Logo weiterlesen.de
Dr. Stefan Frank - Folge 2230

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Lass uns nach Venedig fahren!
  4. Vorschau

Lass uns nach Venedig fahren!

Bewegender Roman um den Herzenswunsch einer schwer kranken Patientin

Der junge Lehrer Benjamin Sindermann schwebt auf Wolke sieben. Seit er die liebenswerte Physiotherapeutin Flora Elias kennengelernt hat, weiß er: Auf diese Frau hat er sein Leben lang gewartet. Umso härter trifft es ihn, als ihm seine Freundin nur wenige Wochen später eröffnet, dass sie einen Hirntumor hat – und Benjamin nie wiedersehen will.

Doch Benjamin denkt gar nicht daran, seine Liebste in ihrer Not alleinzulassen. Stattdessen schmiedet er Pläne, wie er ihr dabei helfen kann, sich zu der riskanten, aber notwendigen Operation durchzuringen, die sie von ihrem Tumor befreien soll. Und mit einem Mal hat er eine Idee: Erst kürzlich hat ihm Flora anvertraut, dass sie schon immer nach Venedig reisen wollte, es aber bisher noch nicht geschafft hat. Wie wäre es also, wenn er vor ihrer Operation mit ihr dorthin fährt – und ihr in der Lagunenstadt einen Heiratsantrag macht?

Der Ball flog Flora direkt vor die Füße. Sie nahm ihn ganz automatisch mit links an, wie früher, als sie noch regelmäßig auf dem Platz gestanden hatte. Sie dachte, dass er spielenden Kindern gehörte, doch als sie hochblickte, sah sie eine Handvoll Männer in kurzen Hosen und Fußballtrikots zu ihr herüberwinken und hörte sie rufen. Sie suchte sich einen von ihnen aus und passte den Ball präzise zu ihm zurück, wieder mit links.

Es war ein schönes Gefühl, nach so langer Zeit. Wann hatte sie das letzte Mal Fußball gespielt? Das war bestimmt schon mehr als fünf Jahre her. Sie vermisste die Mädels immer noch.

Da sie nichts Besseres zu tun hatte, sah sie den Männern eine Weile beim Spielen zu. Sie waren nicht schlecht. Natürlich keine Profis, die Mannschaften bestanden auch nur aus fünf oder sechs Spielern, aber sie waren mit Leidenschaft und vollem Körpereinsatz bei der Sache.

Der Typ, dem sie den Ball zugespielt hatte, legte sich besonders ins Zeug, als er merkte, dass sie zusah. Er war Stürmer und schoss schon bald ein Tor, über das er sich sichtlich freute, ein Kopfballtor. Er sah nett aus, und sie blieb seinetwegen noch ein bisschen länger stehen.

Es war einer der ersten richtig warmen Tage im Jahr, eigentlich zu warm für die Jahreszeit, beinahe fühlte es sich schon an wie Sommer. Jedenfalls konnte man mit einem solchen Tag, der noch dazu ein Sonntag war, gewiss nichts Besseres anfangen, als ihn draußen in der Sonne zu verbringen.

Ein langer Pfiff des Schiedsrichters, der, wie Flora erst jetzt sah, eine Frau war – oder eher noch ein junges Mädchen –, beendete die Partie, und der Kopfballschütze trabte direkt auf sie zu.

„Einen guten Schuss haben Sie“, sagte er. „Wollen Sie nicht bei uns mitspielen? Wir sind nie genug Leute, und je mehr mitspielen, desto größer ist der Spaß.“

„Sind Sie sicher, dass Ihre Freunde Frauen in der Mannschaft akzeptieren würden? Die meisten sind da ziemlich eigen.“

„Die haben mich doch zu Ihnen geschickt, damit ich frage“, erklärte der Mann lachend. „Und haben Sie nicht gesehen, dass wir einen weiblichen Schiedsrichter haben?“

„Doch“, gab Flora zu, „aber gerade eben erst.“

Er streckte seine Hand aus.

„Ich bin Benjamin“, stellte er sich vor. „Benjamin Sindermann. Wenn wir zusammen Fußball spielen, müssen wir uns duzen.“

Seine Hand war warm und ihr Druck fest – zum Glück! Sie hasste es, wenn sie Hände zu fassen bekam, die sich wie toter Fisch anfühlten.

„Flora“, erwiderte sie. „Flora Elias.“

„Spielst du regelmäßig? So, wie du schießt …“

„Schon lange nicht mehr, leider, aber ich vermisse es sehr.“

Seine Augen leuchteten auf. Es waren dunkle, ausdrucksvolle Augen. Auch seine Haare waren dunkel. Er war ziemlich verschwitzt, dennoch fand Flora ihn anziehend. Vermutlich lag das an seinem Lächeln. Sie musste es einfach erwidern.

„Dann spielst du mit uns?“, fragte er.

Mittlerweile waren noch zwei andere Spieler herangekommen, die Benjamin ihr als Charly Braunfels und Kevin Frieling vorstellte. Kevin war ein kleiner, stämmiger Mann mit fast kahl rasiertem Kopf und einem runden, freundlichen Gesicht; Charly überragte ihn um anderthalb Köpfe und war so hager, dass man seine Rippen durch das Trikot hindurch sehen konnte.

„Spielste mit?“, fragte er. „Benjamin hat sofort gesagt, dass du Fußballerin bist, so wie du den Ball angenommen und zurückgeschossen hast.“

„Ich würde schon gern“, antwortete Flora. „Immer sonntags?“

„Bei Wind und Wetter“, erklärte Charly. „Ausreden werden nicht akzeptiert. Wir fangen aber erst um zwei an, damit wir ausschlafen und in Ruhe frühstücken können, wenn wir am Samstag versackt sind.“

„In Ordnung“, sagte Flora. „Ich bin nächsten Sonntag pünktlich da.“

Charly und Kevin trollten sich wieder, doch Benjamin blieb noch bei Flora stehen.

„Wollen wir vorher mal einen Kaffee zusammen trinken?“, fragte er. „Dann fühlt sich das für dich am nächsten Sonntag nicht so fremd an, weil du wenigstens mich schon ein bisschen kennst.“

„Gern“, antwortete Flora. „Wann denn?“

Er lachte plötzlich. „Wie wäre es mit gleich? Ich müsste nur schnell nach Hause und duschen, aber das kann ich in Windeseile erledigen.“

„Wo wohnst du denn?“

„Keine fünf Minuten von hier entfernt, mit dem Fahrrad.“

„Dann warte ich“, sagte Flora. „Ich setze mich so lange da drüben auf eine Bank und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen.“

Plötzlich sah er besorgt aus.

„Du läufst mir doch nicht weg und verschwindest so schnell wieder aus meinem Leben, wie du aufgetaucht bist?“

Jetzt war es Flora, die lachte.

„Keine Sorge, ich bin nicht der wankelmütige Typ“, versicherte sie. „Wenn ich sage, ich warte, dann mache ich das auch.“

„Bis gleich also.“

Er rannte zu seinem Fahrrad, schwang sich darauf und trat so wild in die Pedale, dass Flora wieder lachen musste. Sie suchte sich eine Bank, die sie für sich allein hatte, rutschte so weit nach unten, dass sie den Kopf auf die Lehne legen und die Beine lang ausstrecken konnte, und schloss die Augen. Die Sonne hatte bereits erstaunliche Kraft, und Flora war froh, dass sie vorsichtshalber Sonnencreme aufgetragen hatte.

Als Benjamin zurückkam, fragte sie sich, ob es wirklich möglich war, dass er in der kurzen Zeit zu Hause gewesen war, geduscht und sich umgezogen hatte.

„Bist du geflogen?“, fragte sie, während sie sich wieder in eine aufrecht sitzende Position schob.

„Ich habe doch gesagt, es geht schnell.“ Er setzte sich neben sie. „Und was machen wir jetzt? Wir könnten natürlich hier im Englischen Garten bleiben und versuchen, irgendwo draußen einen Tisch zu ergattern. Oder wollen wir zuerst noch ein bisschen herumlaufen?“

„Nichts dagegen“, erwiderte Flora. „Erzähl mal: Was machst du, wenn du nicht gerade Fußball spielst?“

„Ich bin Sportlehrer“, antwortete er. „Sport und Mathematik, um genau zu sein. Für mich ist das die ideale Kombination. Das eine trainiert den Körper, das andere das Gehirn.“

„Klingt gut“, fand Flora.

„Und du?“

„Ich bin Physiotherapeutin, noch angestellt. Aber irgendwann will ich mich selbstständig machen.“

„Du bist ja mutig“, fand Benjamin. „Selbstständigkeit wäre nichts für mich, da hätte ich immer Angst, dass nicht genug Geld hereinkommt.“

„Die Angst habe ich natürlich auch, aber es gibt so vieles, was ich anders machen würde als meine Chefin. Außerdem will ich mich nicht allein selbstständig machen, sondern zusammen mit einer Kollegin, die ähnliche Vorstellungen hat wie ich. Das ist auch noch nicht spruchreif, vielleicht nächstes oder übernächstes Jahr. Zuerst müssen wir Erfahrungen sammeln, wir wollen auf jeden Fall gut vorbereitet sein. Aber manchmal sitzen wir zusammen, Saskia und ich, und spinnen rum. Das macht Spaß und tut gut, wenn uns in der Praxis wieder einmal etwas gegen den Strich gegangen ist.“

Nachdem sie eine Stunde herumgelaufen waren, steuerten sie ein Café an, in dessen Garten gerade ein Tisch frei wurde, als sie sich näherten.

„Scheint ein Glückstag zu sein“, bemerkte Benjamin.

„Weil da jetzt ein Tisch frei geworden ist? Du bist aber bescheiden.“

„Wir haben außerdem Verstärkung für unsere Fußballmannschaft gefunden, und ich habe dich kennengelernt. Also, was mich betrifft, reicht das völlig, um von einem Glückstag zu reden.“

Er sprach so heiter und unbefangen wie zuvor, und doch war jetzt ein neuer Ton in seiner Stimme, und in seinen Blick hatte sich ein Ernst geschlichen, der ebenfalls neu war. Floras Herzschlag beschleunigte sich.

Benjamin griff nach ihrer Hand.

„Flora“, sagte er.

„Ja?“

„Ich … ich wollte nur sagen, ich bin gern mit dir zusammen, und deshalb bin ich froh, dich kennengelernt zu haben.“

„Das bin ich auch“, erwiderte sie leise.

„Darf ich das überhaupt?“, fragte er. „Ich meine, deine Hand halten? Wir haben uns immerhin gerade erst kennengelernt.“

„Ich finde es schön“, antwortete sie wahrheitsgemäß.

Als er lächelte, lächelten auch seine Augen. Ein Teil der Anspannung, die sie plötzlich in seinem Gesicht gelesen hatte, verflog.

„Dann ist es gut“, sagte er. „Ich finde es nämlich auch schön, so hier mit dir zu sitzen, dich nach deinem Leben auszufragen, dir von meinem zu erzählen und …“

Sie hätte gern gewusst, was er noch hatte sagen wollen, doch er schwieg sich aus. Nur der Druck, mit dem er ihre Hand umschlossen hielt, wurde stärker. Als ihr Kaffee serviert wurde, ließ er sie nur zögernd los.

Sie nippten beide am Kaffee, schauten sich über die Ränder ihrer Tassen an, lächelten und schwiegen noch immer. Ab und zu sagte Flora ein Wort oder Benjamin einen Halbsatz, aber sie verstummten schnell wieder. Es war schöner, sich nur mit Blicken zu unterhalten.

Ganz plötzlich war es da gewesen, dieses schwebende Gefühl, das sich nur einstellt, wenn man weiß, dass sich etwas Entscheidendes ereignet hat: Das alte Leben gehört der Vergangenheit an, etwas Neues beginnt. Etwas Neues, von dem man noch nicht weiß, wie es aussehen und sich entwickeln wird, das einen aber bereits auszufüllen beginnt und dafür sorgt, dass man ein paar Zentimeter über dem Erdboden schwebt.

„Gehen wir?“, fragte Benjamin, als sie ihre Tassen geleert und bezahlt hatten.

Flora nickte. Ganz von selbst legte sich sein Arm um ihre Schultern, während sich ihrer um seine Hüfte schlang. Sie blieben erst stehen, als sie sich weitgehend allein auf einem der zahlreichen Wege wiederfanden, die durch den Englischen Garten führen.

„Flora“, sagte Benjamin.

Sie sah zu ihm auf und lächelte, als sie ihre Arme um seinen Hals schlang. Als sie sich küssten, fühlte es sich fremd und vertraut zugleich an. Aufregend fremd und wunderbar vertraut.

***

Stefan Frank saß mit seiner Freundin Alexandra Schubert und seinen Freunden Ruth und Ulrich Waldner auf deren Dachterrasse, von der aus man auf den Englischen Garten in München-Schwabing blickte. Später würden sie zusammen zu Abend essen, aber jetzt genossen sie das beinahe sommerliche Wetter und die Tatsache, dass keiner von ihnen an diesem Sonntag arbeiten musste.

Ulrich leitete die Waldner-Klinik, über der sich das Penthaus befand, das er mit seiner Frau bewohnte. Auch Ruth arbeitete in der Klinik, als Anästhesistin. Stefan Frank, seit langen Jahren mit Ulrich befreundet, hatte Belegbetten in der Klinik, obwohl sich seine Praxis in Grünwald befand.

Dass er eine recht weite Anfahrt hatte, wenn er seine stationär aufgenommenen Patienten besuchen wollte, nahm er gern in Kauf, denn die Zusammenarbeit mit Ruth und Ulrich hatte sich über die Jahre bewährt. Er vertraute ihnen und ihrem Ärzteteam hundertprozentig. Außerdem gefiel es ihm, dass Ulrich nicht nur Privatpatienten aufnahm, sondern bemüht war, seine Klinik allen zu öffnen.

„Was für ein wundervoller Sonntag“, sagte Ulrich gerade und streckte sich genüsslich auf seinem Liegestuhl aus. „Gut, dass wir die Möbel rausgestellt haben, Ruth.“

„Um diese Dachterrasse beneide ich euch“, gestand Alexandra. „Sie ist nicht nur groß, ihr habt auch noch diesen tollen Blick, der wirklich unbezahlbar ist.“

Alexandra war die Jüngste in diesem Quartett, zu dem sie noch gar nicht so lange gehörte. Anfang vierzig war sie jetzt, aber niemand, der sie sah, hielt sie für älter als fünfunddreißig. Sie war als Fachärztin für Augenheilkunde in die Praxis einer älteren Kollegin eingestiegen und hatte sich, nach ihrem Umzug von Hamburg nach München, sehr rasch eingelebt. Mit ihren hellbraunen Locken, den lebhaften Augen und der biegsamen Figur war sie sehr hübsch, und sie hatte Stefan Franks Leben innerhalb kürzester Zeit von Grund auf verändert.

Er war vorher nicht einsam gewesen – das konnte ein Mann, der sich so hingebungsvoll seinen Patienten widmete wie er, niemals sein –, aber sein Leben hatte eben überwiegend aus Arbeit bestanden. Nun hatte er wieder ein erfülltes Liebes- und Privatleben, und seine Patienten freuten sich mit ihm, hatten sie doch das Gefühl, dass ihnen das neue Glück ihres verehrten Hausarztes durchaus zugute kam. Jedenfalls nahmen sie regen Anteil daran, und er hatte nicht einmal etwas dagegen. Im Gegenteil, er freute sich sogar darüber.

Ulrich erhob sich.

„Kann ich jemandem noch ein erfrischendes Getränk mitbringen?“, fragte er. „Ich brauche jedenfalls noch eins.“

Ruth reichte ihm mit einem Lächeln ihr leeres Glas, auch Alexandra schloss sich an. Stefan lehnte dankend ab, er musste später ja noch fahren, und das ‚erfrischende Getränk‘ enthielt nicht nur Orangensaft, sondern auch Alkohol.

Normalerweise unterhielten sie sich lebhaft, wenn sie sich trafen, doch an diesem Sonntag waren alle vier eher schweigsam. Sie hatten harte Wochen hinter sich, der Winter hatte jedem von ihnen zugesetzt.

Im Winter waren mehr Menschen krank, und in den Wartezimmern der Ärzte herrschte Hochbetrieb. Die Klinik hatte mit einer der schwersten Grippe-Epidemien seit Jahren zu kämpfen gehabt, und so kam dieser warme, sonnige Tag ihnen wie gerufen. Er fühlte sich an wie ein Urlaubstag, mit der Verheißung weiterer sonniger Tage, die sie ebenfalls würden genießen können.

Aber als hätte jemand beschlossen, dass es nun genug des Guten sei, unterbrach ein schrilles Telefonklingeln die behagliche Stimmung auf der Dachterrasse.

Ulrich nahm das Gespräch entgegen, und die anderen drei kannten ihn gut genug, um zu wissen, dass der gemütliche Tag beendet war, als sie sein Gesicht sahen und die knappen Fragen hörten, die er stellte.

„Ein junger Mann mit Herzinfarkt“, sagte er, als das Gespräch beendet war. „Sportler, ist beim Joggen zusammengebrochen. Falls er operiert werden muss, werde ich das übernehmen, wartet nicht auf mich.“

„Ach, Uli!“, sagte Ruth unglücklich. „Soll ich nicht auch …“

„Nein“, erwiderte er.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dr. Stefan Frank - Folge 2230" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen