Logo weiterlesen.de
Dr. Stefan Frank - Folge 2287

Neuanfang in Grünwald

Wird der Umzug das Leben von Mutter und Tochter zum Guten wenden?

 

Selina Brandner ist jung, schön – und furchtbar traurig, das merken ihre Arbeitskollegen in der kleinen Grünwalder Konditorei relativ schnell. Irgendetwas muss ihr und ihrer fünfjährigen Tochter Lili zugestoßen sein, etwas sehr Schlimmes. Aber was? Selina möchte nicht darüber reden. Auch ihr Hausarzt Dr. Frank gibt sich die größte Mühe, hinter Selinas Geheimnis zu kommen, denn was immer ihr auch passiert ist, die seelische Belastung gefährdet die Gesundheit von Mutter und Tochter. Doch erst nachdem es in Lilis Kindergarten zu einem furchtbaren Zwischenfall gekommen ist, öffnet sich Selina dem Grünwalder Arzt, und Dr. Frank muss erkennen: Was Selina und Lili geschehen ist, ist unvorstellbar schrecklich! Ob es den beiden dennoch gelingen wird, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in Grünwald einen Neuanfang zu wagen?

Selina Brandner lag mit offenen Augen im Bett. Es war drei Uhr nachts, wieder einmal konnte sie nicht schlafen. Sie wusste, warum, aber ändern konnte sie es nicht.

Als sie ein leises Geräusch aus dem Nachbarzimmer hörte, richtete sie sich auf. Im nächsten Augenblick wurde die Ahnung zur Gewissheit: Ihre Tochter Lili war aufgewacht und hatte zu weinen angefangen.

Selina sprang aus dem Bett und lief nach nebenan.

„Lili, Engelchen, warum weinst du denn? Hast du wieder schlecht geträumt?“

Noch immer schluchzend nickte das kleine Mädchen und schlang beide Arme um den Hals der Mutter.

Behutsam hob Selina ihre Tochter aus dem Bett.

„Wir ziehen dir erst einmal ein sauberes Nachthemd an und wechseln das Laken“, sagte sie.

Lili nässte sich nicht mehr so oft ein wie vor ihrem Umzug nach München, aber noch immer mindestens zwei Mal pro Woche. Nie schimpfte Selina sie aus. Sie brauchten beide Zeit, um das, was geschehen war, hinter sich zu lassen.

„Willst du heute Nacht bei mir schlafen?“, fragte sie, als sie Lili umgezogen hatte.

Wieder nickte die Kleine.

„Dann beziehe ich dein Bett erst morgen“, beschloss Selina, nahm ihre Tochter auf den Arm und trug sie in ihr Schlafzimmer.

Behaglich kuschelte sich Lili in die Arme ihrer Mutter. Die Tränen trockneten schnell, der Kummer war schon fast vergessen. Bald hörte Selina regelmäßige Atemzüge neben sich: Ihre Tochter war wieder eingeschlafen.

Sie vergrub ihre Nase in Lilis langen dunkelblonden Haaren, denn sie liebte den Duft ihrer Tochter. Es war schön, Lili so nah bei sich zu haben. Seit zwei Monaten lebten sie jetzt in Grünwald, in einer hübschen, bezahlbaren, freilich ein wenig engen Wohnung.

Selina hatte Arbeit in einer nahegelegenen Konditorei gefunden, in der sie sich sehr wohl fühlte. Ihre Chefs, ein Ehepaar in mittleren Jahren, hatten ihr gestattet, zur Probe ein paar „Kindertorten“ zu machen, die vor allem bei jungen Müttern überraschend gut angekommen waren. Sie wurden gerne für Geburtstagsfeiern bestellt, fast immer mit speziellen Wünschen, die Selina gern erfüllte, auch wenn sie besonders ausgefallen waren.

Man hätte also sagen können: Alles lief nach Plan. Nur konnte sie selbst nicht schlafen, und Lili hatte Albträume und war noch immer Bettnässerin.

Neulich war Lilis Höschen im Kindergarten nach dem Mittagsschlaf nass gewesen. Die Erzieherinnen hatten Selina gleich darauf angesprochen, und die anderen Kinder hatten Lili damit aufgezogen.

Sie zog ihre Tochter noch näher zu sich heran.

„Wir schaffen das, Lili“, murmelte sie. Es klang wie eine Beschwörungsformel, und so war es auch gemeint. „Wir schaffen es ganz bestimmt, du und ich.“

Wie hieß es so schön? Die Zeit heilt alle Wunden. Sie wollte ganz fest daran glauben, dass es in ihrem Fall auch so war.

Als sie das nächste Mal auf die Uhr blickte, war es vier. Sie bildete sich ein, zwischendurch ein wenig geschlafen zu haben. Sie war todmüde und zugleich hellwach, ein schrecklicher Zustand.

Während sie über die Torten nachdachte, die sie heute herstellen musste, schlief sie endlich richtig ein. Als der Wecker um sieben Uhr klingelte, fuhr sie verwirrt in die Höhe. Es war das erste Mal seit Wochen, dass sie drei Stunden am Stück tief und traumlos geschlafen hatte.

***

„Es ist doch nicht nötig, dass Sie immer noch jeden Tag nach mir sehen, Herr Dr. Frank“, sagte Alice Schirrmeister. „Mir geht es ja schon wieder viel besser.“

„Sie sind siebenundsiebzig Jahre alt und hatten einen Schlaganfall“, erwiderte Stefan Frank mit einem Lächeln. „Da sollte Ihr Hausarzt sich schon um Sie kümmern.“

„Es war ein leichter Schlaganfall, und Sie kümmern sich mehr als genug. Ich weiß doch, wie viel Sie zu tun haben.“

„Das klingt ja fast so, Frau Schirrmeister, als wollten Sie mich nicht mehr sehen.“

Sie lachte leise. „Ich freue mich über Ihren Besuch, das wissen Sie ganz genau. Wenn Sie also darauf bestehen …“

„Ich bestehe darauf“, sagte er. „Morgen komme ich um die Mittagszeit, da passt es mir am besten. Es sind ja nur ein paar Schritte von der Gartenstraße bis zu Ihnen, das ist wirklich kein großer Aufwand für einen Hausbesuch.“

Von draußen war Geschrei zu hören. Alice Schirrmeister warf einen Blick aus dem Fenster. Ihr rundes, freundliches Gesicht strahlte.

„Sehen Sie nur, Herr Dr. Frank, wie gut es den Kindern tut, dass sie nach dem vielen Regen endlich mal wieder nach draußen können.“

Im Nachbarhaus war vor einigen Monaten ein Kindergarten mit Kindertagesstätte eingezogen. Einige Nachbarn aus den umliegenden Häusern beschwerten sich bitter über den Lärm, den die Kinder machten, doch Alice Schirrmeister gehörte nicht zu ihnen, wie Stefan Frank wusste. Sie freute sich darüber, dass „endlich mal wieder Leben in dieser stillen Straße herrscht“. Leider gab es nicht viele, die ihre Meinung teilten.

Die alte Dame war vor über zehn Jahren Witwe geworden, Kinder hatten sie und ihr Mann nicht gehabt. Es gab ein paar Nichten und Neffen, die sich ab und an blicken ließen, und eine Schwester, mit der sich Alice Schirrmeister gut verstand. Den engsten familiären Kontakt hatte sie freilich zur Enkelin ihrer Schwester, einem Mädchen, das noch nur Schule ging und leidenschaftlich gern sang. Von ihr sprach sie oft und mit großer Wärme, aber das änderte nichts daran, dass sie in ihrem täglichen Leben weitgehend auf sich gestellt war.

Sie schaffte das gut, auch weil sie sich an vielem zu freuen vermochte – zum Beispiel am fröhlichen Geschrei spielender Kinder. Aber ihr Schlaganfall, auch wenn es ein leichter gewesen war, hatte ihr doch vor Augen geführt, wie schnell auch ein gesunder Mensch von der Hilfe anderer abhängig werden konnte.

„Ja, da ist viel überschüssige Energie, die sich jetzt Bahn bricht“, erwiderte Stefan Frank, als er neben seine Patientin ans Fenster getreten war und den Kindern einige Augenblicke lang zugesehen hatte. „Und jetzt muss ich in meine Praxis, Frau Schirrmeister.“

„Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.“

Sie brachte ihn zur Tür. Ihre Schritte waren langsamer als vor dem Schlaganfall, und noch immer zog sie das rechte Bein ein wenig nach. Dennoch war er sicher, dass sie bald ihre frühere Beweglichkeit zurückgewinnen würde, denn sie hatte einen unbeugsamen Willen.

Alice Schirrmeister hatte sich in einem Fitness-Studio angemeldet, das auf Patienten wie sie spezialisiert war. Er wusste, dass sie jeden Tag trainierte: den Arm, der sich noch nicht wieder ganz heben ließ, das Bein, das sie noch nachzog, und auch den Kopf, der sie mit Konzentrationsschwäche und Erinnerungslücken quälte.

Ihre Ernährung hatte sie bereits umgestellt, und sie musste jetzt Blutverdünner einnehmen, um die Gefahr eines zweiten Schlaganfalls so weit wie möglich einzudämmen. Sie war diszipliniert, bessere Aussichten als sie konnte eine Patientin also nicht haben.

„Bis morgen, Frau Schirrmeister.“

„Ich widerspreche Ihnen nicht mehr, Herr Dr. Frank, Sie hören ja doch nicht auf mich.“

Er lief mit seiner Arzttasche hinüber zur Gartenstraße, zu seinem Haus, in dem er nicht nur praktizierte, sondern auch wohnte: Unten war die Praxis, darüber seine Wohnung. Ihm gefiel diese Einheit aus Leben und Arbeiten, andere hatten, wie er wusste, lieber mehr Abstand zwischen beidem.

Als er die Praxis betrat, war seine langjährige Mitarbeiterin Martha Giesecke schon da. Martha hatte die sechzig überschritten, aber von Ruhestand mochte sie nichts hören. Sie verstand nicht einmal, wieso Menschen vorzeitig in Rente gehen wollten. Sie liebte ihre Arbeit, und sie liebte die Patienten.

Die resolute Berlinerin hatte ein unfehlbares Gedächtnis für Krankengeschichten, aber auch für die kleinen privaten Kümmernisse oder Freuden, die ihr beim Blutabnehmen oder beim Blutdruckmessen anvertraut wurden. Sie konnte brummig wirken, wenn ihr etwas nicht passte, aber damit täuschte sie niemanden: Sie hatte ein gutes Herz, das wussten alle Patienten. Und Stefan Frank wusste es natürlich auch.

„Guten Morgen, Chef“, sagte Martha. „Wie geht es Frau Schirrmeister?“

„Jeden Tag besser. Sie findet meine täglichen Besuche überflüssig.“

„Aber sie freut sich trotzdem darüber“, stellte Martha fest.

„Ja, das gibt sie auch zu. Aber Sie kennen sie ja, Schwester Martha: Frau Schirrmeister denkt zuerst an andere, nicht an sich. Sie meint, ich hätte auch so schon genug zu tun.“

„Stimmt ja auch. Trotzdem finde ick es richtig, det Sie sie besuchen. Frau Schirrmeister ist schließlich allein, und die Jüngste ist sie auch nicht mehr.“

Die Praxistür wurde geöffnet, und Marie-Luise Flanitzer erschien. Marthas jüngere Kollegin saß in der Regel vorn am Empfang, bediente den Computer und führte den Terminkalender.

„Guten Morgen, Schwester Martha, guten Morgen, Herr Dr. Frank“, sagte sie fröhlich. „Ist das Wetter nicht herrlich? Endlich regnet es mal nicht, da geht es einem doch gleich besser.“

Wenig später begann sich das Wartezimmer zu füllen. Stefan Frank trank noch eine Tasse Kaffee, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und vertiefte sich in die Unterlagen für den ersten Patienten. Der Praxisalltag begann.

***

„Schon wieder fünf Bestellungen für Kindertorten, Frau Brandner“, freute sich Josef Blaunagl, als Selina die Konditorei betrat. Sie hatte Lili zuvor im Kindergarten abgeliefert, die Kleine war guter Dinge gewesen. „Das wird ein richtiger Renner, wenn das so weitergeht.“

Selina freute sich natürlich auch. Sie wusste, dass die Blaunagls einen Erfolg so dringend brauchten wie sie selbst. Die altehrwürdige Grünwalder Konditorei hatte Mühe, sich gegen die Konkurrenz der überall angebotenen Fertigware zu behaupten.

Handarbeit wurde nicht mehr so geschätzt wie früher. Vielen Kunden war die Zutatenliste gleichgültig, sie nahmen auch Abschläge beim Geschmack in Kauf, wenn nur der Preis stimmte. Torten der Konditorei Blaunagl waren natürlich um einiges teurer als die aus dem Kühlregal des nächsten Supermarktes.

„Fein“, sagte Selina, „wo sind denn die Bestellungen? Ich würde sie mir gern einmal ansehen, damit ich mir schon etwas ausdenken kann.“

Ella Blaunagl schob ihr die Bestellliste zu.

„Zwei Kindergeburtstage“, meinte sie.

Ella Blaunagl war so rundlich und rosig wie ihr Mann. Ihre Haare waren blondiert, sie trug sie aufgesteckt, ein paar Strähnen ringelten sich neben ihren Ohren. Auch ihr Gesicht war rund, die Augen porzellanblau.

Ihr Mann hätte ihr Bruder sein können, so ähnlich sahen sie einander. Selina hatte sich gelegentlich schon gefragt, ob das immer so gewesen war oder ob die Blaunagls sich mit den Jahren immer ähnlicher geworden waren.

„Die Namen sollen auf den Torten stehen“, fuhr Ella Blaunagl fort, „aber für die eine wird auch noch eine Prinzessin aus Zucker gewünscht.“ Sie verdrehte ein wenig die Augen. „Heute muss ja alles immer möglichst ausgefallen sein.“

„Ach, das kriegen wir schon hin“, meinte Selina.

Aber zunächst einmal kam sie nicht dazu, sich in Gedanken mit den Torten zu beschäftigen, denn das Geschäft war an diesem Morgen gut besucht, sodass sie beim Verkauf mithelfen musste.

Josef Blaunagl war mit seinen Helfern schon wieder in der Backstube. Er war für die herkömmlichen Torten zuständig: Schwarzwälder Kirsch, Nusstorte und eine Eigenkreation, die er „Blaunagls Beste“ genannt hatte.

Seine Frau stand meistens im Verkaufsraum, Selina ebenfalls, wenn viel zu tun war. Ihr „Kindertorten“-Geschäft entwickelte sich ja gerade erst.

Sie war ein Verkaufstalent. Die Leute ließen sich gern von ihr beraten, weil sie zu jedem Gebäckstück, zu jeder Torte etwas sagen konnte, charmant und liebenswürdig und zudem ein überaus erfreulicher Anblick war.

Ella Blaunagl hatte das schnell erkannt und war daher immer froh, wenn Selina neben ihr hinter der Verkaufstheke stand. Die schöne junge Frau zog Kundschaft an, die den Laden sonst vielleicht gar nicht betreten hätte.

Zu diesen neuen Kunden gehörte auch Wolf Bodenhausen. Ella Blaunagl kannte den jungen Mann gut. Er wohnte in ihrer Nachbarschaft, aber bisher hatte er sich für die Produkte der Konditorei nicht sonderlich interessiert. Doch seit sie Selina angestellt hatten, kam er regelmäßig, ohne freilich aufdringlich zu wirken oder einen Annäherungsversuch zu wagen.

Ella Blaunagl beobachtete das durchaus mit Interesse. Irgendwann würde er seine Schüchternheit einmal überwinden müssen, wenn er bei ihrer attraktiven Angestellten etwas erreichen wollte. Oder wollte er das am Ende gar nicht?

Er tauchte auch an diesem Morgen auf. Ella Blaunagl richtete es unauffällig so ein, dass Selina ihn bedienen konnte. Sie behielt die beiden im Blick, aber es schien sich nichts zu ändern zwischen ihnen: ein paar freundliche Worte, ein liebenswürdiges Lächeln zum Abschied, schon war er wieder draußen.

Aber Ella Blaunagl sah doch, dass sich Selinas Wangen ein wenig gerötet hatten. Ansonsten war die junge Frau von so ausgeprägter Zurückhaltung, dass Ella sich schon so manches Mal gefragt hatte, was dem eigentlich zugrunde lag.

Selina Brandner war attraktiv und sympathisch, sie hatte eine kleine Tochter und war geschieden. Das war alles, was Ella über ihre Mitarbeiterin wusste. Offensichtlich gab es keinen Mann in Selinas Leben, und sie schien auch keinen zu vermissen.

Schade, dachte Ella Blaunagl, der Herr Bodenhausen und die Frau Brandner wären ein schönes Paar.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dr. Stefan Frank - Folge 2287" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen