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Draw me | Eine erotische Liebesgeschichte

Kapitel 1

Ich stieg in die U-Bahn, die gerade mit kreischenden Bremsen in die Station eingefahren war, und setzte mich auf eine Bank in Fahrtrichtung.

Ich hasse es, rückwärts zu fahren. Und an diesem Tag sollte diese winzig kleine und eigentlich völlig banale Entscheidung mein Leben auf den Kopf stellen.

Meine Umhängetasche auf den Schoß nehmend, ließ ich den Blick kurz durch den Waggon schweifen, eine Angewohnheit, die ich erst seit dem 11. September 2001 hatte. Nicht, dass ich mich in der U-Bahn Manhattans nicht sicher fühlen würde, doch eine zarte Stimme ganz hinten in meinem Kopf mahnt mich seit diesem schrecklichen Ereignis, ständig auf der Hut vor Gefahren zu sein.

Das Abteil war nicht sonderlich voll. An der Tür stand ein Afroamerikaner mit Cornrows – schmale Zöpfchen, die wie Ähren aussehen – und einer Jeans, deren Schritt ihm in den Kniekehlen hing. Er war gerade dabei, sich eine Zigarette zu drehen. Neben ihm saß ein Business-Typ im maßgeschneiderten Anzug, der in die aktuelle Ausgabe der New York Times vertieft war. Ab und zu räusperte er sich, um im nächsten Moment raschelnd die nächste Seite aufzuschlagen. Auf der gegenüberliegenden Sitzreihe waren zwei Frauen angeregt in ein Gespräch über Kochrezepte vertieft. Ich folgte ihnen eine Weile und überlegte im Stillen, was ich wohl heute zum Abendbrot essen sollte, bis ich mitten in der Überlegung plötzlich einen Blick auf mir spürte. Es war nur ein Gefühl und doch so stark, dass es all meine Aufmerksamkeit forderte. Wie beiläufig wandte ich den Kopf in Richtung des Fensters und konnte aus dem Augenwinkel einen Mann ausmachen, der mich unverhohlen anstarrte. Mein Puls beschleunigte sich, ohne dass ich es hätte verhindern können.

Was soll das?, dachte ich und begann nach einigen Sekunden, in denen sein Blick weiter auf mich gerichtet blieb, deutlich aufkeimenden Ärger zu verspüren. Wieso glotzt du denn so? Guck weg! Guck endlich weg, verdammt! Doch er kam meiner imaginären Aufforderung in keiner Weise nach. Da ich ihn nur in einem Teil meines Sichtfeldes wahrnahm, bezweifelte ich allmählich, dass seine Augen die ganze Zeit nur auf mir ruhten. Vielleicht sieht er ja auch aus dem Fenster, du dumme Nuss, tadelte ich mich innerlich selbst. Womöglich bildest du dir das alles ein. Wieso sollte ausgerechnet dich jemand dermaßen lange angaffen? Doch als ich schließlich den Mut aufbrachte, den Kopf zu drehen und ihn direkt anzusehen, setzte mein Herz für ein oder zwei Schläge aus, bevor es in einem galoppierenden Rhythmus weiter klopfte.

Der Typ sah mich tatsächlich an. In dem Moment, als sich unsere Blicke trafen, wäre ich vor Schreck beinahe zusammengezuckt, so sehr traf mich diese Erkenntnis. Sobald ich gesehen hatte, dass er mich ansah, schlug ich die Augen nieder und lief rot an. Feigling!, dröhnte es mir in den Ohren. Nervös trommelte ich mit den Fingern auf meiner Tasche herum, bis es mir bewusst wurde und ich ihnen Einhalt gebot. Mann, Eliza, hör auf, den Schwanz einzuziehen und zeig es ihm! Zeig ihm, dass du keine ängstliche graue Maus bist! Doch genau das war ich. Siebenundzwanzig Jahre, dunkelblonde Haare, einsfünfundsechzig groß und vierundfünfzig Kilo schwer. Meine Kleiderauswahl beschränkte sich auf abgetragene Jeans und verblichene Shirts. Und das aus dem alleinigen Grund, weil ich nun einmal an den Sachen hing, die mir gefielen. Mein Kleiderschrank war überschaubar, und ich gehöre nicht zu der Kategorie Frau, die sich wöchentlich bei ausgiebigen Shoppingexzessen mit der neusten Mode eindeckt. Ich lege zwar Wert auf Sauberkeit, auf Äußerlichkeiten jedoch umso weniger. In meinem Job als Vorschullehrerin spielt das ohnehin keine bedeutende Rolle. Ein Grund mehr, warum ich die Arbeit mit Kindern so sehr liebte. Ja, ich gehe praktisch voll darin auf. Als mir die Stelle vor zwei Jahren direkt nach meinem Collegeabschluss angeboten wurde, zögerte ich keine Sekunde und nahm sie an. Die beste Entscheidung, die ich bisher in meinem Leben getroffen habe.

Noch immer stierte mich der Kerl an, und ich wagte einen zweiten Versuch, mich ihm zu stellen. Mit finsterer Miene blickte ich zurück und erkannte, dass er mich ebenso grimmig ansah. Was hast du für ein Problem?, versuchte ich ihn mit der Kraft meiner Gedanken zu fragen. Diesmal hielt ich ihm länger Stand. Und zwar so lange, bis der Lautsprecher über mir die nächste Station ansagte. Wütend schnappte ich meine Tasche, sprang auf und lief provokativ an dem Gaffer vorbei.

Arschloch!, schimpfte ich ihn stumm an. Dann sprang ich mit einem Satz geradewegs durch die offene U-Bahntür. Dabei versuchte ich, so grazil wie eine Gazelle zu wirken und ließ mein offenes Haar schwungvoll durch die Luft flattern. Du machst dich zur kompletten Idiotin. Erst, als mir das bewusst wurde, fragte ich mich, weshalb ich das überhaupt getan hatte. Seinetwegen? Oh, bitte! Nein, wohl eher, um mein angekratztes Selbstwertgefühl wieder auf Vordermann zu bringen.

Mit jedem Schritt, den ich mich weiter aus der U-Bahnstation entfernte, fühlte ich mich besser. Wieder oben im Tageslicht angekommen, sog ich die städtische Sommerluft ein und war regeneriert. Mittlerweile konnte ich über das eben Geschehene nur noch schmunzeln. Mit einer kleinen Wasserflasche und einem belegten Bagel aus dem Coffeeshop um die Ecke begab ich mich zum Bryant Park. Es war ein herrlicher Augustnachmittag, und das Wetter lockte nicht nur mich an diesen grünen Fleck inmitten dieser Hochhaus-Landschaft. Zu meinem Glück ergatterte ich noch einen der Stühle, die auf der großen Rasenfläche verteilt standen, und setzte mich, das Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen zugewandt. Nachdem ich meine Zwischenmahlzeit verspeist hatte, zog ich meinen Zeichenblock und die Schachtel mit Kohlestiften aus meiner Tasche und begann die Umrisse eines Vaters zu zeichnen, der seitlich auf dem Rasen lag, während sein Kind unaufhörlich damit beschäftigt war, auf ihm herumzuklettern. Ein fantastisches, lebendiges und so unbekümmertes Bild.

»Nicht übel«, riss mich eine Stimme hinter mir aus meiner Trance, in die ich beim Zeichnen jedes Mal verfiel. Erschrocken zuckte ich zusammen und hätte um Haaresbreite meine Zeichnung versaut. Die Stimme war so nah, dass ich den Atemzug an meinem Ohr spürte.

Ohne etwas erwidern zu können, sprang ich von meinem Stuhl auf und blickte mit Entsetzen in sein Gesicht; das des Mannes aus der U-Bahn. Bei genauerer Betrachtung schien er jünger zu sein, als ich zunächst angenommen hatte. Nun, bei Tageslicht, leuchteten seine Augen in einem tiefen Dunkelblau. Dieser ebenso impertinente wie jungenhafte Kerl überragte mich um mehr als eine Kopflänge. Sein an den Seiten und im Nacken kurz geschnittenes Haar verlängerte sich am Oberkopf zu einem dunklen Schopf. Während wir uns musterten, fiel mir sein rasiertes, kantiges Kinn auf, das einen Bartschatten erahnen ließ. So kam sein Mund mit der vollen Unterlippe perfekt zur Geltung. Seine Wangen waren leicht gerötet, was ihm einen unglaublich lebendigen Ausdruck verlieh. Der Winkel, in dem seine Ohren abstanden, war ein kleines Stück zu weit, doch diese Tatsache machte ihn für mich nur noch attraktiver. Kurzum – er sah unglaublich gut aus, und nach seinem leicht arroganten Blick zu urteilen, wusste er das auch. »Was wollen Sie von mir?«, fragte ich in einem etwas zu schnippischen Tonfall.

»Sie haben vorhin in der U-Bahn gesessen, nicht wahr?« Seine dunklen Augen musterten mich eingehend.

»Ich … ja … sind Sie mir etwa … gefolgt?«

»Es wäre gelogen, wenn ich jetzt nein sagen würde.« Er verzog die Lippen zu einem kleinen schiefen Grinsen. »Ihre Zeichnungen«, er deutete mit dem Kopf auf meine Mappe, die auf dem Gras lag, »darf ich sie mir vielleicht einmal ansehen?« Ohne meine Antwort abzuwarten beugte er sich nach unten und hob sie auf.

»Nein!« Ich entriss ihm die Mappe, noch ehe er sie aufschlagen konnte. »Was wollen Sie?«, wiederholte ich. »Sind Sie ein Stalker oder so was?« Verstohlen suchte ich die Umgebung nach Polizisten ab.

»Es tut mir leid, falls ich Sie erschreckt habe. Das war nicht meine Absicht.«

»Warum sind Sie mir dann nachgelaufen?«

Er zuckte die breiten Schultern. »Das tue ich oft, wenn mich jemand fasziniert.« Seine Stimme klang dabei samtig weich. Ich glaubte, mich verhört zu haben. »Okay, mein Lieber, ich denke, dass Sie jetzt besser verschwinden, bevor ich die Bullen rufe.«

»Haben Sie etwa Angst vor mir?«, fragte er, und es klang beinahe so, als würde ihn das verletzen.

