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Drachensiegel

Celia Williams

Drachensiegel

Liebe findet ihren Weg


Ich möchte hier die Möglichkeit nutzen und meinen Korrekturlesern für ihre Mühen danken. Zu nennen wären hier meine Freundinnen Viola und Iris, die sich so liebevoll um mein geistiges Hab und Gut kümmern. Ich danke euch! Ebenso danke ich meinen treuen Lesern. Es ist toll, dass ihr meine literarischen "Ergüsse" kauft und lest. Danke! Eure Celia


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Wichtige Hinweise

Sämtliche Personen dieser Geschichte sind frei erfunden und Ähnlichkeiten daher nur zufällig.

E-­Books sind nicht übertragbar und dürfen auch nicht kopiert oder weiterverkauft werden.

Dieses Buch enthält homoerotische Handlungen und ist für Leser unter 18 Jahren und für homophobe Menschen nicht geeignet. Im wahren Leben gilt ein verantwortungsbewusster Umgang miteinander und Safer‐Sex!

Alle Bände der Drachenreihe in chronologischer Reihenfolge:

Band 1: Drachenfeuer – Liebe ist universell

Band 2: Drachenglut – Liebe bedeutet Freiheit

Band 3: Drachenhitze – Liebe überwindet alles

Band 4: Drachensiegel – Liebe findet ihren Weg

Band 5: Drachenmagie – Von Liebe erweckt

Band 6: Drachengefährten

Band 7: Drachensohn – Liebe bracht ihre Zeit

Band 8: Drachenzauber – Die Liebe des Magiers

Band 9: Drachenseele – Die Liebe des Bewahrers (In Arbeit)

Gemeinsam einsam

Loreana, von ihren Verwandten und Freunden Lori genannt, stand auf der breiten Mauer der Drachenfeste, der beindruckenden Burg, die die Feuerspucker das Herz ihres Reiches nannten, und blickte über den Rundhof. Die Abenddämmerung zog herauf. Bereits morgen würde sie eine geschiedene Frau sein. Jutrier und sie teilten nun seit fast 20 Jahren das Ehebett, sie hatte mehr als ihr halbes Leben mit ihm verbracht und nun sollte das alles vorbei sein. Ihr Verstand sagte ihr, dass dieser Schritt nicht nur notwendig, sondern auch sinnvoll war, aber ihre Gefühle begehrten dagegen auf. Anfangs gestaltete sich ihre Verbindung schwierig, sie mussten sich erst arrangieren und zusammenraufen. Nach wenigen Monaten schon führten sie eine glückliche und erfüllte Ehe, denn beide wussten, dass sie aus der Situation das Beste machen mussten. Loreana erkannte schnell Jutriers positive Eigenschaften. Neben seinem liebenswerten Charakter verfügte er über innere Stärke und Führungsqualitäten. Zusätzlich genoss sie ihr gemeinsames Liebesspiel, auch wenn sie nie empfangen hatte, ein gemeinsames Kinderglück blieb ihnen versagt. Heute wusste sie, warum. Nachdenklich befühlte sie das kreisrunde, schwarz-grüne Symbol auf ihrem Wangenknochen. Diese kleine, aber hübsche Hautverfärbung veränderte alles. Loreanas Leben und das ihres Noch-Ehemannes standen Kopf, denn ihre Schicksale waren nun anders und sie beschlossen, diesem gemeinsam und doch getrennt zu folgen.

Neugierig beobachtete die Menschenprinzessin wie Rotaran, der Kommandant der Drachenarmee, mit Wanja, seinem Gefährten, über den Hof tollte. Genau so musste man es nennen, denn der junge, blonde Steppenreiter umsprang den braunen Drachen, als könnte er sein Temperament keinen Augenblick länger zügeln. Aber man konnte es verstehen, hatten die beiden doch in der vergangenen Nacht ihre ersten gemeinsamen Erfahrungen im Bereich der körperlichen Liebe gemacht. Bisher war Wanja für den Drachen verboten gewesen, denn Minderjährige waren tabu. Weil Sergeij, Wanjas Vater, diesen aber vorzeitig für volljährig erklärt hatte, durften die Beiden nun zusammenfinden. So junge Gefährten schützte das Gesetz und die Strafe bei einem Verstoß war hart, darauf stand der Tod. Ein kleines Lächeln stahl sich auf Loris Lippen. Sie beneidete das Paar um ihr Glück. Seufzend umschlang sie sich selbst, wollte die innere und äußere Kälte von sich fern halten.

