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Dream – Frei und ungezähmt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Neuland
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
  7. Begegnung
    1. Kapitel 5
    2. Kapitel 6
    3. Kapitel 7
    4. Kapitel 8
    5. Kapitel 9
    6. Kapitel 10
    7. Kapitel 11
  8. Wenn du mich zähmst …
    1. Kapitel 12
    2. Kapitel 13
    3. Kapitel 14
    4. Kapitel 15
    5. Kapitel 16
    6. Kapitel 17
  9. … werden wir einander brauchen
    1. Kapitel 18
    2. Kapitel 19
    3. Kapitel 20
  10. Einzigartig in der Welt …
    1. Kapitel 21
    2. Kapitel 22
    3. Kapitel 23
    4. Kapitel 24
    5. Kapitel 25
    6. Kapitel 26
  11. Abschied
    1. Kapitel 27
    2. Kapitel 28
    3. Kapitel 29
    4. Kapitel 30
    5. Kapitel 31
  12. Epilog
  13. Nachwort

Über dieses Buch

Sarah kann es nicht fassen: Ihre Eltern wandern nach Neuseeland aus – und sie muss mit. Traurig lässt ihr geliebtes Pflegepferd zurück und lässt sich nur widerwillig auf das Leben am anderen Ende der Welt ein. Erst als der eigentlich verschlossene Lucas sie in die nahegelegenen Berge mitnimmt, ändern sich die Dinge. Der Junge mit den maorischen Wurzeln, der Pferde so liebt wie sie, zeigt ihr die in Freiheit lebenden Kaimanawa-Wildpferde, und Sarah verguckt sich auf Anhieb in einen Hengst mit silberner Mähne. Heimlich gibt sie ihm den Namen Dream. Umso schockierter ist sie, als Dream gefangengenommen wird. Ihm droht der Verkauf oder vielleicht sogar die Schlachtung! Gemeinsam mit Lucas setzt Sarah alles daran, den Hengst zu retten. Wirklich helfen kann sie Dream jedoch nur, wenn sie sein Vertrauen gewinnt. Eine fast unmöglich erscheinende Aufgabe. Doch mit viel Geduld schafft Sarah es, eine ganz besondere Beziehung zu Dream aufzubauen. Und schließlich gelingt ihr mit Lucas’ Unterstützung das Unglaubliche: Sie können Dream sogar seine Freiheit wiederschenken …

Über die Autorin

Sarah Lark, geboren 1958, wurde mit ihren fesselnden Neuseeland- und Karibikromanen zur Bestsellerautorin, die auch ein großes internationales Lesepublikum erreicht. Nach ihren fulminanten Auswanderersagas überzeugt sie inzwischen auch mit mitreißenden Romanen über Liebe, Lebensträume und Familiengeheimnisse im Neuseeland der Gegenwart. Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin, die in Spanien lebt.

SARAH LARK

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Frei und ungezähmt

Neuland

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Kapitel 1

»Natürlich werden meine Eltern es erlauben. Ganz bestimmt!« Aufgeregt und überglücklich umarmte Sarah den Wallach Jackpot. Beinahe wäre sie sogar auch noch der Besitzerin des Pferdes, Eva Betge, um den Hals gefallen. »Ich werde gleich nach Hause fahren und fragen. Und dann rufe ich Sie an, ja?«

Eva Betge, eine zierliche, nicht mehr ganz junge Frau mit kurzem, rot gefärbtem Haar, lächelte. »Nur die Ruhe«, beschwichtigte sie Sarah. »Es eilt nicht mit der Zusage. Ich werde ganz bestimmt keine andere Stallhilfe fragen. So gut wie du kommt keiner mit Jackpot zurecht.«

»Danke, Frau Betge. Sie können sich auf mich verlassen!«

Sarah konnte ihr Glück kaum fassen. Noch ein paar Tage zuvor wäre sie nicht einmal auf die Idee gekommen, Jackpot eines Tages reiten zu dürfen. Sie war schon selig, weil Eva Betge ihr erlaubte, den großen Fuchs mit der breiten Blesse und der hellen Mähne jeden Tag zu putzen und auf die Weide zu bringen. Doch dann hatte die Pferdebesitzerin sie mit einer unglaublichen Nachricht überrascht: Sie hatte für Sarah und Jackpot eine Reitstunde für Fortgeschrittene gebucht, auf ihre Kosten, und jetzt toppte sie das noch, indem sie ihr eine Reitbeteiligung anbot! Für hundertzwanzig Euro im Monat, nur wenig mehr, als sie bisher für ihre Reitstunden bezahlte, würde sie den Wallach zweimal in der Woche reiten dürfen, einmal im Unterricht und einmal im Gelände. Sarah schwindelte es fast bei dem Gedanken an einen Galopp durch den Wald. Sie konnte sich Ausritte auf Schulpferden nur ein- oder zweimal im Jahr leisten – seltene Highlights ihres bisherigen Reiterlebens. Und nun sollte sie das jede Woche haben! Mit Jackpot, dem wunderbarsten Pferd, mit dem sie je zu tun gehabt hatte!

Eva Betge nickte. »Wenn du mit deinen Eltern redest, sag ihnen, dass ich mich gern mal mit ihnen treffen würde. Es sind da noch ein paar versicherungstechnische Fragen zu klären. Aber das kriegen wir hin.«

Sarah bedankte sich bestimmt noch zwanzig Mal, bevor sie Jackpot schließlich einen letzten Kuss auf seine weiche Pferdenase drückte und sich verabschiedete. Euphorisch schwang sie sich auf ihr Fahrrad und machte sich auf den Heimweg. Der Reitstall lag am Stadtrand, und sie würde gut zwanzig Minuten brauchen, um das Mietshaus in Hamburg Wandsbek, in dem sie mit ihren Eltern wohnte, zu erreichen. Ein ziemlich langweiliges Haus, Sarah hätte lieber ein Haus mit Garten wie ihre Großeltern, bei denen sie sehr viel Zeit verbrachte. Tatsächlich war sie häufiger bei Oma Inge und Grandpa Bill als bei ihren Eltern. Die waren ständig beschäftigt, während die Großeltern immer für sie Zeit hatten. Sie würden sicher auch einspringen, falls ihre Eltern das Geld für die Reitbeteiligung nicht aufbringen konnten oder wollten. Sarah war es nur unangenehm, sie direkt danach zu fragen. Oma Inge und Grandpa Bill bezahlten sowieso schon den größten Teil ihrer wöchentlichen Reitstunden. Ihre Eltern konnten sich ihr teures Hobby nicht leisten – das behaupteten sie jedenfalls.

Sarah musste einmal mehr daran denken, was die Esoterikkurse kosteten, die ihre Mutter regelmäßig belegte, und die Ersatzteile für die Motorräder, an denen ihr Vater so gern herumschraubte. Bisher hatte sie das nie zur Sprache gebracht, aber an diesem Tag war sie bereit zu kämpfen. Sie war dreizehn Jahre alt und ziemlich gut in Mathe. Wenn ihre Eltern sich querstellten, würde sie ihrer Mutter vorhalten, was sie für den Telepathiekurs bezahlt hatte, den sie zurzeit belegte, und ihren Vater an die Rechnung für das Tattoo erinnern, das er sich in der vergangenen Woche hatte stechen lassen.

Sarah fand, dass sie selbst äußerst sparsam war. Sie gab ihr Taschengeld hauptsächlich für die Pferde aus, kaufte Leckerbissen wie Möhren oder Äpfel, und den Rest sparte sie für gelegentliche Ausritte. Demnächst würde sie Jackpot vielleicht ein neues Halfter kaufen oder bunte Mähnengummis. Bestimmt hatte Eva Betge nichts dagegen, wenn sie ihr Pflegepferd etwas verwöhnte.

Sarah trat fester in die Pedale als sonst. Sie konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Himmelblau … Ja, sie würde Jackpot in Himmelblau ausstatten, dann wären sie regelrecht im Partnerlook. Schließlich hatte auch sie eine blonde Mähne und trug eine blaue Reitkappe … Sie musste die Pferdebesitzerin oder eins der Mädchen bitten, Fotos zu machen.

