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Dr. Stefan Frank - Folge 2280

Apothekerin mit Herz

Dr. Frank und eine bemerkenswerte junge Frau

Immer wieder kommen Patienten in Dr. Franks Praxis und erzählen ihm von der neuen Mitarbeiterin, die in der Apotheke von Hans Haberwein arbeitet. Eine sehr bemerkenswerte, engagierte und hübsche junge Frau muss das sein. Lucie Sartorius hilft, wo sie nur kann. Und zwar nicht nur in ihrem Fachbereich! So vermittelt sie zum Beispiel Babysitter an völlig überforderte Eltern oder hilft Studenten, die verzweifelt nach einem Job suchen. Aber die Geschichte, die Dr. Frank heute zu hören bekommt, übertrifft alles, was bisher da gewesen ist! Die beherzte Apothekerin soll nachts überfallen worden sein. Doch statt Angst vor dem bewaffneten Räuber zu bekommen, hat sie auch seine problematische Situation erkannt und ihm geholfen. Nun ist Stefan Frank doch neugierig geworden und besucht Lucie Sartorius. Und so wird er Zeuge einer der bewegendsten Geschichten, die sich in Grünwald je ereignet haben …

„Ich schlafe schlecht“, sagte Manuel Werner, der vor Dr. Stefan Franks Schreibtisch saß, mit stockender Stimme. „Ich habe Albträume, mir bricht der Schweiß aus, und manchmal bekomme ich so starke Magenschmerzen, dass ich mich hinlegen und warten muss, bis der Schmerz abklingt. Ich weiß echt nicht, was mit mir los ist. Früher hatte ich nie etwas, nicht einmal eine Erkältung, und jetzt habe ich das Gefühl, dass mein Körper mich im Stich lässt.“

Stefan Frank betrachtete den sympathischen jungen Mann mit den störrischen blonden Haaren und dem offenen Blick nachdenklich. Manuel Werner war ein neuer Patient, er sah ihn heute zum ersten Mal.

„Haben Sie gar keine Vermutung, woher Ihre Probleme rühren könnten?“, fragte er vorsichtig.

Sein Gegenüber schüttelte heftig den Kopf, was Stefan jedoch nicht überzeugte. Etwas verbarg Manuel Werner vor ihm, da war er sich sicher.

„Gibt es etwas, was Ihnen zurzeit Kummer bereitet?“, fragte er weiter, da der junge Mann nichts sagte.

Das „Nein“ seines Patienten kam zu schnell und zu laut. Er setzte sogar noch hinzu: „Auf keinen Fall, alles ist in bester Ordnung. Ich brauche nur ein paar Tabletten gegen die Magenschmerzen und damit ich besser schlafen kann.“

Stefan Frank unterdrückte einen Seufzer. Nur ein paar Tabletten – wie oft am Tag hörte er das? Seine langjährigen Patienten hatten sich diese Forderung längst abgewöhnt, weil sie wussten, dass er dafür nicht zu haben war. Aber wenn jemand neu zu ihm kam, tauchte der Satz unweigerlich wieder auf.

„So einfach wird es nicht sein, Herr Werner“, erwiderte er ruhig. „Ich muss viel mehr über Sie wissen, und natürlich muss ich Sie gründlich untersuchen, bevor wir über Medikamente sprechen, die Ihnen vielleicht helfen können.“

„Mehr über mich wissen?“, fragte Manuel Werner. „Das verstehe ich nicht. Ich habe Ihnen doch gesagt, welche Beschwerden ich habe. Was müssen Sie denn sonst noch wissen?“

„Zum Beispiel wüsste ich gern, ob sich in letzter Zeit in Ihrem Leben etwas verändert hat. Es wäre zum Beispiel denkbar, dass eine solche Veränderung Sie beunruhigt und für einen Teil Ihrer Beschwerden verantwortlich ist. Unsere seelische Befindlichkeit wirkt sich natürlich auf unseren Körper aus. Wer rundherum glücklich ist, wird nicht so schnell krank wie ein Mensch mit vielen Sorgen und Nöten.“

Er sah, dass sein Patient Einwände erheben wollte, da dieses Gespräch nicht nach seinen Vorstellungen verlief, und so fuhr er rasch fort:

„Ich schlage vor, dass ich Sie zunächst einmal untersuche. Wir nehmen Ihnen auch Blut und Urin ab und schicken alles ins Labor. Danach kann ich zumindest Ihren körperlichen Zustand besser beurteilen.“

„In Ordnung. Aber eins kann ich Ihnen sagen: Bei mir hat sich in letzter Zeit nichts verändert, alles ist wie immer. Ich habe einen Job, der mir gefällt, und eine Wohnung in Schwabing, in der ich mich wohlfühle. Ich habe nette Freunde, keine Geldsorgen …“

Stefan Frank fragte sich, ob Manuel Werner selbst glaubte, was er sagte, denn er war sicher, dass es hinter der beschriebenen Zufriedenheit noch etwas anderes gab. Er spürte, dass sein neuer Patient beunruhigt und voll unterdrückter Sorge war.

Er würde also versuchen, Vertrauen aufzubauen, sodass der junge Mann irgendwann hoffentlich bereit war, über das, was ihn bedrückte, zu reden. Man musste geduldig sein in solchen Fällen, niemand wusste das besser als er.

Dr. Frank nahm sich Zeit für die Untersuchung. Beiläufig stellte er eine Menge Fragen, die sich vordergründig um Schmerzen und Unwohlsein drehten, ihm darüber hinaus aber auch Auskunft über das allgemeine Befinden seines wenig auskunftswilligen Patienten gaben.

Nach einer Weile entspannte sich Manuel Werner. Der verschlossene Ausdruck verschwand von seinem Gesicht, einmal lächelte er sogar.

„Sie können sich wieder anziehen, Herr Werner. Ich verschreibe Ihnen ein Mittel, das Ihre Magenschleimhäute beruhigt, und auch etwas, was Ihnen beim Einschlafen hilft, damit Ihnen erst einmal geholfen ist. Wir warten die Laboruntersuchungen ab, und Sie machen bitte für die nächste Woche einen neuen Termin aus, bei dem wir die Ergebnisse besprechen und Sie mir sagen, ob die Medikamente geholfen haben. Danach sehen wir weiter. Es sind keine starken Mittel, aber ich hoffe, sie erfüllen ihren Zweck.“

Manuel Werner war sichtlich erleichtert, dass er sein Ziel nun offenbar doch noch erreicht hatte. Schließlich hatte er nichts anderes gewollt als ein paar Medikamente gegen seine Beschwerden, und die bekam er ja jetzt.

Einen Moment lang fragte sich Stefan, ob er überhaupt wiederkommen würde. Vielleicht war dieser junge Mann einer von jenen Patienten, die nach jedem Besuch den Arzt wechselten, um an neue Medikamente zu kommen.

Das gab es gar nicht so selten, auch in seiner Praxis hatten sich solche Patienten schon eingefunden. Doch er schätzte Manuel Werner anders ein: Der hatte echte Probleme, konnte und wollte aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht darüber reden.

„Danke, dass ich so schnell einen Termin bei Ihnen bekommen habe, Herr Dr. Frank“, sagte Manuel Werner, als er sich verabschiedete.

„Wieso sind Sie eigentlich zu mir gekommen, wenn Sie in Schwabing wohnen?“, erkundigte sich Stefan. „Es ist ein weiter Weg von der Innenstadt hierher nach Grünwald.“

Ein verlegenes Lächeln antwortete ihm.

„Sie sollen der Beste sein“, sagte der junge Mann dann. „Das habe ich von ein paar Leuten in der Waldner-Klinik gehört. Da war ich neulich, weil ich blöd gestürzt war und mir den Knöchel geprellt hatte. Ich wohne ganz in der Nähe der Klinik, deshalb bin ich dort in die Notaufnahme gegangen und habe mich bei der Gelegenheit nach einem guten Hausarzt erkundigt. Ich hatte bis jetzt nämlich keinen.“

„So, so. Ich arbeite mit der Waldner-Klinik zusammen, ich habe dort Belegbetten. Es könnte also sein, dass die Leute, die dort arbeiten, befangen sind, was mich betrifft.“