Jutrier trat hinter seine Noch-Ehefrau. Liebevoll legte er seine starken Arme um ihre Taille und presste ihren warmen Körper noch einmal fest an sich. Auf diesen Luxus würde er in Zukunft verzichten müssen. Er mochte das Leben in einer Beziehung, er genoss die gemeinsamen Abendstunden vor dem gemütlichen Kaminfeuer, das Zubettgehen und das Ankuscheln beim Einschlafen. Seufzend legte er sein Kinn auf Loreanas Schulter ab und schmiegte seine Wange an ihre, tief inhalierte er ihren lieblichen Duft.

Die Königstocher senkte die Lider und genoss ein letztes Mal diese Zärtlichkeit. Dann atmete sie tief durch und sprach Jutrier an: „Guten Abend, mein Bruder.“

Dieser zuckte, als hätte man ihm ein heißes Eisenstück auf die Haut gepresst. Sein tiefes und geräuschvolles Einatmen zeigte ganz deutlich, dass es ihm schwer fiel, sich in die neue Lage einzugewöhnen. Natürlich wusste er, dass daran kein Weg vorbei führte. Auch er trug nun ein kleines, rundes Drachensymbol auf seiner Wade. Dort draußen wartete eine Drachengefährtin oder ein –gefährte. Jutrier war sich dieser Tatsache bewusst, dass beide Möglichkeiten bestanden. Bisher kannte er nur gleichgeschlechtlich verbundene Paare, Killian und Einar, Bahier und Gordun und zuletzt Rotaran und Wanja, alles Drachen mit ihren männlichen Gefährten. Die Chroniken besagten, dass es sich um Seelenverwandtschaften handelte und die nicht mit dem Geschlecht zusammenhingen. Für die Drachenpopulation hatte dies auch keine Relevanz, da sich Flugechsen asexuell fortpflanzten.

„Du fehlst mir. Noch habe ich mich in meine neue Rolle als Königssohn und als dein Bruder nicht eingefunden. Es fühlt sich noch nicht richtig an“, erklärte Jutrier leise. Da sich sein Mund dicht an Loreanas Ohr befand, musste er auch nicht laut werden. „Wie kommst du zurecht?“

Seine zukünftige Schwester zuckte mit der femininen Schulter: „Ganz gut, denke ich. Ich bin mir nicht sicher. Alles ist verwirrend, alles ist neu. Ich habe das Gefühl durch mein eigenes Leben zu stolpern.“ Sie schöpfte Atem und ergänzte: „Es wäre einfacher, wenn ich nahtlos von einer Beziehung in die nächste gehen könnte. Dieses Schweben im luftleeren Raum macht mir mehr zu schaffen als alles andere. Ich war noch nie allein, Jutrier, und es gibt kein Zurück in den elterlichen Schoß. Ich bin erwachsen und nicht mehr in derselben Situation wie vor unserer Vermählung. Ich fühle mich hilflos.“ Ihr Körper zitterte und die eleganten Schultern bebten.

Sachte streichelte Jutrier Loreanas Bauch und tröstete sie ohne Worte. Was hätte er auch sagen sollen? Ihre Lage war einmalig und noch nie dagewesen. Die Lösung, zumindest auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene, konnte man als radikal bezeichnen. Jutrier hatte als Loreanas Ehemann die Position des Kommandeurs der Südlandtruppen und verwaltete auch dieses Gebiet in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Südländer übten sich im Waffenhandwerk nur im Winter, denn im Sommer bestellten sie ihre ausgedehnten Felder und Streuobstwiesen. Dieser Teil des Landes galt als die Kornkammer des Menschenkönigreichs und versorgte alle Bürger mit Getreide, Gemüse und Obst. Die Nordländer stellten die Kampftruppen und zeigten enormes Geschick in verschiedenen handwerklichen Berufen, dort gab es Schmiede, Schreiner, Zimmermänner, Gerber, Töpfer und vieles mehr. Fast alle Gebrauchsgegenstände stammten aus dem Norden. Nach dem Erweckungsritual im Drachenkreis zeigte sich, dass sowohl Loreana, als auch Jutrier einem Drachen als Gefährte zugedacht waren, daher musste schnell eine Lösung für dieses Dilemma gefunden werden. Ihre Ehe stellte nun eine Komplikation dar, also würden sie noch an diesem Abend geschieden werden. Das Erweckungsritual sollte nun alle fünfundzwanzig Jahre erfolgen und zeigen, welche Menschen Seelenverwandte von Drachen waren. Die erste Erweckung machte es nur dieser Generation etwas schwierig. In Zukunft konnten Menschen das Ritual abwarten und danach entscheiden, ob sie sich an Menschen binden wollten. Uralen, der Menschenkönig, hatte daher beschlossen einen radikalen Schritt zu tun, um die Stabilität in seinem Reich zu gewährleisten. Jutrier war ein Mitglied seiner Familie und sollte es auch bleiben, daher sollte er an Sohnesstatt angenommen werden. Diese Lösung brachte nur Vorteile und änderte die bestehende Struktur nur minimal. Privat änderte sich an der Komplikation aber wenig.

