingt?“, fragte Marie angstvoll.

Das Gesicht des Colonel zeigte nun ein flüchtiges und etwas matt wirkendes Lächeln. „Dann werde ich Euch zum Anwesen des Duc de Roquefort folgen“, versprach er. „Und nun geht, ich muss mich jetzt um die Verteidigung von Basseterre kümmern und kann mich nicht länger Euch widmen! Wenn ich das Schicksal meiner Nichte für wichtiger nehme als das der Stadt und ihrer Siedler, wird man mir das in Zukunft übel nehmen...“

Mit diesen Worten ging er und Marie de Perrin zog sich so schnell wie möglich an. Sie nahm ein Kleid ohne Korsett und Verschnürung, so wie sie es in den Gassen von Basseterre viele Frauen hatte tragen sehen. Und beileibe nicht nur die Kreolinnen und die schwarzen Frauen, sondern auch die Europäerinnen, die ihr Schicksal an diesen heißen Ort verschlagen hatte.

Die wichtigsten Dinge raffte sie in einer Tasche zusammen und schon ein paar Minuten später bestieg sie den Wagen der auf sie wartete. Unterwegs traf sie einen Diener, der ihre Sachen zum Wagen schleppte.

Der Wagen selbst wurde von einem Schwarzen gefahren, der eine eigenartige Mischung aus Englisch und Französisch und noch ein paar anderen Idiomen sprach. Aber er versicherte, den Weg zu kennen und er schien ihn einige Male gefahren zu sein.

„Die Insel ist nicht sehr groß“, gab er zu bedenken.

„Ja, wahrscheinlich überschätze ich dieses Eiland einfach, was seine Ausdehnung angeht“, seufzte Marie.

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Hinter sich hörte Marie den Kampfeslärm, den Kanonendonner und die Schreie von Verletzten. Die schweren Bleikugeln schlugen durch das Mauerwerk der Häuser ebenso wie durch jenes, das die Festung umgab. Hier und da standen bereits Dächer in Flammen. Flammen loderten hoch empor und erhellten die Nacht.

Musketenschüsse mischten sich mit anderem Kampfeslärm.

Der Kutscher trieb die Pferde zu größerer Eile an. Auf einem leidlich befestigten Weg fuhr der Wagen durch die mondhelle Nacht.

Marie drehte sich erst um, als der Kanonendonner nur noch ein fernes Grollen war. Basseterre brannte lichterloh.

*

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GEGEN MITTAG DES FOLGENDEN Tages erreichte der Wagen das Gut des Duc de Roquefort. Auf den Plantagen, an denen sie bis dahin vorbeigefahren waren, arbeitete an diesem Tag niemand. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Engländer in Basseterre gelandet waren. Und nun wartete man überall ab, was geschehen würde.

Das Haus des Duc war ein kleiner Palast und mit Sicherheit eines der größten Gebäude der Insel. In Versailles wäre es nicht einmal als ein Nebengebäude für Dienerschaft akzeptabel gewesen!, ging es Marie durch den Kopf, aber hier waren die Maßstäbe eben andere.

Der Wagen hielt vor dem Portal.

Ein Diener meldete die Ankunft von Gästen.

Marie wurde aus dem Wagen geholfen.

Trotz der Strapazen der letzten Nacht war sie hellwach. All ihre Müdigkeit war verlogen.

Sie wurde auf eine Terrasse geführt, von der man einen freien Blick auf das azurblau erstrahlende Meer hatte. Dies war die andere Seite der Insel. Sie wirkte noch viel paradiesischer, als es Maries Eindruck bei der Einfahrt in den Hafen von Basseterre entsprach.

Und dann sah sie ihn.

Robert de Goénèc.

Er stand in einem großen, weit geschnittenen Hemd und dunkler Hose da. Die Füße und etwa zwei Drittel der Beine steckten in eng anliegenden Lederstiefeln. Das gelockte, lange Haar trug er zu einem Zopf zusammengefasst und sein Gesicht, das Marie halb von hinten im Profil sah, war von Bartstoppeln übersäet.

Das war er also, der große Augenblick, dem sie so lange entgegen gefiebert hatte. Ihr Herz schlug wie wild und sie fragte sich, wie er reagieren würde, wenn ihr jetzt das Wort im Halse stecken blieb und sie nicht einen einzigen Ton hervorbrachte.

Ein dicker Kloß steckte ihr im Hals.

Er drehte sich und sah sie an.

„Robert“, flüsterte sie.

Die Überraschung war ihm ins Gesicht geschrieben. Mit allem schien er gerechnet zu haben – nur nicht damit, dass sie hier und jetzt vor ihm stand. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht und erstarb wieder.

„Was bringt Euch hier her, nach St. Kitts, Mademoiselle? Der Wunsch, mit eigenen Augen zu sehen, ob der Plan Eures Großcousins Ferdinand und seiner Helfer aufging, mich endgültig und für alle Zeiten vom Hof zu verbannen? Nun, Ihr könnt mich hier am Ende der Welt sehen. Zwar als Verwalter eines für die hiesigen Verhältnisse ganz beachtlichen Gutes, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was ich war...“

„Robert, Ihr müsst natürlich glauben, dass ich von der Falle wusste, die man Euch stellte.“

„Ferdinand...“

„Ferdinand hat Euch angelogen“, nahm Marie seinem Einwand den Wind aus den Segeln noch ehe er ihn überhaupt ausgesprochen hatte.

„Ist Eure Familie inzwischen auch in Ungnade gefallen? Habt Ihr den Fehler begangen, schlecht über die aktuelle Favoritin des Königs zu reden, wie es Charlotte von der Pfalz getan hat und dafür jetzt vom ganzen Hof geschnitten wird? Oder was ist der Grund dafür, dass ihr nach St.Kitts kommt?“

„Es gibt nur einen Grund dafür, Robert! Ich liebe Euch. Wenn es etwas gäbe, weswegen ich Euch um Verzeihung zu bitten hätte, dann würde ich es jetzt tun, denn ich weiß sehr wohl, dass die Lüge der Tod jeder Liebe ist. Aber es ist so, wie ich gesagt habe. In die Intrige gegen Euch war ich keineswegs eingeweiht und erfuhr erst davon, als man Euch bereits nach LeHavre eskortiert und in ein Schiff gezwungen hatte.“

„Das schwört Ihr bei allem, was Euch heilig ist?“

„Das tue ich. Aber Ihr werdet letztlich selbst entscheiden müssen, ob Ihr mir glaubt oder nicht. Ob Ihr mir vertrauen schenkt und ob das, was wir in Versailles füreinander empfunden haben, mehr war als ein flüchtiger Rausch der Sinne.“

Ihre Blicke begegneten sich. Marie musste schlucken. Sie hatte alles gesagt, was es zu sagen gab.

Robert trat näher an sie heran. Und sein Blick schien in ihren Augen nach einer Antwort auf die Frage zu suchen, ob er ihr glauben oder misstrauen sollte. Er strich ihr zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht und sagte schließlich: „Ich denke nicht, dass Ihr nur für die Erinnerung an einen flüchtigen Rausch der Sinne um die halbe Welt gesegelt wärt.“

„Das ist wahr“, flüsterte sie. „So wahr wie die Liebe, die ich für Euch empfinde.

Jetzt konnten sie beide nicht mehr an sich alten. Sie umarmten und küssten sich - zunächst vorsichtig und tastend, dann aber ungestüm und leidenschaftlich. „Oh, Robert, wie habe ich mich danach gesehnt, wieder in Euren Armen zu liegen.“

„Und ich habe nicht mehr daran geglaubt, Euch jemals wieder zu sehen, Mademoiselle!“

„Ich möchte nie wieder von Eurer Seite weichen! Gleichgültig, wo das Schicksal uns auch hinführen mag! Ich habe in den letzten Monaten gespürt, dass ich ohne Euch nicht leben kann...“

„Den Luxus von Versailles werdet Ihr hier nicht finden. Nicht einmal einen Bruchteil jener Pracht, die wir dort gewohnt waren.“

„Das ist mir gleichgültig, Robert! Vollkommen gleichgültig.“

„Aber...“

Seinen Einwand beendete sie mit einem Kuss, noch ehe er ihn überhaupt hatte vorbringen können. „Ihr wolltet noch etwas sagen, Robert?“

„Vielleicht war das nicht ganz so wichtig.“

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MARIE HINGEGEN HATTE Robert durchaus noch etwas Wichtiges zu sagen. Sie löste sich schließlich aus seinen Armen und berichtete ihm von den Geschehnissen in Basseterre.

Robert war davon nicht überrascht.

„Ein Bote hat die Kunde bereits vor Euch in diesen Teil der Insel gebracht. Die Nachricht hat sich rasend schnell verbreitet und ist Euch vorausgeeilt, Marie.“

„Was geschieht nun?“

„Wir können nichts tun, außer abwarten. Die französische Garnison in Basseterre ist schwach. Euer Onkel hat immer wieder eine Verstärkung angemahnt, aber der Krieg gegen Habsburg oder wen auch immer ist dem großen Ludwig allemal wichtiger, als das Schicksal von ein paar französischen Siedlern in der neuen Welt.“

„Ihr sagt das, als bestünde keine Hoffnung, dass die Stadt verteidigt werden könnte.“

„In dieser Hinsicht bin ich Realist“, erwiderte Robert. „Bleibt hier auf dem Gut des Duc de Roquefort und wartet ab, was geschieht. Mehr können wir im Moment ohnehin nicht tun.“

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MARIE BLIEB ALSO AUF dem Gut des Duc de Roquefort, dessen Verwalter Robert war.

In den nächsten Tagen trafen Flüchtlinge aus der Stadt ein, die davon berichteten, dass die Engländer Basseterre geplündert hätten, nachdem die Stadt von ihnen eingenommen wurde. Es gab auf beiden Seiten zahlreiche Tote. Darunter auch den Kommandanten der Stadtgarnison Colonel de Montcalm.

Marie schluchzte ob dieser Hiobsbotschaft laut auf und Robert nahm sie wortlos tröstend in den Arm.

Von Westen her zogen dunkle Wolken auf.

Marie erinnerte sich der Worte von Kapitän Bonneau, die niemand ernst genommen hatte.

Der Himmel verdüsterte sich binnen weniger Stunden und Regen setzte ein. Ein ausgewachsener Tropensturm zog über St.Kitts. Die Bäume bogen sich wie Gräser und nicht wenige erlagen einfach der Wut des Sturms und wurden mit ihren Wurzeln aus dem Erdreich gerissen.

Die Fensterläden des Haupthauses, in dem Robert de Goénèc residierte, konnten gerade noch rechtzeitig geschlossen werden.

Während draußen der Sturm toste und durch jede Ritze des Hauses pfiff, setzten sich Robert und Marie auf einen Diwan, den der Duc de Roquefort offenbar eigens aus Europa hatte hier her verschiffen lassen. Robert legte den Arm um Marie und sie schmiegte sich an ihn.

