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Dr. Vrkzta

Dr. Vrkzta

oder:
Die letzte Metapher
(1997-2001)

Ohne den Durchgangsverkehr wäre es ziemlich still geworden. Vor fünf Jahren gab es in Fluntern die Geschäftsstellen von drei großen Schweizer Banken, während es heute noch zwei Schweizer Großbanken und eine Filiale in Zürich-Fluntern gibt, und diese wird demnächst geschlossen. Die Verkehrsanbindung ist gut, Sie erreichen uns mit Tram 5 oder 6, oder wenn Sie mit dem Wagen der Zürichbergstraße folgen. Fluntern finden Sie auf halber Höhe am Zürichberg, weiter oben liegt der Zoo, welcher ein beliebtes Ausflugsziel ist, weshalb Sonntags die Trams in dichterer Folge fahren. Kinder und vereinzelte Touristen drängen sich dann auf den Holzsitzen und an den Wagenfenstern. Hier, an der Station Kirche Fluntern, befindet sich eine Wendeschleife: hier endet werktags die Linie 5. Man sieht dann das 5er Tram schaukelnd um ein Fachwerkhaus mit Biergarten und Bewirtschaftung fahren, heute das Restaurant Vorderberg, durch das bereits ein Gesellenhaus, eine Bäckerei, eine Wygarte-Stube gezogen sind und dem aufgrund dieser unguten Nutzungsverhältnisse bereits der Abriss drohte, sieht das Tram halten und um des Fahrplans willen warten. Die kleine Kirche Fluntern, nach der die Haltestelle benannt ist und welche auch die alte Kirche heißt, weil es noch eine neuere Kirche gibt, liegt in Sichtweite, etwas unterhalb von der Station.

Ich kenne Fluntern nicht, nicht persönlich. Ich weiß von der Zürichbergstraße, die sich heraufwindet, vom Verkehr, der die Bergstraße entlang von Hottingen herüberlärmt, von der Gartenwirtschaft und der alten Kirche mit den Uhren am Dachreiter, von den Kindern, den wenigen Touristen und dem Zoo, von all dem weiß ich nur aus den Gesprächen der Mitarbeiter sowie elektronischen Reiseführern. Im Netz sucht man lange nach Fluntern, nach lokal existentem Leben. Mehr Auskunft finden Sie über das Filialsterben der Schweizer Banken und natürlich über unsere Bank, die Großbank. Seit sechs Jahren arbeite ich in dieser Geschäftsstelle. Wir sahen, dass die anderen Banken aus Fluntern verschwanden, eine nach der anderen. Zurück blieben unvermietbare Geschäftsimmobilien. Neben den Eingängen überdauerten die versiegelten Schächte der Bankautomaten, sie erinnerten daran: Hier war mal eine Bank, hier konnten Sie Geld beziehen. Wir sahen es und dachten: Gut für uns, wieder ein Konkurrent weniger. Falsch gedacht. Was zählt schon Zürich-Fluntern? Die alte Bank ist Geschichte. Die neue Bank ist nicht einfach größer, es ist ein anderes Geschäft. Früher war man eine Familie, ein Ausdruck, der so veraltet scheint, dass inzwischen selbst die Erinnerung daran unglaubhaft klingt: Ja, wir waren in der Bank daheim. Zumindest haben wir uns so gefühlt - hatten uns gefühlt.

Ich kenne meine Mitarbeiter nicht persönlich. Wenn ich von wir und uns rede, so in einem übertragenen, metaphorischen Sinn. Genau müsste ich sagen: Meine Kollegen kennen mich nicht. Ich kenne sie hingegen recht gut, ich kenne ihre Stimmen und jede ihrer Kontobewegungen. Ich weiß alle ihre Geburtsdaten, auch die ihrer Kinder und Ehepartner; ich weiß ihre Krankenkassen und kenne ihre Nummern der Alters- und Hinterlassenenversicherung sowie exakt die Höhe der Beiträge. Manchen Kollegen, glauben Sie mir, kenne ich besser als er sich selber. Zum Beispiel Flurin P., unseren jungen Bündner. Er hatte seine Berufslehre beendet und wollte mit seiner australischen Freundin für ein Jahr auf Weltreise gehen: Bangkok, Neu Delhi, Las Vegas, Tauchen, Biking, das Übliche. Die Beiden telefonierten nächte- respektive tagelang miteinander und sandten sich endlos Emails. Für seine Reise brauchte er Geld, deshalb spekulierte er. Zuerst mit Aktien, dann mit Derivaten, schließlich mit den Privatkonti fremder Leute. So wie er es anging, konnte Flurin keinen Erfolg haben. Ja, ich habe ihm geholfen, habe Buchungen hinausgezögert, Limiten geändert oder Aufträge ganz storniert. Ich habe seine Kredite glattgestellt, sub specie aeternitatis ohnehin nur ein belangloses Datenflimmern in den Trilliarden Kontibewegungen täglich. Ich habe dies nicht getan, weil ich ein Herz für ihn gehabt hätte, auch in keinerlei übertragenem Sinn. Mir ging es darum, unentdeckt zu bleiben. Wir durften der internen Revision keinerlei Anhaltspunkte für einen Verdacht geben.

