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Drei Frauen für Mack

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PROLOG

Die Luft war vom Rauch der brennenden Gebäude erfüllt und hatte einen unheimlichen orangefarbenen Schein. Sie schmeckte sogar seltsam – nach Schmutz, verbranntem Holz … und nach Angst.

Kugeln schlugen mit ungeheurer Geschwindigkeit in die niedrige Mauer ein, hinter der Mack Marshall neben einem alten Mann und seiner Frau lag, die sich eng umschlungen hielten und vor Angst zitterten.

„Halten Sie durch“, ermutigte Mack das Paar. „Die Guten wissen, dass wir hier Schutz gesucht haben. Sie werden uns Deckung geben, damit wir hier wieder herauskommen.“

Das Ehepaar schaute Mack mit weit aufgerissenen, furchterfüllten Augen an. Ihr Gesichtsausdruck verriet ihm, dass sie kein Wort verstanden hatten.

Verflixt, dachte Mack, diesmal habe ich es vermasselt. Die anderen Fotojournalisten hatten sich seit langem zurückgezogen. Aber nicht Mack Marshall. Oh nein! Der hatte sich noch tiefer in die Gefahrenzone begeben, um Fotos zu schießen, die sonst niemand vorzuweisen hatte. Er hatte sein Glück unbedingt auf die Probe stellen müssen. Glück, dass ihn jetzt ziemlich schnell zu verlassen drohte.

Er könnte hier sterben. Er könnte hier durchlöchert werden und in dem Schmutz dieses gottverlassenen Ortes krepieren. Sein Blut würde in diese Erde sickern und Fremde würden darüber hinwegtrampeln. Man würde ihn rasch vergessen haben, gerade so als ob er nie hier gewesen wäre, als ob er nie existiert hätte.

Verdammt, er könnte hier sterben … und niemand würde auch nur eine einzige Träne um ihn weinen.

Mack schüttelte den Kopf, um diesen deprimierenden Gedanken zu vertreiben, aber es gab vor der erschreckenden Wahrheit kein Entkommen. Klar, er hatte auf der ganzen Welt Freunde, denen es leid tun würde zu hören, dass Mack Marshall diesmal das Schicksal zu sehr herausgefordert und ins Gras gebissen hatte.

Mack war der Größte, würde es heißen, während sie die Gläser hoben und dem mutigen Fotojournalisten, den man nie ohne eine Kamera um den Hals gesehen hatte, den letzten Tribut zollten. Mack hat die Preise, die er über die Jahre hinweg erhielt, ehrlich verdient, würden sie sagen, wenn sie dann erneut ihre Gläser füllten, aber es war zu erwarten gewesen, dass sein Ende einmal so aussieht. Er hatte ständig zu hoch gepokert und war zu viele Risiken eingegangen. Er hätte wissen müssen, dass ihn das Glück irgendwann verlassen würde.

Wir erheben unsere Gläser auf Mack, Jungs … Der König ist tot! Wer von uns wird der Nächste sein? Auf Mack … wie lautete noch einmal sein Nachname? … Oh, ja, Marshall. Mack Marshall … Habt ihr bemerkt, dass gar keine Familienmitglieder auf seiner Beerdigung waren?

Niemand. Es wäre niemand da, der um ihn geweint hätte.

Eine Kugel zischte über Macks Kopf hinweg. Er duckte sich noch tiefer und fluchte leise, während er versuchte, die bedrückenden Gedanken zu verdrängen.

Das alte Paar hielt sich noch fester umschlungen. Die beiden hatten die Augen geschlossen und murmelten mit bebenden Lippen Gebete.

„Nein“, sagte Mack, packte den alten Mann bei den Schultern und schüttelte ihn. „Reißen Sie sich zusammen. Sie müssen jede Sekunde bereit sein, mit mir loszulaufen. Verlieren Sie nicht den Mut. Wie können Sie sich die fantastischen Fotos anschauen, die ich von Ihnen gemacht habe, wenn Sie jetzt schon aufgeben?“

Der alte Mann und die alte Frau hoben den Kopf und lauschten Macks tiefer Stimme, bereit jeden Strohhalm zu ergreifen, der sich ihnen in dieser ausweglos scheinenden Situation bot.

Dann spannte sich Mack plötzlich an und horchte.

„Das sind sie. Hören Sie es?“, fragte er. „Jetzt schießen die Guten. Ja, ich kann sie jetzt drüben auf dem Hügel sehen. Sie geben uns Deckung. Das ist unsere letzte Chance.“ Er kroch näher an das Paar heran und gab dem Mann einen Stoß.

„Laufen Sie. Jetzt. Laufen Sie!“

Das ältere Paar lief gebückt los und rannte so schnell es konnte. Mack folgte ihnen, eine Hand auf dem Rücken des Mannes, um ihn anzutreiben.

Wir müssen das Haus auf der anderen Seite der Straße erreichen, hämmerte es in Macks Kopf. Lauf, lauf, lauf. Noch zwanzig Meter, noch zehn. Weiter, weiter, weiter. Noch zwei weitere Meter und sie wären gerettet und …

Eine Kugel bohrte sich in Macks Schulter. Die Kraft des Einschlages war so gewaltig, dass er taumelte und in den Schmutz fiel. Weiß glühender Schmerz durchfuhr seinen Körper, während sich langsam ein schwarzer Vorhang über ihn senkte.

Nein! schrie er innerlich und sah, wie helfende Hände das alte Ehepaar in den Schutz des Hauses zogen. Er war nur zwei Schritte von der Rettung entfernt gewesen. Und jetzt sollte er sterben? Hier? Im Dreck dieser Straße? Er war erst siebenunddreißig Jahre alt und würde in einer Kleinstadt eines fremden Landes sterben, von dem die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung noch nicht einmal etwas gehört hatte.

Er würde allein sterben mit dem Wissen, dass niemand bei seiner Beerdigung aus Trauer über seinen Tod weinen würde.

Nei – i – n!

Dann wurde es schwarz um ihn.

1. KAPITEL

Zwei Monate später

Heather Marshall lehnte sich in ihren Schreibtischstuhl vor dem Computer zurück und machte einige Entspannungsübungen, um ihre verspannten Nackenmuskeln zu lösen. Da nichts helfen wollte, gab sie es schließlich auf und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den Zahlenreihen auf dem Monitor zu.

Schließlich nickte sie zufrieden, speicherte die Daten ab und beendete das Programm. Dann schaltete sie den Computer aus und seufzte, als das Summen des Computers nach einem langen Arbeitstag endlich verstummte und eine gesegnete Stille das Schlafzimmer erfüllte.

Sie erhob sich und schaute sehnsüchtig zu dem breiten Bett hinüber, das sie einzuladen schien, unter die Bettdecke zu schlüpfen und ihre müden Glieder auszustrecken.

„Ich komme wieder“, versprach sie dem Bett, bevor sie das Schlafzimmer verließ und zur Küche hinüberging, in der sie noch die Lunchpakete für die Mädchen fertig machen wollte. Morgens ging es immer ein wenig hektisch zu und so brauchte sie den Zwillingen die Tüten nur in die Hand zu geben, bevor ihre Töchter zur Tür hinausliefen, um noch den Schulbus zu erreichen.

Sie hatte gerade auf halbem Weg das Wohnzimmer durchquert, als es an der Haustür klopfte. Heather blieb stehen und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war fast zweiundzwanzig Uhr, dachte sie stirnrunzelnd. Wer um alles in der Welt klopfte um diese Zeit noch an ihre Haustür? Wahrscheinlich hatte einer ihrer Nachbarn Probleme.

Heather lief zur Tür, zögerte aber, als sie eine Hand auf den Türknauf legte. Zugegeben, die Bewohner der zwölf Häuser, die in dieser Straße standen, halfen sich gegenseitig und waren fast wie eine große Familie zusammengewachsen, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass diese Gegend von Tucson nicht gerade der Stolz der Stadträte war.

Die kleinen Häuser waren alt. Die Menschen, die hier lebten, hatten ein niedriges Einkommen und mussten – genau wie Heather auch – jeden Cent zwei Mal umdrehen. Es war eine Gegend mit einer hohen Kriminalitätsrate und nur ein Irrer würde noch so spät am Abend die Tür öffnen, ohne zu wissen, wer vor seiner Schwelle stand.

Sie ging zum Fenster hinüber und schaute durch einen Spalt zwischen den Vorhängen hinaus. Sie fluchte, als sie sah, dass die kleine Veranda in völliger Dunkelheit lag. Die Glühbirne war schon wieder kaputt, dabei hatte sie sie erst vor einigen Tagen ausgewechselt. Die Lampe musste irgendeinen Defekt haben.

Es wurde erneut an der Tür geklopft.

„Wer ist da?“, fragte Heather.

„Mrs. Marshall?“, hörte sie eine Männerstimme sagen. „Heather Marshall? Entschuldigen Sie. Ich weiß, dass es sehr spät ist, aber ich sah, dass noch Licht in Ihrem Haus war und … nun, ich hätte gern mit Ihnen gesprochen. Es ist wirklich sehr wichtig.“

Heather runzelte die Stirn und stemmt die Hände in die Hüften.

„Wollen Sie was verkaufen?“, fragte sie. „Vielen Dank, ich bin nicht interessiert. Schon gar nicht um diese Uhrzeit.“

„Nein, nein. Ich bin kein Vertreter“, sagte der Mann. „Schauen Sie, mein Name ist Mack Marshall. Ich versuche seit Wochen Sie ausfindig zu machen und jetzt, da ich Sie endlich gefunden habe, wollte ich nicht bis morgen warten, um mit Ihnen zu sprechen. Haben Sie meinen Nachnamen verstanden? Ich heiße Marshall. Wir sind verwandt. Ich werde Ihnen alles erklären, wenn Sie mir die Tür öffnen.“

Marshall? dachte Heather nachdenklich. Mack Marshall? Und er behauptete, mit ihr verwandt zu sein? Das war doch Unsinn. Ihr Ehemann, Frank, hatte keine Verwandten. Niemanden. Genau wie sie war er ganz allein gewesen. Ein weiterer Grund, warum wir zusammen sind, hatte Frank immer erklärt.

„Wahrscheinlich haben Sie die falsche Familie Marshall gefunden“, meinte Heather. „Mein Mann hatte keine Familie. Gute Nacht, Mr. Marshall. Ich hoffe, Sie finden, wenn Sie suchen.“

„Warten Sie“, sagte der Mann. „Der Name Ihres Ehemannes war Frank und ich bin Franks Halbbruder. Wahrscheinlich sind Sie überrascht, aber glauben Sie mir, ich war es auch. Ich habe erst vor wenigen Wochen erfahren, dass ich einen Halbbruder habe. Doch ich fand dann ziemlich schnell heraus, dass er bereits vor sieben Jahren bei einem Unfall ums Leben kam und eine Frau und Kinder hinterlassen hat. Seitdem suche ich Sie. Bitte, Mrs. Marshall, kann ich mit Ihnen reden?“

Frank hatte einen Halbbruder namens Mack? dachte Heather ungläubig. War das ein Trick? Aber warum? Was konnte dieser Mack Marshall schon von ihr wollen? Etwa ihre Millionen?

Hm, grübelte sie und legte nachdenklich einen Finger an ihr Kinn. Was sollte sie jetzt tun? Eines war sicher, dieser Mack Marshall hatte ihre Neugierde geweckt. Schließlich kam es nicht jeden Tag vor, dass ein unbekannter Verwandter auf der Bildfläche erschien.

Warum hatte dieser Mack Marshall erst jetzt erfahren, dass er einen Halbbruder hatte? Und warum hatte Frank nichts von diesem Mack gewusst?

Das Sicherste war es wohl, diesen Mack zu bitten, am nächsten Morgen wieder zurück zu kommen. Ha, lachte Heather innerlich auf. Damit handelst du dir eine Nacht ein, in der du dich schlaflos im Bett herumwälzt und dir tausend Fragen stellst, die dieser Fremde jetzt mit seiner Behauptung aufgeworfen hat.

„Also, gut“, sagte sie, öffnete die Tür einen Spalt und schaute hinaus. Verflixt, auch das noch, fluchte sie innerlich, als sie in der Dunkelheit nur die Silhouette eines Mannes erkennen konnte.

„Ich habe Ihnen Angst eingejagt, nicht wahr?“, fragte der Mann unsicher. „Entschuldigen Sie, Mrs. Marshall, das war wirklich nicht meine Absicht. Falls es Ihnen recht ist, komme ich morgen Früh wieder vorbei. Vielleicht können Sie mir eine Uhrzeit sagen.“

„Ach, jetzt hören Sie schon auf“, erwiderte Heather und öffnete die Tür. „Kommen Sie rein. Aber ich schwöre Ihnen, wenn Sie versuchen sollten, mir etwas zu verkaufen, fliegen Sie sofort wieder raus.“

„Das ist fair“, entgegnete der Mann und trat in das Wohnzimmer. „Vielen Dank.“

Heather schloss die Tür, wandte sich Mack Marshall zu und ihr Herz machte einen kleinen Satz.

Dieser Mann, dachte sie und schluckte, kann unmöglich mit Frank verwandt sein. In den siebenzwanzig Jahren, die sie auf dieser Erde weilte, hatte sie noch nie einen so attraktiven, gut gebauten Mann gesehen.

Oh, Mann! Was für ein energisches Kinn er hatte, und dann diese wohl geformte gerade Nase und dieser gut geschnittene, sinnliche Mund. Als ob das noch nicht genug wäre, um ins Schwärmen zu kommen, besaß er auch noch dieses dichte, dunkle Haar, das wohl schon lange keinen Friseur mehr gesehen hatte, und unglaublich schöne Augen, die so dunkel waren, dass man kaum die Pupille sehen konnte.

Ein hellblaues, tailliertes Hemd, dessen erste Knöpfe geöffnet waren, betonte seine breiten Schultern. Graue Hosen, die erstklassigen Schnitt und Qualität verrieten, brachten seine schmalen Hüften und langen Beine zu Geltung und …

Nein. Unmöglich. Dieser Mack Marshall oder wer immer war, konnte unmöglich Franks Halbbruder sein. Frank war kaum größer als sie gewesen und er hatte bereits zugenommen, wenn er sich ein Stück Kuchen nur angeschaut hatte. Bereits einige Wochen nach ihrer Hochzeit war ein Bauch über Franks Gürtel gequollen.

Es stimmte zwar, dass auch Frank sehr dunkle Augen gehabt hatte, aber sein Haar war braun und bereits ein wenig schütter gewesen. Auch er hatte angenehme Gesichtszüge gehabt und charmant sein können, wenn er es darauf angelegt hatte, aber …

Heather verschränkte die Arme vor der Brust und sah den Mann herausfordernd an.

„Das Spiel ist aus, Mr. ‚Wer immer Sie sind‘“, sagte sie. „Sie haben keine Ähnlichkeit mit Frank Marshall, noch nicht einmal annähernd. Ich weiß nicht, was Sie vorhaben, aber glauben Sie mir, es wird Ihnen nicht gelingen. Ich möchte, dass Sie mein Haus verlassen. Und zwar sofort.“

Mack Marshall hob resigniert beide Hände und griff dann in seine rechte hintere Hosentasche. Er zog eine Brieftasche heraus und schlug sie auf.

„Schauen Sie sich meine Papiere an“, sagte er. „Führerschein, Personalausweis, Presseausweis … Ich bin Mack Marshall und Ihr verstorbener Mann ist mein Halbbruder. Ich habe einen Ordner voller Dokumente in meinem Wagen, falls Sie noch mehr Beweise wünschen.“

„Presseausweis?“, fragte Heather überrascht und plötzlich fiel der Groschen. „Wollen Sie etwa sagen, dass Sie der Mack Marshall sind. Ich meine, der berühmte Fotojournalist? Sie haben auch ein Buch veröffentlicht, nicht wahr? Ich habe in der Buchhandlung darin herumgeblättert. Es ist wirklich großartig. Ich meine, sind Sie wirklich dieser Mack Marshall?“

