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Dr. Stefan Frank - Folge 2226

Hochzeit im Regen

Doch Ellas Glück kann nichts mehr trüben

Auf der Geburtstagsfeier ihrer besten Freundin begegnet Ella dem witzigen Grundschullehrer Frederik, und schon nach wenigen Minuten weiß sie: Das ist er. Das ist der Mann, auf den sie ihr Leben lang gewartet hat. Die beiden verbringen eine leidenschaftliche Nacht miteinander, und Ella fühlt sich in Frederiks Armen so geborgen wie noch nie in ihrem Leben. Doch am nächsten Morgen ist Frederik wie ausgewechselt, sie erkennt ihn kaum wieder. Er habe sich auch in sie verliebt, müsse sich aber dringend über einige Dinge klar werden, sagt er – und dann ist er verschwunden. Ella kann es nicht fassen! Ist es möglich, dass sie sich so sehr in Frederik getäuscht hat? Hat er am Ende nur mit ihr gespielt?

Mit gesenktem Kopf rennt Frederik durch den Regen und überlegt. Was soll er jetzt nur tun? Wie soll er der Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt hat, nur beibringen, dass er ein todkranker Mann ist?

„Tanzen wir?“, fragte der große Blonde mit den dunkelblauen Augen.

„Gern“, antwortete Ella Simon.

Beinahe hätte sie laut aufgelacht. Er beobachtete sie bestimmt seit einer halben Stunde. Ob er sich genau überlegt hatte, mit welchen Worten er sie ansprechen sollte?

Schüchtern wirkte er nicht, und er sah sehr gut aus. Die meisten Frauen auf der Geburtstagsparty ihrer besten Freundin Britta Diederichs warfen ihm immer wieder verstohlene Blicke zu, das war ihr schon aufgefallen.

Er tanzte gut, stellte sich als Mario Münstermann vor und erzählte ihr, dass er Ingenieur war und davon träumte, bald ins Ausland zu gehen. Fragen an Ella stellte er nicht, er erzählte wohl lieber. Der Tanz war noch nicht zu Ende, als sich Ella bereits langweilte.

So ging es ihr oft. Britta sagte dann, sie sei zu anspruchsvoll, der Mann, der ihr gefiele, müsste vermutlich noch geboren werden. Aber Ella glaubte das nicht. Sie wollte natürlich eine romantische Liebe erleben, aber sie wollte mit dem Mann auch Spaß haben. Jemand, der sie langweilte, hatte jedenfalls keine Chance bei ihr.

Mario Münstermann war offenbar entschlossen, den Abend mit ihr zu verbringen, sodass Ella sofort Gegenmaßnahmen ergreifen musste. Das fehlte ihr noch, dass dieser Mann ihr die Geburtstagsparty ihrer besten Freundin verdarb! Unter dem Vorwand, es seien Gäste angekommen, die sie schon lange nicht mehr gesehen habe und deshalb unbedingt begrüßen müsse, ließ sie ihn stehen.

„Der schöne Mario ist ganz begeistert von dir“, flüsterte Britta ihr zu. „Der lässt dich ja kaum noch aus den Augen!“

„Er mag ja schön sein“, raunte Ella zurück, „aber er ist schrecklich langweilig!“

„Ich weiß.“ Britta kicherte. „Aber all meine Freundinnen – außer dir – schwärmen für ihn. Ich weiß auch nicht, wieso.“

„Ich mache mich mal für eine Weile unsichtbar, vielleicht vergisst er mich dann.“

„Da stehen deine Chancen nicht schlecht. Er lässt sich leicht ablenken.“

Schon wieder kamen neue Gäste, die sich natürlich gleich auf das Geburtstagskind stürzten. Da Ella sie nicht kannte, blickte sie sich um. Mario war in ein Gespräch mit einer hübschen Rothaarigen vertieft.

Erleichtert aufatmend schlüpfte sie in die Küche zum kalten Büfett. Sie hatte noch gar nichts gegessen und merkte jetzt, dass sie hungrig war. Die Auswahl war überwältigend! Ein wenig ratlos ließ sie ihren Blick über das üppige Angebot schweifen.

„Die kleinen Hackfleischbällchen da sind sehr zu empfehlen“, sagte jemand neben ihr. „Scharf gewürzt, einfach köstlich! Aber nimm etwas Joghurt dazu, sonst kriegst du einen Hustenanfall.“

Ella sah zur Seite, direkt in zwei braune Augen, die sie vergnügt anblitzten. Sie gehörten einem jungen Mann, der auf den ersten Blick unauffällig wirkte, dessen Lachfältchen Ella jedoch sofort für ihn einnahmen.

„Danke für den Tipp“, erwiderte sie. „Sonst noch etwas, das ich nicht versäumen darf?“

Er senkte die Stimme.

„Eher eine Warnung. Der Nudelsalat ist fade, lass lieber die Finger davon. Ich weiß nicht, wer ihn beigesteuert hat, jedenfalls schmeckt er nicht. Und dieses andere Zeug da, das aussieht wie tote Außerirdische, schmeckt auch nicht. Angeblich ist es etwas Arabisches, aber nach meiner Kenntnis der arabischen Küche ist das eine ziemliche Beleidigung.“

Ella musste lachen. Der Typ gefiel ihr. Und je länger sie mit ihm sprach, desto weniger verstand sie, wie sie hatte denken können, er sähe unauffällig aus. Er war nur wenig größer als sie selbst, hatte braune Haare und diese Augen, die so schön blitzen konnten. Seine Züge waren nicht ganz regelmäßig, was sie aber eher reizvoll fand. Schönheit ohne kleine Makel hatte sie noch nie interessiert. Sein Profil war klassisch, der Mund ein wenig zu groß. Bestimmt küsste er gut.

„Fertig mit der Musterung?“, erkundigte er sich.

Ihr war nicht aufgefallen, dass sie ihn die ganze Zeit mit prüfendem Blick angesehen hatte. Das war eine Angewohnheit von ihr, die viele Leute irritierte.

„Ja“, antwortete sie.

„Und?“, fragte er weiter. „Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?“

„Ja, stell dir vor“, antwortete sie. Sie war nicht so leicht in Verlegenheit zu bringen.

„Danke gleichfalls“, sagte er. „Du gefällst mir auch. Ich bin Frederik.“

„Ella.“

„Weiß ich schon. Ich habe gehört, wie sich zwei Frauen über dich unterhalten haben.“ Er ahmte deren Unterhaltung mit deutlich höherer Stimme nach. „Ella hat sich natürlich gleich Mario gekrallt, ich weiß auch nicht, wie sie das macht. Klar, sie sieht gut aus, aber …“

Er brach ab, weil Ella schallend anfing zu lachen. Sie lachte so laut, dass mehrere andere Gäste neugierig zu ihr und Frederik herübersahen.

„Wir erregen Aufsehen“, stellte er fest. „Nun lade dir endlich deinen Teller voll, damit wir von hier verschwinden können. In dieser Wohnung gibt es ein Zimmer, in dem es relativ ruhig ist.“

Er gab ihr noch ein paar Ratschläge, was das Büfett anging, die sie alle befolgte, bis nichts mehr auf den Teller passte. Dann lotste er sie durch die Wohnung auf eine schmale Tür zu.

„Das ist Brittas Abstellraum!“, sagte Ella.

„Ja, eben, deshalb ist er ja auch leer“, erklärte Frederik. Er öffnete die Tür, deutete eine Verbeugung an und sagte: „Bitte, Madame, treten Sie ein.“

„Hier ist es kalt.“

„Ach was, es ist angenehm kühl hier. Du kannst meine Jacke haben. Außerdem wird dich das Essen wärmen. Halt, wir brauchen was zu trinken, wie konnte ich das vergessen. Weißwein?“

„Ja, bitte.“

„Rühr dich nicht vom Fleck, ich bin sofort wieder da.“

Als sie allein war, versuchte Ella die pikanten Hackfleischbällchen. Es war ein guter Tipp gewesen, erkannte sie. Sie hatte das erste gerade verzehrt – und mit Joghurt „gelöscht“ –, als Frederik mit zwei vollen Weingläsern zurückkehrte.

„Hier bitte.“

„Danke, das ging ja wirklich schnell.“

Während Ella mit Genuss aß, erzählte Frederik ihr, dass er Britta erst vor kurzem kennengelernt hatte, bei einem gemeinsamen Freund.

