Logo weiterlesen.de
Dr. Stefan Frank - Folge 2291

Der Duft der Freiheit

Dr. Frank und eine junge Patientin auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben

 

Freiheit, was ist das? Mit diesen Worten ließe sich wohl das Leben der jungen Katharina Mohris überschreiben. Margot Mohris, Katharinas Schwiegermutter, sitzt seit einem Autounfall vor zwei Jahren im Rollstuhl. Und sowohl sie als auch ihr Sohn Ferdinand sehen es als Katharinas Aufgabe an, die alte, mürrische Frau Tag und Nacht zu umsorgen. Zeit für eigene Interessen wird ihr nicht zugestanden, denn angeblich hat ausgerechnet die sonst so umsichtige Katharina durch ihr gewagtes Fahrverhalten den Unfall damals verursacht!

Niemand, der die Geschichte hört, kann sich das vorstellen. Doch da Katharina selbst sich an nichts erinnern kann, muss man Margot und Ferdinand wohl glauben. Ihre Schuldgefühle zwingen Katharina dazu, sämtliche Schikanen über sich ergehen zu lassen – bis eines Tages eine ganz ungeheuerliche Wahrheit ans Licht kommt …

„Kati!“

Katharina Mohris zuckte zusammen und hielt sich unwillkürlich die Ohren zu, als die schrille, fordernde Stimme ihrer Schwiegermutter erklang.

Nicht schon wieder, dachte sie. Kann sie mir denn nicht mal fünf Minuten Ruhe gönnen, nachdem sie mich die ganze Zeit herumgehetzt hat?

Kati! Kati!!! Ich muss aufs Klo. Glaubst du vielleicht, ich kann es durch die Rippen schwitzen?“

Da half kein Ohrenzuhalten, Margots Worte übertönten alles.

Und wenn ich einfach hier sitzen bleibe?, dachte Kati in einem Anfall von Trotz. Was will sie dann tun? Vielleicht aus dem Rollstuhl springen und mir hinterherrennen?

Doch im gleichen Moment schlug die junge Frau entsetzt die Hand vor den Mund. War es schon so weit mit ihr gekommen, dass sie sich keinen Deut besser benahm als ihr Mann und ihre Schwiegermutter? Wie konnte sie nur so etwas Hässliches denken?

Katis Schultern sackten herab. Einen Moment lang saß sie so da, ganz in sich zusammengesunken, dann straffte sie sich wieder und stand auf.

Es ist meine Buße, sagte sie sich, während sie die Bibliothek verließ, den einzigen Raum in ihrem eigenen Haus, in dem sie sich noch heimisch fühlte. Schließlich ist es meine Schuld, dass Margot im Rollstuhl sitzt. Ich habe damals den Wagen gefahren! Ich habe den Unfall verursacht, der ihre Gesundheit ruiniert hat.

Es war eine Schuld, die immer auf ihr lasten würde und die sich nicht vergessen ließ.

Die dein Mann und seine Mutter dich auch nicht vergessen lassen, meldete sich eine kleine Stimme in ihren Gedanken. Sie erinnern dich schließlich Tag für Tag daran.

Kati!

„Bin schon unterwegs!“, rief sie zurück.

Vor der Schlafzimmertür ihrer Schwiegermutter blieb sie einen Augenblick stehen und atmete tief durch. Dann öffnete sie die Tür und trat ein.

Wie ich sie verabscheue, dachte Kati, als sie Margot betrachtete. Doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Margot Mohris, eine unsympathisch wirkende Frau Ende sechzig, blickte ihrer Schwiegertochter misstrauisch entgegen.

„Was hast du gemacht? Wo warst du? Wieso bist du nicht sofort gekommen? Hast wohl wieder keine Lust gehabt, dich um mich zu kümmern, was? Ich bin ja auch nur eine hilflose alte Frau, und dir ist es völlig egal, ob ich leide oder nicht …“

Kati schaltete ab. Sie kannte die Litanei. Sie hörte sie jeden Tag. Wie pflichtvergessen sie sei, wie rücksichtslos, wie völlig ohne Mitleid, wie selbstsüchtig und durch und durch schlecht.

Eine Beschreibung, die viel eher auf Margot Mohris selbst zutraf.

