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Dr. Stefan Frank - Folge 2263

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wichtig sind nur du und ich
  4. Vorschau

Wichtig sind nur du und ich

Warum die kleine Mia ohne Papa aufwachsen sollte

Nur einmal in ihrem Leben war Katja verliebt, dafür aber umso heftiger. Damals, in ihrem Italienurlaub, als sie den attraktiven Kunsthistoriker Jakob kennengelernt hat. Doch das ist vier Jahre her, und ihre Liebe hatte von vornherein keine Chance. Jakob hat ihr von Anfang an gesagt, dass er seine Freiheit liebt und sich nicht an eine Frau binden will. Und so haben sie sich getrennt, ohne einander auch nur eine Telefonnummer zu hinterlassen – ein Fehler, denn unmittelbar nach ihrem Urlaub musste Katja feststellen, dass sie schwanger ist.

Inzwischen lebt sie mit ihrer bezaubernden dreijährigen Tochter Mia in München. Bisher waren die beiden sich selbst genug, doch in letzter Zeit fragt Mia immer wieder danach, wer ihr Papa ist. Der Wunsch nach einer männlichen Bezugsperson wird immer größer. Wie soll Katja der Kleinen nur erklären, dass sie nie einen Papa haben wird, weil ihre Mama ihr Herz vor vielen Jahren verschenkt und es nicht zurückbekommen hat?

„Wieso München?“, fragte Wolfgang Winter seinen Bruder Jakob verblüfft. „Da kennst du doch niemanden.“

Jakob wuchtete sich mühsam aus dem Rollstuhl hoch und machte zwei wackelige Schritte bis zum Tisch, auf den er sich schwer stützte.

„Deshalb“, sagte er. „Zwei Schritte, mehr schaffe ich nicht, seit Monaten. Zwei jämmerliche Schritte! Ich komme hier nicht weiter, Wolf. Der Unfall liegt zwei Jahre zurück, und ich kann immer noch kaum laufen.“

„Denkst du, in München findest du bessere Ärzte als hier? Das ist doch eine Illusion! Hier bist du in guten Händen. Die Ärzte haben doch gleich gesagt, dass du Geduld haben musst!“

Jakob drehte sich langsam um, atmete tief durch und ging dann die zwei Schritte zurück. Als er wieder im Rollstuhl saß, schloss er erleichtert die Augen.

„Meine Geduld ist erschöpft“, sagte er, als er sich von der Anstrengung erholt hatte. „Du weißt, warum. Mir läuft die Zeit davon, also habe ich mir einen Ortswechsel verordnet.“

„Ja, aber …“

„Ich glaube nicht, dass ich in München bessere Ärzte finde als hier in Hamburg, aber es werden andere Ärzte sein. Sie werden einen neuen, unbefangenen Blick auf mich haben und vielleicht auf Ideen kommen, die ihre Kollegen hier nicht hatten. Ich muss etwas Neues ausprobieren, neue Menschen kennenlernen, neue Behandlungsmethoden, eine neue Umgebung. Wenn ich noch länger so weitermache wie in den letzten beiden Jahren, werde ich verrückt. Und das meine ich wörtlich.“

„Ich weiß, dass ich eigentlich gar nichts mehr zu sagen brauche, weil du sowieso schon fest entschlossen bist, deinen Plan in die Tat umzusetzen, aber ich tue es trotzdem: Bleib hier. Wenn du in München bist, werden wir uns nur noch selten sehen können …“

„Ich will ja nicht für immer dort bleiben. Aber ich muss etwas unternehmen, damit wieder Schwung in mein Leben kommt.“

„Ihretwegen“, sagte Wolfgang.

„Auch meinetwegen.“

Wolfgang schwieg, während er seinen älteren Bruder nachdenklich betrachtete. Er hatte ihn immer beneidet: Jakob sah besser aus, war klüger, hatte mehr Erfolg im Beruf und bei den Frauen gehabt. Was auch immer er sich gewünscht hatte, war ihm anscheinend zugeflogen.

Er hatte während des Studiums oft Modell für andere Kunststudenten gesessen. Nach dem Modellsitzen war er nie allein nach Hause gegangen, immer hatte ihn eine der Studentinnen begleitet. Sie waren verrückt nach ihm gewesen, und er hatte es genossen und gerne genommen, was sich ihm bot. Ein Leben in Freiheit, ohne lästige Verpflichtungen.

