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Dr. Stefan Frank - Folge 2256

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Nur einmal wieder draußen spielen ...
  4. Vorschau

Nur einmal wieder draußen spielen …

Zu Herzen gehender Roman um einen traurigen kleinen Patienten

Der vierjährige Anton ist ein richtiger kleiner Sonnenstrahl. Fast immer ist er fröhlich und gut gelaunt, und im Team seiner Kita-Fußballmannschaft glänzt er als Torjäger. Doch von einem Tag auf den anderen ist er wie ausgewechselt. Blass und mit trübem Blick sitzt er in der Ecke und hat keine Energie mehr, mit den anderen Kindern zu spielen. Er hat Bauchschmerzen, sagt er, und die werden immer schlimmer. Besorgt fährt seine Mutter Annalena mit ihm in die Waldner-Klinik. Dort stellen die Ärzte eine Diagnose, die der jungen Mutter den Boden unter den Füßen wegzieht: Ihr kleiner Junge, ihr Ein und Alles, hat Nierenkrebs. Anton muss sofort operiert werden, nur dann hat er eine Überlebenschance.

Nach der OP guckt Anton seine Mama traurig an. Er weiß, er wird noch viele Wochen in der Klinik bleiben müssen. Zuerst wird man ihn bestrahlen, dann bekommt er eine Chemotherapie. Dabei hat er doch nur einen Wunsch: Er möchte endlich wieder Fußball spielen!

Um zwei Uhr, direkt nach ihrer Mittagspause, klingelte Annalena Hellmanns Mobiltelefon. Sie lächelte ihrem Chef Helmut Bendinger entschuldigend zu, bevor sie das Gespräch annahm.

Er sah verständlicherweise private Telefongespräche während der Bürostunden nicht gern, aber er wusste, dass sie wegen Anton manchmal telefonieren musste. Bei Kindern konnte immer etwas sein, er hatte selbst drei, er wusste das. Seine waren allerdings mittlerweile erwachsen.

Annalena leitete sein Büro seit zwei Jahren. Helmut Bendinger war Chef einer Spedition. Sie hatten sich von Anfang an gut verstanden.

„Sie müssen sofort kommen und Anton abholen“, sagte Jasmin Herzog, die Erzieherin, die Anton am liebsten hatte. „Er ist krank, und wir haben Angst, dass er die anderen Kinder ansteckt.“

„Krank?“, fragte Annalena. „Aber heute Morgen …“

Sie hatte sagen wollen: Heute Morgen ging es ihm noch gut, doch das stimmte nicht. Er war blass gewesen, und sie hatte ihn mehrmals gefragt, ob ihm etwas wehtue. Aber er hatte behauptet, alles sei in Ordnung, und sie hatte ihm schließlich geglaubt.

„Er hat sich jetzt schon mehrmals übergeben müssen“, fuhr Jasmin fort. „Es ging ihm bestimmt heute Morgen schon schlecht, Frau Hellmann, aber keins unserer Kinder will im Augenblick krank sein, weil doch morgen das große Fußballturnier beginnt. Da wollen alle dabei sein, Anton als bester Stürmer unserer Mannschaft ganz besonders.“

Annalena wusste sofort, dass die Erzieherin recht hatte. Das Turnier zwischen Mannschaften verschiedener Kindertagesstätten in München fand in diesem Jahr zum ersten Mal statt, es war für die Mädchen und Jungen eine große Sache.

Antons Mannschaft „Die Fliegenpilze“ würde bereits am kommenden Tag das erste Spiel bestreiten, in der Klasse der Vier- bis Sechsjährigen. Er war gerade erst vier geworden, sonst hätte er an dem Turnier gar nicht teilnehmen dürfen. Natürlich konnte er in dieser Situation nicht krank werden, und garantiert hatte er nur deshalb heute Morgen steif und fest behauptet, es ginge ihm gut.

„Ich mache mich sofort auf den Weg“, sagte sie.

Als sie das Handy eingesteckt hatte, sah sie auf und begegnete Helmut Bendingers Blick.

„Ist Anton krank?“, fragte er.

„Er hat sich übergeben müssen“, antwortete Annalena. „Die Erzieherinnen haben Angst, dass er die anderen ansteckt. Ich muss ihn abholen, Herr Bendinger. Meine Nachbarin ist wahrscheinlich zu Hause und bereit, sich um ihn zu kümmern. Dann bin ich bald wieder hier. Wir haben so viel Arbeit im Moment und …“

Ihr Chef unterbrach sie. Helmut Bendinger war über sechzig. Auf den ersten Blick wirkte er mit seinem runden Bauch und dem verschmitzten Lächeln sympathisch und ein wenig harmlos. Doch wer ihn unterschätzte, beging einen Fehler.