Katis Schwiegermutter war bei jenem Unfall schwer verletzt worden, hatte innere Verletzungen erlitten und sich zudem das rechte Bein gebrochen. Nach Aussage der Ärzte wäre sie dennoch wieder genesen, wenn sie nicht im Krankenhaus zusätzlich einen Schlaganfall erlitten hätte. Seitdem fehlte ihr die Kraft in Beinen und Händen, sie konnte nicht mehr laufen und auch nicht mehr richtig greifen. Sie war in allem auf Unterstützung angewiesen.

Kati schob den Rollstuhl Richtung Bad, öffnete die Tür und manövrierte Margot in das helle, geräumige Badezimmer. Dann hob sie ihre Schwiegermutter aus dem Rollstuhl und setzte sie auf die Toilette.

„Verschwinde“, befahl Margot. „Ich rufe dich, wenn ich dich brauche. Aber komm diesmal gefälligst sofort. Sonst sage ich Ferdi, dass du dich schon wieder nicht um mich gekümmert hast.“

Kati wandte sich wortlos ab und verließ den Raum, wartete draußen auf dem Flur. Sie lehnte sich gegen die Wand und schloss für einen Moment die Augen.

Wenn sie doch bloß nicht so müde und erschöpft wäre! Wenn sie wenigstens ab und zu einmal aus dem Haus entkommen und für eine oder zwei Stunden ein bisschen Freiheit schnuppern könnte! Wenn sie nur für eine kleine Weile Margots unangenehme, keifende Stimme nicht mehr hören müsste!

Kati!

Die junge Frau eilte zurück ins Badezimmer.

„Herrgott noch mal, nun sei doch nicht so langsam wie eine Schnecke! Drück endlich auf die Spültaste, oder soll ich mich vielleicht noch verrenken?! Und hilf mir, die Hose hochzuziehen!“

Kati setzte ihre Schwiegermutter zurück in den Rollstuhl, schob sie vors Waschbecken, drehte den Wasserhahn auf und reichte ihr die Seife. Dann, nach dem Händewaschen, ging es zurück ins Wohnzimmer.

„Auf die Couch“, sagte Margot unfreundlich. „Ich will fernsehen.“

Kati hievte sie auf die Couch, schob ihr ein Kissen in den Rücken und gab ihr die Fernbedienung.

„Brauchst du sonst noch etwas?“, wollte sie wissen.

„Nein. Außer meiner Gesundheit brauche ich gar nichts – aber die hast du mir ja gründlich vermasselt.“

Kati presste die Lippen zusammen und schwieg. Sie setzte sich auf die Couch und blickte sehnsüchtig hinaus in den Garten. Wie gern hätte sie eine kleine Runde draußen gedreht, einfach einmal für ein paar Minuten durchgeatmet! Doch ihre Schwiegermutter bestand darauf, dass sie immer in erreichbarer Nähe war.

„Gib mir die Fernsehzeitung. Den Quatsch da will ich nicht sehen.“

Kati reichte ihr das TV-Programm.

Margot schaute gar nicht hinein, sondern warf die Zeitschrift auf den Boden und begann durch die Kanäle zu zappen, bis sie einen Sender fand, der ihr gefiel.

Kati erhob sich, nahm die Fernsehzeitung und legte sie zurück auf den Tisch, setzte sich dann wieder.

„Mach mir einen Tee!“, kam es fünf Minuten später.

Kati sprang auf. „Möchtest du auch etwas essen?“, fragte sie. „Ein Stück Kuchen vielleicht oder ein belegtes Brot?“

„Willst du, dass ich fett werde?“

Margot hatte das, was sie selbst einen „gesegneten Appetit“ nannte, Kati aber als ungezügeltes In-sich-Hineinstopfen bezeichnete, und nahm dadurch ständig zu. Ihre Schwiegermutter war inzwischen so schwer, dass es der jungen Frau Mühe bereitete, sie hochzuheben und zu halten.

Kati ging in die Küche und bereitete eine große Tasse Tee zu. Vorsichtshalber legte sie ein paar Kekse auf das Tablett, das sie auf den kleinen Tisch neben Margots Sessel stellte. Dann setzte sie sich wieder hin.

„Ich hab dir doch gesagt, ich will nichts essen“, fuhr Margot ihre Schwiegertochter an. „Außerdem mag ich diese Kekse nicht. Die anderen, die du neulich gekauft hast, waren viel besser.“

Trotzdem griff sie zu, und im Nu waren die Kekse verschwunden.

„Doch die kaufst du mir ja nicht mehr, weil du gemerkt hast, dass ich sie mag“, fuhr Margot fort. „Aber so ist es ja immer: Für mich holst du nie etwas Gutes, ich darf mich mit dem billigen Mist zufriedengeben.“

Kati antwortete nicht darauf. Das, was ihre Schwiegermutter behauptete, war blanker Unsinn. Sie nahm sie fast immer zum Einkaufen mit, und Margot suchte sich selbst aus, was sie haben wollte.

Bescheidenheit kannte sie dabei nicht. Sie und ihr Sohn verlangten von allem nur das Beste und ließen Kati alles bezahlen.

„Ach, du redest jetzt wohl nicht mehr mit mir, was?“

„Was soll ich denn darauf schon sagen …“

„Nun hab ich doch Hunger bekommen. Mach mir zwei Brote. Eins mit gekochtem Schinken, eins mit Lachs. Und nicht so lieblos, ja? Koch ein Ei dazu, und schneid es mir auf. Und ein paar Gürkchen will ich auch. Jetzt steh schon auf, oder ist es dir mal wieder zu viel, deiner Schwiegermutter etwas zu essen zu geben? Dass ich auch jedes Mal darum betteln muss! Am liebsten würdest du mich wohl verhungern lassen, was?“

Was eine kleine Ewigkeit dauern würde, bei deinem Gewicht, dachte Kati, dann erhob sie sich ein weiteres Mal und ging in die Küche. Dort brach sie in Tränen aus, kaum dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Doch dann wischte sie sich die Wangen mit dem Handrücken ab und atmete einmal tief durch.

Warum rege ich mich eigentlich darüber auf?, dachte sie. Ich weiß ja, wie sie ist. Ich weiß ganz genau, dass das Absicht ist. Dass sie mich zehnmal hin- und herjagt, obwohl wir alles viel einfacher haben könnten.

Gleich, wenn ich ihr das Essen gebracht habe, wird sie noch einen Tee wollen. Sobald die Tasse auf dem Tischchen steht und ich mich gerade setzen will, wird sie mir sagen, dass sie den Tee doch nicht mag und ich ihr etwas anderes zu trinken bringen soll. Dann renne ich von Neuem los, und danach wird es noch dieses und jenes sein.

Und wenn Ferdi schließlich nach Hause kommt, wird sie sich wieder über mich beklagen und ihm vorjammern, wie faul ich sei und dass ich ihr aus lauter Bosheit das Leben schwermache.

Dann würde Ferdi sie wieder auf diese grässliche Art anschauen, bei der ihr jedes Mal ein Schauder über den Rücken lief. Denn es lag nicht nur Anklage und Vorwurf in seinem Blick, sondern auch eine deutliche Drohung.

Die Tränen wollten erneut fließen, als Kati daran denken musste, wie er reagiert hatte, als sie einmal in plötzlich aufwallendem Ärger gesagt hatte, dann solle er doch eine Pflegerin engagieren, wenn sie seiner Mutter so gar nichts recht machen könne. Das Geld dafür würde sie gern auch noch bezahlen. Schließlich trage sie ja sowieso schon alle Kosten.

Ganz dicht war er vor sie getreten und hatte sie fest am Handgelenk gepackt. So fest, dass seine Finger sich tief in ihre Haut gegraben hatten.

„Glaub ja nicht, dass du dich mit deinem Geld freikaufen kannst“, hatte er drohend gesagt, und damals hatte sie zum ersten Mal Angst vor ihrem Mann gehabt. „Du hast meine Mutter kaputtgefahren, und deshalb wirst du dich selbst um sie kümmern und die Arbeit nicht auf andere abschieben. Aufmucken gilt nicht, hast du das verstanden? Du wirst tun, was immer sie verlangt, denn das ist die gerechte Strafe für das, was du uns angetan hast. Du hättest uns damals alle umbringen können!“

***

Wie so oft in letzter Zeit konnte Kati nicht einschlafen, obwohl sie todmüde war.

Sie lag in ihrem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte ins Dunkle. Von nebenan klang das laute Schnarchen ihrer Schwiegermutter herüber.

Wieder krampfte sich alles in ihr zusammen. Wenn sie Margot bloß hörte, empfand sie einen solchen Widerwillen, dass ihr ganzer Körper mit Abwehr reagierte. Und nun begann auch noch ihr Kopf höllisch zu schmerzen.

