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Dr. Stefan Frank - Folge 2272

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Ein Baby für Dr. Bruckmann
  4. Vorschau

Ein Baby für Dr. Bruckmann

Als die kleine Sofie an der Waldner-Klinik für Aufregung sorgte

Seit einigen Monaten unterstützt Dr. Vincent Bruckmann die Ärzte in der Notaufnahme der Waldner-Klinik. Die Kollegen sind sich einig: Vincent ist eine große Bereicherung für das Team. Er ist ein hervorragender Mediziner und versteht sich wie kaum ein Zweiter darauf, das Vertrauen der Patienten zu gewinnen. Offenbar hat sich das in München herumgesprochen, denn eines Tages steht ein Pappkarton vor der Ambulanz, und daran klebt ein Zettel: Dies ist Sofie. Sie ist drei Monate alt und braucht liebevolle Betreuung. Ihre Eltern haben sie sehr lieb, können sich aber nicht um sie kümmern. Das soll Herr Dr. Bruckmann machen. In dem Karton liegt ein etwa drei Monate altes Baby …

„Zwei Wochen noch“, sagte Dr. Eva Körner mit einem Lächeln zu ihrem jüngeren Kollegen Dr. Vincent Bruckmann, „dann fängt meine Kur an, und Sie müssen den Laden hier schmeißen, Herr Kollege!“

„Der Laden“ war die Unfallambulanz der Waldner-Klinik in München-Schwabing, die Eva Körner leitete. Seit Jahren arbeitete sie zu viel. Sie tat es gern, aber jetzt hatte ihr Hausarzt ihr dringend zu einer längeren Pause geraten.

„Sie sind ausgelaugt, Frau Körner, Sie dürfen so nicht weitermachen, sonst liegen Sie über kurz oder lang auf der Nase“, hatte er gesagt.

Zuerst hatte sie seinen Rat von sich geschoben, doch mit der Zeit war die Erkenntnis gewachsen, dass sie besser auf ihren Arzt hören sollte. Sie war noch nicht einmal vierzig Jahre alt, doch manchmal, wenn sie morgens in den Spiegel sah, erschrak sie über die graue Haut ihres Gesichts und die Müdigkeit in ihren Augen.

Und so war Dr. Vincent Bruckmann ins Spiel gekommen: ein junger Kollege, ebenfalls Unfallchirurg, noch nicht sehr erfahren, aber mit ausgezeichneten Referenzen und hervorragender Ausbildung. Er wollte möglichst unterschiedliche Erfahrungen machen und war bereit gewesen, für ein halbes Jahr an die Waldner-Klinik zu kommen, wo Eva Körner ihn zunächst einarbeiten würde.

Sie plante einen vierwöchigen Kur-Aufenthalt mit anschließendem zweiwöchigem Urlaub. Während ihrer Abwesenheit sollte Vincent Bruckmann sie vertreten und das Team der Unfallambulanz anschließend noch eine Weile entlasten.

Eigentlich hätte Eva Körners Assistent Jürgen Blatt sie vertreten sollen, doch er hatte von sich aus abgewunken. Die Leitung einer Station traute er sich nicht zu.

„Ich bin ein guter zweiter Mann“, hatte er zu Ulrich Waldner, dem Klinikchef, gesagt. „Aber an vorderster Front fühle ich mich nicht wohl.“

Vincent Bruckmann hatte ein etwas rundliches, liebenswürdiges Gesicht mit freundlichen braunen Augen, das man gerne ansah. Seine ebenfalls braunen, lockigen Haare vervollständigten den Eindruck eines sympathischen, vertrauenswürdigen Menschen. Eva Körner hatte bereits beobachtet, dass Dr. Bruckmann mit seinem Lächeln und seiner warmen Stimme bei manchen Patienten mehr erreichte als andere Ärzte mit vielen klugen Erklärungen.

Jetzt lächelte er unsicher. „Sie können es natürlich kaum erwarten, Frau Körner, hier wegzukommen. Aber ich muss sagen, mir wäre es lieber, ich hätte noch ein bisschen mehr Zeit zum Einarbeiten. Die Abläufe in einer solchen Station sind schon sehr vielfältig, und in richtigen Stress-Situationen …“

Er brach ab und setzte neu an.

„Ich weiß nicht, ob ich so ruhig bleiben kann wie Sie, wenn hier mehrere Verletzte gleichzeitig eintreffen. Dann muss man ja die Übersicht behalten, darf nicht panisch werden.“

„Dazu braucht man Erfahrung, das ist schon richtig. Ich konnte das am Anfang auch nicht, aber man lernt ja jeden Tag dazu. Außerdem sind Sie nicht allein. Das ist ein gutes Team hier; Herr Blatt wird Sie unterstützen, Schwester Veronika ebenfalls. Beide arbeiten schon lange in der Waldner-Klinik und sind mit den Abläufen in der Notaufnahme bestens vertraut.“

„Ich hoffe nur, ich enttäusche Sie nicht.“

„Dazu hätten Sie bis jetzt schon reichlich Gelegenheit gehabt, oder? Ich finde, Sie machen das sehr gut. Und ich kann auch sehen, dass Sie dazulernen. Wissen Sie noch, wie Ihr erster Tag bei uns verlaufen ist?“

„Erinnern Sie mich bloß nicht daran!“, flehte er und hob abwehrend die Hände. „Als ich abends nach Hause gegangen bin, war ich fest entschlossen, alle Vereinbarungen mit Herrn Waldner sofort rückgängig zu machen, weil ich mich für völlig ungeeignet hielt, in einer Notaufnahme zu arbeiten.“

„So geht es jedem am ersten Tag“, erklärte Eva Körner sachlich. „Denken Sie etwa, ich bin von Anfang an so ruhig geblieben, wenn hier das Chaos ausbrach? Mein erster Tag war schlimmer als Ihrer, glauben Sie mir. Ich habe so gut wie alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Und genau wie Sie habe ich sofort beschlossen, meine Kündigung einzureichen.“

„Wirklich?“

Mit einem Lächeln hob sie die rechte Hand. „Ich schwöre es!“

Die Türen der Notaufnahme öffneten sich, und mehrere Sanitäter kamen mit zwei fahrbaren Tragen herein.

„Unfall an der Leopoldstraße, zwei Kinder wurden auf einem Zebrastreifen von einem Kleinlaster erfasst …“

Die beiden Ärzte verteilten sich auf zwei Behandlungsräume, Eva Körner übernahm absichtlich das leichter verletzte Kind, um zu sehen, wie Vincent Bruckmann die Situation bewältigte. Es war ja richtig, was er gesagt hatte: Allzu viel Zeit zur Einarbeitung blieb nicht mehr.

Eine Stunde später tranken sie Kaffee. Die verletzten Kinder waren versorgt, ihre Eltern waren jetzt bei ihnen. Eins würde die Klinik heute noch verlassen können, das andere würde ein paar Tage bleiben müssen.

„Wenn ich nun allein gewesen wäre“, sagte Vincent nachdenklich, „Herr Blatt hätte noch keinen Dienst gehabt, ich wäre allein mit einer Schwester gewesen … Zwei verletzte Kinder, ich weiß nicht, welches ich zuerst versorgen soll …“

Eva unterbrach ihn.

„Doch, das wissen Sie!“, sagte sie nachdrücklich. „Ein Kind brauchte sofort Hilfe, das andere nicht unbedingt. Die Entscheidung, welcher Patient sofort versorgt werden muss, fällen Sie anhand der Informationen, die Sie von den Sanitätern bekommen. In den eher seltenen Fällen, wo mehrere Patienten unbedingt gleichzeitig versorgt werden müssen, bitten Sie Kollegen von den Stationen um Hilfe. Aber meistens schafft man das auch allein. Sie dürfen nicht vergessen, dass wir sehr gut ausgebildete Schwestern und Pfleger hier haben. Trauen Sie denen etwas zu, lassen Sie sie Ihnen helfen. Die können das, und sie tun es gern.“

„Es klingt so einfach, wenn Sie das so sagen: Ruhe bewahren und das Richtige tun.“

„Sie machen das schon, Herr Bruckmann.“

Wieder öffnete sich die Tür der Notaufnahme, doch dieses Mal wurden keine Patienten gebracht, sondern Dr. Stefan Frank kam herein. Er war Eva Körner freundschaftlich verbunden und besuchte sie öfter, wenn sie Dienst hatte.

„Stefan!“, rief sie erfreut. „Kommst du gerade erst, oder bist du schon wieder auf dem Rückweg?“

Er begrüßte sie mit einer Umarmung, Vincent reichte er die Hand.

„Ich komme gerade erst“, erklärte er.

„Dann trink einen Kaffee mit uns.“

Er lehnte nicht ab. Meistens trank er den Kaffee mit seinem langjährigen Freund Ulrich Waldner, doch heute war er bei Ulrich und seiner Frau Ruth zum Abendessen eingeladen, da fiel der Kaffee im Chefbüro aus.

„Kommen Sie eigentlich jeden Tag, Herr Frank?“, fragte Vincent.

„Ja, er kommt jeden Tag“, antwortete Eva für Stefan. „Er hat Belegbetten hier, und obwohl er seine Praxis in Grünwald hat, was – wie Sie vielleicht schon wissen – ziemlich weit draußen liegt, von Schwabing aus gesehen, besucht er seine stationär aufgenommenen Patienten jeden einzelnen Tag.“

„Sie praktizieren in Grünwald?“, fragte Vincent. „Das wusste ich nicht.“

„Ich wohne und praktiziere dort“, erklärte Stefan, „praktischerweise im selben Haus.“

„Das heißt, sie setzen sich nach Ihrer Sprechstunde ins Auto und fahren nach Schwabing?“

„So ist es. Ich finde, diejenigen meiner Patienten, die hier in der Klinik liegen, haben Anspruch darauf, dass ich mich um sie kümmere. Schließlich bin ich in der Regel derjenige, der sie hierher gebracht hat.“

„Dann haben Sie aber einen ziemlich langen Arbeitstag.“

„Ja“, gab Stefan Frank zu. „Aber wenn man Arzt wird, weiß man ja in der Regel, worauf man sich einlässt. Ich übe meinen Beruf immer noch mit Leidenschaft aus, kleine Unannehmlichkeiten gehören nun einmal dazu.“

Vincent hatte Stefan Frank bereits an seinem ersten Arbeitstag in der Klinik kennengelernt. Er war sofort beeindruckt gewesen von seinem älteren Kollegen, der so viel Ruhe ausstrahlte und für jeden Patienten das richtige Wort fand. Als er sich anschließend umgehört hatte, hatte er erfahren, dass Stefan Frank zwar nicht in der Waldner-Klinik arbeitete, aber dennoch dazugehörte. Jeder hier kannte und schätzte ihn.

„Und du, Eva?“, fragte Stefan Frank. „Wann entschwindest du in deine Kur?“

„In zwei Wochen. Zuerst wollte ich gar nicht weg, das weißt du ja, aber mittlerweile kann ich es kaum noch erwarten.“ Eva lächelte. Sie sah müde aus, wie eigentlich immer in letzter Zeit, aber die Vorfreude auf die baldige lange Pause ließ sie dennoch lebendiger wirken als sonst.

„Du hast dir eine Auszeit mehr als verdient. Und Sie, Herr Bruckmann? Wie gefällt Ihnen die Arbeit hier auf der Station?“

„Ich finde sie immer noch ziemlich einschüchternd“, erklärte Vincent mit der ihm eigenen Offenheit. „Darüber haben Frau Körner und ich gesprochen, bevor Sie gekommen sind. Sie meint, ich wachse da hinein, und ich hoffe nur, dass sie recht hat.“

„Natürlich hat sie recht“, erklärte Stefan Frank lächelnd. Er trank seinen Kaffee und stand auf. „Ich muss weiter, meine Patienten warten auf mich. Bis bald mal wieder.“

Eva und Vincent sahen ihm nach.

„Er ist ein beeindruckender Mann“, meinte Vincent. „Wie er mit den Patienten spricht, wie es ihm mit wenigen Worten gelingt, sie zu trösten und aufzurichten, ihnen Mut zu machen … So ein Arzt möchte ich auch gern werden.“

Eva stand ebenfalls auf, da aus einem der Behandlungszimmer nach ihr gerufen wurde.

„Oh, das werden Sie“, sagte sie ruhig. „Sie haben diese Gabe ebenfalls, auch wenn Sie selbst das offenbar noch nicht wissen. Glauben Sie an sich, Herr Kollege!“

Mit diesen Worten eilte sie davon.

Er blieb noch einen Moment sitzen, ganz betäubt von ihren Worten. Als er schließlich aufstand, um nach den beiden verletzten Kindern zu sehen, versprach er sich selbst, Eva Körners Rat zu befolgen und an sich zu glauben.

***

Julia Engelmann schloss die Wohnungstür auf und lauschte. Es war nichts zu hören, natürlich nicht. Was hatte sie denn erwartet? Dennoch war sie erleichtert.

Manchmal kamen ihre Eltern überraschend früher nach Hause, dann gab es immer lästige Fragen, auf die sie nicht vorbereitet war. Dabei war sie eine ziemlich schlechte Lügnerin, aber ihre Eltern merkten sowieso nicht, was abging. Nicht einmal schlechte Lügen durchschauten sie.

Sie ging in ihr Zimmer und begann, eine weitere Entschuldigung für die Schule zu fälschen. Die Unterschrift ihres Vaters war leichter nachzumachen als die ihrer Mutter, also ließ sie ihn die meisten Entschuldigungen unterschreiben.

Lange würde das nicht mehr gut gehen, das war ihr klar. Schon jetzt hatte ihr Freund Luis Schwierigkeiten mit seinem Ausbilder in der Schreinerei, weil er so oft fehlte. Sie mussten vorsichtig sein.

Ihre Eltern wussten nichts von Luis, aus guten Gründen. Sie waren beide Akademiker, voll berufstätig und verdienten viel Geld. Die Wohnung, die sie mit Julia in Schwabing bewohnten, gehörte ihnen. Sie erstreckte sich über hundertvierzig Quadratmeter, aber Julias Mutter hatte neulich schon einmal gesagt, sie fände sie „ein bisschen eng“.

Julias Zimmer war riesig und mit allem ausgestattet, was ein moderner Teenager von vierzehn Jahren brauchte. Sie bekam jedes neue elektronische Gerät, das auf den Markt kam, wenn sie es haben wollte. Meistens wollte sie nicht.

Früher einmal hatte sie sich gewünscht, dass ihre Eltern Zeit für sie haben sollten und dass sie vielleicht noch ein Baby machten, damit sie, Julia, noch eine kleine Schwester bekäme. Aber als sie das einmal zum Ausdruck gebracht hatte, bei einer der seltenen gemeinsamen Mahlzeiten, war ihre Mutter beinahe ausgerastet.

„Noch ein Kind? Bist du verrückt geworden?“, hatte sie gebrüllt. „Ich bin vierzig Jahre alt und froh, dass du endlich aus dem Gröbsten heraus bist. Außerdem habe ich nicht so hart gearbeitet, um jetzt wieder von vorn anzufangen mit Windelnwechseln und durchwachten Nächten. Das schlag dir mal gleich aus dem Kopf. Und außerdem: Glaubst du vielleicht, wir könnten uns so viel leisten, wenn ich aufhören würde zu arbeiten? Guck dich doch mal bei deinen Freundinnen um! Ich wette, keine von denen ist so ausgestattet wie du.“

Das war schon richtig, nur machte sich Julia eben aus ihrer „Ausstattung“ gar nicht viel. Aber für ihre Eltern waren die Autos, die große Wohnung, die tollen jährlichen Urlaubsreisen an entlegene Orte und Designerklamotten wahnsinnig wichtig. Julia hatte auch nicht viel dagegen, aber andere Dinge wären ihr wichtiger gewesen.

Und so war eines Tages Luis in ihr Leben getreten. Der große blonde Luis mit den blauen Augen und dem breiten Lächeln. Bei ihm hatte sie gefunden, was sie zu Hause vermisste: Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit und Gespräche über alles, was sie bewegte. Luis war siebzehn, drei Jahre älter als sie, und er ersetzte ihr Vater, Mutter und Geschwister. Sie konnte sich an ihr Leben vor Luis gar nicht mehr erinnern.

Er kam aus einer sogenannten zerrütteten Familie. Sein Vater trank und hatte die Mutter mit vier Kindern vor einem knappen Jahr sitzen lassen. Seitdem putzte sie, um durchzukommen. Luis, der ein sehr guter Schüler gewesen war, hatte die Schule verlassen müssen, das Geld dafür hatte gefehlt.

Er hing sehr an seiner Mutter und war voller Verachtung für seinen Vater. Klaglos war er von der Schule abgegangen und hatte sich um eine Lehrstelle beworben, damit er seiner Mutter nicht länger auf der Tasche lag. Er hatte bei einem Schreiner anfangen können und war glücklich darüber.

„Ich habe schon immer gern mit den Händen gearbeitet, vielleicht ist das für mich sogar besser als zu studieren.“

Er hatte sich ein Zimmer genommen, weil die Wohnung, in die seine Mutter nach der Trennung vom Vater gezogen war, ohnehin nicht ...

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