Er lächelte. „Ich bekenne mich schuldig.“

Er hat allen Grund, sich schuldig zu bekennen, dachte Heather. Allein sein Lächeln brachte wohl jede Frau zu Fall. Aber nicht dich, ermahnte sich Heather rasch. Vergiss es. Allerdings wurde eins langsam klar. Mack schien wirklich Franks Halbbruder zu sein und aus irgendeinem Grund, den er noch erklären musste, hatte er viel Zeit und Mühe darauf verwendet, sie zu finden.

Heather seufzte. „Ich war sehr unhöflich zu Ihnen und möchte mich dafür entschuldigen. Bitte, nehmen Sie doch Platz und erklären Sie mir, warum Sie sich so viel Mühe gemacht haben, mich zu finden, allerdings bitte ich Sie, sich kurz zu fassen. Es ist bereits spät und ich muss morgen wieder früh aufstehen.“

Mack nickte und wartete, bis Heather sich in den Schaukelstuhl gesetzt hatte, bevor er ihr gegenüber auf einer Couch, deren Stoff bereits verblichen war, Platz nahm.

Das ganze Wohnzimmer hat gerade einmal die Größe des Badezimmers meines Apartments in New York, stellte er fest. Dieses Haus war klein und die Möbel hatten durchweg bessere Zeiten gesehen. Doch es war sauber und er nahm den leichten Duft von Zitrone wahr. Heather Marshall achtete auf ihr Haus, so klein und schäbig es auch sein mochte.

Und Heather selbst? Sie war bildhübsch, auf unkomplizierte, erfrischende Art und Weise. Sie hatte dunkelbraune Augen und langes, schwarzes Haar, das sie zu einem Zopf zusammengeflochten hatte.

Ihr schönes Gesicht wies keine Spur von Make-up auf, und ihr wohlgerundeter Körper steckte in verwaschenen Jeans und T-Shirt. Seine Schwägerin war ohne Zweifel eine schöne Frau.

„Warum starren Sie mich so an?“, riss Heather Mack aus seinen Gedanken.

„Oh, entschuldigen Sie“, erklärte er. „Ich war ein wenig in Gedanken versunken. Ich bin so froh, Sie endlich gefunden zu haben.“

„Warum?“ Heather runzelte die Stirn. „Warum ist das so wichtig für Sie, Mr. Marshall?“

„Mack. Bitte nenn mich Mack und ich werde Heather zu dir sagen. Schließlich bist du … ich hoffe, ich darf du sagen … mit mir verwandt.“

Heather runzelte die Stirn, nickte aber. „Noch einmal zurück zu der Frage, warum ist es so wichtig für Sie … ich meine … für dich, mich gefunden zu haben.“

Weil ich fernab in einem fremden Land beinahe allein im Dreck gestorben wäre, dachte Mack und mir dabei bewusst geworden ist, dass ich keine Familie habe, niemanden der auf meiner Beerdigung weinen würde. Das war die traurige Wahrheit, die hinter dieser Sache steckte, doch er würde sein Seelenleben kaum einer Frau offenbaren, die er noch nicht einmal kannte.

„Mir ist eines Tages eingefallen, dass noch alte Schachteln, die meinem Vater gehörten, in der Garage stehen. Ich hatte sie über die Jahre hinweg vergessen. Als ich mir schließlich die Zeit nahm, die Sachen in diesen Schachteln durchzugehen, stieß ich auf Dokumente, aus denen hervorging, dass mein Vater vor der Ehe mit meiner Mutter bereits kurz verheiratet gewesen war. Aus dieser Ehe stammt Frank. Mein Vater ist bereits verstorben, also werde ich nie die Gründe erfahren, die ihn dazu bewogen haben, mir meinen Halbbruder zu verschweigen. Ich war fest entschlossen, Frank zu finden. Aber es hat Wochen gedauert, bis ich auf die richtige Fährte stieß und dann auch nur, um zu erfahren, dass er vor Jahren bei einem Unfall ums Leben kam. Dann habe ich dich und deine Töchter gefunden. Und …“, Mack zuckte mit den Schultern, „jetzt bin ich hier.“

„Tja, das ergibt einen Sinn, nehme ich an“, erwiderte Heather. „Ich nehme an, dass ich das Gleiche tun würde, wenn ich plötzlich herausfände, dass ich noch Verwandte habe. Allerdings bin ich mir nicht sicher, dass man uns unter diesen Umständen überhaupt als verwandt bezeichnen darf.“

„Du bist eine Marshall“, erklärte Mack bestimmt. „Für mich gehörst du damit zur Familie. Meine Nachforschungen haben außerdem ergeben, dass du auch keine Familie hast. Die ganze Marshall-Familie besteht nur aus dir, Emma und Melissa.“

„Du kennst die Namen meiner Töchter?“, fragte Heather erstaunt.

Mack nickte. „Auch ihr Geburtsdatum. Ich kenne auch deines und …“ Er runzelte die Stirn und sah sie fragend an. „Dich scheint das nicht sehr zu freuen.“

„Du liebe Güte“, sagte Heather und hob hilflos die Hände. „Wie würdest du dich fühlen, wenn ein Fremder in dein Haus schneit und dir nicht nur erklärt, dass er dein Verwandter ist, sondern auch noch alle möglichen Informationen über dich hat? Was hast du noch herausgefunden? Wann ich zum letzten Mal beim Zahnarzt war? Was für einen Wagen ich fahre? Oder was sonst noch?“

„Dein Wagen ist zwölf Jahre alt“, sagte Mack und räusperte sich dann. „Entschuldige, diese Information stand genau vor mir auf dem Monitor und …“

„Du bist in meine Privatsphäre eingebrochen“, stieß Heather aufgebracht hervor. „Ich werde dich anzeigen, ich werde dich bei der … Ach, Unsinn, ich weiß auch nicht, wo ich dich melden soll.“ Sie hielt einen Moment inne und fuhr dann fort: „Hör zu, ich habe einen langen Tag hinter mir und bin müde. Ich glaube, es wäre das Beste, wenn du jetzt gehst.“

„Kann ich morgen wieder kommen?“, fragte Mack, während er sich erhob.

Heather stand ebenfalls auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich sehe zwar keinen Sinn darin, aber meinetwegen. Du … gehörst zu unserer Familie, wie du so schön zu sagen pflegst. Allerdings kommen wir aus zwei verschiedenen Welten. Du bist ein berühmter Fotojournalist. Ich bin allein erziehende Mutter, die sich als selbstständige Steuerberatergehilfin über Wasser hält und jeden Pfennig sparen muss, um sich und ihre Töchter ernähren zu können. Wir haben absolut nichts gemeinsam. Wir haben uns getroffen, ein wenig miteinander geplaudert und das war es dann auch schon.“

„Was ist mit Frank? Ich würde gern etwas über meinen Halbbruder erfahren.“

„Dazu reichen sechzig Sekunden aus“, meinte Heather und verdrehte die Augen.

„Heather, ich würde wirklich gerne deine Töchter sehen. Gib mir doch die Chance, sie kennen zu lernen und dich natürlich auch. Ihr seid alles, was ich habe. Und du hast doch auch keine weitere Familie? Bedeutet dir das denn gar nichts?“

„Nein. Doch. Ach, ich weiß es nicht“, erklärte sie und schüttelte den Kopf. „Das ist alles ziemlich verwirrend. Ich muss erst ernsthaft darüber nachdenken, was das Beste für meine Töchter ist. Unsere Familie bestand bisher aus den Leuten, die hier in dieser Straße leben. Ich habe dieses Haus gleich nach der Geburt meiner Töchter gemietet und niemand ist seitdem aus dieser Straße weggezogen. Wir sind alle miteinander befreundet und ich will meine Töchter auf keinen Fall damit durcheinander bringen, indem ich sage: ‚Hey, stellt euch vor, ihr habt einen Onkel. Begrüßt euren Onkel Mack schnell, bevor er wieder verschwindet und durch die Weltgeschichte reist. ‘ Warum sollte ich ihren ruhigen, geregelten Alltag damit unterbrechen?“ Heather schüttelte den Kopf. „Entschuldige, ich wollte dich nicht verletzten, aber ich muss wirklich darauf achten, was das Beste für meine Mädchen ist.“

