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Dr. Stefan Frank - Folge 2248

Endlich frei!

Bewegender Roman um Brittas langen Wegzum Glück

Dr. Frank ist voller Bewunderung für seine junge Patientin Britta Rademüller. Schon seit Jahren kümmert sich die junge Frau aufopferungsvoll um ihre pflegebedürftige Schwiegermutter Helene. Dabei ist Britta mit ihrem Ehemann längst nicht mehr glücklich! Jonas betrügt sie nach Strich und Faden, demütigt sie, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Dennoch bleibt Britta bei ihm wohnen. Sie will Helene einfach nicht im Stich lassen.

So viel Selbstlosigkeit sollte doch eigentlich belohnt werden, denkt Dr. Frank manchmal, und tatsächlich: Als der attraktive Biologe Max Grüntinger in Brittas Leben tritt, scheint sich für sie endlich alles zum Guten zu wenden. Doch dann schlägt das Schicksal ein weiteres Mal erbarmungslos zu …

Britta schreckte hoch, als sie die leichte Berührung spürte.

„Ich bin doch nicht etwa eingeschlafen, Leni?“, fragte sie verlegen. „Oh, das tut mir aber wirklich leid …“

„Ach Liebes, jetzt entschuldige dich doch nicht noch dafür, dass du so müde bist!“ Helene Rademüller streichelte liebevoll die Hand ihrer Schwiegertochter. „Ich war es ja, die dich fast die ganze Nacht wachgehalten hat. Wieder einmal.“

Britta gähnte unwillkürlich, hielt sich die Hand vor den Mund.

„Mehr als drei, vier Stunden hast du nicht geschlafen, oder?“, fragte Helene besorgt.

„Du doch auch nicht, oder?“, meinte Britta mit einem schiefen Lächeln. „Du musst mindestens so müde sein wie ich.“

„Ja, aber ich …“ Helene redete nicht weiter. „Ach Kind, ich mag es gar nicht mitansehen, wie du dich meinetwegen ganz kaputt machst. Du bist so dünn und blass geworden. Und das alles wegen einer alten, nutzlosen Frau …“ Ihre Stimme klang erstickt.

„Nicht weinen, Leni!“, bat Britta und legte vorsichtig einen Arm um die schmalen Schultern ihrer Schwiegermutter.

Leni war so zerbrechlich geworden. Und so mutlos.

Warum nur, dachte Britta. Warum hat diese gemeine Krankheit ausgerechnet Leni getroffen?

Sie kannte Helene schon so lange, seit sie ein Kind gewesen war, und damals war sie ihr unbesiegbar erschienen: eine tatkräftige, energische Frau mit großem Herzen und einem – wenn nötig – eisernen Willen, stets voller Zuversicht, dass das Leben so verlaufen würde, wie sie es sich vorstellte.

Doch das Schicksal hatte ihr gezeigt, dass es sich nicht gern etwas vorschreiben ließ. Helene, die immer so robust gewesen war, war krank geworden, hatte jedoch – so typisch für sie! – die Anzeichen der Krankheit nicht ernstgenommen. Einfach darüber hinweggesehen, viel zu lange. Ärzte, das hatte sie immer behauptet, mochten ja nette und kluge Menschen sein, aber ihr sei es nun mal lieber, wenn sie keinen aus der Nähe sah.

Und so hatte sie erst dann Dr. Frank aufgesucht, als ihr das Laufen immer schwerer gefallen und die Schmerzen so schlimm geworden waren, dass sie sie nicht länger ignorieren konnte. Der Grünwalder Arzt hatte sie gründlich durchgecheckt und dann zu weiteren neurologischen Untersuchungen für ein paar Tage in die Waldner-Klinik eingewiesen.

Dass Helene sich überhaupt darauf eingelassen hatte und ohne großen Protest ins Krankenhaus gegangen war, hatte Britta als Zeichen interpretiert, dass es ihrer Schwiegermutter wirklich schlecht ging. Sehr schlecht.

In der Klinik war Dr. Franks Verdacht bestätigt worden: Ihre Schwiegermutter litt unter Polyneuropathie.

Polyneuropathie – Britta hatte dieses Wort zu hassen gelernt. Es war eine Erkrankung, bei der die Nervenfasern geschädigt oder zerstört wurden. Und Nerven, die wegen eines solchen Schadens nicht mehr richtig funktionierten, vermochten Reize nur noch unvollständig oder gar nicht mehr weiterzuleiten. Das führte zu Taubheit, Schwäche und brennenden Muskelschmerzen, die sich bei Helene bereits von den Füßen bis hoch in die Oberschenkel ausgebreitet hatten. Sie konnte inzwischen gar nicht mehr laufen und war auf den Rollstuhl angewiesen.

Allmählich wollten auch die Hände und Arme nicht mehr so recht. Wenn sie etwas packen wollte, fiel es ihr immer häufiger aus den Fingern, und so half Britta ihrer Schwiegermutter nun auch, wenn sie etwas essen oder trinken wollte.

An guten Tagen gelang es ihnen beiden, Scherze zu machen und zu lachen, wenn sie Helene wie einem kleinen Kind beim Essen und Trinken half, doch an schlechten Tagen – und davon hatte es in letzter Zeit zu viele gegeben – brachte es ihre Schwiegermutter zum Weinen.

Helene hatte keine Kraft mehr. Die Schmerzen, die sie schon so lange plagten, hatten ihren Tribut gefordert, machten sie mürbe. Genau wie das Wissen, dass ihre Krankheit nicht aufzuhalten und schon gar nicht heilbar war.

Polyneuropathie war oft die Folge von Diabetes, überhöhtem Alkoholkonsum oder einer vorangegangenen Viruserkrankung. Kannte man die ursächliche Krankheit, konnte man die Polyneuropathie unter Umständen halbwegs in den Griff bekommen oder das Fortschreiten zumindest hinauszögern.

Doch bei rund einem Fünftel der Patienten ließ sich keine Ursache entdecken, und Helene gehörte zu eben diesem Kreis von Erkrankten. Ihre Aussichten waren schlecht. Und Nervenschmerzen ließen sich nicht durch die üblichen Schmerzmittel lindern, zur Behandlung wurden oft Antidepressiva oder Mittel gegen Krampfanfälle eingesetzt.

Doch auch diese Medikamente halfen Helene nicht wirklich, nicht mehr, und oft konnte sie die Schmerzen kaum noch ertragen. Nachts war es besonders schlimm. Dann saß Britta oft stundenlang bei ihr, versuchte sie abzulenken und zu trösten.

So wie in der vergangenen Nacht.

„Du bist keine unnütze, alte Frau“, widersprach sie nun ihrer Schwiegermutter. „Du bist das Liebste, was ich habe.“

Beinahe hätte Britta bitter aufgelacht. Das waren merkwürdige Worte für eine verheiratete Frau, nicht wahr? Dass ihre Schwiegermutter ihr das Liebste auf der Welt war. Nicht der eigene Mann.

Helene seufzte. „Das ist alles so ein riesengroßer Mist“, sagte sie frustriert. „Manchmal wünsche ich mir, es wäre endlich alles vorbei und ich würde erlöst.“

Erschrocken sah Britta ihre Schwiegermutter an.

„So darfst du nicht reden, Leni“, mahnte sie. „Ich will dich nicht verlieren.“

„Ach Kind. In meinem Alter muss man eh damit rechnen, dass man bald den Weg ins Himmelreich antritt. Mein Johann ist doch auch schon seit so vielen Jahren dort, jedenfalls hoffe ich das. Schließlich war er immer ein herzensguter Mann.“ Sie seufzte. „Ich bin ja froh und dankbar, Britta, dass du dich so um mich kümmerst und immer für mich da bist, aber …“

Sie sprach nicht weiter, sondern hob die Hand, um Brittas Wange zu berühren. Doch man sah, wie schwer ihr die Bewegung fiel.

„Aber?“

„Aber wenn ich nicht mehr wäre, dann wärst du endlich frei.“

Britta sog hörbar den Atem ein.