Er war ein guter Geschäftsmann, der sich nicht über den Tisch ziehen ließ. Gegenüber seinen Konkurrenten konnte er knallhart sein, seine Angestellten dagegen behandelte er gut. Helmut Bendinger zahlte besser als die meisten anderen Firmen, er sorgte dafür, dass seine Wagen gut gepflegt waren, und er hatte ein offenes Ohr für die Nöte seiner Leute.

„So arbeiten wir alle miteinander besser“, pflegte er zu sagen, und natürlich hatte er damit recht.

„Meine Frau könnte einspringen“, sagte er jetzt. „Sie langweilt sich zu Hause sowieso ein wenig, glaube ich. Das gibt sie zwar nicht zu, aber ich merke es ihr an. Sagen Sie mir einfach Bescheid, ob Sie wiederkommen können oder nicht. Wir finden in jedem Fall eine Lösung, Frau Hellmann.“

Annalena stieß ein Dankeschön hervor und verließ eilig das Büro. Sie hatte ihre Stelle in der Spedition von der Frau des Chefs übernommen. Die Bendingers waren mittlerweile stolze Großeltern, und Frau Bendinger hatte sich mehr Zeit für die Familie gewünscht und deshalb aufgehört zu arbeiten. Wenn sie einspringen konnte, umso besser.

Von der Spedition bis zum Kindergarten war es nicht weit. Sie fuhr zwei Stationen mit der U-Bahn, dann war sie schon am Ziel, mitten in München-Schwabing. Von hier aus konnten Anton und sie zu Fuß nach Hause laufen. Vorausgesetzt, er konnte laufen.

Sie fing an zu rennen, fünf Minuten später betrat sie die Räume der Kindertagesstätte, die Anton seit zwei Jahren besuchte. Jasmin lächelte erleichtert, als sie sie sah.

„Da sind Sie ja, Frau Hellmann. Es geht ihm leider nicht besser, vielleicht sollten Sie gleich mit ihm zum Kinderarzt gehen. Es könnte ein entzündeter Blinddarm sein. Er klagt auch über Bauchweh.“

Anton hatte sich auf einer Matratze zusammengerollt, er war noch blasser als am frühen Morgen.

Annalena kniete sich neben ihn und fuhr ihm zärtlich durch die blonden Locken.

Er öffnete die Augen nur halb.

„Mama!“, sagte er.

„Ich bringe dich nach Hause. Kannst du laufen? Sonst nehmen wir ein Taxi. Ich kann dich auch ein Stück tragen. Und wenn du dich zu Hause ein bisschen ausgeruht hast, rufe ich Dr. Klein an.“

„Ich … ich kann laufen“, behauptete Anton. Tatsächlich stand er tapfer auf, aber er schwankte leicht.

Ohne nachzudenken hob Annalena ihn hoch. Er war schon vier, aber ein zierlicher Junge, noch immer nicht so schwer, dass sie ihn nicht eine Weile hätte tragen können.

„Gute Besserung!“, rief Jasmin ihnen nach.

„Danke, Jasmin. Ich melde mich, wenn ich weiß, was Anton fehlt.“

Annalena trug ihren kleinen Sohn den ganzen Weg nach Hause. Einmal musste sich Anton noch übergeben. Als es vorbei war, zitterte er am ganzen Körper, also trug Annalena ihn weiter.

Zu Hause zog sie ihn aus, legte ihn ins Bett und begann mit der Routine, die in solchen Fällen angezeigt war. Zuerst maß sie Fieber: Die Körpertemperatur war deutlich erhöht. Dann gab sie Anton Tee zu trinken, der den Magen beruhigen sollte, legte ihm eine Wärmflasche auf den schmerzenden Bauch und machte ihm Wadenwickel.

Letzten Endes half nichts. Ihm war weiterhin übel, die Schmerzen blieben, und das Fieber wollte nicht sinken. Zwischendurch rief sie den Kinderarzt an, um ihn um einen Hausbesuch zu bitten, doch eine Stimme auf dem Anrufbeantworter teilte ihr mit, dass er Urlaub machte.

