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Dream Again

Zu diesem Buch

Jude Livingston hat alles verloren: ihren Job, ihr Erspartes und ihren großen Traum, als erfolgreiche Schauspielerin in L. A. durchzustarten. Da sie sich nicht traut, ihren Eltern von ihrem Scheitern zu erzählen, bleibt ihr erst einmal nichts anderes übrig, als nach Woodshill zu ziehen und in der WG ihres großen Bruders Ezra unterzukommen – selbst wenn das bedeutet, dass sie mit Blake Andrews unter einem Dach leben muss. Dieser ist nicht nur Ezras bester Freund, sondern auch Judes erste große Liebe. In der Highschool waren die beiden ein Paar, doch Jude hatte die Beziehung beendet, kurz nachdem sie für die Hauptrolle in einer TV-Serie nach Hollywood gezogen war. In Woodshill angekommen, merkt sie augenblicklich, dass Blake ihr auch jetzt, eineinhalb Jahre später, nicht verziehen hat. Er ist kühl, abweisend und lässt keine Gelegenheit aus, ihr zu zeigen, wie wenig er sie in seiner Nähe haben möchte. Dabei wünscht sich Jude nichts sehnlicher, als für ihn da zu sein. Denn auch Blakes Lebenstraum scheint unerreichbar, seit er sich bei einem Basketballspiel so schwer verletzt hat, dass er vielleicht nie wieder spielen kann. Doch je öfter die beiden aneinandergeraten, desto schwerer fällt es ihnen, die Funken zu ignorieren, die heftiger denn je zwischen ihnen sprühen. Und bald müssen sie sich fragen, ob sie bereit sind, ihre Herzen ein zweites Mal zu riskieren …

Für meine Leser,
ohne die all das nicht möglich wäre.

Dream Again Playlist

Ghost Of You – 5 Seconds of Summer

Want You Back – 5 Seconds of Summer

Easier – 5 Seconds of Summer

Think About Us – Little Mix

Forget You Not – Little Mix

Gimme – Banks

Till Now – Banks

What A Time (feat. Niall Horan) – Julia Michaels

So Far Away – Agust D, SURAN

Don’t Throw It Away – Jonas Brothers

Vulnerable – Selena Gomez

Too Young – Louis Tomlinson

Falling – Harry Styles

Adore You – Harry Styles

The Archer – Taylor Swift

Afterglow – Taylor Swift

Don’t Give Up On Me – Andy Grammer

How Do You Sleep – Sam Smith

Entertainer – ZAYN

You Send Me – Sam Cooke

Kapitel 1

Ich hasste den Winter und alles, was damit zu tun hatte: Kälte und Schnee, zehn Schichten Kleidung tragen zu müssen oder Schals und Mützen, die die Haare elektrisch aufluden. Wenn es nach mir ging, konnte das ganze Jahr über Sommer sein. Je wärmer es war, desto glücklicher war ich.

Und deshalb war ich im Moment auch sehr, sehr unglücklich.

Ende Januar war in Woodshill, Oregon, alles zugeschneit. Und obwohl ich den Winter ohnehin schon nicht ausstehen konnte, musste ich jetzt auch noch von dem kleinen Busbahnhof mit einer Reisetasche, einem Rucksack und einem Koffer im Schlepptau zu Fuß durch die halbe Stadt laufen.

Ich brauche dich nicht abzuholen, Jude, hatte mein dämlicher Bruder gesagt. Zu mir sind es bloß zehn Minuten.

Zehn Minuten, dass ich nicht lachte. Mittlerweile kämpfte ich mich seit über einer halben Stunde durch den braunen Matsch. Meine Schuhe waren durchweicht, meine Hände und Ohren abgefroren, und laut meinem Handy würde ich immer noch über zehn Minuten gehen müssen, bis ich ankam.

Kurzerhand beschloss ich, dass es Zeit für eine Pause war, und betrat ein Café am Straßenrand. Ein Kerl sah mich komisch von der Seite an, als ich mein Gepäck über die Schwelle hievte und dabei laut fluchte. Ich erwiderte seinen Blick so böse, dass er schnell wegsah und an mir vorbei nach draußen verschwand.

Normalerweise war ich nicht so angriffslustig. Aber in der Regel war ich auch nicht mehr als vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, um vom einen in den nächsten Staat umzuziehen, mit nichts als ein paar Habseligkeiten und zerbrochenen Träumen im Gepäck.

Schnaufend trat ich an die Theke und blies mir eine sandblonde Haarsträhne aus dem Auge, die sich unter der dicken Wollmütze hervorgestohlen hatte.

»Was kann ich für dich tun?«, fragte die Barista und lächelte mich an.

Sie war der erste Mensch seit mehreren Tagen, der freundlich zu mir war. Am liebsten hätte ich sie umarmt. »Einen extragroßen Karamell-Macchiato bitte. Mit viel Sirup. Und viel Schaum. Und einer Portion Liebe, wenn’s geht.«

Sie blinzelte ein paarmal. »Aber sicher. Kommt sofort«, sagte sie dann und beschriftete einen Becher.

Ich zog meinen Wollhandschuh mit den Zähnen aus und fingerte in meiner hinteren Hosentasche nach dem letzten bisschen Geld, das ich besaß.

Es waren gerade mal zweieinhalb Dollar.

Ich zog eine Grimasse und schob das Geld über die Theke. »Das reicht vermutlich nicht, oder?« Der Handschuh steckte noch immer in meinem Mund, weshalb meine Worte kaum zu verstehen waren.

»Nein, aber wir nehmen Kreditkarten«, sagte sie mit einem Nicken in Richtung des kleinen Geräts, das mich mit seinem Blinken zu verhöhnen schien.

»Ich habe meine Karte leider nicht dabei«, log ich. Der Handschuh fiel aus meinem Mund auf den Boden.

»Dann fürchte ich, dass das mit deiner Bestellung nichts wird«, sagte die Barista und verzog mitleidig die Mundwinkel. Wie ich mich in ihr getäuscht hatte.

Ich bückte mich und hob meinen Handschuh auf, wobei mir die Reisetasche von der Schulter rutschte und schmerzhaft eine Handvoll Haare ausriss. Ich stieß einen weiteren Fluch aus.

»Das geht auf mich«, erklang eine Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um und stand einem hübschen Mädchen gegenüber. Sie trug eine beige Baskenmütze, unter der gewelltes schwarzes Haar zum Vorschein kam. Sie hatte ein elfengleiches Gesicht und strahlend blaue Augen, auf die ich ein bisschen neidisch war. Zwar fand ich meine braunen Augen auch okay, aber ihre hielten einen förmlich gefangen. Bestimmt konnte sie Menschen damit hypnotisieren. Vielleicht tat sie das sogar in diesem Augenblick, denn ich brauchte einen Moment, bis ich verstand, was sie gerade gesagt hatte.

»Im Ernst?«, fragte ich.

»Ja«, sagte sie und wandte sich dann wieder an die Barista. »Und für mich bitte einen Matcha Latte und einen schwarzen Kaffee. Ich habe zwei To-go-Becher.« Sie schob zwei große Becher über die Theke, die aussahen, als wären sie aus Bambus.

»Dein Name?«, fragte die Barista, plötzlich wieder die Freundlichkeit in Person.

»Everly.« Das Mädchen zückte eine Karte und legte sie auf das Gerät, das kurz piepte.

Ich konnte nicht glauben, dass das gerade wirklich geschah. Sie musste mein Schutzengel sein – ein Geschenk des Schicksals als Ausgleich für die beschissenen letzten Wochen.

»Ich überlege gerade, ob ich dich umarmen soll, Everly«, sagte ich und konnte mich nur mit großer Mühe zurückhalten.

Das Mädchen schenkte mir ein Lächeln. »Nicht nötig. Nächstes Mal gibst du mir einfach einen aus.«

»Dafür brauche ich neben deinem Namen aber auch noch deine Nummer. Oder deinen Facebook-Namen. Oder dein Instagram«, sagte ich und griff nach meinem Handy.

Everly hielt perplex inne, und ihr Lächeln verblasste. Diesen Gesichtsausdruck kannte ich. Ich ging in der Regel offen und unbedarft auf Menschen zu, und so sahen sie meistens aus, wenn ich sie überrumpelt hatte. Ich erwog kurz, mich dafür zu entschuldigen, aber Everly war bereits abgelenkt. Interessiert nahm sie meine Taschen in Augenschein.

»Du bist nicht von hier, oder?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Ich komme gerade aus Kalifornien. Wo es übrigens angenehm warm ist.«

»Ich wollte schon immer mal nach Kalifornien.«

In diesem Moment wurden unsere Getränke ausgerufen. Zusammen gingen wir an die rechte Seite der Theke, wo die beiden Becher standen. Ich organisierte mich kurz neu und stopfte meinen Handschuh in die Manteltasche.

»Was treibt dich nach Woodshill?«, fragte Everly mit schräg gelegtem Kopf.

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte ich seufzend. »Ich besuche meinen Bruder.«

Sie nickte. »Was bedeutet, du kennst schon jemanden hier. Das ist doch gut.«

»Mein Bruder und seine Clique sind wahrscheinlich nicht unbedingt die Menschen, mit denen ich meine Freizeit verbringen werde, aber ja. Es ist gut, nicht komplett von vorne anfangen zu müssen«, sagte ich und griff nach meinem Becher.

Everly dachte kurz nach und streckte dann eine Hand aus. »Gib mir dein Handy.«

Ich reichte es ihr, und sie tippte etwas ein. Dann gab sie es mir zurück. »Ich habe meine Nummer eingespeichert. Damit du dich für den Kaffee revanchieren kannst.«

Ich grinste bis über beide Ohren. »Mach dich drauf gefasst, dass ich mich bei dir melden werde, sobald ich richtig angekommen bin.«

»Super.« Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Ich muss jetzt los, mein Freund wartet auf mich, und ich bin spät dran.«

»Klar, geh nur. Und danke noch mal für den Kaffee«, sagte ich mit erhobenem Becher. Sie stieß mit ihrem zum Abschied dagegen.

Ich sah ihr hinterher, als sie das Café verließ, dann sammelte ich meine Sachen zusammen und trat ebenfalls nach draußen.

Ich nahm einen großen Schluck von meinem Kaffee. Er war noch viel zu heiß, schmeckte aber himmlisch und spendete mir die Kraft, die ich brauchte, um den restlichen Weg zum Haus meines Bruders anzutreten.

In Gedanken verfluchte ich Ezra. Garantiert hatte er einfach keine Lust gehabt, mich vom Bahnhof abzuholen. Er hatte – genau wie meine Eltern – keine Ahnung, was in Los Angeles geschehen war, nur dass ich eine Auszeit brauchte und nicht wusste, wo ich sonst hinsollte. Hätte ich ihm die Wahrheit erzählt, hätte er sich wahrscheinlich ins Flugzeug gesetzt und mich persönlich von dort abgeholt und hergebracht. Doch das wollte ich nicht. Ich wollte weder sein Mitleid, noch dass er wusste, wie kolossal ich tatsächlich gescheitert war. Also hatte ich ihm am Telefon nur eine Reihe von vagen Erklärungen aufgetischt und gleichzeitig das Versprechen abgerungen, unseren Eltern unter gar keinen Umständen zu erzählen, dass ich nicht mehr in Kalifornien war.

Und jetzt war ich hier, am einzigen Ort, an den ich hatte gehen können – ob es mir gefiel oder nicht. Immerhin hatte ich bereits eine Bekanntschaft geschlossen. Ich glaubte an das Schicksal und versuchte, in allem immer ein Zeichen zu sehen. Und das Aufeinandertreffen mit Everly musste so ein Zeichen gewesen sein.

Scheiß auf L. A., dachte ich, während ich meinen Koffer durch den Matsch entlang der Hauptstraße zog. Scheiß aufs Schauspielen, scheiß auf Hauptrollen, scheiß auf Träume. Scheiß auf alles.

Ich musste dieses Mantra immer und immer wiederholen, dann würde es irgendwann in meinem Unterbewusstsein ankommen. Schließlich hatte das schon einmal geklappt, als mein erster großer Traum geplatzt war.

Ich ließ mich von der Karte auf meinem Handy leiten und bog an der nächsten Kreuzung ab. Die Straße war schmaler und ruhiger, und je weiter ich ging, desto weißer und weniger matschig wurde der Schnee – und desto schwieriger kam ich mit meinem Gepäck voran.

Als ich endlich vor dem grau verkleideten Haus angekommen war, das auf Ezras Beschreibung passte, war ich nass, halb erfroren und völlig außer Puste. Ich würde garantiert Muskelkater im Arm bekommen.

Der Vorgarten des Hauses war komplett zugeschneit. Nur der Gehweg war notdürftig gestreut worden. Einige Fußabdrücke waren darauf zu erkennen, bei deren Anblick mein Herz ein bisschen schneller schlug.

Ich straffte die Schultern und rückte die Reisetasche zurecht, bevor ich den kleinen Weg zur Eingangstür entlangging. Nachdem ich meinen schweren Koffer die Stufen hinaufgeschleppt hatte, klopfte ich mir kurz den Schnee von den Schultern. Während mein Gesicht eiskalt war, hatte ich unter der Daunenjacke begonnen, wie verrückt zu schwitzen. Ich war froh, dass ich endlich angekommen war, und hoffte, gleich unter die Dusche springen zu können.

Ich drückte auf die Klingel. Eigentlich wusste Ez, dass ich um diese Zeit ankommen würde. Ich hatte ihm geschrieben, als mein Flugzeug in Portland gelandet, und auch, als ich anschließend in den Bus gestiegen war. Ich hatte meinen Bruder seit Thanksgiving nicht mehr gesehen und freute mich riesig, endlich hier zu sein – selbst unter den gegebenen Umständen.

In diesem Moment hörte ich Schritte im Flur und ein leises Klicken, das ich nicht genau deuten konnte. Ich wollte mich gerade auf die Zehenspitzen stellen, um durch das Milchglas zu schauen, als die Tür schwungvoll aufgezogen wurde.

Ich schnappte nach Luft.

Darauf war ich absolut nicht vorbereitet gewesen. Weder auf das vertraute Prickeln, das sich in meinem Körper ausbreitete, noch auf die grünen Augen, die sich in meine bohrten und in denen sich mein eigener Schock widerspiegelte.

Ohne etwas daran ändern zu können, starrte ich zurück, nahm den Anblick vollkommen in mich auf: die dichten schwarzen Wimpern, das kantige Gesicht, die Bartstoppeln auf den Wangen, die damals noch nicht da gewesen waren. Auch die braunen Haare sahen anders aus. Nur die Augen – sie waren mir noch immer so vertraut, dass mein Magen einen Flickflack schlug.

»Hi, Blake«, krächzte ich. Auf dem Weg hierher war mir anscheinend meine Stimme abhandengekommen.

Er stand vor mir und stützte sich auf Krücken. Ich fragte mich, was mit ihm passiert war, doch bevor ich auch nur ein weiteres Wort herausbringen konnte, zogen sich seine Brauen zu einer steilen Falte zusammen. Dann hob er die Hand – und schlug mir die Tür vor der Nase zu.

Ich starrte sie perplex an und brauchte einen Moment, bis ich aus meiner Starre erwachte.

»Hey!«

Seine Schritte entfernten sich, ebenso das Klicken, von dem ich jetzt wusste, dass es von den Krücken kam.

»Blake, ich erfriere hier draußen. Mach verdammt noch mal die Tür auf!«, rief ich.

Keine Reaktion.

»Soll ich Ezra anrufen und ihm sagen, dass du mich im Kalten stehen lassen hast?«

Das Klicken wurde wieder lauter. Kurz darauf riss Blake die Tür auf und starrte mich mit genau demselben düsteren Blick an wie wenige Augenblicke zuvor.

»Du warst schon immer eine unerträgliche Petze.«

Autsch.

Das waren also die ersten Worte, die ich nach mehr als einem Jahr von ihm zu hören bekam. Es tat ein bisschen weh, das musste ich zugeben. Auf der anderen Seite wusste ich, dass ich sie verdient hatte.

Ich wollte gerade etwas sagen, als er kehrtmachte und davonhumpelte. Seufzend zog ich meinen Koffer über die Türschwelle und stellte ihn zusammen mit meiner Reisetasche im Flur ab. Anschließend schälte ich mich aus den Wintersachen und legte sie auf mein Gepäck. Dann folgte ich Blake in Richtung Wohnzimmer. Ich hatte das alles bisher nur über Facetime gesehen, bei meinem Telefonat mit Ez. In echt sah das Haus, das sich mein Bruder mit drei seiner Mannschaftskameraden teilte, ganz anders aus. Es roch unverkennbar nach meinem Bruder und Blake, und ein vertrautes Gefühl machte sich in meinem Magen breit.

»Was ist mit deinem Bein passiert?«, fragte ich, als ich Blake eingeholt hatte.

Er setzte sich auf das schwarze Ledersofa und ließ die Krücken achtlos auf den Boden fallen, den Blick auf den Flachbildschirm gerichtet, der gegenüber an der Wand hing. Ohne mir zu antworten, nahm er den Controller in die Hand und setzte sein Spiel fort.

Ich verkniff mir ein Lächeln. Er hatte solche NBA-Spiele früher immer mit Ez gespielt. Die beiden waren einander dabei ständig an die Gurgel gegangen, sodass ich die Friedensstifterin hatte spielen müssen.

Ich nahm die Schiene, die er über der grauen Jogginghose trug, genauer in Augenschein. Sie war breit und erstreckte sich von der Mitte seines Schienbeins bis zur Mitte seines Oberschenkels.

»Hast du dich beim Spielen verletzt?«, fragte ich weiter.

Blake tat so, als würde ich nicht existieren, während er wie besessen auf den Knöpfen des Controllers rumdrückte. Auch das erinnerte mich schmerzlich an früher.

Ich riss mich zusammen und verdrängte die Erinnerungen, genau wie alles andere. Im Verdrängen war ich mittlerweile ziemlich gut. Dann setzte ich mich auch aufs Sofa, möglichst weit von ihm entfernt, und sah ihm eine Weile zu.

»Ist Ezra nicht zu Hause? Ich hatte ihm eigentlich gesagt, wann ich ankomme.«

Den Blick weiter auf den Fernseher geheftet, fragte er: »Was willst du hier, Jude?«

Seine Stimme klang kratzig und genauso tief wie in meiner Erinnerung. Sie löste ein Kribbeln in meinem Magen aus. Ich schob es auf den Hunger.

»Hat Ez nicht erzählt, dass ich komme?«

»Hätte er das getan, hätte ich mein Veto eingelegt.«

Ich biss die Zähne fest zusammen. Ezra hatte mich also angelogen, als er gesagt hatte, dass es okay für alle war, wenn ich vorerst hier unterkam. Verfluchter Mist. Ich hatte kein Geld, mir etwas anderes zu suchen, gleichzeitig wollte ich die alten Wunden zwischen Blake und mir nicht aufreißen, indem ich gegen seinen Willen einzog. Als Ez mir versichert hatte, dass alle einverstanden seien, hatte ich ihm blind geglaubt.

»Ich hatte eigentlich vor, ein bisschen hierzubleiben«, sagte ich zögerlich.

Blake pausierte das Spiel, sah mich aber immer noch nicht an. »Wie lange?«

»Nur zur Überbrückung. Ich versuche, einen Job zu finden und …«

»Wie lange?«, unterbrach er mich.

Ich biss die Zähne zusammen. Langsam riss mir der Geduldsfaden, aber ich ermahnte mich selbst, Ruhe zu bewahren. Das war unsere erste Begegnung seit einer halben Ewigkeit, und das, was zwischen uns vorgefallen war, war nicht so leicht wegzustecken. Ezra hatte mir vom ersten Semester erzählt, in dem Blake ununterbrochen beim Training gewesen und sich bis zur Besinnungslosigkeit verausgabt hatte. Auch von den vielen Frauen hatte er mir berichtet – meistens detaillierter, als es mir lieb gewesen war.

»Ich weiß es noch nicht, Blake«, antwortete ich nach einer Weile.

Als ich seinen Namen aussprach, schien sich sein ganzer Körper zu verkrampfen. Abrupt stand er auf – und stieß einen schmerzerfüllten Fluch aus.

Ich erhob mich schnell. »Warte, ich helfe dir«, sagte ich hastig und wollte seine Krücken vom Boden aufheben, doch er hielt mich mit einer Hand davon ab.