Natürlich habe ich Angst vor dir, du Spinner! Aber das würde ich niemals offen zugeben. »Sollte ich denn Angst vor Ihnen haben?«, fragte ich stattdessen. Bemüht, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.

Er lächelte und entblößte dabei zwei Reihen strahlend weißer Zähne. »Nein. Nein, natürlich nicht. Es tut mir leid, falls ich diesen Eindruck bei Ihnen erweckt haben sollte. Ich würde mir einfach nur gerne Ihre Arbeiten ansehen, wenn Sie erlauben?« Geduldig streckte er einen seiner Arme nach vorn. Trotz des warmen Tages trug er ein Sweatshirt und eine lange Jogginghose. Beides war in einem hellen Grau, farblich aufeinander abgestimmt. »Bitte.«

Zögerlich reichte ich ihm die Mappe zurück. Der Argwohn muss mir buchstäblich im Gesicht gestanden haben, denn er fügte hinzu: »Ich möchte mir wirklich nur Ihre Zeichnungen ansehen.«

Ich begann mich ein wenig zu entspannen, und als er mit einem leichten Stirnrunzeln die einzelnen Papierbögen betrachtete, wollte ich nichts sehnlicher, als seine Gedanken lesen zu können.

»Sie gefallen Ihnen nicht.« Ich ließ es nicht als Frage, sondern eher wie eine gekränkte Feststellung klingen.

Das Gesicht weiter auf das Papier gesenkt, hob er die Augenbrauen und richtete diese unglaublichen Augen auf mich. »Sie sind nicht besonders selbstbewusst.« Es war ebenfalls eine Feststellung. Vor Erstaunen wusste ich im ersten Moment nicht, wie ich reagieren sollte, doch dann besann ich mich eines Besseren und straffte die Schultern. »Und Sie sind einfach nur taktlos.«

Wieder zuckte er die Schultern. »Schon möglich, aber in einem Punkt irren Sie sich.« Er machte eine Pause und wartete auf meine Reaktion. Als ich nichts weiter tat, als ihn verbittert anzublicken, fuhr er fort: »Ich finde Ihre Arbeiten erstklassig.«

Mir schoss die Röte ins Gesicht, und das kleine Schulmädchen in mir freute sich Löcher in den Bauch. »Wirklich?« Oh Mann, hör auf, so dämlich zu grinsen. »Ich meine, tatsächlich. Tun sie das, ja?« Immer schön cool bleiben. »Sind Sie Kunststudent oder so was?«, fragte ich, um von meinem peinlichen Benehmen abzulenken.

Sorgfältig klappte er meine Mappe wieder zusammen, behielt sie jedoch in den Händen. Dann sah er auf. »Nein, aber ich bin auf der Suche nach einer Künstlerin. Und ich denke, meine Suche ist vorerst beendet.«

Langsam schüttelte ich den Kopf, und meine Wangen fühlten sich heiß an. »Oh, ich bin keine Künstlerin, sondern Vorschullehrerin. Das Zeichnen ist nur ein Hobby.«

»Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass Sie offensichtlich großes Talent besitzen.«

»Danke«, sagte ich verlegen und sah dabei nach unten auf meine Füße.

»Sie sind engagiert.«

Fragend schoss mein Kopf in die Höhe. »Engagiert? Wofür denn?«

»Mich zu porträtieren.«

Ich zog die Augenbrauen zusammen. »Ich soll Sie zeichnen?«

Er nickte ernst.

»O-kay«, sagte ich gedehnt und wollte nach meiner Mappe mit dem Papier greifen. »Dann mal los. Nur das Gesicht oder…«, als er mir die Mappe nicht geben wollte, hielt ich verwundert inne.

»Nicht hier.«

»Sondern?« Ich hielt es nicht für nötig, meinen erneuten Argwohn zu verbergen und verengte die Augen zu Schlitzen.

»In meiner Wohnung.«

Du hast sie ja wohl nicht mehr alle. Gedanklich zeigte ich ihm einen Vogel. »Vergessen Sie's. Glauben Sie ernsthaft, ich falle auf so einen billigen Trick rein?« Empört fasste ich nach meiner Mappe und entriss sie ihm. Dann schnappte ich mir meine Tasche und wandte mich zum Gehen.

»Hey! Warten Sie!«, rief er mir hinterher. »So war das nicht gemeint. Sie bekommen natürlich Geld dafür.«

Geschockt riss ich die Augen auf. »Ach, und wie war das jetzt eben gemeint?«

Er machte eine hilflose Geste, indem er den Kopf nach hinten legte und die Arme leicht umherschlenkerte, wobei er aussah wie ein Teenager. »Hören Sie, Sie verstehen das völlig falsch.« Noch bevor ich mich versah, packte er mich am Arm.

»Fassen Sie mich nicht an, oder ich schreie ganz Midtown zusammen.«

Zu meiner Verblüffung ließ er mich sofort los und hob entschuldigend die Hände. »Es tut mir leid, aber ich möchte wirklich nur, dass Sie mich zeichnen.« Etwas in seiner Stimme sagte mir, dass er die Wahrheit sprach. »Wie ich schon sagte, ich werde gut dafür zahlen.«

»Ich will Ihr Geld nicht. Und jetzt leben Sie wohl.« Wieder versuchte ich, mich von ihm abzuwenden. »Und hören Sie auf, fremde Frauen zu belästigen.« Diesen wohlgemeinten Rat gab ich ihm als letztes mit auf den Weg.

»Wie wäre es mit tausend Dollar?«, fragte er, und ich blieb stehen, was ohne Zweifel die Reaktion war, auf die er spekuliert hatte.

»Wie bitte?«

»Tausendfünfhundert?« Er hob eine Augenbraue, was angesichts der Tatsache, dass ich ihn eigentlich zum Teufel hätte schicken sollen, wahnsinnig sexy aussah.

»Sie wollen mich nicht verstehen, oder?«, fragte ich kopfschüttelnd. »Für kein Geld der Welt werde ich sie in ihrer Wohnung zeichnen.«

»Gut, dann vielleicht in Ihrer?«

Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch mir fiel nichts Passendes mehr ein.

»Für kein Geld der Welt, sagten Sie?« Er zog die Hände aus seinen Hosentaschen und förderte ein kleines Scheckbuch und einen Stift zutage. »Wie lautet Ihr Name?«

Sekundenbruchteile überlegte ich, ob ich ihm meinen richtigen Namen verraten oder mir schnell einen anderen überlegen sollte. Doch ich entschied mich für Ersteres. Die Wahrheit währt am längsten. Außerdem, was konnte er mit einem Namen schon groß anfangen. »Eliza De la Sanchez.« Ich war selbst davon überrascht, wie hochnäsig ich es über die Lippen brachte. »Eliza«, murmelte er andächtig. »De la Sanchez.« Es klang wie Butter, die auf seiner Zunge zerschmolz. »Schöner Name, aber wie eine Spanierin sehen Sie gar nicht aus.« Er schrieb etwas in das Scheckbuch, riss dann die erste Seite ab und reichte sie mir.

Ohne auf die Bemerkung über meinen Namen einzugehen, starrte ich ungläubig auf das, was da geschrieben stand. Mein Name und eine Zahl, die nicht sein Ernst sein konnte. »Haben Sie ein Drogenproblem?«

Eine Weile sah er mich an, und es machte den Anschein, als wüsste er nicht, was ich damit meinte, bis er den Kopf in den Nacken legte und sich vor Lachen krümmte. Als sein Anfall vorüber war, schüttelte er noch immer lachend den Kopf. »Nein, ich konsumiere keine Drogen. Ich bin völlig klar bei Verstand.«

»Angesichts dessen hier«, ich hob den Scheck über einhunderttausend Dollar, den er mir gerade überreicht hatte, in die Höhe, »sind Sie mir hoffentlich nicht böse, wenn ich das nicht so ganz glauben kann.«

»Es ist mein Ernst.« Und er sagte es mit solchem Nachdruck, dass es mir schwer fiel, es ihm nicht abzukaufen.

Ich hielt ihm den Scheck entgegen. »Trotzdem. Es bleibt dabei, ich will Ihr Geld nicht.«

Er machte keinerlei Anstalten, mir das Stück Papier abzunehmen. »Sie könnten es ja auch für einen guten Zweck verwenden. Niemand sagt, dass Sie es behalten müssen.« Bei so viel Dreistigkeit blieb mir der Mund offen stehen. Doch im nächsten Moment dachte ich näher über seine Worte nach, und ich musste zugeben, dass er Recht hatte. Unser kleines Schulgebäude zum Beispiel hätte eine Komplettrenovierung bitter nötig. Ganz zu schweigen von den vielen Obdachlosenheimen, die mir spontan in den Sinn kamen, oder aber … für das, was mir nun durch den Kopf ging, wäre ich durchaus bereit, einige Risiken in Kauf zu nehmen, um dieses Geld tatsächlich zu bekommen. Nur für diesen einen Zweck würde ich nahezu alles tun. Mein Interesse war mehr als geweckt. »Angenommen, ich würde auf Ihr Angebot eingehen. Wie wäre es mit dem Doppelten?« Er grinste nur und wirkte auf einmal erleichtert. Dann hob er das Scheckbuch und wedelte damit in der Luft. »Sie sind eine harte Nuss, Eliza. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag. Die ersten Einhunderttausend behalten Sie als eine Art Anzahlung, und die andere Hälfte gibt es danach.«

Der Typ war eindeutig nicht ganz richtig im Oberstübchen, doch etwas ganz Eigensinniges in seinem Ausdruck sagte mir, dass ich womöglich nicht enttäuscht werden würde. Ich streckte ihm meine freie Hand entgegen, während die andere den Scheck in die Tasche schob. »Also, wo geht's zu Ihrer Wohnung?« Himmel, bist du von allen guten Geistern verlassen! Du gehst mit einem völlig Fremden mit und hast keine Ahnung wohin er dich führt? »Wie heißen Sie eigentlich?«, fragte ich, um die Stille zwischen uns zu unterbrechen.

»Channing. Channing Bruce.«

Kapitel 2

Wir überquerten bereits die hundertste Kreuzung, und mittlerweile wurde mir wieder mulmig bei dem Gedanken, diesem Kerl in seine Wohnung zu folgen.

»Hier sind wir.« Channing schlenderte auf eine verglaste Doppeltür zu, die sofort von einem Concierge für uns geöffnet wurde. Channing bedankte sich mit einem knappen Nicken bei ihm, während ich nur stolpernd hinterhertapste. Das kann unmöglich wahr sein. »Hier wohnen Sie?«, fragte ich ungläubig, als wir die Eingangshalle betraten, die größer als der gesamte Grundriss des Hauses war, in dem sich meine Wohnung befand.

»Ja.«

»Sind Sie ein Neffe von Donald Trump oder so?«

Er lachte auf und grinste kopfschüttelnd. Die Türen des verspiegelten Aufzugs schlossen sich, und da standen wir. Erstmals ganz allein. Mir lief ein Schauer über den Rücken bei dem Gedanken, dass er, wenn er wollte, nahezu alles mit mir anstellen konnte.

»Mein Vater ist Isaac Bruce.« Als ich wie ein dreifaches Fragezeichen ausgesehen haben muss, fügte er hinzu: »Der so ziemlich reichste Immobilienhai von New York City.« Channing beugte sich verschwörerisch zu mir hinab und flüsterte: »Aber erwähnen Sie dieses Wort nicht, falls Sie ihm mal begegnen sollten.«

»Welches Wort? Der so ziemlich reichste

Das war nicht unbedingt einer meiner besten Witze, aber ein kleines Schmunzeln seinerseits brachte es mir dennoch ein.

Der Fahrstuhl fuhr so lange, dass ich nervös mit den Fingernägeln auf meiner Tasche herumtrommelte. Channing bemerkte es zwar, sprach mich jedoch nicht darauf an. Ich hielt von selbst inne, sobald sich die Türen im dreißigsten Stockwerk öffneten.

Channing, ganz Gentleman, ließ mir den Vortritt. »Ich wohne in Apartment 003. Dort drüben.« Er deutete auf eine schwarze Tür, unweit vom Aufzug entfernt.

»Warten Sie.« Ich blieb stehen. »Zuerst möchte ich noch jemanden anrufen.« Als ich die Frage in seinem Blick erkannte, räusperte ich mich und erklärte ihm: »Nur für den Fall, dass Sie ein Serienkiller mit schweren psychopathologischen Störungen sein sollten.« Der Anruf war sozusagen mein Notanker. Würde ich mich in anderthalb Stunden nicht melden, würde Jessy, meine beste Freundin, die Polizei informieren.

»Sie sind wirklich mit allen Wassern gewaschen, wie?«, fragte Channing anerkennend.

»Vorsicht ist besser als Nachsicht.« Damit zog ich mein Handy aus der Hosentasche und wählte Jessys Nummer. Ich hielt mich wirklich kurz und erklärte ihr nur das Nötigste. Später, oder besser gesagt, wenn ich wohlbehalten wieder bei mir zu Hause ankommen würde, versprach ich ihr hoch und heilig die gesamte Story.

»Okay, kann los gehen.« Ich drückte die kleine Taste mit dem roten Hörer und widmete mich meinem so genannten Auftraggeber.

»Nach Ihnen, Miss.«

Ich schluckte und betrat den langen Flur, der sich vor mir ausdehnte. »Wohnen Sie hier allein?«

»Ja. Fühl dich wie zu Hause.« Dass er mich plötzlich duzte, gefiel mir irgendwie. »Ich spring‘ nur schnell unter die Dusche.« Schon war Channing verschwunden.

Dusche? Meine Alarmglocken begannen zu schrillen. Wie meinte er das? Er war Joggen, du Angsthase! Natürlich möchte er sich erst noch den Schweiß vom Körper waschen. Ich entspannte mich wieder und lief den Flur entlang, der in einen Ballsaal-ähnlichen Raum mündete. Die Fenster waren vom Boden bis zur Decke verglast und boten einen schier unglaublichen Blick auf die Upper Eastside. Als ich so weit war, den Blick von der grandiosen Aussicht zu wenden, nahm ich das Apartment näher in Augenschein. Eine große offene Küche befand sich an einem Ende des Raums, während auf der anderen Seite eine gemütliche, wenn auch schlichte Wohnzimmereinrichtung meinen Augen schmeichelte. Der Mann hat Geschmack, das muss man ihm lassen. Und eindeutig jede Menge Kohle. Plötzlich schienen mir die zweihunderttausend Dollar, die er mir für mein Porträt von ihm bot, gar nicht mehr so sehr utopisch. Vielleicht ist er ja doch nicht der große Spinner, für den ich ihn bislang gehalten habe.

»Möchtest du vielleicht etwas trinken?« Zum zweiten Mal, seitdem wir uns begegnet waren, erschreckte er mich auf dieselbe Weise, indem er mich von hinten und nahe an meinem Ohr ansprach.

»Wieso machen Sie das ständig?«

»Dich wegen eines Drinks zu fragen?«

»Nein, dass Sie sich anschleichen! Gott!« Ich presste beide Hände auf mein pochendes Herz.

»Tut mir leid. Ich habe dich schon mehrmals angesprochen, aber du hast nicht reagiert.«

Hatte er das wirklich?

Channing ging, in einen weißen Bademantel gehüllt, zur Küche, öffnete den Kühlschrank und holte eine volle Flasche Coca Cola heraus. Dann griff er nach oben, und tat dasselbe mit zwei blank polierten Gläsern. Er hob die Flasche und fragte mich mit einem Blick, ob Cola in Ordnung sei. Erst da bemerkte ich, wie durstig ich war. Ich nickte. »Das ist eine wirklich beeindruckende Aussicht.«

»Ist ganz okay.« Channing trat neben mich an eines der monströsen Fenster und reichte mir mein Glas. Bei dieser beiläufigen Bewegung stieg der Duft von frisch gewaschener Haut, Duschgel und Weichspüler in meine Nase.

»Ich hätte lieber Ihres«, sagte ich, ohne ihn anzusehen. »Nur für den Fall, dass da K.o.-Tropfen drin sein sollten.«

Er tat mir den Gefallen, und als ich meinen Blick kurz hob, meinte ich wieder diese gewisse Anerkennung in seinen Augen zu lesen. »Bist du eigentlich immer so misstrauisch?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Nein. Nur bei Fremden, die mich stalken und dann mit in ihre Wohnung nehmen.« Ich hob mein Glas. »Cheers.«

»Cheers.« Channing kippte sich das kalte, kohlensäurehaltige Getränk in nur wenigen Zügen den Hals hinab.

Ich hingegen trank langsam, obwohl sich mein Durst bei jedem Schluck zu steigern schien.

Als ich ebenfalls ausgetrunken hatte, nahm mir Channing das leere Glas ab und stellte es in die Spüle. »Kann's losgehen?«

Zuerst wusste ich nicht, was genau er damit meinte. Noch immer schwebte mir der Duft nach sauberer Haut und frischer Wäsche vor der Nase. Sein Duft. Doch dann fiel mir wieder ein, weshalb ich hier war. Richtig, die Zeichnung.

»Ja, klar doch«, antwortete ich und lief zu meiner Tasche. Mit Block und Kohle bewaffnet sah ich mich fragend um. »Wo genau soll ich Sie zeichnen?« »Mach es dir hier im Sessel bequem.« Er deutete mir den richtigen Platz. »Bin gleich wieder da.«

Erleichtert atmete ich aus, als mir klar wurde, dass er sich jetzt etwas anziehen gehen würde. Nicht, dass mir sein Anblick im Bademantel nicht gefallen hätte, doch er machte mich ehrlich nervös. Würde dieser Channing erst wieder in ein paar alltagstauglichen Klamotten stecken, hätte mein Puls zumindest eine Chance sich zu mäßigen.

Er kam schneller zurück als mir lieb war, und mit Erschrecken musste ich feststellen, dass er sich nicht umgezogen hatte. Das Einzige, was er jetzt noch trug, war eine weiße, eng anliegende Boxershorts, auf deren Bund der Designername Armani gestickt war.

Ach – du – Scheiße. Ich muss ausgesehen haben wie ein Kind, das gerade zum ersten Mal A nightmare on Elmstreet sieht, in 3D wohlgemerkt, und nicht weiß, ob es vor Schreck weggucken oder vor Staunen hinsehen soll. Ich entschied mich für beides im Wechsel. Dieser junge Mann, der definitiv nicht älter als zwanzig sein konnte, besaß einen Körper wie ein griechischer Gott. Seine Haut hatte einen etwas dunkleren Teint als meine und schmeichelte meinem Auge in ihrem warmen Oliv. Sie war nahezu makellos glatt. Nur auf seinen Armen und in der Leistengegend traten vereinzelte Adern hervor, was ein unheimlich erotisches Bild ergab. Channing besaß die Art von Muskeln, die zwar deutlich zu sehen sind, jedoch nicht übertrieben wirken. Sie saßen genau an den richtigen Stellen, so, als hätte ein Bildhauer ihn mit jeder nur möglichen Liebe zum Detail geschaffen. Mein Blick irrte über seinen Körper, nicht wissend, worauf er zuerst ruhen sollte, um sich jeden Zentimeter davon genauestens einzuprägen. Bist du verrückt geworden? Hör auf, ihn anzustarren, als sei er Adonis höchst persönlich. Dir ist doch klar, dass er mit dieser Aktion nur eins im Sinn hat! Mach, dass du hier weg kommst. Schnell! »Ist alles okay?«

Hastig sprang ich auf. »Was zur Hölle soll das?«, fauchte ich ihn wütend an. »Davon war nie die Rede!« Channing, der etwa zwei Schritte von mir entfernt stand, zu weit weg, als dass ich ihm auf die Schnelle eine Ohrfeige verpassen konnte, fuhr sich mit einer Hand verlegen über sein kurzes Haar. »Ich gebe zu, dass wir noch nicht über die Details gesprochen haben, aber für die Summe, die ich dir zahle, hatte ich gehofft, dass es in Ordnung gehen würde.«

Ich schnaubte verächtlich. »Das geht eindeutig zu weit. Der Deal ist geplatzt. Einen schönen Tag noch, und danke für die Cola.« Hektisch griff ich nach meiner Tasche.

»Warte.« Zwei große warme Hände umfassten meine Oberarme mit sanftem Druck. »Geh nicht, bitte.«

Langsam hob ich den Blick und sah in ein Paar undurchdringlicher Augen. »Wieso nicht?«

»Ich möchte, dass du mich zeichnest, Eliza. Nicht mehr, und nicht weniger. Falls ich dich erschreckt haben sollte, möchte ich mich bei dir entschuldigen.«

»Und … das ist keine Anmache?«, fragte ich vorsichtig.

Channing nahm die Hände von mir und ich fühlte, wie meine Haut an den Stellen glühte. »Keine Anmache«, bestätigte er, und es erschien mir ehrlich.

»Ich soll also einen Akt von Ihnen zeichnen?«

Er nickte.

»Sowas habe ich noch nie gemacht.«

»Dann sieh mich als dein erstes Versuchsobjekt. Du bist gut, Eliza, und wenn du andere Sachen zeichnen kannst, wird dir das hier auch nicht schwerer fallen.« Er hob einen Mundwinkel und sah dabei noch jünger aus. Dann setzte Channing sich unaufgefordert auf den Boden, kehrte mir sein Halbseitenprofil zu, winkelte die Knie an und kreuzte dabei die Knöchel übereinander. Mit einem Arm stützte er sich nach hinten ab, während der andere locker über eines der Knie hing. Seine Hand zeigte entspannt nach unten. Den Kopf richtete er gerade in meine Richtung und sah mich eindringlich an. Es war derselbe Blick, den ich von ihm bereits aus der U-Bahn kannte: unergründlich, streng und wild.

Ich setzte mich wieder und rutschte mit dem Po einige Male auf dem glatten Leder des Sessels hin und her. Dabei verfluchte ich im Stillen, dass ich ausgerechnet an diesem Morgen einen meiner wenigen Röcke angezogen hatte. Er war zwar so lang, dass meine Knie bedeckt waren, aber im Sitzen schob sich der Rock unweigerlich nach oben, so dass ich die Beine übereinander schlagen musste. Dann holte ich tief Luft und atmete langsam wieder aus. Du schaffst das. Konzentriere dich nur auf deine Arbeit. Und das tat ich. Die Zeichenkohle strich locker über das Papier, als ich die ersten groben Umrisse schuf. Doch sobald mir wieder zu Bewusstsein kam, dass er mich auf diese Art ansah, verkrampfte sich mein Handgelenk. Ruhig, ermahnte ich mich selbst. Es ist nur ein Blick. Nichts Greifbares. Doch genau das war mein Problem. Gegen eine ungewollten Berührung hätte ich mich zur Wehr setzten können, aber gegen diesen Ausdruck in seinen Augen und wie er mich schier durchdrang, war ich machtlos. Sicher, ich konnte ihn ignorieren, indem ich nicht hinsah, doch dann wäre ich mit meiner Arbeit zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis gelangt. »Du wirkst nervös«, sagte Channing sanft, ohne die kleinste Veränderung in seiner Mimik zuzulassen.

Himmel! Ist das denn so offensichtlich? »Es passiert eben nicht oft, dass ich einen fast völlig nackten Mann vor mir habe.«

Jetzt hob er eine Braue. »Wieso nicht?«

Mir schoss das Blut ins Gesicht. Ich hatte keine Lust, mich auf so eine Art von Konversation einzulassen. »Deshalb«, antwortete ich knapp.

»Also hast du keinen Freund.« Es war eine Feststellung, keine Frage.

»Nicht, dass ich wüsste«, murmelte ich genervt und konzentrierte mich darauf, die Muskeln seines angespannten Armes eins zu eins aufs Papier zu übertragen. »Und Sie?« Nicht, dass es mich tatsächlich interessiert hätte, aber wenn er mit mir sprach, lag weniger von dieser animalischen Wildheit in seinem Blick.

»Ob ich einen Freund habe?«

Wieder wurde ich rot. »Ich meine, eine Freundin.«

»Du hältst mich also nicht für schwul«, stellte er sichtlich zufrieden fest.

»Das habe ich nie behauptet«, konterte ich ein wenig übermütig.

Channing streckte seine Beine aus und platzierte sie gleich wieder an derselben Stelle. »Ich habe weder eine Freundin, noch bin ich schwul.«

»Bloß gut, dass wir das jetzt geklärt haben.«

Er lachte auf, und sein ganzer Körper zuckte dabei.

»Nicht bewegen«, ermahnte ich ihn.

Sofort hielt er wieder still und räusperte sich. »Sorry, Ma'am.«

Diese Anrede versetzte mir einen leichten Stich, denn sie zeigte, dass er wusste, dass ich vermutlich über etwas mehr Lebenserfahrung verfügte als er. Dabei konnte ich nicht sagen, ob mich diese Sache störte oder insgeheim doch eher mit Stolz erfüllte. »Darf ich fragen, wie alt du bist?« Ohne es zu merken, hatte ich ihn erstmals geduzt.

»Fast einundzwanzig. Und wie steht's mit dir?«

Plötzlich kam ich mir wie eine alte Schachtel vor. »Siebenundzwanzig. Seit letztem Dienstag«, fügte ich kleinlaut hinzu.

»Happy Birthday nachträglich!«

»Danke«, ich lächelte ein bisschen verlegen und sah nur mit den Augen kurz von meiner Zeichnung auf, wobei eine einzelne Haarsträhne in meine Stirn fiel. Ein alberner Gedanke schoss mir durch den Kopf, und ich schüttelte ihn, um diesen Gedanken zu verjagen.

»Was ist?«, fragte Channing neugierig.

Der Kerl kriegt aber auch alles mit. »Ich … ach, nein. Das ist lächerlich.«

Doch Channing beharrte darauf. »Ich lache gerne. Erzähl's mir.«

Ohne den Blick zu heben zeichnete ich weiter. »Ich musste nur gerade an diese eine Szene aus Titanic denken. Die, in der Jack ein Porträt von Rose zeichnet, wie sie nackt und nur mit einem riesigen Juwel um den Hals vor ihm liegt.«

»Klingt interessant.«

Jetzt sah ich doch auf. »Sag bloß, du kennst den Film nicht.«

Er zuckte leicht mit einer Schulter. »Ist weder mein Geschmack, noch meine Zeit gewesen.«

Womit wir wieder beim Thema wären, dass ich eine alte Schachtel und du ein junger Adonis bist. »Schon mal was von DVDs gehört?«, fragte ich mit unüberhörbarem Sarkasmus. »Das sind so dünne schillernde Scheiben, die man sich bei Bedarf in der Videothek ausleihen kann.«

»Ja, davon habe ich allerdings schon mal gehört. Aber ich für meinen Teil bevorzuge dann doch Blu-Ray.« Er zeigte sein schiefes und wahnsinnig scharfes Lächeln. »Die Filmqualität ist einfach um Längen besser.«

»James Camerons Titanic ist nicht umsonst einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Du solltest ihn dir wirklich bei Gelegenheit ausleihen.« Ich nahm die Zeichenkohle vom Papier und betrachtete mein Werk. Fast so schön wie das Original. Voller Stolz klopfte ich mir im Geiste selbst auf die Schulter. »Willst du es sehen?«, fragte ich, und meine Wangen begannen vor Aufregung zu glühen.

Channing schwang sich mit einer gekonnten Bewegung auf die Füße, als hätte er nur drei Minuten in dieser unbequemen Haltung verbracht, keine dreißig. »Zeig her.« Er stellte sich neben meinen Sessel, beugte sich leicht über mich und blickte auf mein Werk.

Die Sekunden verstrichen, und ich wurde langsam, aber sicher nervös, weil er nichts sagte. Meine anfängliche Selbstsicherheit schwand von Atemzug zu Atemzug. »Es ist gut«, sagte Channing kurz und knapp.

»Aber?«, fragte ich, weil ich spürte, dass es ihm irgendwie nicht gut genug war.

»Du hast mich erstaunlich realistisch getroffen, nur…«, er hielt inne, und ich hasste ihn für diese kleine Pause. »Na ja, wie soll ich sagen, du hast meine Hose mitgezeichnet.«

Verwirrt blinzelte ich zu ihm hoch. »Nun ja, du … hast nun mal eine an.«

»Vielleicht hatte ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt, aber ich wollte ein Aktbild.«

»Wieso hast du die Hose dann nicht gleich ausgezogen?« Sofort nachdem ich diesen Satz ausgesprochen hatte, bereute ich es zutiefst. Dieser Mistkerl! Genau das wollte er vermutlich von dir hören. Perversling!

»Hättest du dann noch zugestimmt? An deiner Stelle wäre ich schreiend davongerannt, wenn mich ein Typ im Adamskostüm überrascht hätte.«

»Ja, richtig. Das wäre meine Reaktion gewesen, und ob du es glaubst oder nicht, sie ist es auch in dieser Sekunde. Obwohl du deine Hose noch anhast.« Hastig erhob ich mich und wollte nur noch eins – weg von diesem irren Schönling. Der wievielte Versuch das gewesen sein mochte, seitdem ich ihn kannte, kann ich nicht mehr genau sagen.

Channing blieb die Ruhe selbst. »Und das Geld?«

»Kannst du dir in deinen Allerwertesten stecken!« Oh Gott, hatte ich das gerade laut ausgesprochen?

»Eliza!« Aus purem Reflex drehte ich mich um, als er meinen Namen rief … und bereute es. Mal wieder.

»Fang noch einmal von vorne an.« Channing hatte sich die Boxershorts in einer schnellen Bewegung von den Hüften gestreift und stand nun mit vor der Brust verschränkten Armen da. Mir war es absolut zuwider, auf welche Art er diese Aufforderung nicht als Frage formulierte. Dieser arrogante kleine Schnösel… Und doch jagten mir diese Worte tausend winzige Stromschläge durch die Nervenbahnen.

»Komm zurück und setz dich.« Noch ein Befehl.

Ich reagierte nicht sofort, denn meine gesamte Aufmerksamkeit wurde von seinem mächtigen Penis in Anspruch genommen. Er war noch nicht einmal erigiert, soviel wusste ich immerhin über die männliche Anatomie. Meine Güte, könnte er denn noch größer werden?

»Komm zurück«, wiederholte er und lockerte seine Körperhaltung. Ehe ich imstande war zu reagieren, nahm mich Channing beim Handgelenk und führte mich zu einem der vier Barhocker am Küchentresen. Ansonsten vermied er es jedoch, mich zu berühren. »Möchtest du noch etwas trinken?« Die Frage klang beiläufig.

»Etwas Wasser.« Wie raues Sandpapier drängten sich die Worte durch meine trockene Kehle. Ich beobachtete, wie Channing ein frisches Glas aus dem Schrank nahm und es unter den Wasserhahn hielt. »Hier, garantiert drogenfrei.« Er lächelte verhalten.

Ich erwiderte sein Lächeln nicht. »Du scheinst dich in dieser Rolle mehr als wohl zu fühlen«, stellte ich fest.

Channing stützte die verschränkten Unterarme auf dem Tresen vor mir ab und beugte sich zu mir herüber. »Wie? Nackt?« Reflexartig wich ich einige Zentimeter von ihm zurück. »Nein, so … herrisch. Und so etwas wie Schamgefühl scheint dir ebenfalls fremd zu sein.«

»Ich fühle mich wohl in meinem Körper. Das ist wohl der Grund, warum ich ihn gerne zeige. Und mal unter uns, wer könnte dem hier schon widerstehen?« Er deutete mit einer eleganten Geste an sich entlang.

»Du bist ziemlich arrogant. Hat dir das noch niemand gesagt?«

»Das höre ich oft, aber es interessiert mich nicht die Bohne. Ich finde, arrogant trifft es nicht direkt. Ich bin sehr selbstbewusst und lasse das gerne heraushängen. Logisch, dass das nicht bei jedem auf Zustimmung trifft.«

Wo er Recht hat!? Mit dieser Aussage nahm er mir jeglichen Wind aus den Segeln. Ich schüttelte langsam den Kopf. »Wie machst du das?«

»Wie mache ich was?«

»Jedes Mal, wenn ich merke, dass ich sauer auf dich bin, schaffst du es im Nu, es wieder abzuwenden.«

Er winkte ab. »Ach, das ist meine zweite grandiose Eigenschaft. Meinem Charme kann eben keine Frau widerstehen.« Seine Mundwinkel zuckten nach oben, und ich wusste nicht, ob er das ernst meinte, oder ob es nur ein Teil der Show war, die er ohne Zweifel abzog. Zu meiner eigenen Schande musste ich mir eingestehen, dass Channing Bruce ein erstaunlich talentierter Entertainer war.

»Möchtest du ein bisschen Musik hören?«

»Wenn du schon so fragst, warum nicht?«

Er lief um den Tresen herum und verströmte einen unglaublichen Schwall pures Testosteron. Mir wurde heiß und kalt. »Irgendeinen bestimmten Wunsch?« Die Frage schien sich auf die Musikauswahl zu beziehen. »Äh, nein. Mach das an, was du gerne hörst.«

Channing schlenderte zu einer Soundanlage, die neben einem Flachbildfernseher mit mindestens einem Meter fünfzig Bilddiagonale platziert war.

Demonstrativ kehrte ich ihm den Rücken zu und trank hastig aus meinem noch vollen Wasserglas. Wenige Sekunden später dröhnte ein harter Bass von allen Wänden im Raum. 50 Cent, war ja klar.

Channing drosselte die Lautstärke und kam zu mir zurück. In der Hand hielt er meinen Block und die Verpackung mit den schwarzen Kohlenstiften. »Bereit für Runde zwei?« Er sah mich mit einem so glühenden Blick an, dass ich ihm nicht länger standhalten konnte.

»Aber diesmal bestimme ich die Pose.«

»Ihr Wunsch sei mir Befehl.« Wie ein Butler verneigte er sich demütig und wartete auf meine Anweisungen.

»Stell dich dort ans Fenster.« Ich wies zur großen Glasfläche. »Mit dem Rücken zu mir, und stütze die Arme an der Scheibe ab.«

Er tat, was ich ihm auftrug, nur nicht so, wie ich es im Sinn hatte. »Nein, die Arme etwas höher und weiter auseinander.«

Wieder veränderte Channing seine Position, jedoch viel zu übertrieben. Langsam bekam ich das Gefühl, dass er mit Absicht so tat, als wäre er schwer von Begriff.

»Nein, nicht ganz so weit.« Seufzend kletterte ich von meinem Barhocker und trat hinter ihn. Ohne weiter darüber nachzudenken, was ich tat, griff ich nach seinem linken Arm und drückte seine flache Handfläche an der Stelle die mir passend erschien gegen das von der Sonne aufgewärmte Glas. Dasselbe tat ich mit dem rechten Arm. Dann trat ich ein paar Schritte zurück. »Gut. Jetzt stell deine Beine etwa hüftbreit auseinander.« »Ist es Ihnen so recht, Officer?« Natürlich hatte mein Nacktmodell die Beine absichtlich weiter auseinander gespreizt als verlangt. Nun stand Channing da wie ein Verbrecher, der durchsucht werden sollte. Nur mit dem Unterschied, dass er keine Klamotten trug, die auf Waffen oder Ähnliches abgetastet werden konnten.

»Ich sagte hüftbreit, nicht in einem halben Spagat«, brummte ich, und legte meine Hände wie zur Demonstration auf seine schmale Hüfte.

Channing schien selbst nicht damit gerechnet zu haben, dass ich ihn in dieser Körperregion berühren würde, und wandte den Kopf nach hinten.

Sofort ließ ich die Hände sinken und streifte dabei versehentlich über die Seiten seiner angespannten Oberschenkel. Ich murmelte eine Entschuldigung.

Channing ging nicht darauf ein und drehte sich vollständig zu mir um. Jetzt war sein Glied ohne Zweifel steif.

Aus den Boxen an den Wänden erklang Kanye West mit Love Lockdown. Mein Herz wummerte im gleichen Rhythmus zum Takt der Bässe.

Die elektronisch überarbeitete Stimme des Sängers drang schallend in meine Ohren. Ich konnte nicht abstreiten, dass ich den Mann vor mir, so jung er auch sein mochte, so anziehend fand wie keinen anderen jemals zuvor. Aber etwas in mir, vermutlich der winzige Teil meines Gehirns, der noch fähig war, klar zu denken, wollte sich dem partout nicht beugen.

Als ob ich über mir selbst zu schweben schien, sah ich, dass Channing so nahe an mich herantrat, dass sich unsere Nasenspitzen berührten.

Im Text des Liedes ging es gerade darum, die Kontrolle zu verlieren und dabei zu schreien. Und genau das wollte ich in diesem Moment auch, ihn anschreien, bevor er die Kontrolle verlor. Bevor ich sie verlor.

»Das hättest du nicht tun sollen«, raunte er mir heiser zu. Seine Stimme klang noch tiefer als sonst.

»W-was denn?«, stammelte ich unsicher.

»Mich berühren. Hier.« Channing nahm meine klammen, kalten Hände und legte sie zurück auf seine Hüftknochen.

Unter meinen eisigen Fingerkuppen, für die ich mich unendlich schämte, fühlte sich seine Haut heiß und weich an. Ich sah hinab. In diesem Augenblick zuckte seine geschwollene Eichel auf und schlug gegen seinen Unterbauch.

Oh – mein – Gott. »Gefällt er dir?«

Das hat er mich jetzt nicht ernsthaft gefragt, oder? Ich war zu keiner Antwort imstande.

»Normalerweise habe ich gewisse … Prinzipien«, fuhr Channing leise fort. »Keinen Sex beim ersten Date.« Er neigte seinen Kopf so tief, dass er mühelos mit den Lippen über mein Ohr streichen konnte. »Aber scheiß drauf, ich hab mich lange genug daran gehalten.« Channing strich mit seiner Unterlippe, die so sinnlich war, dass ich gegen den Drang sie zu küssen ankämpfen musste, sachte über meine glühende Wange. Sein Atem ging schwer. Gott, er war so erregt. Meinetwegen, schoss es wie ein Blitz durch mein Gehirn.

»Eliza«, murmelte er mit unverhohlenem Verlangen, »ich werde dich jetzt ficken müssen.«

Ich fühlte mich, als würde ein Hochhaus über mir zusammen brechen. Nur mit Mühe gelang es mir, mich auf sehr wackligen Beinen zu halten. Er würde mich ficken müssen. Was ist das denn für eine Aussage? Hat dieser Bolzen zwischen seinen Beinen etwa die Macht über ihn erlangt? Doch abgesehen von dem Schock, den ich bei diesem Satz verspürt hatte, spürte ich gleichzeitig, wie sich sämtliche Muskeln in meinem Unterleib zusammenzogen und ein kribbelndes Gefühl von Begierde hinterließen. Wie betäubt stand ich da und ließ zu, dass er mir seine Hände um die Taille legte und mein weißes T-Shirt nach oben zu schieben begann. Mechanisch hob ich die Arme und erlaubte ihm so, es mir über den Kopf zu ziehen. Lautlos fiel es auf den flauschigen Teppich unter unseren Füßen. Meine Arme landeten schlaff zu beiden Seiten meines Oberkörpers. Als nächstes hakte Channing meinen BH mit einer einzigen kurzen Fingerbewegung auf und streifte die Träger behutsam von meinen Schultern. Ich wagte einen Blick in sein Gesicht, das einen wilderen Ausdruck besaß als je zuvor. Channings dichte Brauen hatten sich zusammengezogen, und die darunter liegenden Augen waren schmal geworden. Sein Mund war leicht geöffnet. Er sah hoch konzentriert aus, als müsste er sich beherrschen, mich nicht sofort anzufallen wie ein hungriger Panther. Beinahe erwartete ich, dass er jede Sekunde zu einer wilden Raubkatze mutierte.

Die Musik war verstummt, wodurch ich nun mein eigenes Blut durch die Adern rauschen hören konnte. Warme Hände legten sich auf meinen nackten Rücken und zogen mich näher an seinen Körper, der den meinen brennend empfing. Meine Brüste wurden gegen seinen Brustkorb gepresst, während sein Glied sich fordernd an meinen Bauch drängte. Channing nahm mein offenes langes Haar zu einem Pferdeschwanz und zog sanft meinen Kopf ein Stück zurück. Dann küsste er sich von meinem Kinn über meinen Hals hinab zum Schlüsselbein. Als er noch tiefer kam und die erste Wölbung meiner Brust erreichte, keuchte ich auf. Er schien es mit Zufriedenheit zu registrieren, denn ein flüchtiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Plötzlich und ohne jede Vorwarnung schnappten seine Lippen nach meiner Brustwarze. Sie umschlossen sie fest, zogen sanft an ihr und liebkosten sie streichelnd. Ich vergrub die Finger in dem stachligen Ansatz seiner Nackenhaare. Es fühlte sich einfach unbeschreiblich gut an. Channing ließ von dieser Brust ab, sah kurz zu mir auf und widmete sich umgehend meiner zweiten. Mir war klar, dass er Lust in meinen Augen zu sehen gehofft hatte. Allem Anschein nach ist er nicht enttäuscht worden.

Mittlerweile hatten meine brodelnden Hormone die uneingeschränkte Kontrolle über mich erlangt. Sie bildeten eine Macht, der es unmöglich war sich zu widersetzen. Kein einziger klarer Gedanke war noch dazu imstande, sich in meinem Hirn zu bilden. Ich wollte diesen jungen Gott, ganz gleich, was danach passieren würde.

Meine erregten Brustwarzen glänzten feucht, nachdem Channing sie freigegeben hatte. Wieder presste er mich enger an sich, diesmal jedoch, um die Position zu verändern und mich mit dem Rücken gegen die Fensterscheibe zu drücken. Das Adrenalin schoss wie eine Fontäne durch jede einzelne meiner Zellen.

Channing küsste meinen Hals, hinterließ nasse Spuren darauf. Ich erwachte aus meiner Starre und winkelte eines meiner Beine an. Sofort fuhr er mit einer Hand unter meinen Oberschenkel und zog es eng um seine Hüfte. Dann schob er beide Hände unter meinen Rock, um ihn begierig hinauf zu meiner Taille zu raffen. Erneut sah er stumm in mein Gesicht, das Verlangen schien ihn dabei fast umzubringen.

Ich hob mein Kinn nur wenige Zentimeter und ließ es gleich wieder sinken. Auf diese stille Zustimmung schien er nur gewartet zu haben, denn sofort wurde mein Slip von zwei Fingern zur Seite geschoben. Ich keuchte auf. Die ganze Zeit über ließ mich Channing nicht aus den Augen, so als würde ich verschwinden, sobald er woanders hinsah. Kurzzeitig löste er sich von mir, und ich dachte, er hätte es sich anders überlegt, doch dann erkannte ich, was er tat. Er holte ein Kondompäckchen vom Regal. War das Zufall oder pure Kalkulation gewesen, dass er gerade von dieser Stelle seiner Wohnung, die er mit einem einzigen Griff seines ausgestreckten Arms erreichen konnte, ein Kondom herbeizauberte? Vermutlich sind diese Dinger hier überall deponiert, schoss es mir durch die wirren Gedanken. Aber wenigstens dachte er daran, es safe zu tun. Ganz im Gegensatz zu mir, die sich ohne weiteres verführen ließ, ohne Rücksicht auf Verluste. Zur Hölle damit!

Channing öffnete die kleine Tüte, warf die Verpackung weg und zog sich das Kondom über seine Erektion.

Ein minimaler Zweifel kämpfte sich mühevoll an die Oberfläche meines Bewusstseins. Moment, will ich das hier tatsächlich? Zu hundert Prozent? Doch noch bevor ich überhaupt den Hauch einer Chance gehabt hätte, mit mir selbst über diese Frage zu debattieren, schob er sich kraftvoll in mich.

Meiner Kehle entwich ein kleiner Schrei, da seine Größe alles andere als Gewohnheit für mich war. Nach den ersten Schrecksekunden fühlte es sich jedoch nach und nach immer besser an.

Channing hielt mein um ihn geschlungenes Bein so fest, dass sich seine Finger in die weichen Muskeln meines Schenkels gruben. Er stöhnte mit geschlossenen Augen. Nun konnte ich ihm nicht mehr entwischen. Der nächste Stoß kam etwas sanfter und weniger tief, was wiederum mich aufstöhnen ließ. Ich umfasste seine Oberarme, deren Muskeln im gleichmäßigen Takt mit seiner Beckenbewegung kontrahierten. Der Duft des Weichspülers hatte sich vom Bademantel auf Channings Haut übertragen und benebelte meine Sinne wie ein Rauschmittel. Ich verspürte den innigen Drang, ihn zu küssen und mit den Zähnen an seiner vollen Unterlippe zu ziehen. Aber so weit sollte es nicht kommen, denn beim nächsten Vorschnellen seines Unterleibs hielt er mich so fest an das Glas in meinem Rücken gepresst, dass ich befürchtete es würde zerspringen und uns geradewegs nach unten auf die belebte 5th Avenue befördern.

Channing gab ein Knurren von sich und sog scharf die Luft ein, bevor jeder seiner angespannten Muskeln leicht zuckte. Sein Orgasmus muss überwältigend gewesen sein, denn es dauerte lange, bis er den Griff um mich lockerte und mich behutsam auf den Teppich zurücksetzte. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich mein zweites Bein ebenfalls um Channings untere Körperhälfte gewunden hatte.

»Verdammte Scheiße, das ist mir noch nie passiert!«, fluchte er grimmig und sah mich entschuldigend an. »Normalerweise komme ich prinzipiell nach meiner Partnerin.«

»Ist doch kein Weltuntergang«, sagte ich wie gebannt. Noch immer befand ich mich in anderen Sphären. »Es war trotzdem … schön.« Aus meinem Mund klang es wie eine Frage. Vermutlich wollte ich insgeheim eine Bestätigung, ob dieser Begriff tatsächlich zutraf. »Eliza?« Channing sah nach unten, und jegliche Farbe war aus seinem zuvor geröteten Gesicht gewichen.

Ich folgte seinem Blick, der gebannt auf das Kondom gerichtet war. Oh nein, nicht auch noch das!

»Bitte sag mir nicht, dass das gerade dein erstes Mal gewesen ist.« Es lag so viel Enttäuschung in seiner Stimme, dass es mich aus irgendeinem Grund tief berührte.

Mein Mund versuchte ein Lächeln zu formen, doch bis nach oben schafften es die Winkel nicht. »Nein, ich hab nur eben meine Periode bekommen.« Geht es eigentlich noch peinlicher?

Doch Channing schien diese Tatsache eher zu beruhigen. »Okay, dann … hol ich dir mal ein Taschentuch.« Er wandte sich um und durchquerte den Raum.

Ich muss hier dringend weg, dachte ich, schnappte mir so schnell wie möglich mein T-Shirt, den BH und die Tasche. Dann, als ich sah, wie Channing im Badezimmer verschwand, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und schlich mich eilig davon. Vorbei an der angelehnten Badezimmertür, hastete ich zum Ausgang, riss die Tür mit rasendem Herzen auf und stand, mit einem schiefsitzenden Rock und einem Oberteil vor die nackte Brust gedrückt, im Hausflur. Hektisch drückte ich den Knopf des Aufzugs bestimmt zwanzig Mal hintereinander. »Bitte, bitte, jetzt mach schon!«, flehte ich zischend zur Fahrstuhltür. »Geh schon auf, verdammt! Und wenn möglich, sei leer, bitte!«

Eine gefühlte Ewigkeit später glitten die Türen auf, und mein Gebet wurde erhört, im Aufzug stand niemand. Nachdem ich hineingestolpert war, presste ich meinen zitternden Finger auf den Knopf zum Erdgeschoss. In dem Moment, als sich die Türen zu schließen begannen, tauchte Channing für Sekundenbruchteile auf. Sein Blick stellte tausend Fragen. Als Antwort schüttelte ich nur den Kopf. Ich wusste nicht, ob er das überhaupt noch mitbekam, denn die Türen schlossen sich im selben Moment. Ich ließ mich gegen die Metallwand sinken und zog mein T-Shirt wieder an. Um den BH in meine Tasche zu stopfen, benötigte ich mehrere Versuche. Die Realität holte mich nun mit einer solchen Heftigkeit ein, dass ich einen Würgereiz verspürte. Was hast du da gerade getan? Und ich meinte damit nicht meinen actiongeladenen Abgang, sondern den Sex.

Bin ich von allen guten Geistern verlassen? Ich hob den Blick und starrte in den Spiegel des Aufzugs. Wer ist diese Frau, die ich hier sehe? Ich war es definitiv nicht, denn die Liz, die noch vor ein paar Stunden in die U-Bahn gestiegen war, um nach Hause zu fahren, war plötzlich nicht mehr da.

Meine Haare glichen einer Katastrophe, die ich mit ein paar Strichen zu richten versuchte. Scheiße! Wütend trat ich gegen die Innenwand des Fahrstuhls. Dank Mutter Natur, die natürlich ausgerechnet jetzt ihren Tribut forderte, sahen meine Beine mittlerweile aus, als wären sie für einen Horrorfilm präpariert: Das Blut rann mir tropfenweise über die Haut meiner Innenschenkel und hinterließ rote Streifen. So schnell würde der Brunnen auch nicht versiegen. Nein! Wie soll ich denn so nach Hause kommen, ohne alle Blicke auf mich zu ziehen?

Die Frage erübrigte sich, als die Türen mit einem leisen Rollen aufglitten und ich in ein Foyer voller Menschen schaute, die mich wiederum bereits zu erwarten schienen. Meine Eltern registrierte ich als erstes. Mom kam schwankend auf mich zugestürzt und schloss mich fest in ihre Arme. Dad folgte dieser Geste mit der gleichen Inbrunst. »Oh, Schätzchen, wir haben uns solche Sorgen gemacht! Geht es dir gut?«

»Sind Sie Miss Eliza De la Sanchez?«, fragte eine ruhige Stimme hinter mir.

Ich befreite mich aus der Umklammerung meiner Eltern, drehte den Kopf und blickte in das Gesicht eines kleinen dicken Police Officers mit Schnurrbart. »Ja, die bin ich. Was ist denn passiert?«

Der Polizist hob eine Augenbraue. »Genau das wollten wir von Ihnen wissen, Miss. Wir bekamen einen Anruf einer gewissen Jessica Manor. Sie war sehr aufgebracht und behauptete, Sie würden sich in großer Gefahr befinden. Dann nannte Miss Manor uns diese Adresse. Weiteres war ihr jedoch nicht bekannt.«

Kapitel 3

Ach – du – Schande! Erst jetzt hob sich die Käseglocke, unter der ich die ganze Zeit gestanden hatte. Jessy, die ich vor dem Betreten von Channings Wohnung angerufen hatte, hatte die Polizei informiert, weil ich mich nicht zurückmeldete. Aber warum hat sie denn nicht zuerst mich angerufen, sondern gleich die Polizei? Meine Finger suchten nervös nach meinem Handy. Acht Anrufe in Abwesenheit. Fünf von Jessy, drei von meinen Eltern. Konnte dieser Tag eigentlich noch schlimmer werden?

»Geht es Ihnen gut, Miss?«, fragte eine Frau in Polizeiuniform. Ihr Funkgerät knisterte, und sie hob es an ihren Mund. »Vermisste Person ist bei mir. Over.« Und an mich gewandt fragte sie freundlich: »Können Sie uns vielleicht die Nummer des Apartments sagen, aus dem es Ihnen eben gelang zu fliehen?« Bei ihrer Wortwahl musste ich ein hysterisches Auflachen unterdrücken. »Es ist alles in Ordnung. Mir geht es gut.« Zumindest entsprach das teilweise der Wahrheit. »Wirklich, ich möchte nur nach Hause. Das war wohl alles ein dummes Missverständnis.«

Der männliche Officer betrachtete mich abschätzend, bis sein Blick auf das halb getrocknete Menstruationsblut an meinen Beinen fiel. »Sie sind verletzt«, stellte er für sich fest und nahm mich behutsam beiseite. Dann zog er mich weiter zu einer ziemlich teuer aussehenden weißen Couch, die ich nur ungern besudeln wollte. Doch der Officer zwang mich zum Sitzen, heuerte umgehend über Funk einen Krankenwagen an und übergab mich seiner Kollegin. »Wer hat Ihnen das angetan?«, fragte die Frau mitfühlend.

»Niemand.« Ich schüttelte heftig den Kopf. »Bitte, Sir, keinen Krankenwagen!« Ich wollte sofort im Boden versinken. »Meine Regel hat eingesetzt«, gestand ich so leise, dass nur die Frau es hören konnte.

Sie schien mich nicht für voll zu nehmen. »Hören Sie, Sie brauchen den Täter nicht zu schützen. Er wird seine gerechte Strafe bekommen, aber die Sache würde uns ein wenig erleichtert, wenn Sie mit uns zusammenarbeiten würden!«

»Officer … Bayley«, las ich auf ihrem Schild, »das Ganze ist wirklich ein totales Missverständnis. Ich wurde weder bedroht, noch vergewaltigt, noch sonst irgendwie verletzt.« Ihr Funkgerät knisterte erneut. »Wir konnten den Concierge ausfindig machen, der Miss De la Sanchez eindeutig auf dem Foto identifiziert hat. Er sagt, sie sei mit einem Mister Bruce zusammen gewesen. Over.«

Officer Bayley antwortete genervt. »Meine Güte, dann macht hin, dass ihr diesen Kerl findet. Das dauert mir alles viel zu lange. Over.«

Mom und Dad scharten sich wieder um mich. »Es kommt schon alles wieder in Ordnung, mein Liebling«, sagte Mom und strich mir sanft über mein wirres Haar.

Ich wandte mich wieder der Polizistin zu. »Könnten wir die Angelegenheit vielleicht auf dem Revier aufklären?« Ich wollte weg von hier, jedoch nicht aus Panik, sondern weil es mir wichtig war, dass Channing aus diesem ganzen Schlamassel herausgehalten wurde. Ihn traf keine Schuld, ich allein war dafür verantwortlich. »Ich versichere Ihnen, dass es eine sehr logische Erklärung für das alles hier gibt. Cha … Der Mann, bei dem ich war, hat mir nichts getan.« Ich setzte den flehendsten Blick auf, zu dem ich imstande war. »Bitte.«

Sie sah mich skeptisch an, doch dann stimmte Officer Bayley schweigend zu und forderte ihre Kollegen auf, die Suche vorerst abzubrechen.

Erleichtert ließ ich die angehaltene Luft aus meinen Lungen entweichen. »Ach, und Officer Bayley?« Ich senkte die Stimme, weil es mir einfach zu unangenehm war. »Sie haben nicht zufällig einen Tampon dabei?«

Der Streifenwagen hielt vor meinem Wohnhaus. Meine Mutter hatte darauf bestanden, dass ich anstatt zum Polizeirevier nach Hause gefahren werden sollte. In Moms Adern fließt das portugiesische Blut ihrer Vorfahren. Leider habe ich weder ihr rabenschwarzes dickes Haar, noch den warmen Farbton ihrer Haut geerbt. Jeder, der uns als Familie sieht, behauptet, dass ich genau wie mein Dad aussehen würde. Auch ihr Temperament hat Mom größtenteils für sich behalten, als sie mich zur Welt brachte. Ich bin eher introvertiert, genau wie Dad. Den meisten Menschen fällt es schwer, sich gegen meine Mutter zu behaupten, wenn sie ihren Willen durchsetzen will.

Und auch Officer Bayley hielt es anscheinend für besser, sich nicht gegen sie aufzulehnen. Wahrscheinlich hatte ihr Job sie bereits des Öfteren belehrt, dass der Klügere nach gab. »Wenn Sie es sich doch noch einmal anders überlegen sollten, und Anzeige erstatten wollen, scheuen Sie sich bitte nicht davor. Die Chancen, einen Sexualstraftäter hinter Gitter zu bringen, sind höher, als Sie vielleicht glauben. Und denken Sie bitte auch daran, dass Sie nicht das einzige Opfer sein könnten.«

»Es war wirklich so, wie ich es Ihnen gerade erklärt habe. Ehrlich.« Während der Fahrt durch den zäh fließenden Manhattaner Abendverkehr hatte ich mir eine glaubwürdige und vor allem sexfreie Geschichte zusammengereimt, die ich allen Anwesenden erzählt hatte. Über meinen Scharfsinn war ich selbst verblüfft, doch die Tatsache, dass ich die Polizei belog, rief mein schlechtes Gewissen auf den Plan.

Wieso deckst du diesen Kerl überhaupt? Hat er dich denn wirklich nicht auf eine gewisse Weise vergewaltigt? Nein, er hat mich verführt. Und ich war so dumm, mich verführen zu lassen. Ha, genau das ist wohl auch der Punkt, an dem sich das Opfer die Schuld selbst zuschiebt! Ich schüttelte eilig den Kopf, um die nervigen Stimmen darin zum Verstummen zu bringen. »Also gut, Miss«, so ganz schien die Polizistin nicht überzeugt zu sein, doch dann wendete sie den Kopf und wünschte mir alles Gute. Officer Bayley wartete darauf, dass wir, also meine Eltern und ich, aus dem Wagen stiegen. Kurz darauf rollte das Auto vom Bordstein und fuhr geradewegs der Dämmerung entgegen.

»Komm, mein Schatz, ich werde dir ein schönes warmes Bad einlassen, ja?« Mom umfasste meine Schulter und versuchte, nicht auf meine Beine zu sehen. Die ganze Fahrt über hatte ich meine Oberschenkel so sehr zusammen gedrückt und die Beckenbodenmuskeln angespannt, um die Blutung wenigstens zeitweise aufzuhalten. Natürlich hatte Officer Bayley keinen Tampon dabei gehabt. Ob es stimmte, oder sie es nur sagte, weil sie hoffte, ich würde mich doch noch zu einer Untersuchung im Krankenhaus auf eventuelle Spermaspuren bereit erklären, werde ich wohl nie erfahren. Jetzt jedenfalls spürte ich einen neuen Schwall aufkommen und stakste unbeholfen die wenigen Stufen zur Haustür empor. »Nein, Mom, das brauchst du wirklich nicht. Mir geht es bestens«, beteuerte ich an diesem Abend ein weiteres, ungezähltes Mal. »Danke, dass ihr da wart, aber ihr braucht euch wirklich keine Sorgen zu machen. Ich habe euch doch schon erzählt, dass ich diesen Jogger zurück in seine Wohnung gebracht habe, weil er sich den Knöchel verstaucht hatte. Ich habe nur Erste Hilfe geleistet, nichts weiter.«

»Aber Jessica klang so außer sich vor Panik, dass wir dachten…« Sie brach schluchzend ab. »Ach, Mommy«, nahm ich sie tröstend in die Arme. »Du weißt doch, wie schnell Jessy manchmal überreagiert. Mir geht es gut, und ihr könnt ehrlich beruhigt sein.«

»Du hast recht, Lizzy«, wandte Dad ein. Aber einen gehörigen Schrecken hast du uns trotzdem eingejagt.«

»Das tut mir leid und ich schwöre, dass so etwas nicht wieder vorkommen wird.« Ich hob die Finger. »Indianerehrenwort!«

Meine Eltern schienen nun endlich zufrieden gestellt.

»Also gut, Schätzchen, aber wenn du was brauchst…«

»Dann werde ich mich sofort bei euch melden, versprochen.«

Meine Eltern nahmen das nächste Taxi, das vorbeifuhr, und ich winkte ihnen nach. Dann schloss ich die Haustür auf und schleppte mich träge bis ins vierte Stockwerk. Das Klicken der Wohnungstür, die leise einrastete, hatte sich selten so schön angehört. Endlich war ich allein. Niemand, der mich mit gut gemeinten, aber dennoch viel zu vielen Fragen überhäufte oder mich mit mitleidiger Miene ansah. Als das heiße Wasser aus dem Duschkopf auf meine Haut traf, entfuhr mir ein wohliges Stöhnen. Das fühlt sich berauschend an. Fast so atemberaubend wie… Ich riss die Augen in der Sekunde auf, als das Bild des splitterfasernackten Channing vor mir auftauchte. Ich sollte vielleicht doch lieber die Wassertemperatur wechseln. Ein kalter Schauer hat noch nie geschadet, um auf andere Gedanken zu kommen. Doch ich blieb der Wärme treu und gab mich meinen jüngsten Erinnerungen hin. Und die hatten definitiv nichts mit Polizeibeamten zu tun. In dem Augenblick, als meine Hand zu dem Punkt meines Körpers wanderte, der von allen am empfindlichsten war, klingelte das Telefon. Perfektes Timing! So schnell wie möglich stieg ich aus der Dusche, wand mir eilig ein Handtuch um und stürmte aus dem Bad. Beim nächsten Klingeln nahm ich ab. »Hallo?«

»Liz! Oh Gott, du bist zu Hause! Geht es dir gut?«, fragte Jessy auf der anderen Seite. Sie klang, als würden ihr zentnerschwere Wackersteine von der Seele fallen.