Loreana drehte sich in den haltenden Armen leicht um und blickte zu ihrem Ehemann auf. Ihre Hand legte sich liebevoll auf seine Wange und sie lächelte traurig. Anfangs ähnelte ihre Ehe eher einer Zweckgemeinschaft, wurde aber im Laufe der Zeit mehr, bis hin zur innigen Liebe. Konnten sie zurück? Sachte löste sie sich aus der Umarmung und ging zum Abgang.

Jutrier folgte ihr. Es wurde Zeit. Gemeinsam verließen sie die Mauer und überquerten den großen Rundhof der Drachenfeste. Das große Flügeltor der Hauthalle stand einladend offen und empfing die Besucher und Bewohner der Burg. Alles hier war auf Flugechsengröße ausgelegt, die Türöffnungen, die Breite der Wege, Durchgänge und die Höhe von Griffen. Dies machte es Menschen und Echsen in Menschengestalt oft schwierig, man musste sich arrangieren.

Einar marschierte durch die große Halle direkt auf seine Schwester zu. Nickend grüßte er die beiden und fasste Loreanas Hände. „Wie geht’s dir, Kleines?“

Sie lächelte zittrig und erklärte: „Es ist mir schon besser gegangen. Aber das wird, Einar, es muss.“ Inbrünstig klangen diese Worte. Die Königstochter wollte daran glauben.

Sanft strich Jutrier über ihren Rücken. Mehr als etwas Trost konnte er ihr nicht mehr spenden. Sie würden in Zukunft Abstand halten müssen, daran ging kein Weg vorbei.

Einar lächelte seinen Noch-Schwager an und versuchte diesen einzuschätzen. Sie dienten dem Menschenkönig beide als Kommandanten über die Truppen, Einar befehligte die stehenden Nordland-Truppen und Jutrier die auf Zeit berufenen Südländer. Sie ergänzten sich perfekt, sowohl im Wesen als auch in ihren Gedanken. Beide arbeiteten schon so lange zusammen, dass sie oft die Ansichten und Überlegungen des Anderen erahnen konnten, noch bevor dieser sie in Worte fasste. Auch jetzt konnte Einar instinktiv erkennen, wie es Jutrier ging. Er fühlte sich frustriert und hilflos gefangen. Keine angenehme Empfindung für einen so tatkräftigen Mann. Zudem würde die Zeremonie am Abend aufreibend werden.

„Kommt, Killian hat ein privates Abendessen für die Familie richten lassen.“ Einars Stimme klang mitfühlend und bot seiner Schwester fürsorglich den Arm.

Loreana hängte sich bei ihm ein und folgte ihm zurück ins Freie. Trotz der bedrückenden Gefühle freute sie sich auf diesen nun bevorstehenden wilden Ritt. Vor dem Gebäude blickten alle drei in die Höhe. Ein großer, schwarzer Schatten löste sich von der Felswand und segelte elegant zu Boden. Der Drache beugte sich über Loreana und faste sanft ihren Körper, dann schwang er sich mit ihr in die Höhe. Zeitgleich schlüpfte Einar aus seinen Kleidern und überreichte diese Jutrier. Dieser grinste, denn er fand es immer noch lustig, dass Drachen und deren Gefährten, die über die Fähigkeit verfügten ihre Form zu verändern, ständig und überall ihre Hüllen fallen ließen.