Einen Sturm wie diesen hatte sie noch nicht erlebt. Robert hingegen hatte ihr immerhin ein Jahr Erfahrung in der neuen Welt voraus. Sie war sehr erstaunt zu erfahren, dass dies noch nicht einmal ein besonders heftiger Sturm sei, der da gerade über die Insel fegte und sowohl Robert als auch dieses Anwesen schon weitaus schlimmere Winde ganz gut überstanden hatten. „Nicht gerade unbeschadet“, schränkte Robert ein. „Aber eine Katastrophe ist auch nicht eingetreten.“

„Trotzdem wäre es mir lieber, dieser Sturm wäre endlich vorbei!“, gestand Marie und als ob der Sturm ihr gegenüber eine Äußerung zu machen hätte, ertönte genau in diesem Moment ein gewaltiger Donner. Das Gewitter musste sich genau über ihnen befinden.

„Immerhin wird der Sturm die Engländer noch eine Weile aufhalten“, war er überzeugt.

„Was nützt das? Sie werden doch früher oder später hier auftauchen“, war Marie überzeugt.

Robert küsste sie.

„Man soll jeden Tag so leben, als wäre es der Letzte“, war er überzeugt und küsste sie.

Marie strich ihm zärtlich über die Wange. Dann fuhr ihre Hand tiefer. Erforschte Geheimnisse, die sie schon in Versailles entdeckt hatte und an die sie sich nur allzu gerne erinnerte.

Schließlich fragte sie nachdenklich: „Was geschieht mit uns, wenn die Engländer kommen?“

„Wahrscheinlich werden sie mit den französischen Siedlern von St.Kitts genau dasselbe tun, wie wir es zuvor mit ihren Leuten getan haben, als die Insel für König Ludwig in Besitz genommen wurde.“

„Und wie ist man seinerzeit verfahren?“

„Ganz einfach. Die Siedler wurden enteignet und vertrieben.

Die Plantagensklaven wird man behalten und sämtliche Franzosen entweder im Meer ersäufen - oder sie mit ein paar Schiffen nach Hispaniolas oder Louisiana bringen, wo man sie dann sich selbst überlässt.“

Marie sah ihn aufmerksam an. „Und welche Möglichkeit nehmt Ihr als die wahrscheinlichere an?“

Robert lächelte. „Die zweite. Früher oder später braucht der König das Wohlwollen der Engländer bei seinen Konflikten in Europa. Da kann eine großzügige Geste nicht schaden.“

Marie seufzte hörbar. „Seht Ihr, dass mochte ich gleich von Anfang an so an Euch“, bekannte sie.

Er sah sie erstaunt an.

„Was? Von welcher Eigenschaft sprecht Ihr?“

„Davon, dass Ihr so klug daher redet und alles bereits im Voraus zu wissen scheint, obwohl ihr andererseits bestreitet über das zweite Gesicht oder dergleichen zu verfügen.“

*

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ES DAUERTE NOCH ZWEI Tage, bis die englischen Truppen schließlich auch das Gut des Duc de Roquefort erreichten und die Enteignung verkündeten – genau wie Robert de Goénèc es vorausgesagt hatte.

Marie und Robert wurden zusammen mit den anderen Franzosen von St.Kitts in den Hafen von Basseterre gebracht, der nur noch aus Ruinen bestand. Aber die Engländer waren schon dabei, ihn nach ihren eigenen Vorstellungen wieder aufzubauen.

Schließlich gelangten die beiden an Bord eines englischen Handelsschiffes, das von St.Kitts aus Richtung Norden fuhr. Das Ziel war Louisiana, jenes riesige und fast menschenleere Land zu beiden Seiten des Mississippi, das die Franzosen bis weit in den Norden für sich beanspruchten.

Es dauerte nicht lange und sie ließen den Hafen von Basseterre auf St. Kitts hinter sich. Sie standen an der Reling des Achterdecks und blickten aufs Meer.

„Wir werden ganz von vorne anfangen müssen“, stellte Robert fest. „Einen Beutel mit Gold-Louidors, den ich für meine bisherigen Dienste vom Duc de Roquefort erhielt, konnte ich noch retten. Aber das wird nicht weit reichen.“

„Wer weiß, ob es in Louisiana überhaupt genug Franzosen gibt, um damit etwas kaufen zu können“, lachte Marie de Perrin, während sie ihre Arme um die Hüften des Geliebten schlang und sich gegen ihn schmiegte. „Ich weiß, dass sich alles ändern wird“, fügte sie schließlich hinzu. „Aber gemeinsam werden wir auch das schaffen.“

Robert küsste Marie auf ihren bloßen Hals.

„Ich liebe dich“, flüsterte er.

„Und ich dich!“, murmelte sie.

Marie hatte sich vorgenommen, nicht nach St. Kitts zurückzublicken. Sie tat es trotzdem. Tränen glitzerten in ihren Augen. Aber darunter auch Tränen der Freude.

Sie war überzeugt davon, dass eine Zukunft voller Glück vor ihnen lag, auch wenn sie in anderer Hinsicht ungewiss war.

Eine Zukunft an der Seite des Mannes, den sie liebte.

ENDE

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Alfred Bekker

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(schrieb als Leslie Garber)

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Karibische Flüche

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Erzählung um Piraten & Geister Anno 1699

––––––––

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ANNO 1699...

Die Segel der PRINCESS MARY hingen schlaff in den Masten. Das Schiff dümpelte in einer fast spiegelglatten See dahin.

Es war warm.

Unerträglich warm.

Jane wedelte sich mit einem Fächer etwas Luft zu. Sie hatte sich so vieler Kleidungsstücke entledigt, dass ihr Auftreten gerade noch schicklich war. Trotzdem klebte das Kleid an ihrem Körper. So sehr sie sie sich auch bemühte, ihre Frisur konnte unter diesen Umständen einfach nicht so sitzen, wie sie sollte. Jane hatte gedacht, ihren 23. Geburtstag bereits bei ihrem Vater in Port Royal auf Jamaika verbringen zu können. Sir James Bradford war dort seit einem halben Jahr Gouverneur und führte das Regiment in dieser wichtigsten britischen Karibik-Besitzung. Nun, ein halbes Jahr später, wollte er seine Tochter nachholen. Janes Mutter war bereits vor Jahren an der Schwindsucht gestorben und Jane war zumeist von Gouvernanten und Privatlehrern erzogen worden, während ihr Vater Karriere im Dienst seiner Majestät gemacht hatte.

Wochenlang war die PRINCES MARY über den Atlantik unterwegs gewesen.

Und jetzt, da man das nahe Land beinahe riechen konnte und die Vögel manchmal bis zum Schiff heran flogen, geriet der Dreimastsegler plötzlich in diese Flaute.

So kurz vor dem Ziel!, dachte Jane. Aber auch das musste man hinnehmen.

Sie hatte die Seekrankheit überstanden und sich an den hohen Wellengang gewöhnt und sie würde es auch schaffen, die Flaute zu überstehen, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Die enorme Hitze und der Gedanke daran, dass das ohnehin fast ungenießbare Wasser vom Captain rationiert worden war, machten die Lage fast unerträglich.

Unter den Seeleuten an Bord der PRINCESS MARY hatte sich schon seit Tagen eine bedrückende Form der Lethargie breit gemacht.

Die meisten dämmerten am Tag mehr oder weniger vor sich hin. Es gab kaum etwas zu tun, solange kein Wind blies. Und gleichzeitig war allen an Bord bewusst, dass das Land in unmittelbarer Nähe auf sie wartete. Nur hin und wieder entlud sich diese explosive Stimmung in einem plötzlichen Ausbruch von Streitigkeiten.

Captain Rutherford bemerkte Jane jetzt.

Er stand ebenfalls an der Reling und blickte nachdenklich in der ferne, der untergehenden Sonne entgegen.

Auch bei der größten Hitze war Rutherford korrekt gekleidet und öffnete nichteinmal die Knöpfe seines Hemdes – geschweige denn, dass er etwa seinen Dreispitz oder den Degen an seiner Seite auch nur einen Moment abgelegt hätte.

Er war der Captain und offensichtlich hing er der Auffassung an, dass er seiner Mannschaft in allem ein Vorbild zu sein hatte. Captain Rutherford standen die Schweißperlen auf der Stirn. Aber Jane war sich durchaus bewusst, dass das Wasser auch von ihrer eigenen Stirn nur so herab lief.

„Es tut mir leid, Miss Jane, dass Ihnen diese Verzögerung widerfährt“, sage der Captain höflich und deutete eine Verbeugung an. „Ihr Vater erwartet Sie gewiss längst in Port Royal.“

„Nun, Sie befahren diese heißen Gewässer öfter als ich, Captain“, erwiderte Jane höflich. „Sie können daher besser beurteilen, in wie fern unsere gegenwärtige Lage normal ist...“

„Normal?“ Captain Rutherford lachte heiser auf. „Mit Flauten muss man rechnen - aber in diesem Seegebiet sind sie ungewöhnlich.“ Er zuckte mit den Schultern. „Uns wird nichts anders übrig bleiben, als abzuwarten, Miss Jane.“

Außer Jane befanden sich noch ein paar andere Passagiere an Bord. Zumeist handelte es sich um Leute, die aus geschäftlichen Gründen nach Jamaica wollten oder die dort Besitzungen hatten und von einem Aufenthalt in England zurückkehrten. Allerdings konnten sich höchstens eine Handvoll der englischen Karibik-Siedler diesen Luxus leisten. Normalerweise bedeutete der Aufbruch in eine der englischen Besitzungen in der Neuen Welt einen endgültigen Abschied von der Heimat. Jane erschien die Erinnerung an das kühle, verregnete Portsmouth, von wo aus die PRINCESS MARY vor Wochen aufgebrochen war, so fern, als würde sie gar nicht wirklich zu ihrem Leben gehören.

Die Gegenwart schien alles, was zuvor gewesen war, vollkommen verdrängt zu haben.

„Achtung! Schiff in Sicht!“, rief in diesem Augenblick der Ausguck.

Captain Rutherford ließ sich ein Fernglas geben und sah zum Horizont. Jane blinzelte.

Tatsächlich! Dort tauchte ein dunkler Punkt auf, der größer wurde. Schließlich zeigten sich die Konturen eines Segelschiffes. Der Captain gab das Fernrohr zunächst an seinen Ersten Offizier weiter. „Sehen Sie sich das auch mal an, I.O.“, sagte er.

„Aye, aye, Sir.“

Überall an Bord schienen die Matrosen aus einem fast todesähnlichen Schlaf zu erwachen. Sie eilten zur Reling und starrten zu dem leicht dunstig wirkenden Horizont, wo das Licht der untergehenden Sonne auseinander zu fließen schien.

„Dieser Segler scheint Fahrt drauf zu haben“, stellte Jane fest.

„Ist das nicht ein Zeichen der Hoffnung? Wenn dort Wind ist, dann wird dieser Wind vielleicht auch bald hier blasen!“

Captain Rutherford verzog das Gesicht. „Es tut mir Leid, Miss Jane, aber Sie sollten sich besser keinen Illusionen hingeben“, sagte er, während er vom Ersten Offizier das Fernrohr zurücknahm und es Jane reichte. „Sehen Sie hier durch! Sie werden erkennen, dass die Segel schlaff von den Rahen hängen.“

„Aber...“

„Ich weiß, das Schiff scheint sich zu bewegen. Aber das ist eine Sinnestäuschung.“

„Die Araber nennen so etwas in der Wüste eine Fata Morgana“, mischte sich der Erste Offizier ein.

„Aber auf See gibt es das genauso!“, ergänzte Captain Rutherford.