Stattdessen bückte er sich selbst danach, wobei er auf einem Bein balancierte und mehrere Anläufe brauchte. Als er es geschafft hatte, blieb er vor mir stehen und sah auf mich hinunter.

Ich hatte fast vergessen, wie groß er war.

»Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich bin nicht damit einverstanden, dass du hierbleibst. Es wäre besser, wenn du dir schnellstmöglich etwas anderes suchst.«

Ich spürte einen heftigen Schmerz an der Stelle, wo es eben noch gekribbelt hatte. Ich schluckte schwer und wollte eigentlich gerade zu einer Antwort ansetzen, aber da war er bereits an mir vorbei in Richtung Flur gehumpelt. Ich drehte mich um und sah ihm hinterher, als er auf die erste Stufe der Treppe stieg, eine Hand am Geländer, die Krücken unterm Arm.

Obwohl der Ausdruck in seinen Augen derart vertraut gewesen war, wirkte alles andere an ihm verändert. Nichts an diesem kalten, gebrochenen Mann erinnerte mich mehr an den humorvollen Jungen, der meine erste große Liebe gewesen war.

Und ich wusste ganz genau, dass das allein meine Schuld war.

Kapitel 2

Sechs Jahre zuvor

Der Ball knallte gegen die Scheibe.

Ich fuhr fort, die Farbe zu verteilen. Mom hatte mir bloß zwei Strähnen erlaubt. Aber dadurch, dass Ezra ständig das Fenster des Gästebads statt seinen dämlichen Korb traf, war die Farbe inzwischen sogar schon in mein Gesicht gespritzt – von den Haaren ganz zu schweigen.

Gerade als ich die zweite Strähne bepinseln wollte, knallte der Ball erneut gegen die Scheibe – und wieder spritzte die Farbe in alle Richtungen, weil ich so heftig zusammenzuckte. Ich stieß einen frustrierten Schrei aus, stapfte zum Fenster und riss es wütend auf.

»Mom wird dich umbringen, wenn du noch eine Scheibe zerstörst!«, kreischte ich.

»Sorry«, entgegnete eine Stimme, die eindeutig nicht meinem Bruder gehörte. »Mein Fehler.«

Blake hatte den Ball unter den Arm geklemmt und sah entschuldigend zu mir hoch.

Ich hatte noch mehr sagen wollen, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Wortwörtlich. Ich bekam nur ein trockenes Röcheln raus, als er mich musterte und Belustigung in seinen Augen aufflackerte.

Ich kannte Blake inzwischen schon mein halbes Leben, aber trotzdem brachte ich es in diesem Moment nicht fertig, wegzusehen. Geschweige denn, das Fenster wieder zu schließen. Er war einfach viel zu schön.

Es sollte verboten sein, so gut auszusehen.

Im Gegensatz zu meinem Bruder (und zu meinem Leidwesen auch mir) hatte Blake keine Pickel. Der Sommer hatte seine Haut gebräunt und die Spitzen seiner Haare ausgebleicht. Obwohl ich ihn bloß ein paar Wochen lang nicht gesehen hatte, hatte er sich verändert. Oder irgendetwas in mir hatte sich verändert. Denn zum ersten Mal, seit wir uns kannten, schaffte ich es nicht, den Blick von ihm abzuwenden.

Ein leichter Schweißfilm zog sich über seine Haut und ließ die Kuhle an seinem Hals glänzen. Mir fiel auf, dass er innerhalb der letzten Monate noch einmal gewachsen war. Damals, als Blake und seine Mutter in das Haus neben uns gezogen waren, hatte er mich bloß um eine Handbreit überragt. Inzwischen war er regelrecht in die Höhe geschossen. Obwohl ich drinnen stand und unser Haus zum Garten leicht erhöht lag, brauchte er nicht mal den Kopf in den Nacken zu legen, um mich anzusehen.

Ein träges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er die Hand ausstreckte und mir einen Farbklecks von der Nase wischte.

Er zerrieb die Farbe zwischen seinen Fingern. »Siehst süß aus, Jude.«

Hinterher erinnerte ich mich genau daran, dass dies der Moment gewesen war. Dieses entschuldigende, leicht ungezogene Lächeln und die kurze Berührung waren der Auslöser gewesen.

In meinem Inneren dehnte sich etwas aus und fühlte sich plötzlich ganz warm an. Ein Haufen Glühwürmchen wurde in meinem Magen freigelassen. Sie jagten durch meinen Körper und ließen Stellen kribbeln, die ich noch nie zuvor gespürt hatte.

»Noch mal Entschuldigung wegen dem Fenster. Ich passe nächstes Mal besser auf.«

»Schon okay«, krächzte ich.

Dann schlug ich das Fenster zu und presste mir eine Hand auf den Bauch. Doch das Kribbeln verschwand nicht.

Keine Ahnung, wie lange ich auf dem Sofa saß. Irgendwann griff ich nach dem Controller der Playstation und fing an, Blakes Spiel zu Ende zu spielen, während ich in Gedanken eigentlich ganz woanders war. Die Basketballspieler liefen ziellos über das Feld, der Spielmodus war viel zu schwierig eingestellt. Ich verlor haushoch, aber das war mir gleichgültig.

Ezra hatte Blake meinen Aufenthalt in Woodshill verschwiegen, während er mir gleichzeitig die Tatsache vorenthalten hatte, dass Blake mich hasste. Ich war der Meinung gewesen, dass bloß ein bisschen Zeit vergehen musste, damit wir einander vergaßen und darüber hinwegkamen. Doch ein einziger Blick auf Blake hatte genügt, um mir klarzumachen, dass das nicht der Fall war.

Verdammt.

Es hatte wehgetan, ihn zu sehen. Seine Worte hatten sich wie Fanghaken in mich gegraben und ließen mich nicht los. Ich wollte zu ihm nach oben gehen und mit ihm sprechen. Gleichzeitig wusste ich, dass das nicht ging. Blake und ich – das war Geschichte. Keine, die glücklich geendet hatte, und definitiv keine, die ich noch mal durchleben wollte. Schon gar nicht zusätzlich zu dem ganzen anderen problematischen Ballast, den ich aus L. A. mitgeschleppt hatte.

Es war eine dumme Idee gewesen, Ez um Hilfe zu bitten. Und noch dümmer war es gewesen anzunehmen, Blake hätte allen Ernstes zugestimmt, mich hier wohnen zu lassen.

Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, hörte ich, wie die Haustür geöffnet wurde. Wenig später erklang Ezras Stimme.

Ohne das Spiel zu pausieren, schmiss ich den Controller beiseite und sprintete in den Flur. Ich ließ Ez gar keine Chance, richtig anzukommen, sondern rannte ihn förmlich um. Obwohl ich gerade eben noch wütend und aufgewühlt gewesen war, konnte ich nicht anders. Ich hatte ihn vermisst, und er war die einzige Person hier, deren Anblick so etwas wie zu Hause für mich bedeutete, also drückte ich ihn mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte.

»Ich bekomme keine Luft mehr«, krächzte mein Bruder. Trotzdem schlang er die Arme um meinen Rücken und hielt mich fest. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen.

Ezra löste die Umarmung und sah auf mich hinunter, betrachtete mein Gesicht von beiden Seiten.

Ich kannte diesen Blick. Ezra hatte eine Art sechsten Sinn. Zwar war er nicht besonders gesprächig, aber dafür umso empathischer. Er hatte schon immer gewusst, wenn etwas bei mir nicht stimmte. Deshalb versuchte ich in diesem Moment mit aller Kraft, mir meinen Kummer nicht anmerken zu lassen, und suchte nach einer Ablenkung.

Glücklicherweise fiel mir schnell eine ein. Ich holte aus und boxte gegen seine Schulter. »Das war dafür, dass du behauptet hast, der Weg zu euch würde nur zehn Minuten dauern.«

Er hob bloß eine Braue. »Ich brauche zehn Minuten.«

»Wenn man ohne Gepäck unterwegs ist, zwei Meter lange Beine hat und sich mit Schallgeschwindigkeit bewegt, vielleicht.«

»Du übertreibst, Pancake.«

Ich verzog das Gesicht. Diesen Spitznamen hatte ich schon immer gehasst, und das wusste er ganz genau. »Ich habe fast eine Stunde hergebraucht.«

»Kein Wunder«, murmelte mein Bruder und nahm mein Gepäck in Augenschein. »Wie lange wolltest du noch gleich bleiben?«

Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Letztlich zuckte ich nur mit den Schultern. Meine Karriere war zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte, aber ich war nicht bereit, Ezra das alles jetzt zu erzählen. Schon gar nicht in Anwesenheit seiner beiden anderen Mitbewohner, die mit ihm hereingekommen waren und mich von oben bis unten beäugten, als hätten sie noch nie ein Mädchen gesehen. Der Linke hatte kurz geschorenes, krauses Haar, dunkelbraune Haut und wie in Stein gemeißelte, kantige Gesichtszüge. Der Rechte schüttelte sich gerade die feuchten Haare aus der Stirn und blickte unter halb gesenkten Lidern auf mich hinab. Beide waren attraktiv, aber Letzterer war sich dieser Tatsache nur allzu bewusst – das verriet sein verruchtes Lächeln.

»Du musst Cam sein«, sagte ich an ihn gewandt und streckte die Hand aus. Er ergriff sie und drückte sie kurz. Dann wandte ich mich nach links. »Und du Otis.«

»Hat Ezra dich mit Geschichten über uns versorgt?«, gab er zurück.

»Oh ja.«

»Ich hoffe, du hast nur Gutes gehört«, sagte Cam. Er fuhr sich durchs Haar, und sein Lächeln wurde eine Spur breiter.

Er war eindeutig ein Player. Wie gut, dass ich von dieser Sorte Mann in den vergangenen eineinhalb Jahren genug kennengelernt hatte, um nicht auf die Masche reinzufallen.

Mein Bruder legte mir einen Arm um die Schultern und beugte sich zu mir herunter. »Von dem hältst du dich besser fern.« Dann schnappte er sich meinen Koffer und hängte sich die Reisetasche um. Ich griff nach meinem Rucksack. »Komm, ich bring dich ins Gästezimmer.«

Ich nickte Otis und Cam noch einmal zu, bevor Ezra mich den Flur entlangbugsierte. Vor dem Zimmer direkt neben der Treppe hielt er an und stieß die Tür auf. Ich folgte ihm auf dem Fuß, als er den Raum betrat.

Die cremefarbenen Wände waren kahl. Das Mobiliar bestand aus einem kleinen Schreibtisch mit Bildschirm darauf und einem Stuhl davor, dazu ein Bett an der gegenüberliegenden Wand. Eine weitere Tür führte aus dem Zimmer direkt auf die Veranda und von dort in den angrenzenden Garten, der komplett zugeschneit war.

»Das hier ist ab sofort dein Reich. Ich habe es nur geschafft, das Bett zu beziehen«, erklärte Ez und kratzte sich im Nacken. »Eigentlich wollte ich den Schreibtisch und Bildschirm noch in den Keller bringen, aber das habe ich nicht mehr geschafft. Du hast dich ziemlich kurzfristig angekündigt.«

Ich kannte meinen Bruder gut genug, um die unterschwellige Frage aus seinen Worten herauszuhören.

Ich stellte meinen Rucksack neben dem Koffer und der Reisetasche ab, starrte auf den braunen Teppichboden und grub meine Zehen hinein. »Du hast gesagt, dass es für die anderen okay ist, wenn ich hierbleibe«, sagte ich zögerlich.

»Ist es auch.«

Ich sah wieder zu Ezra, der sich den Schreibtischstuhl herangezogen und darauf Platz genommen hatte. Sein Haar war inzwischen halb getrocknet und begann, sich an den Enden zu wellen. In der Hinsicht war es genau wie meins. Die Leute sagten immer, wir wären unserer Mom aus dem Gesicht geschnitten, aber wenn man genau hinsah, erkannte man den starken Nasenrücken und das breite Kinn unseres Dads.

»Blake hat nicht den Eindruck gemacht, als würde er es in Ordnung finden, wenn ich bei euch einziehe.«

Ezra stieß ein Schnauben aus. »Blake findet seit seinem Unfall überhaupt nichts in Ordnung.«

Ich wollte Fragen stellen. So viele Fragen. Aber seit unserer Trennung hatte ich mir antrainiert, die Lippen so fest aufeinanderzupressen, wie es nur ging, wenn sich das Gespräch in Richtung Blake bewegte. Einerseits wollte ich nicht wissen, was mit ihm geschehen war, gleichzeitig brannte ich vor Neugier. Ezra musste mir das ansehen, aber er schwieg.

Ich räusperte mich. »Ich wäre nicht hergekommen, wenn es nicht wirklich dringend wäre.«

»Ich weiß.« Ezra durchbohrte mich förmlich mit seinem Blick, aber ich hielt ihm stand. Wenn es eins gab, in dem wir Livingstons richtig gut waren, dann darin, dichtzumachen und unsere Geheimnisse für uns zu behalten. Ezra hatte diese Fähigkeit schon in seiner Jugend perfektioniert, und ich wurde auch immer besser darin.

Er sah mich noch eine Weile lang an. Gerade als es anfing, unangenehm zu werden, stand er auf und rieb sich mit den Händen über seine Trainingshose. »Ich lasse dich erst mal ankommen. Die Jungs und ich wollten nachher was zu essen machen, dann könnt ihr euch kennenlernen.«

Ich nickte, erleichtert, dass er mir Raum ließ. Meine Gedanken wanderten vom einen zum nächsten Problem: Blake, unsere gemeinsame Vergangenheit, Los Angeles, Ezras wissender Blick, Mom und Dad, wieder Blake …

»Ich rede noch mal mit ihm«, sagte Ezra, als hätte er meine Gedanken gelesen, und vergrub die Hände in den Taschen. Dann ging er an mir vorbei und schloss die Zimmertür hinter sich.

Laut hörbar stieß ich die Luft aus.

Ich starrte noch einen Moment lang auf die weiße Tür des Gästezimmers und atmete tief ein und aus, um mich wieder zu erden. Doch mit jedem Atemzug war es, als würde mich mehr Kraft verlassen. Als würde mein Körper erst jetzt realisieren, was für einen Stress ich in den vergangenen Tagen gehabt hatte. Meine Gliedmaßen fühlten sich dreimal so schwer an wie sonst, meine Schultern schmerzten von der Anspannung der Reise und dem Gewicht meines Gepäcks.

Mit großer Mühe schleppte ich mich zum Bett und ließ mich auf das blau gemusterte Laken fallen. Der Geruch kam mir fremd vor, und meine Schultern blieben angespannt, obwohl meine Lider vor Müdigkeit brannten.

Ich griff nach meinem Handy und entsperrte es. Mein Herz schlug schneller, als ich anfing, alle Social-Media-Plattformen abzuklappern und zögerlich meine Benachrichtigungen durchzugehen. Mit jeder Zahl, die mir angezeigt wurde, flutete Unbehagen meinen Körper. Doch die Bilder, auf denen ich markiert worden war, waren lediglich Screenshots von beliebten Twisted-Rose-Szenen und einige Memes, mit denen Leute ihren Wunsch ausdrückten, dass die Serie weitergeführt wurde. Mehr nicht.

Ich atmete erleichtert auf. Dann sperrte ich mein Handy wieder und legte es auf die Fensterbank neben dem Bett.

Mit vor dem Bauch gefalteten Händen starrte ich an die Decke. Ich fragte mich, ob sich Blakes Zimmer direkt über meinem befand. Was er wohl gerade tat? Ich erwischte mich bei dem Gedanken, wieder nach meinem Handy zu greifen, um das Netz nach Informationen zu seinem Unfall zu durchforsten. Doch das hatte ich mir verboten, nachdem ich weggezogen war, und ich wollte jetzt nicht damit anfangen, nur weil uns plötzlich ein einziges Stockwerk statt tausend Meilen voneinander trennte.

Frustriert legte ich mir beide Arme übers Gesicht, als könnte ich dem Gedankenstrom so Einhalt gebieten. Ich wollte es. Wirklich. Jetzt, wo ich hier war, konnte ich es mir erlauben, endlich mal nicht nachzudenken. Doch je mehr ich mich dazu zwingen wollte, desto lauter brüllte mir mein Gedächtnis meine Fehler entgegen, und ich schaffte es einfach nicht, wegzuhören.

»Du darfst die Avocados zermanschen«, sagte Otis und schob mir ein Brett über die Arbeitsfläche zu.

Wir standen in der großen offenen Küche, ich auf der einen Seite eines schmalen Tresens, Otis, Cam und Ezra auf der anderen Seite vor dem Kühlschrank, aus dem sie verschiedene Gemüsesorten und Hackfleisch holten.

»Du bist für die Paprika zuständig«, sagte Otis und reichte Ezra die gelbe Schote, als wäre sie ein Pokal. An Cam delegierte er die Tacos, und er selbst machte sich an die Zwiebeln und den Knoblauch, von denen er mir die Hälfte für die Guacamole in einer Schüssel reichte. Den Rest briet er in einer Pfanne an, während ich anfing, die Avocados zu Brei zu verarbeiten. Nach ein paar Minuten drehte Otis sich mit dem Pfannenwender in der Hand zu mir um. »Du hast gesagt, dass Ezra viel über uns erzählt hat.«

»Ich habe ihr nichts erzählt. Sie hat mich ausgequetscht«, warf Ezra ein.

Ich zuckte mit den Schultern. »Weil du nicht besonders redselig bist, muss man dich manchmal zu deinem Glück zwingen.«

»Worauf ich eigentlich hinauswollte«, ging Otis dazwischen und rührte in seiner Pfanne herum. »Du weißt schon ein bisschen was über uns. Aber wir wissen noch nicht so viel über dich.«

Ich manschte noch immer in der Schüssel herum, obwohl die Konsistenz der Avocados bereits gut war. Rasch legte ich die Gabel zur Seite und schnappte mir die Limette.

»Ich komme gerade aus L. A., da war ich als Schauspielerin tätig«, sagte ich und quetschte den Saft ein bisschen heftiger als notwendig in die Schale.

»Echt?« Cam warf mir einen Blick über die Schulter zu.

Ich fing an, den Avocadobrei mit dem Saft und den Zwiebeln zu vermengen und brummte zustimmend.

»Theater, Film oder Fernsehen?«, hakte Cam nach.

»Von allem ein bisschen, aber vor allem Fernsehen.« Es kam mir lächerlich vor, das zu sagen, obwohl es ja genau das war, was ich in den letzten Jahren getan hatte. Wenn auch nicht besonders erfolgreich.

»Jude hat mit siebzehn die Hauptrolle in einer Serie bekommen und ist im selben Sommer nach L. A. gegangen, als ich hierhergezogen bin.« Mein Bruder schob die klein geschnittene Paprika mit dem Messer in eine Schale, ohne mich anzusehen.

»Das ist ja mal cool. Kennt man die Serie?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Es war ein Mystery-Drama mit übernatürlichen Morden, die von einer Gruppe Teenager aufgeklärt werden mussten. Die Serie hieß Twisted Rose.«

Otis und Cam runzelten die Stirn auf eine Weise, die mir verriet, dass sie keine Ahnung hatten, wovon ich sprach.

»Ezra!«, rief Cam nach einem kurzen Moment vorwurfsvoll und bestätigte damit meinen Verdacht. »Warum haben wir die Serie deiner kleinen Schwester nie zusammen angeschaut?«

Ezra hob unbeeindruckt eine Augenbraue. »Ich musste sie immer in meinem Zimmer gucken, weil ihr lieber zocken wolltet.«

Cams Gesichtsausdruck wechselte so schnell von empört zu betroffen, dass ich beinahe lachen musste.

Ich winkte ab. »Keine Sorge, die Serie wurde eingestellt, bevor sie wirklich bekannt werden konnte.«

»Du warst bestimmt toll«, sagte Cam. »Ich muss nachher gleich mal gucken, ob ich die Folgen online finde.«

»Moment mal«, warf Otis ein, bevor ich etwas erwidern konnte. Er sah mich erstaunt an. »Das heißt, du bist mit siebzehn allein von zu Hause weggezogen – und dann …« Er suchte nach den richtigen Worten.

»Dann habe ich direkt meinen ersten Job wieder verloren.«

Es tat immer noch weh, über das Ende von Twisted Rose nachzudenken. Die Rolle der chaotischen, gewitzten Sadie Nelson war wie für mich gemacht gewesen. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie ich vor dem Casting vor Aufregung beinahe umgekippt war. Ezra, Mom und Dad waren mit nach Los Angeles zum Vorsprechen gekommen, und danach waren wir essen gegangen. Wenige Tage später hatte ich die Zusage erhalten und war meinen Eltern heulend in die Arme gefallen. Danach hatten sie mich bei allem unterstützt: beim Gespräch in der Schule, bei dem wir beschlossen hatten, dass es okay war, wenn ich meinen Abschluss zu einem späteren Zeitpunkt nachholte, bei den Verträgen, die wir zusammen mit meinem Agenten durchgegangen waren, bei der Wohnungssuche, bei der Finanzierung, die wir bis spät nachts wieder und wieder durchgerechnet hatten …

»Das klingt übel.« Cams Stimme riss mich aus meinen Erinnerungen.

»Danach habe ich mich mit kleineren Rollen über Wasser gehalten«, erzählte ich weiter und versuchte, es so klingen zu lassen, als wäre es alles eben Teil des Jobs. »Ich war als Statistin bei verschiedenen Serien tätig und hatte eine Gastrolle in mehreren Folgen einer Teenie-Serie. Letzten Sommer hatte ich ein Engagement an einem Theater, das war auch ganz cool.«

»Früher hast du immer gesagt, dass dich keine zehn Pferde ans Theater kriegen könnten.«

Ich erstarrte.

Langsam drehte ich mich um. Blake stand auf der Schwelle zur Wohnküche und sah mich an. Sein Blick war genauso kalt wie vor wenigen Stunden bei meiner Ankunft, nur dass er mich diesmal richtig ansah. Von oben bis unten. Als würde ihm langsam bewusst werden, dass ich tatsächlich hier war und nicht wieder weggehen würde. Als er mein Gesicht musterte, runzelte er minimal die Stirn.

Schnell wandte ich den Blick ab und rührte wieder in meiner Guacamole. Ich gab eine großzügige Prise Salz hinzu und räusperte mich. »Früher dachte ich auch, dass ich in den nächsten fünf Jahren Sadie Nelson spielen und mir somit einen Platz in Hollywood sichern würde«, sagte ich trocken.

Blake gab ein Geräusch von sich, bei dem ich mir nicht sicher war, ob es ein verächtliches Lachen oder ein noch verächtlicheres Schnauben sein sollte. »Da sieht man mal, wie schnell sich die Dinge ändern können.«

Ich biss die Zähne so fest zusammen, dass sie knirschten. Bilder aus der Vergangenheit flackerten vor meinem inneren Auge auf. Ich hatte auf die abblätternde Tapete gestarrt, als ich mit Blake telefoniert hatte.

Was ist passiert?, hallte seine Stimme in meinem Ohr wider.

Die Dinge haben sich geändert, Blake.

Er hatte das gerade mit Absicht gesagt, das war mir klar. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, baute sich ein heftiger Druck in meiner Brust auf. Ich sollte das ganz dringend von mir abprallen lassen. Wenn ich arbeitete und in eine Rolle schlüpfen musste, fiel mir das leicht. In dieser Sekunde hätte ich alles dafür gegeben, auch jetzt auf dieses Talent zurückgreifen zu können. Leider kostete es mich in diesem Moment doppelt so viel Kraft und jegliche Konzentration, meine unbekümmerte Fassade aufrechtzuerhalten.

»Also«, brach Otis die Spannung und nahm die Pfanne vom Herd. »Was macht eine Nachwuchsschauspielerin wie du in Woodshill?«

Reiß dich zusammen, beschwor ich mich im Geiste und konzentrierte mich darauf, weiter tief in den Bauch zu atmen, um mich zu beruhigen.

»Na, was wohl?«, fragte ich mit einem perfekten falschen Lächeln. »Ich hatte Sehnsucht nach meinem großen Bruder.«

Ezra riss seinen wütenden Blick von Blake los und sah mich mit hochgezogener Braue an. »Am Telefon klang es eher, als hättest du deine Wohnung verloren.«

Ich verdrehte die Augen. »Na gut, das war es. Aber vermisst habe ich dich auch.«

Da ich ab sofort hier wohnen würde, konnte ich nicht verhindern, dass die Jungs zumindest über einen Teil meiner Vergangenheit Bescheid wussten. Ich war als Schauspielerin gescheitert und hatte meine Wohnung verloren – das war unangenehm und traurig genug, als dass sie noch weitere Fragen stellen und mehr von mir erfahren wollen würden. Zumindest setzte ich darauf, dass sie so viel Feingefühl besaßen. Wenn ich einen Teil der Karten jetzt offen auf den Tisch legte, würden sie den Rest des Sets hoffentlich nicht sehen wollen.

»Also ich finde es gut, dass du ab sofort hier wohnen möchtest. Woodshill ist wahrscheinlich nicht so cool wie Hollywood, aber du wirst sehen, dass es sich hier auch gut leben lässt«, sagte Otis.

Ich beschloss, dass er ab sofort mein neuer bester Freund sein würde. Ezra hatte erzählt, dass Otis der netteste seiner Mitbewohner war, aber dass er die Gabe hatte, die Spannung in einem Raum förmlich aufzulösen, war mir bisher nicht bewusst gewesen.

»Danke, Otis.«

»Ich bin auch dafür, dass du bleibst«, sagte Cam, während er mit Tellern und Besteck an mir vorbei zum Tisch lief.

Otis und Ezra folgten mit dem Blech Tacos und den Schüsseln mit der Füllung. Danach setzten sich die Jungs an den Tisch und fingen an, ihre Tacos zu füllen.

Die Einzigen, die noch nicht saßen, waren Blake und ich. Er stand nach wie vor in der Mitte des Wohnzimmers, sah mich an und hielt sein Gesicht dabei mit erstaunlicher Selbstkontrolle völlig ausdruckslos – einzig in seinen Augen blitzte es.

»Wir sind in der Mehrheit, Blake. Ob es dir nun gefällt oder nicht, ich werde meine Schwester sicher nicht unter der Brücke schlafen lassen.«

Blake war anzusehen, was er von dieser Aussage hielt. Einen Moment lang starrte er mich noch an, dann riss er sich von meinem Anblick los und ging langsam zum Tisch. Dort klemmte er sich die Krücken unter einen Arm, schnappte sich einen Teller und fing an, sich aufzufüllen. Als er fertig war, bückte er sich und stellte den Teller auf den Boden. Dann begann er, ihn mit einer Krücke in Richtung Flur zu schieben. Anscheinend wollte er nicht mal mit mir an einem Tisch sitzen.

»Ist das dein Scheißernst, Mann?«, zischte Ezra. Er sah aus, als würde er jeden Moment in die Luft gehen. Das wollte ich um jeden Preis vermeiden.

»Ist schon okay«, warf ich schnell ein und nahm mir meinen Teller mit den Tacos. Dann sprang ich auf. »Ich esse in meinem … im Gästezimmer.«

Bevor einer der anderen etwas sagen konnte, lief ich durchs Wohnzimmer, vorbei an Blake, ohne ihn noch einmal anzusehen. Hätte ich das getan, hätte er bestimmt erkannt, dass ich meine Fassade keine Sekunde länger aufrechterhalten konnte. Und er sollte nicht wissen, wie sehr er mir mit seinem Verhalten wehtat.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen duschte ich so früh, dass noch keiner der anderen wach war.

Ich kam mir merkwürdig vor, wie ich dastand, umgeben von lauter herb duftendem Duschgel und Shampoos. Außerdem stellte ich fest, dass das Bad erstaunlich sauber war – einer der Ticks meines Bruders, die sich früher immer bezahlt gemacht hatten. Ich hasste Aufräumen, während Ezra einen regelrechten Putzfimmel besaß und stets für Ordnung sorgte.

Nachdem ich im Bad fertig war, linste ich aus der Tür in den Flur im Obergeschoss. Nichts regte sich. Ich nutzte die Chance und flitzte nach unten ins Gästezimmer, wo ich mich anzog.

So hatte ich mir meine Ankunft in Woodshill nicht vorgestellt. Das Wetter war miserabel, und ich fühlte mich unglaublich fehl am Platz. Blake hatte mir unmissverständlich klargemacht, dass ich nicht hierhergehörte. Und auch wenn ich mir vorgenommen hatte, nichts von dem, was er gesagt hatte, zu dicht an mich ranzulassen, konnte ich nicht anders, als den gestrigen Tag immer wieder in Gedanken durchzuspielen. Seine Worte drehten sich in meinem Kopf im Kreis, während ich mich schminkte und meine Haare föhnte, sie verfolgten mich, als ich in die Küche ging, um mir eine Schüssel Porridge zu machen, und sie begleiteten mich, als ich mir meinen Schal umwickelte, meine Mütze aufsetzte und das Haus verließ.

Ezra hatte mir zwei Schlüssel zusammen mit einem Zettel auf dem Esstisch hinterlassen – einen für die Haustür und einen für die Tür, die vom Gästezimmer auf die Veranda hinausführte. So musste ich nicht mal den Vordereingang benutzen, falls Blake auch das zuwider sein sollte.

Vom Haus aus brauchte man eine Viertelstunde ins Zentrum. Mit meinem Tablet und dem Geld bewaffnet, das ich aus den Taschen in meinem Koffer zusammengekratzt hatte, machte ich mich auf den Weg. Da ich heute auf den Schnee vorbereitet gewesen war, hatte ich die Boots angezogen, die ich manchmal beim Hiken in L. A. getragen hatte, und obwohl es wieder schweinekalt war, fand ich das gar nicht schlecht. Die Kälte half mir dabei, mich auf meine Umgebung zu konzentrieren, statt in Gedanken immer wieder nach Los Angeles oder zu Blake zurückzukehren.

Ich schaute mich ein bisschen in der Innenstadt um, die mit den schneeverhangenen Baumkronen und den niedlichen alten Häuserfassaden einen geradezu idyllischen Eindruck machte, und stellte fest, dass sie beinahe nahtlos an den Campus der Woodshill University grenzte. Einige der Gebäude erkannte ich von Bildern, die Ezra mir und unseren Eltern geschickt hatte.

Ich fand ein kleines Café, das nicht allzu überlaufen aussah, und bestellte mir einen Karamell-Macchiato – den ich diesmal selbst bezahlte. Dann nahm ich an einem kleinen runden Tisch zwischen zwei Sitzgruppen Platz, stellte meine Tasche ab und atmete einmal tief durch.

Ich war nicht mehr in Los Angeles. Ich war in Woodshill, und das bedeutete, ich musste damit anfangen, mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Wenn ich in meinen Schauspielanfängen bei einem Casting eine Niederlage hatte einstecken müssen, hatte Mom immer gesagt: Immer nach vorne blicken, nie nach hinten, Jude.

Genau das versuchte ich jetzt. Immer nach vorne. Nie nach hinten.

Ich warf einen Blick auf die Tafel hinter dem Tresen, gab das WLAN-Passwort in das kleine Eingabefeld auf dem Display meines Tablets ein und loggte mich in meinen eBay-Account ein. Das war so ziemlich die einzige Plattform, bei der ich bei einer neuen Benachrichtigung nicht in Panik verfiel, sondern eher Freudensprünge machte. So auch jetzt. Jemand hatte mich angeschrieben und ein Angebot für meinen Laptop abgegeben.

»Halleluja«, murmelte ich und tippte eine schnelle Antwort.

Der Typ wollte mich runterhandeln, und ich gab ein Gegenangebot ab in der Hoffnung, er würde darauf eingehen. Wenn nicht, würde ich ihm den Laptop trotzdem verkaufen, aber ich wollte es zumindest versuchen. Immerhin konnte ich jeden Cent gebrauchen. Das einzige Bargeld, das ich noch hatte, waren die paar Dollar, die in meinem Koffer versteckt gewesen waren. Mein Konto befand sich bereits im Minus, und auch wenn ich bei Ezra keine Miete zahlen musste, wollte ich meinen Teil zur Haushaltskasse der Wohngemeinschaft beitragen.

Ich stellte ein paar neue Anzeigen ein, in denen ich zwei meiner Taschen und ein Paar Louboutins zum Verkauf anbot, die Mom mir für die Premiere von Twisted Rose gekauft hatte. Bei dem Gedanken daran, sie bald an eine fremde Person schicken zu müssen, wurde mir ganz flau im Magen. Schnell nahm ich einen großen Schluck von meinem Kaffee, um das Gefühl zu verdrängen.

Nachdem ich die Inserate freigeschaltet hatte, durchstöberte ich verschiedene Jobbörsen, um zu sehen, was Woodshill in dieser Hinsicht zu bieten hatte. Die deprimierende Antwort lautete: nicht viel. Klar, es waren einige Stellenangebote dabei, allerdings wurde in den meisten Fällen ein Hochschulabschluss oder jahrelange Berufserfahrung gefordert. Niemand suchte eine gescheiterte neunzehnjährige Schauspielerin ohne Schulabschluss.

Gerade als ich auf eine der Anzeigen eines Fast-Food-Restaurants klickte, ging bei eBay eine neue Nachricht ein. Der Interessent für meinen Laptop hatte geantwortet.

Sorry, aber mehr zahle ich nicht.

Der Drang, meine Stirn auf die Tischplatte sinken zu lassen, war beinahe übermächtig. Ich brauchte das Geld wirklich dringend, und wenn ich sparsam war, würde ich damit vielleicht einen oder sogar zwei Monate über die Runden kommen. Von dem Betrag konnte ich mir zwar keine eigene Wohnung leisten, aber immerhin etwas zur Haushaltskasse beitragen. Schweren Herzens drückte ich auf »Antworten« und sagte dem Käufer zu.

Danach rührte ich missmutig in meinem Karamell-Macchiato herum und sah mich im Café um. Obwohl es noch früh war, hatten sich schon viele Studenten auf einen Kaffee oder zum Frühstück eingefunden. Ich beobachtete Freundinnen, die eng über einen Tisch gebeugt tuschelten und dann anfingen zu lachen. Sie wirkten so unbeschwert. In diesem Moment wurde ich von der unausweichlichen Gewissheit überkommen, alles in meinem Leben falsch gemacht zu haben.

Wäre ich nicht nach Los Angeles gegangen, hätte ich mit Ezra hierherkommen können.

Wäre ich nicht gegangen, würde ich mich jetzt nicht an diesem Tiefpunkt befinden.

Das Gefühl des Bedauerns, das mich erfasste, war so brennend und schmerzhaft, dass ich mich einen Augenblick lang wie gelähmt fühlte. Ich wusste, dass ich so nicht denken durfte, aber ich konnte nichts dagegen tun. Dafür war das alles viel zu frisch.

Wenn ich nicht vollends verrückt werden wollte, brauchte ich dringend Ablenkung. Ich griff nach meinem Handy und scrollte durch meine Kontakte, bis ich Everlys Nummer fand. Mit einem weiteren Tippen hatte ich eine Nachricht an sie geöffnet.

Hi, hier ist Jude – das Mädchen, das dich gestern im Café überfallen hat. Ich schulde dir noch einen Kaffee. Hast du Zeit und Lust? :)

Ohne darüber nachzudenken, schickte ich die Nachricht ab.

Um nicht die ganze Zeit auf mein Handy zu schauen, ob Everly sie gelesen hatte und wohl antworten würde, ging ich bei eBay verschiedene Inserate durch und überlegte, ob ich vielleicht irgendwelche Tätigkeiten anbieten konnte. Ich war zwar nicht so gut im Putzen und Aufräumen wie Ezra, aber dafür unschlagbar, wenn es ums Bügeln ging. Vielleicht suchte ja jemand eine Haushaltshilfe? Ich öffnete gerade eine weitere Anzeige und gab einen Text ein, als mein Handy leise piepste. Sofort riss ich es hoch und las mir Everlys Antwort durch.

Wie es schien, hatte mir das Schicksal genau die richtige Person geschickt.

Ich fühlte mich wie eine Betrügerin, als ich zwischen den Studenten über das Uni-Gelände in Richtung Sporthalle lief. Je näher wir kamen, desto mehr Leute bogen auf dem Gehweg zwischen den Bäumen in Richtung anderer Gebäude des Campus ab. Zweimal rutschte ich auf dem glatten Weg aus, und ich war froh, als ich bei der Halle ankam. Drinnen zog ich mir den rechten Handschuh aus und kramte in meiner Tasche nach meinem Handy, um Everlys Nachricht noch einmal zu überprüfen.

»Jude?«

Ich blickte auf und sah Everly nahe bei einer Treppe stehen, die nach unten führte. Heute hatte sie ihr dunkles Haar halb hochgesteckt. Sie trug eine schwarze Jeans mit einer locker sitzenden weißen Bluse darüber, die mich an den Sommer denken ließ.

Ich lächelte sie breit an. »Hi.« Ich zog mir die Mütze vom Kopf, schüttelte mir das Haar aus dem Gesicht und stopfte die Mütze in meine Tasche.

»Komm.« Everly bedeutete mir mit einem Nicken, ihr zu folgen. Zusammen stiegen wir die Treppe hinunter. »Hast du gut hergefunden?«

»Ich war gerade eh in einem Café hier auf dem Gelände«, sagte ich. »Ich habe schon mal ein bisschen die Gegend ausgekundschaftet.«

»Woodshill ist schön, oder? Wobei … du sagtest, du kommst gerade aus Kalifornien.«

Ich fand es süß, dass sie sich das gemerkt hatte, und nickte. »Bisher finde ich es schön hier. Und wie es aussieht, muss ich viel Zeit draußen verbringen.«

Sie warf mir einen fragenden Blick von der Seite zu und hielt mir die Tür zur Umkleide auf. »Darf ich fragen, wieso?«

»Klar darfst du. Lustigerweise wohnt mein Bruder mit meinem Ex-Freund zusammen.«

»Das klingt nicht besonders lustig.«

»Ich wollte es ein bisschen netter klingen lassen, als es in Wirklichkeit ist.«

»Autsch. So schlimm?«

Ich hielt inne. Keine Ahnung, wie schlau es war, einer Fremden all das zu erzählen, vor allem, weil wir uns gerade in der Sporthalle befanden – dem Ort, an dem Ezra, Blake und die anderen mit Sicherheit stets trainierten. Ich wusste nicht, ob Everly meinen Bruder und seine Mitbewohner kannte, aber es war bestimmt besser, wenn ich keine Namen nannte und ihr nicht zu viele Details verriet, obwohl ich das liebend gerne getan hätte. Nur vorsichtshalber.

Als Everly meine Unentschlossenheit zu spüren schien, räusperte sie sich. »Du wirkst wie ein netter Mensch und machst es einem nicht schwer, dich zu mögen.«

Ich lächelte sie an. »Das ist mit Abstand das Netteste, was ich seit Wochen gehört habe.«

»Was ich damit sagen will: Falls es im Moment schlimm ist, glätten sich die Wogen bestimmt mit der Zeit.« Sie lächelte mich aufmunternd an.

»Bestimmt«, erwiderte ich, obwohl ich nicht wirklich daran glaubte. Was Blake für mich empfand … Seine Gefühle hatten sich über knapp eineinhalb Jahre hinweg angestaut. Und sie würden sich sicher nicht innerhalb von kurzer Zeit ändern. Aber darüber wollte ich jetzt eigentlich nicht sprechen.

Wir hatten die Umkleiden durchquert und standen nun in der leeren Halle. Ich sah mich um. »Sag mal, was machen wir eigentlich hier?«

Everly ging zu einem Raum am Rand der Halle und kramte einen Schlüsselbund aus ihrer Tasche. Dann schloss sie die Tür auf. »Ich bin seit Anfang des Monats Assistenz-Coach der Cheerleader. Wir haben gleich Training, und ich muss ein bisschen was vorbereiten.«

»Und ich darf helfen?«

»Genau.« Sie reichte mir einen Eimer, der mit elastischen Bändern gefüllt war. Sie selbst schnappte sich einen Stapel Matten, bevor wir den kleinen Raum verließen und zurück in die Halle traten.

»Du siehst sehr jung aus für eine Trainerin«, sagte ich vorsichtig. Ich wollte Everly nicht auf den Schlips treten.

»Ich studiere auch noch. Das mit dieser Stelle hat sich mehr durch Zufall ergeben.« Als sie das sagte, leuchteten ihre Augen auf.

Ich stellte den Eimer mit den Bändern ab und half Everly dabei, die Matten auf dem Boden auszubreiten. »Ich wünschte, bei mir würde sich auch was durch Zufall ergeben. Vorhin habe ich die Jobbörsen durchforstet und überhaupt nichts Passendes gefunden.«

»Ich kann gerne Augen und Ohren offen halten.«

»Das wäre toll, danke.«

»Kein Problem. Wärst du zwei Wochen früher gekommen, hättest du meinen alten Job haben können.«

»Daraus schließe ich, dass es schon zu spät ist?«

Sie machte ein zustimmendes Geräusch. »Leider schon, die haben gerade jemand Neues eingestellt.«

So ein Mist.

Ich richtete die Matte zu meinen Füßen aus und kratzte das bisschen Motivation in mir zusammen, das übrig geblieben war. »Ich finde schon was.«

»Denke ich auch.« Everly fing an, die Trainingsbänder auf den Matten zu verteilen. »Du scheinst eine Optimistin zu sein. Davon könnte ich mir eine Scheibe abschneiden.«

Ich lachte kurz auf. »Du kennst mich noch nicht gut genug.« Als sie mir einen fragenden Blick zuwarf, sprach ich schnell weiter. »Ich bin mit siebzehn von Seattle nach Los Angeles gezogen. Allein. Es war schwierig, so weit von meiner Familie weg zu sein. Dann habe ich auch noch den Job, für den ich dorthin gezogen bin, direkt wieder verloren, mich von meinem Freund getrennt und in den Monaten danach versucht, Fuß in Hollywood zu fassen – vergeblich.« Ich zuckte mit den Schultern. »Und jetzt bin ich hier und habe jeden Rest an Optimismus in Kalifornien gelassen.«

Einen Moment lang schwieg Everly. »Das klingt übel. Vor allem, dass du so früh schon allein gelebt hast. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, so weit von meiner Mom entfernt zu wohnen. Ich mag es, dass ich spontan zu ihr fahren kann, wenn irgendwas ist, und umgekehrt.«

Sie wollte mir bestimmt nicht wehtun, trotzdem spürte ich bei ihren Worten einen Stich. Ich vermisste meine Eltern wahnsinnig. Immer, wenn ich etwas Lustiges sah, wollte ich Dad davon erzählen, immer, wenn ich traurig war, sehnte ich mich nach einer Umarmung meiner Mom. Dass ich es nicht mal an Weihnachten geschafft hatte, nach Hause zu fliegen, hatte mich mehr geschmerzt als alles andere. Mein Agent hatte mir zwei Jobs als Statistin beschafft, die ich in meiner Geldnot nicht hatte ausschlagen können, und meine Eltern hatten mir deutlich gemacht, wie enttäuscht sie waren, dass ich nicht nach Hause gekommen war.

»Tut mir leid, ich wollte nicht taktlos sein.«

»Warst du überhaupt nicht«, sagte ich schnell und räusperte mich, als ich hörte, wie belegt meine Stimme klang. Ich war auf diesen letzten Rest Motivation angewiesen, wenn ich nicht vollends auseinanderbrechen wollte, also klammerte ich mich an dem Gefühl fest. Geheuchelter Optimismus war immer noch deutlich besser als die Alternative.

»Wenn es dich tröstet: In Woodshill findet jeder Mensch schnell Anschluss. Selbst jemand wie ich.«

Ich fragte mich, was sie damit meinte. Auf mich hatte sie einen sehr offenen Eindruck gemacht, auch wenn ich sie anfänglich wohl ein wenig überfordert hatte.

Bevor ich nachhaken konnte, ging die Tür auf und mehrere Cheerleader betraten die Halle. Sie trugen dunkle Trainingshosen und ärmellose Tanktops mit dem Logo der Uni, und sie alle strahlten, als sie Everly erblickten.

»Dann ist es ja gut, dass es mich ausgerechnet hierher verschlagen hat«, fügte ich schnell hinzu, nicht wissend, ob Everly mich überhaupt noch hörte.

Sie drehte sich zu mir und lächelte. »Genau das wollte ich damit sagen.« Sie sah kurz zwischen mir und den Mädchen hin und her. »Wenn du Lust hast, kannst du zugucken. Und danach könnten wir den Kaffee trinken gehen, den du mir angeboten hast?«

Erleichterung überkam mich. Kurz hatte ich geglaubt, schon wieder in die WG zurückkehren zu müssen.

»So machen wir es«, stimmte ich zu und erwiderte ihr Lächeln breit.

Kapitel 4

Der Schlüssel steckte fest. Meine Hände zitterten, als ich versuchte, ihn zu drehen. Inzwischen war die Sonne untergegangen und die Veranda war bloß schwach beleuchtet.

»Komm schon«, murmelte ich und versuchte noch einmal, den Schlüssel rumzudrehen. Meine Finger waren Eisblöcke, und das Schloss war vermutlich genauso eingefroren.

Plötzlich wurde meine Zimmertür von innen aufgezogen, und ich flog förmlich über die Türschwelle.

Ich starrte in das Gesicht meines Bruders, der mich mit tief gefurchter Stirn ansah. »Was zum Teufel machst du da?«

»Ich komme nach Hause. Um in mein Zimmer zu gehen, meinen Schlafanzug anzuziehen und mich ins Bett zu legen.«

Ezra blinzelte perplex. Dann wurden die Falten auf seiner Stirn noch tiefer. »Erstens: Wir haben eine Haustür, durch die du kommen kannst. Zweitens: Es ist kurz nach sechs. Wieso willst du jetzt schon ins Bett?«

Ich brauchte drei Anläufe, um den Schlüssel aus der Tür zu ziehen. Nachdem ich es hinbekommen hatte, bückte ich mich, um die Doppelknoten in meinen Schnürsenkeln zu lösen.

»Erstens: Ich dachte, es wäre besser, wenn ich mich im Rest des Hauses so wenig wie möglich blicken lasse. Und zweitens: Ich habe Jetlag.«

»Zwischen Kalifornien und Oregon gibt’s keine Zeitverschiebung«, sagte Ezra trocken und schloss die Tür hinter mir, während ich mich endlich aus den Schuhen befreite.

»Echt nicht? Kommt mir aber so vor.« Im Gehen zog ich den Mantel aus und ließ mich anschließend aufs Bett fallen – mit dem Gesicht mitten ins Kissen.

Mein Bruder kam näher, ich konnte seine Schritte hören. Neben mir hielt er inne. »Jude«, erklang seine Stimme.

Ich drehte meinen Kopf auf die Seite und sah direkt auf seine Beine. Ich blickte an ihm hoch. Er stand mit vor der Brust verschränkten Armen vor dem Bett und sah mich mit ernstem Blick an.

»Ich habe mit Blake geredet«, sagte er.

Plötzlich war ich am ganzen Körper angespannt, weil ich mich vor seinen nächsten Worten fürchtete. Was, wenn er Ezra und die anderen davon überzeugt hatte, mich rauszuschmeißen? Was, wenn …

»Ich habe ihm gesagt, dass er derjenige ist, der hier rausfliegt, wenn er sich weiter so kindisch aufführt.«

Ich setzte mich ruckartig auf. »Du hast was

»Ich habe Blake eine Ansage gemacht, damit er sich dir gegenüber nicht so scheiße aufführt.«

Ich stöhnte auf und rieb mir mit den Händen übers Gesicht.

»Ehrlich gesagt dachte ich, dass du dich freuen würdest.«

Ich nahm die Hände runter und sah böse zu ihm hoch. »Wieso sollte ich mich darüber freuen? Damit hast du alles nur noch schlimmer gemacht. Vielen Dank für nichts.«

Sein Mund ging auf und wieder zu. Er wandte sich von mir ab und entfernte sich ein paar Schritte, nur um sofort wieder umzukehren und zu mir zurückzukommen. »Ich nehme dich hier auf, ohne Fragen zu stellen. Ich mache meinem besten Freund eine Ansage, obwohl die Situation in der WG seit seinem Unfall ohnehin schon total angespannt ist – und das ist das Einzige, was du dazu zu sagen hast?« Seine Stimme bebte, so aufgebracht war er. »Weißt du was, Jude? Regel deinen Scheiß doch allein.«

Ohne ein weiteres Wort machte er auf dem Absatz kehrt und verließ das Zimmer. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, zuckte ich zusammen.

Schweigend saß ich auf dem Bett, während mir seine letzten Worte immer und immer wieder durch den Kopf gingen.

Ich war ein Esel. Ein richtig blöder, undankbarer Esel. Dass Ezra sich überhaupt für mich eingesetzt hatte, war ein Wunder. Früher hätte er das niemals getan. Ich erinnerte mich an die Zeit, in der er mit Blake und seinen anderen Freunden bei uns zu Hause Basketball gespielt hatte. Wie ich hatte zusehen wollen und er mir bloß einen Ball an den Kopf geworfen hatte, um sich dann mit seinen Kumpels darüber kaputtzulachen. Diese Situation spiegelte ungefähr unsere gesamte Kindheit und Jugend wider. Erst in dem Jahr, als uns beiden klar geworden war, dass wir uns bald nicht mehr täglich sehen und aller Wahrscheinlichkeit nach in unterschiedlichen Bundesstaaten leben würden, waren wir aufeinander zugegangen. Unsere Beziehung hatte sich verändert und war viel inniger geworden. Wir hatten viel miteinander geredet und uns gegenseitig unsere Ängste offenbart. Ezra hatte mir klargemacht, dass er mir mehr als jedem anderen Menschen in seinem Leben vertraute. Und jetzt … jetzt hatte ich ihn vor den Kopf gestoßen und seine Hilfe mit einem Satz zunichtegemacht.

Ich erhob mich schwerfällig, zog meine Jacke aus und hängte sie über den Schreibtischstuhl. Danach stand ich unschlüssig in der Mitte des Zimmers. Ich war völlig ausgelaugt von den letzten Tagen. Los Angeles hatte mir alles genommen, wovon ich in den letzten Jahren geträumt hatte, und ich fand, dass das reichte. Ich wollte nicht, dass neben Blake auch noch Ezra wütend auf mich war.

Ich atmete tief durch und dachte nach. Dann ging ich zu meinem Koffer und bückte mich, um nach meinem Laptop zu suchen. Ich fand ihn zwischen zwei Kleidern und ein paar Jeans. Er war bereits in Luftpolsterfolie gewickelt. Anschließend schnappte ich mir auch noch mein Tablet, kratzte all meinen Mut zusammen und verließ mein Zimmer.

