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Dr. Stefan Frank - Folge 2292

Einsatz in Afrika

Schwester Paulas Engagement für die Ärmsten dieser Welt

 

Noch gut erinnern sich Dr. Frank und Dr. Waldner an die hübsche Pflegerin Paula, die vor einigen Jahren an der Waldner-Klinik gearbeitet hat. Irgendwann hat es sie dann nach Äthiopien gezogen, um „den Ärmsten der Armen“ zu helfen. Dort arbeitet sie noch immer an einem kleinen Provinzkrankenhaus. Eines Tages erhalten sowohl Stefan als auch Ulrich eine E-Mail von ihr: „Lieber Herr Dr. Frank, lieber Herr Dr. Waldner, heute schreibe ich Ihnen beiden, weil wir hier sehr dringend Hilfe brauchen. Drei Ärzte sowie sechs Schwestern und Pfleger versorgen hier Tag für Tag achtzig bis hundert Patienten, und wir haben den Eindruck, dass es immer mehr werden. Könnten Sie vielleicht in Deutschland Werbung für uns machen? Es gibt sie doch bestimmt, die idealistischen Frauen und Männer, die sich vorstellen können, auch in einer abgelegenen Gegend wie der unseren für einige Wochen oder auch Monate unentgeltlich zu arbeiten. In herzlicher Verbundenheit, Ihre Paula“. Für beide ist sofort klar: Sie werden selbst ihre Koffer packen und für einige Wochen vor Ort helfen, Alexandra und Ruth werden sie selbstverständlich mitnehmen. Und so beginnt für die vier engagierten Ärzte eine der aufregendsten Reisen ihres Lebens …

Dr. Ulrich Waldner sah den Besucher, der mit gesenktem Kopf vor seinem Schreibtisch saß, nachdenklich an.

„Ich kann Sie nicht behalten, Herr Weiler. Sie stören den Betriebsfrieden, und ich glaube, das wissen Sie auch.“

Der Angesprochene – ein großer, schlanker Mann mit breiten Schultern, siebenundzwanzig Jahre alt – presste statt einer Antwort die Lippen zusammen. Seine blonden Haare trug er ziemlich lang, die blauen Augen wurden von den gesenkten Lidern verdeckt.

Ulrich Waldner beugte sich vor.

„Sie sind einer der besten Pfleger, die wir je hatten“, sagte er ruhig. „Sie können wunderbar mit Patientinnen und Patienten umgehen; Sie sind umsichtig und haben erstaunliche medizinische Kenntnisse; Sie vergessen nie etwas, speichern jede Information, die Sie bekommen, und werden nie ungeduldig. Mit anderen Worten: Sie können fast alles, nur eins offenbar nicht – sich unterordnen.“

Sein Mitarbeiter schwieg noch immer.

„Wenn eine Ärztin oder ein Arzt Ihnen sagt, was Sie tun sollen, fangen Sie überflüssige Diskussionen an, gern auch im Beisein von Patienten“, führte Dr. Waldner aus. „Gelegentlich weigern Sie sich sogar, Weisungen zu befolgen, und lassen auch schon mal durchblicken, dass Sie es besser wissen. Korrigieren Sie mich bitte, wenn ich Ihnen unrecht tue.“

Da Konrad Weiler weiterhin schwieg, stellte er schließlich die Frage, auf die seine lange Rede zuvor hinausgelaufen war:

„Warum tun Sie das, Herr Weiler?“

„Weil ich es tatsächlich manchmal besser weiß“, antwortete Konrad Weiler. Er hob den Kopf und sah seinen Chef direkt an, zum ersten Mal während dieses Gesprächs, das bereits über eine halbe Stunde dauerte. Die blauen Augen, von denen so manche Patientin schwärmte, blitzten angriffslustig. „Manche Ärzte wissen weniger als ich, und das sage ich dann auch laut und deutlich.“

„Sie denken, dass es so ist“, korrigierte Ulrich Waldner mit einer gewissen Schärfe in der Stimme.

Er hatte die Waldner-Klinik am Englischen Garten in München-Schwabing vor langen Jahren gegründet und stand ihr seitdem als Chef vor. In dieser Zeit hatte er viel erlebt mit seinem Personal, aber jemand wie dieser junge Mann war ihm bisher noch nicht untergekommen.

„Wir legen bei der Auswahl unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter äußerst strenge Kriterien an, das gilt für das medizinische Personal ganz besonders“, fuhr er, etwas milder, fort. „Die Waldner-Klinik hat nicht zuletzt wegen ihrer ausgezeichneten Ärztinnen und Ärzte einen so guten Ruf. Ich will damit nicht sagen, dass Ärzten niemals ein Fehler unterläuft. Wir sind alle Menschen, und Menschen machen nun einmal Fehler. Aber wenn es so ist, und Sie bemerken es, dann ist es trotzdem ungehörig, denjenigen, dem der Fehler unterlaufen ist, vor anderen bloßzustellen. Es würde Ihnen auch nicht gefallen, wenn jemand Sie so behandeln würde. Oder irre ich mich?“

„Nein“, gab Konrad Weiler widerstrebend zu. „Aber mich bringt das auf die Palme, auch wie eingebildet manche Ärzte sind. Die halten sich wirklich für Halbgötter. Das kann ich nicht ausstehen.“

„Das haben Sie schon mehr als einmal überdeutlich zum Ausdruck gebracht“, bemerkte der Klinikchef trocken. „Aber seit Sie hier sind, herrscht Unruhe unter den Angestellten, und das gefällt mir nicht. So gut Sie mit den Patienten umgehen, so unzugänglich sind Sie gegenüber Kolleginnen und Kollegen. Auch den anderen Pflegern und einigen Schwestern sagen Sie ständig, was sie alles falsch machen. Aber stellen Sie sich vor: Die Waldner-Klinik existiert schon sehr lange, und sie hat, wie schon erwähnt, einen ausgezeichneten Ruf. So schlimm kann es also mit den Wissenslücken unseres medizinischen Personals nicht sein.“

„Weil immer jemand da ist, der die Fehler ausbügelt. Dass man sich damit nicht beliebt macht, war mir klar, aber dass Sie mich gleich feuern wollen …“

„Von wollen kann keine Rede sein. Eher ist es so, dass ich denke, ich muss Ihnen kündigen, weil die Unruhe unter den anderen Angestellten sonst noch größer wird. Jeden Tag sitzt mindestens einer dort, wo Sie jetzt sitzen, und beschwert sich über Sie. Das geht auf Dauer nicht gut, Herr Weiler. Es tut mir leid, aber ich kann Sie nicht einmal bis zum Ende Ihrer Probezeit behalten. Sie müssen zum Monatsende gehen.“

„Es tut Ihnen überhaupt nicht leid!“, fuhr der junge Pfleger auf. „Wenn es Ihnen nämlich leidtäte, würden Sie sich mehr Mühe geben.“

„Mit Ihnen?“, fragte Ulrich Waldner ruhig. „Oder mit wem?“

„Sie würden sich mehr Mühe geben, auch meine Position zu verstehen. Ich kann doch nicht einfach beide Augen schließen, wenn ich sehe, dass etwas schiefläuft.“

„Das verlangt ja auch niemand von Ihnen. Aber haben Sie schon einmal daran gedacht, sich in einem solchen Fall direkt an mich zu wenden? Ich leite diese Klinik, ich bin verantwortlich für alles, was hier geschieht. Wenn Sie mir von Missständen berichten, ist es meine Pflicht, den Hinweisen nachzugehen und das, was nicht gut läuft, gegebenenfalls abzustellen. Aber ich höre ja nie von Ihnen, was schiefläuft, sondern immer von denen, die Sie maßregeln, als sei das Ihre Aufgabe.“

„So sehe ich das auch. Ich sehe es als meine Aufgabe an, anderen zu sagen, was sie falsch machen, wenn sie es direkt vor meiner Nase tun.“

„Was sie Ihrer Ansicht nach falsch machen“, korrigierte der Klinikchef erneut. „Aber Sie bestimmen hier nicht, wie die Abläufe sind oder wie wir dieses oder jenes handhaben. Sie sind als Pfleger in der Waldner-Klinik angestellt, mit fest umrissenen Aufgaben, die Sie wahrzunehmen haben. Andere zu maßregeln gehört nicht dazu.“

Konrad Weiler erhob sich. Er war fast einen Meter neunzig groß und hätte mit seinen breiten Schultern auch bedrohlich wirken können, wie er da jetzt vor dem Schreibtisch seines Chefs stand, doch das war nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, er wirkte wie ein Häufchen Elend. Nichts war mehr übrig von jenem Verhalten, das andere so oft gegen ihn aufbrachte: das Rechthaberische, Besserwisserische, Bevormundende.

„Ist das Ihr letztes Wort?“, fragte er.

„So leid es mir tut, Herr Weiler: Ja, das ist es. Ich kann Sie nicht behalten.“

Einen Moment lang sah es so aus, als wollte der junge Mann noch etwas sagen, vielleicht die Bitte äußern, es sich noch einmal zu überlegen. Doch er tat es nicht. Er nickte nur, drehte sich um und verließ mit gesenktem Kopf das Büro.

Ulrich Waldner stieß einen langen Seufzer aus. Es war ihm nicht leichtgefallen, dieses Gespräch zu führen, denn er mochte Konrad Weiler. Auch sein Freund Dr. Stefan Frank, der Belegbetten in der Klinik hatte, mochte den jungen Pfleger.

Erst kürzlich hatten sie wieder über ihn gesprochen, über seine Qualitäten, aber auch über seine Probleme im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten. Stefan hatte dafür plädiert, ihm noch eine letzte Chance zu geben, aber Ulrich war anderer Ansicht gewesen. Er glaubte nicht mehr daran, dass Konrad Weiler bereit war, sein Verhalten zu ändern.

Missmutig wandte er sich den Akten zu, die auf seinem Schreibtisch lagen.

Dieser Tag hielt offenbar nur Mühen für ihn bereit! Zuerst musste er einem eindeutig begabten jungen Mann kündigen und sich jetzt auch noch mit den Zahlen beschäftigen, die ihm sein Finanzchef zur Prüfung vorgelegt hatte. Es gab wahrhaftig angenehmere Tage!

***

„Det war der letzte Patient für heute, Chef“, sagte Martha Giesecke, Stefan Franks langjährige Mitarbeiterin, als sie am späten Nachmittag sein Sprechzimmer betrat.

„Das wurde auch Zeit“, stellte er fest.

Er sah müde aus, und er war es auch. Sie hatten zwei Notfälle behandeln müssen, was natürlich den gesamten Praxisbetrieb durcheinander gebracht hatte. Entsprechend verspätet waren sie nun.

Dr. Frank warf einen Blick auf die Uhr und unterdrückte einen Seufzer. Seine tägliche Fahrt von Grünwald, wo er lebte und praktizierte, nach Schwabing zur Waldner-Klinik, wo er diejenigen seiner Patienten besuchte, die stationär behandelt wurden, konnte er nun auch erst mit Verspätung antreten.

Dabei war er mit seiner Freundin Alexandra Schubert verabredet! Er würde ihr, wie so oft, sagen müssen, dass er es zur verabredeten Zeit auf keinen Fall schaffen würde.

„Ja, es war viel heute“, bestätigte Martha Giesecke. „Aber wir haben zwei Menschenleben retten können, Chef, daran sollten Sie denken.“

Sie hatte natürlich recht, wie meistens.

Er betrachtete sie nachdenklich. Ihr Haar war grau geworden in den letzten Jahren, aber er selbst bekam ja auch allmählich graue Schläfen.

Alexandra, die um einiges jünger war als er und dazu noch jünger aussah, lachte nur, wenn er sich darüber Gedanken machte.

„Du gefällst mir so, wie du bist, und ich will dich kein bisschen anders haben, vergiss das nicht!“, sagte sie gern.

Martha Giesecke war bereits über sechzig, aber vom Ruhestand wollte sie nichts hören. Darüber war er froh.

Was hätte er ohne sie getan? Ohne ihr Gedächtnis, das geradezu phänomenal war, wenn es um die Krankengeschichten seiner Patientinnen und Patienten ging? Ohne ihre Umsicht? Ohne ihr großes Wissen und die Informationen, mit denen sie ihn manchmal überraschte, weil die Patienten ihr beim Blutabnehmen öfter etwas anvertrauten, was für die Behandlung von Bedeutung war?

Nein, er wollte sich den Praxisbetrieb ohne Martha Giesecke an seiner Seite lieber nicht vorstellen.

Er schätzte auch Marie-Luise Flanitzer sehr, Marthas junge Kollegin, die vorn am Empfang saß und Computer und Telefon bediente. Aber sie gehörte einer anderen Generation an, mit ihr verband ihn keine so lange gemeinsame Geschichte.

„Ja“, sagte er, sich mit Gewalt von seinen Gedanken losreißend, „wir haben zwei Menschen retten können, allein das macht den Tag natürlich zu einem guten Tag. Nur wird es leider auch wieder ein sehr langer Tag werden, Schwester Martha. Dabei bin ich jetzt schon müde.“

„Det vergeht auch wieder.“ Sie lächelte aufmunternd. „Essen Sie eine Kleinigkeit, bevor Sie sich auf den Weg nach Schwabing machen, und hören Sie auf dem Weg schöne Musik. Sie wissen doch, det hilf Ihnen immer, die Müdigkeit zu vertreiben.“

„Und was werden Sie tun?“

„Wir räumen noch auf, Marie-Luise und ick“, lautete die prompte Antwort. „Und Sie gehen am besten jetzt sofort, bevor es noch später wird.“

„In Ordnung“, sagte er und schaltete seinen Computer aus. „Wir sehen uns morgen, Schwester Martha.“

„Erholen Sie sich gut, Chef.“

Das sagte gleich darauf auch Marie-Luise Flanitzer, die leise vor sich hin summte, während sie ihre Sachen ordnete. Sie war eigentlich immer guter Dinge, während Martha Giesecke der Welt manchmal ein brummiges Gesicht zeigte, womit sie aber niemanden täuschte – jedenfalls niemanden, der sie näher kannte.

Stefan Frank verließ die Praxis und stieg die Treppe hinauf in seine Wohnung. Das Haus in der Grünwalder Gartenstraße gehörte ihm schon lange, und er genoss es, morgens nicht erst ins Auto steigen zu müssen, um zur Arbeit zu fahren: Er lief lediglich ein paar Treppenstufen hinunter.

Andere brauchten eine schärfere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, er nicht. Vielleicht lag das aber auch daran, dass er die beiden Lebensbereiche ohnehin nicht scharf trennte.

Das hatte sich zwar ein wenig verändert, seit Alexandra in sein Leben getreten war, aber nicht grundsätzlich. Seine Patienten gehörten untrennbar zu ihm und er zu ihnen, so war es nun einmal.

Nachdem er eine Kleinigkeit gegessen hatte, rief er noch einmal an, um sich zu erkundigen, wie es den beiden Notfallpatienten ging – ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall. Erst, als er wusste, dass beide stabil waren, setzte er sich in seinen Wagen, drehte die Musikanlage voll auf und machte sich auf den Weg nach Schwabing.

***

„Hier, Almaz“, sagte Schwester Paula Genowski, als sie der jungen Frau ihr Erstgeborenes in den Arm legte. „Es ist ein gesunder, kleiner Junge.“

Almaz, eine noch sehr junge Frau von vielleicht neunzehn oder zwanzig Jahren, war erschöpft, aber sie lächelte. Sie war erst am Tag zuvor im Awash-Hospital angekommen. Es lag – daher auch der Name – in der Nähe des Awash-Flusses, ungefähr auf halber Strecke zwischen der Stadt Dire Dawa und der Danakil-Senke.

Die Grenzen zu Eritrea, Dschibuti und Somalia, ständige Unruheherde, waren nicht weit. Immer mal wieder kam es hier zu Streitigkeiten. Dann mussten Paula und ihre Kolleginnen und Kollegen auch schon einmal Schussverletzungen behandeln. Doch zurzeit war es zum Glück ruhig an der Grenze.

Paula betrachtete die junge Frau und ihren Sohn nachdenklich. In Äthiopien war die Kindersterblichkeit nach wie vor sehr hoch, auch die Mütter starben häufig bei der Geburt. Hier in der Gegend war es gelungen, beides einzudämmen, darauf waren sie sehr stolz.

Sie behandelten außerdem viele Frauen und Männer, die sich mit HIV infiziert hatten, aber das Problem war, dass ihnen die Medikamente ausgingen. Die Gegend galt als gefährlich, zahlreiche Hilfsorganisationen hatten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deshalb abgezogen.

Im Awash-Hospital – das nicht mehr war als eine Ansammlung von, nach europäischen Maßstäben, ziemlich armseligen Gebäuden – hatten früher mehr als dreißig Ärztinnen und Ärzte, Schwester und Pfleger gearbeitet.

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