„Komm schon, Liebes, es stimmt doch“, fuhr Helene fort. „Meinst du, ich wüsste nicht, dass du schon längst fort wärst, wenn es mich nicht gäbe? Dass du damals kurz davor warst, dich von Jonas zu trennen? Auch wenn du immer versucht hast, vor mir zu verbergen, wie enttäuscht du von ihm warst. Ich bin doch nicht blind, Kind! Du bist nur meinetwegen bei ihm geblieben.“

Britta wurde rot.

„Liebes, ich gebe zu, ich bin selbstsüchtig genug, um mich darüber zu freuen.“ Helene lächelte ein wenig schief. „Aber sei ehrlich: Was für ein Leben ist das denn für dich? Du bist an eine alte Frau gefesselt. Hast meinetwegen sogar deinen Job aufgegeben. Und bist von einem Mann abhängig, der dich betrügt und dich auch sonst schäbig behandelt. Es ist eine Schande, wie er sich dir gegenüber verhält. Was meinst du, wie oft ich mich für meinen Sohn schäme …“ Den letzten Satz sagte sie so leise, dass Britta es kaum verstand.

„Ach, Jonas kann mir nicht mehr wehtun“, erwiderte Britta, doch sie wussten beide, dass es eine Lüge war. Auch wenn sie ihn nicht mehr liebte, schmerzte es doch, wie er sich ihr gegenüber benahm. „Und ich würde dich niemals im Stich lassen. Ganz abgesehen davon: Wenn ich mich nicht gern um dich kümmern würde, täte ich es gar nicht erst.“

„Bist so ein liebes Mädchen …“, meinte Helene und schloss die Augen.

Sie schwieg so lange, dass Britta schon dachte, ihre Schwiegermutter sei eingenickt, doch dann begann Helene wieder zu reden.

„Ich hab mir solche Mühe gegeben, ihn zu einem anständigen Menschen zu machen, aber ich habe wohl versagt“, sagte sie leise.

Dann machte sie die Augen wieder auf und sah ihre Schwiegertochter an.

„Weißt du, Britta, wenn man an seinem Kind Eigenschaften erkennt, die man nicht gutheißen kann, dann will man natürlich gegensteuern, aber das gelingt halt leider nicht immer. Jonas kommt ganz nach seinem Großvater. Der war genauso. Charmant und liebenswürdig nach außen hin, aber zu Hause ein Teufel. Ein Blender.“

Wieder schwieg sie, und wieder dauerte es eine Weile, bis sie weitersprach. Als sie es schließlich tat, klang ihre Stimme müde.

„Weißt du, als ihr damals ein Paar wurdet, da hab ich gehofft, jetzt wird vielleicht doch alles gut. Jonas war anfangs so verliebt in dich, hat dich verwöhnt und auf Händen getragen … Ich dachte, vielleicht schafft Britta ja, was ich nicht geschafft habe. Vielleicht macht sie ihn mit ihrer Liebe tatsächlich zu einem besseren Menschen. Wenn ich nicht daran geglaubt hätte – es hätte glauben wollen! –, dann hätte ich niemals zugelassen, dass du ihn heiratest.“

Britta antwortete nicht, stieß lediglich einen tiefen Seufzer aus. In den ersten beiden Jahren, in denen sie mit Jonas verheiratet gewesen war, war sie ja auch glücklich gewesen. So glücklich, dass sie nur gelacht hätte, wenn jemand behauptet hätte, diese Ehe könne nicht gut gehen.

Wie dumm sie gewesen war! Sie hätte auch damals schon erkennen können, dass hinter all seinem Charme eine dunkle, böse Seite lauerte; Anzeichen hatte es genug gegeben.

Doch sie hatte sie nicht sehen wollen. Zu verliebt war sie in ihn gewesen, zu jung und zu naiv. Vor allem aber zu stolz darauf, dass dieser attraktive, charmante Mann, für den so viele Frauen schwärmten, ausgerechnet sie gewählt hatte. Obwohl sie so viel jünger war als er und längst nicht so weltgewandt und selbstsicher.

Und jetzt saß sie in der Falle.

Es stimmte, was Helene eben gesagt hatte: Sie hatte sich von Jonas trennen wollen. Ihr Mann war ihr immer wieder untreu gewesen, und irgendwann hatte er sich nicht mal mehr sonderlich viel Mühe gegeben, das vor ihr zu verbergen.

Noch schlimmer aber war für sie gewesen, dass sich sein ganzes Verhalten ihr gegenüber geändert hatte. Er war immer schroffer, immer verletzender, immer rücksichtsloser geworden, hatte sie für Nichtigkeiten abgekanzelt und ihr den eigenen Willen nehmen wollen.

Schließlich war sie nicht länger bereit gewesen, sich so behandeln zu lassen. Also hatte sie ihm klipp und klar gesagt, dass sie die Scheidung einreichen würde.

Aber dann war Helene so krank geworden, und Jonas hatte Britta unumwunden erklärt, dass er seine Mutter in ein Pflegeheim geben würde, wenn sie, Britta, ihn verlassen sollte. Sie habe die Wahl, hatte er behauptet.

Doch die hatte sie nicht gehabt, und das hatten sie beide gewusst. Es hätte Leni todunglücklich gemacht, wenn sie in ein Heim gekommen wäre. Das hatte Britta ihrer Schwiegermutter nicht antun können. Nicht Leni, die immer schon wie eine Mutter für sie gewesen war.

Britta war im Nachbarhaus der Rademüllers aufgewachsen, bei ihrer Tante und ihrem Onkel. Die beiden hatten sie nach dem Tod ihrer Eltern aufgenommen – allerdings nicht, weil sie dem kleinen Mädchen ein neues, liebevolles Zuhause geben wollten, sondern weil sie es als ihre Pflicht ansahen. Britta hatte alles bekommen, was sie brauchte, Kleidung, genug zu essen, eine gute Ausbildung – nur keine Zuneigung.

Die jedoch hatte sie bei Helene Rademüller gefunden. Leni, viel zu früh verwitwet, hatte das traurige kleine Mädchen schnell in ihr großes Herz geschlossen und in ihr die Tochter gesehen, die sie sich immer gewünscht und nie bekommen hatte.

Jonas, fast elf Jahre älter als sie, hatte sie dagegen immer ignoriert, obwohl Britta für ihn schwärmte, seit sie siebzehn war. Doch irgendwann war auch ihm aufgefallen, wie ungewöhnlich hübsch sie war. Es musste ihm geschmeichelt haben, wie sehr sie ihn bewunderte, und vermutlich hatte er sich gedacht, dass er mit ihr machen konnte, was er wollte, ohne dass sie aufmuckte.

Als sie zweiundzwanzig gewesen war, hatten sie geheiratet. Britta hatte im siebten Himmel geschwebt – zumindest so lange, bis Jonas’ Gefühle für sie abgeflaut waren und er gemerkt hatte, dass sie doch nicht so fügsam war, wie er sich das vorgestellt hatte.

Dennoch hatte er nicht gewollt, dass sie sich von ihm trennte. Einen Jonas Rademüller verließ man nicht. Wenn, dann war er derjenige, der Schluss machte.

Also hatte er sie erpresst. Und sie war geblieben, obwohl sie nicht sicher war, ob er seine Mutter tatsächlich weggegeben hätte. Nicht, dass er sehr an Helene gehangen hätte, aber Jonas war knauserig, und ein Pflegeheim kostete viel Geld. Freiwillig würde er wahrscheinlich so viel Geld nicht ausgeben, auch wenn er es sich durchaus leisten konnte. Aber darauf wollte Britta es nicht ankommen lassen.

***

Britta war immer noch müde, obwohl sie vorhin zwei Stunden geschlafen hatte. Richtig erholsam war es nicht gewesen, denn selbst im Schlaf horchte sie unbewusst darauf, ob ihre Schwiegermutter nach ihr rief.

Einmal wieder acht Stunden am Stück durchschlafen, das wäre schön, dachte sie sehnsüchtig. Aber was nicht geht, das geht eben nicht, sagte sie sich, und so muss ich halt sehen, wie ich zurechtkomme. Und mich immer wieder daran erinnern, dass es Leni viel, viel schlechter geht als mir.

Es war kurz vor halb acht am Abend, und sie saß mit ihrer Schwiegermutter im Wohnzimmer. Britta hatte eine Krimiserie eingestellt, die Helene sonst gern sah, doch irgendwie hatte sie das Gefühl, ...

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