Sarah erreichte ihr Zuhause in Rekordzeit und schob ihr Fahrrad in den Hausflur. Halb sieben, ihre Eltern müssten eigentlich schon da sein. Wie konnte sie ihnen die Sache mit der Reitbeteiligung nur am geschicktesten beibringen? Von Eva Betges geplantem Gespräch würde sie vorerst besser nichts sagen. Bestimmt hatten Gesa und Ben kein Interesse, Jackpots Besitzerin zu treffen und mit ihr den Papierkram zu besprechen. Organisatorische Fragen fanden die beiden lästig und hielten sie sich vom Leib, wann immer es ging.

Sarah schloss die Tür zur Wohnung auf und betrat den schlauchähnlichen Flur, der mit kleinen Schränken und fernöstlichen Dekorationsstücken vollgestellt war. Ihre Mutter hatte die Wohnung ein paar Monate zuvor nach den Prinzipien des Feng-Shui umgestaltet. Der Eingangsbereich unterstützte den Fluss des Qi angeblich nur ungenügend, und all das Zeug hier sollte diese wichtige Lebensenergie umleiten. Sarah konnte das nicht wirklich nachvollziehen, doch immerhin hatte man jetzt viel Stauraum.

Sie hängte ihre Jacke in den Garderobenschrank und stellte ihre Reitstiefel hinein. Aufgeregt lauschte sie in die Wohnung. Aus dem Wohnzimmer hörte sie den Fernseher und außerdem Stimmen. Ihre Eltern unterhielten sich, stritten aber nicht. Das war gut. In der letzten Zeit hatten sie häufig Auseinandersetzungen gehabt, und Sarah war sich nur zu bewusst, dass es strategisch sehr ungeschickt gewesen wäre, mit ihrem Anliegen herauszukommen, hätte dicke Luft geherrscht.

»Sarah?«

Gesa … Ihre Mutter musste sie gehört haben, und ihre Stimme klang zum Glück nicht schlecht gelaunt. Sarah fasste Mut. Heute war ihr Glückstag, sicher würde alles klappen. Sie trat ins Wohnzimmer, in dem ihre Eltern am Tisch saßen und irgendwelche Prospekte durchsahen, die auf Ferienplanung hindeuteten. Sehr gut, wenn sie sowieso Geld ausgeben wollten, konnten sie ihr ihren Wunsch kaum abschlagen! Sie machten auch beide einen aufgeräumten Eindruck und schienen gut gelaunt zu sein.

»Hi, Ma… äh … Gesa!« Sarah erinnerte sich gerade noch rechtzeitig daran, dass ihre Mutter sich lieber mit dem Vornamen anreden ließ. Mit »Mama« angesprochen zu werden, so argumentierte sie, gebe ihr das Gefühl, alt zu sein. Sarah konnte sich allerdings schwer daran gewöhnen. Zumal Gesa absolut nicht alt aussah und sehr hübsch war. Wie sie selbst war sie blond und blauäugig, allerdings etwas kleiner und eher vollschlank. Ihre Größe, ihre schlanke Figur und die Locken hatte Sarah von ihrem Vater. »Hi, Paps!«, rief sie ihm zu. »Ich … ich muss euch was erzählen! Ihr … ihr glaubt nicht, was mir heute passiert ist!« Vielleicht wäre es besser gewesen, ein paar einleitende Worte zu finden, doch Sarah musste jetzt einfach gleich mit ihrer Neuigkeit herausplatzen. Atemlos berichtete sie von Eva Betge und ihrem Angebot. »Ihr müsst das nur noch erlauben!«, endete sie schließlich. »Es sind kaum zwanzig Euro mehr im Monat. Und ich … ich will dann bestimmt keine Taschengelderhöhung mehr, bis ich achtzehn bin!« Letzteres war ihr gerade noch eingefallen, und sie fand, dass sie damit einen ausgesprochen guten Deal vorschlug.

Ihre Mutter lächelte. »Das ist sehr schön, Sarah-Schatz. Und wir hätten natürlich nichts dagegen. Oder, Ben?« Sarahs Vater schüttelte den Kopf, er wirkte fast desinteressiert. Sarah wunderte sich. Konnte es wirklich so leicht gehen? »Es ist nur … Wir haben auch ein paar Neuigkeiten für dich, Sarah. Großartige Neuigkeiten! Was würdest du sagen, wenn ich nun wirklich das kleine Geschäft eröffnen würde, von dem ich schon so lange träume?«

Sarah zuckte mit den Schultern. Was sollte sie dazu sagen? Ihre Mutter sprach seit Jahren davon, einen eigenen Laden aufzumachen, in dem sie Kunstgewerbeartikel und Esoterikbedarf anbieten wollte – Räucherstäbchen und Kerzen, Buddhafiguren und Engelanhänger, Traumfänger, Mondkalender, Tarotkarten und Pendel. Sarahs Meinung nach waren das alles Dinge, die der Mensch nicht brauchte. Allerdings half ihre Mutter zweimal wöchentlich in einem solchen Laden aus, und der schien gut zu laufen. Wenn Gesa es also versuchen wollte, bitte. Sie hatte nichts dagegen.

»Das ist cool, Ma… Gesa!«, antwortete Sarah schließlich. »Hast du ein Ladenlokal gefunden, das … das nicht so teuer ist?« Bisher waren die Träume ihrer Mutter stets an der Miete gescheitert.

Gesa lächelte wieder. Sie tat so geheimnisvoll. Was hatte sie nur? »Ich brauchte gar nicht zu suchen!«, erklärte sie. »Es ist so was wie Fügung … ein Glücksfall. Wir haben doch da dieses Haus …«

»Wir haben ein Haus?« Sarah runzelte die Stirn.

»Das Haus, das Ben geerbt hat«, half ihre Mutter ihr auf die Sprünge. »Du weißt doch, das in Neuseeland.«

Ach, das meinte sie. Sarah nickte. Ihr Großonkel, der vor einer halben Ewigkeit nach Neuseeland ausgewandert war, hatte ihrem Vater ein paar Jahre zuvor sein Anwesen vererbt und für etwas Verwirrung gesorgt, da ihre Familie ewig nichts von Onkel Pete gehört hatte. Zuerst hatte Ben die Erbschaft nicht einmal annehmen wollen, da er mal wieder Papierkram fürchtete. Grandpa Bill hatte ihm dann geholfen, alles zu regeln, und der Testamentsvollstrecker war ebenfalls sehr bemüht gewesen. Das Haus war seitdem vermietet, was für die Singers eine willkommene finanzielle Unterstützung bedeutete.

»Wollt ihr es verkaufen?«, fragte Sarah.

Eigentlich eine gute Idee. Ihre Mutter könnte sich von dem Geld den Wunsch mit dem Geschäft erfüllen, und bestimmt blieb noch genug übrig für Sarahs Reitbeteiligung.

Ihre Mutter lachte. »Nein, Schätzchen. Viel besser! Ich werde mein kleines Geschäft gleich da eröffnen. Es hat doch ein Ladenlokal im Erdgeschoss. Darin kann ich mich wunderbar einrichten!«

Sarah runzelte die Stirn. Sie verstand absolut nicht, was ihre Mutter da plante. Ein Geschäft in Neuseeland? Wie sollte sie da jeden Tag hinkommen?

»Ist das nicht ein bisschen weit weg?«, fragte sie vorsichtig und wartete auf eine versponnene Erklärung.

Sie wäre nicht verwundert gewesen, hätte ihre Mutter jetzt erklärt, dass sie den Laden nur online führen wollte. Einen Kurs in Geistreisen hatte Gesa auch schon einmal absolviert.

»Nun erzähl es doch mal richtig«, ließ sich ihr Vater jetzt vernehmen. »Warte kurz …« Er ging in die angrenzende Küche, holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete die Flasche, nahm einen Schluck und setzte dann zu einer Erklärung an. »Es ist einfach so, Sarah, dass der Mieter unseres Hauses in Waiouru gekündigt hat. Und bislang zeigt kein anderer Interesse. Also hab ich den Ort mal ein bisschen gegoogelt und dabei festgestellt, dass da gerade ein Fahrzeugverleih zum Verkauf steht.« Fahrzeugverleih? Was hatte das jetzt wieder mit dem Haus zu tun? Sarah schwirrte der Kopf. »Gar nicht mal so teuer, zumal sich der Verkäufer auf Ratenzahlung einlässt. Wenn ich die Harley verkaufe …« Während ihr Vater weitersprach, begann Sarah zu verstehen.

