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Dracula

Bram Stoker

Dracula

Vollständige Ausgabe

Nach einer alten Übersetzung bearbeitet von Martin Engelmann

 

Inhaltsübersicht

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

ELFTES KAPITEL

ZWÖLFTES KAPITEL

DREIZEHNTES KAPITEL

VIERZEHNTES KAPITEL

FÜNFZEHNTES KAPITEL

SECHZEHNTES KAPITEL

SIEBZEHNTES KAPITEL

ACHTZEHNTES KAPITEL

NEUNZEHNTES KAPITEL

ZWANZIGSTES KAPITEL

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL

SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

ZUR TEXTGESTALT

 

Wie diese Blätter angeordnet sind, ergibt sich aus ihrer Lektüre. Alles Überflüssige ist in ihnen ausgelassen worden, auf dass die Geschichte als eine vom möglichen Zweifel künftiger Generationen unabhängige historische Tatsache überliefert werde. Es handelt sich nicht um nachträglich entstandene Aufzeichnungen, bei denen die Erinnerung immer trügen kann, vielmehr stellen alle ausgewählten Dokumente authentische Zeugnisse dar, die die Meinungen und den Wissensstand der jeweils schreibenden Personen zum Zeitpunkt der Aufzeichnung treu wiedergeben.

ERSTES KAPITEL

 

Jonathan Harkers Tagebuch

(in Kurzschrift verfasst)

 

Bistritz, den 3. Mai

Habe München am 1. Mai um 8:35 Uhr abends verlassen, Ankunft in Wien früh am darauffolgenden Morgen – hätte eigentlich um 6:46 Uhr ankommen sollen, aber der Zug hatte eine Stunde Verspätung. Budapest scheint eine herrliche Stadt zu sein, soweit ich es nach der Aussicht aus dem Zugfenster und nach einem kurzen Spaziergang durch die Straßen beurteilen kann. Ich wollte mich nämlich nicht allzu weit vom Bahnhof entfernen, da wir erst so spät angekommen waren, jedoch wohl zur fahrplanmäßigen Zeit wieder abfahren würden. Mein Eindruck war ganz derart, dass ich ab hier den Westen verlassen und den Osten betreten habe. Die Donau weist in Budapest eine beträchtliche Breite und Tiefe auf, und die westlichste der prächtigen Brücken versetzt einen mitten in die Zeit der Türkenherrschaft zurück.

Wir fuhren pünktlich ab und kamen nach Einbruch der Nacht in Klausenburg an. Hier wohnte ich im Hotel »Royal«. Zum Dinner oder vielmehr Supper aß ich ein Huhn, das mit rotem Pfeffer zubereitet war. Es war sehr gut, aber es machte Durst. (Anm.: Das Rezept für Mina besorgen!) Auf meine Frage hin sagte mir der Kellner, man nenne es »Paprikahendl«, und ich würde es, da es ein Nationalgericht sei, überall in den Karpaten bekommen.

Meine spärlichen Deutschkenntnisse kamen mir sehr zustatten; ich wüsste wirklich nicht, wie ich hier ohne sie weiterkommen sollte.

In London hatte ich noch etwas Zeit gehabt und das British Museum2 besucht, um die in der Bibliothek vorhandenen Bücher und Karten über Transsilvanien durchzusehen. Für den geschäftlichen Verkehr mit einem einheimischen Adligen schien es mir durchaus von Vorteil zu sein, mir vorab einige Landeskenntnisse anzueignen. Ich erfuhr, dass mein Reiseziel im äußersten Osten des Landes liegt, dort, wo Transsilvanien, das Fürstentum Moldau und die Bukowina aneinandergrenzen, inmitten der Karpaten, die eine der wildesten und unbekanntesten Gegenden Europas sind. Die Lage der Burg Dracula vermochte ich jedoch weder in den vorhandenen Karten noch in den Büchern zu entdecken, denn es gibt von diesem Landstrich natürlich noch keine exakten Pläne, die unseren Militärkarten vergleichbar wären. Immerhin fand ich heraus, dass Bistritz, die Poststation, die mir Graf Dracula genannt hatte, ein hinlänglich bekannter Ort ist. Ich will im Folgenden einige meiner Eindrücke festhalten; sie sollen mir als Gedächtnisstütze dienen, um Mina von meiner Reise zu berichten.

Die Bevölkerung Transsilvaniens setzt sich aus vier verschiedenen Nationalitäten zusammen: Im Süden leben die Sachsen und, gemischt mit ihnen, die Wallachen, welche Nachkommen der Daker sind. Im Westen leben die Magyaren und im Osten und Norden die Szekler. Ich gehe zu den Letztgenannten, welche behaupten, von Attila und den Hunnen abzustammen. Das mag stimmen, denn als die Magyaren im elften Jahrhundert das Land eroberten, fanden sie dort Siedlungen der Hunnen vor. Ich las, dass innerhalb des hufeisenförmigen Gebirgszuges der Karpaten jeder nur erdenkliche Aberglaube anzutreffen sei, ganz so, als sei hier das Zentrum eines Wirbels aller fantastischen Einbildungen der alten Welt. Wenn dies zutrifft, wird mein Aufenthalt sicher interessant werden. (Anm.: Ich muss den Grafen über all das befragen!)

Obgleich mein Bett ziemlich bequem war, schlief ich nicht gut, und ich hatte alle möglichen verworrenen Träume. Sicherlich hatte das damit zu tun, dass die ganze Nacht hindurch ein Hund unter meinem Fenster heulte. Oder vielleicht war auch der Paprika schuld: Obwohl ich alles Wasser meiner Karaffe ausgetrunken hatte, war ich immer noch durstig. Gegen Morgen schlief ich endlich ein. Ich erwachte durch ein beständiges Klopfen an meiner Tür, woraus ich schließe, dass ich sehr fest geschlafen haben muss. Zum Frühstück aß ich wiederum Paprika und ein Porridge aus Maismehl, welches sie »Mamaliga« nennen, dazu Auberginen mit Fleischfüllung – ein exzellentes Gericht, das »Impletata« heißt. (Anm.: Auch hiervon das Rezept besorgen!) Ich musste schnell frühstücken, denn mein Zug ging kurz vor acht, oder besser: Er sollte zu dieser Zeit abfahren, denn nachdem ich pünktlich um 7:30 Uhr am Bahnhof war, musste ich noch fast eine Stunde im Waggon sitzen, bis sich der Zug endlich bewegte. Es scheint, als gingen die Züge umso unpünktlicher, je weiter man nach Osten kommt. Wie mag es da erst in China sein?

Den ganzen Tag bummelte der Zug durch eine äußerst reizvolle Gegend. Manchmal sahen wir kleine Städtchen oder Burgen auf steilen Hügeln – ein Anblick, wie man ihn nur aus illuminierten alten Messbüchern kennt. Zuweilen passierten wir Flüsse oder Bäche, die, nach den breiten Geröllstreifen auf beiden Seiten zu schließen, wohl häufig über ihre Ufer treten. An den Stationen warteten regelmäßig kleinere oder größere Gruppen von Leuten in den unterschiedlichsten Trachten. Einige von ihnen glichen mit ihren kurzen Jacken, ihren runden Hüten und ihren selbst geschneiderten Hosen ganz unseren Bauern daheim oder jenen, die ich auf meiner Reise durch Frankreich und Deutschland gesehen hatte. Andere wiederum sahen sehr malerisch aus. Die Frauen waren durchweg hübsch, bis man sie aus der Nähe sah und ihre stattlichen Taillen erkannte. Sie alle trugen weite weiße Ärmel, und die meisten von ihnen hatten breite Gürtel, von denen zahllose Bänder nach Art eines Ballettkleidchens herunterflatterten, worunter sich dann natürlich noch Unterröcke befanden. Die Slowaken, das wildeste Volk der Gegend, sahen am seltsamsten aus mit ihren mächtigen Cowboyhüten, schmutzig weißen Pluderhosen, weißen Leinenhemden und ungeheuer schweren, fast einen Fuß breiten Ledergürteln, die über und über mit Messingnägeln beschlagen waren. Ihre Hosen steckten in hohen Stiefeln, und sie hatten lange schwarze Haare und große schwarze Schnurrbärte. Sind sie auch malerisch anzuschauen, so machen sie jedoch keinen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Auf den Stationen hockten sie beieinander wie orientalische Räuberbanden, jedoch habe ich mir sagen lassen, dass sie eher harmlos und von geringer Selbstsicherheit seien.

Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als wir in Bistritz ankamen. Eine alte, sehr interessante Stadt, die praktisch an der Grenze liegt – von hier aus führt der Borgopass in die Bukowina hinüber. Demgemäß besitzt Bistritz eine sehr bewegte Vergangenheit, deren Spuren noch heute zu erkennen sind. Vor fünfzig Jahren hatte hier eine Serie großer Brände gewütet, wodurch Bistritz fünfmal nacheinander verwüstet wurde. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde die Stadt drei Wochen lang belagert und verlor dabei, da zu den Opfern der Kämpfe auch noch Tote durch Hunger und Seuchen hinzukamen, dreizehntausend Einwohner.

Graf Dracula hatte mich an das Hotel »Zur Goldenen Krone« verwiesen, welches sich als ein Haus von altem Stil erwies – zu meiner großen Freude, denn schließlich will ich die Eigenarten dieses Landes so gut wie irgend möglich kennenlernen. Ich wurde offenbar erwartet, denn als ich an die Tür des Hauses trat, kam mir sogleich eine freundlich blickende ältere Frau in gewöhnlicher Bauerntracht entgegen; über ihren weißen Kleidern trug sie vorne und hinten eine lange, doppelte Schürze aus buntem Stoff, die, bei aller sonstigen Bescheidenheit der Kleidung, fast ein wenig zu eng geschnürt war. Als ich näher trat, verbeugte sie sich und sagte »Der Herr Engländer?« – »Ja«, erwiderte ich, »Jonathan Harker.« Sie lächelte und gab einem älteren Mann mit weißen Hemdsärmeln, der ihr bis zur Tür gefolgt war, einen Wink. Dieser ging und kam gleich darauf mit einem Brief in der Hand wieder zurück.

 

»Mein Freund,

willkommen in den Karpaten! Ich erwarte Sie mit Ungeduld, für heute aber schlafen Sie erst einmal wohl. Um drei Uhr morgens geht die Postkutsche nach der Bukowina, ein Platz ist für Sie reserviert. Am Borgopass wird mein Wagen Sie erwarten und zu mir bringen. Ich hoffe, dass Sie von London bis hierher eine gute Reise hatten und dass Sie sich Ihres Aufenthalts in meiner schönen Heimat freuen mögen.

Ihr Freund Dracula«

 

4. Mai

Ich erfuhr, dass mein Wirt ebenfalls einen Brief des Grafen erhalten hatte, worin er beauftragt worden war, für mich den besten Platz in der Postkutsche zu reservieren. Als ich den Mann über Details ausfragen wollte, wurde er jedoch zurückhaltend und gab vor, mein Deutsch nicht zu verstehen. Das schien mir eine Ausrede zu sein, denn zuvor hatte er mich noch sehr gut verstanden. Oder wenigstens hatte es mir so geschienen, denn auf alle meine Fragen war mir stets eine genaue Antwort zuteil geworden. Nun aber wechselte er mit seiner Frau – der alten Dame, die mich empfangen hatte – scheue Blicke. Er murmelte, dass das Geld in einem Brief gekommen wäre und dass er nichts weiter wisse. Als ich ihn fragte, ob er den Grafen Dracula kenne und mir etwas über dessen Burg sagen könne, bekreuzigten sich beide und beendeten das Gespräch mit der Behauptung, sie wüssten überhaupt nichts. Nun war nur noch wenig Zeit bis zur Abreise, sodass ich niemanden sonst mehr fragen konnte, wie mysteriös und beunruhigend mir diese Sache auch schien.

Kurz bevor ich aufbrach, kam die alte Dame dann aber doch noch einmal zu mir aufs Zimmer und beschwor mich in einem beinahe hysterischen Ton:

»Müssen Sie denn dort hingehen, junger Herr? Müssen Sie denn wirklich gehen?« Sie war dermaßen aufgeregt, dass sie das wenige Deutsch, das sie konnte, vergessen zu haben schien, denn sie vermischte es mit Worten einer anderen Sprache, die ich absolut nicht verstand. Ich konnte ihr nur halbwegs folgen, indem ich ihr viele Fragen stellte. Als ich ihr aber sagte, dass ich selbstverständlich reisen müsse, da ich in wichtigen Geschäften unterwegs sei, begann sie erneut:

»Wissen Sie denn, was heute für ein Tag ist?« Ich antwortete, es wäre der 4. Mai. Sie schüttelte den Kopf und sagte:

»Oh ja, das weiß ich, das weiß ich! Aber wissen Sie denn nicht, was das für ein Tag ist?« Auf meine Entgegnung, dass ich sie nicht verstünde, fuhr sie fort:

»Es ist St. Georg! Wissen Sie denn nicht, dass, wenn die Uhr heute Mitternacht schlägt, alle bösen Dinge in der Welt freien Lauf haben? Wissen Sie wirklich nicht, wohin Sie gehen und was Sie erwartet?« Sie war so verstört, dass es mir nicht gelang, sie zu beruhigen. Schließlich warf sie sich auf die Knie und flehte mich an, nicht zu gehen oder wenigstens meine Abfahrt um ein oder zwei Tage zu verschieben. Das alles war einfach lächerlich, aber dennoch fühlte ich mich unbehaglich. Wie auch immer: Ich hatte meinen geschäftlichen Pflichten nachzukommen und konnte deren Gefährdung nicht dulden. Ich versuchte also, die Frau wieder hochzuziehen, und erklärte ihr so ernst wie nur möglich, dass ich ihr danken würde, aber dass mein Auftrag unabänderlich sei und ich natürlich gehen müsse. Sie erhob sich daraufhin, trocknete ihre Tränen und nahm ein Kruzifix von ihrem Hals, um es mir zu reichen. Ich wusste nicht recht, was ich damit anfangen sollte, denn als anglikanischer Protestant halte ich derartige Dinge für mehr oder minder götzendienerisch, andererseits brachte ich es aber auch nicht übers Herz, das Geschenk einer alten Frau zurückzuweisen, die es anscheinend gut mit mir meinte und die sich in einer solchen Aufregung befand. Vermutlich las sie diesen Widerstreit in meinem Gesicht, denn sie legte mir schließlich selbst den Rosenkranz um den Hals und sagte dazu: »Um Ihrer Mutter willen!« Dann ging sie aus dem Zimmer. Ich schreibe diesen Teil meines Tagebuches, während ich auf die Kutsche warte, die – natürlich – Verspätung hat. Der Rosenkranz hängt noch immer um meinen Hals. Ich weiß nicht, ob es am Aberglauben der alten Frau, an den vielen Geistergeschichten dieser Gegend oder gar am Kruzifix selbst liegt, aber ich fühle mich nicht annähernd so unbeschwert wie sonst. Sollten diese Blätter vor mir bei Mina eintreffen, so sende ich hiermit fürs Erste herzliche Abschiedsgrüße – hier kommt meine Kutsche!