Mack nickte verständnisvoll. „Das kann ich gut verstehen, aber vielleicht kann ich dir bei deiner Entscheidung helfen, wenn ich dir sage, dass ich nicht vorhabe, in der nächsten Zeit zu reisen. Ich bin freiberuflich tätig und kann mir so viel Urlaub nehmen, wie ich möchte. Ich werde zumindest noch einige Wochen hier bleiben.“

„Oh“, sagte Heather. „Verbringen Leute mit deinem Einkommen ihren Urlaub normalerweise nicht in exotischeren Gefilden als Tucson?“

„Nicht, wenn man herausfindet, dass die gesamte Familie in Tucson, Arizona lebt.“ Mack schaute Heather unverwandt an. „Es ist mein großer Wunsch, dich und deine Töchter näher kennen zu lernen. Ich hoffe, du gewährst mir dieses Privileg.“

Heather konnte auf einmal kaum noch atmen. Das tiefe angenehme Timbre von Macks Stimme, kombiniert mit dem intensiven Blick seiner dunklen Augen schien ihr den Atem zu stehlen.

Irgendwie jagte ihr das Angst ein, aber tief in ihrem Inneren erregte es sie auch. Nie zuvor war sie sich in der Gegenwart eines Mannes so sehr ihrer Weiblichkeit bewusst gewesen. Um ehrlich zu sein, wollte sie Mack nicht wieder sehen. Er brachte sie viel zu sehr aus dem Gleichgewicht.

„Heather?“, fragte Mack. „Kann ich morgen wieder kommen? Sag mir, wann ich kommen soll und ich werde da sein. Bitte.“

„Fünfzehn Uhr“, hörte Heather sich sagen und schüttelte dann, erstaunt über ihre Antwort, leicht den Kopf. „Die Mädchen kommen ungefähr um vierzehn Uhr dreißig aus der Schule. Ich werde sie auf dich vorbereiten, während wir einen kleinen Imbiss zu uns nehmen. Ich hoffe, ich tue das Richtige.“

„Das tust du. Ganz bestimmt. Glaub mir“, sagte Mack und lächelte. „Danke, Heather, vielen Dank. Wir sehen uns dann morgen Nachmittag um fünfzehn Uhr. Gute Nacht.“

Mack streckte ihr die Hand entgegen, und Heather ergriff sie nach kurzem Zögern. Er drückte leicht ihre Hand, doch ließ sie nicht sofort wieder los.

„Nochmals vielen Dank“, erklärte er.

Heather nickte und befahl sich, ihre Hand aus seiner zu ziehen, doch ihre Muskeln wollten ihr nicht gehorchen.

Ihr wurde auf einmal unglaublich warm. Eine seltsame prickelnde Hitze breitete sich von ihrem Arm über ihre Brust aus, deren Spitzen sich aus unerklärlichen Gründen aufrichteten. Macks Hand war so groß, dass ihre fast völlig darin verschwand. Es war eine Hand, die Kraft ausstrahlte, aber auch Zärtlichkeit und … Heather seufzte innerlich. Du lieber Himmel, warum war ihr auf einmal so heiß?

Endlich ließ Mack ihre Hand los. Er schenkte ihr noch ein letztes Lächeln und ging dann zur Haustür hinüber. Heather folgte ihm benommen.

„Bis morgen“, sagte er.

„Ja“, erwiderte sie, die Stimme nur noch ein Flüstern. „Bis morgen.“

Mack verließ das Haus und Heather schloss die Tür hinter ihm ab. Dann lehnte sie erschöpft die Stirn gegen das Holz.

Wie war es nur möglich, dachte sie, dass ein Klopfen an der Tür meine ganze Welt auf den Kopf stellen kann?

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