Einar schmunzelte: „Lach du nur. Ich werde dich daran erinnern, wenn du ebenfalls anfängst dich ständig an- und auszuziehen.“

Diese Aussage wischte das Lächeln aus Jutriers Gesicht, erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass auch er diese Fähigkeit erhielt, wenn er sich mit dem ihm zugedachten Drachen verband. Eine Welle der Euphorie überrollte ihn, darauf konnte er sich freuen. Er mochte es, durch die Luft katapultiert zu werden, wie berauschend würde es sich erst anfühlen, wenn man dies selbst tun konnte. Nun fixierte er Einar genau, er hob die Hand und stoppte seinen Freund: „Mach langsam, ich will sehen, was auf mich zukommt.“

Einar akzeptierte dieses Ansinnen und wandelte gemächlich die Gestalt. Sein Körper streckte sich, die Gliedmaßen bogen sich und die Haut überzog sich mit den goldenen Schuppen. Vor Jutrier erschien eine riesige Flugechse. Der schwarze Drachenkönig erschien Menschen durchaus groß, obwohl er für seinesgleichen eher als klein galt. Einar nahm regelrecht monumentale Ausmaße an. Killian war auch in Menschengestalt kleiner als sein Gefährte und dies setzte sich auch in der Echsenform fort. Die Feuerspucker erlangten ihre gesellschaftliche Position nicht durch Vererbung, sondern sie erarbeiteten sie sich. Der König hatte zwar eine eher schmächtige Drachenstatur, man musste ihn aber als brandgefährlich einstufen. Er besiegte jede Flugechse spielend und jeder beherzigte diese Tatsache im Umgang mit ihm. In Killian vereinte sich Klugheit mit Agilität und beides nutzte er rücksichtslos.

Einar, in seiner mattgoldenen Drachengestalt, umfasste Jutriers Brustkasten und hob ihn an wie eine Spielzeugpuppe. Dabei wölbte er den Hals so weit zurück, dass er dem Menschen problemlos in die Augen sehen konnte. „Na, hast du genug gesehen?“

„Danke, Einar. Es ist eindrucksvoll. Jetzt habe ich etwas, auf das ich mich freuen kann.“ Die Erleichterung hörte man deutlich heraus.

Einar grinste frech und spannte den Körper an. Seine starken Drachenbeine beugten sich und er katapultiert sich mit seiner Fracht in die Höhe. Seine Flügel erzeugten einen stürmischen Auftrieb und er gewann schnell an Höhe. Sie flogen aber nur eine kurze Strecke. Sachte setzte Einar auf dem Felsvorsprung vor der Wohnhöhle auf, die er mit dem Drachenkönig teilte.

Jutrier löste sich von dem Drachen und blickte über das weite Land. Von hier aus konnte man eine beeindruckende Aussicht genießen.

„Was ist, willst du meine Kleider behalten?“ Einars Frage klang frech und anzüglich.

Sofort fuhr Jutrier herum und warf dem anderen regelrecht sein Eigentum an den Kopf. Nur dessen guten Reflexen war es zu verdanken, dass nichts über die Kante segelte und in die Tiefe stürzte.

Lachend schlüpfte der Königsgefährte in seine Hosen und schlenderte mit dem Rest im Arm in die Höhle.

Zähneknirschend folgte ihm Jutrier. Was für ein gemeiner Kerl! Und wann hatte er sich eigentlich wieder in einen Menschen gewandelt? Kopfschüttelnd schob der Mann diese Überlegungen beiseite und folgte den leisen Stimmen. Die Höhe beeindruckte ihn immer wieder, wenn er sie sah. Sie hatte hohe Wände und riesige Ausmaße. Hier konnte sich ein Drache gerne auch in seiner natürlichen Gestalt aufhalten. Die dicht an der Wand aufgestellte Einrichtung bestach durch ihre exquisite Qualität und Bequemlichkeit.

Am großen Esstisch wurden die beiden Männer vom Drachenkönig Killian, dem Menschenkönig Uralen und dessen Tochter Loreana erwartet. Leckere Speisen standen zum Verzehr bereit und gemeinsam genossen sie ein letztes Mal ein gemeinsames Abendessen in dieser Konstellation. Wenn alles optimal verlief, sollte sich diese Runde spätestens nach dem Thing vergrößern. Alle hofften, dass sowohl Jutrier als auch Loreana dort ihre Gefährten oder Gefährtinnen finden würden. Jetzt ging dies leichter als noch vor Wochen, denn das Drachensiegel auf der Haut des menschlichen Gefährten entsprach der Schuppenfarbe des Drachen. Einars Flammenring hatte dieselbe kohlrabenschwarze Färbung wie Killians Schuppen. Ganz sicher konnten sie sich sein, nachdem Wanjas Drachenglyphe sichtbar wurde, sie war kakaofarben wie Rotarans Drachenhaut. Folglich mussten die Schuppen von Jutriers Gefährten oder Gefährtin weiß sein und Loreanas schwarz-grün. Beide kamen selten vor, daher sollten die Drachen leicht ausfindig gemacht werden können.

Trennungen und Verbindungen

Es wurde spät. Die sieben Drachenältesten flogen so schnell sie konnten in Richtung Drachenfeste. Killian befahl sie bereits vor Tagen dorthin, doch es hatten sich einige Hindernisse dem zügigen Aufbruch in den Weg gestellt. Venecs Flügelschläge rauschten durch die kalte Nachtluft. Die Menschenzeremonie sollte mit dem Mondaufgang beginnen, bis dahin mussten sie im Hort angekommen sein. Sich zu verspäten konnte ihnen als grobe Unhöflichkeit ausgelegt werden und es bekam einem bekanntlich nicht gut, wenn man den Drachenkönig verärgerte. Selbst ihr hohes Alter verschonte sie nicht vor Strafe. Befehle mussten befolgt werden und da gab es keine Ausnahmen. Gott sei Dank, die Drachenburg kam in Sicht, nur noch wenige Minuten und bis zum Mondaufgang blieb auch noch etwas Zeit.

Die Drachenwache hockte auf der breiten Ringmauer und behielt sowohl den Boden als auch den Luftraum im Auge. Er beobachtete bereits seit Minuten die anfliegenden Ältesten und entsandte sofort einen Boten in die große Halle, der den König unterrichtete. Die sieben Flugechsen näherten sich schnell, der Anblick beeindruckte den Wachhabenden. Sie waren groß, majestätisch und unheimlich alt. Der jüngste der Sieben hatte bereits das stolze Alter von eintausend Jahren erreicht. Das Alter des Ältesten, Venec, kannte niemand genau, selbst er nicht.

Sie glitten im Segelflug über die Mauer hinweg und landeten leise auf dem Pflaster des Rundhofes. Schnell wandelten sie ihre Gestalt und nahmen die Kleider entgegen, die sie gereicht bekamen. Rasch legten sie diese an und begaben sich ins Innere.

Die voll besetzte Thronhalle quoll über vor Menschen und Drachen. Die Sieben verteilten sich gleichmäßig an der Wand und überblickten die Lage. Venecs Blick begegnete dem seines Königs, dieser nickte ihm zu und dankte ihm so für das rechtzeitige Erscheinen. Der Ältestenrat schätzte den König sehr und Venec sah in ihm einen guten Freund, auch wenn er mindestens zehn Mal so alt war wie sein Herrscher. Die Klugheit des jungen Drachen beeindruckte ihn immer wieder. Killian führte sein Volk erfolgreich, auch durch schwere Kriegszeiten und er tolerierte dabei nur geringe Verluste. Ebenso begrüßte der Ältestenrat das Aufleben lassen des Gefährtenrituals. In den letzten einhundert Jahren musste der Rat eine Verminderung der Drachengeburten registrieren und dies gefiel ihnen nicht. Zu Zeiten reger Gefährtenbindungen passierte dies nie, die Anzahl der Drachen stieg und so sollte es auch wieder werden. Vermutlich hing dies mit der emotionalen Nähe zwischen den Gefährten zusammen, denn ungebundene Drachen hatten eher ein gefühlskaltes Wesen.

Killian betrachtete Venec. Er hatte ihn schon Jahre nicht mehr gesehen, aber sie kommunizierten ab und an telepathisch. Der Älteste war sehr empfänglich für diese Art des Gedankenaustausches, er verfügte über ein hohes Maß an Sensibilität und diese benötigte er auch bei seinem Gebrechen. Der über zwei Meter große menschliche Körper des Drachen wies überall beeindruckende Muskeln auf. Sein kurzes, schwarzes Haar schimmerte im Fackelschein leicht grünlich und seine jadegrünen Augen strahlten bis zum König hinüber. Er sah beeindruckend aus und vereinnahmte einen Raum durch seine gelassene Ausstrahlung. Killian schätzte sich dankbar, ihn einen Freund nennen zu dürfen. Dort erhielt er immer Rat und Zuspruch. Die Aufmerksamkeit des Drachenmonarchen kehrte zu den Vorgängen auf dem Podest zurück. Uralen erläuterte mit gewählten Worten und getragenem Ton den Anwesenden den Sachverhalt und begründete die Scheidung des Paares. Dann forderte er die Gäste auf: „Sollte jemand etwas gegen die Auflösung einzuwenden haben, so möge er dies jetzt vorbringen.“

Über die Halle legte sich ein kollektives Schweigen, selbst schnelle Bewegungen wurden unterlassen, niemand wollte diesen beiden Menschen im Wege stehen oder ihnen die Zukunft erschweren.

Nach mehreren Atemzügen dankte Uralen den Versammelten und vollzog die Scheidung. Jutriers und Loreanas Hand verband ein Seidenband, das fest um die Handgelenke geschlungen war, dieses schnitt der König nun mit einem scharfen, edelsteinbesetzten Dolch durch. Dieses Kappen symbolisierte die nun faktische Trennung der Ehe. Die beiden Menschen zählten nun zu den Ledigen.

Killian fixierte Loreanas Drachenmal auf der Wange. Sein Rücken wurde von einem Kribbel überzogen und es schauderte ihn, eine sehr angenehme Anwandlung. Ein verschmitztes Lächeln legte sich auf die Lippen des Königs.

Einar schob sich näher an seinen Gefährten und flüsterte: „Was hast du?“ Er erkannte sofort, dass Kill irgendetwas beschäftigte.

Killian deutete mit dem Kinn zum hinteren Bereich des Saales. Einar folgte der Bewegung und entdeckte den extrem großen Mann an der Wand. Dieser lehnte entspannt, aber aufmerksam, am Mauerwerk und beobachtete die Vorgänge. Fragend sah Einar zu seinem Gefährten.

„Das ist Venec, der Älteste des Drachenrates. Er ist ein sehr guter Freund. Seine Schuppen sind jadegrün mit schwarzen Rändern“, erklärte der Drachenkönig leise. Die Möglichkeit, dass er Loreanas Gefährte war, bestand. Killian überlegte, wie viele Drachen er noch kannte, die dieses Farbmuster aufwiesen. Nach gründlichem Nachdenken kam er auf zwei weitere, eine also eher begrenzte Anzahl, und Killian kannte sie alle.

„Meinst du, er könnte Loreanas Gefährte sein?“ Einars Stimme klang leicht aufgeregt. Es würde ihn enorm erleichtern, wenn seine Schwester sicher, behütet und versorgt wäre. Natürlich befand sie sich beim König in Sicherheit, aber die Geborgenheit einer erfüllten Beziehung würde ihr trotzdem fehlen.

Killian nickte: „Es wäre möglich. Wir werden sehen, was passiert, wenn sie sich später begegnen.“

Einar griff nach der Hand seines Gefährten, suchte dort Halt und Sicherheit. Die Finger verflochten sich und die Wärme ging auf Einar über. Er genoss die innige Verbindung zu seinem schwarzen Drachen. Dann kam ihm ein erschreckender Gedanke und er kommunizierte gedanklich mit seinem Feuerspucker: <Ist Venec nicht der Älteste, der in den Eiskriegen verletzt wurde?>

<Ja, genau der. Mach dir keine Sorgen. Niemand ist so aufmerksam wie Venec. Sollte er Loreanas zweite Hälfte sein, werden die beiden zurecht kommen. Er ist einfühlsam und sie gehört auch nicht zur Sorte Holzhammer.> Der Schalk in Kills übermittelten Gedanken brachte Einar zum Lächeln. Der Drachenkönig war froh, dass er seinem großen, liebevollen Menschen die Sorge nehmen konnte. Sollte diese Konstellation zustande kommen, wäre sie erfolgreich, darauf würde Killian alles wetten, was er besaß. Niemand hatte einen so hartnäckigen Charakter wie Venec, dieser erreichte immer seine gesteckten Ziele. Der Daumen des Königs strich sachte über den großen Handrücken seines menschlichen Gefährten. Es erwärmte sein Herz, dass Einar noch wie am Anfang ihrer Beziehung seine Nähe und Zuneigung suchte. Sie ergänzten sich perfekt und der Drachenkönig wünschte dies auch seinem engen Freund, der schon seit Äonen allein leben musste. Zwar vermisste er nichts, da Drachen keine Liebe kannten, aber Killian wusste, was diesem entging und hoffte für ihn.

 

Loreana stand im Hintergrund, an ihrem Handgelenk baumelte noch immer das durchschnittene Seidenband. Sie fühlte sich abgeschnitten, ihres Fundamentes beraubt. Das durchtrennte Stück Stoff symbolisierte ihre aktuelle Lebenssituation perfekt. Es kostete sie alle Kraft die Tränen zurückzuhalten, damit diese nicht über ihre Wangen liefen.