Jane nahm das Fernrohr ans Auge und sah hindurch. Die Segel des Dreimasters hingen tatsächlich schlaff von den Rahen – und dennoch entstand der Eindruck, als würde der Segler durch das Meer pflügen. Es sah täuschend echt aus, aber andererseits hatte Jane keinen Anlass, dem Urteil von Captain Rutherford nicht zu trauen.

Eine Weile versuchte Jane weitere Einzelheiten zu erkennen. Zum Beispiel Seeleute, die an Deck waren. Doch sie konnte niemanden erkennen. Als ob niemand an Bord wäre! , ging es ihr durch den Kopf.

Die Nacht war so drückend warm, dass es so gut wie unmöglich war, Schlaf zu finden. Immer wieder erwachte Jane aus unruhigen Albträumen. Fratzenhafte, grauenerregende Gesichter erschienen ihr darin und erschraken sie bis ins Mark. Ihr Herz raste anschließend und sie hatte das Gefühl, nicht atmen zu können. Ihre Sinne mussten ihr einen Streich spielen. Vielleicht spiegelte sich in diesen Erstickungsträumen auch nur einfach wieder, wie stickig die Luft unter Deck war. Um der stickigen Luft zumindest zeitweilig entfliegen zu können, ging sie an Deck. Der Mond hing als großes Oval am Himmel. Wie ein übermächtiges Auge, das die PRINCESS

MARY zu beobachten schien.

Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war.

Der Captain hatte Wachen eingeteilt. Einer der Posten sprach Jane an.

Als sie antwortete und sich zu erkennen gab, sagte der Posten:

„Alles klar, bitte entschuldigen Sie.“

Der Mann war mit Muskete und Degen bewaffnet und schien seine Aufgabe nicht besonders ernst zu nehmen. Er setzte sich neben eines der Beiboote und döste vor sich hin. Der zweite Steuermann tat Dienst am Ruder – aber von einem Kurs konnte angesichts der Windverhältnisse nicht die Rede sein. Das Schiff trieb einfach dahin. Fast lautlos. Die See war vollkommen glatt, sodass sich das Mondlicht in ihr spiegelte. Jane atmete tief durch.

Hie im Freien war das immerhin wieder möglich. Aber es war nur unwesentlich kühler als am Tag und die Luft war so voller Feuchtigkeit, dass man schon nach der kleinsten Bewegung vollkommen nass geschwitzt war.

Jane blickte zum Horizont. Ihre Augen suchten wohl ganz unwillkürlich das fremde Schiff, das noch an Abend zu sehen gewesen war und das der Captain für eine Sinnestäuschung gehalten hatte. Aber es war nirgends zu sehen. Jane träumte eine Weile vor sich hin und ließ den Gedanken freien Lauf. Sie verfiel in eine Art Wachtraum, stellte sich vor, wie es wohl in Port Royal sein mochte und versuchte sich an die kühlen Winde von Portsmouth zu erinnern, die sie immer so verflucht hatte, weil man sich so leicht in ihnen erkältete. Nichts sehnte sie jetzt mehr herbei, als eine solche kühle Brise. Aber nicht einmal die Erinnerung daran wollte sich einstellen. Jane hatte keine Ahnung, wie viel Zeit auf diese Weise verstrich.

Jedenfalls war es ein Geräusch, das sie plötzlich wieder aus der Welt ihrer Gedanken herausholte. Das Geräusch klang wie ein Schiff, dessen Kiel sich durch das Meer schnitt und gute Fahrt draufhatte.

Allerdings kam es aus einer völlig anderen Richtung, als aus jener, in der das Schiff am Horizont zu sehen gewesen war!

Sie zuckte zusammen, drehte sich herum.

Erschreckend nahe an der PRINCESS MARY war die dunkle Silhouette eines Dreimasters aufgetaucht. Und es hatte tatsächlich Fahrt drauf!

Es war nicht besonders schnell, aber im Gegensatz zur PRINCESS MARY bewegte es sich.

„Schiff von Backbord!“, rief der Ausguck, der

eigenartigerweise das Schiff auch erst jetzt bemerkt hatte, obwohl er es eigentlich viel früher hätte sehen müssen. Das fremde Schiff geriet nun in den Schein des Mondes. Deutlich waren die schlaff herabhängenden Segel zu sehen. Manche waren so zerfetzt, dass sie ohnehin kaum noch Wind hätten einfangen können.

Und nirgends war jemand von der Besatzung zu sehen!

Jane musste schlucken. Sie war von einem Augenblick zum anderen hellwach.

Verzweifelt versuchte sie, weitere Einzelheiten zu erkennen. Das geisterhaft wirkende Schiff war auf einem direkten Kollisionskurs.

Jane erinnerte sich, die Galionsfigur am Vortag beim Blick durch das Fernglas bei dem Schiff am Horizont gesehen zu haben. Es musste sich also um dasselbe Schiff handeln - allerdings fragte sie sich, wie es möglich war, dass dieser Dreimeister sich einmal von Steuerbord und später von Backbord der PRINCESS MARY

näherte.

Eine Gänsehaut überzog Janes gesamten Körper – trotz der Hitze. Aber innerlich berührte ein eisiger Hauch ihre Seele und erfasste sie bis ins Mark.

Inzwischen wurde an Bord der PRINCESS MARY Alarm gegeben. Der Kollisionskurs war auch vom Ausguck und vom zweiten Steuermann bemerkt worden – nur schien es nichts zu geben, was man an Bord der PRINCESS MARY dagegen unternehmen konnte.

Schließlich bewegte sich die PRINCESS MARY so gut wie gar nicht, während der fremde Dreimaster trotz hängender Segel eine ganz ordentliche Fahrt drauf hatte.

Ein fauler Modergeruch drang jetzt von dem fremden Schiff herüber zur PRINCESS MARY. Wie der Geruch in einer uralten Totengruft! , durchfuhr es Jane.

Der Captain, die Offiziere und Matrosen waren binnen kürzester Zeit auf den Beinen. Auch sie wunderten sich darüber, von welcher geisterhaften Kraft dieses fremde Schiff wohl getrieben sein mochte.

Eins stand jedenfalls fest! Der Wind konnte es nicht sein!

Schaudernd standen sie and der Reling.

Rufe gellten durch die Nacht, um den Dreimeister zu einer Kursänderung zu bewegen, denn wenn er seine Fahrt so fortsetzte, wie bisher, würde er die PRINCESS MARY

unweigerlich rammen.

Doch auf der anderen Seite schien niemand diese Rufe zu hören.

„Können Sie dort an Deck eigentlich irgend jemanden erkennen?“, fragte der Captain.

„Die scheinen alle in den Kojen zu liegen!“, meinte der Zweite Offizier.

Der Erste Offizier empfahl einen Schuss vor den Bug, um die Besatzung des fremden Schiffes darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich auf Kollisionskurs befand.

Wenig später krachte einer der Geschütze an Bord der PRINCESS MARY los.

Die Kugel ging gute fünfzig Yards Backbord vom Bug des fremden Schiffs ins Wasser und sorgte dafür, dass das Wasser hoch aufspritzte. Dieser Einschlag verursachte die höchsten Wellen, die man an Bord der PRINCESS MARY seit Tagen gesehen hatte.

Nun endlich reagierte man auf Seiten des Dreimasters. Auch wenn sich von der Besatzung noch immer niemand blicken ließ, wurde nun eine Flagge hochgezogen. Im Mondlicht war sie deutlich zu sehen.

Ein weißer Totenschädel mit gekreuzten Knochen darunter. Die Flagge der Piraten!

*

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AN BORD BRACH JETZT mehr oder minder Panik aus. Es wurde noch versucht, Waffen auszugeben, aber dazu war es im Grunde zu spät.

Das Schiff mit der Totenkopfflagge rammte die PRINCESS

MARY.

Das Holz barst.

Jane wurde zu Boden geschleudert. Sie rutschte über die Planken zur Steuerbordseite und kam hart gegen die Reling. Ihr Rücken schmerzte. Rufe und Schreie gellten jetzt an Bord. Der Bug des Piratenschiffs schnitt in die verwundbare Seitenfront der PRINCESS MARY ein. Balken knickten wie Streichhölzer zusammen, so viel Kraft saß hinter der Kollision. Eine Kraft, die unmöglich der Wind geliefert haben konnte!

Jane rappelte sich auf. Sie starrte auf die Galionsfigur des Piratenschiffs.

Die junge Frau spürte, wie der Untergrund zu ihren Füßen sich schief legte.

Die PRINCESS MARY bekam Schlagseite! Janes Herzschlag raste. Sie wusste, was das nur bedeuten konnte. Der Rumpf der PRINCESS MARY musste durch das

Auftreffen des Piratenseglers aufgerissen worden sein. Wasser drang ein.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann die PRINCESS MARY

zum Meeresboden hinabsinken und dort mitsamt ihrer Besatzung ein nasses Schiffsgrab finden würde...

Wie gelähmt stand Jane da. Sie hielt sich an einem der Beiboote fest.

Es noch zu Wasser zu lassen erschien angesichts der chaotischen Gesamtlage vollkommen illusorisch. Der faulige Modergeruch wurde nun übermächtig und machte allein schon das Atmen schwer.

Aber eine Lichterscheinung fesselte nun ihre ganze Aufmerksamkeit.

Durchscheinende Gestalten erschienen an Deck des Piratenschiffs.

Sie leuchteten scheinbar von innen heraus und gewannen innerhalb weniger Augenblicke an Substanz. Immer zahlreicher wurden sie.

Eine Horde wilder Piraten, die ihre Waffen schwangen und wüste Verwünschungen riefen. Die ersten dieser geisterhaften Gestalten sprangen jetzt an Bord der PRINCESS MARY und stürzten sich mit Degen und Enterhaken auf deren Besatzung. Schüsse krachten.

Jane konnte sehen, wie Captain Rutherford mit seiner Steinschlosspistole direkt auf einen der Angreifer hielt – einen hoch gewachsenen Mann mit schulterlangem Haar und Oberlippenbart, der seinen Degen in der Linken schwang, während statt der Rechten nur ein Metallhaken vorhanden war. Seinem Gebaren nach schien er der Kapitän der Piraten zu sein. Der Schuss von Captain Rutherford traf ihn mitten in die Brust. Aber er ging einfach durch ihn hindurch, ging in einer schrägen Schussbahn in die Deckplanken und riss ein faustgroßes Loch in das Holz.

Der Piratenkapitän blickte an sich herab und stieß dann einen wilden Schrei aus, mit dem er sich auf Captain Rutherford stürzte und ihm den Degen bis zum Heft in den Körper rammte. Rutherford sank röchelnd zu Boden.

Der Piratenkapitän blickte sich um.

Jane stand wie erstarrt da, als sein Blick sie traf. Er ging auf sie zu, schien sie von oben bis unten auf eine Weise zu mustern, die ihr nicht gefiel.

Er sagte etwas, aber sie vermochte seine Worte nicht zu verstehen. Sie schienen wie aus weiter Ferne zu klingen. Rings um sie herum ging das Morden weiter.

Die Piraten erschlugen jeden dem sie begegneten – auch die unbewaffneten und die Passagiere.

Einige von ihnen stiegen unter Deck, um nach wertvoller Ladung zu suchen, die sich plündern ließ. Der Kampfeslärm vermischte sich mit Schreien.

