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Drachenhitze

Celia Williams

Drachenhitze

Liebe überwindet alles


Danke Ulla, ohne dich hätte dieses Buch nicht die Qualität, die es hat. Dafür kann ich dir gar nicht dankbar genug sein. Dank dir lernen meine Drachen im übertragenen Sinne das grammatiklisch korrekte Fliegen. Danke! Ebenso danke ich hier Iris, die die letzten Beulen und Scharten ausgewetzt hat. Ich bin dir für deine Unterstützung sehr dankbar. Genauso möchte ich hier meiner Familie danken, dass sie mich so tatkräftig unterstützt. Als letztes danke ich auch noch euch Lesern, denn ohne euch wäre dies hier sinnlos. Eure Celia


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Wichtige Hinweise

Sämtliche Personen dieser Geschichte sind frei erfunden und Ähnlichkeiten daher nur zufällig.

 

E-­Books sind nicht übertragbar und dürfen auch nicht kopiert oder weiterverkauft werden.

 

Dieses Buch enthält homoerotische Handlungen und ist für Leser unter 18 Jahren und für homophobe Menschen nicht geeignet. Im wahren Leben gilt ein verantwortungsbewusster Umgang miteinander und Safer‐Sex!

 

 

 

Weitere Bände der Drachengefährten-Reihe:

Band 1: Drachenfeuer – Liebe ist universell

Band 2: Drachenglut – Liebe bedeutet Freiheit

Band 3: Drachenhitze – Liebe überwindet alles

Band 4: Drachensiegel – Liebe findet ihren Weg

Band 5: Drachenmagie – Von Liebe erweckt

Band 6: Drachengefährten

Band 7: Drachensohn – Liebe bracht ihre Zeit

Band 8: Drachenzauber – Die Liebe des Magiers

Band 9: Drachenseele – Die Liebe des Bewahrers (In Arbeit)

Bonusbände: Drachenreise und Perlen für den Drachen (kostenlos bei BookRix lesen)

Über Land

Wanja flog im gestreckten Galopp über den leicht ansteigenden Waldweg. Die Reise von Hastadoom nach Lorwat dauerte zu Pferd drei Tage, nur ein Drache war schneller. Der Reiter beugte sich tiefer über den lang gestreckten Hals des Tieres. Noch wenige Augenblicke, dann würde er in einen zügigen Trab wechseln. Regelmäßig änderte der junge blondgelockte Mann zwischen den Gangarten. Scheller Galopp, zügiger Trab und dann eine Zeitlang im Schritt, so konnte er die Reichweite seines Reittieres extrem erhöhen. Wanja gehörte zu den Steppenreitern des Südlandes. Er war sehr schlank, nicht allzu groß, aber trotzdem durchtrainiert und ausdauernd im Reiten. Wie viele andere Steppenreiter hatte er sich der Menschenarmee angeschlossen, denn der Krieg gegen die Magier durfte auf keinen Fall verloren werden. Die Kampfhandlungen zogen sich jetzt schon zwei Jahre hin und die Erfolge waren leider eher wechselhaft. Er passierte den Hohlweg und wechselte in eine sanfte grasbewachsene Hügellandschaft, die ihn etwas an die Heimat erinnerte. Seufzend fühlte er die Welle Heimweh über sich spülen. Die Gedanken des Lockenkopfs schweiften ab.

Die Grassteppen des Südlandes grenzten an das große Meer. Breite Flüsse durchzogen die flache Landschaft. Diese brachten aus den Gebirgen des Hinterlandes Unmengen Sedimente, die stark mit Nährstoffen angereichert waren. Daher war der Boden entlang der Wasserläufe sehr fruchtbar. Wie auf einer Perlenkette aufgereiht, lag auf dem fruchtbaren Boden entlang der Wasserläufe daher Bauernhof an Bauernhof.

Entfernte man sich etwas weiter vom Wasser, blieb nur die karge grasbewachsene Steppe, die aber durch die regelmäßigen Regenfälle der Region stets saftig grün war. So wie die Bauern der Flusslandschaft dem Boden ihre Erträge in Form von Obst, Gemüse und Getreide abrangen, betrieben die Steppenreiter Viehzucht. Riesige Herden von Rindern, Schafen, Ziegen, Karibus und Pferden zogen über die Weiden. Noch die letzte Generation dieses Reitervolkes war als Nomaden durch die Lande gezogen, doch heute lebten sie in flachen großen Holzhäusern, die architektonisch an ihre ehemals verwendeten Zelte erinnerten. An den sechs- oder achteckigen Hauptbau waren an jeder zweiten Seite flache Seitenflügel angebaut, Nutz-, Lager- und Schlafräume, je nach Bedarf. Diese Flachbauten boten Wohnfläche für ganze Großfamilien mit den üblicherweise zahlreichen Kindern und Enkeln. Auch Wanja lebte mit seiner Familie in einer solchen einstöckigen Holzbehausung. Seine Familie gehörte zu den reichsten Großfamilien der Region und daher hatte der Rundbau regelrechtes Palastformat. Wanja hatte drei Schwestern und zwei Brüder, er selbst war als viertes zur Welt gekommen. Das hatte enorme Vorteile. Er war ein Mitläufer, genoss gewissermaßen die Freiheiten, die seine älteren Geschwister eingefordert hatten, und fiel trotzdem nicht wirklich auf, da er ja kein Nesthäkchen war. Und doch unterschied er sich von seinen Geschwistern. Er kam mehr nach seiner Nordland-Großmutter, alle anderen ähnelten eher den typischen Südländern, also stämmig und robust mit rotwangigen Gesichtern, dunklen Augen und dunklem Haar.

Wanja liebte die unendliche Weite der Steppe in seiner Heimat. Als exzellenter Reiter hatte ihn sein Vater mit der Aufgabe als Reiterhirte optimal besetz. Doch auch als Depeschenreiter in der Armee konnte er seine Stärken voll nutzen. Auch hier kamen seine Fähigkeiten zum Tragen, nur das Heimweh quälte ihn ab und an.

Die Botschaft, die er im Moment überbrachte, war für den stellvertretenden Drachenkommandanten von Lorwat. Normalerweise wurden Botschaften für Drachen auch von Drachen transportiert und seit der Drachen-Menschen-Bund existierte, wurden auch Nachrichten für menschliche Kommandanten von Drachen überbracht. Drachen hatten ein enormes Ehrgefühl, sie logen nie und so konnte eine mündliche Übermittlung erfolgen, außer die Botschaft war zu umfangreich. In Kriegszeiten war eine direkte Weitergabe sinnvoll, da diese Befehle von den Kampftruppen der Magier nicht abgefangen werden konnten. Magische Angriffe prallten von den Flugechsen meist wirkungslos ab, ihre innere Drachenhitze schützte sie wirkungsvoll.

Wanja wechselte vom Trab in den Schritt. Jetzt konnte er sein Augenmerk verstärkt auf die Hügellandschaft legen. Sein Blick schweifte über die sanften Wellen der Landschaft und er verglich sie unweigerlich mit seiner flachen Heimat. Nur das Wetter war gleich. Nass, kalt, Winter eben, wenigstens gab es nur leichten Nachtfrost und keine anhaltenden Minusgrade. Die Wintersonne brachte keine sonderliche Wärme. Seufzend blickte er auf, um am Sonnenstand die Zeit zu kontrollieren. Dabei fiel ihm ein großer Schatten auf dem Feuerball auf, der langsam näher kam. Wahrscheinlich ein Drache.

Der Junge folgte dem Flug der Echse mit den Augen. Diese Wesen waren faszinierend anzusehen. Wanja gefielen diese außergewöhnlichen Flugakrobaten, auch wenn sie in seiner Heimat keinen guten Ruf besaßen. Nicht, dass ihre Fähigkeiten im Kampf oder ihre Weisheit nicht anerkannt wurde, doch es war im Steppenvolk verpönt gleichgeschlechtlich zu lieben. Seine Leute waren sehr konservativ und man konnte zu Hause nicht verstehen, wie sich ein Mann mit einem anderen einlassen konnte, denn es wäre schließlich vollkommen unsinnig. Männer konnten keine Kinder bekommen, also ließ man das bleiben. Einerseits machte dies den Lockenkopf traurig, denn einer seiner besten Freunde hatte die Heimat verlassen, weil er sich nicht zwischen seiner Zuneigung zu Frauen und Männern entscheiden konnte. Bevor er auf Ablehnung stieß, hatte er die Konsequenzen gezogen und war in die Nordlande umgesiedelt. Für ihn kam der Krieg und der Aufruf zu den Waffen gerade recht, so konnte er gehen ohne Aufsehen zu erregen oder es begründen zu müssen. Doch Wanja hatte so auf eine gute Freundschaft verzichten müssen. Zumal der Junge es außerdem engstirnig fand, von einem auf alle zu schließen. Natürlich war der Drachenkönig eine bekannte Persönlichkeit und wenn dieser Männer bevorzugte, dann konnte jeder weitere diesem Beispiel folgen. Diese Entwicklung fürchteten die Ältesten seines Volkes. Der Ältestenrat war in dieser Sache unbeugsam. Schulterzuckend tat der junge Blonde diese Gedankengänge ab, ihn betraf es ja nicht. Zwar hatte er noch keine Freundin gehabt, aber mit seinen 16 Jahren war dies auch nicht weiter verwunderlich, zumal er sich nun seit einem halben Jahr als Depeschenreiter für das Menschenheer bewährte. Nach Ausbruch der Kampfhandlungen wollte auch er in den Krieg ziehen und seine Heimat verteidigen. Seine Eltern unterstützten dieses Unterfangen, da mit den Magiern noch eine größere sexuelle Verderbtheit in die Südlande schwappen würde und dies musste um jeden Preis verhindert werden.

Wieder glitt sein Blick zu dem näherkommenden Drachen. Die Flugbewegungen waren geschmeidig und seine breite, braungeschuppte Brust dehnte sich bei jedem Durchziehen der Schwingen. Wahre Muskelberge brachten diesen Kolos voran. Noch nie hatte Wanja einen so großen Drachen gesehen und ihm waren in Hastadoom einige begegnet.

In letzter Sekunde

Rotaran flog so schnell er konnte. Er war direkt dem Weg gefolgt, der den Depeschenreiter von Hastadoom nach Lorwat brachte, doch das Waldgebiet hatte ihm die Suche extrem erschwert. Notgedrungen war er über dem Baumbestand gekreist. Mit Argusaugen suchte er, fand aber trotzdem nichts. Erst verspätet fiel ihm ein, dass unter den Depeschenboten einige Steppenreiter waren. Die herausragenden Reiter kamen im Allgemeinen schneller ans Ziel, daher wurden sie bevorzugt als Boten eingesetzt. Er folgte der Überlegung, kalkulierte die möglicherweise zurückgelegte Strecke des Boten neu und suchte nun näher an Lorwat. Wie erwartet konnte er eine halbe Stunde später am Rande der Grashügellandschaft einen Reiter ausmachen. Der zügelte gerade sein Pferd vom zügigen Trab zu einem langsamen Schritt. Die typische Art der Steppenreiter war es, regelmäßig das Tempo zu wechseln, um das Tier nicht zu ermüden und die Kraftreserven zu schonen. Rotaran kam immer näher und der Mann wurde noch langsamer, bis er das Pferd verhielt.

Der Drache beobachtete, wie der Reiter die Landschaft und den Himmel überblickte. Er musterte alles und entdeckte auch ihn. Aufmerksam der Kleine. Er saß gelassen und vollkommen reglos auf dem hohen Pferderücken. Obwohl Drachen extrem gute Augen hatten, konnte Rotaran noch nicht sagen, wie der Bursche dort untern genau aussah. Er kam ihm schlank vor, das war aber alles, was er erkennen konnte.

Noch während der braune Drache anflog, begann sich der Boden ruckartig zu heben. Unnatürliche Bodenwellen wogten durch die Landschaft. Kurz vor dem Pferd wölbte sich der Untergrund extrem auf, als würde er wissen, dass er direkt auf den Boten zuhielt. Wenn man davon ausging, dass dies nicht natürlich, sondern magisch verursacht war, musste man annehmen, dass der Bote getroffen werden sollte. Das Erdreich explodierte regelecht und Felsbrocken und Steine flogen durch die Luft. Die Schockwelle hob den Mann aus dem Sattel. Er wurde mit Wucht nach hinten auf die Felsen geschleudert und blieb regungslos liegen. Das Pferd machte einen panischen Satz und stob im vollen Galopp davon.

Der Drache befürchtete, zu spät zu kommen. Es war seine Aufgabe gewesen, genau das zu verhindern. Hektisch schlug er mit den Flügeln und steigerte seine Geschwindigkeit, aber es war bereits passiert. Rotaran hatte versagt. Der Drachenkommandant war es nicht gewohnt, sein Ziel nicht zu erreichen, zu scheitern. Ohne zusätzliche Erschütterung landete er direkt neben dem Gestürzten. Vorsichtig beugte er sich über diesen und besah sich den Schaden. Arme und Beine wirkten unverletzt. Die Echse wölbte den Kopf etwas mehr, betrachtete sich den Rücken und dann den Brustkasten des Reiters. Tatsächlich es war wirklich nur ein Junge, vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Blut verklebte sein blondes Haar und etwas davon lief auch in das attraktive Gesicht. Schmale Wangen, eine hohe Stirn, volle einladende Lippen und ein langer schlanker Hals waren Attribute des Bewusstlosen.

Sein Brustkorb war auf einer Seite eingedrückt und er atmete kaum noch. Es sah schlimm aus. Mit kummervollem Blick beugte sich der Feuerspucker etwas weiter vor, es kam wohl alle Hilfe zu spät. Er hatte das Gefühl eine große Hand hätte sein Herz umfasst und presste es nun zusammen. Ihm blieb die Luft weg. Diese Gefühle kannte Rotaran nicht. Warum empfand er so? Im selben Augenblick erfasste er die Witterung des Verletzten und sie ließ ihn panisch zurück stolpern. Vor ihm lag sein Gefährte und starb. Es fühlte sich an, als hätte man ihm den Brustkasten eingedrückt und die Rippen bohrten sich durch sein schlagendes Herz. Er schnappte nach Luft. Sein Blickfeld verengte sich und er musste sich ermahnen gleichmäßig und ruhig zu atmen. Wenn er jetzt ohnmächtig umfiel, konnte er seinem Gefährten nicht helfen. Rotaran überlegte fieberhaft. Er konnte seine Körperkraft teilen, indem er sein Drachenfeuer in den Jungen sandte, aber dies würde nicht dauerhaft helfen. Der angerichtete Schaden war einfach zu groß. Nur Drachenkräfte würden helfen. Unschlüssig trat der Drache von einem Bein aufs andere. Immer wieder streckte er eine Kralle in Richtung des Gestürzten aus. Es half ja nichts, er musste eine Entscheidung treffen.

Wenn er ihn jetzt sterben ließ, konnte er sein Leben vielleicht weiter leben wie bisher. Doch jetzt kannte er das Gefühl von Zugehörigkeit, von Liebe und Zuneigung zu einem Geliebten. Dies war mehr als Freundschaft oder die Beziehung zu Verwandten. Wenn er aber Pech hatte, war es eh zu spät. Drachen banden sich nur einmal im Leben an einen Gefährten oder eine Gefährtin, lehnte dieser Mensch den Bund ab, würde der Drache sterben.

Doch Rotaran war von sich überzeugt. Er konnte ihn für sich einnehmen, also würde er ihn jetzt erst einmal auf den Weg der Besserung bringen und dann weiter sehen. Die Zeit würde es schon zeigen, hoffte der Drache zumindest.

Wieder näherte er sich dem Gestürzten und beugte sich über ihn. Doch er wollte es nicht auf diese Art tun, also wandelte er die Gestalt. Nun beugte er sich in Form eines zwei Meter großen Mannes über den Jungen. Sachte drehte er den Kopf des Verletzten und fixierte dessen Gesicht. Der Mensch atmete stockend und seine Züge verzogen sich gequält. Er hatte starke Schmerzen und Rotaran wollte sie unbedingt lindern. Nach einem Biss in die eigene Unterlippe beugte er sich über den Mund des Heranwachsenden. Seine Lippen fanden die des Liegenden. Bedächtig rieb er sich an ihm und verteilte eine dünne Schicht seines eigenen Blutes. Stöhnend öffnete der Reiter den Mund und seine Zunge zuckte hervor. Sofort verstärkte Rotaran den Blutfluss und verabreichte ihm so mehr von der heilenden Flüssigkeit. Der Mund des Verletzten füllte sich und reflexartig schluckte er das warme Nass. Er schien zu ahnen, dass es ihm Linderung verschaffen würde, also öffnete er erneut begierig den Mund. Lächelnd ließ der Drache einen erneuten Schwall folgen. Diese Prozedur wiederholte sich einige Male, dann seufzte der Mensch und blinzelte.

Wanja versuchte, die Gestalt über sich zu fixieren. Ständig verschwamm seine Sicht. Er musste sich stark konzentrieren, um es zumindest kurz deutlich wahrzunehmen. Das Gesicht war ausdrucksstark und von dunkelbrauen Augen dominiert. Diese wurden von geschwungenen kräftigen, mokkafarbigen Brauen überspannt. Breite Wangenknochen glichen das kantige energische Kinn aus. Die Haare des Mannes waren im Nacken ganz kurz und das Deckhaar etwas länger und fransig. Die dunklen Bartstoppeln bildeten einen starken Kontrast zu der leicht gebräunten Haut. Die Nase hatte im oberen Bereich einen leichten natürlichen Knick und verlieh dem Gesicht somit einen erhabenen und adligen Zug. Ein wahrhaft gutaussehendes Gesicht. Mit diesem Gedanken sank er wieder ins Vergessen. Doch diesmal war es eher ein erholsamer Schlaf und keine Bewusstlosigkeit.

Ein Prickeln erfasste Rotarans Körper. Er hatte das Gefühl als würden 100 Federn gleichzeitig über seine erhitzte Haut streichen, ausgelöst durch einen einfachen, bewundernden Blick seines Gefährten. Wieder lauschte er den Atemzügen. Vorsichtig drehte er den schlaffen Körper herum, entlastete die gebrochenen Rippen von dem Druck des Körpergewichtes. Mit langsamen und behutsamen Handgriffen richtete er alle Knochen und untersuchte den kleinen Körper auf weitere Verletzungen. Gottlob fand er keine nennenswerten, ein paar Kratzer, Abschürfungen und die kleine Platzwunde am Kopf, doch diese blutete schon fast gar nicht mehr. Er hob seinen Gefährten auf seine starken Arme und trug ihn weg vom explodierten Erdreich. Am Fuß eines Grashügels legte er ihn in das kalte feuchte Grün. Da Rotaran selbst unbekleidet war und das Pferd des Reiters das Weite gesucht hatte stand ihm nichts zur Verfügung, um die Kälte abzuhalten. Schnell sammelte der Drache Feuerholz und richtete ein kleines Lagerfeuer. Dann wandelte er die Gestalt und bettete sich direkt neben seinen Gefährten. Einen Flügel wölbte er wie eine Strandmuschel und bildete so mit dem Hügel auf der anderen Seite einen geschlossenen Raum. Durch den Spalt zwischen Erdreich und Flügelkante zog der Rauch des Feuers ab. Der braune Drache bog den Hals und schob den Kopf unter den eigenen Flügel, ähnlich wie Schwäne es im Schlaf taten. Er hatte kein Schlafbedürfnis, aber er wollte den Menschen im Auge behalten. Er genoss es, jede Nuance der feingliedrigen Gestalt in sich aufnehmen. Der Schlaf war zurzeit die beste Medizin für ihn und der Feuerspucker nutzte diese Verschnaufpause, um für sich die Situation zu klären.

Zwar war der Drachen noch nicht bereit, sich diesbezüglich mit seinem König und besten Freund auszutauschen, aber er würde es bald tun. Killian hatte einen menschlichen Gefährten und die Untiefen dieses tückischen Gewässers bereits befahren. Er würde ihm raten können, so wie er seinem König immer in seiner Funktion als Kommandant des Drachenheeres zur Seite stand.

Das Fliegen von Warteschleifen

Der Drache dachte über die Steppenvölker nach. Er wusste nicht sehr viel über sie. Die Drachen und die Menschen standen erst seit wenigen Jahren wieder in direktem Kontakt. Die diplomatischen und Handelsbeziehungen waren zu Zeiten von König Uralens Großvater eingeschlafen. Dieser hatte die Drachen auf vielfältige Art verkrätzt. Er galt als unhöflich, unwirsch, berechnend und unehrlich, leider alles Eigenschaften, mit denen Flugechsen nicht zurechtkamen. Also kappten sie alle Verbindungen, bis vor wenigen Jahren der Krieg mit den Magiern ins Haus stand. Die Magier waren die Aggressoren, begingen Überfälle und griffen Menschen an. Da diese Unterstützung gegen die überlegene Magie ihrer Gegner benötigt hatten, war Einar, der Sohn des Menschenkönigs, zu den Drachen gereist und stellte so erneut Kontakt zum Volk der Feuerspucker her. Guten Endes war dieser nun der Gefährte von Killian Assanii, dem Drachenkönig. Doch das war eine mittlerweile bekannte Geschichte. Durch diese Entwicklung näherten sich Echsen und Menschen einander wieder an, aber trotzdem kam es ab und an zu Spannungen und Missverständnissen.

Rotaran versuchte sein spärliches Wissen über die Bevölkerung der Südlande abzurufen, mit denen er im Gegensatz zu den Bauern der Flusslande bisher wenig in Kontakt gekommen war. Letztere hatte er im Zuge der Nachschubkoordinierung kennengelernt und schätzte sie als offenen und recht zugänglichen Menschenschlag. Direkt mit den Steppenreitern hatte er bisher dagegen nichts zu tun gehabt. Ihm waren in Hastadoom nur ab und zu einmal der eine oder andere Soldat oder Reiter aus der Steppe begegnet. Die Reiterkompanien waren stärker durchsetzt, aber da sich Pferde und Drachen nur bedingt vertrugen, wurde gewohnheitsgemäß Abstand gehalten.

Heute bedauerte er, dass er nicht stärker das Miteinander gesucht hatte. Etwas mehr Hintergrundwissen wäre jetzt sicherlich hilfreich. Die Art, wie sein Gefährte ritt, wies ihn als Steppenreiter aus, sein Aussehen passte aber eher zu einem Nordländer, wobei er dafür wiederrum etwas zu klein war. Doch dieses Rätsel würde er lösen, sobald er mit dem Jungen sprechen konnte.

Rotaran schloss die Augen und durchdachte alle Möglichkeiten, typisch Stratege eben. Sein Gefährte war für eine Bindung definitiv zu jung. Dies war eine Tatsache, die erst die Zeit ändern würde und bedeutete für den Drachen, dass er in den kommenden Jahren alles Wissenswerte über die Steppenreiter allgemein und über den Jungen im Speziellen in Erfahrung bringen konnte.

Was ihm größere Sorgen bereitete war die Frage, ob ein so junger Mann mit der Tatsache umgehen konnte, dass er ein Drachengefährte war. Dies war eine lebenslange Position, ein Bund, der erst durch den Tod beendet wurde. Darüber hinaus war es auch eine allumfassende gefühlsmäßige Bindung. Die Gefährten teilten eine tiefe, unumstößliche Liebe. Rotaran seufzte traurig. Er würde sie erst direkt erleben, wenn der Junge etwas älter war. Eine Bindung an einen Minderjährigen verbot die Drachenehre.

Doch jetzt musste er erst einmal entscheiden, wie er sich in den nächsten Jahren verhalten sollte. Wollte er, dass sein Gefährte wusste, was auf ihn zukam?

Nein, Rotaran beschloss in diesem Augenblick, dass dieser blondgelockte Knabe noch etwas Freiheit und Unbeschwertheit verdient hatte. Er würde sich in seiner Nähe aufhalten, weil er es musste, aber er würde ihn nicht einengen oder gefühlsmäßig anbinden. Er musste seine Jugend noch unbeschwert genießen können. Diese Situation war für einen Drachen vergleichbar mit einem Landeanflug auf stark bebautes Gebiet. Man konnte immer erst aufsetzten, wenn der Platz geräumt war, also kreiste man in Warteschleifen über dem Landegebiet und wartete bis man dran war. Der Feuerspucker fühlte sich nonstop hin und her gerissen, einerseits war er glücklich, da er niemals erwartetet hatte ein solches Glück erfahren zu dürfen, und andererseits frustriert, da er zur Geduld verdammt war. Warten war nicht seine Stärke. Mit diesem frustrierenden Gedanken schlief er ein.

Im Lazarett

Wanja erwachte. Irgendetwas war seltsam. Warum hingen seine Arme so herab? Blinzelnd versuchte er seine Lage zu erfassen. Über ihm spürte er schuppige warme Drachenhaut. Wenn er den Arm hob, würde er mit den Fingern darüber streichen können. Um seinen Kopf, Körper und Beine waren vorsichtig große Drachenklauen gelegt, die ihn sicher und geborgen hielten. Er flog! Trotz seiner Schmerzen jubilierte der Junge innerlich. Schon immer hatte er davon geträumt, doch man konnte schließlich nicht einfach zu einem Feuerspucker gehen und sagen: „He, kannst du mich mal durch die Lüfte tragen? Ich wollte schon immer mal diesen Rausch erleben!“ Mit einem Lächeln glitt sein Blick über die unter ihm dahin gleitende Landschaft. Wunderschön. Noch besser wäre es allerdings, wenn er nicht so in der Waagrechten hängen müsste. Warum befand er sich eigentlich in dieser Position? Er sah an sich herab und keuchte erschreckt auf. Sein ganzer Körper war mit Schrammen und Blessuren übersät. Erstaunlicherweise hatte er nur geringe Schmerzen, nicht mehr als ein starkes Unwohlsein. Stirnrunzelnd dachte er über diese Tatsache nach. Genauso verblüffend war es, dass er nicht fror. Es war kalt, sein Atem bildete weiße Wölkchen und so hoch in der Luft konnte es ja auch nicht warm sein. Doch müde wie er war, beschloss er, dem später auf den Grund zu gehen.

 

Als er das nächste Mal erwachte, lag er in einem warmen weichen Bett. Ob er diesen Flug nur geträumt hatte? War ihm nicht auch ein braunhaariger Mann begegnet, der ihm geholfen hatte? Wanja sah sich um. Direkt am Fußende hing eine weiße Stoffbahn, ebenso rechts und links vom Bett. Ah, er war in einem Hospital oder Lazarett. Er hatte Durst und auch ein kleines Hungergefühl stellte sich ein. Noch während er sich Gedanken darüber machte, wurde die Abtrennung zur Seite gezogen und eine Frau trat an sein Bett. Lächelnd begrüßte sie ihn unter den Lebenden. Mit geschickten Fingern kontrollierte sie die Verbände und reichte ihm einen Becher Wasser. Mit zitternden Händen versucht er danach zu greifen und hätte ihn fast verschüttet. Mit einem liebevollen Lächeln griff die Krankenpflegerin zu, hielt ihm das Gefäß an die Lippen und stützte seinen Kopf. Nach dem seine Kehle nun nicht mehr staubtrocken war, wagte er eine Frage: „Wo bin ich und wie bin ich hier her gekommen?“

Die Pflegerin antwortete ihm mit warmen Worten: „Du bist im Lazarett in Lorwat. Du bist auf deinem Botenritt von den Magiern angegriffen worden. Die Drachen haben erfahren, dass Gefahr bestand und haben alle Boten gesucht. Doch der Drache war zu spät, zu langsam. Er konnte dir nur noch helfen und dich hier her bringen. Erinnerst du dich an irgendetwas?“

Wanja ging in sich. An was konnte er sich wirklich entsinnen und was entsprang seiner Fantasie? Er hatte angehalten und den anfliegenden Drachen bewundert. Dann hatte sich die Erde wie ein bockiger Einjähriger aufgeführt. Danach hatte er keine Erinnerungen mehr an den Vorfall bis auf die fast traumhaften Bilder vom dem Flug mit dem Drachen.

Dies alles berichtete er der jungen Frau und betrachtete sie eingehend. Sie hatte ein liebes aufmerksames Gesicht und war etwas älter als er.

 

Erneut lächelnd verließ sie ihn, um ihm etwas zu Essen zu bringen. Kurz darauf erhielt er eine Schale mit einem herzhaften Gemüseeintopf und ein Becher Apfelmost. Dankbar genoss er das Mahl, auch wenn er nicht die Kraft hatte selbst zu essen. Die Schwester saß auf einem Schemel neben seinem Lager und fütterte ihn Löffel für Löffel. Dieser Ablauf wurde nur ab und an von Fragen und den gegebenen Antworten unterbrochen. Wanja erkundigte sich, ob man wusste, was aus seinem Pferd geworden war. Dies musste die Schwester verneinen. Dann fragte er, wie lange er brauchen würde, um wieder fit zu sein. Lachend antwortete die Pflegerin: „Typisch Mann, egal wie alt, dass wollen sie allen wissen. Aber mach dir keine Gedanken, du wirst in spätestens einer Woche wieder springen wie ein junger Hund.“ Grinsend freute sich der Steppenreiter über diesen positiven Bescheid. Er hatte mit schlimmerem gerechnet.

Mit dem letzten Löffel erschien ein älterer Herr und dankte der Pflegerin für ihre Dienste. Er trug einen weißen Kittel, stellte sich als Arzt vor und erklärte Wanja sein Befinden. Anschließend meinte er: „Sie waren recht schwer verletzt. Der Drache hat Drachenfähigkeiten genutzt, um die Heilung zu beschleunigen. Sie verdanken ihm ihr Leben.“

Der Junge nickte nachdenklich und erkannte erstmals, wie knapp es gewesen war. Er hätte sterben können.

Bevor der Heiler sich abwendete, ergänzte er noch: „Sie sollten sich bei dem Drachen bedanken. Ich habe noch nie gehört, dass ein Feuerspucker auf diese Art einem Menschen geholfen hätte. Kommandant Rotaran fühlte sich wahrscheinlich schuldig, weil er sie nicht rechtzeitig erreicht hat.“ Dann verließ er das Abteil.

 

Wanja war geschockt. Er kannte den Drachenkommandanten, wobei, „kennen“ war schon zu viel gesagt, er hatte ihn aus der Ferne gesehen. Er erinnerte sich an die riesige Drachengestalt in diesem schönen dunklen Braun, die bei schlechtem Licht fast schwarz aussah. Selten erhob er die Stimme, doch wenn er es tat, dann war immer Gefahr im Verzug. Wanja hatte kurz nach Antritt seines Dienstes beobachtet, wie der braune Drache schreiend nach vorne geschossen war, einen anderen Drachen gepackt und ihn wie einen nassen Sack hinter sich geworfen hatte. Nur diese blitzschnelle Reaktion verhinderte, dass der kleinere Feuerspucker mit voller Wucht in ein angrenzendes Zelt stolperte und damit unabsichtlich die Menschen darin tötete.

Schon damals bewunderte der junge Steppenreiter den Drachenkommandanten, doch jetzt empfand er regelrecht Ehrfurcht. Ein so bedeutender Drache war extra losgeflogen, um nach ihm zu sehen. Wow!

 

Rotaran stand auf der anderen Seite der Stoffbahn und dies schon eine ganze Weile. Er hatte das Gespräch während des Abendessens belauscht und auch den Besuch des Medicus mitbekommen. Oft musste er seine Gefühle bändigen. Einerseits wollte er seinen Gefährten in den Arm nehmen, wenn er erschrocken oder ängstlich klang, und andererseits verspürte er des Öfteren das Bedürfnis, die Frau zu erwürgen. So warm klang die Stimme des Jungen wenn er mit ihr sprach. Rotaran wusste, dass er von Eifersucht geplagt wurde, aber er konnte sie nicht ganz eindämmen, nur die Taten zügeln, die sie hervorrufen könnte. Der Steppenreiter verstand sich gut mit ihr, das war alles. Er hatte sicher keine anderweitigen Interessen an der Pflegerin. Sie war schließlich mindestens acht Jahre älter als der kleine Lockenkopf. Der braune Feuerspucker schüttelte über sich selbst den Kopf. Konsequent hielt er sich davon ab, einfach in das kleine Separee hineinzuplatzen. Es war einerseits Balsam für seine Seele, seinem Gefährten so nahe zu sein und andererseits pure Qual, da er beschlossen hatte, vorerst Distanz zu wahren.

 

Der Arzt verließ das Krankenrevier und betrachtete kurz den Drachenkommandanten, dann bedeutete er diesem ihm zu folgen. Der Drache begleitete den Heiler, vor dem Lazarett informierte ihn der ältere Mensch über den guten Genesungsverlauf und über die scheinbaren Folgen des Bluttransfers. Natürlich hatte Rotaran den Medicus darüber informiert, damit er dies bei seiner Behandlung berücksichtigen konnte. Ebenso teilte der Mensch dem Drachen mit, dass leider nicht abzusehen war, wie sich dieser einseitige Blutbund auswirken würde. Es waren bisher nur Fälle von geschlossenen Gefährtenverbindungen bekannt. Diese waren extrem stabil und beide profitierten von dem Band. Doch hier lag die Sache anders. Der Junge heilte schnell und es sah so aus, als würden keine Narben zurückbleiben, aber gleichzeitig lief der Gefühlsstrom nur in eine Richtung. Die Echse war die Verbindung eingegangen, sein Innerstes versuchte also ständig eine Rückkopplung von dem jungen Steppenreiter zu empfangen, es lief aber ins Leere. Es bestand die Gefahr, dass Rotaran empfindungsmäßig hungerte, regelrecht abmagerte. Nur wenn er körperliche Nähe hielt, konnte er ein Verhungern verhindern. Drachen überlebten die Trennung von ihren Gefährten nicht, sie siechten dahin, keiner hatte es länger als vier Wochen überdauert. Also würde er in der Nähe bleiben, an seinem Gefährten kleben wie zähes Baumharz.

 

M

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