»Ihr wollt nach Neuseeland ziehen?«, fragte sie entsetzt. »Wir … wir sollen da wohnen? In dem Haus? Wir …«

Ihre Mutter wirkte so glücklich, wie Sarah sie lange nicht gesehen hatte. »Genau, Sarah-Schatz! Wir werden auswandern! Wir überlegen schon eine Weile, aber wir wollten es dir erst erzählen, wenn wir ganz sicher sind. Und jetzt hat Ben halt die Zusage für den Kauf des Fahrzeugverleihs. Ist das nicht unglaublich aufregend? Was sagst du dazu?«

Sarah war erst einmal sprachlos. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. »Aber … ich muss doch zur Schule«, murmelte sie.

Ben lachte. »Natürlich, Sarah. In Waiouru gibt es eine sehr gute Schule, gar nicht so weit von unserem Haus entfernt. Die Sprache ist ja kein Problem.«

Bens Vater, Grandpa Bill, war Amerikaner, und obwohl er schon seit vielen Jahren in Deutschland lebte, sprach er immer noch Englisch mit seiner Familie. Und da Sarah so viel Zeit bei ihren Großeltern verbrachte, war sie praktisch zweisprachig aufgewachsen.

»Waiouru ist wunderschön!«, fügte Gesa hinzu. »Es liegt in den Bergen im Zentrum der Nordinsel. Wie heißt die Gegend noch? Kaimanawa Range. Die Landschaft dort ist traumhaft! Du wolltest doch immer auf dem Land leben!« Gesa sah ihre Tochter Beifall heischend an.

Sarah schüttelte den Kopf. »Aber doch nicht … doch nicht in Neuseeland«, stammelte sie. »Und nicht gerade jetzt. Jackpot …«

»Jackpot?« Ihr Vater runzelte die Stirn.

»Das Pferd«, half ihre Mutter erklärend. »Das Pferd, von dem sie eben erzählt hat. Das sie reiten darf … Sarah-Schatz, das tut uns jetzt natürlich leid. Aber ein paar Wochen sind wir ja noch hier, und da kannst du selbstverständlich …«

»Ein paar Wochen? Ich will ihn nicht nur für ein paar Wochen!«, rief Sarah verzweifelt. »Ich will ihn für immer! Und ich will auch nicht weg aus der Schule, von meinen Freundinnen, vom Reitstall … und von Oma und Grandpa …« Das alles sollte sie aufgeben? Für immer und ewig?

»In Neuseeland gibt es auch Pferde«, bemerkte ihr Vater. »Womöglich ist das Reiten da sogar billiger. Und wenn wir richtig gut verdienen …«

»Jetzt versprich ihr nicht schon ein eigenes Pferd!«, fuhr ihre Mutter auf. »Wir wollen dich nicht unter Druck setzen, Sarah, oder bestechen. Du sollst das schon auch wollen …«

»Ich will es nicht!«, rief Sarah. »Ich will hierbleiben, ich will Jackpot.«

Gesa ließ ihren Ausbruch an sich abperlen. »Du wirst es schon noch verstehen«, behauptete sie entrückt. »Sieh mal, Sarah, es ist so was wie ein Geschenk vom Universum …«

Ihr Vater stöhnte. »Hör auf mit dem Unsinn, Gesa!«, bemerkte er. »Und, Sarah, tatsächlich ist es nicht so, als ob du da noch wirklich mitentscheiden könntest. Deine Mutter und ich sind uns einig. Wir werden das Haus nicht wieder vermieten, sondern selbst beziehen. Gesa wird ihren Laden eröffnen, und ich übernehme den Fahrzeugverleih. Tut mir leid, wenn wir dich jetzt so damit überfallen. Aber eine solche Chance bietet sich einem nicht jeden Tag, und wir wollen sie nicht ungenutzt verstreichen lassen. Wir können immer noch zurückkommen, wenn es kein Erfolg wird. Und du … du wirst eine Erfahrung fürs Leben machen, um die dich all deine Freundinnen beneiden.«

»Und Oma Inge und Grandpa Bill?« Sarah kamen jetzt die Tränen. Es war schlimm genug, sich ein Leben ohne Jackpot vorzustellen. Aber die Großeltern zurückzulassen war schlichtweg undenkbar. »Was … was sagen die denn dazu? Kann ich nicht hier bei ihnen bleiben?«

Ben und Gesa sahen einander an. »Die wissen das noch gar nicht«, gestand Gesa. »Wir werden es ihnen morgen erzählen. Bestimmt freuen sie sich für dich. Dass du bei ihnen bleibst, kommt nicht infrage. In Neuseeland hätte ich endlich mal mehr Zeit für dich. Außerdem werden Inge und Bill auch nicht jünger.«

»Und es war doch immer die Rede davon, dass du ein Jahr in Amerika zur Schule gehst …«, versuchte es jetzt ihr Vater erneut.

Sarah biss sich auf die Lippen. Zwischen einem Schuljahr im Ausland und einer Auswanderung bestand ihrer Meinung nach ein erheblicher Unterschied. Doch wenn die Großeltern bisher nicht eingeweiht waren, bestand vielleicht noch Hoffnung. Mit ein bisschen Glück würden Grandpa Bill und Oma Inge ihren Eltern die Sache ausreden oder sie gar überreden, dass es besser wäre, wenn sie bei ihnen in Deutschland bliebe.

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Kapitel 2

»Ich fürchte, da ist nichts mehr zu machen. Deine Eltern sind fest entschlossen.«

Oma Inge schaute genauso betreten drein wie ihre Enkelin. Sie hatte Sarah fest umarmt, als sie wie jeden Tag direkt nach der Schule zu den Großeltern gekommen war, um dort zu essen und Hausaufgaben zu machen. Die Begrüßung fiel sonst nicht so emotional aus, und Sarah hatte sofort begriffen, was das bedeutete. Oma Inge und Grandpa Bill wussten inzwischen von Neuseeland, Gesa und Ben mussten es ihnen tatsächlich am Vormittag erzählt haben.

»Es klingt doch gar nicht so schlecht«, meinte Grandpa Bill. »Zumindest aus Sicht deiner Eltern. Ben wollte schon immer was mit Motorrädern machen, und Gesa will seit Jahren Buddhas verkaufen. Ob es natürlich so klappt, wie die zwei sich das vorstellen …«

»Gegenargumente lassen sie jedenfalls nicht gelten.« Ihre Oma seufzte. Sie war eine kleine, grazile Frau mit wachen braunen Augen. Neben ihrem großen, kräftigen Mann – Grandpa Bill erinnerte Sarah stets an einen freundlichen, sanften Bären – wirkte sie fast kindlich. Sie war allerdings sehr selbstbewusst, und bestimmt hatte sie leidenschaftlich argumentiert »Ich fürchte, wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Ihr zieht nach Neuseeland.«

»Wenn es wenigstens nicht so weit weg wäre!«, murmelte Sarah. »Neuseeland ist … das ist doch mindestens so weit weg wie Amerika.«

»Weiter«, sagte Grandpa Bill traurig. »Guck mal …« Er führte Sarah zu dem Globus, der in seinem Arbeitszimmer stand. »Hier ist Deutschland, und da ist Nordamerika. Beides noch auf der Nordhalbkugel. Aber um Neuseeland zu finden, müssen wir den Globus einmal komplett drehen. Es ist auf der anderen Seite der Erdkugel.«

Sarah sah ihren Großvater an, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. »Du meinst … wenn man hier einen Tunnel durch den Planeten graben würde, käme man in Neuseeland wieder raus?«

Oma Inge lachte. Grandpa Bill schürzte die Lippen. »Fast«, meinte er. »Du müsstest in Spanien zu graben beginnen, der Tunnel wäre mehr als zwölftausend Kilometer lang. Und das ist noch ein Katzensprung im Verhältnis zu der Entfernung von Hamburg nach Neuseeland. Das sind nämlich über achtzehntausend Kilometer.«

»Ich weiß überhaupt nicht, was ich so weit weg soll«, klagte Sarah. »Was ist das eigentlich für ein komisches Land? Sie sprechen Englisch, das weiß ich schon. Aber sonst … Der Ort, an den wir ziehen, heißt Waiouru. Das ist doch kein Englisch!«

Grandpa Bill schüttelte den Kopf. »Nein, das ist Maori«, erklärte er. »Die Maori waren die ersten Einwohner Neuseelands. Die haben da schon gelebt, bevor die Engländer im 19. Jahrhundert hinkamen. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Kolonien auf der Welt gab es weniger Streit zwischen ihnen und den weißen Siedlern. Deshalb wurden viele Ortsnamen aus der Sprache der Maori übernommen und auch ein paar Sitten und Gebräuche. Hast du mal ein Rugby-Spiel gesehen? Die Mannschaft von Neuseeland pflegt vor dem Anpfiff einen Maori-Kriegstanz aufzuführen.«

»Klingt blöd«, bemerkte Sarah bockig.

»Eigentlich ist das ein ganz schöner Brauch«, widersprach Grandpa Bill. »Die Maori haben in Neuseeland immer noch sehr viel Einfluss – im Gegensatz zu Amerika, wo man die Indianer in Reservate verdrängt hat. Und das Land soll ausgesprochen schön sein. Mein Bruder hat jedenfalls gern da gelebt.«

»Ich will da trotzdem nicht hin!«, beharrte Sarah. »Ach, Mann, wieso musste Onkel Pete denn ausgerechnet Paps sein Haus in Neuseeland vermachen? Er hätte es doch dir überlassen können …«

Ihr Großvater zuckte mit den Schultern. »Er wollte, dass der Jüngste in der Familie es erhält. In der Hoffnung, den dann zum Auswandern bewegen zu können, sodass der Besitz in der Familie bleibt. Wir sind doch längst zu alt, um für immer von hier wegzugehen.«

Sarah runzelte die Stirn. »Die Jüngste in der Familie bin ich«, erklärte sie. »Also hätte ich es bekommen sollen, und dann …«

»Vor deiner Volljährigkeit hätten dann auch deine Eltern darüber bestimmt«, erinnerte sie Oma Inge. »Und was Pete anging: Er wollte, dass ›der‹ Jüngste es bekommt. Du bist ein Mädchen.« Sie verzog unwillig das Gesicht.

»Was?«, fragte Sarah. »Das glaub ich nicht! Wir ziehen in ein blödes, rückständiges Land, in dem Frauen nicht mal was erben können?«

Grandpa Bill schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Mein Bruder war sicher etwas … hm … verschroben, Neuseeland ist allerdings ein ganz moderner Staat. Übrigens der erste im Westen, in dem die Frauen das Wahlrecht bekommen haben. Schon 1893. Es hatte auch schon etliche Premierministerinnen. Also, unterdrückt wirst du da sicher nicht.«

Sarah seufzte. »Ich will aber nicht in dieses Waiouru … Wo liegt das überhaupt genau? Gesa hat was von einer Nordinsel gesagt. Ich muss das mal googeln …«

»Wir haben schon in den Atlas geschaut«, bemerkte Oma Inge und nahm das dicke Buch vom Tisch. »Hier, sieh mal. Neuseeland besteht aus zwei großen Inseln, dazwischen ist die Cook-Straße, eine Meerenge. Die Nordinsel ist dichter besiedelt als die Südinsel, insgesamt gibt es dennoch nur viereinhalb Millionen Einwohner. Wenn man bedenkt, dass allein in Hamburg knapp zwei Millionen leben … Die meisten Neuseeländer wohnen in den großen Städten. Auf dem Land gibt es wesentlich mehr Schafe und Rinder als Menschen.«

Ihr Großvater grinste.

»Auch in Waiouru?«, fragte Sarah entsetzt.

»Waiouru hat etwa tausendfünfhundert Einwohner«, erklärte Grandpa Bill. »Ich hab’s vorhin nachgesehen. Ursprünglich waren da Schafzüchter ansässig, aber inzwischen lebt der Ort von einer Militärbasis. Ein Trainingscamp für Rekruten gibt es dort, einen großen Truppenübungsplatz. Außerdem ein Militärmuseum. Sonst wohl nicht so viel …«

»Einen Reitstall vielleicht?«, fragte Sarah hoffnungsvoll.

Ihr Grandpa zuckte wieder mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ein paar Pferde wird es schon geben. Pferde gibt’s überall!« Er lächelte. »Und wer wirklich reiten will, Sarah, der schafft das auch. Es tut uns furchtbar leid mit deinem Jackpot, ich bin trotzdem sicher, dass in Neuseeland ein anderes Pferd auf dich wartet.«

Sarah brach erneut in Tränen aus. Sie flüchtete sich in Grandpa Bills bärenhafte Umarmung. Er konnte ihr vielleicht nicht helfen, aber er brachte wenigstens Verständnis für sie auf. Grandpa Bill war auf einer Farm in Wyoming aufgewachsen. Damals hatten Pferde zu seinem Leben gehört, und auch wenn er das Reiten mittlerweile aufgegeben hatte – so ganz vergessen hatte er die Mustangs nicht, die damals frei auf dem Land seines Vaters gelebt hatten.

Am späten Nachmittag machte Sarah sich traurig auf zum Reitstall. Sie musste Eva Betge absagen. Bestimmt hatte sie Verständnis, wenn nicht sogar Mitleid mit ihr. Tatsächlich war Jackpots Besitzerin ganz aufgeregt und zeigte sich fast neidisch, als Sarah von Neuseeland erzählte.

»Das ist ein ganz wunderschönes Land!«, schwärmte sie. »Meine Schwester war mal da, und die Filme, die sie gemacht hat … also, ich konnte mich kaum daran sattsehen. Auswandern nach Neuseeland! Meine Güte … Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre … ein Traum!« Für Sarah war es eher ein Albtraum. Als sie Jackpot sah, schluchzte sie in seine weiche Mähne. Es war auch kein Trost für sie, dass sie ihn bis zu den Sommerferien, wenn die Auswanderung anstand, weiter reiten durfte. Eva Betge wollte dafür noch nicht einmal Geld haben. »Wenn du kostenlos bei mir reitest, giltst du als Gastreiterin. Dann brauchen wir keine Extraversicherung. Deine Eltern haben jetzt schon genug um die Ohren … Und es sind ja nur noch zwei Monate.«

Für Sarah vergingen diese zwei Monate viel zu schnell, sie wünschte sich oft, die Zeit anhalten zu können. Während ihre Eltern sich begeistert auf die Auswanderung vorbereiteten, sah sie nur all die Dinge, die sie jetzt zum letzten Mal in Deutschland erlebte. Die letzte Sommerkirmes, die letzte Deutscharbeit, der letzte Kinobesuch mit ihrer Freundin Maja. Auch Maja würde sie schmerzlich vermissen. Sarah hatte nicht viele Freundinnen – im Reitstall herrschte große Konkurrenz unter den Pferdemädchen, und sie hatte nie wirklich Anschluss gefunden –, doch Maja und sie waren seit dem Kindergarten unzertrennlich. Ihre quirlige Freundin überbot sich selbst mit Vorschlägen, wie man Sarahs Auswanderung doch noch abwenden könnte.

»Vielleicht würden deine Eltern dich ja hierlassen«, überlegte sie. »Du könntest bei uns wohnen. Meine Mutter hätte bestimmt nichts dagegen.« Majas Mutter war alleinerziehend und sehr liberal.

Sarah schüttelte den Kopf. Auf die Idee war sie natürlich auch schon gekommen, nachdem das Thema mit Oma Inge und Grandpa Bill ausdiskutiert war. Oje, sie durfte gar nicht daran denken, wie ihr die beiden fehlen würden … Obwohl sie natürlich versprochen hatten, zu Besuch zu kommen.

Auch Sarahs zweiten Vorschlag, vielleicht ein Internat in Deutschland zu besuchen, hatte ihr Vater direkt abgeschmettert. »Sarah, bist du verrückt? Was meinst du, was das kostet?«, hatte er sie angefahren. »Du bist unsere Tochter, und du kommst mit uns nach Neuseeland. Du wirst dich da schon einleben. In einem halben Jahr hast du das Gefühl, du hättest nie woanders gewohnt. Und wenn du achtzehn bist, kannst du deine eigenen Entscheidungen treffen.«

Irgendwann hatte Sarah eingesehen, dass sie keine Chance hatte, ihre Eltern umzustimmen. Zumindest die nächsten Jahre würde sie in einem Land am anderen Ende der Welt verbringen.

