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Dr. Stefan Frank - Folge 2264

Ärztin ohne Gewissen

Dr. Frank und eine skrupellose Kollegin

„Herr Dr. Frank, ich war ausnahmsweise bei ihrer neuen Kollegin, Frau Dr. Lindenau. Es war die schlechteste Idee, die ich seit Langem hatte. Diese Frau hat mich behandelt wie … wie den letzten Dreck. Sie … sie hat gesagt, dass ich zwar theoretisch ein neues Kniegelenk bräuchte, dass ich aber tatsächlich keins mehr bekommen würde – weil ich zu alt sei! So teure Operationen an alten Leuten seien reine Geldverschwendung.“

Voller Entsetzen mustert Dr. Frank seine Patientin Leni Windermann. Ob das stimmt, was die alte Dame ihm da gerade erzählt hat? Andererseits: Er hat noch von niemandem etwas Gutes über die neue Grünwalder Allgemeinmedizinerin Dr. Anna Lindenau gehört. Es sieht ganz danach aus, als hätte sie es allein auf das Geld der reichen Privatpatienten abgesehen. Aber dass sie nicht einmal davor zurückschreckt, einen Patienten durch unterlassene Hilfeleistung zu töten, daran hätte er nie geglaubt. Und doch passiert genau das nur wenige Tage später …

„Frau Windermann!“ Dr. Frank konnte nicht verhindern, dass seine Stimme leicht schockiert klang, als er die Patientin sah, die nun sein Sprechzimmer betrat.

Die alte Frau konnte kaum laufen. Mühsam schob sie sich vorwärts, auf ihren Rollator gestützt, den sie so fest umklammerte, dass die Knöchel weiß hervortraten. Nach jedem zweiten Schritt blieb sie schwer atmend stehen, als hätte sie einen ganzen Marathon zurückgelegt und nicht nur die paar Meter vom Wartezimmer bis hierher.

Schwester Martha, eine der beiden Sprechstundenhilfen des Grünwalder Arztes, ging an ihrer Seite, bereit, jeden Moment helfend einzugreifen. Sie warf ihrem Chef einen besorgten Blick zu.

Dr. Frank war bereits aufgestanden und rückte den Stuhl vor seinem Schreibtisch zurecht. Während Schwester Martha den Rollator nahm und zur Seite stellte, packte Dr. Frank die alte Dame und half ihr vorsichtig, sich hinzusetzen.

„Soll ick Ihnen ein Glas Wasser bringen, Frau Windermann?“, fragte Schwester Martha.

Leni Windermann versuchte ein Lächeln, aber es glückte ihr nicht.

„Gern“, sagte sie. „Das täte mir jetzt bestimmt gut.“

Dr. Frank zog sich den zweiten Stuhl heran, setzte sich neben die alte Dame und nahm ihre Hand. Er spürte, wie ihre Finger zitterten.

„Was ist passiert?“, wollte er wissen. „Als ich Sie das letzte Mal gesehen habe, konnten Sie noch gut laufen. Das war vor …“

„… zwei Jahren, Chef“, sprang Schwester Martha ein, die wieder ins Sprechzimmer zurückgekehrt war. „Hab’s gerade noch mal nachgeguckt.“

Sie stellte das Glas Wasser vor Leni Windermann ab, dann verließ sie den Raum.

„Verraten Sie mir, was mit Ihren Beinen ist?“

Leni trank einen Schluck.

„Das Problem sind nicht die Beine, Dr. Frank, sondern mein rechtes Knie“, korrigierte sie ihn dann. „Es will einfach nicht mehr.“

„Hm, aber so was kommt nicht von heute auf morgen“, erwiderte er. „Das muss Sie doch schon länger plagen.“

„Tut es ja auch.“ Leni Windermann nickte. „Aber ich hatte einfach keine Zeit, um krank zu werden. Sie wissen doch, mein Johann … ich habe ihn bis vor drei Monaten gepflegt, bis er mir schon mal vorangegangen ist.“

Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Ich wollte ihn doch nicht weggeben, nur weil ich nicht mehr gut laufen konnte“, fügte sie dann erklärend hinzu.

„Ach, Frau Windermann.“ Dr. Frank tätschelte ihre Hand. „Sie hätten ihn ja nicht gleich weggeben müssen, nur weil Sie mal zu mir zur Untersuchung kommen! Ich hätte Ihnen doch helfen können. Und dann wäre es jetzt vielleicht gar nicht so schlimm.“

„Ja, vermutlich haben Sie recht. Es war dumm.“ Die alte Dame blickte zu Boden. „Ich scheine in letzter Zeit überhaupt viel Dummes zu machen.“

„Was denn?“

„Ich bin Ihnen untreu geworden.“

Der Grünwalder Arzt schaute sie so verblüfft an, dass sie nun doch lächeln konnte.

„Na ja, ich bin so viele Jahren Ihre Patientin und war immer zufrieden mit Ihnen, weil man mit Ihnen auch so prima reden kann. Sie haben immer ein offenes Ohr, und man kann Ihnen jederzeit sein Herz ausschütten – und das gehört bei einem guten Arzt doch dazu, oder?“

„Ja, das tut es.“ Dr. Frank lächelte. „Das ist manchmal sogar wichtiger – und wirkungsvoller – als ein Medikament.“

Die alte Dame nickte. „Deshalb bin ich ja immer zu Ihnen gekommen statt zu Dr. Radertshauer, obwohl der seine Praxis gleich bei mir um die Ecke hatte.“ Sie stöhnte leise auf und strich mit der Hand über ihr Knie. „Ich fand ihn immer ein bisschen zu barsch, auch wenn er bestimmt ein guter Arzt war.“

Sie schwieg einen Moment, trank noch einen Schluck.

„Aber jetzt hat er seine Praxis weitergegeben, an diese Neue, Frau Dr. Lindenau. Und weil ich mich nun wirklich nicht mehr bewegen kann, habe ich gedacht, dann gehe ich eben zu ihr. Sind ja nur die paar Meter.“

Wieder wischte sie sich eine Träne weg, doch nun wirkte sie nicht mehr traurig, sondern wütend.

Dr. Frank wusste, dass sein Kollege lange nach einem Nachfolger gesucht hatte, und natürlich wusste er auch, dass die Praxis jetzt wieder besetzt war. Doch er kannte diese Frau Dr. Lindenau nicht.

Grünwald war ein ziemlich überschaubarer Ort, und die Ärzte, die hier praktizierten, kannten sich untereinander. Kam jemand Neues hierher, dann stellte er sich normalerweise bei den Kollegen vor, doch Frau Dr. Lindenau hatte nichts dergleichen getan.

Das fand er, zugegebenermaßen, ein wenig befremdlich. Bestimmt hatte Dr. Radertshauer sie darauf hingewiesen. Aber, nun ja, das musste sie selbst wissen …

„Es war die schlechteste Idee, die ich seit Langem hatte“, fuhr Leni Windermann fort. „Diese Frau hat mich behandelt wie … wie den letzten Dreck. Sie … sie hat gesagt, dass ich zwar theoretisch ein neues Kniegelenk bräuchte, dass ich aber tatsächlich keins mehr bekommen würde – weil ich zu alt sei! So teure Operationen an alten Leuten seien reine Geldverschwendung.“

Leni begann zu weinen, wischte sich unbeholfen die Tränen weg.

„Was soll ich denn machen, wenn ich gar nicht mehr laufen kann, Herr Dr. Frank?“, fragte sie verzweifelt. „Ich will nicht in ein Heim!“

„Das hat sie wirklich gesagt?“ Die Stimme des Grünwalder Arztes klang ungläubig.

„Ja. Ich lüge Sie doch nicht an, Herr Doktor!“, versicherte die alte Dame, und die Tränen flossen noch heftiger.

„Können Sie mir schildern, wie Ihr Besuch bei der Kollegin abgelaufen ist?“, bat Dr. Frank.

Vielleicht hatte Leni Windermann ja irgendetwas falsch verstanden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass man so etwas zu einem Patienten sagte.

„Erst mal habe ich über zwei Stunden gewartet, und dabei fiel mir auf, dass Patienten, die privat versichert sind, viel schneller drangenommen wurden als ich. Keine Viertelstunde saßen die im Wartezimmer.“

Sie blickte den Grünwalder Arzt an.

„Sie glauben es vielleicht nicht, Herr Dr. Frank, aber da war alles ganz neu. Hypermodern eingerichtet. Sah überhaupt nicht mehr aus wie ein Wartezimmer. Wahnsinnig teure Designermöbel, hat eine Patientin gesagt, die so aussah, als ob sie es wissen müsste. Überhaupt saßen da außer mir eigentlich keine ‚normalen‘ Leute rum, die gehörten alle zu den Schicken und Reichen hier aus Grünwald. Ich bin mir ganz erbärmlich vorgekommen. Ein paar von denen haben mich auch angesehen, als würde ich irgendwo unter den Isarbrücken hausen.“

Sie seufzte.

„Irgendwann bin ich aufgestanden und habe die Frau Haferl – Sie wissen schon, die altgediente Sprechstundenhilfe vom Dr. Radertshauer – gefragt, wann ich denn endlich drankäme, schließlich hätte ich ziemlich starke Schmerzen. Glücklich hat sie nicht gewirkt, als sie behauptet hat, es seien leider ein paar ‚Notfälle‘ dazwischengekommen – was definitiv gelogen war.“

Leni griff erneut nach dem Glas und trank einen Schluck. Nachdem sie es abgestellt hatte, redete sie weiter.

„Und dann war ich an der Reihe. Diese Frau Doktor … nein, Dr. Frank, die ist nicht mein Fall. Wenn man sie sieht, denkt man zuerst: Ach, die ist aber nett! Sie hat ein so frisches, hübsches Gesicht. Aber dann …“ Die alte Dame schüttelte heftig den Kopf. „Sie ist nicht nett. Sie ist abweisend. Und eiskalt.“

„Hat die Kollegin Sie denn nicht gründlich untersucht?“

„Doch, das schon. Aber man hat gemerkt, dass es ihr völlig egal ist, ob sie mir dabei wehtut oder nicht. Und sie hat mir wehgetan, sehr sogar. Erst als ich ihr damit gedroht habe, die ganze Praxis zusammenzuschreien, hat sie sich etwas zusammengerissen. Aber das Schlimmste kam ja noch …“

Für einen Moment schlug Leni Windermann die Hände vors Gesicht.

„Eiskalt hat sie mich angesehen, als sie mir ins Gesicht gesagt hat, dass so eine teure Knieprothese an jemanden wie mich verschwendet sei. Und dann die Kosten für den Krankenhausaufenthalt und die Reha! Das ginge schließlich in die zig Tausende. Es sei doch klar, dass die Krankenkasse das gar nicht erst bezahlen würde. Ich könne ja schon morgen tot umfallen. Ich schwöre Ihnen, da war kein Funken Gefühl in ihren Augen.“

Die Patientin nahm die Hände vom Gesicht und sah Dr. Frank aus großen Augen an.

„Ist das denn so, Herr Dr. Frank? Würde die Krankenkasse eine solche Operation wirklich nicht bezahlen?“

Dr. Frank schüttelte den Kopf.

„Unsinn“, erwiderte er. „Natürlich übernimmt die Krankenkasse die Kosten, da brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen.“

Wenn das stimmte, was Leni gerade erzählt hatte – und er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb sie ihm etwas vorschwindeln sollte –, dann warf das kein gutes Licht auf die neue Kollegin. So sollte sich kein Arzt verhalten!

„So, jetzt werde ich Sie untersuchen“, fuhr er fort. „Zuvor möchte ich Ihnen jedoch noch ein paar Fragen stellen. Zunächst einmal: Wie lange haben Sie bereits Beschwerden?“

„Ziemlich lange schon.“ Leni winkte ab. „Das fing an, kurz bevor mein Mann so krank wurde. Aber da habe ich noch gedacht: Na ja, das ist halt so, wenn man alt wird. Da zwickt und zwackt einen immer was. Ich bin ja nie gleich zu Ihnen gerannt, wenn es mir mal nicht gut ging.“

„Das hätten Sie aber tun sollen.“ Dr. Frank seufzte. „In einem frühen Stadium kann man eine Menge tun, um eine Arthrose zu lindern.“

Er lächelte sie an.

„Aber das hilft uns jetzt auch nicht mehr, nicht wahr? Wie oft haben Sie Schmerzen? Und wann? Anlaufschmerzen nach der Nachtruhe oder nach längerem Sitzen? Bei Bewegung? Auch in Ruhe?“

„Immer.“

„Was nehmen Sie gegen die Schmerzen?“

Leni nannte ihm das Medikament.

„Sie gestatten?“ Er schob ihr den Rock übers Knie und betrachtete das Gelenk.

Das Knie war so stark angeschwollen, dass man die natürliche Form kaum noch erkennen konnte.

Vorsichtig tastete er es ab und spürte deutlich, dass Flüssigkeit eingelagert war.

„Ich werde jetzt Schwester Martha noch einmal hereinrufen, damit sie Ihnen hilft und Sie stützt. Sie müssen den Rock ausziehen und sich hinstellen und auch ein paar Schritte gehen, denn ich muss Ihr Gangbild sowie eventuelle Fehlstellungen der Beinachse und noch ein paar ‚Kleinigkeiten‘ beurteilen.“

Schwester Martha kam herein und half der Patientin, der es sichtlich starke Schmerzen bereitete, zu stehen und sich zu bewegen.

„Tja, Frau Windermann, das sieht nicht gut aus“, meinte Dr. Frank, nachdem er auch die allgemeine körperliche Untersuchung durchgeführt hatte.

Er setzte sich wieder neben sie und nahm erneut ihre Hand.

„Ich schicke Sie in die Waldner-Klinik, damit Sie dort in der Orthopädie noch einmal gründlich untersucht werden. Sie haben eine Kniegelenksarthrose in sehr fortgeschrittenem Stadium. Ein natürlicher Bewegungsablauf ist bei Ihnen offensichtlich nicht mehr möglich. Die Kollegen dort werden Sie weiteren Untersuchungen unterziehen; Laboruntersuchungen gehören dazu, und Sie müssen unbedingt geröntgt werden. – Wer hat Sie heute hierher gebracht?“

„Elena, meine Enkelin.“

„Die sollte Sie dann auch in die Waldner-Klinik bringen; Schwester Martha wird Sie anmelden. Sie dürfen nicht länger warten, Frau Windermann. Und glauben Sie mir“, fügte er hinzu, als er ihren bangen Gesichtsausdruck sah, „man wird dort alles unternehmen, um Ihnen die Schmerzen zu nehmen.“

***

Immer wieder musste Dr. Frank an das denken, was ihm Leni Windermann über die neue Ärztin erzählt hatte. In den nächsten Wochen kamen mehr und mehr Patienten zu ihm, die früher von Dr. Radertshauer betreut worden waren und sich nicht mehr von seiner Nachfolgerin behandeln lassen wollten. Und alle beklagten sich über Frau Dr. Lindenau.

„Die ekelt uns mit Absicht dort raus“, behauptete eine Frau. „Wir Normalos aus Grünwald sind da nicht mehr willkommen.“

„Die Neue will uns nur abzocken“, erklärte ein Mann Ende dreißig. „Die hat mir etliche Untersuchungen angeboten, die ich selbst bezahlen muss. Natürlich habe ich das abgelehnt, und da wurde sie zum Eiszapfen. Als ich dann ein paar Tage später anrief, bekam ich keinen Termin mehr. Es sei nichts frei, hat die Sprechstundenhilfe behauptet. Ich möge doch auf einen anderen Arzt ausweichen.“

Der Mann hatte sich ziemlich aufgeregt.

„Dr. Radertshauer kannte mich seit meinem dreizehnten Lebensjahr. Und jetzt … nichts gegen Sie, Herr Dr. Frank, aber für Sie bin ich halt ein ‚Neuer‘. Sie kennen meine Krankengeschichte nicht so genau wie Ihr Kollege – können Sie ja auch gar nicht. Ich glaube nicht, dass er sich das so vorgestellt hat, als er seine Praxis an Frau Dr. Lindenau übergeben hat. Er hat immer viel Wert darauf gelegt, ein Vertrauensverhältnis zu seinen Patienten aufzubauen. Und eins kann man ganz bestimmt nicht: dieser Frau vertrauen.“

Es war immer das Gleiche, was der Grünwalder Arzt zu hören bekam: Patienten, die jahrelang von Dr. Radertshauer behandelt worden, aber weder reich noch berühmt waren, bekamen nach dem ersten oder zweiten Besuch in der Praxis unter fadenscheinigen Ausreden keine Termine mehr. Dass es in der Praxis fast nur noch „Schickimicki-Patienten“ gäbe. Dass Frau Dr. Lindenau „so viel Wärme wie die Arktis“ ausstrahle. Dass sie unfreundlich und abweisend sei und, vor allem bei älteren Patienten, geradezu grob.

„Ich glaube, die kann einem mit Röntgenblicken ins Portemonnaie sehen“,

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