»Hey, Süße! Ja, alles bestens. Du…«

Doch Jessy ließ mich nicht ausreden. »Du erzählst mir jetzt alles, was da vor ein paar Stunden passiert ist! Wieso du mich angerufen und mir diese Adresse genannt hast! Und vor allem, weshalb du nicht an dein Handy gegangen bist, als ich dich mehrfach versucht habe zu erreichen!« Ihr Tonfall war binnen Sekunden von erleichtert zu stinkwütend gewechselt. »Wo warst du und mit wem, und was hattest du da zu suchen?«

Ich seufzte. »Jessy, das ist eine sehr lange Geschichte.« Im Gegensatz zur Polizei und meinen Eltern musste ich ihr die Wahrheit erzählen. Nicht nur aus dem Grund, weil sie meine beste Freundin war und wir keine Geheimnisse voreinander hatten, sondern auch, weil Jessy einen dermaßen scharfen Verstand besaß, dass sie es sofort bemerkt hätte, wenn ich ihr etwas Erfundenes aufgetischt hätte. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass Jessy ein menschlicher Lügendetektor war. Mit ihrem überempfindlichen Feingefühl für Körpersprache und Prosodie wäre sie wie geschaffen für die CIA oder das FBI. Doch dafür musste Jessica erst einmal die High School beenden.

Sie war damals zwölfeinhalb und mit Abstand das klügste Geschöpf, das mir je begegnet ist. Hinter ihrem kindlichen Gesicht mit den vielen Sommersprossen verbarg sich der Verstand einer Dreißigjährigen. Leider besaßen ihre Eltern, mit denen Jessy in einer Bruchbude von Haus am Rand der Bronx wohnte, kaum genügend Geld, um jeden Monat pünktlich die Miete zu zahlen. Darum war es erst recht unmöglich, Jessy auf eine bessere Schule mit einer Förderung zu schicken, die ihrer würdig gewesen wäre. Stattdessen stempelten sowohl ihre Eltern als auch die Lehrer sie als verhaltensauffällig ab und steckten Jessy in eine Klasse für Lernschwache und Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten. So oft ich konnte, legte ich einen Teil meines Ersparten beiseite und lud Jessy davon zweimal im Monat zu allen möglichen Dingen ein, die uns beiden unvergessliche Momente bescherten.

Letzte Woche zum Beispiel mischten wir uns am Batterie Park unter die Touristen und fuhren mit der Staten Island Ferry nach Ellis Island, der kleinen Insel vor New York, auf der Einwanderer aus aller Welt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gelandet waren, beseelt von der Hoffnung, in den Vereinigten Staaten ein besseres Leben zu finden. Es war beeindruckend, an den meterlangen Namenstafeln zu entdecken, dass einst auch unsere Vorfahren dabei waren.

Diese Unternehmungen waren das Einzige, womit ich Jessy ihre ansonsten nicht besonders vom Glück begünstigte Kindheit ein wenig erfreulicher gestalten konnte. Hätte ich ihr stattdessen das Geld dafür jeden Monat zugesteckt, hätten es sich entweder ihre Geschwister unter den Nagel gerissen, oder ihre Mutter wäre einmal mehr zur Diebin mutiert, um es für Alkohol und Zigaretten auszugeben.

Jessy und ich hatten uns geschworen, dass wir an dem Tag, an dem sie volljährig werden würde, eine Flasche Sekt trinken würden, ganz oben auf dem Aussichtspunkt der Freiheitsstatue. Danach, und bei dieser Zweideutigkeit gerieten wir jedes Mal ins Kichern, hätten wir garantiert einen in der Krone.

»Ich habe Zeit für lange Geschichten, Liz. Morgen ist Samstag und deshalb keine Schule«, fügte sie trocken hinzu.

Wieder entwich mir ein Seufzer. »Also schön. Ich habe jemanden kennengelernt. Und…«

»Wie und wo genau?«

Ich verdrehte die Augen.

»Hör auf, mit den Augen zu rollen«, ermahnte mich Jessy am anderen Ende der Leitung.

»In der U-Bahn. Aber das tut wirklich überhaupt nichts zur Sache.« Ich wollte mir endlich die Haare trocknen, die das Bettende, auf dem ich saß, schon völlig nass getropft hatten. »Er wollte, dass ich ein Porträt von ihm zeichne.« Als ich mir Jessys Gesicht vorstellte, war ihre Stirn gerunzelt. »Na ja, er kam nicht einfach so auf mich zu und hat mich danach gefragt. Es war so, dass ich im Bryant Park saß und gerade zeichnete, als er mich ansprach.«

»Moment mal, ich dachte, ihr hättet euch in der U-Bahn getroffen.« Das war Superhirn-Jessy in Hochform.

»Richtig, das erste Mal schon. Irgendwie muss er mir gefolgt sein.«

»Himmel, Liz, und dann gehst du einfach so mit zu ihm nach Hause?«, tadelte mich meine zwölfjährige beste Freundin. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie mit der Zunge schnalzte.

»Wie gesagt, er wollte, dass ich ihn zeichne, und er hat mir Geld dafür geboten.« »Na toll, und wie viel? Zehn, fünfzehn oder vielleicht sogar zwanzig Dollar?«

Ich versuchte gar nicht erst, mein Grinsen zu unterdrücken. »Nein, ein bisschen mehr war es schon.« Tief Luft holend, um die Spannung damit zu steigern, sprach ich schließlich: »Zweihunderttausend Dollar.«

»Ach du heiliger Bim-Bam.« Das war Jessys Standardspruch, wenn sie etwas insgeheim für unmöglich hielt. »Und wie wir wissen, hast du den Typ nicht in die nächste Nervenheilanstalt zurückgebracht.«

»Nein«, sagte ich ruhig. »Ich nahm sein Angebot an.«

»Scheiße, Liz.« Jessy klatschte sich hörbar die Hand vor die Stirn. »Aber wenigstens hast du mir vorher noch Bescheid gesagt.«

»Was am Ende aber gar nicht nötig gewesen wäre. Channing war in Ordnung.«

»Aha. Channing also«, trällerte Jessy, und das Kind in ihr kam deutlich zum Vorschein.

»Ja, er war … ganz nett.«

»Nett ist der berühmte kleine Bruder von Scheiße

»Jessy!«

»'Tschuldige, ist mir gerade so rausgerutscht«, sagte sie in ehrlichem Ton. »Und als du in seiner Wohnung warst, was passierte dann?« Während sie sprach, knabberte Jessy an ihren Fingernägeln.

»Hör auf, dir die Nägel zu ruinieren!«, tadelte ich sie streng, bevor ich fort fuhr: »Wir haben ein bisschen geredet, worüber, weiß ich gar nicht mehr genau. Er gab mir eine Cola.« »Die du hoffentlich nicht getrunken hast.« Als ich darauf nichts erwiderte, stöhnte sie theatralisch auf. »Mensch, Lizzy!«

»Ich wusste was ich tat, okay?«, sagte ich leicht genervt. »Ich bin schließlich kein Teenager mehr.«

»Sicher?«

Ich ignorierte Jessys Kommentar. »Irgendwann wollte Channing, dass ich anfing, also begann ich mit dem Porträtieren.«

»Stopp. Etwas schmeckt mir dabei nicht.« Da war sie wieder, meine Spürhundnasen-Jessy. »Wenn du ihn einfach gezeichnet hast, wieso wollte er dann, dass du mit zu ihm in die Wohnung kommst? Der Bryant Park wäre doch eine viel schönere Hintergrundkulisse gewesen.«

Ich schluckte. Nun kamen wir langsam zu einem Punkt in dieser Konversation, der mir zunehmend unangenehm wurde. »Na ja … weißt du, also…«, holperte ich. »Er hat sich … vor mir … ausgezogen.«

An der Stille erkannte ich, dass es Jessy diesmal womöglich die Sprache verschlagen hatte. Aber nicht so lange, dass ich mir ernsthafte Sorgen machen musste. »Der Typ war … nackt?«

»Bis auf seine Unterhose.« Ich wollte Jessy nicht sofort damit konfrontieren, dass er diese wenig später auch noch auszog. Sie sollte sich lieber erst einmal von dem einen Schreck erholen.

»Er wollte ein Aktporträt.«

»Aha, und da kann er sich nicht als Vorzeigeobjekt an der Uni zur Verfügung stellen? War er denn so hässlich?«

Ich rief mir Channings Bild zurück ins Gedächtnis und schüttelte verlegen den Kopf. »Nein. Nein, ganz und gar nicht.« »Lizzy, wirst du etwa gerade rot?«

»Schon möglich«, gab ich murmelnd von mir.

»Oh Liz, dir muss man aber auch echt alles aus der Nase ziehen! Spann mich doch nicht so auf die Folter, was hast du dann getan?«

Ich übersprang ein paar unbedeutende Details und sagte: »Ich habe ihn gezeichnet. Und dann haben wir es miteinander getan.« Mit zusammengekniffenen Augen, biss ich mir fest auf die Unterlippe. Das Telefon hielt ich dabei schon als reine Vorsichtsmaßnahme weit von meinem Ohr weg.

»Eliza De la Sanchez!«, schrie Jessy wie erwartet. »Bist du noch ganz bei Trost? Wer bist du, und was hast du mit meiner Freundin gemacht?«

Diese Frage, wer ich sei, stellte ich mir seit diesem Erlebnis ebenfalls, mindestens einmal pro Minute. »Ich weiß es nicht.« Meine Stimme zitterte.

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