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Dr. Stefan Frank - Folge 2286

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Du schaffst das, Christina!
  4. Vorschau

Du schaffst das, Christina!

Dr. Frank und eine unsichere junge Pflegerin

 

Vorbei und doch nie vergessen! Mark war Christinas erste und einzige Liebe, doch sie zerbrach nach einem Bootsunglück, bei dem Marks Bruder ums Leben kam. Christina war ebenfalls auf der Yacht und wurde schwer verletzt. Bis heute fehlt ihr jede Erinnerung an diesen Abend. Mark war davon überzeugt, dass sie eine Affäre mit seinem Bruder hatte – warum sonst hätte sie auf der Yacht sein sollen? –, und hat Christina verlassen.

Drei Jahre ist das jetzt her. Inzwischen macht Christina eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, ihre praktische Ausbildung absolviert sie an der Waldner-Klinik. Eines Abends wird ein Patient eingeliefert, der kein Unbekannter für sie ist: Mark ist beim Sport verunglückt und hat sich schwer verletzt. Das unerwartete Wiedersehen stürzt Christina in ein Chaos der Gefühle …

„Komm, Seppl.“

Mühsam bückte sich Rudolf Ehammer und machte die Leine am Halsband seines Dackels fest. Als er sich wieder aufrichtete, fuhr ihm ein scharfer Schmerz ins Kreuz. Seine verflixte Bandscheibe!

Sein Hausarzt hatte ihm schon mehrmals nahegelegt, sich operieren zu lassen, aber in seinem Alter legte man sich nicht mehr so schnell unters Messer. Wenn er nur an die Narkose dachte, wurde ihm schon schwummrig. Solange seine Bandscheibe noch nicht morgens neben ihm am Tisch saß, würde es schon gehen.

Seppl stieß ein leises Wuffen aus und legte den Kopf schief. In seinen braunen Augen stand ein stummer Vorwurf.

Bei diesem Wetter jagt man keinen kleinen Hund vor die Tür!, schien er sagen zu wollen.

„Hast ja recht, aber es ist Zeit für deine Runde“, schnaufte Rudolf Ehammer. „Bringen wir es hinter uns, in Ordnung? Je früher wir losmarschieren, umso eher sind wir wieder daheim und können uns am Kamin aufwärmen. Ich habe auch noch eine Tüte mit getrockneten Schweineohren für dich – die gibt es aber erst, wenn wir wieder da sind.“

Seine Worte schienen zu wirken. Sein Dackel setzte sich in Bewegung, sprang die drei Stufen vor der mit Efeu bewachsenen Villa hinunter und sauste den Gehweg so schnell entlang, dass sein Besitzer kaum hinterherkam.

Über dem Starnberger See tobte gerade ein Unwetter. Der Sturm peitschte die Wellen meterhoch auf. Das Wasser schimmerte grünlich, und die Bäume am Ufer neigten sich ächzend. Blätter, Zweige und sogar vereinzelte Äste wurden durch die Luft gewirbelt.

Rings um das Ufer des Sees blinkten orangefarbene Warnleuchten. Ein Zeichen, dass das Gewässer nicht sicher war und alle Boote einen Hafen aufsuchen und das Unwetter abwarten sollten.

Obwohl es erst kurz nach fünfzehn Uhr war, war es bereits stockdunkel. Dazu hatte der Himmel all seine Schleusen geöffnet. Es regnete in Strömen! Der Regen zerplatzte in dicken Blasen auf dem Asphalt.

Rudolf Ehammer zog seinen Hut tiefer in die Stirn und hoffte, dass sein Lederjanker lange genug dichthalten würde, damit er noch einen trockenen Faden am Leib hatte, wenn er nach Hause kam. Das feuchtkalte Frühlingswetter bekam ihm nicht. Sein Rücken ziepte und zwackte noch heftiger als sonst.

Vor ihm flatterte eine Ente im Gras auf und flüchtete vor seinem Dackel. Mit aufgeregtem Schnattern verschwand sie hinter den Bäumen. Seppl blieb am Seeufer stehen und bellte.

„Was hast du denn? Ist dir das Wetter nicht geheuer?“ Der Rentner trat neben seinen Hund. „Hab keine Angst. Dir droht keine Gefahr, solange du dich nicht zu nah ans Wasser wagst.“

Er hatte kaum ausgesprochen, als ein Blitz den Himmel wie eine silbrige Klinge zerriss und wenige Lidschläge später der grollende Donner den Boden vibrieren ließ. Auch das noch! Ein Gewitter!