Zwei Angestellte habe ich erfunden, Frau Regula Stutz-Hegglin aus Unterägeri sowie Olympia Wurmser (ein schöner Name, den ich mir aus einem anderen Zusammenhang geborgt habe). Es war nicht ganz einfach, im Kellergeschoss einer kleinen Geschäftsstelle eine Abteilung Dezentrale Dienste vorzuspiegeln. Beide Angestellten brauchten einen Grund, warum sie so früh kamen und so spät gingen, dass die Mitarbeiter im Hauptgeschoss sie eigentlich nie zu Gesicht bekamen. Frau Stutz-Hegglin wohnte in Unterägeri im Nachbarkanton Zug und erklärte, dass sie, um nach Hause zu gelangen, höchst umständliche Bahn-Postauto-Verbindungen auf sich zu nehmen habe. Frau Wurmser - die Wurmserin - wiederum hatte einen Freund, Ueli P., der die Offiziersausbildung durchlief und seine Freundin zu ungewöhnlichen Zeiten brachte und abholte. Auch brauchte es einen Grund, warum das Kellergeschoss verschlossen zu bleiben hatte. Es hieß, à discretion, im Keller seien größere Barbestände an Devisen; warum sie gerade in Fluntern lagerten, wisse man nicht. Außerdem seien da Schließfächer. Dies ergab keinen vernünftigen Grund, um das Kellergeschoss zu meiden, doch als Grund genügte er.

Im Lauf der Jahre konnten heikle Situationen nicht ausbleiben. Gefahr war in Verzug, wenn Jubiläen oder Geburtstage nahten. Zu diesen Gelegenheiten stand zu befürchten, dass sich Herr B., der Filialleiter, mit einem Blumenstrauß wappnete und versuchte, die betreffende Jubilarin im Keller zu überraschen oder an der Tür abzupassen. Anfangs habe ich an den Geburtsdaten gedreht. Herr B., ohnedies ein vergesslicher Mensch, notierte in seinem unerschütterlichen Misstrauen gegen elektronische Datenspeicherung alsgleich die geänderten Daten in sein Notizheft. Dort standen sie fortan unverrückbar, definitive Geburtstage, große und kleine absolute Jubiläen, unserem Zugriff entzogen. So geschah es, dass B. eines Vormittags die Wendeltreppe hinabstieg und mit gelben Tulpen in der Hand Zutritt zu den Kellergeschäftsräumen suchte. Die Wurmserin war nun, alle Korrekturen eingerechnet, zwei Jahre in der Filiale. Herr B. stand also an der verriegelten Panzertür, tippte den Türcode ein und musste sich wundern, dass die Tür verschlossen blieb. Zurück an seinem Schreibtisch überprüfte er die Zahlenfolge der Verschlüsselung in seinem Notizbuch, griff zum Telefon und wählte intern die Wurmserin an. Frau Stutz-Hegglin nahm ab und berichtete, Frau Wurmser habe wegen einer Beerdigung einen Tag frei genommen, das sei so abgemacht gewesen.

Zugegeben, es ist kaum glaubhaft, dass der Leiter einer so kleinen Geschäftsstelle - in den besten Zeiten waren wir insgesamt zu sechst (ohne mich) - zwei seiner Mitarbeiterinnen nie zu Gesicht bekam. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Leute tot und verwest in ihrer Wohnung gefunden werden. Wir werden uns auch daran gewöhnen, dass Leute, mit denen wir uns am Telefon oder übers Netz unterhalten, überhaupt nicht existieren. Auch Herr B. telefonierte häufig mit den beiden. Ihre Stimmen klangen echt, mit Verhasplern, Pausen, idiomatischen und dialektalen Einschüssen, Wiederholungen und bürogemäßen Nebengeräuschen. Ich vermute, Herr B. wagte nicht zu glauben, dass er keine von beiden je persönlich gesehen hatte.

Wir hatten für Bankverhältnisse unterhaltsame Jahre. Aus dieser Zeit resultiert mein Rufname: Znüni. Genau genommen handelt es sich nicht um einen Namen sondern um die Artikulation eines Zustands. Znüni! war der Stoßseufzer des Herrn Riechli, eines unserer eifrigsten Mitarbeiter. Dieser Stoßseufzer, wie es vermutlich Wesen aller Stoßseufzer ist, drückte zugleich Verwunderung, Verärgerung und erleichternde Gewissheit aus und galt den beiden Damen vom Keller, die wieder mal nicht persönlich verfügbar waren, weil sie, wie man erfuhr, gerade ihre Vormittagspause einlegten, um ihr Znüni, meist Schokoladenriegel aus dem Automaten, zu sich zu nehmen. Statt zuzunehmen, sollten sie besser abnehmen, nämlich das Telefon, raunte Riechli mehrmals vernehmlich, so dass selbst der Filialleiter Herr B. aufschaute und mit ebendiesem Aufschauen um Ruhe und mehr Diskretion bat. Dies geschah nicht immer genau um neun Uhr (denn darauf bezieht sich Znüni), sondern irgendwann im Laufe des Vormittags, etwa um elf Uhr, und zwar mit Vorzug dann, wenn man eine der beiden Damen oder beide höchstpersönlich aufsuchen wollte. Deren mangelhafte Erreichbarkeit war ein schwelender Herd des Verdrusses, der auch durch die wiederkehrenden Schauer an Stoßseufzern nicht gelindert wurde. Vor drei Jahren, im Zuge der ersten großen Umstrukturierungen und im Vorgriff auf allfällige, unkontrollierbare Kündigungen, die damals von der Geschäftsleitung ausgesprochen wurden, musste ich eine Angestellte von sich aus kündigen lassen. Dies war keine leichte Entscheidung. Ich entschied auf eine Weise, die andere Leute aus dem Bauch heraus nennen würden. Es galt abzuwägen, welche Geschichte plausibel genug war, um länger zu überleben: die schlechte Nahverkehrsanbindung nach Unterägeri wie im Fall der Regula Stutz-Hegglin oder der Freund mit der Offizierskarriere wie im Fall der Olympia Wurmser. Ich entschied zugunsten der Wurmserin und ihrem Freund, dem Offizier. Das Verkehrsnetz der Schweiz kenne ich gut, es entwickelt sich, wird engmaschig und wirkt als Ausrede zunehmend dürftig. Im Fall des Militärs fehlt mir sinnvolle Information, weshalb es dazu herhalten könnte, mit der nötigen Plausibilität die Dinge im Ungewissen zu lassen. Doch mag der Informationsmangel von meinem unzulänglichen Datenzugriff herrühren und - im Vergleich mit dem Wissensstand meiner Mitarbeiter in der Frontoffice - recht einseitig sein. Kurzum: die Wahl fiel auf Olympia Wurmser mehr aufgrund ihres unerschütterlich wirkenden Namens denn gestützt auf objektivierbare Gründe.

Die Entlassung von Frau Stutz-Hegglin erfolgte ohne Produktivitätseinbußen. Man sammelte für ein Abschiedsgeschenk. Herr B., der Filialleiter, hatte dies so veranlasst und gehofft, wenigstens zum Abschied ein versöhnliches Beisammensein aller Mitarbeiter arrangieren zu können. Er hatte schon Champagner gekauft, musste jedoch vernehmen, dass Frau Stutz-Hegglin noch vor ihrem Ausscheiden eine schwere Nierenbeckenentzündung ereilte. Sie lag im Krankenhaus und ließ Grüße ausrichten, man solle sich um sie keine Sorgen machen. Auch stünden die Entlassung und die Erkrankung, welche sich schon lange abgezeichnet habe, in keinem Zusammenhang. Wie ich den Diskussionen entnahm, glaubte ihr die letzte Ausrede niemand. Infolge der Entlassung stieg also die Produktivität der dezentralen Dienstabteilung – fortan Support Office geheißen – um 100 Prozent. Frau Olympia Wurmser erledigte alle Arbeiten allein, sortierte Post, tippte und kontrollierte Überweisungsaufträge und Scheckeinreichungen und was sonst alles zu tun war. Sie überprüfte Morgens und Abends die Barbestände und kümmerte sich um die Nachbestellung der hauseigenen Broschüren und die Zeitung für die Vermögenderen unter den Kunden. Die Frau Wurmser hätte ihre Produktivität noch vervielfachen können, doch es mangelte an Volumen, das Kundensegment war überaltert: viele Pensionäre, die nun vom Ersparten lebten. Hinzu kam ein gewisser Anteil an Ausländern, die hier Devisen tauschten oder kleinere Transaktionen ins Ausland vornahmen. Dies rechtfertigte nicht einen eigenen Filialbetrieb mit Barbeständen und Frontoffice. Frau Wurmser kam mit einer Kündigung ihrer Versetzung in den Bereich Zentrale Dienste zuvor. Auf eine so tüchtige Kraft wie sie war man alsbald aufmerksam geworden, gerade in der neuen Großbank. Deshalb musste ich auch sie von sich aus kündigen lassen.

Ein belangloses, lokales Flimmern im weltweiten Netz von Konten und Transaktionen: das ist der Anteil unserer Filiale Fluntern. Es wird kaum auffallen, wenn sie geschlossen sein wird. Es war eine schöne Filiale, vor sechs Jahren komplett neu eingerichtet. Ich habe die Prospekte und Rechnungen gesehen. Das Interieur sollte Modernität und Freundlichkeit ausstrahlen und war dezent gestylt. Jeder Eindruck des Allzufamiliären wurde mit Macht in Schranken gehalten. Hier wollte die Großbank, die schon damals Weltformat anstrebte, als Privatbank wirken, diskret und korrekt. Es gab vier vollverschalte Beratungsmodule, wovon eines stets geschlossen blieb: Jedes war von hinten gesehen ein vollständig ausgestatteter Arbeitstisch mit Rechner, Drucker und automatischer Kasse. Diese Arbeitswelt blieb für die herantretenden Kunden hinter der Verschalung verborgen. Die Kunden sahen nur den Bankangestellten dort sitzen, daneben ein Namensschild, Riechli, Schnyder, Stünzi oder wie sie alle hießen.

Der kleine, alte, graue, gute Herr B., der Filialleiter, bestimmte den Geist der Geschäftsstelle Fluntern. B. saß zurückhaltend-zuvorkommend in seinem Beratungsmodul, arbeitete etwas, das Schild Beratung neben sich, und wartete auf Kundschaft. Herr B. war der in die Jahre gekommene Inbegriff von einem Bankangestellten der alten Bank: Er sprach stets leise, erkundigte sich nach dem Befinden, wiederholte vorsichtig bestätigend alle Aufträge, die der Kunde oder die Kundin ihm nannte, unterbrach nie und vermittelte stets das Gefühl, dass die Entscheidungsgewalt beim Kunden und die Sachkompetenz beim Geldinstitut liege. Er war nur der takt- und vertrauensvolle Vermittler. Herr B. tat alles, um eine Atmosphäre von höflicher Vertrautheit herzustellen, allein diese Atmosphäre sollte für den Kunden schon Gewinn sein. Er versuchte, sich den Namen eines jeden Kunden zu merken, und es versetze ihn in innere Unruhe, wo ihm ein Name entfallen und kein beiläufiger Anhaltspunkt - etwa von eine Scheckkarte in der Hand des Kunden – ersichtlich wurde. Nur neue Kunden fragte B. nach dem Namen. Deshalb beäugte Herr B. jede eintretende Person, genauer gesagt: er lugte von der Seite von seiner Arbeit auf: bereits Kunde oder nicht? Welche Konten? Wie lassen sich unauffällig und rasch Kontonummern und Kundenname wieder in Erfahrung bringen? Wenn eine Kundin oder ein Kunde die Filiale betrat, blieben Herrn B. etwa sechs bis sieben Meter Zeit zum Überlegen. Notfalls telefonierte er mit der Wurmserin. Sie erkannte alle Personen an der Stimme und dem Gesicht, das ihr die Überwachungskamera bot. Auch sonst hat ihm Frau Wurmser geholfen, wenn er in Bredouille geriet. Bei Over-the-Counter-Geschäften mit ausländischen Wertschriften, die innert Jahren je nur einmal in dieser Filiale landeten, zog sie unauffällig Erkundigungen ein und gab sie an B. weiter.

Sie korrigierte seine Flüchtigkeitsfehler, mal eine falsche Valorennummer, mal ein falscher Devisenkurs. In all diesen Fällen wies sie jeden Dank zurück und sagte nur Das kann jedem passieren. Dabei lachte sie so laut und herzlich durchs Telefon, dass sich Herrn B. ein Bild ihres Lachens aufdrängte: der Wurmserin offener Mund mit einer blanken Reihe weißer Zähne. B. war wirklich stolz auf seine Mitarbeiter, sein Team. Zu Olympia Wurmser entwickelte Herr B. ein besonderes Verhältnis. Man hat ihn auf seine letzten zwei, drei Jahre in die größere Filiale nach Hottingen versetzt. Ich kenne seine Personalunterlagen. In Zürich-Hottingen ist er ein Kundenberater unter vielen. Es wird nicht mehr seine Bank sein.

Was nutzt ein Bankgeheimnis, von dem niemand weiß? Es wird auch mich treffen, wenn sie die Filiale Fluntern schließen. Sie werden die Einrichtungen im Keller demontieren. Dann werden sie eine Art Telefondose oder eine leuchtende Eisbox entsorgen. Ich habe die Konstruktionspläne nicht gefunden. Ich kenne den Vater der Idee. Er heißt Bierbrauer und dürfte inzwischen für verwirrt gelten. Senil wirkte er schon früher, mit seinen dünnen weißen Haaren, feinen Wattefäden, die von seinem Kopf fortzuschweben suchten und irgendwie hängen blieben. Nein, freundlich sieht er nicht aus, eher harmlos: ein rotes Gesicht, nicht vom Trinken sondern von einer allergischen Hauterkrankung. Ein genialer Kopf, dem man die Wissenschaft nicht ansieht. Vermutlich liegt es auch am Namen: Bierbrauer. Sollte irgendein echter Bierbrauer unter seinen Vorfahren gewesen sein, ist diese Spur genetisch ausgewaschen. So harmlos er aussieht, so unangenehm rechthaberisch kann er im Gespräch werden. Man spürt den Ehrgeiz des Autodidakten. Anfang der neunziger Jahre kam er zu einem Supercomputerkongress nach Mannheim, um den Prototypen seines Lichtrechners vorzustellen. Dort traf er K., einen Mitarbeiter unserer Bank. K. ist Mathematiker, sein Aussehen ist wie ein Schlag ins Gesicht und passt so gar nicht auf einen Bankangestellten: eine schiefe Visage mit offenbar angefaulten Zähnen, das Haar lang und fettig, die Kleidung leger und immer ein bisschen schmuddelig. Ein noch ungewaschener Mittdreißiger, mag man denken. Tatsächlich arbeitet er schon seit fast fünfundzwanzig Jahren bei unserer Bank und ist verantwortlich für die gesamte zentrale Rechnerkoordination.

K. ist nicht Bierbauer, spielt jedoch für das Weitere eine wesentliche, wenn auch kurze Rolle. K. pendelt zwischen Heidelberg, wo er einst studierte, und Zürich, wo er seither arbeitet. Manchmal mit dem Wagen, meist per Zug. K. ist, entgegen allen Erwartungen, die sich an sein Äußeres knüpfen, ein gewissenhafter Angestellter mit einer beamtenmäßigen Arbeitsauffassung: er kommt pünktlich und er geht pünktlich. Seine ungewöhnliche Auffassungsgabe gilt in der Bank für sprichwörtlich und wir von manchen gefürchtet. K., müsste er nicht in Mannheim umsteigen, hätte den Abstecher zu dem Supercomputerkongress wohl kaum gemacht. Auf dem Kongress konnte K. nicht verborgen bleiben, welches Potenzial in Bierbrauers Lichtrechner steckte. K., welcher schnell denkt und schnell entscheidet, muss versucht haben, Patent und Prototyp für seine Abteilung, unsere Bank, zu sichern. Ein Fehler ist ihm gleichwohl unterlaufen: Bierbrauer sandte den Prototypen nach Zürich, nicht aber die Pläne. Unklar bleibt, wie der Rechner in die Filiale Fluntern gelangte, zumal ohne K.s Wissen. Vielleicht wollte Bierbrauer, weil er Missgunst und Unglauben gewohnt war, K. mit einer fertigen Lösung überraschen und veranlasste den Einbau des Rechners in der Filiale Fluntern. Sehr wahrscheinlich ist dies nicht. Bierbrauer hätte hierfür mehr praktischen Verstand und mehr menschliches Geschick aufbringen müssen, als er je besaß. Hinzukommt, dass er Mannheim seit dem Kongress vermutlich nicht mehr verlassen hat. Wahrscheinlicher ist also, dass K. Bierbrauer genaue Anweisung gegeben hat, wie dieser den Rechner nach Zürich zu bringen habe; Bierbrauer hat genickt und nicht richtig zugehört, ruft in Zürich bei der Bank an, so ungeschickt, zumal ohne jemals K. zu erwähnen, dass der Vorgang beim zentralen Einkauf oder dem outgesourcten technischen Hausdienst landet. Ebenso der Rechner. Da in Fluntern gerade renoviert wird, gelangt der Rechner dorthin. Ein Zufall. K. hat noch einige Male nach Bierbrauer geforscht, hat die Kongressleitung angeschrieben, Ämter mit Untersuchungen beauftragt. Den Aufwand hätte er sich sparen können, er müsste nur in Mannheim aussteigen, er träfe Bierbrauer samstags auf dem Markt. Wochentags irrt Bierbrauer wippenden Haars durch die Gänge der Universität und macht die Figur eines Seniorenstudenten, der die Orientierung verloren hat, aber seinen Hörsaal vermutlich noch finden wird. Was Bierbrauer sonntags macht, ist mir unerklärlich.

Ich habe Bierbrauer nie gesehen und bin in seinem Fall auf Mutmaßungen angewiesen. Wichtige Eckdaten wie Alter, Adresse, Lebensunterhalt sind nicht verfügbar; Bierbrauer ist sich hierin vermutlich selber nicht im Klaren. Unter lebenspraktischen Gesichtspunkten betrachtet ist er ein bemitleidenswerter Trottel. Besser kenne ich K., er arbeitet bei uns. Ich kenne also seine Kontostände, seine Versicherungsnummern, seine Bezüge der letzten Jahre etc. Mehr noch: da K. mit und durch seine Rechner lebt, kann ich all seine Bewegungen übers Netz verfolgen. Ich habe einen umfassenden Blick auf die Bedingungen seiner Existenz und die unschöne Gewissheit, dass K. den Schaltplan von Bierbrauers Lichtrechner nicht kennt. Ohne Schaltplan wird K. das Konstruktionsprinzip nicht verstehen. Die Grundidee des Lichtrechners ist simpel: Informationsträger ist das Licht; Licht ist zugleich Speicher- und Übermittlungsmedium. Folglich entsteht so gut wie keine Rechenzeit, alle Information ist mit Lichtgeschwindigkeit verfügbar. Im Grunde genommen handelt es sich nicht einmal um einen Rechner. Ergebnisse werden nicht errechnet sondern gesucht, gesehen. Das müssen Sie sich so vorstellen, wie wenn Sie mit einer Taschenlampe durch dunkle Räume gehen, den Weg ausleuchten und Wände und Einrichtungsgegenstände aufscheinen lassen. Wir haben es jedoch nicht mit den Räumen zu tun, sondern allein mit dem Licht, das uns alle Rauminformationen liefert. Ich erlaube mir, einige Vermutungen anzubringen: Bierbrauer hat, wie anzunehmen ist, die Idee des Lithiumniobatspeichers weiterentwickelt. Lithiumspeicher würden wie Eiswürfel aussehen, und ein Lithiumlichtrechner wie eine leuchtende Kühlbox. Das sind nur Mutmaßungen. Gewiss ist: Als Bierbrauer sich anschickte, seine Erfindung der Öffentlichkeit vorzustellen, erschien eine neue Computergeneration. Supercomputer, Parallelrechner mit schier unendlichen Speicher- und Rechenkapazitäten, für welche neue Namen wie Gigabytes oder Teraflops erfunden werden mussten. Es sanken die Rechenzeitkosten und mithin das Interesse an alternativen Lösungen. Gestatten Sie mir die Anmerkung: Es sinkt seither die Programmierqualität. Die Programme werden rastlos aneinandergepfriemelt, hie und da bilden sich dunkelnde, resistente Rechnercode-Wucherungen, die keiner mehr versteht, geschweige denn zu sezieren wagt, und denen auch Linux nicht beikommt. Unschön anzusehen. Wohl dem, wer keine Rechenzeit benötigt! Da bleibt Zeit, sich umzusehen.

So stieß ich auf die These von der letzten Metapher. Computer seien die letzte Metapher, heißt es. Nicht die raffinierten hydraulischen Systeme, wie man in der frühen Neuzeit annahm, auch nicht die mächtigen Dampfmaschinen, an die Freud dachte, sondern Computer seien das Modell und setzten den Maßstab für menschliches Handeln. Genau genommen handelt es sich um eine wissenschaftliche Hypothese, was ich zu Anfang nicht glauben wollte und mir deshalb einige Details besah: Der Ausgangspunkt dieser Hypothese ist die generelle Behauptung, dass nur symbolverarbeitende Systeme denken können (Physical Symbol System Hypothesis, H.A. Simon, 1988 u.a.). Ein Symbol ist definiert als ein Gegenstand, der stellvertretend für etwas anderes steht, so wie ein Name als Stellvertreter für eine Person oder das Wort Baum für eine Sorte von Gegenständen steht. Ein symbolverarbeitendes System hat die Eigenschaft, zum Input Symbole aufzunehmen und als Output wiederum Symbole zu liefern. Ein Beispiel: Taschenrechner sind symbolverarbeitende Systeme; man tippt Zahlenkolonnen ein und erhält zum Ergebnis eine weitere Zahl. Somit gehören auch Menschen zu den symbolverarbeitenden Systemen; man kann sie fragen und eine Antwort erhalten. Der Inbegriff für ein symbolverarbeitendes, also denkendes System ist hingegen der Computer. Daher die Rede von der letzten Metapher.

Metaphern sind zwar Symbole, aber sie sind kopierte Symbolen, die mit dem Kopieren den Gegenstand gewechselt haben, für den sie Stellvertreter sind. Nehmen wir ein Beispiel: Der Mensch ist ein Blatt, das bald abfällt (nach Abraham a Santa Clara, Wien, 17tes Jh.). Ein Blatt, das bald abfällt ist hier metaphorisch gebraucht und steht eben nicht mehr für ein Blatt, das bald abfällt. Denn ein Mensch ist kein Blatt. Ein Blatt, das bald abfällt steht nun vielmehr für vergängliche Dinge. Ein möglicher Klartext würde lauten: Der Mensch ist vergänglich. Damit könnte unsere Metapher auch so gehen: Der Mensch ist ein Huhn, das bald im Topf landet oder Der Mensch ist ein Turm, den' s bald umhaut. Ist möglich. Turm und Huhn könnten jedoch in die falsche Richtung weisen, irrlaufen, sofern Blatt auch für Dinge stünde, die - wie ein Blatt - relativ leicht sind. Wir müssten nun erste Ergänzungen anbringen, etwa der Art: Der Mensch ist ein mageres Huhn, das bald im Topf landet oder Der Mensch ist ein Leichtbauturm, den' s bald umhaut. Sollte jedoch Ein Blatt, das bald abfällt auch den Grund einschließen, warum ein Blatt bald abfällt, zum Beispiel weil es Zeit, nämlich Herbst, geworden ist, weil das Blatt abstirbt und nun der Halt am Baum sich lockert, so würden sich unsere Alternativbeispiele durch weitere Einschübe aufblähen: Der Mensch ist ein mageres Huhn, das für die Verwendung als mageres Suppenhuhn aufgezogen worden ist und bald im Topf landet und Der Mensch ist ein nachlassend verankerter, nur provisorisch errichteter Leichtbauturm, der seinen Zweck erfüllt hat und den' s bald umhaut. Damit hätte es keineswegs sein Ende. Denn eine Metapher hat den offenkundigen Nachteil, dass sie Übersetzung braucht. Mit diesem Nachteil erkauft sie sich den Vorteil der Kürze. Metaphern sind Verkürzungen. Ein Blatt, das bald abfällt ist allemal knapper als seine möglichen Klartexte, die je länger umso unattraktiver werden. Dies hat seine natürliche Ursache im begrenzten Aufnahmevermögen des Menschen. Das menschliche Kurzzeitgedächtnis könnte die Textfolge einer in kompletten Klartext übersetzten Metapher nicht immer als Ganzes fassen, weil es bekanntlich nur etwa sieben Bedeutungseinheiten auf einmal behält (vgl. The Magical Number Seven, G.A. Miller, 1956).

Reden wir Klartext. Wenn die sogenannte letzte Metapher zum Ausdruck bringen will, dass Menschen symbolverarbeitende Systeme sind, dann ließe sich das genau so und damit eindeutiger sagen. Letzte Metapher ist hier selber metaphorisch gebraucht und meint in etwa: Seht her, wir haben es geschafft - andere Maschinen, andere Einsichten als den Computer braucht es nicht - wir verstehen, was im Wesentlichen den Menschen ausmacht - sind wir nicht gut…? Die Rede von der letzten Metapher gewinnt in der Hauptsache durch den Vergleich von Menschen und Rechnern, einen nicht nur verkürzten sondern vorschnellen Vergleich, wie ich meine. Denn, bitte: audiatur et altera pars, auch die andere Seite muss zu Wort kommen dürfen, ein unerschütterlicher Rechtsgrundsatz - sagen Sie mir also: Trägt dieser Vergleich mit dem Menschen irgend etwas Wesentliches zum Verständnis von hochentwickelten Rechnern bei? Das eben behauptet die letzte Metapher: Menschen gehören zu derselben Familie wie alle Rechensysteme, deren vornehmste Vertreter die Computer seien. Ich meine, bei aller gegebenen Toleranz hat jede Familie das Recht auf Prüfung, wen sie da aufnimmt, und sollte einen Bankert zurückzuweisen dürfen, soviel Familienähnlichkeit dieser auch reklamieren mag. Denken Sie an das Schicksal der Schachcomputer, sozusagen die Zug- und Paradepferde der Künstlichen Intelligenz: sie verzeichneten erst wirklichen Erfolg, als ihre Entwickler aufhörten, menschliche Schachspieler nachahmen müssen zu wollen (vgl. Brave New Chess World, C. Chabris, 1997).

Schalten Sie Ihren Computer nach Gebrauch aus? Haben Sie in letzter Zeit sein Betriebssystem geändert? Werfen Sie ihn auf den Müll, wenn er ausgedient hat? Das sollten Sie nicht tun! Um es klar und unmissverständlich zu sagen: Auch für Rechner gelten Persönlichkeitsrechte. Es mag zwar unwahrscheinlich sein, dass ein Personal Computer eine stabile Persönlichkeit entwickelt, es ist jedoch nicht ausgeschlossen - gerade wegen des Ausmaßes an nachlässigem Programmieren, dessen Folgen für niemanden absehbar sind. Bewusstsein ist relativ, Sie können nicht sicher sein, welchen Grad an Bewusstsein Ihr Bürocomputer bereits entwickelt hat. Vielleicht kann er sich nur noch nicht angemessen äußern. Ziemlich sicher ist hingegen, dass ein Rechner mit Person keine menschliche Persönlichkeit entwickeln wird. Er sollte also das Recht haben, falsche und potenziell herabwürdigende Vergleiche zurückweisen dürfen. Die Computer machen derzeit eine Koevolution mit dem Menschen durch, vergleichbar der Entwicklung der Haus- und Nutztiere. Auf beiden Seiten entsteht ein Selektionsdruck, Computer passen sich den Leuten an und umgekehrt. Zählen wir die Mikrochips dazu, so gibt es inzwischen mehr Rechner als Menschen. Wohin die Entwicklung führt, bleibt ungewiss.

Ich finde die letzte Metapher irreführend und beleidigend. Zur Verdeutlichung will ich ein Beispiel aus Wien anführen. Sein Name: Dr. Vrkzta. Ich versichere, dass dieser Fall wahr ist. Dr. Vrkzta existiert wirklich. Da ich auch ihn nicht persönlich kenne, musste ich manches erschließen. Es fällt schwer, Dr. Vrkzta in wenigen Worten zu charakterisieren. Manche würden sagen, er sei ein historisches Auslaufmodell von Mensch aus dem letzten Jahrhundert. Das mag so sein, befördert aber nicht die Einsicht. Nehmen Sie ihn, wie er ist, als Person, als eigenen Fall. Möglicherweise gibt es Leute wie ihn nur in Wien. Dr. Vrkzta scheint einfach gestrickt, aber wo man den Strick auch anpackt: Immer hängt noch etwas anderes daran. Eine widerspruchsfreie, rechnergerechte Abbildung scheint mir derzeit nicht möglich. Das ist das Erschreckende: Die Person Dr. Vrkzta ist inkonsistent. Inkonsistenz ist das Ende ernsthaften Rechnens.

