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Dr. Stefan Frank - Folge 2283

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Antonias schönstes Osterfest
  4. Vorschau

Antonias schönstes Osterfest

Als Dr. Frank einem kleinen Mädchen seinen größten Wunsch erfüllte

„Wir beide kommen doch gut klar, Toni, oder nicht?“, fragt Benjamin Kortner seine Tochter Antonia.

Die Kleine ist dreieinhalb und sieht ihrer Mutter so ähnlich, dass Benjamins Brust oft eng wird, wenn sie ihn so ansieht wie jetzt. So hat Claudia ihn auch oft angesehen, mit ihren schönen blauen Augen, die sie ihrer Tochter ebenso vererbt hat wie die blonden Haare.

„Aber mit einer Mama wäre es schöner, Papa!“, argumentiert Antonia, und Benjamin schluckt schwer.

Sie führen dieses Gespräch nicht zum ersten Mal, und nicht zum ersten Mal versucht er seine Tochter davon zu überzeugen, dass es auch ohne eine Mama geht. Denn eine Mama für Antonia hieße ja zugleich eine Frau für ihn – er kann nicht einmal den Gedanken daran ertragen.

Nein, so traurig das auch sein mag, Antonia muss ohne eine Mutter aufwachsen. Denn Benjamin wird, da ist er ganz sicher, niemals wieder eine Frau lieben. Doch er hat die Rechnung ohne seine pfiffige Tochter gemacht …

„Wir beide kommen doch gut klar, Toni, oder nicht?“, fragte Benjamin Kortner seine Tochter Antonia.

Die Kleine war dreieinhalb, ihrem Alter aber voraus. Und sie sah ihrer Mutter so ähnlich, dass Benjamins Brust oft eng wurde, wenn sie ihn so ansah wie jetzt, mit ernstem Gesicht. So hatte Claudia ihn auch oft angesehen, mit ihren schönen blauen Augen, die sie ihrer Tochter ebenso vererbt hatte wie die blonden Haare.

Antonia trug sie, seit sie lang genug waren, am liebsten zum Pferdeschwanz gebunden, wie jetzt. Das hatte Claudia auch getan.

„Aber mit einer Mama wäre es schöner, Papa!“

Benjamin schluckte. Sie führten dieses Gespräch nicht zum ersten Mal, und nicht zum ersten Mal versuchte er die Kleine davon zu überzeugen, dass es auch ohne „eine Mama“ ging – denn eine Mama für Antonia hieß ja zugleich: eine Frau für ihn. Er konnte nicht einmal den Gedanken daran ertragen.

Er war vor zweieinhalb Jahren Witwer geworden, seine Frau Claudia war bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Ein knappes Jahr war Antonia damals alt gewesen, sie erinnerte sich nicht mehr an ihre Mutter, natürlich nicht. Sie kannte Fotos von ihr, sie kannte die Geschichten, die Benjamin ihr erzählte, aber eigene Erinnerungen hatte sie nicht.

Erst in letzter Zeit waren ihre Fragen, warum andere Kinder eine Mama hatten und sie nicht, drängender geworden. Das hatte mit dem Kindergarten zu tun, in den sie seit einem halben Jahr ging. Natürlich beschäftigte es sie, dass ihre Freundinnen und Freunde nicht nur von ihren Vätern, sondern viel häufiger noch von ihren Müttern abgeholt wurden.

Sie wusste, so hatte Benjamin es ihr erzählt, dass ihre Mama im Himmel war. Aber je mehr Zeit verging, desto stärker wurde ihr Wunsch, wie andere Kinder eine Mama hier auf der Erde zu haben.

Benjamin versuchte es anders.

„Aber sie muss zu uns beiden passen, Toni, zu dir und zu mir“, argumentierte er. „Sie würde ja dann mit uns zusammenleben, hier in dieser Wohnung. Wir müssten uns also sehr, sehr gut verstehen.“

„So wie Susi und ihre Mama“, erwiderte die Kleine, die nicht zu verstehen schien, worauf er hinauswollte. „Die lachen ganz viel zusammen, und Susis Mama backt Plätzchen mit ihr und knuddelt sie, und sie fährt mit ihr in den Zoo. Und wenn Ostern ist, soll sie mit mir Eier bemalen. So eine Mama will ich.“

Benjamin unterdrückte einen Seufzer. Er verstand die Wünsche seiner Tochter nur zu gut, und er hätte sie ihr gern erfüllt, doch er sah sich außerstande dazu. Er hätte alles für Antonia getan, wirklich alles – nur eine neue Frau würde er sich nicht suchen. Er würde immer nach einem Ersatz für Claudia Ausschau halten, und diesen Ersatz konnte es nicht geben, das wusste er.

„Wir könnten vielleicht eine nette Frau finden, die ab und zu solche Sachen mit dir macht wie Susis Mama mit Susi …“

Aber schon bevor er den Satz beendet hatte, wusste er, dass Antonia diesen Vorschlag ablehnen würde, und so war es auch.

„Ich will eine Mama!“, sagte sie in abschließendem Ton. „Eine, die immer da ist. Auch morgens, wenn ich noch in dein Bett zum Kuscheln komme. Dann soll sie auch da sein.“

Benjamin warf einen Blick auf die Uhr.

„Wir müssen los, Mäuschen“, sagte er. „Wenn wir uns nicht beeilen, kommen wir zu spät, und das wollen wir doch nicht. Wir waren in letzter Zeit schon zwei Mal zu spät.“

Seine Worte hatten den gewünschten Erfolg. Antonia rutschte von ihrem Stuhl und ließ ihr derzeitiges Lieblingsthema erst einmal fallen.

Doch er wusste, dass die Pause nicht von langer Dauer sein würde: Über kurz oder lang würde das Thema erneut zur Sprache kommen. Er tat gut daran, sich zu überlegen, womit er seine kleine Tochter dauerhaft von ihrem Leben zu zweit überzeugen konnte.

Vom Kindergarten aus fuhr er mit dem Fahrrad direkt weiter ins Büro, wo ihn sein Partner Oliver Wennemann schon ungeduldig erwartete. Sie hatten zusammen ein Übersetzerbüro aufgemacht, von dem nicht nur sie lebten, sondern auch eine fest angestellte Sekretärin und mehrere freie Mitarbeiter, die sie bei Bedarf engagierten.

Benjamin sprach fließend Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Französisch; Oliver hatte eine russische Mutter und konnte nicht nur Russisch, sondern auch Tschechisch und Polnisch. Englisch konnten sie beide, sie deckten also zu zweit bereits ziemlich viele Sprachen ab.

„Setz dich gleich an die Arbeit“, sagte Oliver. „Auf dich wartet ein zehn Seiten langer Text, den du ins Italienische übersetzen sollst. So schnell wie möglich.“

„Am besten schon gestern“, erwiderte Benjamin gelassen. „Kann ich vorher wenigstens noch einen Kaffee trinken, oder geht das nicht?“

„Hier, bitte sehr“, sagte Ann-Kathrin Buntschuh von der Tür her. Sie trug ein Tablett mit zwei vollen Kaffeebechern. „Ich weiß doch, was ihr braucht.“

„Ann-Kathrin, du bist die beste Sekretärin der Welt“, seufzte Benjamin dankbar.

Sie setzte das Tablett ab, lächelte vergnügt und ging wieder hinaus.

Ann-Kathrin war Ende fünfzig und vom Arbeitsmarkt, wie sie selbst das nannte, eigentlich schon „aussortiert“ worden. Doch dann hatte sie sich bei den beiden Jungunternehmern beworben, und die hatten sie vom Fleck weg engagiert. Seitdem gehörte sie zum Team.

Schon bald war sie nicht mehr daraus wegzudenken gewesen. Sie behielt die Ruhe, wenn Hektik und Nervosität ausbrachen, und wenn es sein musste, sagte sie ihren beiden jungen Chefs auch schon mal die Meinung – natürlich in aller Freundschaft.

„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte Oliver. „Du hast so nachdenklich ausgesehen, als du gekommen bist.“

„Das Thema kam beim Frühstück wieder zur Sprache“, antwortete Benjamin.

„Das Thema“ war ein Codewort, das Oliver und Ann-Kathrin ohne nähere Erklärungen verstanden, mit beiden sprach er gelegentlich über seine häusliche Situation. Auch seinem Hausarzt Dr. Stefan Frank vertraute er sich hin und wieder an.