Das war seit dem Unfall grundlegend anders. Natürlich sah Jakob nach wie vor gut aus mit seinen dunklen Haaren, den graugrünen Augen und dem klassischen Profil. Aber jetzt saß er im Rollstuhl, und die Frauen hatten allenfalls noch Mitleid mit ihm. Er war noch immer Galerist und Kunsthändler, aber strahlender Mittelpunkt von Ausstellungseröffnungen waren jetzt andere, jüngere Kolleginnen und Kollegen, die nicht gegen eine drohende lebenslange Behinderung ankämpfen mussten.

Wolfgang hatte schon vor dem Unfall aufgehört, Jakob zu beneiden, als ihm nämlich klar geworden war, dass sein Bruder keineswegs glücklicher war als er selbst. Im Gegenteil: Jakob schien dem Glück immer hinterherzujagen, es aber nie zu erreichen, obwohl es das Schicksal so offensichtlich gut mit ihm gemeint hatte.

„Was ist?“, fragte Jakob, als er Wolfgangs nachdenklichen Blick sah. „Warum siehst du mich so merkwürdig an?“

„Mir ist nur wieder einmal eingefallen, wie sehr ich dich früher immer beneidet habe wegen deiner vielen Erfolge. Ich bin mir oft so mickrig vorgekommen im Vergleich zu dir.“

Sie hatten schon öfter darüber gesprochen, und jedes Mal war Jakobs Antwort gleich ausgefallen:

„Danke gleichfalls, Wolf. Mir war damals schon klar, dass du von uns beiden der vom Glück Begünstigte bist. Ich bin immer nur irgendwelchen Fantasien nachgejagt.“

Genau das sagte er auch jetzt.

„Wenn ich das damals schon hätte sehen können, wäre mir viel Leid erspart geblieben“, erwiderte Wolfgang lächelnd. „Ich war pummelig, rothaarig und ein bisschen ungelenk. Die Mädchen wollten nichts mit mir zu tun haben, du hingegen musstest nur lächeln, schon lagen sie dir zu Füßen.“

„Und heute bist du glücklich verheiratet, hast einen niedlichen kleinen Sohn, und ich …“ Jakob verstummte.

„Wann willst du nach München?“, fragte Wolfgang, als er den schmerzlichen Ausdruck auf dem Gesicht seines Bruders sah. „Und für wie lange?“

Jakob lächelte ihm zu, dankbar für den Themenwechsel.

„Meine Galerie ist in guten Händen, ich dachte, dass ich zunächst mal für ein halbes Jahr verschwinde“, antwortete er. „Ich miete mir irgendwo in einem angenehmen Viertel von München eine hübsche Wohnung, suche mir einen Arzt, mit dem ich vernünftig reden kann, und sehe mal, was ihm zu mir einfällt.“

„Zuerst fand ich die Idee völlig abwegig, aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger verrückt finde ich sie“, gestand Wolfgang. „Und von München aus willst du die Suche fortsetzen?“

„Ja, natürlich. Vielleicht schalte ich auch wieder einen Detektiv ein und finde dieses Mal einen, der mir nicht nur das Geld aus der Tasche ziehen will, sondern auch bereit ist, dafür zu arbeiten.“

Jakob schwieg einen Moment.

„Dabei war ich noch nicht einmal böse über die erfolglosen Bemühungen dieses sogenannten Ermittlers, weil ich sie eigentlich gar nicht finden wollte, solange ich noch im Rollstuhl sitze“, fuhr er dann nachdenklich fort. „Aber allmählich ändert sich das. Ich werde ungeduldig.“

„Das ist nur allzu verständlich“, fand Wolfgang. Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Ich sollte allmählich gehen. Brauchst du in den nächsten Tagen etwas, was ich dir besorgen soll?“

„Danke, du tust genug für mich. Ich sag dir Bescheid, wenn ich Hamburg verlasse.“

„Ich hoffe, du findest München so schrecklich, dass du schon nach kurzer Zeit hierher zurückkehrst.“

„Verlass dich lieber nicht darauf. München soll eine sehr schöne Stadt sein.“

Als sein Bruder gegangen war, stemmte sich Jakob erneut in die Höhe und machte die zwei wackeligen Schritte bis zum Tisch und wieder zurück. Morgen kam die Physiotherapeutin, die mit ihm das Laufen übte. Sie fand, dass er gute Fortschritte machte, er selbst war anderer Ansicht.

Später verließ er die Wohnung, fuhr mit dem Aufzug nach unten und rollte zum Einkaufen. Die Blicke, die ihn streiften, bemerkte er kaum noch, aber sie waren es am Anfang gewesen, die ihn am meisten gekränkt hatten: Niemand sah in ihm mehr einen attraktiven Mann von Mitte dreißig, alle sahen nur noch den Behinderten im Rollstuhl. Manchmal lächelte ihm eine Frau zu, dann war es beinahe wie früher, aber er brachte es kaum noch fertig, das Lächeln zu erwidern.

Er war nicht mehr Jakob Winter, der Frauenliebling und vermögende Galerist, der charmante Gastgeber und Weltreisende, der Kunstkenner und Malerfreund. Er war jetzt der arme Jakob Winter, der diesen schrecklichen Unfall gehabt hatte, der ihn völlig aus der Bahn geworfen hatte.

Er würde sich niemals daran gewöhnen können, „der arme Jakob Winter“ zu sein.

Zurück in seiner Wohnung räumte er die Einkäufe weg, dann stemmte er sich ein weiteres Mal aus dem Rollstuhl und ging zum Tisch und wieder zurück. Seine Knie zitterten, er atmete heftig. Er hatte noch einen langen Weg vor sich, das wusste er.

***

Einige Wochen später bekam Dr. Alexandra Schubert in München-Grünwald einen neuen Nachbarn, der im Rollstuhl saß. Sie lernte ihn noch am Tag des Einzugs kennen, und sie hatte sofort das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben.

„Jakob Winter“, stellte er sich vor, als die Umzugsleute sich verabschiedet hatten und sie ihm im Treppenhaus begegnete. „Sie müssen Frau Dr. Schubert sein, wir wohnen dann also jetzt Tür an Tür.“

„Freut mich, Herr Winter“, erwiderte sie. „Sagen Sie: Sie stammen nicht zufällig aus Hamburg?“

Ein verblüffter Blick traf sie. Er war ein ausnehmend gut aussehender Mann, trotz der scharfen Linien, die sich bereits in sein Gesicht gegraben hatten.

Alexandra nahm an, dass das vielleicht Folgen des Unfalls waren, die ihn in den Rollstuhl gezwungen hatten. Oder war er von Geburt an behindert gewesen? Das wusste sie natürlich nicht.

„Doch!“, sagte er. „Ich habe eine Galerie in Hamburg, in der Nähe der Elbchaussee.“

„Galerie Winter!“, rief sie. „Natürlich, daher kenne ich Sie. Ich war oft da, aber Sie habe ich nur gelegentlich dort gesehen, wenn ich mich recht erinnere.“

„Ich habe gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, erklärte er. „Und dann hatte ich vor zwei Jahren diesen Unfall …“ Er legte den Kopf schief. „Frau Dr. Schubert“, sagte er nachdenklich. „Was hat Sie denn nach München verschlagen?“

Für einen kurzen Moment verschwand das Lächeln von Alexandras Gesicht.

„Meine Schwester ist gestorben. Ich musste weg aus Hamburg, es gab zu viele schmerzliche Erinnerungen. Ich brauchte einen Tapetenwechsel, und ich habe den Umzug nicht bereut. Mir geht es in München sehr gut.“ Ihre Gesichtszüge entspannten sich wieder. „Und warum sind Sie hierher gezogen?“

„Tapetenwechsel ist ein gutes Stichwort“, antwortete er. „Ich brauche neue Impulse, neue Anregungen, neue Menschen und Ärzte, die mich endlich aus diesem Rollstuhl herausholen. In Hamburg ist alles so festgefahren. Ich hatte das Gefühl, wenn ich dabliebe, würde alles so bleiben, wie es ist. Also bin ich gegangen.“

„Aber warum ausgerechnet München?“

„Zufall.“ Er zuckte mit den Schultern. „München soll schön sein, also dachte ich, es wäre eine gute Wahl.“

„Kommen Sie doch einen Moment herein“, bat sie. „Wir müssen ja nicht hier zwischen Tür und Angel lebenswichtige Entscheidungen besprechen.“

„Nein, nein, kommen Sie zu mir“, entgegnete er. „Ich habe für die Umzugsleute viel zu viel Kaffee gekocht, der muss noch getrunken werden.“

Da sie neugierig war, folgte sie ihm in die Wohnung, die ähnlich geschnitten war wie ihre, allerdings ein wenig größer war.