Schließlich brachen die letzten Tage an, und Sarah bereitete sich auf den Abschied von Jackpot vor. Der Flug nach Neuseeland war für den kommenden Montagabend gebucht, und am Sonntag zuvor machte Eva Betge ihr ein großzügiges Abschiedsgeschenk. Eine Gruppe Privatpferdereiter plante einen mehrstündigen Ausritt ins Heidkoppelmoor, und die Pferdebesitzerin verzichtete zu Sarahs Gunsten auf die Teilnahme. Sarah und Jackpot trabten in der Gruppe über lange, breite Reitwege, zuerst zwischen Feldern hindurch und über schmale Waldpfade, dann durch die verträumte Moorlandschaft. Es war ein wunderschöner warmer Tag, der tiefblaue Himmel spiegelte sich in den Teichen im Moor. Die Sonne brach durch das Blattwerk im Wald, und wenn die Pferde hindurchtrabten, schien es, als spielten sie mit Licht und Schatten. Ein Sandweg, der durch eine naturbelassene Wiese mit hoch stehendem Gras führte, lud zum Galoppieren ein. Sie durchquerten Bachläufe und rasteten in einem Wäldchen.

Für Sarah wäre es die Erfüllung all ihrer Träume gewesen, wäre da nur nicht diese Stimme in ihr gewesen, die immer wieder »nie wieder, nie wieder« murmelte. Im Takt des Trabes, im sanften Schaukeln des Schrittes. Nur als Jackpot wie der Wind über eine großflächige Wiese galoppierte, vergaß sie ihren Kummer für kurze Zeit.

Zurück im Stall rieb sie den großen Fuchs zum letzten Mal trocken, brachte ihn zum letzten Mal auf die Koppel …

Am Abend weinte sie sich in den Schlaf.

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Kapitel 3

Am Montagmorgen packte Sarah lustlos ihren Rucksack für den langen Flug. Das Handy und das Tablet mit den neuesten Spielen und Filmen und zwei Bücher über Pferde steckte sie als Letztes ein, obwohl sie bestimmt zu traurig sein würde, sie zu lesen. Sie vergrub sich in ihrem leeren Zimmer, während ihre Eltern die Wohnung für die Übergabe putzten und dabei wieder einmal diskutierten. In der vergangenen Zeit war es dabei fast immer darum gegangen, welche Dinge sie in die neue Heimat mitnehmen wollten und welche dableiben mussten. Ihr Vater hatte einen Container gemietet, mittels dessen Möbel und Hausrat per Schiff nach Neuseeland transportiert wurden. Was nicht hineingepasst hatte, hatte er bei Ebay versteigert, verschenkt oder weggeworfen. Sarah und ihre Mutter hatten sich von viel geliebtem Trödel trennen müssen. Immerhin hatte sie durchgesetzt, dass ihr Fahrrad mit nach Neuseeland kam – wenn ihr Vater auch einwandte, es sei sicher billiger, dort ein neues zu kaufen. Aber an dem alten Drahtesel hingen so viele Erinnerungen, sie wollte ihn nicht zurücklassen.

Schließlich kamen Oma Inge und Grandpa Bill, um sie und ihre Eltern zum Flughafen zu fahren. Das Auto hatte ihr Vater ebenfalls schon verkauft. Sarah litt unter der seltsam unwirklichen Atmosphäre während der Fahrt. Alle scherzten und lachten, als ginge es nur auf eine Urlaubsreise. Gesa und Ben schienen den Beginn des Abenteuers kaum erwarten zu können und ihre Oma und ihr Grandpa spielten mit, obwohl zumindest Erstere genauso verweinte Augen hatte wie sie selbst. Tatsächlich gerieten sie kurz vor dem Flughafen noch in einen Stau, und Sarah begann schon zu hoffen, sie würden den Flieger verpassen. Am Ende schafften sie es zwar pünktlich, aber es war keine Zeit mehr für eine längere Verabschiedung. Ihre Eltern eilten schon zur Gepäckaufgabe, und sie umarmte ihre Großeltern ein letztes Mal, dann ging es auch schon zur Sicherheitskontrolle und von dort gleich zum Gate.

Eineinhalb Stunden später hob der Flieger ab. Sarah hoffte, von oben einen letzten Blick auf Hamburg und vielleicht auf die Reitanlage werfen zu können. Sie konnte sie allerdings nicht ausmachen und musste darüber beinahe schon wieder weinen.

Ihre Mutter legte den Arm um sie. »Nun sei doch nicht so traurig, Sarah-Schatz!«, sagte sie sanft. »Es wird schön werden, bestimmt! Neuseeland ist ein tolles Land, und ganz sicher wirst du schnell ein neues Lieblingspferd finden.«

Sarah drehte sich trotzig weg. Das klang ja so, als sollte da ein kleines Kind über den Verlust eines Spielzeugs hinweggetröstet werden … Als wäre Jackpot austauschbar. So verständnisvoll ihre Mutter auch tat, sie war nicht bereit, ihre Tochter und ihren Kummer ernst zu nehmen.

Sarah musste zugeben, dass es schon spannend war, mit einem doppelstöckigen Airbus zu fliegen und all die interessanten Menschen verschiedener Nationalitäten auf dem gut sechsstündigen Nachtflug zu beobachten, dem ersten Teil ihrer Reise. Schlafen konnte sie allerdings nicht. Sie stand auf, wanderte den Gang bis zum Cockpit hoch und wieder zurück, vertrieb sich dann die Zeit, indem sie ein Spiel nach dem anderen auf ihrem Tablet spielte, sah sich einen Film an und hoffte darauf, endlich müde zu werden – ihre Eltern waren gleich nach dem Start eingeschlafen. Doch bevor ihr die Augen zufielen, landete die Maschine auch schon in Dubai, der größten Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate.

Die Skyline war faszinierend, Sarah hatte mitbekommen, dass einige der Passagiere auf dem Weg nach Neuseeland ein paar Tage hier bleiben würden. So ein Aufenthalt war sicher eine willkommene Unterbrechung der langen Reise, für sie und ihre Eltern ging es allerdings gleich weiter. Für einen Städtetrip reichte das Geld nicht.

»Wir sind ja auch nicht zum Vergnügen unterwegs«, meinte Sarahs Vater gewichtig. »Streng genommen sind wir überhaupt nicht auf Reisen, sondern wir fliegen nach Hause.«

»Ich bin gespannt, ob die Möbel schon da sind …«, sagte ihre Mutter und gähnte.

Über die Absendung des Containers war lange diskutiert worden. Idealerweise sollte er möglichst gleichzeitig mit ihrer Familie in Neuseeland eintreffen, aber sie waren gewarnt worden, dass dies nicht immer klappte.

Der Flughafen von Dubai war riesig, bunt und hell erleuchtet und wirkte wie ein Vergnügungspark in einer anderen Welt. Sarah und ihre Mutter vertrieben sich die Wartezeit bis zum Weiterflug mit einem Bummel durch die vielen, sehr teuren Geschäfte. Schließlich erwartete sie der nächste Flieger, und dieses Mal schlief auch Sarah ein, kaum, dass sie erneut in der Luft waren. Ein Glück, denn der Flug von Dubai nach Auckland, der bevölkerungsreichsten Stadt Neuseelands, wie sie von Grandpa Bill erfahren hatte, sollte fast sechzehn Stunden dauern. Richtig erholsam war der Schlaf im Sitzen natürlich nicht, und bei der Landung fühlte sie sich alles andere als munter. Das Wetter trug auch nicht gerade zu guter Stimmung bei: Es war kalt und regnerisch in Auckland.

»Erinnerst du dich? Hier ist jetzt Winter, Sarah-Schatz. Die Jahreszeiten sind in Neuseeland doch entgegengesetzt zu unseren«, erklärte ihre Mutter und suchte nach den Pullovern und Windjacken, die sie vorsichtshalber ins Handgepäck gesteckt hatten. »Dafür haben wir dann Weihnachten Badewetter!«

Sarah fragte sich, wozu man das brauchte. Weihnachten wollte sie Schneemänner bauen und mit Jackpot durch die weiße Pracht galoppieren. Baden wollte sie im Juli und August. Missmutig stieg sie in den Bus zum Terminal, während ihre Eltern schon wieder uneins waren. Es war später Vormittag, und ihr Vater fand, sie könnten jetzt gleich weiter.