„Und? Was hast du gesagt?“

„Das Übliche, aber es reicht nicht mehr. Du kennst ja Toni, sie kann unglaublich beharrlich sein. Und natürlich will ich, dass sie glücklich ist und nicht in dem Bewusstsein aufwächst, dass ihr etwas fehlt, was die meisten anderen haben.“

„Hast du ihr schon mal erklärt, dass es nicht nur um eine Mutter für sie geht, sondern dass du mit der Frau ja auch zusammenleben musst?“

„Ich habe es heute versucht, aber sie ist drei, Olli!“

„Dreieinhalb, und sie redet manchmal wie eine Fünfjährige. Ich glaube schon, dass sie es verstehen würde, wenn du es ihr ausführlich erklärst.“

„Verstehen würde sie es vielleicht“, gab Benjamin zu, „aber es würde nichts an ihrem Wunsch ändern, fürchte ich. Ich kann ihn ja auch nachvollziehen.“

Er sah so bedrückt aus, dass Oliver vorsichtig sagte:

„Aber du kannst dich nicht unglücklich machen, nur um deiner Tochter einen Wunsch zu erfüllen. Damit tätest du niemandem einen Gefallen: ihr nicht, dir nicht und der Frau, die du nicht lieben könntest, natürlich auch nicht.“

„Das sage ich mir selbst auch immer wieder.“ Benjamin nickte. „Aber wenn sie mich dann mit ihren ernsten Augen ansieht und mir sagt, wie sehr sie eine Mama vermisst, vergesse ich das alles und will sie nur noch glücklich sehen.“

„Verständlich, aber trotzdem falsch“, sagte Oliver.

Benjamin trank einen weiteren Schluck Kaffee.

„Lass uns mit der Arbeit anfangen“, bat er. „Es gibt keine Ideallösung für das Problem, das weiß ich ja schon lange.“

Oliver verzichtete auf eine Erwiderung, und als Ann-Kathrin Buntschuh eine Viertelstunde später einen Blick in das Büro warf, waren ihre beiden Chefs so konzentriert bei der Arbeit, dass sie beschloss, sie nicht zu stören. Sie hatte ihnen einiges mitzuteilen – es gab neue Aufträge –, aber das konnte bis zur Mittagspause warten.

***

„Dann wollen wir mal sehen, wie sich die Wunde entwickelt hat“, sagte Dr. Stefan Frank, als er seiner jungen Patientin Carina Uhrlau vorsichtig den Verband vom rechten Unterarm abnahm.

„Wird schon gut verheilt sein“, sagte sie. „Ich bin damit ja gleich in die Notaufnahme der Waldner-Klinik gegangen.“

„Waren Sie mittlerweile bei der Polizei?“, fragte er.

„Nee!“, antwortete sie. „Das wissen Sie doch auch ganz genau, Herr Dr. Frank, Sie kennen mich schließlich.“

Er lächelte. „Ich wollte damit andeuten, dass ich es richtig fände, wenn Sie Anzeige erstatten würden. Die jungen Männer sind mit Messern aufeinander losgegangen; und wer weiß, was passiert wäre, wenn Sie sie nicht getrennt hätten. Die Jungen sind, dank Ihres Eingreifens, unverletzt geblieben, aber Sie haben einen Stich abbekommen. Einen ziemlich tiefen Stich.“

„Weiß ich ja“, murmelte sie. „Das war aber eindeutig ein Versehen.“

Stefan Frank entfernte den Verband vollständig und warf einen Blick auf die Stichverletzung. Sie verheilte in der Tat gut, er konnte keine Entzündung entdecken.

„Das sieht gut aus“, stellte er fest, bevor er auf Carina Uhrlaus letzte Aussage zurückkam. „Trotzdem ist es verboten, mit Messern aufeinander loszugehen. Ich halte es für gut, dass Sie so viel Verständnis für die Ihnen anvertrauten Jugendlichen aufbringen, aber Sie müssen auch Grenzen ziehen.“

Ihre blauen Augen blitzten ihn an. Sie trug ihre schwarzen Haare kurz, hatte sehr helle Haut, ein zartes Gesicht und eine zierliche Figur. Er hatte sie noch nie anders als in Jeans, Stiefeln und schwarzer Lederjacke gesehen.

Doch so zierlich sie auch war: Sie wusste sich Respekt zu verschaffen. Ihre Umgangsformen ließen häufig zu wünschen übrig, und sie schreckte auch vor Kraftausdrücken nicht zurück, die angesichts ihres mädchenhaften Äußeren umso verblüffender wirkten.

Carina Uhrlau war Sozialpädagogin, und sie arbeitete in einem Projekt, das sich um Jugendliche aus problembeladenen Elternhäusern kümmerte. Soweit Stefan wusste, konnte das Projekt bereits erstaunliche Erfolge verbuchen, was sicherlich nicht zuletzt an seiner Patientin lag.

„Ich ziehe Grenzen!“, sagte sie jetzt heftig. „Glauben Sie mir, das tue ich ständig. Niemand von den Jungs tanzt mir auf der Nase herum. Aber in diesem Fall wäre es ganz falsch gewesen, die Bul … äh, die Polizei einzuschalten, weil es tatsächlich ein Unfall war.“

„Ich will bloß, dass Sie vorsichtig sind“, erwiderte Stefan Frank ruhig.

Er trug Heilsalbe auf die Wunde auf und klebte schließlich ein luftdurchlässiges Pflaster darüber.

„Klar bin ich vorsichtig, in meinem Job ist das wichtig“, sagte seine junge Patientin, schon etwas gelassener als zuvor. „Und ich denke auch nicht, dass die Jungs und Mädels mich als ihre Freundin betrachten. Den Fehler, mich bei ihnen einzuschleimen, mache ich garantiert nicht. Ich sage immer, was Sache ist. Ich respektiere die Jugendlichen, will aber auch, dass sie mich respektieren. Meistens klappt das ja auch.“

„Meistens, aber nicht immer.“

Jetzt blitzten ihre Augen wieder. „Natürlich nicht immer, Herr Dr. Frank! Wenn es immer klappen würde, bräuchte man Leute wie mich gar nicht mehr. Dann würden wir in einer friedlichen und glücklichen Welt leben. So ist es aber leider nicht.“

„Wieso haben Sie sich ausgerechnet diese Arbeit gesucht?“, fragte er. „Als Sozialpädagogin hätten Sie sich doch auch einen … friedlicheren Job suchen können.“

„Wollte ich aber nicht“, erklärte sie angriffslustig. „Und irgendwer muss sich ja auch um diese Jugendlichen kümmern, von denen die Hälfte schon auf dem Weg in eine kriminelle Karriere ist, oder?“

„Sicher“, erwiderte er. „Aber warum Sie? Was genau reizt Sie an dieser Arbeit? Was ist Ihr Antrieb? Das Ziel, das Sie erreichen wollen?“

Sein ruhiger Tonfall verfehlte die Wirkung auf sie nicht.

„Ich weiß, wie die sich fühlen“, antwortete sie ganz sachlich, „deshalb bin ich für diese Arbeit besonders geeignet. Ich bin wie die, verstehen Sie?“

„Nicht so ganz“, gestand der Arzt. „Wie meinen Sie das?“

„Mein Vater hat getrunken und wenn ihm der Sinn danach stand, nicht nur meine Mutter, sondern auch uns Geschwister verprügelt. Meine Mutter hat es irgendwann geschafft, sich von meinem Vater zu trennen; uns hat sie mitgenommen. Wir haben zusammengehalten und es irgendwie geschafft, aus dem Elend rauszukommen.“

Sie seufzte.

„Aber ich weiß, wie schwer das war“, fuhr sie dann fort. „Dass wir nicht abgerutscht sind, haben wir vor allem meiner Mutter zu verdanken. Es sah manchmal so einfach aus, sich an einem Autodiebstahl oder einem Einbruch zu beteiligen. Einer meiner Brüder hat diesen Weg eingeschlagen, aber zum Glück noch die Kurve gekriegt. Glauben Sie mir, Herr Dr. Frank, ich weiß, gegen welche Dämonen die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, zu kämpfen haben. Und ich glaube, das spüren sie auch.“

Es war das erste Mal, dass sie bereit gewesen war, ihm etwas über sich zu erzählen. Der Grünwalder Arzt spürte, dass das ein Vertrauensbeweis war, auf den er stolz sein konnte.

Schon häufiger hatte er sich gefragt, wie ihr familiärer Hintergrund aussah, denn dass sie keine behütet aufgewachsene höhere Tochter war, hatte er schon bei ihrem ersten Besuch in seiner Praxis erkannt.

Stefan Frank erinnerte sich noch genau, wie schockiert er seinerzeit von dem Kontrast zwischen ihrer zarten Erscheinung und ihrer derben Art gewesen war.

Vermutlich, dachte er jetzt, hatte sie es genau darauf auch angelegt, denn seitdem bemühte sie sich ihm gegenüber erkennbar um Mäßigung bei ihrer Wortwahl.

„Seien Sie trotzdem vorsichtig“, erwiderte er. „Die Tatsache, dass Sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie viele der Mädchen und Jungen, die Sie ...

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