Der Piratenkapitän machte einen Schritt auf Jane zu. Aber sie wich zurück.

Todesangst erfüllte sie.

Das Schiff neigte sich mit einem durchdringenden Knarren um mehrere Grad, wodurch Jane das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte.

Der Pirat war sofort bei ihr.

Seine Schritte verursachten keinen Laut und der eigenartige Lichtflor, der ihn umgab, ließ ihn wie einen Geist erscheinen. Jane starrte ihn an, rutschte ein Stück über den Boden. Der Piratenkapitän steckte den Degen ein und trat auf sie zu. Er schien keinerlei Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht zu haben. Einen Augenblick später war er bei und griff zielsicher ihr Handgelenk. Ein eisiger Schauder durchfuhr Jane. Ausgehend vom Handgelenk durchlief er ihren ganzen Körper und ließ sie erstarren.

Es war keine gewöhnliche Kälte, sondern um so vieles durchdringender als die durchdringende Kälte, die sie aus den feuchtkalten Wintern in Portsmouth kannte.

Sie schien innerlich zu Eis zu erstarren. Ein Zittern durchlief sie.

Es ist die Kälte des Todes! , erkannte sie. Von den Worten, die der Piratenkapitän jetzt zu ihr sagte, verstand sie nur wenig.

„Komm... mit... mir...“

„Nein!“, stieß sie hervor, aber der Klang ihrer Stimme war so entsetzlich kraftlos.

Plötzlich kam Wind auf.

Sie eisig, wie sie es nie gekannt und wie es in diesen Breiten sicher nicht üblich war.

„Komm... mit... mir...“, wiederholte der Pirat. Diesmal nachdrücklicher, dafür ohne den Mund zu bewegen. Die Stimme dröhnte direkt in Janes Kopf hinein, hallte dort so laut wieder, dass es schmerzte und es unmöglich machte, irgendeinen anderen Gedanken zu fassen.

Erneut senkte sich das Schiff um ein paar Grad seitwärts. Die Schreie hatten aufgehört.

Vielleicht gab es niemanden mehr zu töten. Der Pirat hielt noch immer ihr Handgelenk, doch als Jane nun ihre Hand zurückzog, gelang ihr dies, ohne dass ein Widerstand zu spüren war. Sie kroch ein Stück über den Boden. Jede noch so kleine Bewegung machte ihr dabei Mühe, weil die unglaubliche Kälte, sie lähmte.

Der Piratenkapitän starrte seine Hand an.

Sie war durchscheinend geworden, wie der gesamte Rest seines Körpers. Auch bei den anderen Piraten war dies der Fall. Von Augenblick zu Augenblick verloren sie mehr an Substanz. Ihre Stimmen klangen so fern, dass sie kaum noch zu verstehen waren und selbst der faulige Modergeruch war längst nicht mehr so intensiv. Einer nach dem anderen stürzten sie zurück auf ihr Schiff.

Was hatte das zu bedeuten?

War die Geisterstunde dieser Widergänger vorbei?

Konnten sie nicht länger in der Welt der Lebenden verweilen?

Der Piratenkapitän bedachte Jane mit einem letzten Blick. Ein Blick, der fast wehmütig wirkte.

Jane musste schlucken.

Der Kapitän der Geisterpiraten ging als letzter von Bord der PRINCESS MARY.

Einen Augenblick noch sah Jane ihn am Bug des Schiffes. Dann begann die PRINCESS MARY zu sinken.

Das in den Rumpf eingedrungene Wasser hatte offenbar eine bestimmte kritische Menge erreicht und jetzt ging alles sehr schnell.

Die PRINCESS MARY legte sich ächzend auf die Seite. Jane hielt sich an der Reling fest.

Innerhalb von Augenblicken war von dem Schiff nichts mehr zu sehen.

Die dunklen Fluten schlossen sich über der PRINCESS

MARY, während sie zu ihrem nassen Grab auf dem Grund des Meeres sank.

*

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JANE RANG MIT DEN ARMEN.

Sie konnte nicht schwimmen.

Selbst unter Seeleuten war diese Fähigkeit sehr selten und von manchen konnte man sagen hören, dass es besser war, im Fall einer Havarie nicht schwimmen zu können. Man hätte dann weniger lang zu leiden.

Aber alles in Jane sträubte sich dagegen, so einfach aufzugeben. Sie schluckte Wasser, strampelte, tauchte unter und kam wieder an die Oberfläche.

Im unnatürlich hellen Mondlicht sah sie das gespenstische Piratenschiff davon segeln.

Der Name war deutlich zu lesen.

SEA GHOST.

Sie schrie in der Hoffnung, dass sie vielleicht noch jemand hörte. Besser an Bord dieses Geisterschiffs, als jämmerlich zu ertrinken. Aber es hörte sie niemand. Die SEA GHOST entfernte sich.

Wind kam auf.

Jane strampelte aus Leibeskräften, um an der Oberfläche zu bleiben. Das Wasser begann sich zu kräuseln.

Eine kleine Welle spritzte ihr ins Gesicht. Dann sah sie vor sich etwas Dunkles Auftauchen. Aber sie konnte sich nicht lang genug an der Oberfläche halten, um erkennen zu können was es war. Jane tauchte unter, schluckte Wasser, als sie zu atmen versuchte.

Sie ruderte mit den Armen, tauchte wieder empor und dann berührte ihre Hand etwas, das sich anfühlte wie glitschiges, feuchtes Holz.

Ohne nachzudenken klammerte sie sich daran mit aller Kraft fest.

Es war eine Kiste, die offenbar bei der Havarie von Deck geschleudert worden war. Der Wind wurde jetzt heftiger. Das Mondlicht verschwand hinter dunklen Wolken, die wie aus dem Nichts aufgezogen waren.

„Komm... mit... mir!“

Die Worte des Piratenkapitäns hallten ihr immer wieder durch den Kopf und ließen sie allein bei dem Gedanken daran schaudern.

Sie zitterte am ganzen Körper, obwohl das Wasser herum warm war. Für das, was sie erlebt hatte, gab es keine Erklärung. Zumindest keine, die ein menschlicher Geist erfassen konnte. Es müssen Geschöpfe aus der Hölle selbst gewesen sein! , ging es ihr durch den Kopf. Auf der Suche nach Seelen, die sie ebenfalls in die Verdammnis zwingen können. Welch ein Fluch mochte sie dazu zwingen, auf ewig über die Meere zu ziehen und Tod und Verderben über all die Schiffe zu bringen, die das Unglück hatten, ihren Weg zu kreuzen.

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JANE WUSSTE NICHT, wie viel Zeit vergangen war. Sie hatte sich einfach nur an der Kiste festgeklammert. Ihre Finger schienen sich regelrecht in das Holz hineingekrallt zu haben. Die junge Frau wusste, dass sie auf keinen Fall loslassen dufte. Das wäre das Ende gewesen.

Sie fragte sich, ob sie ihr Ende nicht in Wahrheit nur aufgeschoben hatte – denn wer sollte sie hier mitten auf See finden? Während der bisherigen Fahrt der PRINCESS MARY

hatte sie gehört, dass die Gewässer der Karibik von Haifischen heimgesucht wurden.

Vielleicht, so dachte sie, habe ich ein schreckliches Ende nur gegen ein noch schrecklicheres eingetauscht.

*

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DIE SONNE GING SCHLIESSLICH auf. Ein leichter, gleichmäßiger Wind wehte über das Meer.

Jane klammerte sich noch immer an die Kiste. Zwischenzeitlich hatte sie eigenartige Tagträume und Halluzinationen gehabt. Immer wieder hörte sie die undeutlichen Stimmen der Piraten. Jane glaubte, zu hören, wie die SEA GHOST das Wasser durchpflügte und hatte den faulen Modergeruch in der Nase, der dieses Geisterschiff wie eine böse Aura des Todes zu umgeben schien.

Aber wenn sie dann den Kopf wandte und sich umsah, musste sie feststellen, dass alle nur Einbildung gewesen war. Zeitweilig glaubte sie, den Verstand zu verlieren. Die Sonne brannte fast senkrecht vom Himmel und irgendwann hörte Jane dann erneut Stimmen.

Zuerst auch undeutlich und wie von Ferne. Dann lauter und deutlicher.

Der Ruf eines Ausgucks ertönte, wie Jane ihn dutzendfach an Bord der PRINCESS MARY gehört hatte. Sie sah sich um und erblickte ein großes Schiff, das in langsamem Tempo durch die See pflügte.

Die Segel waren einigermaßen gebläht, sodass das Schiff gut vorankam.

PEARL war in großen Lettern auf das Heck des Schiffs geschrieben worden.

PEARL – die Perle.

Gott sei Dank! Ein englisches Schiff, ging es ihr durch den Kopf. Sie erwachte aus ihrer Agonie und schrie laut um Hilfe. Eine Chance wie diese, doch noch irgendwann auf wunderbare Weise das Festland zu erreichen, würde sich ihr kein zweites Mal bieten!

*

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AUF DER PEARL WURDE man auf sie aufmerksam – und da es Christenpflicht eines jeden Seefahrers war, Schiffbrüchige an Bord zu nehmen, lenkte der Steuermann den Dreimaster in den Wind hinein, sodass die Segel nun schlaff von den Rahen hingen und die PEARL ihre Fahrt stoppte.

Eine Barkasse wurde zu Wasser gelassen, bemannt mit einem halben Dutzend Seeleuten, die zu ihr hinruderten.

„Eine Frau!“, rief einer der Männer auf Englisch. Jane wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Die Männer auf der Barkasse hievten sie an Bord und ruderten anschließend zurück zur PEARL. Eine Strickleiter wurde herabgelassen und man half Jane hinauf. Ihr zitterten die Knie. Sie war vollkommen erschöpft und rang nach Luft.

„Willkommen an Bord, Madam“, sagte ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit dunklem Haar und einem dünnen Oberlippenbart. Er trug eine enganliegende Hose und ein weißes Hemd. Darüber eine Lederschärpe, an der sein Degen hing sowie einen breiten Gürtel, hinter dem der Griff einer Pistole und eines Dolches hervorragte.

Seinem Gebaren nach war er der Kapitän der PEARL. Sie rang nach Luft und brachte schließlich hervor: „Mein Name ist Jane Bradford, ich bin die Tochter von Lord Bradford, dem Gouverneur von Jamaika.“

„Angenehm mein Name ist...“

„Captain Blunt, sollen wir wieder Segel setzen?“, rief einer der Männer und unterbrach Jane damit. Der Mann, der das fragte, hatte einen starken Akzent und so gut wie kein Haar mehr auf dem braungebrannten Kopf. Dafür aber einen dichten, schwarzen Vollbart.

„Setzt die Segel, Joao (Sprich: Schoao – stimmhaftes sch wie in Jeanette und Nasal auf dem a)“, rief der Mann, der offensichtlich der Captain war.

„Captain Blunt!“, sagte Jane und lächelte matt. „Ihr Matrose hat sie vorgestellt!“

„William Blunt ist mein Name. Auf welchem Schiff seid Ihr gesegelt?“

„Auf der PRINCESS MARY. Aber sie havarierte, als ein Piratenschiff uns rammte. Der Großteil der Besatzung wurde von den Piraten niedergemacht. Die PRINCESS MARY ging unter und nahm sie mit sich auf den Meeresgrund. Ich habe als Einzige überlebt...“

„Piraten? In dieser Gegend?“, mischte sich einer der anderen Männer ein und lachte schief. „Wer hätte das gedacht!“ Die Art und Weise, wie er kicherte, ließ Jane befremdet zusammenzucken. Aber dann fühlte sie den Blick von William Blunt auf sich ruhen. Meergrüne Augen hatte er und der Klang seiner sonoren Stimme war geeignet, Vertrauen zu schaffen.

