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Dr. Stefan Frank - Folge 2265

Abenteuer Kanada

Warum die schöne Hannah ihr Glück in der Fremde suchte

Die junge Onkologin Hannah Clausen soll sich wegen eines Kunstfehlers vor Gericht verantworten. Dabei war es nicht sie, sondern ihr Chef, der durch seine falsche Behandlung den Tod des zwölfjährigen Benni mit zu verantworten hat! Zum Glück kann der Grünwalder Allgemeinmediziner Dr. Stefan Frank sie mit seiner Aussage vor Gericht rehabilitieren – zumindest vor den Augen des Gesetzes. Doch die Münchner Ärzte wollen der gebrandmarkten Jungmedizinerin, die sich noch in der Fachausbildung befindet, keine zweite Chance mehr geben.

Als Hannah die folgende Anzeige im Grünwalder Wochenblatt entdeckt, sieht sie deshalb ihre Chance gekommen: Lust auf ein unvergessliches Abenteuer mit wissenschaftlichem Hintergrund? Mediziner sucht noch eine Begleitung für eine mehrmonatige Expedition in den subarktischen Norden Kanadas, um die medizinischen Geheimnisse der Indianer zu erforschen. Erst später entdeckt sie den Zusatz: Bitte ausschließlich Männer! Doch das kann sie nun auch nicht mehr aufhalten. Sie wäre schließlich nicht die erste Frau in der Geschichte, die das Abenteuer ihres Lebens als Mann verkleidet erlebt. Erst als sie dem attraktiven Mediziner Paul Sanders gegenübersteht, der die Annonce aufgegeben hat, ahnt sie, dass ihr Plan Schwächen hat …

„Schlechte Neuigkeiten, Schatz?“

Alexandra Schubert – die attraktive Augenärztin, mit der Stefan Frank seit einiger Zeit eine sehr harmonische Beziehung führte – ließ den Sportteil der Morgenzeitung, in dem sie eben noch ziemlich lustlos geblättert hatte, sinken. Sie hatte heute beim morgendlichen Wettstreit um den interessanteren Teil der Zeitung leider den Kürzeren gezogen und musste sich nun mit Fußball, Formel Eins und Tennis begnügen, während sich Stefan Frank die Ressorts „Politik“ und „Lokale Nachrichten“ unter den Nagel gerissen hatte.

Da Alexandra sich für Sport nur dann interessierte, wenn sie ihn selbst ausübte, war sie über die Ablenkung durch die verächtlichen Laute, die Stefan eben ausgestoßen hatte, keineswegs böse.

„Worüber regst du dich denn auf?“, hakte sie noch einmal nach, als Stefan jetzt wieder den Kopf schüttelte und ein verächtliches „Pfft!“ von sich gab.

„Jetzt schiebt er Hannah den Schwarzen Peter zu, dieser Feigling!“, murmelte der in Grünwald und Umgebung beliebte und geschätzte Allgemeinmediziner, ohne dabei von seiner Lektüre aufzublicken.

„Welche Hannah? Ah, du meinst wohl Hannah Clausen, die schöne junge Ärztin, die ihr praktisches Jahr an der Waldner-Klinik gemacht hat?“

„Ja.“

„Aha. Dann kann ‚der Feigling‘ wohl nur Dr. Rolf Haberfellner sein, der Onkologe, der seine hypermoderne neue Praxis auf dem Marktplatz hat. Oder?“

„Mmhm …“

„Bei dem macht Hannah Clausen doch gerade ihre Fachausbildung zur Onkologin, nicht wahr?“

„Ja.“

„Und was hat der gemacht?“

„Schiebt ihr die ganze Schuld in die Schuhe.“

„Wofür?“

„Benni.“

„Benni Lechner, der zwölfjährige Junge, der an Leukämie gestorben ist?“

„Mmhm …“

„Oh! Armer Junge! Ich mochte ihn so gerne. War er nicht vorher dein Patient?“

„Ja.“

„Du hast den Krebs doch diagnostiziert, oder?“

„Ja.“

„Hast du den Eltern damals nicht eine Therapie in der Waldner-Klinik vorgeschlagen?“

„Ja.“

„Und?“

„Hmm …“

„Sag mal!“ Alexandra lachte laut auf. „Muss ich dir jetzt jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen? Um was geht es denn in diesem Artikel? Hallo!“ Sie rüttelte leicht an Stefans linker Hand, mit der er die Zeitung hielt. „Wenn du es mir sagst, dann verrate ich dir nachher auch, welche Socken unsere Fußball-Nationalmannschaft bevorzugt und was genau die Spieler tun, um keine Schweißfüße zu kriegen.“

„Oh, tut mir leid, Schatz.“ Stefan Frank ließ die Zeitung sinken. „Als Benni vor etwa einem Monat zu mir in die Praxis kam, war die Erkrankung schon ziemlich weit fortgeschritten. Akute Leukämie. Ich habe den Eltern damals zu einer Knochenmarkstransplantation geraten. Beide Elternteile haben sich testen lassen, und der Vater wäre ein geeigneter Spender gewesen. Aber sie wollten vorher noch eine zweite Meinung von einem Facharzt hören.“

„Von Dr. Haberfellner also“, stellte Alexandra fest.

„Genau.“ Stefan nickte. „Er tritt ja regelmäßig im Fernsehen auf und gibt sich als Wunderheiler.“

„Ja, ich weiß.“ Alexandra nickte. „Jeder Krebs ist heilbar, das behauptet er öffentlich. Klar, dass man sich in der Not an ein solches Versprechen klammert. Und? Wozu hat er geraten?“

„Er hat den Eltern gesagt, dass eine Knochenmarkstransplantation sehr riskant sei …“

„Was ja auch stimmt“, warf die Augenärztin ein, stand auf und füllte ihre und Stefans Kaffeetasse neu.

„Was auch stimmt“, bestätigte der Grünwalder Arzt. „Aber nach meiner Meinung wäre es Bennis einzige Chance auf eine Verbesserung seines Zustands und in der Folge sogar auf eine Heilung gewesen.“

„Und was hat Haberfellner stattdessen empfohlen?“

„Irgendein neues Wundermittel aus Amerika, das bei uns noch nicht mal freigegeben ist. Benni sollte zweimal in der Woche bei ihm in der Praxis eine Infusion mit diesem Mittel bekommen. Der Junge hat allerdings sehr negativ auf dieses Medikament reagiert. Doch Haberfellner hat Bennis Eltern beschwichtigt. Die Probleme würden sich im Laufe der Therapie legen, meinte er.“

„Was sie aber nicht taten?“

„Nein, im Gegenteil.“ Stefan nahm dankend die volle Tasse entgegen und trank einen Schluck Kaffee, ehe er weiter berichtete: „Vier Infusionen hat Benni bekommen, und nach jeder einzelnen hat sich sein Zustand dramatisch verschlechtert.“

„Das ist Wahnsinn! Er hätte das Medikament sofort absetzen müssen.“

„Richtig. Hat er aber nicht. Und obwohl Benni fixe Termine hatte, musste Haberfellner kurz vor dem fünften Termin zu einem furchtbar wichtigen Golfturnier reisen.“

„Er hat es Hannah Clausen überlassen, Benni die Infusion zu verabreichen?“

„Genau. Als Benni in die Praxis kam, war Hannah über seinen Zustand erschüttert. Sie versuchte, Haberfellner unter der Notfallnummer zu erreichen, die er ihr hinterlassen hatte, aber leider vergebens. Sie weigerte sich, dem Jungen eine weitere Infusion zu geben, und riet den Eltern, Benni sofort in die Waldner-Klinik zu bringen.“

„Die wollten das aber nicht?“

„Nicht, ohne vorher mit Haberfellner darüber gesprochen zu haben. Sie wollten das Wochenende abwarten, um sich am nächsten Montag mit Haberfellner zu beraten.“

„Aber Benni hat den Montag nicht mehr erlebt.“ Alexandra senkte den Kopf und dachte an den blassen schmalen Jungen, den sie früher öfter mal um Rat gefragt hatte, wenn das EDV-System in ihrer Praxis nicht das tat, was von ihm erwartet wurde.

Benni war ein Computerfreak gewesen – und ein kleines Genie. Seine mangelnde Körperkraft hatte er mit einer beinahe unglaublichen Intelligenz ausgeglichen.

„Was für ein Jammer!“, seufzte sie. „Er war so ein lieber Junge. Vielleicht wäre er wieder gesund geworden, wenn seine Eltern auf dich gehört hätten.“

„Vielleicht.“ Auch Stefan seufzte. „Aber so etwas kann man vorher eben nicht mit Gewissheit sagen. Eine solche Entscheidung treffen zu müssen, das muss die Hölle für seine Eltern gewesen sein.“

„Und jetzt erst!“ Alexandra schüttelte den Kopf. „Mit der Ungewissheit weiterzuleben, möglicherweise die falsche Entscheidung getroffen und somit das Todesurteil über das eigene Kind gefällt zu haben, wie schlimm muss das erst sein! Wie verkraften die beiden das denn?“

„Na ja …“ Stefan zuckte mit den Schultern. „Frau Lechner betäubt ihren Schmerz mit Beruhigungsmitteln, und Herr Lechner versucht, etwas von dem immensen Druck abzulassen, indem er einen Schuldigen sucht. Er hat Anzeige gegen Haberfellner wegen fahrlässiger Tötung durch eine falsche Behandlung erstattet.“

„Ach, und Haberfellner belastet jetzt ganz einfach Hannah Clausen?“

„Genau.“ Stefan schob den Lokalteil der Zeitung zu Alexandra hinüber. „Da! Er hat ausgesagt, dass Hannahs Weigerung, dem Jungen eine weitere Infusion zu verabreichen, Benni das Leben gekostet hätte.“

„Aber damit wird er doch bestimmt nicht durchkommen, oder?“, wollte Alexandra wissen.

„Das würde ich so nicht sagen“, widersprach ihr Stefan. „Haberfellner ist für solche Fälle sehr gut versichert. Seine Versicherung vertritt ihn durch einen Anwalt, der sich bestens auskennt, weil er natürlich ausschließlich auf Kunstfehlerprozesse spezialisiert ist.“

„Ach ja, klar, die Versicherung wird natürlich alles daran setzen, nicht zahlen zu müssen. Und Hannah?“

„Hannah ist noch in der Ausbildung, und daher natürlich nicht versichert. Das könnte sie sich auch gar nicht leisten, denn der jährliche Versicherungsbeitrag wäre höher als ihr gesamtes Jahreseinkommen.“

„Dann hat sie vermutlich nur einen kostenlosen Pflichtverteidiger? Und Haberfellner verlässt sich darauf, dass der nichts zustande bringt? Oh, wie gemein!“ Alexandra schnitt eine angeekelte Grimasse. „Also, dieser feine Herr ist für mich erledigt! Ich mochte ihn schon vorher nicht besonders, aber jetzt …“

„Jesses, Maria und Josef!“ In diesem Augenblick wurde draußen in der Eingangshalle die Tür krachend zugeschlagen.

„Was hat sie denn?“, flüsterte Alexandra schmunzelnd und zog fragend die Augenbrauen hoch, als sie Frau Quandt, Stefan Franks langjährige Haushälterin, bis in die Küche schwer atmen und dramatische Seufzer ausstoßen hörte.

„Keine Ahnung.“ Stefan zuckte die Achseln und verdrehte schmunzelnd die Augen. „Frau Quandt? Ist was passiert?“

Einen vollen Einkaufskorb in der einen, ein paar Briefe in der anderen Hand und im Gesicht einen Ausdruck, als stünde der Weltuntergang kurz bevor, kam die zierliche alte Dame mit den kurzen grauen Locken atemlos durch die Tür.

„Was haben Sie angestellt, Herr Frank?“ Sie stellte den Korb neben dem Kühlschrank ab, hob einen der Briefe mit spitzen Fingern hoch und wedelte damit, als stünde er in Flammen.

„Guten Morgen, Frau Quandt!“ Stefan blinzelte Alexandra schmunzelnd zu. „Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Warum fragen Sie denn?“

„Da!“ Mit anklagenden Blicken deutete sie auf den Brief, warf ihn auf den Tisch und wischte sich dann die Hand an ihrer Kittelschürze ab, als hätte sie etwas möglicherweise Infektiöses angefasst. „Der ist vom Gericht! Sieht wie eine Vorladung aus! Das hat nichts Gutes zu bedeuten! Haben Sie was gemacht?“

Stefan lachte laut auf und nahm den Brief in die Hand. „So schlimm wird es schon nicht sein, Frau Quandt. Ich habe niemanden umgebracht, keine Bank überfallen und auch nirgendwo falsch geparkt.“

„Ha! Das sagen Sie so!“ Die Haushälterin begann, die Einkäufe im Kühlschrank zu verstauen. „Gericht, Jugendamt und Finanzamt! Wenn die einen einmal auf dem Kieker haben, dann ist man sowieso schon erledigt!“

Misstrauisch schaute Frau Quandt zu, wie Stefan den Brief mit dem Buttermesser aufschlitzte.

„Wenn Sie so ein Dingens brauchen … so ein Alibi, dann sagen Sie mir das. Ich mache das für Sie.“

„Sie würden vor Gericht für mich lügen?“, fragte Stefan schmunzelnd.

„Natürlich! Wenn es sein muss, dann kenne ich da gar nichts! Vor Gericht wird sowieso immer gelogen!“ Mit grimmiger Miene stemmte die Haushälterin beide Hände in die Hüften. „Ich kenne Sie schließlich seit einer halben Ewigkeit und weiß, dass Sie keiner Maus etwas zuleide tun könnten.“

„Danke! Ihr Vertrauen ehrt mich sehr, liebe Frau Quandt.“ Lachend faltete Stefan das amtliche Schriftstück auseinander und überflog die wenigen Zeilen.

„Und? Was hast du angeblich ausgefressen?“ Alexandra beugte sich interessiert über den Tisch. „Müssen Frau Quandt und ich schon mal einen Kuchen mit Feile drin backen?“

„Nicht nötig.“ Der Grünwalder Arzt schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ich werde als Zeuge vorgeladen. Im Haberfellner-Prozess.“

„Ach, der arme Benni!“ Frau Quandt seufzte abgrundtief, während sie das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine räumte. „Im Laden haben sie vorhin darüber geredet. Drei Millionen verlangt Herr Lechner. Als ob das den Jungen wieder lebendig machen würde.“

„Welche Seite ruft dich denn als Zeugen auf?“, wollte Alexandra wissen.

„Der Anwalt von Haberfellner.“ Stefan steckte das Schreiben wieder in den Umschlag zurück und warf diesen zu der restlichen Post, die Frau Quandt auf eine Anrichte gelegt hatte. „Er geht wohl davon aus, dass etablierte Ärzte zusammenhalten und ich gegen Hannah aussage. Nach dem Motto: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“

„Ha, ha, ha!“ Frau Quandt stieß ein trockenes Lachen aus. „Da kennt der Sie aber schlecht. Oder?“

„Nun …“ Stefan trank den letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse. „Ich bleibe immer gerne bei der Wahrheit. Und zwar unabhängig davon, wem sie nützen oder schaden könnte. Und in diesem Fall ist die Wahrheit eindeutig auf der Seite von Frau Clausen.“

„Ist sie nicht mit Carsten Gerlach verlobt?“, fragte Alexandra interessiert. „Dem Sohn vom alten Prof. Gerlach, der früher die Unfallklinik geleitet hat und selbst auch Arzt ist?“

„Ja, das stimmt. Die beiden wollen demnächst heiraten, hat sie mir neulich erzählt.“

„Na also!“ Die Augenärztin nickte zuversichtlich. „Dann hat sie ja den nötigen Rückhalt. Prof. Gerlach, ihr zukünftiger Schwiegervater, geht ja fast jedes Wochenende mit dem Präsidenten der Ärztekammer zum Golfen. So gesehen wird Haberfellner ihr keinen großen Schaden zufügen können.“

„Das wollen wir Hannah zumindest wünschen.“ Stefan Frank nickte, aber insgeheim hatte er diesbezüglich so seine Zweifel. Berechtigte Zweifel, wie er meinte, denn er wusste, dass Dr. Haberfellner Mitglied im selben exklusiven Golfclub war wie Prof. Gerlach und der Präsident der Ärztekammer.

***

Dass die Zweifel des Grünwalder Arztes mehr als nur berechtigt waren, davon ahnte Hannah Clausen noch nichts, als sie eben jetzt – nur fünf Gehminuten von Stefans Villa in der Gartenstraße entfernt, in der Waldmeistergasse 7 – den Frühstückstisch deckte.

„Guten Morgen, Schatz!“, rief sie gut gelaunt, als sie hörte, wie im oberen Stock die Schlafzimmertür zufiel.

Carsten Gerlach – ein fünfunddreißigjähriger Mediziner, der in der Münchner Unfallklinik arbeitete – war gestern erst sehr spät nach Hause gekommen, als Hannah längst geschlafen hatte. Langsam stapfte er nun die Treppe vom oberen Stock des Hauses, das die beiden gemeinsam gekauft hatten, herunter und verschwand – ohne den freundlichen Morgengruß zu erwidern – im Bad.

Hannah schüttelte schmunzelnd den Kopf. Sie hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ihr Verlobter ein Morgenmuffel und überhaupt ein ziemlich komplizierter Mensch war. Es gab so vieles, was ihm die Laune verdarb! Man musste vorsichtig sein, was man sagte. Am besten legte man jedes Wort auf die Goldwaage, wenn man vermeiden wollte, dass Carsten wieder tagelang schmollte.

Ganz anders war dagegen Hannah Clausen.

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