 

Auf der Burg, den 5. Mai

Die graue Morgendämmerung ist vergangen, und die Sonne steht schon hoch über dem fernen Horizont, der gezackt ist von Bäumen oder Hügeln – ich kann es nicht genau erkennen, da große und kleinere Dinge aufgrund der Entfernung ununterscheidbar sind. Ich bin aber nicht müde, und da man mich nicht wecken, sondern vielmehr warten wird, bis ich von selbst erwache, will ich einstweilen schreiben, bis der Schlaf kommt. Es sind so viele seltsame Dinge, die ich zu berichten habe, dass es demjenigen, der diese Aufzeichnungen liest, vielleicht vorkommen wird, als hätte ich vor meiner Abreise von Bistritz zu reichlich diniert. Um dies zu widerlegen, führe ich hier meine Mahlzeit an: Ich aß etwas, was sie hier »Räuberbraten« nennen – Stücke von Speck, Zwiebeln und Rindfleisch, gewürzt mit rotem Paprika, an Stöcken festgemacht und über dem Feuer geröstet, ganz so, wie man in London Katzenfutter aus Pferdefleisch macht. Der Wein war ein weißer Mediasch, der ein eigentümliches Brennen auf der Zunge erzeugt, das aber nicht unangenehm wirkt. Ich trank davon nur ein paar Gläser, sonst hatte ich nichts weiter.

Als ich mich zur Kutsche begab, hatte der Kutscher seinen Sitz noch nicht eingenommen; ich sah ihn mit der Wirtin sprechen. Das Gespräch drehte sich offensichtlich um mich, denn hin und wieder blickten sie zu mir herüber. Dann kamen noch einige Leute hinzu, die zuvor auf der Bank vor dem Hause gesessen hatten – so eine Bank nennen sie hier übrigens »Überbringer des Wortes«. Diese Leute hörten eine Weile zu, um mich daraufhin mitleidig anzusehen. Einige Wörter wiederholten sich immer wieder und drangen bis zu mir, seltsame Wörter, denn die Gruppe bestand aus verschiedenen Nationalitäten. Ich holte heimlich mein Wörterbuch aus der Reisetasche und suchte mir die gehörten Begriffe zu übersetzen. Was ich da las, war nicht dazu angetan, mich aufzuheitern, denn da stand »Ordog – Satan«, »Pokol – Hölle«, »Stregoica – Hexe«. »Vrolok« und »Vlkoslak« bedeuten dasselbe, das eine ist Slowakisch, das andere Serbisch für ein Wesen, das entweder ein Werwolf oder ein Vampir ist. (Anm. Ich muss den Grafen über diesen Aberglauben befragen!)

Als wir abfuhren, schlug die ganze Versammlung vor der Wirtshaustür – die Menge war unterdessen beträchtlich angewachsen – das Kreuzzeichen und streckte dann zwei gespreizte Finger gegen mich aus. Nur mit Mühe erfuhr ich die Bedeutung dieser Geste von einem meiner Reisegefährten. Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus, als ich ihm aber sagte, ich sei Engländer, erklärte er mir, dass es sich um einen Zauber zum Schutz gegen den Bösen Blick handle. Auch diese Auskunft war nicht sehr erfreulich für mich, der ich gerade zu einem unbekannten Ort aufbrach, um dort einen mir ebenso unbekannten Mann zu treffen. Andererseits waren alle Leute um mich herum so gutherzig, so besorgt und so sympathisch, dass ich nicht sosehr Verstörung als vielmehr Rührung empfand. Ich werde wohl nie den letzten Blick auf den Wirtshausgarten und die sich um den breiten Torweg drängende malerische Menge vergessen; wie sie sich bekreuzigten, im Hintergrund das reiche Blattwerk aus Oleander und Orangenbäumen, die in grünen Kübeln in der Mitte des Hofes standen. Dann ließ unser Kutscher, dessen weite, hier »Gotza« genannte Leinenhose seinen gesamten Sitz bedeckte, seine lange Peitsche über den vier kleinen Pferden knallen, die alle nebeneinander angeschirrt waren, und wir waren unterwegs.

Bei der Schönheit der Gegend, durch die wir fuhren, verlor ich rasch alle Erinnerung an die Gespensterfurcht der Leute. Hätte ich allerdings die Sprache oder vielmehr die Sprachen meiner Mitreisenden verstanden, so wäre ich die unangenehmen Eindrücke wohl nicht so schnell losgeworden. Vor uns lag ein grünes, sanft ansteigendes Land von bewirtschafteten und wilden Wäldern. Hier und dort gab es steile Hügel, gekrönt von einer Baumgruppe oder von einem Bauerngehöft, dessen Giebel zur Straße zeigte. Die Apfel-, Pflaumen-, Kirsch- und Birnbäume standen in reichster Blüte, und im Vorbeifahren schien das grüne Gras unter den Bäumen von herabgefallenen Blütenblättern übersät. Durch diese liebliche Hügellandschaft, die man das Mittelland nennt, zog sich die Straße dahin und verlor sich weit in der Ferne im Grünen. Dann wieder wurde sie von Fichtenwäldern aufgenommen, deren Spitzen wie dunkelgrüne Zungen hier und da an den Hügeln hinabliefen. Der Weg war holperig, trotzdem flogen wir mit fiebernder Hast darüber hin. Ich konnte mir diese Eile nicht erklären, aber der Kutscher war scheinbar darauf erpicht, ohne jeglichen Zeitverlust Borgo Prund zu erreichen. Man versicherte mir, dass unsere Straße im Sommer ausgezeichnet sei und dass man sie jetzt nur noch nicht von den Winterschäden wiederhergestellt habe. In dieser Hinsicht muss sie sich also von den übrigen Karpatenstraßen unterscheiden, welche nach alter Tradition nicht allzu gepflegt sind. Von alters her lassen die Hospodare3 nämlich nichts ausbessern, um nicht bei den Türken den Argwohn zu erwecken, man wolle Truppen gegen sie marschieren lassen – der Funken des Krieges glimmt in dieser Region beständig unter der Asche.

Nach den sanften grünen Hügeln des Mittellandes begannen mächtige Waldhänge, die bis an den Rand der schroffen Karpatengipfel reichten. Beiderseits unseres Weges stiegen die Wälder an, und die pralle Nachmittagssonne ließ all die herrlichen Farben dieses wundervollen Landes leuchten: Die Schatten der Gipfel waren von tiefem Blau und von Purpur; Grün und Braun herrschten vor, wo Gras und Fels sich trafen. Darüber bot sich eine scheinbar endlose Aussicht auf gezacktes Gestein und spitze Klippen, die in der Ferne schließlich von majestätischen, schneebedeckten Gipfeln bekrönt wurden. Durch mächtige Spalten im Gestein sah man da und dort im Licht der sinkenden Sonne weißen Schaum herabstürzender Bäche. Einer meiner Mitreisenden berührte meinen Arm, als wir gerade einen Hügel umfuhren und sich der Ausblick auf einen ungeheueren schneebedeckten Gipfel öffnete, auf den wir direkt zuzusteuern schienen.

»Sehen Sie, ›Isten Szek‹ – ›Gottes Sitz‹!«, sagte er und bekreuzigte sich andachtsvoll. Während wir in endlosen Serpentinen dahinfuhren und die Sonne immer tiefer und tiefer sank, begannen rings um uns herum lange Schatten heraufzukriechen. Dies wurde noch dadurch betont, dass auf der schneebedeckten Bergspitze noch lange der Widerschein der scheidenden Sonne lag, die den Gipfel in einem kalten, blassen Rot erglühen ließ. Zuweilen trafen wir auf Tschechen oder Slowaken in malerischer Kleidung, und ich konnte bemerken, dass der Kropf hier ein sehr verbreitetes Übel sein muss. Am Wegrand standen viele Kreuze, und wann immer wir ein solches passierten, bekreuzigten sich alle meine Mitreisenden. Hier und dort kniete ein Bauer oder eine Bäuerin vor einer Kapelle, aber sie sahen sich nicht einmal nach uns um – so tief waren sie in Andacht und Hingebung versunken, dass sie weder Augen noch Ohren für die sie umgebende Welt hatten. Viel Neues gab es für mich zu sehen, zum Beispiel Heuschober auf Bäumen oder auch herrliche Gruppen von Birken, deren weiße Stämme wie Silber durch das saftige Grün leuchteten. Manchmal begegneten wir einem Leiterwagen, dem landesüblichen Bauerngefährt, dessen lange, schlangenartige Konstruktion den hiesigen Straßenverhältnissen besonders gut angepasst ist. Auf den Leiterwagen saßen ganze Gruppen heimkehrender Bauern, die Tschechen mit weißen, die Slowaken mit gefärbten Lammpelzen; die Letzteren trugen lanzenartige Stäbe, deren Ende in eine Axt auslief. Als schließlich der Abend hereinbrach, wurde es rasch kalt, und die fortschreitende Dämmerung versenkte die Umrisse der Eichen, Buchen und Fichten in ein immer tieferes Dunkel, während sich in den Tälern, die wir bei unserem Anstieg zum Pass hinter uns ließen, einzelne Tannen noch scharf vor dem Hintergrund des alten Schnees abhoben. Einige Male, als die Straße durch Fichtenwälder führte, deren Dunkel sichüber uns beinahe gänzlich schloss, erzeugten lange graue Schleier, die zwischen den Bäumen zu hängen schienen, eine teils feierliche, teils unheimliche Stimmung in uns. Schon seit Sonnenuntergang waren seltsam geformte, gespenstische Nebelfetzen durch die Täler gezogen, und die daraus erwachsenen Gedanken und Fantasien spannen sich nun weiter. Die Straße wurde nun manchmal so steil, dass die Pferde trotz der Eile des Kutschers nur noch langsam vorwärtskamen. Ich wollte absteigen und zu Fuß gehen, wie wir es zu Hause tun, aber der Wagenlenker wollte nichts davon wissen: »Nein, nein«, sagte er, »Sie dürfen hier nicht gehen, es gibt viele streunende Hunde!« Und dann fügte er hinzu: »Außerdem steht Ihnen noch genug Aufregung bevor, bevor Sie zur Ruhe gehen.« Dies sollte wohl ein roher Scherz sein, denn er sah sich um, als wollte er sich des zustimmenden Lächelns der Übrigen versichern. Der einzige kurze Halt, den er dann einlegte, diente zum Anzünden der Wagenlaternen.

Als es ganz dunkel geworden war, schien sich eine gewisse Erregung der Passagiere zu bemächtigen; einer nach dem andern redete auf den Kutscher ein, als wollten sie ihn zu noch größerer Eile anspornen. Er trieb die Pferde daraufhin unbarmherzig mit der Peitsche an und versuchte sie sogar durch wilde Zurufe zu erhöhter Anstrengung zu bewegen. Dann entdeckte ich in der Dunkelheit einen schwachen, grauen Lichtschimmer vor uns, als wenn ein Spalt in den Felswänden wäre. Die Unruhe der Passagiere steigerte sich immer mehr, und die gebrechliche Kutsche hüpfte in ihren ledernen Federn und schwankte wie ein Boot auf stürmischer See. Ich musste mich festhalten. Bald wurde der Weg aber wieder ebener, und wir flogen nur so dahin. Die Berge schienen immer näher an uns heranzukommen und buchstäblich über uns zusammenzurücken: Wir hatten den Borgopass erreicht. Einzelne der Mitreisenden begannen nun, mir kleine Geschenke zu machen, die sie mir mit einem Ernst aufdrängten, der eine Zurückweisung ausschloss. Es waren ohne Zweifel seltsame Dinge, aber jedes wurde in guter Absicht, mit einem freundlichen Wort und mit einem Segenswunsch überreicht, begleitet von jenen beschwörenden Gesten, die ich schon vor dem Hotel in Bistritz gesehen hatte – dem Kreuzzeichen und dem Zeichen gegen den Bösen Blick. Dann lehnte sich der Kutscher vor, und auch die Fahrgäste starrten, die Ellbogen auf den Kutschenrand gestützt, gespannt hinaus in das nächtliche Dunkel. Es war offenkundig, dass etwas sehr Aufregendes geschah oder erwartet wurde; aber obgleich ich jeden meiner Reisegefährten fragte, gab mir keiner auch nur die kleinste Erklärung. Die allgemeine Erregung hielt an, bis wir vor uns endlich die östliche Öffnung des Passes erkennen konnten. Dunkle, drohende Wolken zogen über unseren Köpfen hinweg, und in der Luft lag die bedrückende Stimmung eines aufziehenden Gewitters. Es war, als trennte der Gebirgszug zwei grundverschiedene Atmosphären und als träten wir nun in die des Sturmes ein. Ich hielt nun selbst Ausschau nach dem Gefährt, das mich zum Grafen bringen sollte; jeden Augenblick erwartete ich, Wagenlaternen aufblitzen zu sehen, aber alles blieb dunkel. Das einzige Licht verbreiteten unsere eigenen Lampen, in deren flackerndem Schein der Dampf unserer vom Laufen heißen Pferde wie eine weiße Wolke aufstieg. Etwas heller lag vor uns der sandige Weg, aber nichts zeigte an, dass sich auf ihm ein Wagen nähern würde. Die Fahrgäste seufzten erleichtert auf, was mein eigenes Missbehagen Lügen zu strafen schien. Ich dachte schon darüber nach, was nun zu tun wäre, als der Fuhrmann nach der Uhr sehend zu den anderen etwas sagte; so leise und ruhig, dass ich es kaum hören konnte. Ich meinte aber dennoch verstanden zu haben: »Eine Stunde vor der Zeit!« Dann wandte er sich zu mir und sprach in einem Deutsch, das wohl noch schlechter als meines war:

»Keine Kutsche da, der Herr wird anscheinend gar nicht erwartet! Sie fahren nun am besten mit uns nach der Bukowina und kehren dann morgen oder übermorgen zurück; besser noch übermorgen.« Während er dies sagte, begannen seine Pferde zu wiehern, zu schnauben und wild auszuschlagen, sodass der Fuhrmann sie halten musste. Dann kam, begleitet von Schreien und wildem Bekreuzigen der Bauern um mich herum, von hinten eine Kalesche mit vier Pferden an uns heran und machte auf gleicher Höhe halt. Beim Schein der Laternen konnte ich erkennen, dass die Pferde kohlschwarz und prächtig gebaut waren. Die Zügel führte ein hochgewachsener Mann mit langem braunem Vollbart und einem großen schwarzen Hut, der wohl sein Gesicht vor uns verbergen sollte. Als er sich zu uns wandte, konnte ich ein paar funkelnde Augen sehen, die im Lampenlicht rot erschienen. Er sagte zu unserem Kutscher:

»Du bist früh dran heute, mein Freund.« Der Mann erwiderte, verlegen stammelnd:

»Der englische Herr hatte große Eile«, worauf der Fremde entgegnete:

»Weil du ihn, wie ich vermute, nach der Bukowina fahren wolltest. Du kannst mich nicht täuschen, mein Bester, ich weiß zu viel, und meine Pferde sind schnell.« Während er das sagte, lächelte er, und der Schein der Laterne fiel auf einen harten Mund mit sehr roten Lippen und spitzen, schneeweißen Zähnen. Einer meiner Reisegefährten flüsterte seinem Nachbarn Worte aus Bürgers »Lenore« zu:

»Die Toten reiten schnell!«4

Der seltsame Kutscher hatte die Worte offenbar auch gehört, denn er sah den Sprecher lächelnd an. Dieser wandte sein Gesicht ab, spreizte mit der einen Hand zwei Finger und schlug mit der anderen das Kreuz. »Gib mir das Gepäck des Herrn«, forderte der Fremde, und mit außerordentlicher Geschwindigkeit wurden meine Koffer abgeladen und auf der Kalesche untergebracht. Ich stieg dann auf der Seite des Postwagens aus, wo die Kalesche stand, wobei mir der fremde Kutscher half, indem er meinen Arm mit stahlhartem Griff umspannte – seine Kraft muss beträchtlich sein. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zog er die Zügel an, die Pferde wendeten und jagten wieder der finsteren Enge des Passes zu. Als ich zurücksah, bemerkte ich noch den Dampf der Pferde, der im Laternenschein emporstieg, und dunkel sich davon abhebend meine sich bekreuzenden Reisegenossen. Ich hörte noch, wie ihr Kutscher die Peitsche klatschen ließ und den Pferden etwas zurief; dann flogen sie dahin, der Bukowina zu.

Als sie im Dunkel verschwunden waren, überlief mich ein eisiger Schauer, und das Gefühl der Verlassenheit kam über mich. Der Kutscher aber legte mir einen Mantel um die Schultern und eine Decke auf die Knie und sagte in fließendem Deutsch:

»Die Nacht ist kalt, und mein Herr, der Graf, hat mir aufgetragen, für Sie zu sorgen. Hier unter dem Sitz steht eine Flasche Sliwowitz (Anm. der Pflaumenbranntwein des Landes), falls Sie seiner bedürfen sollten.« Ich nahm nichts davon, aber es war mir immerhin eine Beruhigung zu wissen, dass man für mich sorgte. Ich hatte ein eigentümliches Gefühl, welches aber nicht Furcht genannt werden konnte. Hätte es allerdings irgendeine Möglichkeit gegeben, auf diese nächtliche Fahrt zu verzichten, so hätte ich sie ergriffen. Der Wagen fuhr in schnellem Tempo dahin, bis wir plötzlich eine vollkommene Kehrtwendung machten und in die entgegengesetzte Richtung jagten, wobei ich den Eindruck hatte, noch immer auf der gleichen Straße zu sein. Ich merkte mir einige besonders auffällige Punkte und stellte fest, dass ich mich nicht getäuscht hatte. Zu gerne hätte ich den Kutscher gefragt, was das zu bedeuten habe; ich tat es aber nicht, weil ich mir sagte, dass in meiner Situation ein Protest ohnehin zwecklos wäre, wenn er wirklich etwas gegen mich im Schilde führte. Neugierig war ich aber, wie spät es wohl sei. Ich zündete ein Streichholz an und sah bei seinem Schein nach meiner Uhr – es waren nur noch wenige Minuten bis Mitternacht! Mich erfasste ein jäher Schreck; vermutlich hatten mich der allgemeine Aberglaube und meine jüngsten Erlebnisse etwas nervös gemacht. Ein Gefühl ängstlicher Spannung überkam mich.

Dann begann weit entfernt auf einem Bauernhof an der Straße ein Hund zu heulen; es war ein langes, todtrauriges Weinen, wie vor Angst. Ein zweiter antwortete, und so pflanzte sich das fort, bis schließlich alle Hunde der Gegend in dem Konzert mitzumachen schienen, das nun, getragen vom Nachtwind, leise durch den Pass zog. In meiner von der finsteren Nacht aufgewühlten Einbildungskraft schien das Geheul die ganze Gegend ringsum erfasst zu haben. Bei den ersten Lauten scheuten und schnaubten die Pferde, aber der Kutscher sprach leise auf sie ein, und sie wurden wieder ruhiger, wenn sie auch zitterten und schwitzten, wie nach der Flucht vor einer Gefahr. Nun aber begann, noch weit entfernt, auf den Bergen zu beiden Seiten des Weges ein lauteres, heller klingendes Geheul, das Geheul von Wölfen, welches die Pferde und auch mich in hohem Maße erschreckte. Ich war fast so weit, aus dem Wagen zu springen, so sehr schlugen die schnaubenden, sich aufbäumenden Pferde aus, und der Kutscher musste seine ganze Kraft aufwenden, um sie zu halten. Nach wenigen Minuten hatten sich meine Ohren aber an die Laute gewöhnt, und auch die Pferde waren wenigstens so weit beruhigt, dass der Kutscher absteigen und sich vor sie hinstellen konnte. Er streichelte die Tiere und flüsterte ihnen etwas in die Ohren, wie es die Pferdedresseure machen. Das hatte eine gute Wirkung, denn unter seinen Zuwendungen wurden sie wieder fügsamer, obgleich sie immer noch zitterten. Der Kutscher stieg dann wieder auf seinen Bock und fuhr mit straffen Zügeln in flottem Tempo weiter. Diesmal aber bog er, nachdem wir die höchste Stelle des Passes überwunden hatten, plötzlich auf einen schmalen Weg nach rechts ab.

Bald waren wir unter Bäumen, deren dicht verschlungene Äste förmlich einen Tunnel bildeten, bald stiegen schroffe Felsen zu beiden Seiten kühn in die Höhe. Obwohl wir geschützt waren, konnten wir den stärker werdenden Nachtwind hören; es pfiff und winselte durch die Felsen, und klatschend und krachend schlugen die Zweige der Bäume zusammen. Es wurde immer kälter und kälter und bald fiel auch ein leichter Schnee, der uns und unsere Umgebung in einen weißen Überzug hüllte. Der scharfe Wind trug uns das Heulen der Hunde aus immer weiterer Ferne zu. Dagegen kam das Geheul der Wölfe näher und näher, als ob sie uns von allen Seiten umringten. Ich war sehr erschrocken, und die Pferde teilten meine Furcht; der Kutscher aber schien nicht im Mindesten beunruhigt. Er wandte den Kopf aufmerksam nach rechts und links, aber ich konnte nichts bemerken.

Plötzlich, dicht zur Linken, tauchte eine flackernde blaue Flamme5 aus dem Dunkel auf. Der Kutscher sah sie wohl zur gleichen Zeit, denn er hielt die Pferde an, sprang ab und verschwand in der Finsternis. Ich wusste nun nicht, was ich tun sollte, insbesondere, da das Geheul der Wölfe immer näher kam. Aber während ich noch überlegte, kehrte der Kutscher unversehens zurück, nahm wortlos seinen Sitz wieder ein, und die Fahrt ging weiter. Ich muss darauf wohl eingeschlafen sein und geträumt haben, denn mir kommt es jetzt so vor, als hätte sich dieser Zwischenfall unzählige Male wiederholt. Ist dies wirklich passiert? Wenn ich daran denke, scheint es mir nur ein schlimmes Albdrücken gewesen zu sein. Einmal erschien die Flamme so nahe bei uns, dass ich sogar in der Dunkelheit, die uns umgab, die raschen Bewegungen des Kutschers erkennen konnte. Er ging auf die Flamme zu – sie muss in Wirklichkeit sehr schwach gewesen sein, denn sie erleuchtete nicht einmal ihre allernächste Umgebung – und legte einige vom Weg aufgeraffte Steine zu einer besonderen Figur zusammen. Dabei kam es zu einer eigenartigen optischen Täuschung: Als der Kutscher zwischen mir und der Flamme stand, verdeckte er sie nämlich keineswegs, sondern ich sah sie gespenstisch weiterflackern. Das entsetzte mich, aber da die Erscheinung nur kurze Zeit anhielt, führte ich sie auf eine Sinnestäuschung infolge des langen Hinausstarrens in die Nacht zurück. Dann verschwanden die blauen Lichter rasch, und wir sausten durch die Finsternis dahin, rings um uns das Geheul der Wölfe, die uns in einem weiten Kreise zu verfolgen schienen.

Schließlich aber stieg der Kutscher noch einmal ab und entfernte sich von der Straße weiter, als er es bisher getan hatte. Während seiner Abwesenheit begannen die Pferde ärger als je zu zittern, zu schnauben und vor Angst zu wiehern, und ich konnte mir die Ursache dafür zunächst nicht erklären, denn das Geheul der Wölfe hatte mittlerweile aufgehört. Dann kam aber über dem gezackten Kamm der fichtenbewachsenen Felsen der Mond hinter den finsteren Wolken hervor, und bei seinem fahlen Licht erblickte ich um uns einen Ring von Wölfen mit weißen Zähnen, roten heraushängenden Zungen, sehnigen Beinen und zottigem Fell. Ihr grimmiges Schweigen war viel unheimlicher als ihr Geheul. Ich war wie gelähmt vor Schreck. Ein solches Gefühl hat man nur, wenn man sich unvermittelt einer ungeheueren Gefahr gegenübersieht.

Plötzlich begannen die Wölfe wieder aufzuheulen, als ob das Mondlicht eine besondere Wirkung auf sie gehabt hätte. Die Pferde schlugen aus, wieherten und verdrehten ihre Augen so panisch, dass mich ihr Anblick rührte, obwohl der lebendige Ring des Verderbens auch mich unentrinnbar umgab. Ich rief nach dem Kutscher, denn der einzige Ausweg schien mir zu sein, den Ring der Wölfe im Fahren zu durchbrechen. Ich schrie und trommelte mit den Fäusten gegen den Wagenschlag, um die Bestien abzulenken und dem Kutscher die Möglichkeit zu geben, die Kalesche zu erreichen. Womit dieser gerade beschäftigt war, weiß ich nicht, aber auf einmal hörte ich ihn im Befehlston etwas rufen, dann sah ich ihn mitten auf dem Weg stehen. Er schwenkte seine Arme, als wollte er ein störendes Hindernis beiseiteräumen, und die Wölfe wichen zu meiner größten Überraschung zurück. Dann schob sich eine schwarze Wolke vor den Mond, und es war wieder finster.

Als ich das Dunkel mit den Augen wieder zu durchdringen vermochte, kletterte der Kutscher gerade auf den Bock. Die Wölfe waren verschwunden. Das alles war so seltsam und unheimlich, dass mich eine schreckliche Beklemmung überkam; ich wagte nicht zu sprechen oder mich zu regen. Die Zeit schien mir endlos, während wir unsere Fahrt nun in völligem Dunkel fortsetzten, denn die ziehenden Wolken verdeckten den Mond. Meist ging es bergauf, zuweilen aber auch kurz und steil abwärts. Plötzlich wurde mir bewusst, dass der Kutscher den Wagen in den Hof einer großen Burgruine lenkte, aus deren hohen schwarzen Fenstern kein einziger Lichtstrahl drang, und deren zerbröckelnde Zinnen sich wie eine gezackte Linie vom nunmehr wieder mondhellen Himmel abhoben.

ZWEITES KAPITEL

 

Jonathan Harkers Tagebuch

(Fortsetzung)

 

5. Mai

Ich musste geschlafen haben, denn wenn ich wach gewesen wäre, so sollte es mir doch aufgefallen sein, dass wir uns einem so seltsamen Ort näherten. Der Burghof schien mir, soviel ich in der Dunkelheit erkennen konnte, von beträchtlicher Größe zu sein. Er besitzt mehrere Einfahrten mit mächtigen runden Torbögen, wodurch er aber auch größer erscheinen mag, als er in Wirklichkeit ist. Bei Tageslicht habe ich ihn bisher noch nicht zu Gesicht bekommen.

Die Kalesche hielt, der Kutscher sprang herunter und reichte mir die Hand, um mir beim Aussteigen behilflich zu sein. Ich musste erneut die Kraft bewundern, die in dieser Hand lag. Sie schien eine Schraubzwinge aus Stahl zu sein, die, hätte ihr Besitzer dies nur gewollt, meine Hand mit Leichtigkeit zerquetscht hätte. Dann nahm der Mann mein Gepäck heraus und stellte es neben mich auf den Boden. Ich befand mich vor einem großen, alten Tor, das mit Eisen beschlagen und in einen weit vorragenden Torbogen von massivem Stein eingelassen war. Das schwache Licht reichte gerade noch hin, die Verzierungen des Torbogens wahrzunehmen, allerdings hatten die Figuren schon stark unter der Zeit und dem Wetter gelitten. Sobald alles ausgeladen war, schwang sich der Kutscher wieder auf den Bock, zog die Zügel an und verschwand durch einen der mächtigen schwarzen Torbogen.

Ich aber blieb schweigend auf dem Fleck stehen, denn ich wusste nicht, was nun zu tun wäre. Von einer Glocke oder einem Türklopfer war keine Spur zu sehen, und meine Stimme hätte durch diese drohenden Mauern und dunklen Fensterhöhlen sicher keinen Eingang gefunden. Die Zeit, die ich zum Warten verurteilt war, schien mir endlos, und ich merkte, wie Furcht und Zweifel in mir aufstiegen: Wohin war ich nur geraten und unter was für Leute? Auf welches unheimliche Abenteuer hatte ich mich da eingelassen? Oder war das etwa ein ganz normaler Fall im Leben eines Anwaltsgehilfen, der hinausgeschickt wurde, um mit einem Fremden über den Ankauf eines Londoner Anwesens zu unterhandeln? – Übrigens: »Anwaltsgehilfe«, das hört Mina gar nicht gerne. »Advokat« klingt da schon anders, und kurz bevor ich London verlassen hatte, habe ich ja tatsächlich noch die Mitteilung erhalten, mein Examen bestanden zu haben. Ich bin jetzt also ein vollwertiger Anwalt! – Ich begann jedenfalls meine Augen zu reiben und mich selbst zu kneifen, um zu sehen, ob ich denn wirklich wach wäre. Es schien mir alles wie ein seltsamer Traum, und ich erwartete, plötzlich aufzuwachen, zu Hause zu liegen und durch die Fenster in den fahlen Schein des Morgens zu starren, wie es mir manchmal in Zuständen der Überarbeitung passiert war. Aber mein Fleisch empfand den Schmerz des Kneifens, und meine Augen sahen klar. Ich war also wirklich wach und mitten in den Karpaten. Alles, was mir zu tun übrig blieb, war, mich zu gedulden und den Anbruch des Tages zu erwarten.

Als ich gerade zu diesem Entschluss gelangt war, hörte ich schwere Schritte hinter dem Tor und sah durch die Ritzen ein Licht sich nähern. Dann vernahm ich das Rasseln von Ketten und das Schleifen massiver Türriegel, die zurückgeschoben wurden. Ein Schlüssel drehte sich laut kreischend in dem offenbar selten benutzten Schlüsselloch, und das große Tor ging auf.

In der Türöffnung stand ein hochgewachsener alter Mann, glatt rasiert, mit einem langen weißen Schnurrbart und vom Kopf bis zu den Füßen schwarz gekleidet – kein heller Fleck war an ihm zu sehen. Er hielt eine altertümliche, silberne Lampe in der Hand, deren Flamme von keinem Zylinder oder Schirm geschützt wurde. Sie erzeugte in der Zugluft des offenen Tores lange, zitternde Schatten. Der alte Mann lud mich durch eine verbindliche Geste mit der Rechten ein, näher zu treten, und sagte in vorzüglichem Englisch, aber mit einem fremdartigen Akzent:

»Willkommen in meinem Hause! Treten Sie frei und aus eigenem Entschluss herein!« Dabei machte er keine Bewegung, um mir entgegenzukommen, sondern stand starr wie eine Statue, als hätte ihn sein Willkommensgruß in Stein verwandelt. In dem Augenblick aber, da ich die Schwelle überschritten hatte, trat er rasch auf mich zu, ergriff meine Hand und drückte sie dermaßen, dass ich zusammenzuckte: Seine Hand war so kalt wie Eis, eher wie die eines Toten als eines Lebenden. Dann sagte er erneut:

»Willkommen in meinem Hause! Treten Sie frei herein, fühlen Sie sich geborgen und lassen Sie etwas von der Freude zurück, die Sie hereinbringen!« Die Stärke seines Händedruckes erinnerte mich so sehr an den eisernen Griff des Kutschers, dessen Gesicht ich ja nicht gesehen hatte, dass ich einen Moment glaubte, er und der Mann, mit dem ich jetzt sprach, wären ein und dieselbe Person. Ich fragte also, um sicherzugehen:

»Graf Dracula?« Er verbeugte sich höflich und erwiderte:

»Ich bin Dracula und begrüße Sie, Mr. Harker, in meinem Hause. Kommen Sie herein, die Nachtluft ist kühl, und Sie müssen essen und ruhen.« Während er so sprach, stellte er die Lampe auf eine kleine Konsole an der Wand und ergriff mein Gepäck, noch ehe ich ihn daran hindern konnte. Ich erhob Einspruch, aber er sagte entschieden:

»Bitte, Sie sind mein Gast! Es ist schon spät und meine Dienerschaft ist nicht mehr verfügbar. Lassen Sie mich also selbst für Ihre Bequemlichkeit sorgen.« Darauf trug er meine Koffer durch den Torweg, dann eine steile Wendeltreppe hinauf und schließlich durch einen langen Korridor, auf dessen Steinfliesen unsere Schritte dumpf widerhallten. Am Ende dieses Korridors öffnete er eine schwere Tür, und ich sah ein helles Zimmer, in dem ein gedeckter Tisch zum Nachtmahl bereitstand, während in einem mächtigen Kamin ein großes Holzfeuer flammte und knisterte.

Der Graf blieb stehen, stellte mein Gepäck ab und zog die Tür hinter sich zu. Dann schritt er durch das Zimmer und öffnete eine zweite Tür, die in ein kleines, achteckiges, scheinbar fensterloses Gemach führte, das nur von einer einzelnen Lampe erleuchtet wurde. Jenseits desselben öffnete er eine weitere Tür und bat mich, ihm zu folgen. Es bot sich mir ein willkommener Anblick: ein großes, gut erleuchtetes Schlafzimmer, das von einem Kamin, in dem ebenfalls ein frisch aufgelegtes Holzfeuer prasselte, angenehm durchwärmt wurde. Der Graf brachte mein Gepäck und sagte dann, bevor er mich verließ und die Tür hinter sich schloss: »Sie werden sich nach Ihrer Reise waschen und herrichten wollen. Ich denke, Sie finden alles nach Wunsch. Wenn Sie fertig sind, dann kommen Sie bitte in das andere Zimmer, wo das Abendbrot auf Sie wartet.«

Das Licht, die Wärme und die herzliche Begrüßung des Grafen hatten alle meine Zweifel und Ängste wieder zerstreut. Nachdem ich meine normale geistige Verfassung zurückerlangt hatte, fühlte ich auch meinen quälenden Hunger. Schnell machte ich mich also zurecht und ging ins andere Zimmer hinüber.

Wie gesagt, das Essen war schon angerichtet. Mein Gastgeber stand an der Seite des Kamins, an das Steingesims gelehnt, und lud mich mit einer verbindlichen Handbewegung ein, Platz zu nehmen.

»Ich bitte Sie, setzen Sie sich und essen Sie, wie es Ihnen beliebt. Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich mich nicht beteilige, denn ich habe schon diniert, und zu soupieren bin ich nicht gewöhnt.«

Ich händigte dem Grafen den versiegelten Brief aus, den Mr. Hawkins mir für ihn mitgegeben hatte. Er öffnete ihn und las ihn mit ernster Miene durch, dann gab er ihn mir mit einem freundlichen Lächeln zurück, damit auch ich ihn lese. Ein Absatz bereitete mir besondere Freude:

»Ich bedaure sehr, dass ein Anfall von Gicht, mit welcher ich ja schon immer zu schaffen hatte, mir unbedingt verbot, eine größere Reise zu machen und Sie persönlich aufzusuchen. Ich bin aber so glücklich, Ihnen einen Stellvertreter senden zu können, der mein unbedingtes Vertrauen besitzt: Es ist ein junger Mann, energisch, talentiert und zuverlässig. Mr. Harker ist in meinen Diensten aufgewachsen und sehr diskret. Während seines Aufenthaltes steht er jederzeit zu Ihrer Verfügung, und er ist ermächtigt, Aufträge jeglicher Art von Ihnen entgegenzunehmen …«

Der Graf trat daraufhin selbst an den Tisch heran und hob den Deckel von einer Terrine, in der ein prächtiges gebratenes Huhn lag. Dieses bildete, mit etwas Käse und Salat sowie einer Flasche altem Tokajer, von dem ich zwei Gläser trank, mein Abendbrot. Während ich aß, erkundigte sich der Graf über meine Reise, und ich erzählte ihm der Reihe nach alle meine Erlebnisse.

Schließlich hatte ich die Mahlzeit beendet und mir auf Wunsch des Hausherrn einen Stuhl ans Feuer gezogen. Ich zündete mir eine Zigarre an, die er mir unter der Bitte um Verständnis dafür angeboten hatte, dass er selbst Nichtraucher sei. Nun fand ich auch Gelegenheit, ihn etwas zu beobachten, und ich muss sagen, er besitzt eine sehr ausdrucksvolle Physiognomie.

Er hat eine ausgeprägte Adlernase mit einem schmalen, scharf gebogenen Nasenrücken und auffallend geformten Nüstern. Die Stirn ist hoch und gewölbt, das Haar an den Schläfen dünn, im Übrigen aber voll. Die Augenbrauen sind dicht und wachsen über der Nase zusammen; sie sind sehr buschig und in merkwürdiger Weise gekräuselt. Sein Mund, soweit ich ihn unter dem starken Schnurrbart erkennen konnte, sieht hart und ziemlich grausam aus; die Zähne sind spitz und weiß und ragen über die Lippen hervor, deren auffallende Röte eine erstaunliche Lebenskraft für einen Mann in seinen Jahren bekundet. Die Ohren sind farblos und nach oben hin auffallend spitz, das Kinn breit und kräftig, die Wangen schmal, aber noch straff. Der allgemeine Eindruck ist der einer außerordentlichen Blässe.

Im Schein des Kaminfeuers hatte ich mir seine Hände angesehen, die auf seinen Knien lagen; ich hielt sie zunächst für ziemlich zart und schmal. Nun, da ich sie aus der Nähe sah, bemerkte ich, dass sie eigentlich sehr grob waren, breit und mit eckigen Fingern. Seltsamerweise wuchsen ihm Haare auf der Handfläche. Die Nägel waren lang und dünn, zu nadelscharfen Spitzen geschnitten. Als der Graf sich einmal über mich neigte und diese Hände mich berührten, konnte ich mich eines Grauens nicht erwehren. Möglicherweise war auch sein Atem schuld, denn es überkam mich ein Gefühl der Übelkeit, das ich mit aller Willenskraft nicht zu verbergen vermochte. Der Graf musste dies offenbar bemerkt haben, denn er zog sich mit einem grimmigen Lächeln zurück, das seine Zähne noch mehr hervortreten ließ, und nahm seinen Platz am Kamin wieder ein. Wir schwiegen daraufhin eine Weile, und als ich zum Fenster sah, bemerkte ich die ersten leisen Anzeichen des kommenden Tages. Es herrschte eine beängstigende Stille, doch als ich aufmerksamer lauschte, war es mir, als vernähme ich tief unten in den Tälern das Heulen zahlloser Wölfe. Mit funkelnden Augen sagte der Graf:

»Hören Sie nur, die Kinder der Nacht! Was für eine Musik sie machen!« Mein Gesichtsausdruck zeigte wohl Verständnislosigkeit, denn er beeilte sich hinzuzufügen:

»Ja, Sir, Stadtbewohner wie Sie sind wahrscheinlich nicht imstande, wie ein Jäger zu empfinden.« Dann stand er auf und sagte:

»Übrigens werden Sie müde sein; Ihr Bett ist bereit. Morgen können Sie nach Belieben ausschlafen, denn ich habe bis zum Abend auswärts zu tun. Schlafen Sie also wohl und träumen Sie gut!« Mit einer höflichen Verbeugung öffnete er mir die Tür zu dem achteckigen Zimmer, und ich trat in mein Schlafgemach.

Ich schwimme in einem Meer gemischter Gefühle; ich zweifle, ich fürchte, ich denke an seltsame Dinge, die ich meiner eigenen Seele gar nicht einzugestehen wage. Gott schütze mich, und sei es auch nur um derer willen, die mir teuer sind.

 

7. Mai

Es ist wieder früher Morgen, aber ich habe die letzten vierundzwanzig Stunden geruht und es mir wohl sein lassen. Ich schlief bis spät in den Tag hinein und erwachte von selbst. Als ich mich angekleidet hatte, begab ich mich in das Zimmer, wo ich zu Abend gegessen hatte, und fand ein kaltes Frühstück bereit; der Kaffee war in einer Kanne auf dem Kamin heiß gestellt. Auf dem Tisch lag ein Kärtchen, auf dem die Worte standen:

»Ich muss leider noch einige Zeit auswärts bleiben. Warten Sie nicht auf mich. D.« So setzte ich mich denn hin und ließ mir die Mahlzeit schmecken. Als ich fertig war, suchte ich nach einer Glocke, um von der Dienerschaft abräumen zu lassen, konnte jedoch nirgends etwas Derartiges entdecken. Das war allerdings merkwürdig in einem solchen Haus, das nach allem, was mich umgibt, den Eindruck des größten Reichtums erweckt. Das Tafelservice ist zum Beispiel aus purem Gold und so prunkvoll gearbeitet, dass es einen geradezu unermesslichen Wert besitzen muss. Die Bezüge der Stühle und Sofas und die Vorhänge meines Bettes sind aus den kostbarsten Stoffen gemacht und müssen schon zu der Zeit, da sie angefertigt wurden, einen immensen Preis gekostet haben. Sie sind wohl Jahrhunderte alt, dabei aber vorzüglich erhalten. Ich habe solche Dinge ja auch in Hampton Court6 gesehen, aber da waren sie zerrissen und abgenutzt und von den Motten angefressen. Und doch gibt es seltsame Unzulänglichkeiten in all dem Reichtum: In keinem der Zimmer ist ein Spiegel. Es gibt nicht einmal einen Toilettespiegel über meinem Waschtisch, sodass ich meinen kleinen Handspiegel aus dem Koffer nehmen musste, um mich überhaupt rasieren und frisieren zu können. Ich habe bisher weder einen dienstbaren Geist gesehen noch einen Laut gehört außer dem Heulen der Wölfe um die Burg. Nach Beendigung meiner Mahlzeit – ich weiß nicht, ob ich sie Frühstück oder Dinner nennen soll, denn es war zwischen fünf und sechs Uhr, als ich sie einnahm – sah ich mich nach Lektüre um, denn ich wollte ohne Wissen des Grafen die Burg nicht verlassen. Bücher oder Zeitungen gab es im Speisezimmer nicht, nicht einmal Schreibzeug konnte ich entdecken. Ich öffnete also eine Tür und befand mich überraschenderweise in einer Art Bibliothek. Eine weitere Tür, die der meinen gegenüberlag, fand ich hingegen verschlossen.

In der Bibliothek entdeckte ich zu meiner größten Freude eine reiche Auswahl englischer Bücher, ganze Schränke voll, und gebundene Jahrgänge von Zeitungen und Zeitschriften. Lose Exemplare lagen auf dem Tisch in der Mitte des Raumes, aber keines war von neuerem Datum. Die Bücher hatten die mannigfaltigsten Inhalte – Geschichte, Geographie, Politik, Nationalökonomie, Botanik, Geologie, Rechtspflege –, alles handelte jedoch ausschließlich über England, über englisches Leben, englische Sitten und Gebräuche. Sogar Nachschlagewerke wie das »London Directory«, die »Red« und die »Blue Books« oder »Withaker’s Almanach« waren vorhanden, überdies die Armee- und Marinelisten sowie – mein Herz lachte dabei – die Anwaltsliste.7

Während ich so in den Büchern herumstöberte, öffnete sich plötzlich die Tür, und der Graf trat ein. Er begrüßte mich herzlich und erkundigte sich, wie ich geschlafen hätte. Dann fuhr er fort:

»Es freut mich, dass Sie hier hereingefunden haben, denn ich bin sicher, dass Sie viel Interessantes vorfinden werden. Diese Freunde hier« – er legte die Hand auf eines der Bücher – »sind mir wirklich sehr lieb geworden. Sie haben mir schon vor Jahren, lange bevor ich noch den Entschluss fasste, nach England zu gehen, viele frohe Stunden bereitet. Durch sie habe ich Ihr großartiges, wundervolles England kennengelernt, und es kennen heißt, es zu lieben. Ich sehne mich danach, in den dichtbelebten Straßen Ihres ungeheueren London zu promenieren, mitten in dem Getriebe und Gewühl der Menschen, teilzunehmen an ihrem Leben, ihren Schicksalen, ihrem Sterben und an all dem, was eben London zu dem macht, was es ist. Aber leider kenne ich Ihre Sprache nur aus Büchern. Von Ihnen, mein Freund, erhoffe ich mir Hilfe, sie auch richtig auszusprechen.«

»Aber Herr Graf«, rief ich aus, »Sie verstehen und sprechen das Englische ganz vorzüglich!« Er verbeugte sich würdevoll.

»Ich danke Ihnen, mein Freund, für Ihre schmeichelhafte Anerkennung; aber ich fürchte trotzdem, dass ich erst ein kleines Stück auf dem Weg vorangeschritten bin, den ich ganz zurückzulegen gedenke. Es ist ja richtig, ich kenne die Grammatik und die Wörter, aber ich weiß sie dennoch nicht richtig zu sprechen.«

»Nein wirklich«, wiederholte ich, »Sie sprechen ausgezeichnet.«

»Nein, nein«, entgegnete er. »Ich weiß wohl, dass, wenn ich in Ihrem London lebe und spreche, es keinen gibt, der mir nicht sofort den Fremden anmerkt. Das ist mir nicht genug. Hier bin ich ein Adliger, ein Bojar. Das Volk kennt mich, und ich bin sein Herr. Aber als Fremder im fremden Land ist man gar nichts, niemand kennt mich, und einen nicht kennen, heißt, sich nicht um ihn zu kümmern. Ich will mich in nichts von den anderen unterscheiden und nicht erleben, dass jemand stehen bleibt, wenn er mich sieht, oder seine Rede einen Moment unterbricht, wenn er mich sprechen hört, und lacht: ›Haha, ein Fremder!‹ Ich bin so lange Herr gewesen, dass ich auch Herr bleiben will, wenigstens will ich nicht, dass jemand Herr über mich ist. Sie kommen zu mir nicht allein als Geschäftsträger meines Freundes Mr. Peter Hawkins in Exeter, um mir zu berichten, dass meine Geschäfte in London so oder so stehen. Sie werden hoffentlich eine Zeit lang hierbleiben, damit ich durch das Sprechen mit Ihnen den englischen Akzent erlerne. Und ich bitte Sie, mir zu sagen, wenn ich einen Fehler mache, und sei es der kleinste. Es tut mir leid, dass ich heute so lange wegbleiben musste, aber Sie werden es mir verzeihen, wenn ich Ihnen sage, dass viele wichtige Geschäfte auf mir lasten.«

Ich versicherte ihm, ganz zu seiner Verfügung zu stehen, und erkundigte mich, ob ich die Bibliothek jederzeit betreten könne, wenn mir danach wäre. »Aber selbstverständlich«, sagte er und fügte hinzu:

»Sie können in der Burg hingehen, wohin Sie wollen, außer dahin, wo die Türen verschlossen sind. Dorthin werden Sie übrigens auch gar nicht wollen. Es hat seine Gründe, dass die Dinge nun einmal so sind, wie sie sind; und sähen Sie mit meinen Augen und hätten Sie meine Erfahrungen, so würden Sie mich noch leichter begreifen.« Ich versicherte ihn meiner Zustimmung, und er fuhr fort:

»Wir sind hier in Transsilvanien, und Transsilvanien ist nicht England. Unsere Sitten sind nicht die Ihrigen, und manches mag Ihnen sonderbar erscheinen. Aber nach allem, was Sie mir bislang von Ihren Erlebnissen erzählt haben, wissen Sie ja ohnehin, dass hier seltsame Dinge vorkommen können.«

Dies führte zu einer ausgedehnten Konversation, und da ich bemerkte, dass er gerne plauderte, und sei es nur um des Plauderns willen, so fragte ich ihn vieles über die Dinge, die ich bisher gesehen oder sonst wie erfahren hatte. Zuweilen bog er das Gespräch ab oder unterbrach es, angeblich weil er nicht genau verstanden habe, im Allgemeinen aber antwortete er mir offen auf alle gestellten Fragen. Als dann die Zeit vorrückte und ich etwas kühner wurde, fragte ich ihn über einige der kuriosen Dinge der vergangenen Nacht, so unter anderem auch danach, warum der Kutscher den blauen Flämmchen nachgegangen sei. Ob es wirklich wahr wäre, dass diese Lichter vergrabene Schätze anzeigten? Er erklärte mir, dass allgemein der Glaube verbreitet sei, dass in einer bestimmten Nacht des Jahres – tatsächlich war es gerade die letzte Nacht, in der alle bösen Geister freie Bahn haben sollten – blaue Flammen sich an den Plätzen zeigen, wo ein verborgener Schatz liege. »Solche Schätze sind in der Gegend, durch die Sie vergangene Nacht kamen, tatsächlich vergraben«, fuhr er fort. »Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, denn es ist der Boden, auf dem jahrhundertelang Walachen, Sachsen und Türken miteinander gekämpft haben. Da ist schwerlich auch nur ein Fußbreit Erde zu finden, der kein Menschenblut getrunken hat, von Freund wie Feind. Das waren böse Zeiten, als die Horden der Österreicher und Ungarn sengend herüberkamen und die Einheimischen sich ihnen entgegenstellten – Männer und Frauen, Greise und Kinder – und ihnen in den Felspässen auflauerten, um durch künstliche Lawinen das Verderben in die Feinde zu schleudern. Wenn die Eindringlinge jedoch trotzdem einmal siegten, so fanden sie meist nichts mehr vor, denn was man besaß, hatte man zuvor dem freundlichen Boden anvertraut.«

»Aber wie kommt es dann«, fragte ich, »dass diese Schätze seit so langer Zeit nicht gehoben wurden, wenn so sichere Anzeichen vorhanden sind und man nur die Augen aufzumachen braucht, um sie zu finden?« Der Graf lächelte, wobei sich seine Oberlippe eigentümlich über das Zahnfleisch zurückzog und die langen, scharfen Eckzähne hervortraten. Er antwortete:

»Weil der Bauer in seinem Herzen feige und dumm ist. Diese Flämmchen erscheinen doch nur in einer einzigen Nacht, und in dieser Nacht geht in unserem Land niemand, der nicht unbedingt muss, aus seinem Haus. Und selbst wenn er es wagte, es würde doch zu nichts führen. Er könnte sich die Stellen, an denen er die Lichter sieht, sogar markieren. Schon am nächsten Tag würde er nicht mehr in der Lage sein, sie wiederzufinden. Ich würde sogar schwören, dass auch Sie keinen der Plätze mehr erkennen würden.«

»Da haben Sie wohl recht«, sagte ich darauf, »ich vermag ebenso wenig wie ein Toter nach den Schätzen zu graben.« Dann kamen wir auf andere Dinge zu sprechen.

»Bitte«, sagte der Graf, »erzählen Sie mir von London und von dem Haus, das Sie für mich ausgesucht haben.« Ich entschuldigte mich einen Augenblick und begab mich in mein Zimmer, um die nötigen Papiere aus meinem Koffer zu holen. Während ich diese etwas in Ordnung brachte, hörte ich aus dem Speisezimmer das Klappern von Porzellan und Silber, und als ich zurückkam, war der Tisch abgeräumt und die Lampe angezündet, es dunkelte schon stark. Auch im Bibliothekszimmer waren die Lampen angezündet, und der Graf lag auf dem Sofa, wobei er merkwürdigerweise Bradshaws »Kursbuch von England«8 durchblätterte. Als ich hereintrat, räumte er die Bücher und Zeitungen vom Tisch und vertiefte sich dann mit mir in Pläne, Urkunden und Zahlen aller Art. Er interessierte sich für alles und stellte mir Hunderte von Fragen über das Grundstück und seine Umgebung. Er hatte, wie es mir schien, bereits vorher alles sorgfältig studiert, was er über die Nachbarschaft in Erfahrung bringen konnte, denn er wusste eigentlich mehr als ich. Als ich ihm mein Erstaunen darüber zum Ausdruck brachte, sagte er:

»Allerdings, mein Freund, aber musste ich das denn nicht? Wenn ich dorthin komme, bin ich allein, und mein Freund Harker Jonathan – verzeihen Sie, ich habe nach der Gewohnheit meines Landes Ihren Familiennamen vorangestellt –, mein Freund Jonathan Harker wird mir nicht mehr zur Seite stehen, mich korrigieren und mir helfen. Er wird in Exeter sein, viele Meilen von mir, und vielleicht mit meinem anderen Freund, Mr. Peter Hawkins, Gerichtsakten studieren. Also …«

Wir besprachen daraufhin den Erwerb des Grundstückes in Purfleet. Nachdem ich den Grafen über verschiedene Details unterrichtet und er alle notwendigen Papiere unterzeichnet hatte, schrieb er schließlich noch einen Brief, um ihn den Unterlagen an Mr. Hawkins beizulegen. Dann fragte er mich, wie ich eigentlich auf diese wunderbare Liegenschaft aufmerksam geworden wäre. Ich las ihm die Notizen vor, die ich mir seinerzeit in dieser Angelegenheit gemacht hatte und die ich wörtlich hierher setze:

»In Purfleet, in einer Nebengasse, fand ich ein Grundstück, wie ich es gerade suchte. Eine verwaschene Tafel zeigt an, dass es zu verkaufen ist. Es ist von einer hohen, aus roh behauenen Steinen gefügten Mauer umgeben und wohl seit einer langen Reihe von Jahren nicht mehr instand gehalten worden. Die verschlossenen Tore sind von schwerem Eichenholz und haben verrostete Eisenbeschläge. Das Objekt heißt ›Carfax‹, ohne Zweifel eine Verstümmelung des alten ›Quatre Face‹, denn der Grundriss des Hauses ist quadratisch, wobei die Seiten nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. Das Grundstück ist alles in allem etwa zwanzig Acker groß, vollkommen umschlossen von der oben erwähnten Steinmauer und mit Bäumen bestanden, was ihm einen etwas düsteren Charakter verleiht. Außerdem befindet sich dort ein tiefer, dunkler Teich bzw. ein kleiner See, der offenbar von unterirdischen Quellen gespeist wird. Das Wasser ist klar und fließt in einem hübsch gewundenen Bach ab. Das Haus selbst ist sehr groß und vereint alle Baustile bis zurück ins Mittelalter. Ein Teil des Gebäudes weist ungeheuer dicke Steinwände auf. Hier gibt es nur wenige Fenster, welche in beträchtlicher Höhe angebracht und mit starken Eisen vergittert sind. Dieser Teil sieht wie ein Bergfried oder ein Gefängnis aus, und er liegt gleich neben einer alten Kirche oder Kapelle. Ich konnte ihn zwar nicht betreten, da mir der Schlüssel fehlte, mit dem man vom Haupthaus aus Zutritt nehmen kann, aber ich habe mit meiner Kodak-Kamera9 Außenaufnahmen von allen Seiten gemacht. Das Haus ist immer wieder um Anbauten erweitert worden, und ich kann die Größe der Fläche, die es nun bedeckt, nur annähernd schätzen. In der Nachbarschaft befinden sich nur wenige Gebäude; eines davon ist sehr groß, erst kürzlich gebaut und beherbergt eine privat geführte Irrenanstalt. Vom Grundstück aus ist es jedoch nicht sichtbar.«

Als ich geendet hatte, sagte er: »Es freut mich, dass es so groß und alt ist. Ich selbst stamme aus einer alten Familie, und das Leben in einem neuen Haus würde mich einfach umbringen. Ein Haus kann nicht an einem einzigen Tag wohnlich eingerichtet werden, und wie wenige Tage hat so ein Jahrhundert! Es ist mir auch lieb, eine alte Kapelle dabeizuhaben. Wir transsilvanischen Edelleute wollen nicht, dass unsere Gebeine zwischen denen gewöhnlicher Sterblicher ruhen. Ich suche nicht Lust und Heiterkeit, nicht warmen Sonnenschein und glitzerndes Wasser, wie es die fröhliche Jugend tut. Ich bin nicht mehr jung, und mein Herz ist durch die oft wiederholte Trauer um liebe Tote nicht mehr zum Frohsein gestimmt. Die Mauern meiner Burg sind zerstört; es gibt viele Schatten hier, und der Wind pfeift kalt durch zerbröckelnde Zinnen und Luken. Ich aber liebe das Dunkel und die Schatten, denn ich bin gern allein mit meinen Gedanken.«

Während er so sprach, schienen mir seine Worte und seine Haltung irgendwie nicht zueinander zu passen, vielleicht war es aber auch nur seine eigentümliche Physiognomie, die sein Lächeln so boshaft und finster wirken ließ.

Bald stand er auf und entschuldigte sich für einige Zeit, wobei er mich bat, meine Papiere einstweilen wieder in Ordnung zu bringen. Als er gegangen war, betrachtete ich einige der Bücher, die herumlagen. Eines war ein Atlas – die Karte von England, scheinbar viel benutzt, lag aufgeschlagen. Als ich näher hinsah, fiel mir auf, dass mehrere Orte mit kleinen Kreisen versehen waren; einer an der Ostseite von London, da, wo sein zukünftiges Besitztum lag, einer bei Exeter und einer bei Whitby an der Küste von Yorkshire.

Es dauerte fast eine Stunde, bis der Graf zurückkam. »Ah«, sagte er, »immer noch über den Büchern? Gut. Aber Sie dürfen nicht ständig arbeiten. Kommen Sie, mir wurde mitgeteilt, dass Ihr Abendbrot angerichtet ist.« Er nahm meinen Arm und führte mich in das angrenzende Zimmer, wo ich ein vorzügliches Essen vorfand. Der Graf entschuldigte sich wieder, dass er schon auswärts gegessen habe. Er saß da wie in der Nacht zuvor und plauderte, während ich aß. Nach Tisch rauchte ich wieder, und der Graf blieb bei mir, um mich über alle erdenklichen Dinge zu befragen. Stunde um Stunde verrann. Ich merkte, dass es wirklich sehr spät wurde, sagte aber nichts, da ich mich verpflichtet fühlte, den Wünschen meines Gastgebers in jeder Weise Rechnung zu tragen. Ich war nicht schläfrig, denn die lange Ruhe von gestern hatte mich gekräftigt, aber ich empfand unwillkürlich den Kälteschauer, der einen bei Anbruch des Morgengrauens befällt. Der Wechsel der Tageszeiten ähnelt in seiner Art den Gezeiten des Meeres. Man sagt, dass todkranke Menschen gewöhnlich bei Einbruch der Dämmerung oder beim Wechsel der Gezeiten sterben. Jeder, der schon einmal in größter Müdigkeit auf irgendeinem Posten auszuharren hatte und dabei selbst eine solche Änderung der Atmosphäre erlebt hat, wird das sehr begreiflich finden. Plötzlich ertönte draußen ein Hahnenschrei, der durch die reine Morgenluft in unheimlicher Klarheit zu uns drang. Graf Dracula sprang auf und sagte:

»Was, schon wieder Morgen? Welche Nachlässigkeit von mir, Sie so lange wachzuhalten! Sie müssen Ihre Unterhaltung über mein neues englisches Gastland zukünftig weniger anregend gestalten, sodass ich nicht vergesse, wie die Zeit vergeht.« Dann empfahl er sich mit einer höflichen Verbeugung.

Ich begab mich auf mein Zimmer und zog die Vorhänge zurück, aber da war wenig zu sehen. Mein Fenster ging auf den Hof, über dem das warme Grau des erwachenden Tages lag. So habe ich die Vorhänge wieder zugezogen und hier die Ereignisse des letzten Tages notiert.

 

8. Mai

Als ich mein Tagebuch zu schreiben begann, fürchtete ich, zu weitläufig zu werden; jetzt bin ich aber doch froh, von Anfang an keine Details ausgelassen zu haben. Es ist so merkwürdig hier, dass ich mich wirklich unbehaglich fühle. Ich wünschte, ich wäre wieder fort oder gar nicht erst hierhergekommen. Es mag ja sein, dass mich das seltsame nächtliche Leben hier mitnimmt, aber wenn es nur das allein wäre! Wenn ich nur jemanden hätte, mit dem ich mich aussprechen könnte, dann ließe es sich leichter ertragen. Aber es ist niemand hier. Da ist nur der Graf, aber der … Langsam fürchte ich, die einzige lebende Seele hier in der Burg zu sein … Nun, ich will die Sache so nüchtern betrachten, wie die Fakten es zulassen. Das wird mich aufrechterhalten, denn meine Fantasie darf keine Sprünge machen. Wenn sie damit anfangen sollte, wäre ich verloren. Nun also dazu, wie es um mich steht – oder wie es um mich zu stehen scheint:

Nachdem ich zu Bett gegangen war, habe ich nur wenige Stunden geschlafen. Als ich dann merkte, dass ich nicht mehr weiterschlafen konnte, stand ich auf. Ich hatte meinen Rasierspiegel am Fenster befestigt und begann mich zu rasieren. Plötzlich hörte ich des Grafen Stimme »Guten Morgen!« sagen und fühlte, wie seine Hand sich auf meine Schulter legte. Ich stutzte, denn ich hatte ihn nicht kommen sehen, obgleich der Spiegel mir das gesamte Zimmer zeigte. Vor Überraschung hatte ich mich leicht geschnitten, achtete aber im Augenblick nicht darauf. Nachdem ich den Gruß des Grafen erwidert hatte, sah ich nochmals in den Spiegel, ob ich mich nicht doch getäuscht hätte, diesmal aber war jeder Irrtum ausgeschlossen: Der Mann stand so dicht hinter mir, dass ich ihn über meine Schulter hinweg erblicken konnte – aber der Spiegel zeigte kein Bild von ihm! Obwohl das ganze Zimmer hinter mir sichtbar dalag, war außer mir niemand zu sehen! Das war äußerst befremdlich und bildete den Gipfel der bisher erlebten vielen kleinen Merkwürdigkeiten. Das vage Unbehagen, das ich von Anfang an in der Nähe des Grafen empfunden hatte, steigerte sich deutlich; zugleich bemerkte ich, dass die kleine Verletzung blutete und dass das Blut über mein Kinn heruntertropfte. Ich legte das Rasiermesser weg und wandte mich um, mir ein Pflaster zu suchen. Als der Graf jedoch mein Gesicht sah, erglänzten seine Augen in dämonischem Feuer, und er streckte die Hand nach meiner Kehle aus. Ich fuhr unwillkürlich zurück, wodurch seine Hand die Perlen meines Rosenkranzes streifte. Das erzeugte einen raschen Wandel in ihm, und seine Erregung legte sich so schnell wieder, dass es schien, als wäre sie nie vorhanden gewesen.

»Nehmen Sie sich in Acht«, sagte er, »dass Sie sich nie schneiden. In diesem Land ist das gefährlicher, als Sie glauben!« Dann ergriff er meinen Rasierspiegel und fuhr fort: »Und dieses verfluchte Ding hier ist schuld daran. Es ist ein schlechtes Spielzeug menschlicher Eitelkeit. Fort damit!« Mit einer schnellen Bewegung öffnete er das große Fenster und warf den Spiegel hinaus, der tief unten auf dem Pflaster des Burghofes in tausend Scherben zersprang. Dann ging er weg, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Nun muss ich, wenn ich beim Rasieren etwas sehen will, den Deckel meiner Uhr benutzen oder den Boden meiner Seifenschale, die zum Glück aus Metall ist.

Als ich schließlich ins Speisezimmer hinaustrat, war das Frühstück bereit, aber vom Grafen war nichts zu sehen. So aß ich denn allein. Es ist merkwürdig, dass ich den Grafen bis heute noch nicht essen oder trinken sah; er scheint überhaupt ein komischer Kauz zu sein. Nach dem Frühstück unternahm ich eine Besichtigung der Burg. Ich entdeckte dabei ein kleines Zimmer mit wunderbarer Aussicht nach Süden. Die Burg steht am Rand eines steilen Abgrundes, ein aus dem Fenster geworfener Stein fiele wohl über tausend Fuß tief, ohne irgendwo anzustoßen. So weit das Auge reicht, flutet ein Meer von grünen Baumwipfeln, das nur von Schluchten unterbrochen wird. Da und dort glänzen Flüsse wie Silberstreifen, die sich in tief eingerissenen Betten durch die Wälder winden. Aber ich bin nicht in der Laune, Naturschönheiten zu schildern. Nachdem ich mich einen Augenblick lang dem Reiz dieser herrlichen Natur hingegeben hatte, setzte ich meine Untersuchung fort und fand Türen, Türen, Türen überall; alle verschlossen und verriegelt; nirgends ein Ausweg als durch die Fenster!

Die Burg ist ein Gefängnis, und ich bin ein Gefangener!

DRITTES KAPITEL

 

Jonathan Harkers Tagebuch

(Fortsetzung)

 

Als ich zu der Erkenntnis gekommen war, ein Gefangener zu sein, ergriff mich eine Art Raserei. Ich rannte die Stiegen hoch und runter, probierte jede Tür und spähte zu jedem Fenster hinaus, das mir erreichbar war, aber bald überkam mich das Bewusstsein meiner vollkommenen Hilflosigkeit. Wenn ich jetzt nach ein paar Stunden zurückblicke, so scheint es mir, dass ich wirklich verrückt gewesen sein muss, denn ich habe mich wie eine Ratte in der Falle benommen. Nachdem ich dann aber meine verzweifelte Lage eingesehen hatte, setzte ich mich ruhig nieder – so ruhig, wie ich nur je etwas in meinem Leben getan habe – und sann darüber nach, was nun am besten zu tun wäre. Darüber denke ich immer noch nach, und bis jetzt bin ich noch zu keinem Resultat gekommen. Eines aber weiß ich gewiss: Es wäre vollkommen widersinnig, mir vor dem Grafen von meinen Plänen etwas anmerken zu lassen. Er weiß recht wohl, dass er mich gefangen hält, und da er selbst es tut und seine eigenen Beweggründe dafür haben wird, würde er mir höchstens Schwierigkeiten in den Weg legen, wenn ich ihm etwas von meinen Absichten sagen würde. Soweit ich es bis jetzt beurteilen kann, ist es das Beste, ich lasse nichts von meinen Erfahrungen und Befürchtungen verlauten und halte die Augen offen. Ich werde entweder wie ein kleines Kind von meiner Angst getäuscht oder ich befinde mich in einer verzweifelten Klemme. Ist Letzteres der Fall, so muss ich unbedingt meinen ganzen Verstand daransetzen, wieder herauszukommen.

Kaum war ich zu diesem Entschluss gelangt, da hörte ich, wie sich unten die schwere Tür schloss: Der Graf war wieder zurück. Da er aber nicht zu mir in die Bibliothek kam, ging ich leise in mein Zimmer und traf ihn gerade an, wie er mein Bett in Ordnung brachte. Das war nun sehr merkwürdig, aber es bestätigte mir nur, was ich schon die ganze Zeit vermutet hatte: dass es nämlich gar keine Dienstboten im Hause gab! Als ich ihn dann später durch eine Türspalte das Dinner auftragen sah, war ich meiner Sache sicher, denn wenn er diese häuslichen Verrichtungen alle selbst besorgt, so steht doch außer Zweifel, dass er eben niemanden dafür hat. Ein jäher Schreck durchfuhr mich, denn wenn niemand sonst im Hause war, dann musste der Graf selbst auch das Fuhrwerk gelenkt haben, das mich hierhergebracht hatte. Ein scheußlicher Gedanke, denn hatte er nicht auch Gewalt über die Wölfe gehabt und ihnen mit einem Wink seiner Hand Ruhe befohlen? Warum hatten die Leute in Bistritz und meine Reisegefährten eine so lebhafte Sorge um mich gehabt? Was bedeutete es, dass man mir das Kruzifix, Knoblauch, wilde Rosen und Ebereschenzweige schenkte? Wie dankbar bin ich der guten alten Frau, die mir den Rosenkranz um den Hals gehängt hat; es ist ein Trost und eine Stärkung für mich, ihn zu berühren. Seltsam, dieses Ding, welches ich bisher mit einer gewissen Missachtung als götzendienerisches Symbol zu betrachten gewohnt war, bringt mir nun Hilfe in meiner Einsamkeit und Not. Liegt das an der Beschaffenheit des Dinges selbst oder ist es nur das Medium, das eine trostreiche Erinnerung an das Mitgefühl der Geberin wachruft? Später einmal, wenn es mir noch möglich sein sollte, muss ich diese Sache eingehend studieren und mir Aufklärung darüber verschaffen. Vorerst gilt es, alles auszukundschaften, was den Grafen Dracula betrifft und was mir das Verständnis seines Wesens ermöglichen kann. Heute Abend muss er mir Rede und Antwort stehen, wenn ich das Gespräch auf diese Dinge lenke. Allerdings heißt es, äußerst vorsichtig sein, um seinen Verdacht nicht zu wecken.

 

Mitternacht

Ich habe ein sehr langes Gespräch mit dem Grafen geführt. Ich fragte ihn einiges über die Geschichte seines Geschlechtes und Transsilvaniens, und er wurde bei diesem Thema auffallend warm. Seine Erzählungen von Personen, Ereignissen und insbesondere Schlachten waren so lebhaft, dass man hätte glauben können, er hätte alles selbst erlebt. Er erklärte dies so: Der ganze Stolz eines Bojaren besteht im Ruhm seines Hauses und seines Namens – ihr Ruhm ist sein Ruhm, ihr Schicksal ist sein Schicksal. Wann immer der Graf von seinem Geschlecht erzählte, sagte er »wir«, und auch von sich selbst redete er im Plural, ganz wie ein König. Ich bedauere, dass ich hier nicht alles genau so niederlegen kann, wie er es erzählte, denn es war äußerst faszinierend. Die ganze Geschichte seines Landes schien er vor mir aufzurollen. Er sprach immer erregter und ging im Zimmer umher, wobei er seinen langen, weißen Schnurrbart strich und seine starken Hände auf verschiedene Gegenstände legte, als wolle er sie zerdrücken. Eines aber, was mir besonders im Gedächtnis haften blieb, möchte ich so wörtlich wie möglich wiedergeben; es enthüllt mehr als alles andere die Geschichte seines Geschlechtes:

»Wir Szekler sind zurecht stolz, denn in unseren Adern fließt das Blut so manches tapferen Volkes, das wie ein Löwe um die Macht gekämpft hat. Hierher, in den Wirbel der europäischen Rassen trug der ugrische Stamm von Island den wilden Kampfgeist herunter, den Wotan und Thor ihm eingepflanzt hatten. Sie überschwemmten als gefürchtete Berserker die Küsten Europas, und die von Asien und Afrika dazu, sodass die Völker dachten, ein Heer von Werwölfen wäre über sie hereingebrochen. Als sie in dieses Land kamen, trafen sie mit den Hunnen zusammen, deren grausame Kriegslust wie eine lodernde Fackel über die Erde gefegt war, und von denen die sterbenden Nationen sich erzählten, sie wären Nachkommen jener Hexen, die einst, aus dem Skythenland vertrieben, sich in der Steppe mit Teufeln gepaart hätten. Welche Narren, welche Narren! Welcher Teufel, welche Hexe wäre je so mächtig gewesen wie Attila, dessen Blut auch in diesen Adern kreist?« Er streckte seine Arme aus. »Ist es da ein Wunder, dass wir ein Stamm von Eroberern, dass wir stolz sind? Wo wir die Horden der Magyaren, der Lombarden, der Awaren, der Bulgaren und der Türken, die zu Tausenden gegen unsere Grenzen brandeten, zurückgetrieben haben? Ist es verwunderlich, dass, als Arpad10 mit seinen Legionen das ungarische Land überschwemmte, er nur bis an unsere Grenzen kam, wo er auf uns traf und die Honfoglalás ein Ende hatte?11

Als die Flut der Ungarn weiter nach Osten schwappte, sahen die siegreichen Magyaren uns Szekler als Verwandte, und uns ward für Jahrhunderte der Schutz der Grenze gegen die Türken anvertraut – was keine leichte Aufgabe war, denn, wie der Türke sagt: ›Das Wasser schläft, aber der Feind schläft nie!‹ Niemand unter den Vier Nationen**nahm das blutige Schwert freudiger auf als wir, niemand eilte geschwinder zur Standarte des Königs, wenn zu den Waffen gerufen wurde! Dann kam die große Schmach unseres Volkes, die Schmach von Cassova. Wer war es, der als Woiwode die Donau überschritt und die Türken auf eigenem Boden schlug, als die Banner der Walachen und Magyaren vor dem Halbmond in den Staub sanken? Wer anders als einer meines Geschlechtes, ein Dracula! Als er jedoch gefallen war, da verkaufte sein eigener unwürdiger Bruder das Volk an die Türken zu schmachvoller Knechtschaft. Dann aber war es wieder jener Geist des ersten Dracula, der einen Späteren seines Geschlechts über den breiten Strom gehen und ins Land der Türken einfallen ließ, immer und immer wieder. Wurde er auch zurückgetrieben, wurde sein Heer auch vernichtet und kehrte er auch als Einziger zurück, so griff er dennoch wieder an, denn er wusste, dass nur er allein den Sieg erzwingen konnte. Manche behaupteten, er hätte nur an sich gedacht! Pah, wozu taugen Bauern denn ohne einen Herren? Wie soll denn ein Feldzug gelingen, ohne einen Kopf und ein Herz, ihn zu führen? Nun, als wir nach der Schlacht von Mohács12 das ungarische Joch abschüttelten, da waren wieder wir aus dem Blute der Dracula die Anführer, denn unser stolzer Geist konnte das Bewusstsein nicht ertragen, unfrei zu sein. Ja, junger Herr, die Szekler und die Draculas als ihr Herzblut, ihr Hirn und ihr Schwert können sich einer Vergangenheit rühmen, an die diese Emporkömmlinge von Romanows oder Habsburgern niemals heranreichen werden! – Aber heute sind die kriegerischen Zeiten vorbei. Blut ist ein zu kostbares Ding in diesen Tagen des ehrlosen Friedens, und der Ruhm großer Geschlechter ist nur noch ein Märchen, das man sich erzählt …«

Darüber war schon fast wieder der Morgen angebrochen, und wir gingen zu Bett. (Anm.: Das Tagebuch ähnelt erschreckend den Erzählungen aus »Tausendundeiner Nacht«, denn immer bricht es mit dem ersten Hahnenschrei ab. Ganz ähnlich auch wie der Geist von Hamlets Vater.)

 

12. Mai

Ich will mit Tatsachen beginnen, reinen, nackten Tatsachen, die durch Bücher und Zahlen belegt sind und an denen nicht gezweifelt werden kann. Ich darf sie nicht mit eigenen Beobachtungen und Erfahrungen vermischen. Als der Graf am letzten Abend aus seinem Zimmer kam, begann er mich sofort über juristische Dinge auszufragen und über die Schritte, die er zur Ausführung seiner Absicht zu tun habe. Ich hatte den ganzen Tag fleißig über den Büchern verbracht und war, um nicht unbeschäftigt zu sein, auf die Idee gekommen, einiges zu wiederholen, was mir bei der Prüfung in Lincoln’s Inn13 vorgelegt worden war. Es lag eine eigene Methode in den Fragen des Grafen, und ich werde deshalb versuchen, sie möglichst der Reihe nach wiederzugeben; vielleicht sind mir diese Notizen irgendwo und irgendwann von Nutzen.

Zuerst fragte er mich, ob es in England gestattet sei, zwei oder mehr Sachwalter für seine Geschäfte zu haben. Ich sagte ihm, er könne ein ganzes Dutzend anstellen, wenn es ihm beliebe, aber dass es nicht sehr klug wäre, mehr als einen Advokaten in seiner Angelegenheit zu engagieren, denn es könne doch immer nur einer wirklich tätig sein, und ein Wechsel würde seinen Interessen direkt zuwiderlaufen. Er schien mich vollkommen zu verstehen und fragte weiter, ob es wohl dann zweckmäßig wäre, einen Anwalt für Geldsachen und einen anderen für Auswärtiges zu bestellen, falls irgendwo in größerer Entfernung ein lokales Eingreifen nötig wäre. Ich bat ihn, sich klarer auszudrücken, damit ich ihn nicht aufgrund eines Missverständnisses falsch berate. Er sagte darauf:

»Ich will es durch ein Beispiel illustrieren. Unser gemeinsamer Freund, Mr. Peter Hawkins, kauft von seinem Büro im Schatten Ihrer herrlichen Kathedrale von Exeter mit Ihrer freundlichen Mithilfe für mich ein Grundstück in London. Gut. Sie können nun einwerfen, dass ich auch einen Anwalt hätte nehmen können, der in London selbst wohnt; ich muss Ihnen aber offen gestehen, dass mir daran gelegen war, dass mein Bevollmächtigter durch absolut nichts anderes geleitet werden sollte als durch meine speziellen Wünsche. Und weil es ja nicht ausgeschlossen ist, dass ein Londoner Advokat seine oder seiner Freunde Interessen im Auge hat, beschloss ich, mir einen Anwalt aus der weiteren Umgebung von London zu wählen, dessen Tätigkeit sich allein nach meinen Interessen richtet. Nun nehmen wir einmal an, ich wollte Güter per Schiff nach Newcastle, Durham, Harwich oder Dover transportieren lassen – was bei der Ausdehnung meiner Geschäfte nicht ausgeschlossen ist. Wäre es da nicht besser, meine Angelegenheiten durch einen am betreffenden Ort ansässigen Agenten besorgen zu lassen?« Ich erwiderte, dass die Sache ohne Zweifel ihre guten Seiten hätte, aber auch, dass wir Advokaten einen Interessenverband bildeten, wobei einer für den anderen die Erledigung lokaler Angelegenheiten übernimmt. Für seinen Zweck würde es daher genügen, seinen Anwalt einfach mit der Sache zu beauftragen; die betreffenden Wünsche würden dann auf dem genannten Wege erfüllt.

»Ganz recht«, antwortete er, »aber ich habe in England doch wohl auch die Freiheit, meine Geschäfte gänzlich alleine zu führen, nicht wahr?«

»Allerdings«, entgegnete ich »Auf diese Weise agieren bevorzugt Geschäftsleute, die die Kenntnis der Gesamtheit ihrer Unternehmungen keiner anderen Person anvertrauen wollen.«

»Gut«, sagte er und erkundigte sich dann weiter nach der Art, wie man am besten Schiffstransporte organisiere und welche Formalitäten zu erfüllen wären. Er erwog die Schwierigkeiten, auf die sein Unternehmen eventuell stoßen könnte, und wie solchen am vorteilhaftesten zu begegnen wäre. Ich klärte ihn nach meinem besten Wissen über alle diese Dinge auf und gewann schließlich den Eindruck, dass er selbst einen vorzüglichen Advokaten abgegeben hätte, denn es gab nichts, woran er nicht gedacht, was er nicht in den Kreis seiner Erwägungen mit einbezogen hätte. Dafür, dass er noch nie in meinem Land gewesen und offenbar wenig mit derartigen Geschäftsangelegenheiten zu tun gehabt hatte, waren seine Kenntnisse und sein Scharfsinn geradezu erstaunlich. Als er sich über alles, was er wissen wollte, hinreichend informiert zu haben schien und ich meine Angaben anhand der verfügbaren Bücher so gut wie möglich überprüft hatte, stand er plötzlich auf und fragte:

»Haben Sie seit Ihrem ersten Brief noch einmal an unseren Freund Mr. Peter Hawkins geschrieben, oder an jemand anderen?« Mit einer gewissen Verbitterung antwortete ich, dass dies noch nicht geschehen wäre, da ich zur Absendung von Briefen bisher noch keine Gelegenheit gehabt hätte.

»Dann schreiben Sie gleich jetzt, mein junger Freund«, sagte er, indem er seine Hand schwer auf meine Schulter legte. »Schreiben Sie an unseren Freund und an wen Sie wollen und teilen Sie mit, dass Sie wenigstens noch einen Monat hier zu verweilen gedenken.«

»Wollen Sie denn ganz sicher, dass ich noch so lange bleibe?«, fragte ich, und es überlief mich kalt bei diesem Gedanken.

»Ich wünsche es nicht nur, ich würde es Ihnen sogar übelnehmen, wenn Sie früher fortwollten. Wenn Ihr Vorgesetzter und, wenn Sie wollen, Arbeitgeber jemanden zu seiner Vertretung schickt, so glaube ich doch wohl, dass in erster Linie meine Bedürfnisse berücksichtigt werden. Schließlich bin ich kein knauseriger Klient, nicht wahr?«

Was konnte ich da anderes tun als zustimmen? Schließlich war es Mr. Hawkins’ Geschäft, nicht meines, und ich musste als sein Vertreter an ihn denken, nicht an mich. Außerdem lag in Draculas Augen und in seinem Benehmen etwas, was mich daran erinnerte, dass ich sein Gefangener war und dass mir ja doch keine Wahl blieb. Der Graf erkannte seinen Sieg in meiner zustimmenden Verbeugung und in der Erregung meiner Gesichtszüge, denn er fuhr in seiner verbindlichen, aber keinen Widerspruch duldenden Art fort:

»Ich bitte Sie, lieber junger Freund, in Ihren Briefen nur Geschäftliches zu berühren. Ansonsten wird es Ihren Freunden ohne Zweifel lieb sein zu erfahren, dass es Ihnen gutgeht und dass Sie sich darauf freuen, sie bald wiederzusehen. Ist es nicht so?« Während er dies sagte, gab er mir drei Briefbogen und drei Kuverts. Sie waren von feinstem, fast durchsichtigen Überseepapier. Ich sah auf die Briefbogen und dann auf ihn und bemerkte sein ruhiges Lächeln, das die spitzen weißen, über die Unterlippe ragenden Eckzähne entblößte. Mir wurde klar, dass ich aufpassen muss, denn er wird alles lesen, was ich schreibe. Ich beschloss daher, Mr. Hawkins und Mina nur einige förmliche Zeilen zu schreiben, insgeheim aber den beiden auch noch ausführliche Briefe zu schicken. An Mina konnte ich zudem in Kurzschrift schreiben, was den Grafen vor ein Rätsel stellen dürfte, sollte der Brief dennoch in seine Hände fallen. Als ich meine zwei offiziellen Briefe fertig hatte, saß ich eine Weile still und las in einem Buch, während der Graf mehrere Schreiben verfasste, für die er häufig die vor ihm liegenden Bücher konsultierte. Dann nahm er meine beiden Briefe und legte sie zu den seinen. Nachdem er das Schreibzeug wieder in Ordnung gebracht hatte, verließ er das Zimmer, und ich benutzte rasch die Gelegenheit, nach den Adressen seiner Briefe zu sehen, die umgekehrt auf dem Tisch lagen. Ich machte mir kein schlechtes Gewissen aus diesem Vertrauensbruch, denn unter den gegebenen Umständen hielt ich alles für erlaubt, wodurch ich mich vielleicht retten konnte. Der eine war an Mr. Samuel F. Billington, No. 7, The Crescent, Whitby, der andere an Herrn Leutner, Varna, gerichtet; der dritte trug die Adresse: Coutts & Co., London, der vierte die der Bankiers Kloppstock & Billreuth, Budapest. Der zweite und der vierte Brief waren noch nicht geschlossen. Eben wollte ich nach ihrem Inhalt sehen, da bemerkte ich, dass sich die Türklinke bewegte. Rasch ließ ich mich auf meinen Stuhl zurückfallen, nachdem ich gerade noch Zeit gehabt hatte, die Briefe wieder in ihre ursprüngliche Ordnung zu bringen und mein Buch zu ergreifen. Schon trat der Graf ins Zimmer, einen weiteren Brief in der Hand. Er nahm die anderen Briefe vom Tisch, verschloss sie sorgfältig und wandte sich dann an mich:

»Ich hoffe, Sie werden es mir nicht verübeln, aber ich habe heute Abend in dringenden Privatangelegenheiten zu tun. Sie werden, denke ich, alles finden, was Sie brauchen.« An der Tür drehte er sich noch einmal um und sagte nach einer kurzen Pause:

»Lassen Sie sich raten, lieber junger Freund – nein, lassen Sie sich lieber in allem Ernst davor warnen, in einem anderen Teil der Burg zu schlafen, falls Sie die Absicht haben, einmal diese Räume zu verlassen. Die Burg ist alt und hat eine seltsame Vergangenheit; schlechte Träume haben die, welche sich unvorsichtig verhalten. Also seien Sie gewarnt! Sollte Sie irgendwann der Schlaf übermannen, so eilen Sie sofort in Ihr Zimmer oder in eines dieser Gemächer, dann ist Ihre Ruhe gesichert. Sind Sie aber unvorsichtig in dieser Beziehung, dann …« Er schloss seine Rede in unheimlicher Weise, indem er seine Hände rieb, als würde er sich waschen. Ich verstand ihn vollkommen, aber ich zweifelte daran, dass irgendein Traum scheußlicher sein konnte als dieses unnatürliche, grauenhafte Netz von Geheimnissen, das sich um mich zusammenzuziehen scheint.

 

Später am selben Abend

Ich bestätige meine oben stehenden letzten Worte, denn jetzt kann kein Zweifel mehr bestehen. Ich werde mich aber nicht fürchten, woanders zu nächtigen, wenn nur er nicht dort ist. Den Rosenkranz habe ich jetzt über meinem Bett aufgehängt, und dort soll er bleiben – ich hoffe, dass mein Schlaf so freier von Träumen ist.

Als der Graf mich verlassen hatte, zog ich mich zunächst in mein Zimmer zurück. Nach einer kleinen Weile aber, als ich keinen Laut mehr hörte, verließ ich es wieder und ging die steinernen Stufen bis zu dem Raum hinauf, von dem aus man einen Ausblick nach Süden hat. Ich musste dringend ein paar Atemzüge frischer Luft bekommen, und wäre es auch nur die der Nacht über der Burg. Die weite Ebene schien mir ein Bild der Freiheit, die mir unerreichbar ist – ein schmerzlicher Gegensatz zur dunklen Enge des Burghofes. Wann immer ich auf diesen hinuntersah, hatte ich tatsächlich das Gefühl, ein Gefangener zu sein. Ich fühle, dass diese Nachtexistenz mir schadet, dass sie meine Nerven angreift. Ich erschrecke vor meinem eigenen Schatten und habe die schrecklichsten Gesichte – Gott weiß, dass an diesem verwünschten Ort Grund zu jeglicher Sorge gegeben ist. Ich sah also hinaus in die von sanftem, gelblichem Mondschein durchflutete, wundervolle Weite. In dem ungewissen Licht verschwammen die Umrisse der fernen Hügel, und die Schatten in den Tälern und Schluchten waren von samtartiger Schwärze. Der Anblick dieser Schönheit gab mir Mut, und mit jedem Atemzug sog ich Frieden und Trost ein. Als ich mich darauf aber leicht aus dem Fenster lehnte, wurde mein Blick durch etwas gefesselt, das sich ein Stockwerk tiefer, links von mir bewegte; nach der Lage der Zimmer mussten sich hier die Fenster des Grafen befinden. Das Fenster, an dem ich stand, war groß und ebenso tief wie die dicken Mauern. Auch hatte es einen steinernen Pfosten und war, obgleich verwittert, dennoch ganz gut erhalten. Ich versteckte mich also hinter dem Mauerwerk und spähte angestrengt hinaus.

Das Erste, was ich bemerkte, war der Kopf des Grafen, der sich aus dem Fenster reckte. Zwar konnte ich das Gesicht nicht sehen, aber ich erkannte den Nacken und die Bewegungen des Rückens und der Arme. Der letzte Zweifel schwand schließlich, als ich die Hände erkannte, die zu studieren ich ja schon reichlich Gelegenheit gehabt hatte. Zuerst blickte ich nur voller Interesse hinaus, beinahe belustigt, denn es ist eigenartig, welche Kleinigkeiten einen Gefangenen interessieren und belustigen können. Aber diese Gefühle verwandelten sich in Abscheu und Entsetzen, als ich sah, wie sich der ganze Körper aus dem Fenster zwängte und, mit dem Kopf nach unten, an der Burgmauer über den fürchterlichen Abgrund hinunterkletterte. Der Mantel umflatterte die Gestalt wie ein Paar großer Flügel. Zuerst wollte ich meinen Augen nicht trauen, ich dachte, es wäre eine Täuschung durch das Mondlicht oder irgendein Schattenspiel. Dann aber sah ich genauer hin: Nein, es war kein Irrtum möglich. Ich sah deutlich, wie sich seine Finger und Zehen in die Mauerritzen krallten, denen die Zeit den Mörtel herausgewaschen hatte. Er kletterte, indem er sich die kleinste Unebenheit zunutze machte, mit so beträchtlicher Geschwindigkeit abwärts wie eine Eidechse, die eine Mauer hinunterläuft.

Was ist das für ein Mensch, oder vielmehr, was ist das für eine Kreatur, die sich hier in Menschengestalt verbirgt? Das Entsetzen vor diesem schrecklichen Ort überwältigt mich, ich fühle es, ich bin in Angst, in schrecklicher Angst, und ich sehe keinen Ausweg. Ich bin von Gefahren umgeben, die ich mir gar nicht vorstellen kann …

 

15. Mai

Erneut habe ich den Grafen auf Eidechsenart die Burg verlassen sehen. Er stieg schräg hinunter, wohl hundert Fuß tief und etwas nach links. Dann verschwand er in einer Höhle oder einem Fenster. Als sein Kopf nicht mehr sichtbar war, lehnte ich mich hinaus, um mehr zu sehen, aber ohne Erfolg – die Entfernung war zu groß, um aus meinem Blickwinkel noch etwas zu erkennen. Ich wusste aber, dass er die Burg verlassen hatte, und wollte diese Gelegenheit auszunutzen, um mehr herauszufinden, als mir bis jetzt gelungen war. Daher ging ich in mein Zimmer zurück, holte meine Lampe und probierte auf meiner Etage eine Tür nach der anderen. Sie alle waren, wie ich es nicht anders erwartet hatte, verschlossen, und die Schlösser waren verhältnismäßig neu. Daraufhin stieg ich die Steintreppe hinunter und gelangte in die große Halle, durch die ich in die Burg eingetreten war. Hier vermochte ich zwar die Riegel des Tores zurückzuschieben und die Ketten auszuhängen, aber das Tor war verschlossen und der Schlüssel fehlte. Er muss im Gemach des Grafen sein, es gilt also aufzupassen, wann dessen Tür einmal unverschlossen ist, sodass ich den Torschlüssel von dort holen und entfliehen kann. Ich unternahm dann eine gründliche Untersuchung der verschiedenen Treppen und Gänge, wobei ich jede Tür, auf die ich traf, zu öffnen versuchte. Einige kleine, an die Halle angrenzende Zimmer waren tatsächlich offen, aber es war nichts in ihnen zu finden als altes Mobiliar, grau, verstaubt und von Motten zerfressen. Schließlich entdeckte ich am Ende einer Treppe doch noch eine Tür, die zwar verschlossen war, die aber unter meinem Druck etwas nachzugeben schien. Ich versuchte es stärker und fand, dass sie nicht eigentlich verschlossen war; der Widerstand rührte daher, dass die Türangeln sich gesenkt hatten und der Türflügel am Boden klemmte. Das war nun eine Gelegenheit, wie sie sich so schnell nicht wieder bieten mochte; ich nahm also meine ganze Kraft zusammen, und es gelang mir, die Tür zumindest so weit zu öffnen, dass ich hindurchschlüpfen konnte. Ich befand mich darauf in dem Flügel der Burg, der sich rechts von den mir bekannten Räumen hinzog, aber ein Stockwerk tiefer. Aus dem Fenster blickend erkannte ich, dass diese Zimmerreihe den südlichen Teil der Burg bilden musste. Das letzte Zimmer hatte Fenster nach Süden und Westen, nach beiden Richtungen hin blickte man jedoch in einen tiefen Abgrund. Die Burg ist offenbar auf einer Felszunge errichtet und von drei Seiten aus unzugänglich. In diesem Raum, wohin weder Schleudern noch Bogen oder Feldschlangen14 reichten, waren große Fenster angebracht; das Zimmer, das gegen keinen feindlichen Angriff gesichert werden musste, war licht und schön. Nach Westen hin dehnte sich ein weites Tal, und fern, ganz fern erhoben sich gezackte Felswälle, Gipfel an Gipfel. Die steilen Wände waren bewachsen mit Bergesche und Dorngestrüpp, deren Wurzeln sich in den Spalten und Rissen des Gesteins festklammerten. Hier war ich offenbar in dem vor langen Zeiten von Damen bewohnten Teil der Burg, denn die Möbel waren weit bequemer, als ich sie bisher gesehen hatte. Die Fenster waren ohne Vorhänge, und das gelbe Mondlicht flutete so hell durch die kristallklaren Scheiben, dass man sogar Farben erkennen konnte. Zugleich machte es den Staub, der über allem lag, weniger sichtbar und verwischte die Spuren der Zeit und der Motten einigermaßen. Mein Licht schien in dem glänzenden Mondschein nur schwach zu leuchten, aber ich war froh, dass ich es hatte, denn es lag eine schreckliche Einsamkeit über dem Raum, die mir das Herz zusammenzog. Allerdings war es mir hier immer noch wohler als allein in meinem eigenen Zimmer, das mir durch die Gegenwart des Grafen verleidet worden war. Meine nervöse Erregung legte sich allmählich, und mich ergriff eine wohltuende Ruhe. So sitze ich nun an einem kleinen Eichentisch, an dem vor langen Zeiten vielleicht manche hübsche Dame mit vielen Gedanken und vielem Erröten unbeholfen einen Liebesbrief buchstabierte, und schreibe stenografisch in mein Tagebuch alles, was mir seit meiner letzten Eintragung passiert ist. Wir leben also wirklich im neunzehnten Jahrhundert? Wenn mich meine Sinne nicht trügen, so haben die vergangenen Jahrhunderte immer noch eine Macht, die auch unsere Modernität nicht zu besiegen vermag.

 

Später, am Morgen des 16. Mai

Gott schütze meinen Verstand, das ist alles, was ich noch sagen kann. Sicherheit und Sicherheitsgefühl sind für mich vergangene Dinge. Solange ich hier noch lebe, hoffe ich nur eines: dass ich nicht wahnsinnig werde – wenn ich es nicht schon bin. Bin ich aber noch bei Sinnen, dann ist der Gedanke geeignet, einen verrückt zu machen, dass von all den scheußlichen Dingen, die an diesem verhassten Ort spuken, der Graf noch lange nicht das schrecklichste ist. Nur bei ihm finde ich wohl Schutz, und sei es auch nur so lange, wie ich seinen Zwecken diene. Großer Gott, gnädiger Gott! Lass mich Ruhe bewahren, denn sonst ist der Wahnsinn mein Los. Einige Dinge, die mich bisher verwirrt hatten, erscheinen mir nun in einem neuen Licht. So hatte ich bis heute nicht verstanden, was Shakespeare meinte, wenn er Hamlet sagen ließ:

»Schreibtafel her, ich muss mir’s niederschreiben.

Dass einer lächeln kann, und immer lächeln,

Und doch ein Schurke sein …«15

Aber jetzt, da ich mich fühle, als ginge mein Gehirn aus den Fugen, als hätte mich ein vernichtender Schlag getroffen, greife auch ich wieder zu meinem Tagebuch. Die strikte Gewohnheit, pünktlich meine Eintragungen zu machen, soll meine Angst etwas abschwächen.

Des Grafen mysteriöse Warnung hatte mich schon erschreckt, als er sie aussprach; noch mehr erschreckt sie mich jetzt, wenn ich daran denke, dass der Graf mich wohl in Zukunft in noch strengerem Gewahrsam halten wird. Ich werde mich hüten, noch einmal an seinen Worten zu zweifeln.

Als ich gestern mein Tagebuch beendet und Buch und Stift wieder in meine Tasche gesteckt hatte, überkam mich eine bleierne Müdigkeit. Die Warnung des Grafen fiel mir zwar ein, aber ich hatte Freude daran, ihr nicht zu entsprechen – es war der mit dem Gefühl der Schläfrigkeit oft verbundene Starrsinn, der mich so handeln ließ. Das sanfte Mondlicht wirkte beruhigend auf mich ein, und die weite Aussicht täuschte mir wohltuend die Freiheit vor. Ich beschloss daher, in dieser Nacht nicht zu meinen düsteren Gemächern zurückzukehren, sondern hier zu schlafen, wo vor Zeiten wohl die Burgfrauen gesessen und gesungen haben mochten, dem Müßiggang ergeben, während sie mit sehnsuchtsvoller Brust die Heimkehr ihrer Männer erwarteten, die draußen in grausamen Kriegen kämpften. Ich zog mir also einen großen Lehnstuhl aus einem Winkel hervor und stellte ihn so, dass ich liegend die herrliche Aussicht nach Süden und Osten genießen konnte; dann richtete ich mich, ohne an Weiteres zu denken und mich um den dicken Staub zu kümmern, zum Schlafen ein.

Ich vermute, dass ich auch wirklich eingeschlafen bin. Nein, ich hoffe es vielmehr, aber ich fürchte, es war doch nicht der Fall, denn das, was nun folgte, war so wirklich, so erschreckend lebendig, dass ich jetzt im vollen Morgenlicht nicht glauben kann, das alles nur geträumt zu haben.

Ich war plötzlich nicht mehr allein. Das Zimmer war dasselbe, völlig unverändert, genauso wie ich es betreten hatte. Ich konnte auf dem Boden sogar die Fußspuren erkennen, die ich selbst in der langjährigen Staubschicht hinterlassen hatte. Aber im klaren Mondlicht standen mir auf einmal drei junge Frauen gegenüber, ihrer Kleidung und ihrer Haltung nach vornehme Damen. Als ich sie bemerkte, glaubte ich zunächst zu träumen, denn obwohl der Mond in ihrem Rücken stand, warfen sie keinen Schatten. Sie näherten sich, betrachteten mich eine Weile und flüsterten dann miteinander. Zwei von ihnen waren dunkelhaarig und hatten ausgeprägte Gesichtszüge, die entfernt an den Grafen erinnerten, sowie große und durchdringende Augen, die im fahlen Mondlicht beinahe rot aussahen. Die Dritte war wunderschön, so schön, wie man es sich nur vorstellen kann, mit dichten, goldenen Locken und Augen wie hellen Saphiren. Ich meinte, ihr Gesicht schon einmal gesehen zu haben, und zwar in einem Albtraum, aber es wollte mir nicht einfallen, wann und in welchem Zusammenhang dies gewesen sein mochte. Alle drei hatten blendend weiße Zähne, die wie Perlen zwischen dem Rubinrot ihrer sinnlichen Lippen hervorglänzten. Bei alldem hatten sie etwas an sich, das mir Unbehagen verursachte; es zog mich zu ihnen hin, und dennoch fürchtete ich mich. Mein Herz überkam ein verwerfliches aber brennendes Verlangen, von ihren roten Lippen geküsst zu werden … Nur ungern schreibe ich dies hier nieder, da Mina diese Zeilen vielleicht einmal lesen und Schmerz darüber empfinden könnte, aber es ist die Wahrheit. Die drei flüsterten miteinander, und dann lachten sie ein silbernes, klangvolles Lachen, das aber so hart war, dass man unmöglich glauben konnte, diese metallischen Klänge kämen von zarten menschlichen Lippen. Es war wie das unerträgliche, schrille Sirren, das Wassergläser hervorbringen, wenn man ihren Rand reibt. Das schöne Mädchen schüttelte kokett ihre Locken, und die beiden anderen drängten sie an mich heran. Eine der Dunklen sagte:

»Nun los, du bist die Erste, wir schließen uns dann an. Du hast das Recht anzufangen!« Die andere fügte hinzu:

»Er ist jung und stark, das gibt Küsse für uns alle.« Ich lag still und blinzelte nur unter meinen Lidern hervor, halb in Todesangst, halb in verzückter Erwartung. Das schöne Mädchen kam zu mir heran und beugte sich über mich, bis ich ihren Atem fühlte. Er war süß, honigsüß, und jagte mir dieselben Schauer durch die Adern wie ihr Lachen.

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