„Ich schlage vor, Ihr geht zunächst einmal unter Deck und wechselt Eure Garderobe.“

Ihre Kleidung war natürlich vollkommen ruiniert. Sie klebte ihr am Körper „Das wird wohl das beste sein“, sagte sie.

„Haben wir denn Frauenkleider an Bord?“, fragte der Mann, der soeben so eigenartig gekichert hatte.

Blunt zuckte mit den Schultern.

„Unter dem ganzen Plunder, der unter Deck ist, dürften auch ein paar Kleider sein – vielleicht entsprechen sie nicht der neuesten Mode am Hof des Sonnenkönigs in Versailles, aber man kann sie gewiss tragen! Und falls nicht, so werden es zeitweilig auch Männerkleider tun, von denen auf jeden Fall genug an Bord sind!“

„Habt vielen Dank“, sagte Jane.

William Blunt nahm ihre Hand.

„Nichts zu danken. Ich tue nur, was ohnehin meine Pflicht wäre!“

*

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JANE GELANGTE UNTER Deck.

„In einer der Kabinen werdet Ihr etwas zum Anziehen finden“, glaubte Captain Blunt. „Es ist genug Kleidung da – und kümmert Euch sich nicht um das, was Ihr dort an Unordnung finden werdet.“

„Ich danke Euch“, erwiderte Jane und noch einmal traf ihr Blick mit dem seinen zusammen.

Sie musste unwillkürlich schlucken. Dieser Mann hatte zweifellos etwas ganz besonderes an sich. Schon der Klang seiner Stimme verursachte einen Aufruhr der Gefühle in ihr – und zwar völlig unerwartet. Denn sie hatte nun wirklich alles auf hoher See erwartet – nur nicht jemanden wie William Blunt. Jane öffnete die Kabinentür und verschwand dahinter. Überall lagen Kleidungsstücke herum.

Sie fand offene Truhen vor und hatte den Eindruck, dass hier jemand alles durchwühlt und nach Gegenständen abgesucht hatte, die wertvoll waren.

Anschließend hatte sich offenbar niemand die Mühe gemacht, die Sachen wieder einzuräumen.

Jane zog ihre feuchten und durch das Salzwasser völlig verdorbenen Sachen aus und suchte sich zusammen, was sie brauchte. Erst ganz allmählich dämmerte eine Frage in ihr auf. Auf was für einem Schiff bin ich eigentlich jetzt gelandet?

Die Tatsache, dass Truhen voller Frauenkleider an Bord eines Schiffes waren, auf dem sich – zumindest soweit sie bisher hatte sehen können – nicht eine einzige Frau befand, machte sie misstrauisch.

Konnte es sein, dass sie vielleicht vom Regen in die Traufe geraten war und sich an Bord eines Kaperschiffes befand? Eines Schiffes, das aus irgendeinem der englischen Karibikhäfen geraubt worden war?

Du machst dir unnötig Sorgen! , schalt sie sich dann eine Närrin. Schließlich war es ja genauso möglich, dass diese Kleider einfach nur eine Lieferung aus Europa darstellten, die dazu diente, dass die Frauen der Karibik-Siedler sich etwas herrichten konnten.

Jane fand ein relativ luftiges Kleid und warf es über. Außerdem richtete sie sich die Haare einigermaßen her. In der Kabine gab es sogar einen Spiegel, auch wenn dieser einen Sprung hatte, der vom rechten oberen ins linkere untere Eck verlief. Als sie fertig war, ging sie wieder an Deck. Die leichte Brise wehte ihr durch das Haar.

Der Wind war warm, aber dennoch hatte sie das Gefühl erfrischt zu werden.

Jane hörte die Männer an Bord der PEARL in einem halben Dutzend Sprachen reden.

Französisch, Portugiesisch, Spanisch erkannte sie und ein paar Niederländer waren wohl auch unter der Besatzung. Die Engländer waren jedenfalls in einer verschwindend geringen Minderheit und auch das ließ sie daran zweifeln, sich auf einem regulären englischen Schiff zu befinden.

Die Männer nahmen – von ein paar anzüglichen Blicken abgesehen, kaum Notiz von ihr.

Wenn sie vorbeiging, redeten manche von ihnen in ihren jeweiligen Sprachen und Jane, die an Fremdsprachenkenntnissen lediglich ein paar Brocken Französisch aufweisen konnte, überlegte, ob es dabei wohl um sie ging.

Sie begab sich schließlich zum Achterdeck, wo sie Captain Blunt fand.

Er stand breitbeinig in der Nähe des Ersten Steuermannes, bei dem es sich um einen Mann handelte, der seinem Akzent nach ein Franzose war.

Blunt sprach ihn mit „Jean-Pierre“ an. Er trug einen mit Federn besetzten Dreispitz und war mit zwei Pistolen, einem Säbel und einem langen Entermesser auf eine Weise bewaffnet, als erwartete er, dass ihn jederzeit ein Feind anfallen konnte – und zwar auch an Bord der PEARL.

Jane hatte während der Überfahrt von England in die Karibik immerhin genug über die Seefahrt und die auf englischen Schiffen üblichen Praktiken erlebt, um zu wissen, dass das Tragen von Waffen während des normalen Schiffdienstes üblicherweise nur Offizieren vorbehalten war.

Doch an Bord der PEARL schien auch in dieser Hinsicht andere Sitten zu herrschen.

Captain Blunt wandte ihr einen Blick zu – halb bewundernd, halb amüsiert. Für einen Moment verlor sich Jane in den meergrünen Augen dieses Mannes.

Ein Jammer, dass wir uns nicht unter anderen Umständen kennen lernen! , dachte sie.

„Es freut mich, dass Ihr etwas Passendes zum anziehen gefunden habt“, sagte er.

„Ihr hattet ja genug Auswahl an Bord Eures Schiffes“, gab sie etwas spitz zurück.

Captain Blunt lächelte und zeigte dabei zwei Reihen makelloser Zähne.

In seinen Augen blitzte es auf eine Weise, die auf Jane irgendwie herausfordernd wirkte.

Aber im Hinterkopf blieb der Gedanke, dass sie es vielleicht mit einem ganz einfachen Kaperer zu tun hatte. Einem Freibeuter, der sich sein Schiff gestohlen hatte und den man im nächsten englischen Hafen aufhängen würde, wenn man seiner habhaft werden sollte.

„Wie gut, dass diese Sachen an Bord waren, da sonst niemand an Bord sie hätte tragen mögen“, meinte Blunt mit einem leicht spöttischen Unterton. „Aber Euch stehen sie ganz ausgezeichnet.“

„Danke.“

„Ihr seid mit knapper Not dem Tod entronnen, aber irgendwie macht Ihr mir nicht den Eindruck, besonders erleichtert darüber zu sein“, stellte der Captain dann fest.

„Vielleicht wäre ich erleichterter, wenn ich auf ein Schiff gelangt wäre, an dem es ausschließlich Männerkleidung gegeben und ich mich erst einmal hätte behelfen müssen“, erwiderte sie. Blunt zuckte mit den breiten Schultern. „Ich verstehe nicht, worauf Ihr hinauswollt. Die Sachen sind zwar nicht für Euch gemacht worden, aber sie kleiden Euch perfekt. Davon abgesehen, ist die Tatsache, dass Ihr überhaupt entdeckt worden seid, der Aufmerksamkeit unseres Ausgucks zu verdanken – und dem mäßigen Wind. Denn wenn wir mehr Fahrt drauf gehabt hätten, wären wir einfach an Euch vorbeigerauscht, ohne je Notiz von Euch genommen zu haben!“

„Oh, ich weiß mein Glück wohl zu schätzen!“, versicherte sie. Captain Blunt trat etwas näher an sie heran.

Ihre Blicke trafen sich erneut und sie sahen sich deutlich länger an, als dies für eine Tochter ihres Standes eigentlich schicklich gewesen wäre.

Eine sanfte Röte überzog ihr Gesicht und sie fühlte sich einerseits etwas verlegen.

Aber andererseits wollte sie auch unbedingt der Frage auf den Grund gehen, auf was für eine Art von Schiff sie sich befand. So viele Gedanken gingen ihr zur selben Zeit durch den Kopf. So fiel ihr beispielsweise ein, dass sie unvorsichtigerweise gleich nach ihrer Rettung als erstes erwähnt hatte, dass sie die Tochter von Gouverneur Bradford war und dass sie zum Hafen von Port Royal auf Jamaika unterwegs gewesen war.

Die Tochter eines englischen Gouverneurs war doch für jeden Piraten eine Beute, wie er sie sich nur wünschen konnte. Schließlich konnte man für sie mit Sicherheit ein Lösegeld erpressen, dessen Wert den so manch anderer Schiffsprise bei weitem überstieg.

„Captain Blunt, ich muss Euch in aller Offenheit sagen, dass ich von Eurem Schiff einen recht seltsamen Eindruck habe“, gestand sie.

„So?“, schmunzelte Blunt. „Ich gebe zu, dass seit meinem letzten Kommando, dass ich vor der PEARL hatte, ein paar Jahre vergangen sind, aber ich gebe mir alle Mühe!“

Der Steuermann Jean-Pierre verfiel in ein schallendes Gelächter, das Jane nicht verstand.

Offenbar hatte irgendetwas an ihren Worten zu diesem unwillkürlichen Ausbruch von Heiterkeit Anlass gegeben. Allerdings konnte sich Jane beim besten Willen nicht vorstellen, was das wohl sein mochte.

„Ich frage Euch ganz offen, Captain Blunt: Seid Ihr ein Kaperfahrer und Pirat?“

Der Steuermann brach erneut in Gelächter aus. „Habt ihr das gehört?“, rief er zuerst in akzentschwerem Englisch und anschließend noch auf Französisch. „Sie fragt uns, ob wir Piraten sind!“

Er rief laut genug, sodass so gut wie die gesamte Besatzung der PEARL das verstehen konnte.

Die Blicke aller waren jetzt auf Jane gerichtet. Sie schluckte.

„Dann ist es also wahr!“, stellter sie nun – vollkommen ernüchtert fest.

„Keine Ahnung, wie Ihr auf diesen absurden Gedanken kommt, dass wir die PEARL gekapert haben könnten!“, rief Jean-Pierre grinsend, woraufhin nun die gesamte Besatzung in schallendes Gelächter ausbrach. Jean Pierre fuhr wenig später fort: „Ich glaube Mademoiselle hält es für wahrscheinlicher, dass man uns dieses Schiff freiwillig ausgehändigt hat!“

Erneut brandete Gelächter auf.