»Lasst uns sofort nach Waiouru fahren. Der Ort ist nur knapp vierhundert Kilometer entfernt, bis zum Abend müsste das locker zu schaffen sein«, schlug er voller Tatendrang vor. »Selbst wenn die Straßen nicht so gut sein sollten und wir viele Pausen machen.«

Sarahs Mutter dagegen fühlte sich wie gerädert nach dem Flug und schlug vor, sich für diese Nacht ein Hotel in Flughafennähe zu suchen. »Es ist gefährlich, sich jetzt ans Steuer zu setzen«, warnte sie. »Wir sind seit vierundzwanzig Stunden unterwegs. Da bist du angeschlagen, egal, ob du dich so fühlst oder nicht. Und dazu der Linksverkehr, den du nicht gewohnt bist …«

Tatsächlich. Sarah fiel erst jetzt wieder ein, dass die Autos hier auf der »falschen« Straßenseite fuhren. Aus der Diskussion hielt sie sich allerdings raus. Sie konnte ja im Auto schlafen. Wunderbar sogar. Autofahrten fand sie superentspannend.

Ihre Eltern einigten sich irgendwann darauf, in Richtung Süden zu starten und sich unterwegs nach einem Motel umzusehen, falls ihr Vater müde wurde. Er kümmerte sich schon mal um einen Wagen, während Sarah und ihre Mutter das Gepäck abholten, um damit durch den Zoll zu gehen. Sie luden drei große Koffer auf einen Trolley – nicht sehr viel für den Start in ein neues Leben, aber weiteres Gepäck hätte den Flug verteuert. Sarahs Eltern hatten deshalb entschieden, sich bis zur Ankunft des Containers auf ein Minimum zu beschränken.

Mit dem Leihwagen klappte alles gut. Ihr Vater schimpfte nur darüber, dass sie den Wagen in Wanganui abgeben mussten, einer Stadt an der Küste, die über hundert Kilometer von Waiouru entfernt war. In Waiouru selbst gab es keine Autovermietung.

»Vielleicht hätten wir es doch mit dem Zug versuchen sollen«, meinte Sarahs Mutter mit Blick auf den Mietvertrag für den Wagen, woraufhin ihr Vater sie daran erinnerte, dass sie in den nächsten Tagen in Waiouru unbedingt ein Auto benötigen würden.

»Wir werden so schnell wie möglich einen Gebrauchtwagen kaufen«, erklärte er. »Aber überstürzen sollten wir das nicht.«

Sarah fragte sich, warum er in den ersten Tagen nicht mit einem der Motorräder auskommen könnte. Schließlich hatte er zehn Stück gekauft, um sie zu vermieten. Und die wichtigsten Einkäufe sollten sich eigentlich zu Fuß erledigen lassen. Das Haus lag ja angeblich mitten im Ort.

Sie war dann allerdings froh, sich auf dem Rücksitz des Autos einrichten zu können, statt erst vom Flughafen, der ein bisschen außerhalb lag, zum Bahnhof nach Auckland zu fahren und auf einen Zug warten zu müssen. Und während ihre Eltern sich noch um die richtige Ausfahrt zum Highway 1 stritten, war sie schon eingeschlafen.

Sarah erwachte erst kurz vor der Ankunft in Waiouru. Es dämmerte bereits, und das Wetter war genauso ungemütlich wie in Auckland. Sie fuhren teils durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet, teils durch Waldstücke, und Sarahs Mutter erzählte etwas über den Regenwald. Den hatte Sarah bisher zwar mehr am Amazonas vermutet, hätte sich angesichts des Wetters – im neuseeländischen Winter war es laut Grandpa Bill immer regnerisch – aber auch nicht gewundert, wenn der Bevölkerung hier Schwimmhäute wüchsen. Und dann endlich kam das Ortseingangsschild in Sicht. Es hieß Besucher in Waiouru willkommen, doch das schien nur bei Tageslicht zu gelten. Jetzt, am späten Nachmittag, war die Straße verlassen, die Läden waren geschlossen – nur in einem Café brannte trübes Licht. Sarah hätte dort gern gehalten. Sie war hungrig, und zudem hätte sie gern festgestellt, ob hier wirklich Menschen lebten. Auf den ersten Blick erschien ihr Waiouru wie eine Geisterstadt.

»Das Haus liegt gleich hier am Highway«, bemerkte ihr Vater, während er den Wagen an einem Subway vorbeilenkte. Der hatte geöffnet! Sarah lief sofort das Wasser im Mund zusammen.

»Können wir nicht anhalten und was essen? Ich hab so einen Hunger!«, bettelte sie.

Ihre Eltern hatten jedoch nur Augen für ihr Haus, von dem sie hofften, dass es bald in Sicht kommen würde. Von seiner Lage gleich am Highway hatten ihre Eltern schon in Deutschland gesprochen, und Sarah hatte sich seufzend ein Haus hinter einer Lärmschutzwand, direkt am Rande der Autobahn vorgestellt. In Neuseeland hatte »Highway« allerdings eine andere Bedeutung, das wusste sie jetzt. Obwohl der Highway 1 zu den wichtigsten Straßen der Nordinsel gehörte, war er im Ort nur einspurig und wirkte um diese Zeit eher wie eine verkehrsberuhigte Zone als wie eine Autobahn.

»Hier, Nummer 14!«

Sarah war es zwar ein Rätsel, wo ihre Mutter eine Hausnummer sah, aber ihr Vater bog ausnahmsweise ohne zu widersprechen in die kurze Einfahrt ein, die an einer Rasenfläche entlang zu einem zweigeschossigen Haus führte. Sarah erkannte das Ladenlokal im Erdgeschoss, von dem sie schon Bilder gesehen hatte. Sie fand es ein bisschen komisch, dass es nicht näher an der Straße lag. In Deutschland pflegten Geschäfte schließlich direkt vom Bürgersteig aus zugänglich zu sein. Andererseits gab es hier auch keine richtigen Bürgersteige.

»Da sind wir!«, freute sich Sarahs Vater und stieg aus. »Willkommen in unserem neuen Zuhause!«

»Wer hat denn wohl den Schlüssel?«, erkundigte sich ihre Mutter. Sie fröstelte im Nieselregen. »Der Mieter sagte, er werde ihn bei den Nachbarn abgeben. Den Fosters. Seht ihr hier Nachbarn?«

Das neue Haus lag nicht in einer Häuserzeile, wie man sie aus europäischen Städten kannte. Tatsächlich befand sich das Nachbarhaus etwas versetzt und umgeben von einem größeren Garten. Sarah bemerkte erleichtert, dass es beleuchtet war. Die Leute schienen da zu sein.

»Ich geh gleich mal rüber«, erklärte Ben und war wenige Minuten später in Begleitung der Nachbarn wieder da.

»Hi! Willkommen im neuen Zuhause!« Mrs. Foster, eine kleine, lebhafte Frau, rundlich und mit sehr hellem Haar, begrüßte sie überschwänglich. »Ich bin Maryellen, und das ist Bernard!«, stellte sie sich und ihren Mann vor. »Wir hatten euch erst morgen erwartet. Donnerwetter, seid ihr gleich nach dem langen Flug von Auckland aus hergefahren? Ihr seid hart im Nehmen, unglaublich. Als ich mal mit Bernard auf den Cook Islands war, und das ist längst nicht so weit, da …«

»Maryellen, nun lass die Leute doch erst mal ankommen, bevor du ihnen deine halbe Lebensgeschichte erzählst!«, unterbrach ihr Mann sie, aber es klang nicht böse. »Ihr seid Ben und Gesa, nicht? Spreche ich das richtig aus? Und Sarah?«

Er lächelte ihnen zu. Bernard war größer als seine Frau, allerdings genauso rund. Sarah fragte sich, ob sie vielleicht eine besonders gute Köchin war. Im Moment konnte sie einfach nur an Essen denken.

Maryellen nestelte einen Schlüsselbund aus der Tasche. »Lasst uns mal reingehen!«, schlug sie vor. »Ist ja ungemütlich hier im Regen …«

Das war es. Allerdings machte das Haus keinen sehr viel einladenderen Eindruck. Es war seit einem Monat nicht bewohnt, und möbliert war es natürlich auch nicht.

»Wo sollen wir hier denn schlafen?«, fragte Sarah unglücklich und wiederholte die Frage gleich noch mal auf Englisch. Vielleicht hatten Maryellen und Bernard ja eine Idee.