Nun wurde es auch dem Mittsiebziger unbehaglich zumute. Er beschloss, zurück nach Hause zu gehen. Seppl konnte sein Geschäft notfalls auch in seinem Garten verrichten. Musste er diesmal halt zum Spaten greifen und es verbuddeln. Das war immer noch besser, als von einem Blitz erschlagen zu werden! Vielleicht klarte es später noch auf, dann könnten sie eine Abendrunde zusammen gehen und …

Nanu? Was war denn das? Der Rentner richtete seinen Blick auf den See und entdeckte etwas Weißes, das einige Hundert Meter von ihm entfernt im Wasser trieb.

War das ein Mensch? Nein, dafür war es zu groß. Viel zu groß. Es war eine Yacht! Und sie trieb mit dem Kiel nach oben!

„Ach du lieber Gott!“, entfuhr es dem Rentner. „Da ist jemand gekentert! Rasch, Seppl, wir müssen nach Hause und die Rettung anrufen. Wer weiß, was den Menschen an Bord zugestoßen ist!“

Er wollte sich umwenden und nach Hause eilen, aber sein Dackel blieb wie angewurzelt stehen und bellte.

Der Rentner zerrte an der Leine, aber Seppl rührte sich nicht vom Fleck.

„Was ist denn, Seppl?“ Rudolf Ehammer hatte kaum ausgesprochen, als sich ein unterdrücktes Stöhnen in das Bellen seines Dackels mischte. Es kam von rechts, hinter dem Schilf hervor! Für das Geräusch konnte es nur eine Erklärung geben: Dort drüben war ein Mensch in Not!

Der Rentner zögerte nicht. Er war über vierzig Jahre Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr gewesen und hatte ein Gespür dafür entwickelt, wann etwas nicht stimmte. Und hier stimmte definitiv etwas nicht!

Mit weit ausgreifenden Schritten eilte er zu dem Schilfgürtel hinüber und watete in den See. Seppl sauste neben ihm her. Er schien genau verstanden zu haben, dass etwas Wichtiges vorging.

Über ihnen blitzte es erneut. Der Rentner stand bis zu den Knöcheln im Wasser, als er die zwei Personen entdeckte, die reglos im Schilf lagen. Sein Blut schien ihm in den Adern zu stocken. Es waren ein Mann und eine Frau!

Die Schulter des Mannes war seltsam schief und schien gebrochen zu sein. Er hielt die Augen geschlossen und rührte sich nicht. Blut benetzte sein Gesicht und seinen Oberkörper.

Und die Frau … oder … nein, es war beinahe noch ein Mädchen. Es konnte nicht älter als achtzehn oder neunzehn sein. Du liebe Zeit! Das Mädel hatte nichts als Unterwäsche an! Sie blutete aus einer tiefen Wunde an ihrer rechten Schläfe. Ihre Lippen waren leicht geöffnet und ließen ein Stöhnen hören.

Rasch zog Rudolf Ehammer seinen Janker aus und hüllte die junge Frau hinein. Dann zog er sie ans Ufer und legte sie behutsam im Gras ab. Mit seinem Janker bedeckte er ihre Blöße.

Danach kehrte er ins Wasser zurück, um den Fremden ans sichere Ufer zu ziehen. Sein Rücken schmerzte bei der ungewohnten Bemühung, aber er ignorierte den Schmerz und wuchtete den Verletzten an Land.

Hoffentlich waren die Verletzungen der beiden nicht allzu schlimm …

***

Mark Kastner schwirrte der Kopf.

Der junge Journalist trat aus dem Gerichtsgebäude und zuckte zusammen, als ihm eine Windböe einen Schwall Regen ins Gesicht trieb. Das Wetter war während der Verhandlung nicht besser geworden. Im Gegenteil! Über München ballten sich bleigraue Wolkentürme zusammen, aus denen es heftig regnete.

