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Dr. Stefan Frank - Folge 2275

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die schönste Braut von Grünwald
  4. Vorschau

Die schönste Braut von Grünwald

Dr. Frank und eine wundersame Wendung des Schicksals

Es liegt Stefan Frank fern zu lauschen. Dennoch bleibt er wie gebannt stehen, als er Antonia Behrendorf am Bett ihres bewusstlosen Freundes Leo Strecker sitzen und ihn mit einer Wolke aus weißem Stoff streicheln sieht, während sie ihm eine Geschichte erzählt. Der Grünwalder Arzt versteht nicht alles, aber doch genug: Aus diesem Stoff ist das Kleid gemacht, das sie bei ihrer Hochzeit tragen will, und sie erzählt Leo, wie sie das Kleid gefunden hat.

Erst als Antonia verstummt, klopft Dr. Frank leise an die offene Tür.

„Keine Veränderung?“, erkundigt er sich, während er nähertritt.

„Äußerlich nicht, aber er hört mich, das spüre ich.“ Antonia zeigt auf den weißen Stoff und erklärt: „Von meinem Brautkleid, ich habe es heute gefunden. Leo hat mir nämlich einen Heiratsantrag gemacht, bevor er den Unfall hatte. Und er wird heute noch aus dem Koma erwachen, das spüre ich.“

Stefan Frank bezweifelt, dass dieser Patient jemals wieder die Augen öffnen wird. Doch er weiß auch, dass immer mal wieder ein Wunder geschieht. Warum nicht heute?

„Aber es ist doch ein Familienfest, Konny“, sagte Leo Strecker unschlüssig zu seinem besten Freund Konrad Maurer, der es sich auf dem Bett gemütlich gemacht hatte, denn ein Sofa besaß Leo nicht. „Da kann man nicht einfach Freunde mitbringen.“

„Meine Oma liebt dich, und es ist ihr siebzigster Geburtstag.“ Konrad grinste und zog einen Umschlag aus der Tasche. „Sie hat mir eine Einladung für dich mitgegeben, weil sie sich schon gedacht hat, dass du sonst nicht kommen würdest.“

Leo sah auf den Umschlag, sein Name stand darauf. Als er die Einladung herauszog, las er:

Lieber Leo,

ich rechne fest mit Deinem Kommen, eine Absage werde ich nicht akzeptieren. Du gehörst dazu!

In alter Freundschaft

Deine Marianne Behrendorf

Er hatte plötzlich einen Kloß im Hals, der Satz „Du gehörst dazu“ traf ihn an einer besonders empfindlichen Stelle. Entschlossen schluckte er den Kloß hinunter und hob den Kopf, um Konrad anzusehen.

„Wenn das so ist, komme ich natürlich“, sagte er. „Aber dann brauche ich auch ein Geschenk.“

„Es gibt noch ein PS“, bemerkte Konrad.

Das hatte Leo übersehen, es stand ganz unten auf der Karte und lautete:

Dein Kommen soll bitte das einzige Geschenk sein! Ich habe alles, was ich brauche. Alles, was ich mir wünsche, ist die Gesellschaft lieber Menschen.

„Trotzdem“, sagte er, „ganz ohne Geschenk kann ich doch nicht …“

„Machen wir alle“, versicherte Konrad.

„Das glaube ich dir nicht. Bestimmt haben deine Eltern heimlich etwas besorgt.“

„Sie haben etwas vorbereitet, einen kleinen Film, den sie zeigen wollen, davon weiß meine Oma nichts. Aber im Ernst, Leo, sie will echt nichts haben, sie sagt das nicht bloß so. Von mir kriegt sie einen dicken Kuss und eine feste Umarmung.“

„Damit könnte ich natürlich auch dienen“, sagte Leo und verzog sein Gesicht endlich zu jenem etwas schiefen Lächeln, mit dem er in der Regel auf Anhieb die Sympathien seiner Mitmenschen gewann.

Es war ein Lächeln der Erleichterung, denn er hatte wenig Geld. Er studierte Informatik und bekam sogar ein Stipendium, doch das Geld reichte trotzdem nicht, deshalb arbeitete er nebenbei als Fahrradkurier. Obwohl sein Zimmer in Schwabing klein und dunkel war, kostete es viel Geld.

Das Leben in München war insgesamt teuer. Bei seinem engen Budget konnte also ein Geschenk für die Oma seines besten Freundes schon einmal die ganze Monatsplanung durcheinanderbringen. Trotzdem hätte er sich für die von ihm nicht nur geschätzte, sondern aufrichtig geliebte Marianne Behrendorf natürlich in Unkosten gestürzt. Aber wenn es nicht notwendig war: umso besser.

„Sag ich doch“, bemerkte Konrad zufrieden.

Im Gegensatz zu seinem dunkelhaarigen, schlanken Freund neigte er zu einer gewissen Rundlichkeit, was ihm jedoch nichts ausmachte. Er liebte gutes Essen und sah keinen Grund, darauf zu verzichten, nur um einige Kilos weniger auf den Rippen zu haben.

Seinem Erfolg bei Frauen tat seine Rundlichkeit im Übrigen keinen Abbruch – ein weiterer Grund, sich beim Essen nicht zu beschränken. Auch sein Gesicht war rund, umrahmt wurde es von strubbeligen blonden Haaren.

„Lerne ich dann auch endlich mal deine sagenhafte Cousine Antonia kennen?“, erkundigte sich Leo.

„Klar, sie ist doch wieder nach München gezogen, nachdem sie ihr Handwerk in der ganzen Welt studiert hat. Aber ich habe sie seitdem auch noch nicht gesehen. Sie war total beschäftigt damit, sich eine Wohnung zu suchen und eine Werkstatt zu finden, wo sie arbeiten kann. Für einen eigenen Laden hat sie kein Geld, für eine eigene Werkstatt auch nicht. Sie sucht etwas, wo sie sich mit anderen zusammentun kann.“

„Goldschmiedin“, murmelte Leo. „Wie ist sie bloß darauf gekommen?“

„Keine Ahnung, aber sie hat schon ganz früh gewusst, dass sie das machen will, obwohl ihr klar war, dass die Konkurrenz groß ist und sie vielleicht Schwierigkeiten haben wird, sich damit über Wasser zu halten. Sie macht echt tolle Sachen, sehr zarte, feine. Ich hab sonst für Schmuck nicht so viel übrig, aber das, was sie macht, gefällt mir total.“ Konrad gähnte ausgiebig. „Ich muss heute früh ins Bett, war ein bisschen viel in den letzten Tagen. Ich sollte mich allmählich auf den Heimweg machen.“

Er wohnte zwei Straßen weiter, sehr viel komfortabler als Leo: in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit einer anständigen Küche, in der er, wenn er Lust hatte, die tollsten Menüs für seine Freunde kochte.

Leo schüttelte den Kopf.

„Du und die Frauen“, sagte er. „Wenn ich so ein Leben führen würde wie du, wäre ich ständig k.o.“

Konrad grinste. „Ich bin ja auch ständig k.o., aber man gewöhnt sich dran.“

Sie hatten sich an der Universität kennengelernt, auch Konrad studierte Informatik. Durch seine lockere Art war er Leo gleich zu Beginn aufgefallen.

Konrad regte sich nicht so leicht auf. Selbst wenn er eine schlechte Klausur schrieb, sagte er allenfalls: „Das nächste Mal mache ich es besser“, und so war es dann auch. Er verstand es, das Leben zu genießen.

Das vor allem fand Leo an Konrad so anziehend, denn ihm fiel das schwerer, was überwiegend daran lag, dass er sich seit fast zehn Jahren mehr oder weniger allein durchs Leben schlagen musste. Er war vierzehn Jahre alt gewesen, als seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Danach war er bei den Verwandten herumgereicht worden.

Ein Jahr hatte er bei seinen Großeltern väterlicherseits gewohnt, bis sein Großvater dement geworden war und seine Großmutter keine Kraft mehr für einen halbwüchsigen Jungen gehabt hatte. Danach war er bei einer Tante gewesen, mit der er jedoch nicht gut ausgekommen war, sodass er mit siebzehn durchgesetzt hatte, dass er allein wohnen durfte.

Vermögen hatten seine Eltern nicht gehabt, wohl aber ein noch längst nicht abbezahltes Haus, das seine Großeltern für ihn verkauft hatten. Alles in allem hatte der Nachlass gerade gereicht, damit Leo bis zum Abitur hatte zur Schule gehen können. Gearbeitet hatte er aber auch als Schüler schon, ihm war der Wert des Geldes früher als anderen seines Alters bewusst geworden.

Bei alledem war er jedoch grundsätzlich Optimist geblieben, auch wenn ihm die besondere Leichtigkeit, mit der Konrad das Leben nahm, abging. Aber er ließ sich gern von seinem Freund anstecken, und die Abende, an denen sie nur herumblödelten und nichts „Vernünftiges“ taten, waren die, die ihm als besonders gelungen im Gedächtnis blieben.

„Soll ich deine Oma anrufen und ihr sagen, dass ich komme?“

„Nicht nötig“, fand Konrad. „Sie geht sowieso davon aus, dass du es nicht wagst, ihre Einladung auszuschlagen.“

Er grinste vergnügt, als er das sagte. Gleichzeitig stand er auf.

„Und ich gehe jetzt mal“, verkündete er. „Wir sehen uns am Samstag, ich hole dich ab.“

„Wieso sehen wir uns erst am Samstag?“, fragte Leo verblüfft. „Was ist mit der Vorlesung morgen und dem Seminar am Freitag?“

Konrad betrachtete ihn nachdenklich.

„Lasse ich ausfallen“, antwortete er schließlich. „Ich muss mich auf die Klausur nächste Woche vorbereiten.“

„Das verstehe ich nicht. Du versäumst doch Stoff, den du dann auch wieder nachholen musst …“

Konrad winkte ab. „Bei mir funktioniert das anders als bei dir. Ich muss mich auf eine Sache konzentrieren. Was ich morgen und übermorgen versäume, hole ich schnell nach.“

Leo verzichtete auf weitere Einwände, denn tatsächlich kam Konrad mit seiner Methode besser durch als mancher andere, der keine Vorlesung und kein Seminar versäumte.

„Dann bis Samstag“, sagte er, als er Konrad zur Tür brachte.

„Pünktlich um sechs bin ich hier, die Bahn fährt um zehn nach.“

Marianne Behrendorf wohnte in Grünwald, dort feierte sie auch ihren Geburtstag. Leo und Konrad hatten beide kein Auto, also fuhren sie, wenn sie nicht zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs waren, mit der Bahn. In diesem Fall hatte das den Vorteil, dass sie auch Alkohol trinken durften.

Als Konrad gegangen war, nahm Leo seine Bücher, um sich auf die morgige Vorlesung vorzubereiten. Anders als sein Freund war er bestrebt, das Studium so schnell wie möglich abzuschließen. Er war dreiundzwanzig Jahre alt und sehnte sich danach, nicht mehr jeden Euro und jeden Cent zwei Mal umdrehen zu müssen, bevor er ihn ausgab.

Er arbeitete noch zwei Stunden lang konzentriert, dann merkte er, wie er müde wurde, und so beschloss er, ins Bett zu gehen.

Warum ihm genau in dem Augenblick die Gitarre seines Vaters einfiel, hätte er nicht sagen können. Er kroch in die Nische, in der er sie untergebracht hatte, und holte sie heraus. Nicht einmal Konny wusste, dass er ein ziemlich guter Gitarrist gewesen war, damals, als Teenager. Er war von seinem Vater unterrichtet worden.

Das Instrument war mit Leo von Ort zu Ort gezogen, aber gespielt hatte er seit dem Tod seiner Eltern nicht mehr, es war einfach nicht gegangen. Seine eigene Gitarre hatte Leo weggegeben, aber die seines Vaters hielt er in Ehren.

„Du brauchst jetzt einen richtigen Lehrer“, hatte sein Vater eines Tages gesagt, „ich kann dir nichts mehr beibringen.“

Der „richtige“ Lehrer war ein Profi gewesen, und Leo hatte geradezu rasante Fortschritte gemacht, bis zum Tag des Unfalls. Da war es vorbei gewesen.

Er nahm die Gitarre aus dem Kasten. Es war ein schönes, schon ziemlich altes Instrument. Behutsam strich er über das Holz und die Saiten und begann, ohne dass es ihm bewusst wurde, sie zu stimmen.

Mit einem Schlag war alles wieder da: die ersten Stunden bei seinem Vater und dessen nie nachlassende Geduld, wenn etwas nicht so schnell klappte, wie Leo sich das wünschte. Die Rückschläge, aber auch die Fortschritte. Das überwältigende Glücksgefühl, als ihm zum ersten Mal etwas so gelungen war, wie er es sich vorgestellt hatte. Und schließlich die Tränen in den Augen seines Vaters, als sein Sohn begann, ihm zu entwachsen, musikalisch gesehen. Tränen der Wehmut, aber auch des Glücks.

Leise stimmte Leo eine Melodie an – die erste, die er als Junge auf der Gitarre gespielt hatte. Zuerst waren seine Finger unbeholfen, aber sie hatten nichts verlernt, waren nur ein wenig außer Übung. Je länger er spielte, desto geschmeidiger wurden sie, und er begriff, wie sehr ihm das Spielen gefehlt hatte.

Tränen liefen ihm über das Gesicht, als er sich an seinen Vater erinnerte, dessen Stimme ihm immer noch im Ohr klang:

„Wenn du den Griff hier etwas tiefer ansetzt, ist es einfacher für dich, weil deine Hände ja viel kleiner sind als meine …“

Sie hatten dann oft zu zweit gespielt, während seine Mutter in einem Sessel gesessen und zugehört hatte. Die Erinnerung schnürte ihm erneut die Kehle zusammen.

Seine Finger tanzten über die Saiten, und die alte Sicherheit kehrte zurück. Wie hatte er es nur so lange ohne die Gitarre aushalten können?

Oft hatte er das Bedürfnis verspürt zu spielen, aber ihm war immer klar gewesen, dass es ihm das Herz brechen würde, die Gitarre auch nur anzusehen. Doch nun ging es plötzlich wieder, und er glaubte zu wissen, dass es seinen Eltern sehr gefallen hätte, wenn sie ihn in diesem Moment hätten sehen und hören können.

Als er in seinen Gedanken so weit gekommen war, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er konnte Marianne Behrendorf zum Geburtstag mehr schenken als eine Umarmung und einen Kuss, und das würde er auch tun.

***

„Wir haben uns entschieden“, sagte Clara Westermann mit einem vergnügten Lächeln, als Antonia Behrendorf am nächsten Morgen die kleine Werkstatt hinter dem winzigen Laden betrat. Beides teilte sich Clara mit ihrer Freundin und Kollegin Emily Cordelius. „Du kannst bei uns einsteigen, wenn du willst.“

Antonia war sprachlos. Sie hatte mit Ausflüchten gerechnet. Damit, vertröstet zu werden, wie ihr das jetzt seit Wochen in anderen Läden und Werkstätten passiert war. Alle hatten gesagt, sie seien grundsätzlich interessiert, aber sie bräuchten noch Zeit, um sich zwischen den vielen verschiedenen Bewerberinnern und Bewerbern zu entscheiden.

Bei einigen hatte Antonia gleich gewusst, dass es nicht passen würde, denn man musste sich ja auch verstehen, wenn man auf so engem Raum zusammenarbeitete. Bei Clara und Emily war ihr Gefühl sofort gewesen: Das könnte das Richtige sein.

Doch natürlich hatte sie nicht gewusst, ob die beiden das auch so einschätzten. Es musste eben auf beiden Seiten passen.

Clara lachte, als sie Antonias Gesicht sah.

„Hat es dir die Sprache verschlagen?“, fragte sie und sprang auf. „Emily ist noch nicht da, sie kommt aber bestimmt bald. Ich koch uns erst einmal einen Kaffee, okay?“

„Ja, gerne“, antwortete Antonia. „Ich weiß echt nicht, was ich sagen soll. Ich suche schon so lange! Echt, ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Läden ich schon abgeklappert habe, seit ich wieder in München bin.“

„Suchst du auch eine Wohnung?“

„Im Prinzip ja. Im Augenblick wohne ich noch bei meiner Oma in Grünwald, wo ich natürlich nichts bezahlen muss. Das hilft mir sehr, aber eine Dauerlösung ist das nicht. Sie hat zwar Platz genug, aber mir ist das zu weit draußen, wenn ich hier in Schwabing arbeite. Außerdem brauche ich meine eigenen vier Wände.“

Clara hatte die Kaffeemaschine in Gang gesetzt. Sie warf Antonia einen nachdenklichen Blick zu.

„Ich weiß vielleicht was für dich. Eine Freundin von mir geht für ein Jahr weg, Erfahrungen sammeln.“ Sie lächelte. „So, wie du es gemacht hast.

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