Bernard schaute verblüfft zu ihren Eltern. »Ihr wollt heute schon hier schlafen? Ich dachte … also die Containerfirma hat vorhin angerufen, ihr hattet uns ja als Kontaktadresse vor Ort angegeben. Eure Sachen sind wohl angekommen. Aber sie sind bisher noch in Auckland beim Zoll. Jedenfalls … Also, ich denke, ihr müsst heute Nacht erst mal ins Motel. Ihr seid daran vorbeigefahren. Gleich beim Subway ist es …«

»Also eigentlich hatte ich gehofft, heute schon hier …« Sarahs Vater war alles andere als begeistert von der Aussicht, jetzt doch noch Geld für eine Übernachtung ausgeben zu müssen, nachdem er sich todmüde bis an ihr Ziel gequält hatte. »Können wir nicht … Gibt’s nicht wenigstens ein paar Matratzen, oder so? Luftmatratzen? Oder Gartenliegen?«

Er blickte die Fosters fragend an. Die machten jedoch keine Anstalten, jetzt noch ihre Gartenmöbel herauszukramen. Und auch Sarahs Mutter sprach sich energisch für das Motel aus.

»Es ist gar nicht so teuer«, bemerkte Bernard. »Ich meine, ich versteh ja, dass ihr eure Dollars zusammenhalten wollt, so eine Auswanderung geht ins Geld. Aber jetzt müsst ihr mal an die Kleine denken. Die wirkt ja ganz ausgehungert. Was meinst du, Sarah? Du hast bestimmt Lust auf eine schöne Pizza oder ein Sandwich, nicht?«

Sarahs Herz flog dem neuen Nachbarn zu. Sie atmete auf, als ihr Vater endlich nachgab. Vor dem Aufbruch wollte er allerdings kurz das Haus inspizieren. Die Fosters folgten ihnen interessiert, vor allem Maryellen schien ziemlich neugierig zu sein.

Zuerst durchquerten sie das Ladenlokal im Erdgeschoss.

»Was war hier bis jetzt für ein Geschäft drin?«, fragte Sarahs Mutter.

Bernard schob die Unterlippe vor. »Elektrobedarf«, gab er Auskunft. »Ist bloß nicht besonders gelaufen. Peter und Jane haben nur selten ein paar kleine Artikel verkaufen können, einen Fön oder eine Küchenmaschine. Für die größeren Sachen fahren die Leute nach Wanganui. In den Geschäften dort gibt es mehr Auswahl, und die haben bessere Angebote.«

Gesa sah sich den Laden genau an. Ein rechteckiger Raum mit großem Schaufenster, dahinter ein Lagerraum, ein kleines Büro und eine Toilette.

»Was wollt ihr denn verkaufen?«, fragte Maryellen interessiert. »Ihr wolltet doch auch einen Laden eröffnen, oder?«

»Meine Frau«, erklärte Ben. »Ich übernehme den Fahrzeugverleih. Von den Beasleys.«

»Ach, im Ernst?« Bernard und Maryellen wechselten einen kurzen, schwer zu deutenden Blick. »Das wird Jim und Julie freuen! Sie versuchen schon so lange zu verkaufen …«

Sarah runzelte die Stirn. Sie kannte sich mit Geschäften nicht aus, lediglich über Pferdeverkäufe hatte sie schon einiges gelesen und gehört. Dabei hieß es immer, gute Pferde ließen sich leicht verkaufen, für schwierige sei es nicht so einfach, einen Käufer zu finden. Ob das bei Motorrädern und Quads wesentlich anders war?

»Und was für einen Laden eröffnest du?« Maryellen ließ nicht locker, sie wandte sich direkt an Gesa.

Gesa lächelte verklärt, wie immer, wenn sie an ihren spirituellen Krimskrams dachte. »Oh … ich werde schöne Dinge dort verkaufen«, sagte sie. »Alles, was das Leben … erleuchtet …«

»Was?« Bernard guckte skeptisch. »Es soll doch nicht etwa ein Sexshop werden?«

Sarah hätte beinahe gelacht. Das verblüffte Gesicht ihrer Mutter war zu komisch.

»Natürlich nicht!«, erklärte Gesa beleidigt. »Nein, mehr … Einrichtungsbedarf … Düfte … Dekoration … Lebenshilfe … Ich biete auch Feng-Shui-Beratung an …«

Den Fosters war deutlich anzusehen, dass sie davon noch nie etwas gehört hatten, doch sie gingen nicht weiter auf die geheimnisvollen spirituellen Träume ihrer Mutter ein.

Sarah und ihre Eltern liefen weiter durch das Erdgeschoss, in dessen hinterem Teil es ein paar weitere Lagerräume gab, dann ging es durch das Treppenhaus nach oben, wo die Wohn- und Schlafräume lagen. Sarah war inzwischen wieder wach genug, um sich für ihr Zimmer zu interessieren. Es entpuppte sich als eher kleiner Raum mit Blick zur Straße. Die Wände zierte eine schauderhafte Blümchentapete in ausgeblichenen Lilatönen. Auch die sonstigen Räume waren nicht besonders beeindruckend. Küche und Wohnzimmer gingen ineinander über, es gab noch ein größeres Schlafzimmer, wohl für ihre Eltern, und ein Bad. Alles wirkte ziemlich renovierungsbedürftig.

»Da wird noch einiges dran zu tun sein«, bemerkte auch Gesa. »Vielleicht nehmen wir das Motelzimmer gleich für eine Woche.«

Das Motel war einfach, wie die meisten Unterkünfte dieser Art. Es warb mit freiem Internetzugang, hatte sonst aber nichts zu bieten. Es gab nicht mal einen Frühstücksraum, geschweige denn ein Restaurant.

»Aber nebenan ist ein Subway und gegenüber eine Pizzeria«, erklärte die junge Frau an der Rezeption.

Die Singers entschieden sich an diesem Abend für das Subway. Sarah verschlang ein riesiges Sandwich. Es schmeckte genauso wie in Deutschland, wenigstens das war tröstlich. Außerdem kam das Essen schnell, Sarah und ihre Eltern waren die einzigen Gäste.

Sarah fühlte sich nach dem Essen etwas besser, dennoch schlug der Regen auf ihre Stimmung. War sie wirklich noch drei Tage zuvor durch einen sommerlichen Wald geritten? Sie überlegte, den Großeltern und Maja eine traurige kleine Mail zu schicken, dann ließ sie es jedoch sein. Die Aussicht auf ein Bett war zu verlockend. Und vielleicht sah am nächsten Tag schon alles ganz anders aus.

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Kapitel 4

Am Morgen hingen noch immer dichte Wolken über Waiouru, doch es hatte aufgehört zu regnen. Die Singers fanden ein Café, in dem sie frühstücken konnten – Gesa bestand auf Kaffee und Sandwiches, während Ben am liebsten nur etwas in der Bäckerei gekauft und in ihrem eigenen Haus gepicknickt hätte.

»Nicht, bevor wir eine Küche und eine Kaffeemaschine haben!«, bestimmte Sarahs Mutter, und auch Sarah lockte die Aussicht, in einem kalten und feuchten Haus auf dem Boden zu sitzen, nicht allzu sehr. »Am besten fahren wir sofort zum nächsten Baumarkt«, schlug Gesa vor. »Und dann fangen wir mit der Küche an.«

»Mein Zimmer muss dringend gestrichen werden«, bemerkte Sarah. »Oder tapeziert. So kann ich da drin nicht wohnen …«

Ben verzog das Gesicht. Er brannte darauf, zunächst sein neues Geschäft in Augenschein zu nehmen. Schließlich hatte er die Motorräder und Quads ungesehen gekauft. Sie schlossen einen Kompromiss.

»Du schaust bei diesen Beasleys vorbei, und Sarah und ich werkeln schon mal ein bisschen im Haus«, meinte Gesa. »Tapeten abreißen, vielleicht mal durchheizen, schauen, was wir an Farbe, Raufaser oder sonst noch brauchen. Und bleib bitte so kurz wie möglich. Wir müssen heute noch einkaufen, und es sieht nicht so aus, als ob Waiouru einen Baumarkt hätte.«

Waiouru hatte, so zählte Sarah, als sie jetzt noch einmal den Ort durchfuhren, zwei Autowerkstätten, zwei Tankstellen und sieben Cafés und Schnellrestaurants. Sie entdeckte nicht einmal einen Supermarkt, hoffte jedoch, dass der einfach nur nicht an der Hauptdurchgangsstraße lag. Auch ihrer Mutter fiel der Mangel an Einkaufsmöglichkeiten sofort auf.

»Der Ort ist ja wirklich winzig«, meinte sie etwas ernüchtert.

Ben zuckte mit den Schultern. »Sieh’s mal so: Wo es wenig Geschäfte gibt, gibt man auch weniger Geld aus.«

Das war nicht zu leugnen. Aber ob die Dörfler das so gesparte Geld in Tarotkarten und Buddhastatuen stecken wollten? Sarah konnte sich nicht vorstellen, dass jemand in dieser verschlafenen Stadt einen Traumfänger brauchte.

Am Haus erwartete sie Maryellen. Bernard war bereits unterwegs. »Er arbeitet wie die meisten hier auf dem Militärstützpunkt«, verriet seine Frau. »Allerdings als Buchhalter. Dafür haben die Militärs nicht viel Sinn. In der Verwaltung arbeiten viele Zivilisten.«

Und Maryellen hatte gute Nachrichten. Der Container war vom Zoll freigegeben worden, er würde gegen zehn Uhr verladen und nach Waiouru gebracht werden.

»Dann können wir heute Abend schon einräumen!«, freute sich Sarahs Mutter.

»Bernard und ich werden natürlich helfen«, versprach Maryellen. »Wir können auch unsere Söhne anrufen. Wenn die Zeit haben, kommen sie vorbei. Dann ist das ratzfatz erledigt!«

Sarah fand das großzügig. Die Neuseeländer waren wohl sehr hilfsbereit.

»Wo ist denn der nächste Supermarkt?«, fragte sie. Wie sie am besten ins Internet kam, würde sie sicher auch bald herausfinden.

»Der Supermarkt und die Schule liegen in der Nähe der Militärsiedlung«, erklärte Maryellen. »Da wohnen die meisten Leute. Man kann von hier aus zu Fuß hingehen, das ist kein Problem.«

In Wanganui war wohl auch der Baumarkt – oder jedenfalls das, was im ländlichen Neuseeland einem deutschen Baumarkt am nächsten kam. Sarah hoffte, dass sich die Organisation eines Internetanschlusses mit dem Einkauf verbinden ließ.

Gesa begann, die Wohnung zu vermessen, während Sarah der Blümchentapete zu Leibe rückte, bevor ihr Vater auf die Idee kam, sie könnte das Zimmer auch so noch eine Weile bewohnen. Zum Glück löste die Tapete sich leicht, und Sarah war fast fertig, als er nach einer guten Stunde wiederkam. Leider war er alles andere als guter Stimmung.

»Die Maschinen sind Schrott!«, erklärte er ihrer Mutter erbost. »Keine jünger als zehn Jahre und absolut unprofessionell gewartet. Ein oder zwei fahren zwar noch, aber vermieten … völlig unmöglich! Ich werde mir jede einzelne vornehmen müssen, bevor die einsetzbar werden …«

Sarahs Vater war Mechatroniker. In Deutschland hatte er in einer großen Autoreparaturwerkstatt gearbeitet, und seine Leidenschaft galt Motorrädern. In den letzten Jahren hatte er immer wieder alte Harleys gekauft, daran herumgeschraubt, sie aufgemotzt und irgendwann weiterverkauft. Er war sicher in der Lage, die Maschinen der Beasleys zu beurteilen und zu reparieren. Es würde nur Zeit und Geld kosten.

»Willst du dann nicht vom Kauf zurücktreten?«, fragte Sarahs Mutter nervös. »Ich meine … das ist doch Betrug. Haben dir diese Beasleys nicht erzählt, die Maschinen seien in einem guten Zustand? Vielleicht suchst du dir lieber einen Job in einer Autowerkstatt.«

Ben schüttelte entschieden den Kopf. »Nein. Nein, auf gar keinen Fall. Ich geb doch nicht jetzt schon auf! Aber über den Preis werde ich noch mal reden mit dem alten Beasley! Da wird er mir einiges nachlassen müssen …«

Sarahs Vater klagte weiter über die maroden Motorräder und Quads, während er das Auto nach Wanganui steuerte. Sarah hatte an eine kurze Fahrt von vielleicht zwanzig Minuten gedacht, aber die Orte lagen tatsächlich über hundert Kilometer auseinander! Die Fahrt über die Landstraße dauerte fast zwei Stunden. Wanganui entpuppte sich allerdings als relativ große, moderne Stadt, in der sich alles einkaufen ließ, was die Familie Singer brauchte, um das Haus schnell bewohnbar zu machen. Das Problem war nur, dass sie auf keinen Fall irgendetwas vergessen durfte – man konnte ja nicht schnell mal eben wieder hinfahren.

Sarah entschied sich für Raufasertapete und hellgelbe Farbe für ihr Zimmer. Sie brauchte auch ein Bett – ihr altes war in Deutschland geblieben. Im Stillen träumte sie von einem Himmelbett, aber weil ihr Zimmer recht klein war, entschied sie sich dann doch für eine Bettcouch. Außerdem durfte sie sich einen Schreibtisch aussuchen und einen dazu passenden Stuhl. Ihre Eltern sahen sich nach preiswerten Küchenmöbeln um, ein paar Einbauschränke gab es zum Glück im Haus. All das durfte nur wenig kosten, dennoch war die Rechnung recht hoch und natürlich kamen noch ein paar Dollar für die Lieferung hinzu. Die Sachen sollten so schnell wie möglich gebracht werden.

Gesa erinnerte Ben daran, dass sie schnellstens ein Bankkonto in Neuseeland brauchten, auch ein Vertrag über Telefon- und Internetnutzung musste abgeschlossen werden. Und wieder einmal war eine Menge Papierkram zu erledigen. Alle waren ziemlich geschafft, als sie zurück nach Waiouru kamen, wo inzwischen der Container eingetroffen war.

Ans Ausräumen war an diesem Abend nicht mehr zu denken. Ben veranlasste, dass die Firma ihn erst mal in die Einfahrt stellte. Er würde anrufen, wenn er leer war. Die verlängerte Mietzeit verursachte natürlich erneut zusätzliche Ausgaben, über die Ben stöhnte, und natürlich war auch die weitere Nacht im Motel nicht kostenlos. Immerhin fühlte sich Sarah dort inzwischen fast heimisch. An diesem Abend schrieb sie ihre Mails nach Hause. Die Großeltern sollten wissen, wie sehr sie jetzt schon ihr altes Leben vermisste.

Die nächsten Tage vergingen mit viel Arbeit. Gesa und Ben gingen die Renovierung des Hauses gleich am kommenden Morgen mit Elan an, und tatsächlich kam die ganze Familie Foster zum Helfen. Die beiden erwachsenen Söhne waren ungemein tatkräftig. Sarahs Zimmer kam zuerst an die Reihe – schließlich hatte sie die Tapeten ja schon abgerissen. Sarah wusste kaum, wie ihr geschah, so schnell hatten die jungen Männer die Raufaser an der Wand. Sie hoffte, dass ein paar Stunden Trocknungszeit genügten, und begann schon am späten Nachmittag mit dem Streichen. Das helle Gelb sah sehr hübsch aus und würde gut zu dem blauen Schlafsofa und dem ebenfalls blauen Schreibtischstuhl passen. Die Möbel und alles andere, was sie im Baumarkt gekauft hatten, sollte am folgenden Tag geliefert werden.

Auch die Renovierung des Ladens, der Wohnküche und des Elternschlafzimmers war schnell im Groben abgeschlossen. Die neuen Küchengeräte wurden installiert, und der Container konnte ausgeladen werden. Ganz vorne stand zu Sarahs Freude ihr Fahrrad – gleich dahinter befanden sich die Kisten, die erste Waren für Gesas Geschäft enthielten. Ben und Bernard luden sie aus und brachten sie ins Haus. Gesa wollte so schnell wie möglich mit der Einrichtung des Ladens beginnen – Maryellen hatte angeboten, dabei zu helfen.

Sarah entdeckte zwei Kisten im Container, auf denen ihr Name stand. Mit abenteuerlichen Klettereien über Möbelstücke und andere Einrichtungsgegenstände schaffte sie es, sie herauszuholen. Es flossen wieder ein paar Tränen, als sie neben ihren Lieblingsbüchern die schönsten Fotos von Jackpot darin entdeckte und an die Wand hängte sowie die ...

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