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Dr. Stefan Frank - Folge 2269

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Hochzeit in Eis und Schnee
  4. Vorschau

Hochzeit in Eis und Schnee

Warum Nicole auf keinen Fall im Sommer heiraten wollte

Emmy und Nicole sind Freundinnen seit Kindertagen. Dabei sind sie so verschieden, wie zwei Frauen nur sein können! Emmy sei eine „Sommerfrau“, behauptet Nicole immer, weil die Freundin die Sonne liebt und sehr impulsiv ist. Sich selbst hingegen bezeichnet sie als „Winterfrau“. Nicole mag es ruhig und beschaulich, liebt gemütliche Abende vor dem Kamin. Nichts kann sie mehr begeistern als eine verschneite Landschaft!

Doch Nicole teilt nicht nur ihre Freundinnen in Sommer- und Wintertypen ein, sondern auch die Männer. Wintermänner, so meint sie, seien die verlässlichen, vernünftigen; die Sommermänner jedoch seien mit Vorsicht zu genießen: zu unzuverlässig, zu unstet, zu sehr auf ihr Vergnügen bedacht. Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in den strahlendsten aller Sommermänner. Ob das gut gehen kann?

Nicole Führbach zog langsam den Rollladen hoch. Überraschung legte sich auf ihr Gesicht, als sie nach draußen blickte, aber schnell wurde aus der Überraschung pure Freude.

Alles war weiß! Über Nacht hatte es geschneit, doch nun schien die Sonne, und der Himmel zeigte ein strahlendes Blau. Der Garten hinter dem Haus war unter einer glitzernden und funkelnden Schneedecke verschwunden; Büsche und Bäume trugen weiße Hauben. Alles wirkte wie verzaubert.

Ist das schön!, dachte Nicole und holte tief Luft. Vorsichtig öffnete sie das Fenster und atmete die frische, klare Luft ein. Dann schloss sie das Fenster wieder und eilte hinauf in den ersten Stock.

Ohne zu klopfen, lief sie in das Zimmer ihrer besten Freundin.

„Emmy, wach auf!“, rief sie ganz aufgeregt und rüttelte sie an der Schulter.

Emmy Wachenau – die eigentlich Emilia hieß, aber diesen Namen nicht leiden konnte – schoss hoch und riss die Augen auf.

„Was ist passiert?“, fragte sie. „Brennt es? Stürzt das Haus zusammen? Sind wir von Einbrechern umzingelt?“

Nicole lachte. „Es hat geschneit!“

Emmy stieß einen tiefen Seufzer aus, ließ sich wieder aufs Kissen sinken und machte die Augen zu – nur um sie erneut zu öffnen, sich halb aufzurichten und nach dem Wecker zu greifen. Ein weiterer Seufzer folgte.

„Wenn du mich noch einmal an einem Samstagmorgen um zwanzig nach sieben weckst, nur um mir zu sagen, dass es geschneit hat, kündige ich dir die Freundschaft“, drohte sie, stellte den Wecker fort und zog sich die Decke über die Ohren. „Und jetzt verschwinde und lass mich weiterschlafen“, fügte sie hinzu.

„Ach, stell dich nicht so an“, erwiderte Nicole und zog ihr die Decke wieder vom Gesicht. „Los, steh auf! Lass uns nach Garmisch fahren. Der Tag ist so schön, die Sonne scheint – da können wir noch einmal wunderbar Ski laufen. Dass der Winter noch einmal zurückgekehrt ist, muss man doch ausnutzen!“

„Ich will aber nicht in den Schnee! Es ist Anfang April – da hat es gefälligst Frühling zu sein und nicht Winter“, maulte Emmy. „Unsere armen Krokusse. Die waren gerade so schön aufgeblüht. Ich will Sonne und Wärme.“

„Unseren Krokussen tut der Schnee doch nichts. Die halten das aus.“ Nicole setzte sich zu ihrer Freundin aufs Bett. „Und du brauchst nur aus dem Fenster zu schauen, um die Sonne zu sehen. Ich liebe solche Tage! Wenn es so richtig schön kalt ist und ganz klar und sonnig und …“

„Du solltest nach Grönland oder in die Arktis ziehen und in einem Iglu wohnen. Mit einem Eisbären als Haustier“, brummte Emmy. „Echt, Nicole, du tickst nicht richtig. Ich kenne niemanden außer dir, der erst dann so richtig auflebt, wenn es draußen eisig ist und wie verrückt schneit, und es nicht mag, wenn es warm und angenehm wird. Wahrscheinlich würdest du sogar in Schnee und Eis heiraten wollen! Falls du mal heiratest!“

Nicole lachte. „Falls ich mal heirate – wie du so schön gesagt hast. Du weißt doch, das Kapitel hab ich abgeschlossen.“

„Nur weil du einem Idioten auf den Leim gegangen bist, der dich nach Strich und Faden betrogen hat, müssen nicht gleich alle Männer schlecht sein. Es gibt auch nette.“ Emmy grinste. „Aber du könntest ja auch einen Schneemann nehmen.“

„Ha, ha!“

„Eiskalte Liebe – mit einem Schneemann im Iglu. Aber wenn er dir auf die Nerven geht, kannst du ihn einfach schmelzen lassen.“ Emmy, die die Hände hinter dem Kopf verschränkt hatte, schien Gefallen an dieser Vorstellung zu finden. „Wenn du mal gerade nichts zum Essen in deinem gemütlichen Iglu hast, kannst du seine Nase nehmen und darauf herumknabbern. Und ihn dann schmelzen lassen, weil ein Schneemann ohne Nase blöd aussieht.“

Nicole verdrehte die Augen. „Jetzt lass aber gut sein“, meinte sie und stupste die Freundin leicht an. „Also, fahren wir nun nach Garmisch oder nicht? Wenn es hier schon so geschneit hat, wird da wohl eine Menge mehr heruntergekommen sein. Und noch sind die Skilifte offen. Ach, Emmy, tu mir den Gefallen! Du läufst doch auch gern Ski.“

„Nö.“

„Doch. Tust du wohl. Außerdem dürfte das unsere letzte Gelegenheit sein, noch mal zum Skilaufen in die Berge zu fahren.“

„Hoffentlich!“

„Dann sollten wir es auch ausnutzen!“

„Du lässt mir wohl keine Ruhe, oder?“

„Nein.“ Nicole schüttelte den Kopf.

Emmy setzte sich auf.

„Okay, du hast gewonnen“, gab sie nach. „Aber lass mich wenigstens in Ruhe frühstücken.“ Sie gab der Freundin einen Schubs. „Und jetzt verschwinde von meinem Bett, ja? Wir sehen uns dann unten in der Küche.“

***

Eine halbe Stunde später betrat eine immer noch müde Emmy die große, gemütliche Küche.

„Wenigstens riecht es schon nach Kaffee“, meinte sie, als sie sich an den Tisch setzte. „Hoffentlich macht der mich wach. Ich muss wirklich bescheuert sein, dass ich mich am Wochenende so früh von dir aus dem Bett jagen lasse – nur um Ski zu fahren! Mitten im Frühling!“ Anklagend blickte sie aus dem Fenster in den weiß verschneiten Garten. „So ein blödes Wetter! Weiß das nicht, dass wir schon April haben?“

Nicole stellte der Freundin eine große Tasse Kaffee hin, außerdem einen Teller mit einem frisch aufgebackenen Croissant und einer belegten Semmel.

„Iss und trink und halt die Klappe, bis du satt und erträglich bist. Wetten, dass du heute Abend sagst, was für ein toller Tag das war? Und dass es eine geniale Idee von mir war, noch einmal die Bretter herauszuholen.“

Der Blick, den Emmy der Freundin zuwarf, verriet deutlich, dass sie ganz bestimmt nicht vorhatte, so etwas zu sagen.

Nicole seufzte. „Wie gut, dass ich nicht mit dir verheiratet bin“, meinte sie, während auch sie sich setzte und von ihrem Kaffee trank. „Sonst hätte ich mich schon längst wegen unerträglicher Morgenmuffeligkeit von dir scheiden lassen.“

Emmy grinste nur.

„Bin ja auch kein Schneemann …“, murmelte sie zwischen zwei Schlucken.

Nicole verdrehte erneut die Augen.

Eine gute halbe Stunde später hatten sie gefrühstückt und waren damit fertig, ihren Kombi zu beladen. Skier und Stöcke sowie die schweren Skistiefel waren sicher in der Dachbox verstaut, die Helme lagen im Fußraum hinter den Vordersitzen.

Gerade als sie einstiegen wollten, hielt ein Wagen hinter ihnen, und der Fahrer ließ das Fenster herunter.

„Wollt ihr auch das schöne Winterwetter zu einem Ausflug nutzen?“, erkundigte sich Dr. Frank. Er wusste, wie leidenschaftlich gern Nicole Ski fuhr.

Die nickte und winkte ihm zu.

„Es geht noch mal auf die Piste“, antwortete sie. „Muss man doch ausnutzen, oder?“

„Ja“, stimmte der Grünwalder Arzt zu. „Wir fahren auch Richtung Berge, aber wir werden uns mit einem schönen, langen Winterspaziergang begnügen. – Na, ich will euch nicht aufhalten. Viel Spaß euch beiden.“

„Ihnen auch“, erwiderte Nicole, bevor der Grünwalder Arzt weiterfuhr.

Emmy setzte sich auf den Beifahrersitz.

„Du fährst“, hatte sie der Freundin vorhin beim Frühstück gesagt. „In der einen Stunde, die wir brauchen, will ich noch ein bisschen dösen.“

Doch obwohl sie so müde war, konnte sie nicht einschlafen, auch wenn sie damit bei längeren Autofahrten sonst nie Probleme hatte. Vielleicht hätte sie nicht so viel Kaffee trinken sollen.

Emmy schloss die Augen und ließ ihre Gedanken schweifen, eingelullt von der Musik, die Nicole eingestellt hatte, und den stetigen Geräuschen des Fahrens. In der ersten Viertelstunde führte der Weg noch über die Landstraße Richtung Starnberg, dann würden sie bis kurz vor Garmisch-Partenkirchen die Autobahn nehmen.

Unwillkürlich lächelte sie, als sie Nicole heftig über einen anderen Autofahrer schimpfen hörte. Ihre sonst so ruhige Freundin regte sich beim Fahren gern auf, vor allem über die Dummheit oder Dreistigkeit der anderen.

Komisch, dass wir so gute Freundinnen sind, obwohl wir doch so gegensätzlich sind, dachte sie.

Die beiden Frauen kannten sich schon seit einer kleinen Ewigkeit, fast ihr ganzes Leben lang. Sie waren zusammen in den Kindergarten gegangen und hatten sich von Anfang an gemocht, doch erst der Kampf gegen Niklas, einen verzogenen Jungen, der alle anderen zu tyrannisieren versuchte und es besonders auf sie beide abgesehen hatte, hatte sie so richtig zusammengeschweißt.

Seitdem hatte sie nichts mehr auseinanderbringen können. Sie hatten dieselbe Grundschule besucht, dasselbe Gymnasium, hatten beide in München studiert, wenn auch ganz unterschiedliche Fächer. Männer waren in ihr Leben getreten – bei Emmy mehr, bei Nicole weniger – und wieder daraus verschwunden; das einzig Beständige jedoch war stets ihre Freundschaft geblieben.

Daran hatte sich auch nichts geändert, als Emmy, die inzwischen für ein Modeunternehmen arbeitete, für ein paar Jahre nach Mailand gegangen war. Sie hatten sich in dieser Zeit zwar nicht so oft gesehen, waren aber dennoch in enger Verbindung geblieben.

Als Emmy vor viereinhalb Jahren nach München zurückgekehrt war, hatte sie Nicole gefragt, ob sie nicht zu ihr in das Grünwalder Haus ziehen wollte, das sie von ihrem Onkel geerbt hatte und das ihr stets für ein Person als viel zu groß erschienen war.

Nicole hatte nicht lange gezögert. Emmy hatte sich in der ersten Etage eingerichtet, Nicole hatte ihre Räume im Erdgeschoss, mit direktem Zugang zu dem großen Garten, um den sie sich kümmerte, wenn ihre Zeit es zuließ. So konnte jede allein sein, wann immer sie es wollte, nur das große Wohnzimmer und die Küche teilten sie sich.

Nicole war die Ruhige und Besonnene, Emmy die Temperamentvolle und Spontane. Nicole stand morgens früh auf und war sofort wach, ließ sich ausreichend Zeit, um zu frühstücken und sich fertigzumachen. Emmy hingegen schlief bis zu allerletzten Minute, hasste den Wecker, der sie immer so unsanft aus dem Schlaf riss, trank eilig im Stehen eine Tasse Kaffee, um ja keine Zeit mit dem Frühstück zu verschwenden.

Nicole verließ rechtzeitig das Haus, um pünktlich an der Tram zu sein, mit der sie beide morgens nach München fuhren. Emmy hingegen sprintete in der allerletzten Sekunde los, nie sicher, wer den täglichen „Wettkampf“ gewinnen und als Erster an der Haltestelle sein würde: die Tram oder sie.

Nicole liebte den Winter und die Kälte, Emmy den Sommer und die Sonne – und so verbrachten sie ihre Ferien stets getrennt voneinander. Emmy schauderte leicht, als sie daran dachte, dass Nicole im vergangenen Jahr zwei Wochen Urlaub auf Island gemacht hatte: mit Regen, Stürmen und Temperaturen um die zwölf Grad! Dennoch war die Freundin hellauf begeistert gewesen von diesem kargen, faszinierenden Land, in dem selbst im „Sommer“ auf einer Lagune noch Eisberge schwammen.

Sie selbst hatte wie immer die Hitze im sommerlichen Italien genossen, tief unten im Süden. Sonne, Sand und Meer, das war es, was sie liebte.

Gut, wenn sie ehrlich war, fand sie auch den Winter nicht so übel – vorausgesetzt, dass er nicht mit kalter Nässe und Schneematsch verbunden war! –, doch wenn die Tage wieder länger wurden, sehnte sie sich nach Wärme und Licht. Im Juni, wenn die Nächte am längsten waren, saß sie gern draußen auf der Terrasse, bis es dämmerte und schließlich Nacht wurde, genoss die Stille, die sich über Grünwald legte.

Nicole hingegen liebte es, wenn es früh dunkel wurde.

„Dann ist es so schön kuschelig, und man kann es sich zu Hause gemütlich machen“, pflegte die Freundin zu sagen.

Nicole teilte auch die Menschen in Sommer- und Wintertypen ein. Wintermänner, so behauptete sie, seien die verlässlichen, vernünftigen; die Sommermänner jedoch seien mit Vorsicht zu genießen: zu unzuverlässig, zu unstet, zu sehr auf Vergnügen bedacht.

„Und ich?“, hatte Emmy Nicole einmal gefragt. „Ich müsste bei dir doch eigentlich unter ‚Sommerfrau‘ laufen – was mich dann zu einer gar nicht so geeigneten Freundin machen würde.“

Doch Nicole hatte daraufhin nur gelacht.

„Tief in deinem Herzen bist du eine Winterfrau“, hatte sie geantwortet. „Auch wenn du dir alle Mühe gibst, wie ein Sommertyp zu wirken.“

***

„Du schläfst gar nicht, oder?“, fragte Nicole in Emmys Gedanken hinein. „Und wenn doch, dann wach gefälligst auf, wir sind nämlich gleich da.“

Emmy öffnete die Augen und setzte sich gerader hin.

„Ich hab ein bisschen gedöst“, antwortete sie und schaute nach draußen. „Mein Gott, hier sieht es ja noch schlimmer aus als in München. Als ob wir mitten im allertiefsten Winter wären.“

„Ist es nicht herrlich?“, meinte Nicole. „Ich kann es kaum noch erwarten, bis wir von oben abfahren können.“

Sie hatten sich darauf geeinigt, auf dem Hausberg zu fahren, denn Emmy war eine nicht ganz so geübte Skiläuferin wie Nicole und im vergangenen Winter nicht so oft wie sonst auf die Piste gegangen.

„Ich denke, wir sollten uns erst einmal auf ganz andere Dinge konzentrieren und einen Parkplatz suchen. Sieht so aus, als seien wir nicht die Einzigen, die heute hierher gekommen sind.“

„Ach, halb so wild“, wehrte Nicole ab. „Wir finden schon einen. So viele Leute sind gar nicht hier. Die Saison ist so gut wie vorbei, da kommen nur noch die Skiverrückten her. Sieh mal, da sind schon welche.“

„Was? Skiverrückte?“

„Nein, freie Parkplätze!“

Tatsächlich standen vor dem flachen Gebäude zwar eine Menge Autos, doch es waren noch genug Plätze frei.

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