Jean Pierre wandte sich nun direkt an Jane und meinte mit vor Ironie triefendem Tonfall: „Mademoiselle, Ihr habt unseren Captain doch bereits in gepflegter Konversation erlebt! Haltet Ihr es tatsächlich für möglich, dass jemand mit einem so harmlos aussehenden Gesicht wirklich ein übler Pirat und Leuteschinder ist, der weder Rücksicht auf Leib und Leben jener Unglücklichen nimmt, die das Pech hatten, zur falschen Zeit eine der bekannten Schifffahrtsrouten zu benutzen?“ Er lachte so dröhnend, dass es Jane in den Ohren schmerzte. „Nein, Mademoiselle! Ihr müsstet doch längst erkannt haben, dass der Charme und das sanfte Verhandlungsgeschick unseres Captains vollkommen ausreicht, um dafür zu sorgen, dass man uns vollkommen freiwillig alles das aushändigt, was wir begehren!“

Seine letzten Worte gingen erneut im Gelächter der Mannschaft unter.

Einer der anderen Männer ergänzte: „Die Drohung mit dem Einsatz unserer Vierzehn-Pfünder-Geschütze steht natürlich mit dem Verhandlungserfolg in keinerlei Zusammenhang!“

Die Seeleute der PEARL brüllten vor Lachen und die Situation drohte vollkommen aus dem Ruder zu laufen.

Doch in diesem Augenblick zeigte William Blunt, dass er tatsächlich der Captain der PEARL war und seine Mannschaft auf eine Weise im Griff hatte, wie Jane es nach dem, was in den letzen Augenblicken geschehen war, nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Captain Blunt trat einen Schritt vor, sodass er nun am Geländer des Achterdecks stand. Er hob die Hände und rief: „Genug jetzt!“

Der Klang seiner Stimme war so durchdringend und entschlossen, dass keiner der anderen Männer an Bord es wagte, diesen Befehl nicht zu beachten.

Innerhalb eines einzigen Augenblicks wurde es vollkommen ruhig. Man hörte nur noch das Rauschen der ganz leichten Wellen. Ab und zu raschelte ein Segel oder schlugen Taue und Ösen gegen das Holz.

Captain Blunt ließ eine Pause folgen und fuhr schließlich fort:

„Wir haben eine Dame an Bord – und auch wenn die meisten von euch solche Gesellschaft nicht gewöhnt sind, möchte ich, dass das respektiert wird!“

Hier und da war ein dumpfes Raunen zu hören.

Aber die Besatzung schien die Worte des Captains tatsächlich sehr ernst zu nehmen.

„Habt Ihr schon überlegt, wie viel Lösegeld Ihr für die Tochter eines Gouverneurs fordern werdet?“, meldete sich nun der bärtige Kahlkopf zu Wort, der vom Captain Joao genannt worden war. Seine Worte waren so akzentschwer, dass Jane sie im ersten Moment gar nicht verstand.

Als sie dann begriff, was der Mann gesagt hatte, war das wie ein Schlag vor den Kopf für sie.

William Blunt ballte die Hände zu Fäusten.

„Ich bin der Captain“, stellte er fest. „Und hier am Bord soll sich jeder um das kümmern, wovon er etwas versteht, Joao!“

„Schon gut“, sagte Joao und er klang dabei jetzt ziemlich kleinlaut. „Aber ich darf doch annehmen, dass wir alle uns noch auf einen schönen Batzen Gold freuen dürfen, oder?“

Ehe die Männer an zu grölen fingen, fuhr Blunt dazwischen.

„Du darfst dich vor allem darüber freuen, dass man dich auf der Ile de Tortugue (Sprich: Iil de Tortüüg) nicht aufgehängt hat, weil für dich nämlich niemand bereit gewesen wäre, auch nur eine einzige Silberdublone zu bezahlen!“

Jetzt brachen die Besatzungsmitglieder der PEARL erneut in Gelächter aus – aber sie lachten nicht über Jane und auch nicht über ihren Captain, sondern einzig und allein über Joao, der daraufhin einen roten Kopf bekam. Sein Gesicht verzog sich ärgerlich und er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach, ihr Narren könnt mich alle mal!“, rief er. Und dann folgten noch ein paar wüste Verwünschungen, die nur der Teil der Besatzung zu verstehen vermochte, die des Portugiesischen mächtig war.

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CAPTAIN BLUNT WANDTE sich an Jane. Seine Stimme hatte nun einen sehr viel sanfteren Klang. Er sprach mit einem Timbre, das Jane durch und durch ging, aber sie sträubte sich gegen jedes positive Gefühl, das sich diesem Piratenkapitän gegenüber regen wollte.

Piraten waren schließlich in ihren Augen nichts anderes, als Wegelagerer und Straßenräuber an Land! Verbrecher, die der Gerechtigkeit zugeführt werden mussten! Menschen, die sich völlig hemmungslos in Besitz von Dingen brachten, die ihnen nicht gehörten oder Gefangene nahmen, um deren Familien auszupressen!

Mochte sie diesen Mann auch noch so sympathisch finden, mochte er auch ihre Gedanken und Gefühle von dem Augenblick an beherrscht haben, in dem sie ihn zum ersten Mal auf den Planken der PEARL gesehen hatte – Piraterie war etwas, das sie auf keinen Fall billigen konnte.

Auch eine noch so sympathische Fassade konnte über diesen dunklen Kern nicht hinwegtäuschen.

„Nun, wie viel gedenkt Ihr für mich zu fordern, Captain Blunt?“, konnte sie sich nicht verkneifen zu fragen. „Wie viel ist das Leben einer Gouverneurstochter wert? Ich war ja leider unvorsichtig genug, über meine Identität von Anfang an keine Zweifel zu lassen! Aber wer weiß, vielleicht hättet Ihr mich einfach den Haien überlassen, wenn ich gesagt hätte, dass ich nur eine einfache Dienstmagd bin, für die niemand auch nur eine Dublone bezahlen würde!“

Captain lächelte sie offen an. „Seid nicht verbittert! Freut Euch lieber der Tatsache Eures unwahrscheinlichen Glücks!“

Jane sah ihn geradewegs an.

Sie musste unwillkürlich schlucken, als sich ihre Blicke trafen.

„Das könnte Euch so passen!“, murmelte sie. „Dass ich mich füge und Euch keine Schwierigkeiten mache!“

„Ich fürchte darauf muss ich bestehen, Miss Jane“, sagte Captain Blunt in einem Tonfall, der klarmachte, dass es ihm sehr ernst war. „Andernfalls...“

„Was habt Ihr vor? Mich in Eisen zu legen? Bitte! Was seid Ihr für ein mutiger Freibeuter, dass ich für Euch eine Gefahr darstelle!“

„Würdet Ihr das, so befändet Ihr Euch tatsächlich bereits bei den Haien!“, mischte sich Joao ein. „Da kennt unser Captain nämlich keine Gnade, das sage ich Euch!“

Jane hob den Kopf und sagte in Blunts Richtung. „So will ich Euch wissen lassen, dass ich Eure Drohung wohl verstanden habe!“

Er fasste sie am Handgelenk.

„Ich habe Euch nicht gedroht!“, widersprach er. Jane hob die Augenbrauen.

Dann senkte sie den Blick auf seine Hand, die ihr Handgelenk wie in einem Schraubstock hielt, sodass sie außer Strande war, sich zu lösen.

„Ach, nein?“, fragte sie zurück.

Blunt atmete tief durch.

Er ließ sie los.

Jane ging schnellen Schrittes die Treppe hinunter, die vom Achter-zum Mitteldeck führte.

„Ihr werdet diese Wildkatze noch zähmen müssen, Captain!“, glaubte Joao. „Sonst bringt sie uns am Ende noch alle an den Galgen!“

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DIE STUNDEN GINGEN dahin.

Jane verbrachte die meiste Zeit auf dem Mitteldeck. Es wurde heißer und sie hörte den Männern bei ihren Gesprächen zu. Meistens verstummten sie allerdings, wenn sie ihnen zu nahe kam. Doch sie bekam genug davon mit, um zu erkennen, in was für einer misslichen Lage sie war. Es wurde über Kaperpläne gesprochen, darüber welche Städte auf Hispaniola, Jamaika oder am Isthmus von Panama am lohnendsten für eine Plünderung seien.

Irgendwann kam Captain Blunt zu ihr auf das Mittelsdeck.

„Ich hoffe, Ihr habt Euch vom ersten Schrecken, an Bord eines Kaperschiffs zu fahren erholt, Miss Jane!“, meinte er. Und sein Lächeln war dabei so gewinnend, dass es Jane gar nicht so leicht viel, ihre abweisende Haltung aufrecht zu erhalten. Sie sah William Blunt offen an und hob die Augenbrauen.

„Und von Euch hoffe ich, dass Ihr Euch endlich überlegt habt, wie viel Ihr an Lösegeld zu fordern gedenkt?“

„Wer sagt Euch, dass wir überhaupt etwas fordern?“, fragte er. Sie runzelte die Stirn. „Aber...“

„Vielleicht bin ich gar nicht der grobe Verbrecher, den Ihr im Augenblick in mir zu sehen scheint!“

„Tut mir leid, Captain, Blunt, aber das scheint nicht nur so! Ich halte nichts von Euresgleichen und kann nur hoffen, dass mein Vater einst dafür sorgen wird, dass man Euch und Eure Spießgesellen in Port Royal am Galgen aufknüpft!“

„Oh, so harte Worte aus einem so hübschen Mund!“

„Ihr versucht Süßholz zu raspeln, Captain, aber glaubt ja nicht, dass ich darauf hereinfalle. Stattdessen möchte ich Euch einen Vorschlag machen!“

Captain Blunt verschränkte die Arme vor der Brust. „Bitte, ich bin ganz Ohr und sehr gespannt, was Ihr mir anzubieten habt!“

Jane atmete tief durch und musterte den Captain der PEARL

einige Augenblicke lang. Sie wollte sofort fortfahren, aber aus irgendeinem Grund kam nicht ein einziger Laut über ihre Lippen. Ein Kloß schien ihr im Hals zu stecken.

Sie musste unwillkürlich schlucken.

Sie spürte, dass ihr Herz schneller schlug, als dass durch die unerträgliche Hitze eigentlich erklärlich gewesen wäre. Schlag dir diesen Kerl aus dem Kopf!, sagte sie sich und versuchte dabei ihren eigenen immer deutlicher aufkeimenden Gefühlen gegenüber sehr energisch zu sein.

Auch nur der Gedanke daran, dass dieser Mann sie in irgendeiner Form in seinen Bann geschlagen hatte, beunruhigte sie zutiefst.

Sie hatte ein Gefühl in ihrer Magengegend, das nur als diffus zu bezeichnen war.

„Mein Vorschlag lautet folgendermaßen: Ihr liefert mich in Port Royal ab und übergebt mich meinem Vater, der dort schon länger auf mich wartet – denn die PRINCESS MARY war bereits überfällig.“

Captain William Blunt runzelte die Stirn.

„Ich soll Euch einfach so übergeben – ohne Gegenleistung?“

„Sicher!“

„Selbst wenn ich persönlich mich darauf einlassen würde, weil Ihr ein so einzigartiges und bezauberndes Lächeln habt – meine Mannschaft wäre damit niemals einverstanden!“

„Ich dachte immer, auf einem Schiff entscheidet der Captain, was getan wird und was nicht – oder sollte ich das etwa falsch mitbekommen haben. Neuerdings geht es danach, welcher Stimmung gerade die Mannschaft ist?“

William Blunt lachte rau.

