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Dr. Stefan Frank - Folge 2255

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Mit dir durch dick und dünn
  4. Vorschau

Mit dir durch dick und dünn

Dr. Frank und eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft

Als Marie die Tür zu ihrem Elternhaus öffnet, traut sie ihren Augen kaum: Da steht ja Ellen, ihre beste Freundin aus Kindertagen! Wie viele Jahre haben sie sich nicht mehr gesehen? Nun, es müssen einige gewesen sein, denn an der Hand hält Ellen ein niedliches kleines Mädchen. Das muss ihre Tochter Anna sein! Doch was treibt Mutter und Tochter dazu, nach all der Zeit – und nach all den schlimmen Dingen, die Ellen hier erlebt hat – nach Grünwald zurückzukehren?

Wie sich herausstellt, hat Ellen endlich einmal Glück gehabt: Sie hat von einem entfernten Bekannten ein schönes kleines Häuschen in Maries Nachbarschaft geerbt. Die beiden jungen Frauen sind überglücklich, sich endlich wiederzuhaben. Aber dann scheinen die Schatten aus Ellens Vergangenheit sie doch wieder einzuholen. Kann Marie ihrer besten Freundin helfen, endlich dauerhaft glücklich zu werden?

Das kleine Mädchen rannte vom Ufer des Kleinhesseloher Sees herauf und schlang seiner Mutter die Arme um den Hals.

„Mami, warum weinst du denn?“, fragte Anna ein wenig ängstlich. „Bist du traurig? Hab ich was Schlimmes getan?“

„Dummchen!“ Ellen Wildenbach strich ihrer Tochter zärtlich über die Haare, dann zog sie Anna auf ihren Schoß. „Nein, Süße, ganz bestimmt hast du nichts Schlimmes getan. Ich bin nicht traurig. Im Gegenteil: Ich bin sehr, sehr glücklich. Deshalb muss ich weinen.“

„Das versteh ich nicht.“ Anna klang verwirrt. „Au, Mama, drück mich nicht so fest.“ Sie wand sich aus Ellens Armen und rutschte dann vom Schoß ihrer Mutter. „Wenn man glücklich ist, dann lacht man doch, oder?“

Ellen lächelte und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen weg.

„Nicht immer“, erwiderte sie. „Ich erklär dir alles gleich, ja? Gib mir noch ein paar Minuten. Ich muss noch ein bisschen nachdenken. Lauf noch mal zum See hinunter, und schau dir weiter die Enten an.“

Anna war sofort abgelenkt.

„Da ist eine Entenmutter mit ihren Küken“, erzählte sie aufgeregt. „Die sind noch ganz klein. Und so süüüß! Mami, kann ich eine Ente haben? Ein Entenbaby? Das braucht auch nicht viel Platz, oder?“

„Und wo willst du es schwimmen lassen? In der Badewanne?“

„Geht das denn? Echt?“

„Nein.“ Ellen schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Gar nicht. Enten sind Wildtiere, die kann man nicht im Haus halten.“

„Och … aber die sind wirklich so süß.“

„Ich glaub’s dir ja. Trotzdem. Keine Ente als Haustier. Auch kein Entenbaby. Und außerdem, so ein Küken fände es bestimmt nicht lustig, wenn man es seiner Mama wegnimmt. Dir würde es doch auch nicht gefallen, wenn du nicht mehr bei mir wärst, oder?“

„Nein …“ Anna senkte den Kopf. „Dann schau ich sie mir eben bloß an.“

Das klang so geknickt, dass Ellen sich ein Lachen verkneifen musste.

„Ja, Schatz, tu das“, meinte sie und blickte ihrer Tochter hinterher, als diese über die Wiese wieder zum Wasser lief.

Die Entenfamilie schwamm auf Anna zu, genau wie einige andere ihrer Artgenossen, in der Hoffnung, etwas zu fressen zu bekommen. Ellen sah, wie ihre Tochter bedauernd die Arme ausbreitete und den Kopf schüttelte.

Sie lächelte. Wie sehr ihre Kleine Tiere liebte, da kam Anna ganz auf sie. Bisher jedoch hatten sie kein Haustier halten dürfen, aber sie hätten eh kaum Zeit gehabt, sich vernünftig um einen Hund oder eine Katze zu kümmern. Aber vielleicht änderte sich nun alles.

Ellen öffnete ihre Handtasche und tastete unwillkürlich nach dem Umschlag, den sie vorhin im Büro des Notars eingesteckt hatte. Sie spürte die Schlüssel darin. Ihre Schlüssel zum Glück …

Was würde Anna wohl sagen, wenn sie ihr gleich alles erzählte? Es war so unglaublich, dass sie es selbst kaum fassen konnte.

„Danke, Josef“, murmelte sie vor sich hin. Dann legte sie ihre Hand neben sich auf das Holz der Bank, auf der sie saß, als stünde der alte Herr vor ihr und als wollte sie ihn bitten, sich zu ihr zu setzen.

Doch Josef Riedmeister würde ihr nie mehr Gesellschaft leisten. Nicht hier im Englischen Garten, wo sie sich meist getroffen und ein wenig Zeit miteinander verbracht hatten, und auch sonst nirgendwo. Aber in Gedanken, das versprach sie sich, würde er immer bei ihr sein.

Normalerweise ließ Ellen ihre Tochter nicht eine Sekunde aus den Augen, wenn die Kleine im Park herumlief oder am Wasser war. Heute jedoch ging ihr so vieles durch den Kopf, dass sie eine ganze Weile nicht auf Anna achtete.

Als sie nun wieder zum Seeufer hinunterblickte, bekam sie einen Schrecken. Anna stand dort unten, Hand in Hand mit einem Mann, und blickte vertrauensvoll zu dem Fremden auf.

Oh verflixt, dass Anna immer so unbekümmert war, obwohl sie sie doch schon tausendmal gewarnt hatte! Gerade in den heutigen Zeiten konnte man nicht misstrauisch genug sein.

Ellen schoss hoch.

Doch im selben Moment drehten sich ihre Tochter und der Mann um, und Anna sank vor lauter Erleichterung zurück auf die Bank. Es war kein Fremder, der ihr Kind an der Hand hielt. Es war Dr. Frank.

Der Grünwalder Arzt und ihre Tochter kamen auf sie zu. Dr. Frank lächelte, doch Ellen sah, dass er sie nachdenklich betrachtete.

„Wir haben uns lange nicht mehr gesehen“, meinte er, nachdem sie sich begrüßt hatten, und setzte sich neben Ellen auf die Bank.

„Nun ja, Anna ist ja auch kerngesund“, erwiderte sie und fügte schnell hinzu: „Toi, toi, toi“, wobei sie auf das Holz klopfte. „Nur ab und zu eine kleine Erkältung, wie das nun mal so bei Kindern ist – mehr war da nicht. Mir geht’s auch gut, deshalb sind wir gar nicht mehr nach Grünwald gekommen.“

Obwohl Ellen mit ihrer Tochter am entgegengesetzten Ende von München wohnte, suchte sie Dr. Frank auf, wann immer ihr oder Anna etwas fehlte. Sie kannte ihn noch von früher, aus besseren Zeiten. Als sie selbst noch ein Kind war und in Grünwald gelebt hatte.

Unwillkürlich begann sie zu strahlen. Bald würde sie nach Grünwald zurückkehren. Gemeinsam mit ihrer Tochter. Und prompt traten ihr erneut Tränen in die Augen.

Dr. Frank zog die Augenbrauen hoch.

„Mama hat eben auch schon geweint“, erklärte ihm Anna. „Aber weil sie so glücklich ist, hat sie gesagt.“

Ellen zog eine neue Packung Taschentücher heraus, nahm sich eines und wischte sich über die Augen. Dann zog sie Anna wieder auf ihren Schoß und holte einmal tief Luft, bevor sie zu erzählen begann.

„Und ich hab auch allen Grund dazu, glücklich zu sein!“, sagte sie. „Kleines, ich habe ganz tolle Neuigkeiten für uns. Wir werden bald umziehen. In ein Haus in Grünwald. Gar nicht so weit von Dr. Frank entfernt. Ein Haus mit genug Platz für uns beide und einem riesigen Garten. Du wirst ein eigenes Zimmer bekommen und ganz viel Platz zum Spielen haben …“

Doch Anna hörte ihr gar nicht richtig zu.

„Mama, Mama, da ist die Entenmutti wieder. Schau mal, Dr. Frank, sie hat ganz viele Küken!“ Wieder rutschte sie von Ellens Schoß und lief Richtung Wasser, doch auf halbem Weg blieb sie stehen und drehte sich um: „Kann ich dann doch ein Entenbaby haben – ich meine, wenn da so viel Platz ist … Und vielleicht ist ja auch ein Teich im Garten, dann braucht es nicht in die Badewanne!“

„Nein. Kein Entenbaby!“, sagte Ellen kategorisch.

Dr. Frank beobachtete Anna, die völlig entzückt die Enten betrachtete, dann wandte er sich wieder Ellen zu.

„Wollen Sie mir erzählen, wie Sie an ein Haus in Grünwald kommen, Ellen?“, fragte er.

Er wusste, mit wie vielen Schwierigkeiten sie gerade in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. Lächelnd lehnte er sich zurück und legte die Arme auf die Rücklehne.

„Ich habe Zeit. Genug Zeit auch für eine längere Geschichte. Heute ist Mittwoch, da habe ich all meine ärztlichen Pflichten erfüllt. Ich war sogar nach der Sprechstunde noch in der Waldner-Klinik, und da dachte ich mir, ich könnte bei dem herrlichen Wetter noch einen kleinen Abstecher in den Englischen Garten machen. Eine gute Idee, nicht wahr?“

„Ja.“ Ellen erwiderte sein Lächeln. „Denn sonst hätten wir uns ja nicht getroffen.“

Für einen Moment huschte ein Schatten über ihr Gesicht. Sie schwieg einen Moment, bevor sie weiterredete.

„Wissen Sie, Herr Dr. Frank, damit hat mein neues Glück begonnen: dass ich jemandem hier begegnet bin, im Englischen Garten. Vielleicht kennen Sie ihn auch. Kannten ihn.“ Ihre Augen schimmerten wieder feucht. „Josef Riedmeister.“

„Aber natürlich“, erwiderte der Grünwalder Arzt. „Einer meiner etwas entfernteren Nachbarn. Die meisten hielten ihn für ein wenig kauzig, einen Eigenbrötler. Bei Leuten, die er nicht mochte, konnte er sogar ausgesprochen grantig werden, aber er hatte ein gutes Herz. Ich habe ihn sehr geschätzt. Er war viele Jahre lang mein Patient, und ich habe ihn auch während seiner letzten Wochen begleitet. Ich war bei ihm, als er starb.“

„Dann war er ja in guten Händen“, sagte Ellen leise. „Das beruhigt mich. Ich hatte mir Sorgen um ihn gemacht, weil er gar nicht mehr hierher in den Park kam und auch sonst nichts von sich hören ließ. Manchmal kam er abends ins Geschäft, hat Anna und mich abgeholt und uns eine Pizza spendiert.“

Sie sah zu Dr. Frank hin.

„Er war ein wunderbarer Mensch“, fuhr sie fort. „Anfangs haben wir ihn ganz zufällig getroffen, saßen hier zusammen und unterhielten uns. Dann wurde eine liebe Gewohnheit daraus. Diese Bank war unser Stammplatz. Er hat Anna vergöttert, und sie hat ihn zu einer Art Ersatzopa gemacht.“

Wieder schwieg sie, in ihre Erinnerungen versunken, bevor sie weiterredete.

„Und für mich ist er zu einem guten Freund geworden. Er schien immer genau zu wissen, was in mir vorging. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, aber irgendwie hat er mir stets neue Kraft gegeben. Er ahnte wohl, dass ich Sorgen hatte, auch wenn ich ihm nie etwas vorgejammert habe.“ Ihr Blick glitt zu ihrer Tochter. „Anna hing so sehr an ihm, und er an ihr.“

Sie brach ab, senkte den Kopf.

„Er hat mir alles vererbt“, meinte sie leise, als sie wieder aufschaute. „Seinen gesamten Besitz. Sein Haus mit allem Drum und Dran und all sein Geld. Weil Anna und ich noch einmal Licht und Freude in das Leben eines einsamen alten Mannes gebracht hätten – so hat er es in dem Brief geschrieben, den der Notar für mich aufbewahrt hatte. Ich wusste ja gar nicht, dass Josef so vermögend war.“

Plötzlich schlug sie die Hände vors Gesicht, und die Tränen flossen erneut.

„Es ging mir so schlecht in letzter Zeit, Herr Dr. Frank“, flüsterte sie. „Ich hatte solche Sorgen. Aber vor Anna durfte ich mir doch nicht anmerken lassen, wie verzweifelt ich war. Es hat mich so viel Kraft gekostet. Ich hatte das Gefühl, mir bricht alles über dem Kopf zusammen. Ich meine, ich habe nie viel verdient, wir sind immer nur so gerade eben über die Runden gekommen. Doch vor drei Monaten hat mein Vermieter angekündigt, dass er sämtliche Wohnungen sanieren lässt und die Miete anschließend anheben wird. Dann hätte ich mir nicht mal mehr unsere zwei winzigen Zimmer leisten können.“

Sie schluchzte auf.

„Unser Viertel hat doch eh keinen guten Ruf, mit all den sozialen Problemen. Aber selbst da hätte ich kaum eine Wohnung gefunden, die so billig war wie meine alte. Und wer vermietet schon gern an eine alleinerziehende Mutter – obendrein an eine, die in Gefahr ist, ihre Stelle zu verlieren?“

Dr. Frank legte einen Arm um Ellens Schultern, und sie lehnte sich gegen ihn.

„Ich bin ja schon bescheiden geworden in all den Jahren, kenne sämtliche Tricks, wie man sich mit wenig Geld über Wasser hält, aber ohne Job wäre ich verloren gewesen. Sie wissen ja, ich arbeite in diesem kleinen Antiquitätenladen, und meine Chefin hat angedeutet, dass sie das Geschäft schließen will. Sie findet keinen Nachfolger. Nächtelang hab ich wachgelegen und mir den Kopf zerbrochen, wie es weitergehen soll.“

Sie schniefte und putzte sich die Nase, dann richtete sie sich wieder auf.

„Und jetzt habe ich plötzlich Geld, genug, dass ich mir nie wieder überlegen muss, ob ich es mir wirklich leisten kann, für Anna etwas zum Anziehen zu kaufen. Ob ich jemals in der Lage sein werde, ihr eine vernünftige Ausbildung zu bieten. Ich muss mir nie mehr überlegen, wie ich etwas halbwegs Gesundes auf den Tisch bringe. Ich habe jetzt ein Haus, für das ich keine Miete zahlen muss, eins, das ganz allein mir gehört. Und mein Vermieter kann mich mal!“

„Wenn jemand ein solches Erbe verdient hat, dann Sie, Ellen“, sagte Dr. Frank und legte eine Hand auf ihren Arm. Er kannte ihre tragische Familiengeschichte, und er hatte sie immer dafür bewundert, wie sie mit sämtlichen Widrigkeiten des Lebens fertiggeworden war.

Ellen begann plötzlich zu lachen, doch es klang einen Hauch hysterisch.

„Ehrlich gesagt, Herr Dr. Frank, das finde ich auch!“

***

Nadja Hovenau stand in ihrem „Damenzimmer“, wie sie es nannte, und hatte den Fenstervorhang ganz vorsichtig ein Stück beiseitegeschoben, um unauffällig nach draußen auf die Straße schauen zu können.

„Jetzt sieh sich das einer an“, murmelte sie vor sich hin. „Unser ehrenwerter Dr. Frank! Ob seine Dr. Schubert wohl weiß, dass er gerade eine außerordentlich hübsche junge Frau im Arm hält und ein bisschen arg fest an sich drückt?“

Nadja Hovenau und der Grünwalder Arzt kannten sich schon seit Jahren und standen fast ebenso lange miteinander auf Kriegsfuß. Das heißt, eigentlich war es ganz allein Nadja, die einen gewissen Groll gegen Dr. Frank hegte.

Sie nahm es ihm ausgesprochen übel, dass er zu den wenigen Menschen gehörte, die nicht taten, was sie sagte. Allerdings hinderte sie das nicht daran, ihn aufzusuchen, wenn sie medizinische Hilfe nötig hatte. Denn dass er ein hervorragender Arzt war, daran hatte sie noch nie gezweifelt.

Aber sie neigte nun einmal dazu, anderen vorzuschreiben, was sie zu tun hatten, und so hatte sie auch gewisse Vorstellungen davon, wie sie behandelt werden wollte. Dumm nur, dass diese Vorstellungen meist von denen des Grünwalder Arztes abwichen.

Bei einem der letzten Male, als sie ihn in seiner Praxis aufsucht hatte, hatte er sie ausgesprochen freundlich ...

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