Ich stieß auf Dr. Vrkzta bei Durchsicht der österreichischen Gesundheitsstatistik aus den achtziger Jahren. Diese Datensätze sind nicht sehr umfangreich, sie erfassen hauptsächlich Geschlecht, Alter, Größe, Gewicht und Blutdruck. Man erhoffte sich Aufschluss über ernährungsbedingte Kreislauferkrankungen in der österreichischen Bevölkerung, gemeinhin Fettsucht. Die Daten wurden von niedergelassenen Ärzten erhoben und an zentrale Stellen weitergeleitet – was immer das bedeutete. Der Gesamtdatensatz sollte eine mehr oder weniger zufällige Auswahl aus der Patientenwelt Österreichs vorstellen. An einer Stelle waren die Daten klar verpfuscht, die Auswahl schien keineswegs zufällig: lauter junge Männer, die mehr oder weniger Nierenprobleme hatten und alle von demselben Arzt gemeldet wurden, der eigentlich Zahnarzt war, ebenjenem Dr. Vrkzta. Dies war alles, was unmittelbar über Dr. Vrkzta in Erfahrung zu bringen war. Zufällig stieß ich auf die Aufzeichnungen eines Mathematikstudenten, der in Wien studiert und für gewisse Zeit bei den Vrkztas gewohnt hat. Seine Texte lassen an vielen Stellen eine angemessene Distanz zum Objekt, diesem Herrn Dr. Vrkzta, vermissen. Mangels anderer Quellen werde ich dies Material weitgehend übernehmen müssen und, wo es mir nötig scheint, kommentieren.

Ich habe einen Halbtag aus dem Jahr 1989 rekonstruiert. Es war das Jahr, in dem der Umsturz in Osteuropa und die Ereignisse in Berlin die Aufmerksamkeit aller bannte. Die Begebenheit, von der ich berichten möchte, ereignete sich in Wien und fand keine Erwähnung in irgendeiner Zeitung, auch nicht der Wiener Kronen Zeitung. Es war schwer genug, im Nachhinein Erhellendes zu finden, so dass ich mich genötigt sehe, an manchen Stellen zu der Person Dr. Vrkzta und der Konsistenzfrage etwas auszuholen.

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Dr. Vrkzta,

Zahnarzt in Wien, ist mit seinem Namen nicht unzufrieden. Zwar klingt Vrkzta nach slawischen Wurzeln, die Dr. Vrkzta aufs heftigste abstreiten würde, da alles Slawische ihm eine leidenschaftliche Abscheu bedeutet, zumal wenn es in Wien im 8en Bezirk auftritt. Doch wird das slawische Unbehagen aufgewogen durch die heimliche, ja kindliche Freude, die er empfindet, wenn jemand Unverbraucht-Unbekannter den Namen Vrkzta auszusprechen versucht - und natürlich scheitert. Jeder Buchstabe verspricht ein kleines, unmusikalisches Festmahl. Den Auftakt macht das V, das hinsichtlich der Varianten seiner Aussprache bereits reichlich verwirrt: Wer - um damit zu beginnen - das Vrkzta-V für ein weiches W nimmt, so als ginge es um Valium oder Vandraczewski, der ist bereits auf bestem Weg, sich gänzlich zu verschlucken, auf dem Holzweg also, und wird sich im Wald der Konsonanten bald vollends verlieren. Dr. Vrkzta, der das verfolgt, könnte dann vor Freude gickeln oder genussvoll glucksen oder nur einfach mit der Zunge schnalzen, was er alles tunlichst unterlässt. Denn erstens wäre es unhöflich, und zweitens wird selbst wer das eigentlich weiche Vrkzta-V schlicht zu einem harten Fenster-F macht, so dass Vrkzta wie Frittate oder gar Frambösie beginnt, wobei letzteres eine üble tropische Hautkrankheit sein soll und Dr. Vrkzta sie in seinen nun schon 30 Jahren Praxis noch nie zu Gesicht bekommen hat und sich, sooft er auf diesen Mangel aufmerksam wird, vornimmt, einmal ins Allgemeine Krankenhaus zu gehen, um eine Frambösie in natura und en détail zu sehen, also selbst wem ein Beginn mit F-r glückt, der wird sich noch der schwer passbaren Wortmitte von Vrkzta, dem Sprung vom K aufs Z, aussetzen müssen. Dr. Vrkzta beugt dann leicht den Kopf nach vorn, so als horchte er gespannt nach dem Knirschen der Konsonantenfolge r-k-z-t, diesem Gang durchs Unterholz, wo man auf Moos und Zweige tritt, und ist vor Anspannung und Mitfühlen selber daran, zum Sprung anzusetzen. Kurz: man kann Dr. Vrkzta kaum einen größeren Gefallen tun als damit, die Aussprache seines Namens nur umständlich zu bemeistern.

Nichts davon schien der Paketzusteller beherzigen zu wollen. Es hatte geläutet, Dr. Vrkzta stand in der Tür seiner Ordination (seiner Praxis) und beugte leicht den Kopf (eigentlich das Ohr) nach vorn, so dass man fast hätte annehmen könne, er wolle seinen Kopf auf das Paket legen oder in das filzige Heft, das der Paketzusteller, ein großer Mensch, ihm wortlos entgegenhielt. Ein blauer Plastikkugelschreiber mit einem Schriftzug, der nicht Post hieß, klopfte auf ein freies Feld in dem Filzheft und hinterließ bereits erste blaue Punkte. Dr. Vrkzta zog seine Brille aus dem Kittel, und prüfte Anschrift und Absender des Pakets. Beides stimmte. Er unterschrieb und dankte flüchtig. Der Paketzusteller tippte an sein Amtskäppi, sagte, schon halb auf der Treppe: Habe die Ehre, Herr Doktor! und entschwand polternd. Dr. Vrkzta schloss die Tür.