Sanft legte Rotaran seinen starken Arm um die Menschenprinzessin und gab ihr etwas Halt und Trost. Zeitgleich verwoben sich die Finger des Drachen mit denen seines kleinen Menschengefährten. Wanja blickte zu den beiden herüber und lächelte traurig. Sie beide trugen zumindest indirekt die Verantwortung für die Wideraufnahme des Erweckungsrituals und auch für die daraus resultierenden Konsequenzen. Nie hätten sie gedacht, dass dieses Schicksal jemanden treffen könnte, den sie so gut kannten. Doch die Bestimmung machte auch nicht vor Königen und Prinzessinnen halt.

Lori beobachtete Jutrier. Er stand hochaufgerichtet neben Loreanas Vater, dieser erklärte ihn gerade zu seinem Sohn und begrüßte ihn in der Familie. Lori fühlte sich, als könnte alles in sich zusammen stürzten, nichts hielt sie in dieser Welt. Was sollte sie nur tun? Sie merkte natürlich, dass sie sich in Selbstmitleid wälzte und es zuließ, dass depressive Gefühle sie überschwemmten. Doch noch nie hatte sie sich so machtlos, so ausgeliefert gefühlt. Tief durchatmend schöpfte sie Kraft aus der freundlichen Umarmung des Drachenkommandanten. Sie wusste, dass er und Wanja sich verantwortlich fühlten, doch im eigentlichen Sinne waren sie es nicht. Früher oder später hätte sich ein anderer Grund gefunden, das Ritual durchzuführen und sie stände dann an derselben Stelle. Zumal es noch viel schlimmer gewesen wäre, wenn Jutrier oder sie ihren Gefährten oder Gefährtin während ihrer Ehe kennen gelernt hätten.

Die Adoptionszeremonie ging von ihr unbemerkt zu Ende und der tosende Applaus der Menge riss sie aus ihrer Melancholie. Tief durchatmend löste sie sich von Rotaran und schloss sich ihrem Vater und Jutrier, nunmehr ihr Bruder, an. Lori stellte sich an Uralens andere Seite und faste ebenso wie der Prinz die Hand des Königs. Jetzt waren sie erneut eine Familie, aber anders als zuvor.

Jutrier blickte zu seiner ehemaligen Ehefrau hinüber. Sie wirkte bedrückt, doch man konnte dies nur erkennen, wenn man sie sehr gut kannte. Ihre straffe, glatte Haut schimmerte und ihr Haar legte sich in eleganten Wellen auf ihre Schultern. Jutrier hoffte, dass sie zurecht kam und Halt fand. Es frustrierte ihn, dass nicht er sie unterstützen konnte, doch das wäre die falsche Botschaft. Der Schnitt musste endgültig sein, niemals durften Zweifel aufkommen, dass ihre Beziehung mit diesem Tag endete.

Der Applaus verhallte und ein Summen erklang. Es schwoll an, wurde lauter und vereinnahmte die ganze Halle. Aus dem Summen wurde ein Singen. Die Menschen sahen sich um und suchten nach der Quelle der schönen Klänge. Sechs der sieben Drachenältesten intonierten eine wohlbekannte Drachenweise. Ihre Stimmen vereinten sich in verschiedenen Tonlagen, sangen das Lied mehrstimmig und beeindruckten die Zuhörer durch ihre Akkuratesse und die Tatsache, dass sie wirklich jeden einzelnen Ton trafen. Feuerspucker sangen allgemein gut und je älter eine Flugechse wurde, umso besser beherrschte sie diese Kunst. Sie sangen die erste Strophe, dann setzten alle anwesenden Drachen in den Gesang ein. Die Halle wirkte wie ein überdimensionaler Resonanzkörper und die Menschen reagierten extrem ergriffen auf die Musik. Selten hatten sie so etwas Schönes gehört.

Loreana stand gebannt an der ihr zugedachten Stelle auf dem Podest und eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper. Was für eine Melodie! Atemberaubend! Schauer überspülten sie und sie griff fester nach der Hand ihres Vaters. Dieser lächelte liebevoll auf sie herab. Jetzt fühlte sich Lori etwas besser. Ihr Vater stand ihr bei, auch ihr Bruder Einar war an ihrer Seite und selbst Jutrier verschwand nicht vollständig aus ihrem Leben. Sie würden befreundet bleiben und sich regelmäßig begegnen. Lächelnd sah sie zu ihm hinüber. Jutrier erwiderte ihren aufmunternden Blick. Für sie gab es Hoffnung auf eine gute Zukunft und für ihn auch. Beide gingen sie davon aus, dass es von nun an besser werden würde.