Rasch stülpte der Journalist seine Kapuze über und eilte über den Parkplatz zu seinem Auto. Es war ein Kleinwagen, der schon etliche Erdumrundungen auf dem Tacho hatte, aber er brachte Mark zuverlässig von A nach B. Außerdem war es im Inneren warm und trocken – und das war bei diesem Wetter ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Die Befragung der Zeugen während der Verhandlung hatte sich länger hingezogen, als Mark angenommen hatte. Der Richter hatte sämtliche Zeugen an einem Tag gehört, sein Urteil aber mit dem Verweis auf ein ausstehendes Gutachten verschoben. Es musste noch über die Schuldfähigkeit des Angeklagten entschieden werden.

Damit hatte Mark ein halbes Notizbuch voll mit Eindrücken und Aussagen sowie die Aussicht auf einen Anschlussartikel am Tag der Urteilsverkündung. Leider war der Termin dafür erst in drei Monaten angesetzt. Die Mühlen der Justiz mahlten auch im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht gerade mit Lichtgeschwindigkeit.

Der Angeklagte war ein Kfz-Mechaniker. Er hatte Autos günstig über das Internet zum Kauf angeboten. Mit den Interessenten war er dann in ein abgelegenes Waldstück gefahren. Dort hatte er sie mit einem Messer bedroht und ihnen das Bargeld abgenommen, das für den Kauf gedacht war. Einer der Käufer hatte sich gewehrt und war niedergestochen worden, hatte aber überlebt.

Insgesamt viermal war dem Mechaniker der Coup geglückt, ehe ihm die Polizei auf die Schliche gekommen war. Er war überwacht und schließlich mit seinem fünften Käufer auf frischer Tat erwischt worden. Die Beweislast war erdrückend. Seine Beute betrug insgesamt fast sechzigtausend Euro.

Der Prozess gegen den Vierunddreißigjährigen spaltete die Leser. Viele warfen ihm versuchten Mord und Betrug vor. Andere fühlten mit dem hoch verschuldeten Familienvater, der mehrfach beteuert hatte, nie vorgehabt hatte, jemanden zu verletzen. Er hatte nur keinen anderen Ausweg aus seiner Misere gesehen. Sein Geschäft lief schon seit Jahren schleppend; hohe Steuern und Abgaben taten ihr Übriges, um seinen Geldbeutel zu schmälern.

Mark überlegte sich bereits den Aufbau seines Artikels, als er das Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße hinter sich ließ und in sein Auto stieg. Er arbeitete seit einem Jahr als Gerichtsreporter und hatte sich an die Vorgehensweisen im Justizwesen gewöhnt. Auch mit den juristischen Ausdrücken jonglierte er inzwischen wie ein studierter Anwalt.

Er mochte seine Arbeit, auch wenn ihn das, was er vor Gericht zu hören bekam, manchmal um den Schlaf brachte.

Wird Lorenz auch irgendwann vor Gericht stehen?, grübelte Mark, während er sich in sein Auto setzte und zur Redaktion fuhr.

Sein Bruder hatte eine verhängnisvolle Leidenschaft für teure Hobbys wie beispielsweise Pferderennen. Dabei hatte er noch keine Sekunde selbst im Sattel gesessen. Nein, Lorenz wettete vielmehr auf den Ausgang von Rennen. Und dabei verlor er Summen, bei denen es Mark speiübel wurde.

Noch half sein Vater Lorenz jedes Mal aus der Klemme. Aber sobald dieser ihm den Geldhahn zudrehte, würde Lorenz untergehen.

Leider hörte sein Bruder weder auf Bitten noch auf Ermahnungen. Stattdessen genoss er sein Studentenleben in vollen Zügen und würde wohl auch in diesem Jahr noch keinen Abschluss machen.

Lorenz sah keinen Grund, sich mit dem Studium zu beeilen. Nicht, wenn seine Eltern ihm ein Penthouse, ein Auto und jeden erdenklichen Luxus finanzierten.

Mark hatte sich früh von diesem Leben gelöst. Er hatte auf eigenen Beinen stehen wollen und auf die finanzielle Unterstützung seiner Eltern verzichtet. Er lebte in einer Altbauwohnung am Stadtrand und fuhr einen klapprigen Kleinwagen. Dafür konnte er frei über sein Leben entscheiden und war niemandem verpflichtet. Das war ihm so manche finanzielle Einschränkung wert.

Es wurde bereits dunkel, als der Dreiundzwanzigjährige die Redaktion erreichte. Mark schrieb für eine Münchner Tageszeitung, die ihren Sitz in der Innenstadt hatte. Eigentlich hatte er bereits Feierabend, aber er wollte seinen Artikel über den Verhandlungstag schreiben, solange seine Eindrücke noch frisch waren.

Dafür würde er morgen pünktlich Schluss machen. Komme, was da wolle! Morgen war ein wichtiger Abend, vielleicht der wichtigste seines Lebens. Er wollte Christina fragen, ob sie seine Frau werden wollte.

Oh, er konnte sich schon denken, dass seine Eltern tausend Einwände hätten, wenn sie von seinem Plan wüssten.

Ihr seid zu jung. Ihr kennt euch erst seit einem Jahr. Warum wollt ihr es überstürzen? Ihr werdet es bereuen, wenn ihr euch voreilig aneinander bindet.

So würden ihre Argumente lauten, aber Mark wusste, dass Christina die Richtige für ihn war. Die Medizinstudentin war mit ihren braunen Augen und dem bezaubernden Lächeln nicht nur bildhübsch, sie war auch klug und warmherzig und machte jeden seiner Tage heller. Er liebte sie von ganzem Herzen und wollte sein Leben mit ihr verbringen.

Morgen Abend würde sie in ihrem Dessert den Ring finden, den er für sie gekauft hatte. Das Schmuckstück war mit zahlreichen Diamantsplittern besetzt, deren Funkeln ihn an Christinas Augen erinnerte.

Was sie wohl sagen würde, wenn sie den Ring fand? Sein Herz machte einen Satz, als er es sich ausmalte, und eine Flut von Zuneigung wallte in ihm auf.

Wenn es nach ihm ging, würde Christina am Ende des Jahres schon seine Frau sein!

Diese Vorstellung zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht, als er sich auf den Weg zu seinem Büro machte.

In der Zeitungsredaktion summte der Betrieb wie in einem Bienenstock. Jeweils fünf Journalisten teilten sich einen Raum.

In Marks Augen waren die Großraumbüros für ihre Arbeit so ungeeignet wie ein Dreirad zum Fliegen. Irgendjemand musste immer telefonieren, das gehörte zu ihrer Arbeit nun einmal dazu. Sobald zwei oder drei Kollegen gleichzeitig sprachen, wurde es schwierig, sich auf einen Artikel zu konzentrieren. Aus diesem Grund arbeitete Mark am liebsten von zu Hause aus.

Als er durch den Flur lief, steckten Hannes und Nina die Köpfe zusammen und tuschelten. Was heckten die Sekretärin und der Sportredakteur wohl aus? Verwundert warf Mark ihnen einen Blick zu und steuerte sein Büro an.

Gerade als er sein Notizbuch auf dem Schreibtisch ablegte, kam Rolf herein. Sein Kollege aus der Wirtschaftsredaktion hatte am selben Tag bei der Zeitung angefangen wie er. Sie gingen nach der Arbeit hin und wieder noch etwas zusammen trinken oder spielten Squash, wenn sie das Glück hatten, eine freie Halle im nahegelegenen Sportzentrum zu ergattern.

An diesem Abend war das Gesicht des Familienvaters sorgenvoll zerfurcht.

„Was machst du denn hier?“, fragte Rolf bestürzt.

„Ich arbeite hier“, gab Mark trocken zurück. „Schon vergessen?“

„Natürlich nicht. Ich meinte: Was machst du jetzt hier?“

„Ich möchte noch einen Artikel schreiben. Morgen jagt ein Termin den nächsten, dann werde ich nicht dazu kommen.“

Rolf nestelte an seiner Brille, wie er es immer machte, wenn er nicht weiterwusste. Mark stutzte. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit.

„Was ist denn los?“

„Weißt du das nicht? Ich dachte, du wärst informiert worden.“

„Informiert? Worüber denn? Sag bloß, der Chef hatte etwas an meinem letzten Artikel auszusetzen?“

„Das nicht. Es geht um …“ Rolf stieß hörbar den Atem aus. „Himmel, ist das schwierig. Ich dachte wirklich, du wüsstest es längst. Jemand von der Polizei war vorhin hier und hat nach dir gefragt. Ich habe ihm gesagt, dass du bei Gericht bist. Man wollte dir Bescheid geben.“

„Bescheid? Die Polizei? Warum denn?“

„Es hat ein Unglück gegeben, Mark. Auf dem Starnberger See.

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