„In Notfällen wenden Sie sich bitte an die Praxis Dr. …“

Sie legte auf. Sie wollte zu keinem fremden Arzt. Anton tat sich mit Ärzten ohnehin schwer, sie jagten ihm Angst ein, da musste sie ihn mit einem fremden Gesicht nicht noch zusätzlich erschrecken.

„Mama, ich muss mal“, sagte Anton kläglich.

Sie trug ihn ins Bad, stützte ihn, bis er fertig war, und sah dann, dass die Toilette voller Blut war. Sie fühlte Panik in sich aufsteigen, schaffte es jedoch, sich nichts davon anmerken zu lassen. Stattdessen sorgte sie dafür, dass Anton nichts davon mitbekam, und brachte ihn eilig zurück ins Bett.

„Mein Bauch tut so weh, Mama“, flüsterte der Junge.

„Lass mich mal fühlen“, bat sie. Vorsichtig tastete sie seinen Bauch ab, und sie war ganz sicher, dass sie etwas ertastete, das dort nicht hingehörte. Da wusste sie, dass Abwarten falsch war.

„Wir gehen in die Notaufnahme der Waldner-Klinik, du und ich“, sagte sie. „Dort werden dich die Ärzte untersuchen und uns sagen, was dir fehlt. Du musst keine Angst haben, ich bleibe bei dir. Aber zuerst muss ich meinen Chef anrufen und ihm sagen, dass ich heute nicht mehr in die Spedition kommen kann, in Ordnung?“

Anton nickte erschöpft.

Sie rief Helmut Bendinger an.

„Anton geht es schlecht, Herr Bendinger, ich glaube, es ist etwas Ernstes. Wenn Ihre Frau also wirklich für mich einspringen könnte …“

„Ich habe schon mit ihr gesprochen, das geht in Ordnung“, sagte er. „Und, Frau Hellmann, sie macht das auch nicht unbedingt nur einen Tag, wenn Not am Mann ist. Also machen Sie sich um die Arbeit keine Sorgen. Aber sagen Sie mir bitte Bescheid, wenn Sie wissen, was Anton fehlt.“

„Natürlich, danke“, murmelte Annalena.

Mit fliegenden Fingern wählte sie die Nummer eines Taxiunternehmens. Es war nicht weit bis zur Waldner-Klinik, an normalen Tagen hätte sie den Weg leicht zu Fuß bewältigen können, doch dieses war kein normaler Tag.

***

„Du bist früh dran heute“, stellte Dr. Eva Körner fest, als ihr Kollege Dr. Stefan Frank die Unfallambulanz der Waldner-Klinik betrat, deren Leiterin Eva war.

Stefan Frank lebte und arbeitete in Grünwald, aber er hatte Belegbetten in der Waldner-Klinik. Seinen stationär aufgenommenen Patienten stattete er jeden Tag einen Besuch ab. Er fand, dass auch sie Anspruch auf Betreuung durch ihren Hausarzt hatten.

Zwar war der Weg von Grünwald nach Schwabing relativ weit, aber er nahm ihn gerne auf sich. Das lag nicht zuletzt an Ulrich Waldner, der die Klinik gemeinsam mit seiner Frau Ruth leitete und Stefan Franks engster Freund war.

Die beiden Männer hatten sich bereits während des Studiums kennengelernt und waren bald Freunde geworden. Seit vielen Jahren arbeiteten sie nun auch zusammen, ihre Freundschaft war dadurch noch enger geworden.

„Ich dachte, wir beide könnten vielleicht wieder einmal einen Kaffee zusammen trinken“, erwiderte Stefan Frank auf die Bemerkung seiner Kollegin. „Das nehmen wir uns ja jetzt schon ziemlich lange vor, nur scheint es nie zu klappen. Oder bist du jetzt auch wieder im Stress?“

„Heute seltsamerweise überhaupt nicht“, antwortete sie. „Es war einer der ruhigsten Tage seit Langem. Es gab kaum Unfälle, niemand ist von der Leiter gefallen, hat sich geschnitten, verbrannt oder den Fuß verstaucht. Wir hatten eine ältere Dame mit Verdacht auf Herzinfarkt hier, aber das ist auch schon wieder eine Stunde her. Wäre es jeden Tag so, würde ich sagen, dass ich mir einen langweiligen Beruf ausgesucht habe.“

Sie unterbrach sich.

„Womit ich selbstverständlich nicht sagen will, dass ich mir mehr Unfälle wünsche, damit ich einen interessanteren Arbeitstag habe.“

Er lächelte ihr voller Sympathie zu.