„Es ist ja schon alles fertig“, rief sie erstaunt. „Es sieht überhaupt nicht aus wie nach einem Umzug.“

„Ich habe ein- und wieder auspacken lassen“, erklärte er. „Ich selbst kann ja wenig machen. Nicht einmal ein Bild könnte ich an die Wand hängen. Also habe ich mit dem Umzugsunternehmen vereinbart, dass sie das übernehmen. Hat gut geklappt, nicht?“

„Ich bin beeindruckt“, sagte Alexandra.

Während sie Kaffee tranken, setzten sie ihr Gespräch fort. Als Jakob Winter irgendwann fragte, ob Alexandra ihm einen guten Hausarzt empfehlen könne, errötete sie heftig.

„Mich dürfen Sie nicht fragen“, antwortete sie, „ich bin in dieser Frage befangen.“

Im ersten Moment verstand er nicht, was sie damit sagen wollte, dann fiel der Groschen.

„Sie sind mit einem Arzt zusammen?“

Sie nickte, noch immer mit rosigen Wangen, ihre Augen strahlten jetzt.

„Er ist der Beste von allen“, sagte sie. „Allgemeinmediziner und Geburtshelfer.“ Sie lachte vergnügt. „Letzteres ist für Sie natürlich eher unwichtig.“

Er lachte auch. „Sie müssen mir seinen Namen nennen“, verlangte er. „Vielleicht ist Ihr Freund der Arzt, der mich endlich entscheidend voranbringt.“

Alexandra zögerte noch immer. „Aber wenn Sie mit ihm nicht klarkommen …“

„Ich werde Sie trotzdem noch freundlich grüßen, das verspreche ich Ihnen hoch und heilig.“

„Er heißt Dr. Frank, Stefan Frank, sein Haus ist gleich hier um die Ecke, in der Gartenstraße. Die Praxis ist im Erdgeschoss.“

„Umso besser!“, rief Jakob Winter. „Und er nimmt noch neue Patienten an?“

„Ja, natürlich.“

„Sie müssen mir nur eins versprechen: dass Sie ihn nicht vorwarnen. Erzählen Sie ihm nichts von mir, bis ich dort war.“

„Versprochen“, sagte sie.

Sie trennten sich in bestem Einvernehmen.

Alexandra freute sich über ihren sympathischen neuen Nachbarn. Es würde nett sein, gelegentlich mit ihm zu reden. Und natürlich war sie gespannt darauf, welchen Eindruck er auf Stefan machen würde.

Und umgekehrt.

***

„Wieso redest du eigentlich nie über Mias Vater?“, fragte Bernd Simon, während er mit Katja Ellring auf einer Bank saß und Katjas kleiner Tochter Mia beim Spielen zusah.

„Weil es nichts zu reden gibt“, antwortete Katja. „Es war eine wunderschöne Zeit mit ihm, aber sie ist vorbei. Nur Mia erinnert mich jeden Tag daran.“

„Wenn es so schön war, wieso seid ihr dann nicht zusammengeblieben?“

„Sind wir eben nicht“, erklärte Katja in abschließendem Tonfall. „Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Mia und ich kommen sehr gut allein klar.“

„Das weiß ich“, sagte Bernd geduldig, „aber irgendwann fragt Mia bestimmt etwas eindringlicher als jetzt nach ihrem Papa. Außerdem gibt es genügend Männer, die sich für dich interessieren. Hast du nie daran gedacht, mit einem von ihnen eine Familie zu gründen?“

„Nein!“, Katjas Antwort kam so schnell und in so entschiedenem Tonfall, dass Bernd einen Seufzer unterdrückte. „Ich will nicht, dass Mia mit einem Stiefvater aufwächst. Wir beide kommen gut klar, alles andere ist nicht wichtig.“

„Aber Katja …“

Sie wandte sich ihm zu, ihre schönen blauen Augen warnten ihn, das Thema weiter zu vertiefen.

„Ich will darüber nicht reden, und das weißt du auch. Würdest du das bitte respektieren?“

Trotz der Warnung in ihren Augen und ihrer Stimme, war er dieses Mal nicht bereit, einen Rückzieher zu machen, wie er das bei ähnlichen Gesprächen bis jetzt immer getan hatte.

„Das fällt mir schwer“, antwortete er. „Meiner Erfahrung nach, und ich bin ja ein paar Jährchen älter als du, ist reden besser als schweigen. In nahezu jedem Fall. Und glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe mit dem Reden in meiner Ehe erst sehr spät angefangen.

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