Aus dem Wohnzimmer drang leise Musik. Als ich es zögerlich betrat, sah ich Blake auf dem Sofa sitzen. Er hatte sein rechtes Bein auf dem Wohnzimmertisch hochgelagert und einen Laptop auf dem Schoß, das Klicken der Tastatur das einzige Geräusch im Raum.

Als ich mich räusperte, blickte er auf.

Es war erstaunlich, wie steinern sein Gesicht wirkte. Ich kannte Blake schon fast mein ganzes Leben lang, und noch nie – wirklich nie – hatte er so ausgesehen. Der Blake, den ich kannte, war das sprühende Leben gewesen. Selbst wenn er sich stundenlang beim Training verausgabt hatte, war er danach noch so energiegeladen gewesen, mit mir im Garten meiner Eltern zu tanzen, mich hochzuheben und lachend herumzuwirbeln.

So wie es aussah, war von diesem Blake nichts mehr übrig. Und damit musste ich lernen umzugehen.

»Sorry«, sagte ich tonlos und wandte den Blick ab. »Ich störe dich nicht lang. Ich suche nur einen Karton.«

Ohne seine Reaktion abzuwarten, ging ich in die Küche, legte meinen Laptop auf dem Tresen ab und beugte mich nach unten, um die Schranktür links vom Ofen zu öffnen. Als ich nur Töpfe und ein paar Pfannen vorfand, schloss ich die Tür wieder und wandte mich dem nächsten Schrank zu. Auch hier hatte ich kein Glück: Statt einem Karton entdeckte ich darin nur Geschenktüten, Plastikdosen und viele, viele Alkoholflaschen. Ich seufzte leise und erhob mich, um mir die Einbauschränke neben der Spüle vorzunehmen.

Plötzlich verstummte das Klicken der Tastatur.

Als ich mich zu Blake umdrehte, sah ich, dass er nach seinen Krücken griff. Mit angehaltenem Atem beobachtete ich ihn dabei, wie er langsam aufstand. Offensichtlich ertrug er es nicht mal, ein paar Minuten lang dieselbe Luft wie ich zu atmen, und konnte nicht schnell genug von mir wegkommen.

Ich war drauf und dran, ihm einen bitteren Kommentar an den Kopf zu werfen, doch dann bemerkte ich, dass er nicht die Wohnzimmertür ansteuerte, sondern stattdessen in meine Richtung kam. Regungslos starrte ich ihn an, als er um den Küchentresen herumging und vor mir stehen blieb.

Er sagte nichts. Langsam ließ er den Blick über mein Gesicht gleiten, über meine Augen, meine Wangen, meine Nase, meinen Mund, und es fühlte sich beinahe an, als würde er mich berühren.

Ich schluckte trocken.

»Du siehst anders aus«, sagte er unvermittelt.

Ich musterte ihn genauso unverhohlen. Seine Haare waren kürzer als damals, seine Wangen wirkten leicht eingefallen, und ich wusste nicht, was ich von dem Bart halten sollte. Das alles ließ ihn kantig und unnahbar erscheinen. Wie stark konnte man sich innerhalb so kurzer Zeit verändern? Er kam mir wie ein völlig anderer Mensch vor, und ich fragte mich, ob es ihm mit mir genauso ging.

Ich wusste, dass ich anders aussah. Die Agentur, bei der ich unter Vertrag gestanden hatte, hatte mir direkt nach meiner Ankunft in L. A. eine Rundumerneuerung verpasst: Meine Haare reichten mir mittlerweile bis zur Schulter, und ich hatte sie mir bei einem Starfriseur stylen und mit Highlights versehen lassen. Für die ganzen Castings hatte ich mir eine neue Garderobe angeschafft. Insgesamt war mir ein Branding verpasst worden, das modern und jung war und zu einer Nachwuchsschauspielerin passte. Außerdem hatte ich mir die Nase richten lassen. Nachdem ich sie mir als Teenagerin gebrochen hatte (danke, Ezra), war ein kleiner Höcker zurückgeblieben, der mich immer ein wenig gestört hatte. Nachdem Twisted Rose eingestellt worden war, hatte mein Agent mir zu einer Operation geraten. Er hatte behauptet, eine Korrektur würde mir dabei helfen, neue und größere Rollen zu bekommen, und ich war so blöd gewesen, ihm zu vertrauen.

Ich wandte den Blick ab und räusperte mich. »Ich muss den hier verschicken«, wechselte ich mit rauer Stimme das Thema und deutete auf den Laptop.

Blake öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, schloss ihn aber sofort wieder. Einen Moment lang starrte er auf den Laptop, dann lehnte er eine seiner Krücken gegen die Arbeitsfläche und deutete auf die beiden Schränke über der Spüle. »Guck da mal rein.«

Ich drehte mich um und streckte mich, um eine der Türen zu öffnen.

»Wie viel Alkohol hortet ihr hier eigentlich?«, fragte ich, als ich neben Tellern und Gläsern nur zwei weitere riesige Flaschen Wodka entdeckte.

Blake ignorierte die Frage. Ich hörte, wie er einen Schritt auf mich zu machte. Dann griff er an mir vorbei an den rechten Schrank, wobei er mit dem Arm meine Schulter und meine Haare berührte.

Plötzlich war ich wie festgefroren, eingeklemmt zwischen ihm und der Spüle. Wir standen unglaublich dicht beieinander, und die Sekunden schienen wie in Zeitlupe zu verstreichen.

Blakes Brust streifte meinen Rücken. Hitze und Schmerz breiteten sich gleichzeitig in meinem Inneren aus. Ich kämpfte mit aller Kraft dagegen an, aber es nützte nichts. Die Härchen an meinen Armen stellten sich auf, und ich nahm immer mehr Details wahr. Seinen Duft, der genauso war wie früher. Seinen Unterarm, der kräftiger wirkte und an dem die Venen hervortraten.

Wir atmeten. Die Luft zwischen uns surrte spürbar. Keiner von uns rührte sich, als Blakes Brustkorb erneut meinen Rücken streifte. Obwohl wir innerlich weiter voneinander entfernt waren als je zuvor, schienen unsere Körper in diesem Moment im Einklang zu sein. Seine Wärme war mir noch immer so vertraut wie nichts anderes. Und ich wollte mehr davon. Wie ferngesteuert lehnte ich mich ein wenig zurück, um den Kontakt zu intensivieren. Ein paar endlose Sekunden lang verharrten wir in dieser Position. Meine Haut prickelte, und in mir keimte der Wunsch auf, Blake würde etwas tun. Irgendetwas.

Als hätte er meine Gedanken gehört, senkte er den Kopf. Sein Bart streifte mein Ohr, und das Blut rauschte durch meine Adern. Ich konnte nicht mehr klar denken.

»Ich will nicht, dass du hierbleibst.« Seine samtige Stimme stand in völligem Kontrast zu seinen Worten.

Als ich begriff, was er gesagt hatte, wurde die Hitze, die ich zuvor gespürt hatte, durch eisige Kälte ersetzt. Mein Körper war wie auf Autopilot gestellt. Langsam drehte ich mich zu ihm um.

Trotz der Wärme, die er eben noch verströmt hatte, waren sein Gesicht und sein Körper zum Zerreißen angespannt. Seine Augen funkelten wütend.

Bilder der Vergangenheit tauchten in meinem Kopf auf, die ihn und mich zusammen zeigten, genau in einer solchen Position. Nur dass der Ausdruck in seinen Augen damals nicht finster gewesen war, sondern feurig. Und dass er die Distanz zwischen uns überbrückt und mich an sich gezogen hatte. Doch als ich ihn jetzt ansah, wurde mir bewusst, dass das nie wieder passieren würde.

Ich schluckte. »Das hast du gestern schon deutlich gemacht.«

»Anscheinend war ich nicht deutlich genug.«

Mit Mühe unterdrückte ich die Gefühle, die in meinem Inneren wüteten. Für einen kurzen Moment wünschte ich mir, wir hätten uns nie getrennt. Ein kindischer, bescheuerter Gedanke. Ich konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Stattdessen sollte ich die Erinnerungen dringend aus meinem Gedächtnis löschen. Wir mussten uns mit der Situation abfinden, denn vorerst würde sich nichts daran ändern.

»Was soll ich deiner Meinung nach machen, Blake?« Ich war um einen ruhigen Tonfall bemüht, konnte aber selbst hören, wie verzweifelt ich klang.

»Mir ist schon lange egal, was du machst.« Er griff über meinen Kopf hinweg in den Schrank, holte einen Karton heraus und drückte ihn mir in die Hand. Dann nahm er die Krücke, die er gegen die Arbeitsfläche gelehnt hatte, und wandte sich ab. »Meinetwegen hättest du für immer in L. A. bleiben können«, sagte er mit dem Rücken zu mir.

Dann humpelte er zurück zum Sofa, wo er nach seinem Controller griff, als hätte er mir gerade keine gigantische verbale Ohrfeige verpasst, während ich in der Küche stand und um Fassung rang.

Kapitel 5

Den Rest der Woche ging ich Blake aus dem Weg – soweit das möglich war, wenn man sich ein Bad und eine Küche teilte. Auch Ezra sah ich kaum. Ich hatte auf eine gute Gelegenheit gewartet, noch mal in Ruhe mit ihm zu sprechen, aber entweder war er beim Training, in der Uni oder in Gesellschaft von Cam, Otis oder Blake gewesen. Er war nicht noch mal in mein Zimmer gekommen, um mit mir zu reden, doch merkwürdigerweise war auf einmal das Schloss der Verandatür geölt gewesen, sodass der Schlüssel nun leicht hinein- und hinausglitt.

Die Jobsuche in Woodshill gestaltete sich weiterhin schwierig, und langsam gab ich die Hoffnung auf, schnell etwas zu finden. Am Samstagnachmittag ging ich deshalb wieder in das Café auf dem Campus, trank einen Karamell-Macchiato und verkaufte auch die letzten beiden Designer-Handtaschen, die ich besaß. Obwohl der Betrag nicht mal der Hälfte des ursprünglichen Kaufpreises entsprach, hatte ich so wenigstens einen kleinen Puffer – auch wenn dieser bei Weitem nicht für die Miete einer eigenen Wohnung reichte.

Danach versuchte ich, mich abzulenken, indem ich weiter Woodshill und seine Umgebung erkundete. Ich schaltete Musik auf meinem Handy an und ließ mich von meinem Gefühl leiten, bis ich irgendwann an einem wunderschönen See im Tal der Berge ...

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