„Sie hat mich gleich zu ihrem Geburtstag eingeladen – und was soll ich sagen? –: Ein Glück, dass ich die Einladung angenommen habe, denn sonst wären wir beide uns nicht begegnet.“

Ihr gefiel seine direkte Art. Ihr gefiel überhaupt alles an ihm. Sie fand es schön, hier mit ihm in Brittas Abstellraum zu sitzen, mit seiner Jacke um die Schultern, zu essen und zu trinken und mit ihm zu reden. Er konnte nicht nur gut erzählen, sondern auch zuhören. Und vor allem: Er redete keinen Stuss.

„Was machst du beruflich?“, fragte sie.

„Ich bin Grundschullehrer, aus Leidenschaft. Kinder haben mich schon immer fasziniert, ich komme gut mit ihnen klar, und deshalb wollte ich in meinem Beruf unbedingt mit Kindern zu tun haben. Zuerst dachte ich, Erzieher wäre das Richtige, aber ich habe doch lieber mit etwas größeren Kindern zu tun, also bin ich Lehrer geworden. Und du? Was machst du?“

„Ich suche Drehorte für Filmproduktionen“, antwortete Ella.

„Das ist ein Beruf?“, fragte er ungläubig.

„Ja, zum Glück. Ich kenne mich in München und Umgebung ziemlich gut aus. Ich fotografiere viel und bin immer glücklich, wenn ich Ecken entdecke, die ich vorher noch nie gesehen habe.“

„Und wie kommt man zu solch einem ungewöhnlichen Job?“

„Irgendwann habe ich einer Freundin aus der Filmbranche, die verzweifelt auf der Suche nach einer Industrieruine für einen Film war, einen Tipp gegeben, wo sie die finden könnte. Die war mir so dankbar, das glaubst du nicht. Na ja, und das hat mich dann auf die Idee gebracht, daraus meinen Beruf zu machen. Ich bin da ganz allmählich reingerutscht, und weil es so gut funktioniert hat, bin ich dabei geblieben. Zum Leidwesen meiner Eltern, muss ich sagen, ich habe nämlich deshalb mein Studium abgebrochen – eigentlich wollte ich Architektin werden. Aber mittlerweile haben sie sich damit abgefunden, weil sie sehen, dass ich gut zurechtkomme.“

„Das heißt, du bist ständig unterwegs, um nach passenden Drehorten zu suchen?“

„Ja.“ Ella nickte. „Wenn mich eine Firma engagiert, bekomme ich ein Drehbuch, rede mit dem Regisseur und den Produzenten, was sie sich vorstellen, und dann fange ich an zu suchen. Meistens mache ich mehrere Vorschläge, damit sie die Wahl haben. Es ist eine spannende Arbeit, zumal sich Städte ja auch ziemlich rasant verändern. Manche Häuser, die ich noch in meinem Archiv habe, stehen längst nicht mehr. Wobei in München alte Bausubstanz nicht so schnell abgerissen wird wie in einigen anderen Städten des Landes.“

Ella trank einen Schluck Wein, dann wischte sie mit dem letzten Stück Fladenbrot ihren Teller sauber und schob es sich in den Mund.

„Lecker!“, seufzte sie.

Frederik lächelte.

„Es ist eine Freude, dir beim Essen zuzusehen“, stellte er fest. „Ich kann Frauen nicht leiden, die stundenlang an einem Salatblatt ohne Dressing herumpicken, um sich nur ja nicht die Figur zu ruinieren.“

„Könnte mir nicht passieren, dazu esse ich zu gern.“ Ella stellte den Teller beiseite. „Und was machen wir jetzt?“

„Tanzen?“, fragte er. „Oder lieber reden?“

„Reden“, sagte sie.

„Oder ich wüsste vielleicht noch etwas anderes …“

Jetzt lächelte er nicht mehr. Sein Blick war ernst, fragend, und mit einem Mal schlug Ella das Herz bis zum Hals. Sie hatte es kommen sehen, wenn auch nicht so schnell. Aber eigentlich war es schon klar gewesen, als er gesagt hatte: „Der Nudelsalat ist ziemlich fade.“ Eher sogar noch früher.

Frederik rückte ein Stückchen näher, und Ella wich nicht zurück. Sie sah ihn einfach nur an und erkannte, dass sein Herz genauso aufgeregt schlug wie ihres.

Er griff nach ihrer Hand.

„Ella“, sagte er mit belegter Stimme, „das geht jetzt ziemlich schnell …“

„So ist das eben manchmal“, erwiderte sie.

Er rückte noch näher, und seine Arme schlossen sich um sie. Sein Mund war warm, weich und aufregend. Sie ließ sich in diesen Kuss fallen, vergaß die Umgebung, die Party, Britta, Mario Münstermann.

„Ich glaube, wir müssen hier weg“, sagte Frederik viele Küsse später leise.

Das glaubte Ella auch, und Britta würde es sicher verstehen. Wahrscheinlich hatte sie es sogar kommen sehen. Britta hatte manchmal ein erstaunlich scharfes Auge.

„Ich wohne gleich um die Ecke“, flüsterte sie.

Sie standen gleichzeitig auf, umarmten und küssten sich von Neuem.

„Verabschieden wir uns?“, fragte Frederik leise. „Ich will nicht, dass Britta böse auf uns ist.“

„Geh du schon mal raus, ich sage ihr Bescheid.“

Frederik nickte, öffnete vorsichtig die Tür und schlüpfte hinaus. Ella folgte ihm kurz darauf. Sie fand ihre Freundin im Flur und wisperte ihr ein paar erklärende Worte ins Ohr.

Britta umarmte sie und wünschte ihr Glück, dann verließ auch Ella die Wohnung.

Frederik stand unten vor dem Haus und wartete auf sie. Sie griff nach seiner Hand und zog ihn mit sich. Wer ihr vor der Party erzählt hätte, dass sie in dieser Nacht einen Mann mit nach Hause nehmen würde, den hätte sie ausgelacht.

Aber so war das eben: Manchmal geschahen Dinge, mit denen man vorher unmöglich rechnen konnte.

***

Dr. Stefan Frank hob sein Weinglas.

„Das war ein hervorragendes Essen, Alexa, ich danke dir dafür“, sagte er. „Für das Essen, für den Abend und überhaupt dafür, dass du da bist.“

Dr. Alexandra Schubert strahlte ihn an. Sie war wie eine frische Brise in sein Leben gewirbelt und hatte es gehörig durcheinandergebracht. Mit einer neuen Liebe hatte er nicht mehr gerechnet und sich deshalb in den vergangenen Jahren fast ausschließlich auf den Dienst an seinen Patientinnen und Patienten konzentriert. Dass diese nun, da er wieder ein Privatleben hatte, das diesen Namen auch verdiente, dennoch nicht zu kurz kamen, wusste er, weil sie es ihm oft genug selbst sagten.

Erst am Tag zuvor hatte er es wieder gehört, von einer Patientin, die er schon lange kannte:

„Wir freuen uns alle so, dass Sie wieder glücklich sind, Herr Doktor! Etwas von Ihrem Glück strahlt nämlich auch auf uns Patienten ab, wissen Sie?“

Dieses Gefühl hatte er auch.

Alexandra war nur einige Jahre jünger als er, doch dass sie bereits Anfang vierzig war, sah man ihr nicht an. Sie war eine ausgesprochen hübsche Frau mit hellbraunen Locken, die sich jedem Versuch, sie zu bändigen, widersetzten.

Sie war Fachärztin für Augenheilkunde und als Partnerin in eine Praxis in Grünwald eingestiegen, wo auch Stefan Frank lebte. Im Erdgeschoss seines Hauses in der Gartenstraße praktizierte er, seine Wohnung lag darüber im ersten Stock. Alexandra hatte ganz in der Nähe eine hübsche, helle Wohnung gefunden. Ihre Wochenenden verbrachten sie grundsätzlich gemeinsam.

An diesem Samstagabend hatte Alexandra wieder einmal gekocht, was sie gern und mit großer Leidenschaft tat, wenn sie Zeit hatte. Es war ein Menu mit mehreren Gängen gewesen, sie hatte den Tisch schön gedeckt, und überall in der Wohnung brannten Kerzen. Sie hatte eine romantische Atmosphäre geschaffen, die nicht ohne Wirkung auf Stefan blieb.

„Mir hat es auch geschmeckt“, erwiderte Alexandra zufrieden. „Die Frage ist jetzt natürlich, was wir mit dem angebrochenen Abend machen.“

Er wusste genau, was kam, aber er rührte sich nicht, um ihr die Freude nicht zu verderben. Alexandra war eine große Verführerin, und er ließ sich das nur zu gern gefallen. Manchmal, während der Woche, wenn sie sich ...

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