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Dr. Stefan Frank - Folge 2266

Wir backen für Mutti!

Dr. Frank und drei kleine Engel zur Weihnachtszeit

Der Grünwalder Bäckermeister Horst Schröder traut seinen Ohren kaum, als er sich an diesem Morgen seiner Backstube nähert. „Backe, backe Kuchen …“, tönt es – ziemlich schief – aus seinem Laden. Wer kann das nur sein? Vorsichtig öffnet er die Tür … und traut seinen Augen nicht! Vor ihm stehen drei kleine Mädchen, alle von oben bis unten mit Mehl verschmiert, und trällern das Kinderlied. Was nun tun? Soll er mit ihnen schimpfen? Nein, besser erst mal nachfragen, warum sie sich in die Bäckerei geschlichen haben. Als Nina, Ina und Kathrina ihm zaghaft beichten, warum sie hier sind, zieht sich Horst Schröders Herz vor Mitleid zusammen: Die Mutter der drei Mädchen liegt im Koma, und nun backen sie, um ihrer Mutti eine Freude zu machen. Denn Dr. Frank, ihr Arzt, hat gesagt, wenn ihre Mama sich ganz doll freut, dann wacht sie vielleicht wieder auf …

„Jetzt reicht es mir aber! Ich habe endgültig die Nase voll! Das ist immer noch mein Laden! Ist das klar? Meiner! Ich habe mir das alles alleine aufgebaut! Meinetwegen reiß dir alles unter den Nagel, aber lass mir wenigstens meine Träume, meinen Stolz und meinen freien Willen, verdammt noch mal!“

Erschrocken über die Heftigkeit, mit der Horst Schröder ihn über den Ladentisch hinweg anbrüllte, wich der Grünwalder Arzt, Dr. Stefan Frank, vorsichtshalber einen großen Schritt zurück.

Der einundsechzigjährige Bäckermeister, der in ganz Grünwald für seine Gutmütigkeit und sein großes Herz bekannt war, war heute nicht wiederzuerkennen. Sein rundes, sonst immer so freundliches Gesicht war vor Wut verzerrt und dunkelrot angelaufen, seine Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Als er jetzt mit einer einzigen Bewegung den großen Brotlaib, den er in beiden Händen hielt, in der Mitte auseinanderriss, bekam man eine ungefähre Ahnung davon, wie aufgebracht er sein musste.

„Natürlich! Alles lasse ich Ihnen. Den ganzen Laden will ich ja auch gar nicht haben, Herr Schröder.“ Der Grünwalder Arzt schüttelte den Kopf und hob beide Hände hoch, um zu unterstreichen, dass er in Frieden und ohne böse Absichten kam. „Ein Nusshörnchen würde mir schon reichen. Mehr will ich gar nicht. Ehrenwort! Höchstens noch ein oder zwei Stück von diesen knusprigen Apfeltaschen, die mich da gerade so verlockend anlächeln.“

„Was?“ Horst Schröder, der Inhaber der beliebtesten Bäckerei Grünwalds, hob überrascht den Kopf und starrte Stefan entgeistert an. Es schien, als müsse er sich erst orientieren, als wisse er gar nicht, wo er sich im Augenblick befand. „Oh Gott! Herr Frank! Ach du meine Güte!“

Horst faltete seine beiden Hände, die so gut wie immer mit etwas Mehl bestäubt waren, zu einem Zelt zusammen und stülpte sie sich erschrocken über Mund und Nase.

„Da können Sie mal sehen, wie weit es kommen kann“, tönte es kleinlaut und dumpf darunter hervor. „Ja, so weit kann es kommen, wenn man bis zum Äußersten getrieben wird.“

„Probleme?“, fragte Stefan und wagte sich wieder bis zum Ladentisch nach vorne.

„Ach! Probleme!“ Horst machte eine wegwerfende Handbewegung und hinterließ dabei einen Bogen aus weißem Mehlstaub in der Luft, der im Licht der Morgensonne, die durch das große Schaufenster in den Laden schien, flimmerte.

„Es ist alles so, wie es ohnehin schon seit Jahren ist“, erwiderte der Bäckermeister mit hängenden Schultern und schleppender Stimme. „Sie werden ja sowieso Bescheid wissen, wie das hier bei uns so läuft. Ganz Grünwald macht sich ja seit Jahren über mich lustig. Und erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, Sie hätten nichts davon mitbekommen! Das würde ich Ihnen nämlich nicht abnehmen.“

In der Tat war es in ganz Grünwald bekannt, dass der Bäckermeister schwer unter dem Pantoffel seiner Frau stand. Zahlreiche wenig schmeichelhafte Namen hatte man ihm im Laufe der Jahre schon gegeben: „Waschlappen“, „Schlappschwanz“, „Sieglindes Schoßhündchen“ und „Weichei“ waren nur einige davon.

Allerdings konzentrierte sich die Verachtung hauptsächlich auf Horst Schröders Frau, denn bevor diese hier aufgetaucht war, war Horst ein völlig anderer Mensch gewesen.

Vor fünf Jahren, fast sieben Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau, hatte der Bäckermeister wieder geheiratet. Und gleich am Tag nach der Hochzeit hatte Sieglinde Schröder, die frisch gebackene Bäckermeistergattin, das Kommando an sich gerissen. Über Horst, über die Bäckerei und auch noch gleich über halb Grünwald.

In kürzester Zeit hatte sie es geschafft, sich überall wichtigzumachen. Sie war Obfrau des Vereins der Grünwalder Naturfreunde, Schriftführerin im Stadtverschönerungsverein, sie spielte die erste Ziehharmonika in der Heimatmusikkapelle und schritt einmal wöchentlich im traditionellen Dirndl zum Treffen der Initiative zur Erhaltung der bayerischen Volkstänze.

„Die garstigsten Frauen bekommen oft die nettesten Männer“, so heißt es im Volksmund. Sieglinde Schröder war der lebende Beweis dafür, dass hinter solchen alten Sprüchen mitunter durchaus ein Funken Wahrheit steckte. Sieglinde war das, was man gemeinhin als eine Xanthippe bezeichnete.

Kaum war das „Ja!“, das sie dem Standesbeamten laut entgegengeschmettert hatte, verklungen und das letzte Stück der selbst gebackenen Hochzeitstorte aufgegessen, kaum hatte Sieglinde den letzten der Hochzeitsgäste aus dem Haus getrieben, war sie auch schon in den Laden geeilt und hatte dort gründlich aufgeräumt. Als Erstes hatte sie sich die Preisliste vorgenommen, die ihrer Meinung nach von der völligen Geschäftsuntüchtigkeit ihres Mannes zeugte.

Horst war in ganz Grünwald dafür bekannt, dass er für seine Backwaren ausschließlich naturbelassene Zutaten verwendete. Außerdem hatte er für jeden Allergiker unter seinen Kunden etwas im Angebot: Brot und Gebäck ohne Hefe, Backwaren mit reinem Meersalz, Brötchen ohne Gluten und sogar Kuchen und Kekse für Veganer.

Nächtelang hatte er in seiner Backstube getüftelt, und oft hatte er sich mit Stefan Frank beraten, was man den Kunden mit den verschiedensten Allergien und Erkrankungen anbieten könnte. Er hatte sich erklären lassen, wie man die Broteinheiten für die Diabetiker berechnete und mit welchen Süßigkeiten man Kindern eine Freude machen konnte, ohne dabei deren Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Sein Lohn dafür waren die strahlenden Gesichter der Kunden gewesen, denen er – am Morgen, nachdem er wieder einmal ein neues Produkt entwickelt hatte – mit schelmischem Lächeln verkünden konnte: „Heute habe ich was für Sie!“

Niemals wäre er auf die Idee gekommen, für seine Kreationen auch nur einen Cent mehr zu berechnen. Im Gegenteil: Seine Preise waren nur unwesentlich höher als die der mit Chemikalien verseuchten Backwaren, die in den Supermärkten angeboten wurden.

Die Kunden dankten es ihm, indem sie teilweise von weither zu ihm kamen, kräftig die Werbetrommel für ihn rührten und somit auch immer wieder neue Kunden zu ihm schickten.

Doch, wie gesagt, seit seiner Heirat war damit Schluss. Ihm blutete das Herz, wenn er jetzt alle paar Monate gestehen musste:

„Es tut mir sehr leid, aber dieses Produkt ist schon wieder teurer geworden.“

Sieglindes zweiter Streich war „Das Buch“ gewesen. In dieses Buch hatte Horst die Namen und Einkäufe der Kunden eingetragen, die gerade nicht flüssig waren: Rentner, alleinerziehende Mütter, Arbeitslose … Wer auch immer, wenn es ans Bezahlen ging, gesagt hatte: „Oje, so viel Geld habe ich jetzt gar nicht dabei. Dann nehme ich doch nur das Brot und gebe alles andere zurück“, hatte den Laden dennoch mit voller Einkaufstasche verlassen.

„Das bezahlen Sie einfach, wenn Sie wieder bei Kasse sind“, waren Horsts Worte gewesen, während er sich den fehlenden Betrag in seinem Buch notiert hatte.

Nur der Form halber allerdings, denn es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, die Schulden irgendwann tatsächlich einzutreiben. Er selbst lebte im Überfluss und sah es als seine Pflicht an, dafür zu sorgen, dass niemand in seinem Umfeld hungern musste.

Doch dieses Buch gab es jetzt nicht mehr. Wer nicht bezahlen konnte, der bekam auch nichts.

„Punkt – aus – Ende der Debatte!“, hatte Horsts Frau verkündet, dann waren „die Penner“, wie Sieglinde sie so herzlos bezeichnete, dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Selbstverständlich war dem Grünwalder Arzt diese Entwicklung nicht entgangen. Das Wartezimmer in seiner Praxis in der Gartenstraße war stets voll, und so erfuhr er üblicherweise alles, was sich in Grünwald zutrug, lange bevor es in der Zeitung stand.

Aber nachdem der Bäckermeister jahrelang gute Miene zum bösen Spiel gemacht hatte, musste nun irgendetwas Gravierendes vorgefallen sein, um ihn in den Zustand zu versetzen, in dem Stefan ihn eben erlebt hatte.

„Möchten Sie darüber reden, Herr Schröder? Ich habe noch eine gute Stunde Zeit, ehe ich in meine Praxis muss“, bot Dr. Frank dem Mann, den er seit Jahren schätzte, an.

„Ach!“ Horst Schröder winkte frustriert ab, als eben jetzt einige Kunden den Laden betraten. „Wollen würde ich schon, Herr Frank, aber wie denn? Sie sehen ja …“

„Sie haben doch Personal, Herr Schröder. Sie sind der Chef, Sie können kommen und gehen, wie es Ihnen beliebt.“

„Ja, da ist schon was dran. Theoretisch. Aber …“ Der Bäckermeister beugte sich nach hinten und warf einen Blick durch die offene Tür, die zur Backstube führte. „Meine Frau …“

„Sie sind ein erwachsener Mann und somit niemandem Rechenschaft schuldig!“, schnitt Stefan die Ausrede, die Horst eben formulieren wollte, energisch ab.

Herr Schröder kaute einige Sekunden lang nachdenklich auf seiner Unterlippe, dann atmete er tief ein, straffte seine hängenden Schultern, riss sich mit einer ruckartigen Bewegung die mehlige Schürze vom Leib und warf sie in eine Ecke.

„Recht haben Sie, Doktor! Danke für Ihr Angebot, das ich hiermit sehr gerne annehmen möchte. Ich lade Sie nach nebenan ins Café Lotte zu einem Frühstück ein!“

Er formte seine Hände zu einem Schalltrichter und hielt sie an seine Lippen.

„Nanni!“, rief er nach seiner langjährigen Angestellten, Marianne Schober, die seine Frau vor einer Viertelstunde zum Putzen abkommandiert hatte.

Putzen gehörte zwar eigentlich nicht zu den Pflichten einer Bäckereifachverkäuferin, aber Sieglinde hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Nanni – die ihrer Meinung nach ein viel zu vertrautes Verhältnis zu Horst hatte – die Flügel zu stutzen.

„Guten Morgen, Herr Frank!“ Die etwa fünfzigjährige Verkäuferin nickte Stefan freundlich lächelnd zu.

„Nanni, sei so gut und vertritt mich bitte hier. Ich bin dann mal für eine Stunde oder so weg.“

„Oh!“ Marianne Schober hob überrascht die Augenbrauen, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Klar, Chef. Ist schon gut.“

„Danke, Nanni! Ach, und … sollte Sieglinde sich aufpudeln …“ Bei der Erwähnung seiner Frau wurde Horst sofort wieder unsicher. „Dann … dann … ach, ich weiß jetzt gar nicht, ob ich … vielleicht sollte ich doch lieber …“

„Geh schon, Chef! Raus mit dir!“ Energisch schob Nanni den Bäckermeister, für den sie seit der Eröffnung des Ladens arbeitete, in Richtung Ausgang. „Sie wird es schon überleben.“

„Frau Schober!“, tönte es sehr autoritär aus der Backstube, kaum dass die Tür hinter Horst und Stefan ins Schloss gefallen war. „Habe ich Ihnen erlaubt, dass Sie Pause machen können? Wir sind hier noch lange nicht fertig!“

„Keine Zeit, Frau Schröder, der Laden ist voll, und der Chef musste mal weg!“, rief Nanni zurück und blinzelte den fünf Kunden, die ebenfalls über Horst Schröders plötzliches Aufbegehren sehr erstaunt waren, schmunzelnd zu. Dann drückte sie einem kleinen Mädchen, das sich mit sehnsüchtigen Blicken die Nase an der Kuchenvitrine plattdrückte, hastig einen Schokoladenkeks in die Hand.

***

„Oh nein, daraus wird leider nichts, liebe Frau Sandtner.“

Sybille Nolte, die Leiterin des Münchner Kinderheims, war dem sehnsüchtigen Blick gefolgt, mit dem ihre Besucherin die drei entzückenden kleinen Mädchen bedachte, die – ganz eng aneinander gedrängt und sich an den Händen haltend – in einer Ecke des Spielzimmers auf dem Boden saßen.

Sie schüttelte bedauernd den Kopf.

„Ich kann sie nur alle drei gemeinsam weggeben oder eben gar nicht. Man kann sie nicht einmal für eine halbe Minute trennen.“ Sie lachte leise auf. „Sie gehen sogar zu dritt zur Toilette, und wenn eine von ihnen einmal krank ist, dann bleiben auch die anderen beiden im Bett.“

„Oh, wie schade!“ Die sechsundsechzigjährige pensionierte Zahnärztin seufzte enttäuscht auf. „Ich würde ja schrecklich gerne alle drei mitnehmen, aber das wäre mir dann doch zu viel, fürchte ich. Meine erwachsenen Kinder kommen ja über die Feiertage auch noch nach Hause, und mein Mann sitzt nach seinem Herzinfarkt nach wie vor im Rollstuhl und muss auch wie ein Kind versorgt werden.“

„Da wären drei kleine Kinder wirklich zu viel des Guten, liebe Frau Dr. Sandtner.“ Frau Nolte nickte verständnisvoll. „Aber ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie jedes Jahr zu Weihnachten Waisenkinder bei sich aufnehmen. Die Kleinen zehren hinterher noch monatelang von der schönen Zeit bei Ihnen.“

„Ach Gott!“ Die Rentnerin winkte lächelnd ab. „Was ich tun kann, ist ja doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Viel zu wenig.“

Sie seufzte tief auf und senkte den Kopf.

„Leider kann ich keines für immer bei mir aufnehmen“, fügte sie dann bedauernd hinzu. „Früher hatte ich keine Zeit, und jetzt bin ich für ein Pflegekind zu alt geworden. Aber wenigstens ein paar Wochen über Weihnachten, zu Ostern und in den Sommerferien möchte ich einem Kind ein bisschen Freude schenken.“

„Sie tun wahrlich genug!“ Sybille Nolte legte eine Hand auf die Schulter der Rentnerin. „Die Kinder freuen sich immer sehr über ihre Besuche und natürlich auch über die Geschenke, die Sie laufend vorbeibringen. Na, und die kleine Lena, die Sie in den Sommerferien bei sich hatten, die hat geschwärmt, als wäre sie im Schlaraffenland oder im Paradies gewesen.“

„Ach, Lena! So ein entzückendes Mädchen! Schade, dass sie nicht mehr hier ist, ich hatte sie so …“ Frau Sandtner brach ab und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. „Was rede ich denn da! Für Lena ist es natürlich ein Segen. Sie ist adoptiert worden, sagten Sie? Hat sie es denn gut bei ihrer neuen Familie?“

„Sehr gut sogar, Frau Sandtner! Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Lena lebt jetzt in einem wunderschönen großen Haus auf dem Land. Sie hat zwei Geschwister, die sie heiß und innig lieben. Vor ein paar Tagen hat sie mich angerufen und mir erzählt, dass sie einen eigenen Hund bekommen hat, der sogar bei ihr im Bett schlafen darf.“ Sybille Nolte lachte laut auf. „Und jetzt raten Sie mal, wie der Hund heißt!“

„Ach … keine Ahnung.“

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