„Ihr stellt Euch das alles etwas zu einfach vor, Miss Jane!“

„So?“

„Zum Beispiel dürfte niemand hier an Bord ein gesteigertes Interesse daran haben, von Eurem Vater an den Galgen gebracht zu werden.“

Jane lächelte, versuchte jedoch, es nicht zu sehr nach außen dringen zu lassen.

Ach, wie sehr wünschte sie sich jetzt, in diesem Moment, dass sie und William Blunt sich nicht auf einem Kaperschiff in der Karibik als Pirat und Geisel gegenüberstanden, sondern an einem völlig anderen Ort. An der Uferpromenade in Portsmouth zum Beispiel, wo Sonntags die reichen Bürger der Stadt die Kaimauern entlang stolzierten und entweder über ihre Überseegeschäfte sprachen und sich den Gewinn ausmalten, den man durch den Handel mit der Neuen Welt oder Indien erzielen konnte oder die Damen ihrer Herzen ausführten. Aber die Wirklichkeit hatte damit nichts zu tun.

„Ihr habt mir noch nicht sehr viel darüber erzählt, wie das Schiff, auf dem Ihr gereist seid, unterging“, stellte Captain Blunt fest.

„Die PRINCESS MARY wurde gerammt. Von einem

Piratenschiff unter der Totenkopfflagge.“

„Eine ungewöhnliche Methode, ein Schiff zu kapern“, meinte Blunt.

Jane hob die Schultern.

„Dafür sehr effektiv. Innerhalb wenige Augenblicke ist die PRINCESS MARY gesunken.“ Sie schluckte. „Es war schrecklich. Zuvor war der Großteil erschlagen worden – und schließlich lande ich bei ganz ähnlichen Verbrechern! Womit habe ich das nur verdient...“ Die Tatsache, dass es offensichtlich Geisterpiraten gewesen waren, die die PRINCESS MARY

gekapert hatten, erwähnte Jane nicht.

Es reichte, dass sie sich in dieser Zwangslage befand. Da wollte sie nicht auch noch verhöhnt oder als Verrückte angesehen werden. So ungewöhnlich dieses Erlebnis auch gewesen sein mochte – sie selbst hatte die Existenz dieser geisterhaften Erscheinungen wohl oder übel als Tatsache akzeptieren müssen.

Die Bilder aus der Erinnerung tauchten vor ihrem inneren Auge auf und in der Rückschau erschienen sie ihr seltsam unwirklich. So als hätte sie es gar nicht selbst erlebt, sondern jemand anders hätte es ihr erzählt – oder wie ein Albtraum, der zwar furchtbar gewesen war und den Herzschlag zum Rasen gebracht hatte, an den man sich aber schon nicht mehr richtig zu erinnern vermochte, sobald man schweißgebadet erwacht war. Jane versuchte die Erinnerung an die Geschehnisse an Bord der PRINCESS Mary verzweifelt festzuhalten.

Aber sie entglitten ihr.

Morgen werde ich mich fragen, mit welchem Schiff ich die Überfahrt machte, ging es ihr durch den Kopf.

Aber wenn sie selbst schon nicht mehr wirklich im klaren darüber war, was wirklich geschehen und was Einbildung gewesen war, wie konnte sie dann annehmen, jemanden wie Captain Blunt davon zu überzeugen?

„Die Kapermethode, von der Ihr berichtet habt, ist wirklich sehr seltsam!“, gab Captain Blunt seiner Verwunderung Ausdruck. „Und sie macht eigentlich nur Sinn, wenn man auf das Schiff selbst überhaupt keinen Wert legt.“

„Das war offensichtlich der Fall, Captain.“

„Aber die PRINCESS MARY kann nicht in einem allzu schlechten Zustand gewesen sein!“, gab Captain Blunt zu bedenken. „Sonst hätte sie die Überfahrt doch niemals überstanden – wenn ihr versteht, was ich meine!“

„Natürlich. Aber ich kann ich Euch nicht mehr dazu sagen. Und was den Zustand von Schiffen angeht, vermag ich den ohnehin nicht zu beurteilen, schließlich fehlen mir dazu jegliche seemännischen Kenntnisse!“

„Das mag sein.“

Mit der Hand fächerte sich Jane etwas Luft zu. Sie hatte das Gefühl, dass der Wind nachgelassen hatte und tatsächlich hingegen die Segel jetzt beinahe schon schlaff von den Rahen. Die Hitze nahm zu.

Es war ungeheuer drückend geworden.

Ganz ähnlich wie an jenem Abend, bevor die PRINCESS

MARY in der Nacht von den Geisterpiraten heimgesucht worden war.

Ein Schaudern überlief Jane plötzlich und ohne einen vernünftigen Grund bekam sie eine Gänsehaut

„Vielleicht überlegt Ihr es Euch ja noch einmal.“

„Was?“

„Mich in Port Royal abzusetzen. Ich bin überzeugt davon, dass sich mein Vater sehr erkenntlich zeigen wird!“

„Oh, das wird er!“, mischte sich einer der anderen Männer ein.

„Du brauchst nicht überall deine unpassenden Kommentare abzugeben, George!“, fuhr Captain Blunt ihm über den Mund. Eine tiefe Furche hatte sich auf seiner ansonsten sehr glatten Stirn gebildet.

Er schien wirklich ärgerlich über seine Schiffskameraden und Komplizen zu sein.

So ganz scheint er das Gefühl für Recht und Anstand ja doch nicht verloren zu haben! , dachte Jane. Er wandte sich wieder an die junge Frau.

„Vielleicht verratet Ihr mir noch den Namen des FreibeuterSchiffs, das die PRINCESS MARAY auf den Grund setzte!“

„Aber gewiss doch“, antwortete Jane. „Es war die SEA GHOST.“

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GEGEN ABEND SETZTE vollkommene Windstille ein. Die PEARL dümpelte nur noch vor sich hin und die See war spiegelglatt. Die Hitze wurde unerträglich. Jane zog sich unter Deck zurück.

Sie ging in die Kabine, in der sie sich umgezogen hatte. Draußen wurde es dunkel und eine Nacht, die kaum Abkühlung bringen würde, kündigte sich an.

Es klopfte an der Kabinentür.

„Wer ist da?“, fragte sie.

„Captain Blunt.“

Er öffnete die Tür. Sie ließ sich nicht verriegeln. Das Schloss war herausgebrochen.

„Wenn Ihr mir etwas tun wollt, dann schreie ich!“, kündigte Jane an.

„Das würde hier niemand hören, Miss Jane!“

„Außer Ihren Männern. Vielleicht ist ja wenigstens unter denen ein Gentleman!“

Sie fühlte hinter sich das Holz der Kabinenwand. Blitzschnell fasste Blunt sie um die Taille und ehe sie schreien konnte, küsste er sie. Völlig überrascht sah sie ihn an. „Was fällt Euch ein!“

„Hört mir zu!“, forderte Blunt.

„Aber...“

„Nein, jetzt rede ich!“ Er legte ihr einen Finger auf den Mund. Seine Stimme klang gedämpft, so als fürchtete er, dass ihn jemand hören konnte. „Ich bin nicht der, für den Ihr mich haltet!“

„Ach, nein?“

„Ich bin keineswegs ein Freibeuter und es würde mir auch nie im Leben einfallen, von Eurem Vater ein Lösegeld für Euch zu erpressen, dass müsst Ihr mir glauben!“

„Nur leider ist es nicht sehr glaubwürdig, was Ihr da behauptet, Captain! Wir können ja Eure Männer fragen ob sie auch der Meinung sind, dass Ihr kein Pirat seid! Mir schien es, dass sie da eher meine Ansicht teilten!“

„Sprecht um Himmels willen nicht so laut!“, ermahnte er sie.

„Ich bin Lord Mornham. Mein Vorname ist zwar William – aber William Blunt ist eine Erfindung.“

„Ihr seht mich sehr erstaunt, Captain – oder seid Ihr auch kein Captain?“

„Captain der Marine seiner Majestät des englischen Königs“, sagte er. „Ich befehligte ein Kriegsschiff, die ADMIRAL

BENBOW, die in die Neuen Welt mit der Mission geschickt wurde, den Gouverneur von Jamaika bei der Bekämpfung der Piraterie zu unterstützen. Die Zeiten, da die englische Krone die Freibeuter unterstützte sind längst vorbei. Spanien und England haben vor Jahren einen Friedensvertrag geschlossen und der Regierung seiner Majestät liegt viel daran, dass dieser Vertrag nicht gebrochen wird. Was die Kaperung französischer Schiffe angeht, so ist das natürlich ein anderes Thema...“

„Ihr seid ein königstreuer Offizier?“, fragte Jane.

„Nicht so laut!“, warnte er sie. „Wenn das hier jemand erfährt, wird man auch für mich ein hohes Lösegeld fordern und wir werden Jamaika wohl für die nächsten Jahre nicht erreichen, obwohl es ganz in der Nähe liegt – kaum einen halben Tag bei mittlerer Windstärke entfernt.“

„So nahe?“, staunte sie.

Er nickte.

Sie musterte ihn eingehend.

Konnte sie ihm diese phantastische Geschichte glauben oder wollte da etwa ein ungehobelter Pirat sich mit ein paar Lügen bei ihr einschmeicheln?

Vielleicht hat er gemerkt, wie er auf mich wirkt und denkt nun, dass er auf diese Weise schneller an sein Ziel kommt! , ging es ihr durch den Kopf.

„Erzählt weiter!“, forderte sie – nun sehr viel leiser und verhaltener. „Aber glaubt nicht, dass ich Euch alles abnehme, was Ihr da so erzählt!“

„Aber ich soll Euch abnehmen, dass es die SEA GHOST war, die Euer Schiff gerammt und zum Untergang gebracht hat“, erwiderte der Captain.

Jane hob die Augenbrauen und zuckte mit den Schultern. Sie entfernte sich etwas von ihm und drückte sich auf der gegenüberliegenden Seite der Kabine gegen die Wand. „Warum solltet ihr daran zweifeln?“

„Weil die SEA GHOST das Schiff von Captain John Hargrove ist, einem der gefürchtesten Piratenkapitäne der Karibik –

allerdings vor zwanzig Jahren!“

„Was?“

„Ja, Ihr habt richtig gehört! Die SEA GHOST wurde damals von den Schiffen eines der Vorgänger Eures Vaters vor Hispaniola versenkt! Mit Mann und Maus sank sie auf den Grund des Ozeans und ich wüsste nicht, wie sie von dort wieder emporgekommen sein sollte – es sei denn man glaubt an Geister!“

Es waren Geister!, so war Jane versucht auszurufen. Aber sie wusste sehr wohl, dass man ihr das kaum abnehmen würde.

„Vielleicht hat jemand anderes den Namen dieses anscheinend recht bekannten Schiffes benutzt“, sagte sie.

„Das ist nicht auszuschließen.“

„Sagt, wie soll ich Euch jetzt nennen, da Ihr angebt, dass Captain Blunt eine Erfindung sei!“

„Nennt mich weiter so“, sagte er. „Sonst sind wir beide geliefert.“

„Erzählt mir den Rest Eurer Geschichte, Captain.“

„Gerne!“

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DER CAPTAIN SETZTE sich und fuhr in seiner Erzählung fort. Er war der einzige Überlebende seines Schiffs gewesen und an einer einsamen Insel gestrandet. Ein Schiff war nach mehreren Monaten dort gelandet, um Wasser und andere Vorräte an Bord zu nehmen. William Blunt, wie er sich wenig später nannte, hatte sich zu erkennen gegeben und zu spät erkannt, dass es skrupellose Piraten gewesen waren, die die Insel betreten hatten. Sie nahmen Blunt mit und brachten ihn nach Tortuga – die Ile de Tortugue, wie sie eigentlich hieß. Ein Piratennest, wo mit allem und jedem gehandelt wurde.