 

Venec beobachtete die Bewegungen im Thronsaal und speziell die auf der Erhöhung. Die Menschen gratulierten dem neuen Königssohn und drückten der blonden Schönheit mitfühlend die Hand oder den Arm. Jeder verstand deren Situation und empfand Mitleid, obwohl die junge Menschenfrau gar nicht den Eindruck machte, als wäre sie auf selbiges angewiesen. Sie wirkte selbstbewusst und schien gelassen in sich selbst zu ruhen, selten bei Menschen. Meist erreichten sie dieses Stadium der vollkommenen Harmonie nicht, da ihre Leben einfach zu kurz waren. Natürlich konnte Venec nicht beurteilen, wie viel sie mimte und was davon echte Gelassenheit war. Als die letzten Menschen die Gratulanten verließen, trat Venec nach vorne. Jetzt waren die Drachen dran und die Sitte gebot, dass nach dem König direkt der Ältestenrat seine Grüße überbrachte. Also folgte Venec seinem Herrscher und die sechs Ältesten schlossen sich ihm an. Rotaran und sein junger Gefährte blieben an der Wand, da sie erst nach dem Drachenrat gratulieren konnten, hatten sie keine Eile.

Killian trat auf Uralen sowie seine Kinder zu und gratulierte zuerst Jutrier, dann dem König und zu guter Letzt seiner Schwägerin. Dabei achtete er ganz besonders auf den Drachen in seinem Rücken. Wie reagierte er, wenn er Loreanas Witterung aufnahm? Löste es überhaupt etwas aus? Der Drachenkönig trat beiseite, blieb aber direkt bei den Gratulanten stehen, da er als Dolmetscher dienen musste. Gespannt wartete er.

Venec bemerkte, dass sich sein Herrscher seltsam angespannt verhielt. Was belastete ihn? Was trieb ihn um? Störte es ihn, dass er Venec die Stimme leihen musste? Dies wäre neu, denn er tat es immer, wenn sie zusammen kamen. Dem wollte er auf den Grund gehen, doch zuerst kamen seine diplomatischen Pflichten. Er musste die Grüße des Drachenvolkes überbringen, erst dann konnte er sich mit Killians Problemen beschäftigen. Venec neigte grüßend das Haupt und dachte deutlich, was er übermitteln wollte, und der Drachenkönig sprach dies aus: „König Uralen, ich bin Venec, Ältester des Drachenrates, ich übermittle euch die Grüße unseres Volkes.“

Uralen sah kurz zwischen den beiden Drachen hin und her. Er verstand. Dieser Feuerspucker konnte nicht sprechen. Körperliche Gebrechen kamen bei Flugechsen selten vor, da sie als nahezu unverwundbar galten und doch lag hier eine Beeinträchtigung vor. Kam er mit diesem Defekt zur Welt oder handelte es sich um eine Verletzung? Neugier zählte zu einer der wenigen Untugenden des Menschenkönigs.

Dann drehte sich Venec zu Jutrier und nickte auch diesem zu. Wieder vermittelte Killian: „Es ist mir eine Ehre den Kommandanten der Südtruppen endlich persönlich kennen zu lernen. Wir hatten bisher nur schriftlichen Kontakt.“ Mit dieser Erklärung spielte er auf die Taktiken an, die der Ältestenrat an die Truppenkommandantur während des Magierkriegs übermittelte.

„Es ist mir eine Ehre. Eure Strategien und Pläne waren entscheidend für unseren gemeinsamen Kriegserfolg. Danke, im Namen aller Kampftruppen aus dem Süden.“ Dabei verneigte sich Jutrier aus der Hüfte. Instinktiv erwies er diesem so viel älteren Wesen die Ehre.

Der Drache lächelte und erwiderte durch seinen Monarchen: „Die Listen sind immer nur so gut, wie die Truppen und Kommandanten, die sie durchführen müssen. Daher gebührt ein Großteil des Lobes euch und euren Männern. Aber Danke, junger Mann.“

Venec nahm alle für sich ein, auch wenn er nicht sprach. Er wirkte auf Loreana äußerst sympathisch. Ein Wohlgefühl verbreitete sich durch ihre Adern, als hätte man sie in eine warme, kuschlige Wolldecke gepackt. Sie freute sich darauf, diesen Drachen kennen zu lernen, er wirkte interessant.

Venec drehte sich der jungen Frau zu. Als er näher trat, stellte er fest, dass er falsch lag. Sie hatte ein höheres Alter, als er ursprünglich schätzte, aber immer noch jung im Vergleich zu jedem Drachen. Venec schätze sie auf Mitte bis Ende dreißig und diese Reife verlieh ihrer herausragenden Schönheit eine einnehmende Tiefe.

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