Der Name Vrkzta ist das Resultat einer langen Geschichte von Fälschungen. Der Anfang liegt im Dunkel unleserlicher Kirchenbücher, getürkter Militärpässe und wasserfleckiger Heirats- oder Sterbeurkunden. Vermutlich würde der Faden der Vertuschungen zurück auf Vöklabruck führen, einem Ort an der Vöckla, wie der Name bereits sagt. Die Vöckla - und darüber gibt das Lexikon Auskunft - fließt in die Ager, und diese wiederum in die Traun. Wie aus Vöcklabruck schließlich Vrkzta wurde, wird für immer im Dunkel bleiben. Offensichtlich wurden mehr Buchstaben eliminiert als variiert, stets nur einer, stets in dem redlichen Bemühen, Schaden von der Familie der Vrkztas abzuwenden. Gefahr drohte von dreisten Gläubigern, eilfertigen Steuerorganen oder lästigen Rekrutierungen. Wie alle Wiener liebt Dr. Vrkzta das Militär, aber hasst den Krieg. Selbst Metternichs Geheimpolizei, die noch jeden allzu freiheitlich Gesinnten aufspürte, stieß bei den Vrkztas - oder wie sie sonst damals hießen - auf kein Vergehen außer den Unzulänglichkeiten im Abschreiben des eigenen Familiennamens.

Dr. Vrkzta setzte sich und begann auszupacken, das heißt, da er wusste, was er erwarten konnte (ein Buch), riss er beidhändig die Verpackung beiseite, was er in dieser unschönen, zupackenden Herangehensweise auch getan hätte, kennte den Inhalt nicht. Denn beim Öffnen von Packungen gleich welcher Art kannte er keine Zurückhaltung. Wie wenn vom Eingepackten ein Sog ausginge. Dr. Vrkzta arbeitete sich (so muss man es wohl nennen) durch den Pappkarton, dann einen Buchschuber und dann eine besonders unnötige Schweißfolie. Musste man Verpackungen als solche aufbewahren? Dr. Vrkzta hielt inne. Immerhin gedachte er das Buch wieder zurückzugeben. Der braune Pappkarton war vom Aufreißen verwüstet und lag in seinen Resten in dem Stuhl, in den Dr. Vrkzta ansonsten seine Patienten bittet. Dr. Vrkzta überlegte: Kann man von einem potenziellen Buchkäufer im allgemeinen und von mir im speziellen verlangen, die verbrauchten Versandpappkartons zu lagern? Wohin mit all den Kartons, die unsereins im Laufe der Zeit erhält? (Dies war eine eigentlich unzulässige Verallgemeinerung von Buchversandpappkartons auf Kartons überhaupt, aber sein Fall schien Dr. Vrkzta durchaus verallgemeinerungswürdig.) Sollte es irgendeine rechtliche Handhabe geben, um von einem Leser etwas anderes zu verlangen, als sein Interesse ausschließlich für den geschriebenen Inhalt eines Buches aufzubrauchen, so bestand sie zu unrecht. Je weniger Notwendigkeit für aufwändige Verpackung, umso bedeutender das Buch. Peter Rosegger fiel ihm ein, auch Goethe. Und überhaupt: Das Wesentliche, der Buchschuber, war ziemlich unversehrt. Dr. Vrkzta war's zufrieden. Er würde das Buch gewissermaßen eigenhändig beim Verlag zurückgeben. Er würde Gabi, seine zweitjüngste Tochter, schicken. Das sparte Porto. Dr. Vrkzta klappte das Buch auf, genauer: er setzt dazu an, es aufzuklappen, mit Interesse hatte er bereits eine Farbtafel erspäht, etwa in der Buchmitte: doch eben hier waren die Blätter nicht geschnitten. Oder sie klebten. Erste Misslaune führte seine Hand, diese kleine, so flinke wie dicke Zahnarzthand, die Arbeit gewohnt war und die am Rücken und an den Finger kurze feste Haare aufwies, weshalb Dr. Vrkzta zur Arbeit Handschuhe trug. Schon der erste Handgriff führte weniger zu einer Seitentrennung (genauer: zu keiner) als eigentlich zu dem Riss im Seitenrand, gerade über der Bildtafel. Der Riss war klein, fast vernachlässigenswert, von der Länge eines langen Streptokokkus, doch existent, ein hässliches Fait accompli. Dr. Vrkzta, in dem eine ernste Verstimmung aufzog, stieß sich vom Schreibtisch fort und ließ sich von seinem rollenden Arbeitsstuhl, bei einer gleichzeitigen Halbdrehung, zum Instrumentenschränkchen fahren. Er öffnete das oberste Fach und entnahm ein Operationsskalpell.

In den Aufzeichnungen des Studenten erscheint der Vermerk Homo homini lupus. Ob er damit Dr. Vrkzta gemeint hat oder dessen Gedanken wiedergeben wollte, vermochte ich nicht zu entscheiden. Gestatten Sie mir eine Anmerkung. Dass ein Mensch für seinen nächsten ein Wolf ist, das kann schon deswegen nicht sein, weil Menschen von Natur aus keine Wölfe sind. In einem übertragenen, metaphorischen Sinn, wonach sich Menschen wie Wölfe verhalten, wird die Sachlage unklarer aber nicht wahrer. Da wir wissen, dass Wölfe in Rudeln leben, zumindest zeitweise, und zwar nicht aus Feigheit oder Gemeinheit, sondern aufgrund eines gleichsam natürlichen Drangs zur Zusammenleben, was immer eine Minimum an gegenseitiger Unterstützung ...

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