Mit Waffen und Brandwein ebenso wie mit Sklaven oder wie in diesem Fall – mit Geiseln.

Wertvolle Geiseln wurden gegen einen Teil des zu erwartenden Lösegeldes an andere Piraten verkauft, die dann hofften, daraus einen Gewinn ziehen zu können.

„Bei mir war man sich wohl nicht so recht sicher, ob man viel bekommen würde“, meinte er. „Auf Tortuga gab es viele Geiseln

– und manche von ihnen waren selbst Piraten, die von anderen Freibeutern mit der Forderung gefangen gehalten wurden, für ihre Freilassung ihre versteckten Schätze preiszugeben!“

„Und wie seid Ihr von diesem schrecklichen Ort wieder fortgekommen?“, fragte Jane. „Mal vorausgesetzt, Eure Geschichte entspricht der Wahrheit und ist nicht nur ein erfundenes Lügenmärchen!“

„Ein Feuer brach aus“, erklärte der Captain. „Und das Chaos, das dann entstand, nutzten wir zur Flucht - ein Haufen von Gefangenen, von denen ein Teil schon früher als Pirat das Meer unsicher gemacht hatte und der Rest durch widrige Umstände in eine Lage geraten war, wo das Freibeutertum der einzige Ausweg zu sein schien. Einige von uns waren auch ganz gewöhnliche Gefangene – Siedler, die in ihr altes Leben zurück wollten und die an Land abgesetzt wurden.“

„Und weshalb seid Ihr jetzt nicht in Port Royal auf Jamaika, sondern hier, auf den Planken dieses ungastlichen Schiffes geblieben? Wenn Ihr Lord Mornham seid – was hielt Euch dann davon ab, in Euer altes Leben zurückzukehren, wenn dies doch anderen so großzügig gewährt wurde?“

„Das hatte ich mir bei Gott gewünscht! Aber dann hätte ich Euch niemals kennen gelernt, Miss Jane und so bedauere ich es nicht, länger als gewollt auf diesem Schiff geblieben zu sein!“

„Hört auf mit der Süßholzraspelei und weicht meiner Frage nicht aus!“, erwiderte Jane.

Er hob die Schultern. „Man hatte mich zum Anführer erkoren, wie ich schon berichtete. Die Männer merkten schnell, dass ich wusste, wie man ein Schiff führt, wie man navigiert und so weiter. Wir stahlen das beste Schiff im Hafen der Ile de Tortugue

– die PEARL, die soeben erst von einem anderen Piratenkapitän gekapert worden war und eigentlich für viele Dublonen zum Verkauf angeboten werden sollte.“

„Ihr weicht meiner Frage noch immer aus! Warum habt ihr dieses Schiff nicht verlassen, wie andere auch? War es nicht so, dass Euch in Wahrheit der Gedanke, auf diese Weise Reichtümer anzuhäufen, gefiel?“

„Nein, das ist nicht der Grund. Ich besitze in meinem Leben als Lord Mornham genug, um auskömmlich leben zu können. Der Grund ist ein anderer. Man ließ mich nicht von Bord.“

„Ihr wart doch der Anführer!“

„Ja, weil ich als Offizier der Flotte natürlich die nautischen Fähigkeiten mitbringe, die man braucht, um eine Schiffsmannschaft zu führen. Aber sie hätten nicht zugelassen, dass ich von Bord gehe. Außerdem hoffte ich, bestimmen zu können, wohin die Reise geht, solange ich sie führe.“

„Ach! Und wohin wolltet Ihr?“

„Zu einer englischen Besitzung – am liebsten nach Port Royal. Ihr seht also – dass wir ohnehin denselben Weg haben!“ Er machte eine kurze Pause und fuhr dann, in noch gedämpfteren Tonfall fort: „Die Männer, die mit mir geflohen waren, hatten mich zu ihrem Anführer erkoren, weil sie erkannten, dass sie mit mir die Möglichkeit hätten, Beute zu machen. Sei sie nun ein zusammengewürfelter Haufen von beutegierigen Piraten oder eine Mannschaft im Dienste seiner Majestät. Aber der Unterschied ist gar nicht so groß, sage ich Euch.“ Er nahm sie bei den Schultern und sah sie eindringlich an. „Hört mir zu, ich verspreche Euch, dass Ihr nach Port Royal gelangen werdet. Dahin möchte ich ja genauso wie ihr. Aber das geht nur, wenn ich die Mannschaft noch eine Weile in dem Glauben lasse, dass sie reiche Beute machen wird, wenn sie mich an ihrer Spitze hat!

Davon abgesehen müsst Ihr schweigen – denn weder Euch noch mich würden die anderen einfach so gehen lassen!“

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SCHIFF VON ACHTERN!“, tönte der Ausguck. Der Captain ging an Deck und auch Jane konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich anzusehen, was das für ein Schiff war, das sich da näherte. Mindestens die Hälfte der Besatzung stand auf Steuerbord an der Reling und blickte dem Dreimaster entgegen, der mit erstaunlich gleichmäßiger Fahrt sich der PEARL näherte.

Erstaunlich vor allem deshalb, weil seine Segel schlaff von den Masten hingen.

Jane war ebenfalls an Deck geeilt.

Die Worte des Captains hallten noch in ihrem Kopf wider. Was sollte sie von dieser Geschichte halten? Aber andererseits gab es für den Mann, den sie als Captain William Blunt kennen gelernt hatte, keinen Anlass, sie zu belügen, denn mit dieser Geschichte brachte er sich schließlich selbst in Gefahr.

Sir William Mornham lautete also sein tatsächlicher Name, wenn man mal voraussetzte, dass er ihr die Wahrheit erzählt hatte. Dass ihm etwas Aristokratisches anhaftete, hatte sie vom ersten Augenblick an empfunden, auch wenn sein Aufzug und die Umstände unter denen sie ihn kennen gelernt hatte, so etwas nicht unbedingt hatten vermuten lassen.

Viele Gedanken schienen in diesen Momenten auf einmal in ihr herumzuwirbeln und sie fühlte sich reichlich verwirrt. Da war einerseits das Gefühlschaos, in das sie der Captain gestürzt hatte, denn ihr war nun endgültig klar, dass sie das starke Gefühl ihm gegenüber nicht länger leugnen konnte. Sie hatte sich vollkommen gegen jede Vernunft bis über beide Ohren verliebt und er schien diese Gefühle zu erwidern.

Aber als sie nun an Deck stieg, traten sehr bald auch noch ganz andere Empfindungen in den Vordergrund.

Sie sah das fremde Schiff, das der Ausguck gesehen und ausgerufen hatte und sofort überzog eine Gänsehaut ihren gesamten Körper. Das Grauen fasste nach ihr und sie hatte das Gefühl, eine kalte Hand würde nach ihrem Herzen greifen. Das fremde Schiff zog von einer geheimnisvollen Kraft getrieben an der PEARL vorbei, obwohl deutlich sichtbar kein Wind die Segel blähte und niemand an Bord zu sein schien.

„Seht nur, was dort am Heck geschrieben steht!“, staunte einer der Männer.

„Du kannst lesen, Joao?“

„Genug um die Buchstaben dort zusammenzuziehen, Männer!

Das ist die SEA GHOST!“

„Das ist unmöglich!“

„Völlig ausgeschlossen!“

Ein großer Mann mit gelockten Haaren, unrasierten Wangen und einer Augenklappe meldete sich zu Wort. „Ich habe auf St. Kitts mal mit jemandem gesprochen, der dabei war, wie die SEA GHOST vor Hispaniola sank!“

„Und doch ist sie hier vor uns!“

Jane trat ebenfalls an die Reling. Sie wirkte wie erstarrt. Ihre Augen musterten das fremde Schiff und sie musste unwillkürlich schlucken, während ihr Pulsschlag sich beschleunigte.

Sie ist es! , durchfuhr es sie. Die SEA GHOST... Jenes Geisterschiff, das die PRINCESS MARY gerammt hatte und deren geisterhafte Besatzung so furchtbar gewütet hatte. Und plötzlich stand ihr auch wieder das Gesicht des Kapitäns der SEA GHOST vor Augen. Seine zunächst von einem Lichtflor umgebene und später durchscheinende Gestalt. Aber vor allem die Art, wie er sie angesehen hatte.

„Komm... mit... mir...!“

Der Ruf fiel ihr wieder ein, der sie in jener Nacht so hatte erschaudern lassen. Der Captain der Geisterpiraten war offenbar speziell hinter ihr hergewesen. Aus welchem Grund auch immer...

Aber die Art, wie er sie angesehen hatte, ließ daran eigentlich keinen Zweifel. Jane fiel es wie Schuppen von den Augen. Auf eine düstere Art musste er sie begehren. Möglicherweise war das auch der einzige Grund, weshalb sie nicht erschlagen worden war. An Bord der PEARL herrschte einen Augenblick lang Schweigen.

Vollkommene Stille, abgesehen von den ächzenden Lauten, die das Schiff von sich gab, weil das Holz arbeitete, weil die Taue gegen irgendetwas schlugen oder weil die Segel so schlaff von den Rahen hingen, dass sie raschelten und die Rahen an den Masten schabten. Die typischen Geräusche einer Windstille. Die SEA GHOST hingegen glitt in ihrer geisterhaften Art dahin, dem Sonnenuntergang entgegen und verschwand schließlich hinter dem Horizont.

So hatte es am Abend, bevor die PRINCESS MARY

untergegangen war, auch angefangen! Die Erinnerung stand Jane jetzt wieder überdeutlich vor Augen. Sie schluckte und der Schweiß auf ihrer Stirn war eiskalt geworden. Sie konnte kaum atmen.

„Nein“, flüsterte sie leise vor sich hin, ohne dass irgendjemand davon Notiz genommen hätte. „Bitte nicht noch einmal...“

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LANGSAM ENTSTAND UNTER den Männern ein Gemurmel. Joao deutete auf Jane.

„Werft sie von Bord, Captain!“, rief er und ließ ein paar Verwünschungen auf Portugiesisch zwischen seinen Lippen hindurch, die mit einer Mischung aus inbrünstigem Hass und tiefer Furcht gesprochen wurden, dass Jane die Übersetzung gar nicht brauchte. „Ihr habt es alle gesehen, Männer! Es war die SEA GHOST! Genau so, wie man sie immer beschrieben hat!

Und ihr habt auch gesehen, dass sie von Geisterhand gesteuert dahin fuhr!“

Ein Geraune war jetzt zu hören.

„Werft sie dorthin, woher wir sie aufgefischt haben – zu den Haien!“, rief jemand.

„Sie hat die SEA GHOST hier her gelockt!“, meldete sich Joao erneut zu Wort.

„Wenn wir sie über Bord werfen, wird uns diese unheimliche Erscheinung nicht noch einmal heimsuchen!“, glaubte ein anderer Sprecher.

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