„Den Eindruck hatte ich nicht. Ich habe ja mehrere Leute gefragt, auch einen Patienten, der mit mir zusammen gewartet hat. Die waren sich alle einig. Also dachte ich mir, es muss etwas dran sein, und ich versuche es mal bei Ihnen.“

„Wer hat Sie denn in der Notaufnahme behandelt? Dr. Körner? Sie ist die Leiterin der Station.“

„Sie hat sich den Knöchel zuerst angesehen, aber dann hat mich ein junger Arzt behandelt. Ich glaube, er hieß Dr. Blatt.“

Stefan nickte. „Ihr Assistent.“

„Das sind gute Leute da, und sie haben mich nicht einmal lange warten lassen, obwohl ziemlich viel los war.“

„Ich bin mit Ulrich Waldner befreundet, er leitet die Klinik, wir kennen uns aus Studienzeiten. Ich werde ihm sagen, dass Sie einen positiven Eindruck gewonnen haben, das hört er immer gern“, sagte Stefan.

Mit diesen Worten entließ er seinen Patienten in die Obhut seiner Mitarbeiterin Martha Giesecke, damit sie ihm Blut abnahm. Er war noch dabei, seine Eindrücke über Manuel Werner ausführlich zu notieren – wie er es immer tat, wenn ein Patient das erste Mal zu ihm kam –, als Martha Giesecke das Sprechzimmer betrat. Sie arbeitete schon sehr lange für ihn, kam aber ursprünglich aus Berlin, was man manchmal noch hörte.

„Bitte, schließen Sie kurz die Tür, Schwester Martha. Was hatten Sie für einen Eindruck von Herrn Werner?“

Stefan Frank gab viel auf die Menschenkenntnis seiner Mitarbeiterin. Martha Giesecke hatte nicht nur ein unfehlbares Gedächtnis, wenn es um die Krankengeschichten der Patientinnen und Patienten ging, sie hatte auch ein scharfes Auge für das, was Menschen zu verbergen suchten.

Er war schon oft verblüfft gewesen über die Genauigkeit ihrer Wahrnehmung, die sich im Übrigen häufig mit seiner eigenen deckte. Außerdem hatte sie sich im Laufe der Jahre genug medizinisches Wissen angeeignet, um Diagnosen zu stellen, die genauer waren als die von vielen seiner Kolleginnen und Kollegen.

„Er hat Probleme“, antwortete Martha Giesecke, ohne zu zögern. „Und ick denke mal, er will nicht darüber reden.“

Sie hatte, was ihn nicht wunderte, mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen.

„So ist es“, seufzte Stefan. „Er wollte ein paar Tabletten und dann so schnell wie möglich wieder raus hier. Entspannt hat er sich erst auf der Untersuchungsliege, aber sein Geheimnis hat er für sich behalten.“

„Er wird schon noch reden“, meinte Martha Giesecke nachdenklich. „Vermutlich, wenn der Druck groß genug wird. Er hat sich heute erst einmal angesehen, was Sie für ein Mensch sind und ob er Sie für vertrauenswürdig hält. Ick würde beim ersten Besuch einem Arzt auch nicht gleich meine Geheimnisse anvertrauen.“

„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, murmelte Stefan. „Aber natürlich haben Sie recht, Schwester Martha. Ich kenne ihn nicht, aber er kennt mich natürlich auch nicht. Und vermutlich hat er, wie die meisten, schon einige schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht.“

„Det würde ich auch mal so sehen“, bemerkte Martha trocken. „Ick habe gerade wieder eine Geschichte über einen Orthopäden gehört – Sie würden es nicht glauben, Chef.“ Sie unterbrach sich. „Wir sollen uns ein bisschen beeilen, hat Marie-Luise gesagt, sie hat noch zwei Patienten einschieben müssen.“

Marie-Luise Flanitzer war Marthas jüngere Kollegin, die vorne am Empfang saß und den Terminplan erstellte sowie Telefon und Computer bediente. Sie war von umgänglichem Wesen, während Martha Giesecke gelegentlich brummig wirken konnte. Doch zu Stefan Franks großer Erleichterung kamen die beiden Frauen bestens miteinander aus.

„Sind Sie bereit für Frau Almenfeld? Ick fürchte, sie hat sich eine Grippe eingefangen.“

„Schicken Sie sie bitte herein, Schwester Martha, ich bin mit meinen Notizen fertig.“

Martha Giesecke verließ das Sprechzimmer, und Stefan versuchte, Manuel Werner erst einmal aus seinen Gedanken zu vertreiben. Mit diesem Fall würde er sich erst später wieder beschäftigen können.

***

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Frau Kugler?“, fragte Lucie Sartorius die korpulente ältere Dame, die sie soeben bedient hatte, freundlich.

„Nein, vielen Dank, Frau Sartorius, für heute ist das alles“, erwiderte die Kundin zu Lucies nicht geringer Erleichterung. „Ich hoffe nur, diese Tropfen helfen mir. Es ist scheußlich, wenn der ganze Kopf zusitzt und man nicht richtig Luft bekommt.“

Hinter Frau Kugler hatte sich eine kleine Schlange von drei weiteren Kunden gebildet. Deshalb beschränkte sich Lucie darauf, einmal mehr zu versichern, dass die Tropfen sicherlich den gewünschten Zweck erfüllen würden. Endlich räumte Frau Kugler ihren Platz, sodass Lucie sich dem nächsten Kunden zuwenden konnte.

Es machte sie noch immer nervös, wenn sie allein in der Apotheke war, sich diese langsam füllte und sie keine Möglichkeit sah, den Gang der Dinge zu beschleunigen, ohne die Kunden zu vergrätzen. Ihr Chef Hans Haberwein hatte ihr eingeschärft, niemals ungeduldig zu werden.

„Und wenn eine Frage zum fünften Mal gestellt wird, beantworten Sie sie bitte zum fünften Mal. Wir haben viele ältere Kunden, die sich mehrmals vergewissern müssen, dass sie gut beraten wurden und letzten Endes die richtigen Medikamente gekauft haben. Und wenn jemand ungeduldig wird und die Apotheke wieder verlässt, können wir es nicht ändern. Aber in der Regel haben die Leute Geduld.“

So war es tatsächlich. Die kleine Schlange löste sich schnell auf, und niemand beschwerte sich. Plötzlich war die Apotheke leer, was Lucie nur recht war, hatte sie doch noch jede Menge Bestellungen aufzugeben, die nicht warten konnten.

Sie machte sich sofort an die Arbeit. Zwischendurch kamen immer mal wieder Kunden, aber sie konnte die Bestellungen trotzdem aufgeben.

Als Hans Haberwein von der Bank zurückkehrte, war sie gerade fertig geworden.

„Ich hoffe, es war nicht zu viel los während meiner Abwesenheit?“, fragte er.

„Nein, es ging ganz gut, und die Bestellungen sind auch raus“, antwortete Lucie. „Nur einmal, als Frau Kugler kam, hat sie den Betrieb aufgehalten – Sie wissen ja, wie sie ist. Da bin ich kurz nervös geworden, aber alles ist gut gegangen.“

„Ja, die Frau Kugler hat mich auch schon nervös gemacht.“ Hans Haberwein lachte. „Aber sie ist eine Seele von Mensch. Und wenn sie selbst mal warten muss, beklagt sie sich nicht.“

Das stimmte allerdings, wie Lucie zugeben musste. Dennoch waren ihr Kunden, die etwas schneller auf den Punkt kamen als Frau Kugler, lieber, doch das behielt sie für sich.

„Na ja“, fuhr ihr Chef fort, „nächste Woche ist ja auch Herr Drewisch wieder da, da sind wir immer mindestens zu zweit in der Apotheke.“

Thorsten Drewisch war Lucies Kollege, mit dem sie sich von Anfang an ähnlich gut verstanden hatte wie mit ihrem Chef. Er war ein schlanker, nervöser Mann von Ende dreißig mit drei kleinen Kindern, die seine Frau und ihn offenbar überforderten. Das älteste Kind war vier, die mittlere fast drei, das Baby gerade ein dreiviertel Jahr alt.

Lucie glaubte insgeheim, dass Thorsten froh war, dem häuslichen Chaos jeden Tag entfliehen zu können. Ihr Mitgefühl galt vor allem ...

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