„Ich habe dich schon richtig verstanden, Eva. Also, was ist mit einem Kaffee?“

„Gern“, sagte sie, „ich muss nur Herrn Blatt informieren, dass ich für eine halbe Stunde in der Cafeteria bin.“ Dr. Jürgen Blatt war ihr Assistent.

Hinter ihnen öffnete sich eine Tür.

„Hallo, kann mir bitte jemand helfen?“, rief eine aufgeregte Frauenstimme. „Mein Sohn ist schwer krank …“

„Das war’s dann mit dem Kaffee“, sagte Eva, als Stefan und sie sich umdrehten.

Eine zarte dunkelhaarige Frau mit blauen Augen im schmalen Gesicht kam mit einem blonden kleinen Jungen auf den Armen auf sie zugelaufen.

„Er muss sich ständig übergeben, hat hohes Fieber, und sein Urin ist voller Blut“, fuhr sie fort. „Und als ich seinen Bauch abgetastet habe, war da eine Beule …“

„Eine Beule?“, fragte Eva Körner ungläubig.

„Ja“, beharrte die Frau. „Eine Beule. Und das Fieber geht nicht runter, obwohl ich ihm Wadenwickel gemacht habe. Und sein Magen will sich auch nicht beruhigen, und …“ Sie hörte erschöpft auf zu reden.

Stefan nahm ihr den Jungen ab. Er war leicht wie eine Feder und sah in der Tat sehr krank aus. Seine Augen waren geschlossen, er atmete flach.

„Bring ihn in Behandlungsraum zwei, Stefan“, bat Eva, bevor sie sich der jungen Frau zuwandte: „Ich bin Dr. Körner und leite die Unfallambulanz. Dies ist mein Kollege Dr. Frank. Wir kümmern uns um Ihren Sohn, Frau …?“

„Hellmann. Annalena Hellmann. Mein Sohn heißt Anton, er ist vier, und er hat heute Morgen behauptet, es ginge ihm gut, obwohl er da schon ganz blass war. Hätte ich ihm bloß nicht geglaubt!“

Stefan hatte den Kleinen mittlerweile auf die Untersuchungsliege im Behandlungsraum zwei gelegt.

Eva Körners Assistent Jürgen Blatt stieß zu ihnen.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte er.

„Ja“, antwortete seine Chefin knapp. Sie wiederholte, was sie bis jetzt über den Zustand des Jungen wussten, und fragte Antons Mutter dann: „Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen, Frau Hellmann?“

„Seine Muskeln“, antwortete die junge Frau nach kurzem Zögern, „die kamen mir so … so verspannt vor. Er fühlt sich sonst viel weicher an.“

Eva Körner nickte. Sie warf Stefan einen bittenden Blick zu, den er sofort richtig interpretierte.

„Kommen Sie, Frau Hellmann“, sagte er ruhig, „wir warten auf dem Gang.“

„Aber ich habe Anton versprochen, ihn nicht allein zu lassen. Er … er fürchtet sich vor Ärzten, und es geht ihm doch sowieso schon so schlecht …“

„Er schläft halb, und Sie lassen ihn ja nicht allein. Wir gehen nur auf den Flur, damit meine Kollegen in Ruhe arbeiten können.“ Stefan nahm behutsam den Arm der jungen Frau und führte sie aus dem Behandlungsraum.

Draußen auf dem Flur sorgte er dafür, dass sie sich setzte und ein Glas Wasser trank.

„Was kann das nur sein, was Anton fehlt?“, fragte sie. „Zuerst habe ich an nichts Schlimmes gedacht, aus dem Kindergarten bringen die Kinder ja öfter mal eine Infektion nach Hause. Die Erzieherinnen dachten auch, dass es etwas Ansteckendes ist, deshalb wollten sie, dass ich ihn gleich abhole. Aber diese Beule in seinem Bauch …“ Sie brach ab, starrte blicklos vor sich auf den Fußboden.

Darüber hatte Stefan auch schon nachgedacht, und er hätte seine Kollegin Eva Körner gerne gefragt, ob es diese Beule tatsächlich gab oder ob sie eher der überhitzten Fantasie einer besorgten jungen Mutter entsprungen war.

Aber er wollte Annalena Hellmann nicht allein lassen, und so begann er behutsam, ihr Fragen zu stellen. Wofür interessierte sich Anton? Wo wohnten sie? Wie lebten sie?

Zuerst bekam er nur stockend Auskunft, aber mit der Zeit gelang es ihm besser, die junge Frau von der Angst um ihren Sohn abzulenken.

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