Oh Gott, ich muss mich zusammenreißen, dachte Kati. Ich muss stark sein, damit ich das alles ertrage. Die ganzen Demütigungen, das ständige Schikanieren, die ewigen Vorwürfe … die Schuld, die mich niederdrückt.

Ja, sie ist eine furchtbare Frau, eine alte, gemeine Hexe – aber wie würde ich denn reagieren, wenn ich an ihrer Stelle wäre? Ich würde doch auch nicht sagen: „Danke, dass ich deinetwegen im Rollstuhl sitze!“ Ich würde wohl auch nicht verzeihen und vergeben.

Aber du würdest niemanden so schikanieren und quälen, wie sie es in ihrer Bosheit tut, flüsterte die kleine Stimme in ihrem Inneren.

Wenn sie bloß wüsste, was genau an jenem verhängnisvollen Tag passiert war! Wie es zu diesem furchtbaren Unfall hatte kommen können.

Wie oft hatte sie sich schon den Kopf zermartert, verzweifelt versucht, ihre Erinnerungen zurückzuzwingen. Doch es gelang ihr nie. Sie vermochte sich nicht mehr an den Unfall zu erinnern, hatte nicht die geringste Ahnung, was geschehen war.

Die Stunden davor, der Unfall selbst, die Tage danach, all das war vollkommen aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Fort, einfach weg. Nicht der Hauch einer Erinnerung war ihr geblieben.

Nur manchmal wurde sie von furchtbaren Träumen gequält. Wenn sie dann hochschoss, schweißgebadet, eine Hand auf ihr heftig schlagendes Herz gelegt, wusste sie, dass sie von dem Unfall geträumt hatte. Ab und zu hallte ihr dann noch ein schreckliches Krachen und Schreien in den Ohren, doch nie konnte sie eins der Bilder festhalten. Alles blieb diffus und verwischt. Und selbst wenn sie etwas gesehen hätte, hätte sie doch niemals gewusst, ob es die Wirklichkeit oder lediglich ihrer Fantasie entsprungen war.

So war sie auf das angewiesen, was ihr Mann ihr über den Unfall erzählt hatte und was im Polizeibericht stand. Laut Ferdi hatten sie sich auf dem Rückweg von einem Ausflug befunden, den sie beide mit seiner Mutter unternommen hatten. Sie, Kati, sei ziemlich gereizt und zickig gewesen und hätte im Auto einen hässlichen Streit vom Zaun gebrochen.

Er habe versucht, sie zu beruhigen, schließlich habe sie am Steuer gesessen und sei immer unkonzentrierter und schneller gefahren, doch sie habe ihn nur beschimpft. Furcht habe er empfunden, schreckliche Furcht, weil sie so rücksichtslos Gas gab.

Regelrecht angefleht habe er sie, doch nicht ihrer aller Leben aufs Spiel zu setzen! Seine Mutter habe vor lauter Angst zu weinen begonnen, aber sie, Kati, habe sie noch verspottet.

Und dann sei es passiert: Auf der schmalen, kaum befahrenen Straße habe sie in einer Kurve die Gewalt über den Wagen verloren. Sie seien von der Fahrbahn abgekommen, hätten sich ein paarmal überschlagen und seien schließlich zum Stillstand gekommen – glücklicherweise wieder auf den Rädern.

Das Auto war völlig zerstört gewesen, sie selbst und ihre Schwiegermutter waren schwer verletzt worden. Sie, Kati, hatte unter anderem einen komplizierten Beinbruch und eine böse Kopfverletzung erlitten.

Ihr Mann jedoch war mit weit geringeren Blessuren davongekommen. Er hatte sogar noch genug Kraft gehabt, um den Notarzt zu alarmieren. Zeugen hatte es in dieser verlassenen Gegend keine gegeben.

Auch im Polizeibericht hieß es, dass sie den Wagen gelenkt habe. Als die Rettungskräfte und die beiden jungen, noch ziemlich unerfahrenen Landpolizisten eingetroffen seien, habe man sie bewusstlos hinter dem Steuer gefunden, vornüber gesunken, eine Hand noch auf dem Lenkrad.

Ihre eigene Erinnerung hatte erst Tage später wieder eingesetzt, nachdem sie bereits zweimal operiert ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dr. Stefan Frank - Folge 2291" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen