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Dr. Stefan Frank - Folge 2223

Drei Engel im Schnee

Dr. Frank und drei aufgeweckte Kinder

Der Unfallchirurg Dr. Jan Heller und die hübsche Physiotherapeutin Marion sind wie für einander geschaffen, finden Dr. Stefan Frank und seine Lebensgefährtin Alexandra Schubert. Deshalb sagen die beiden auch gern zu, als das befreundete Paar sie bittet, ihnen bei ihrer Hochzeit als Trauzeugen zur Seite zu stehen.

Es wird eine wunderschöne Trauung, die alle zu Tränen rührt. Doch dann öffnet sich das hölzerne Kirchenportal, und herein tritt ein Mann, der das Leben der beiden Frischvermählten gehörig auf den Kopf stellen wird! Der Beamte vom Grünwalder Jugendamt hat soeben erfahren, dass Jans Schwester Sabine, die schon seit vielen Jahren in Südafrika lebt, tödlich verunglückt ist und drei kleine Kinder zurücklässt. Der einzige noch lebende Verwandte ist Jan, also wird er sich um die Rasselbande kümmern müssen. Viel Zeit zu überlegen hat er nicht, denn das Flugzeug aus Johannesburg, in dem Dana, Joel und Lilly sitzen, ist soeben auf dem Münchner Flughafen gelandet …

„Vor Gottes Angesicht nehme ich dich, Jan, zu meinem Mann. Ich verspreche dir die Treue in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis dass der Tod uns scheidet.“

Marions Worte klangen fest und klar, aber ihre Hand zitterte, als sie den Ring von Alexandra Schubert, ihrer Trauzeugin, entgegennahm.

Alexandra blinzelte ihrer Freundin aufmunternd zu, und Marion lächelte dankbar zurück.

„Trag diesen Ring als Zeichen unserer …“ Es war gar nicht so einfach, dieses kleine rutschige Ding in die richtige Position zu bringen, und dass auch Jans Hand zitterte, machte die Sache für Marion nicht gerade einfacher.

Der Grünwalder Arzt, Jans Trauzeuge, spannte, zum Sprung bereit, die Muskeln seiner Beine an, als es für einen Moment so aussah, als würde Marion der goldene Ring entgleiten und zu Boden fallen. Doch die strahlende Braut, die von Kopf bis Fuß in hauchzarte weiße Spitze gehüllt war, schaffte es, trotz ihrer Ergriffenheit und Nervosität, Jan den Ring an den Finger zu stecken.

„… als Zeichen unserer Liebe und Treue“, vervollständigte sie die Formel, hob das Gesicht und strahlte ihn so glücklich und verliebt an, dass der Bräutigam noch weichere Knie bekam.

Erleichtert drückte Stefan Frank fest zu, als seine Freundin, die Augenärztin Alexandra Schubert, heimlich ihre Hand in seine schob. Er konnte hören, wie sich nun auch Alexandras Anspannung mit einem leisen Seufzer legte.

„Reichen Sie einander nun die Hände.“ Pater Johannes, der Grünwalder Pfarrer, nahm das Ende seiner Stola, die er um den Nacken trug, und bedeckte damit die Hände des Brautpaares. Dann legte er seine Rechte darauf. „Im Namen Gottes und seiner Kirche bestätige ich den heiligen Ehebund.“

Er hob den Kopf und blinzelte ein wenig irritiert, als sich in diesem Augenblick leise knarrend das massive hölzerne Portal der Kirche öffnete. Ein Mann, der einen dicken Parka, Jeans und klobige Winterstiefel trug, trat ein.

Pater Johannes überlegte: Zu den Gästen konnte der Mann in diesem rustikalen Aufzug wohl eher nicht gehören. Ein neugieriger Tourist vielleicht, der sich einmal eine Bayerische Hochzeit anschauen wollte?

„Sie alle, die hier zugegen sind“, fuhr er fort, „nehme ich zu Zeugen dieses heiligen Bundes, der vor Gott geschlossen ….“

Pater Johannes versuchte, sich auf seine abschließenden Worte zu konzentrieren, aber immer wieder wanderte sein Blick unwillkürlich zu dem Mann im dicken Parka, der hinten am Eingang stehen geblieben war und nun auch noch die Hand hob und ihm zuwinkte.

„… geschlossen wurde.“

Beinahe hätte er den Faden verloren. So etwas war ihm wirklich noch nie passiert!

„Möge diese Verbindung …“

Zum Kuckuck, noch mal, was wollte der Kerl denn von ihm?

„Diese Verbindung möge … sie möge … ewig wären. Was Gott zusammengefügt hat, darf der Mensch …“

Das war doch wirklich nicht zu fassen! Jetzt machte der Mann hinten am Portal auch noch das Time-out-Zeichen, das Pater Johannes kannte, weil er manchmal mit den Jungs aus seinem Jugendclub Fußball spielte. Der Pfarrer schüttelte leicht den Kopf.

„Der Mensch darf … nicht trennen, was Gott …“, fuhr er fort.

Jetzt zog der Mann einen Zettel aus der Tasche seiner Jacke, hielt ihn hoch über seinen Kopf, wedelte damit in der Luft herum und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

Die Hochzeitsgäste wurden nun unruhig. Füße scharrten, Hosenböden knarzten beim Umdrehen auf den Holzbänken, und leises Gemurmel erfüllte die bis auf den letzten Platz besetzte Kirche.

Pater Johannes räusperte sich, holte tief Luft und setzte noch einmal zur Schlussformel an:

„Was Gott zusammengefügt hat, darf der Mensch nicht trennen!“

Laut hallten seine Worte durch das hohe Gewölbe. Er hatte sie energisch und mit Nachdruck ausgesprochen, denn langsam beschlich ihn ein mulmiges Gefühl.

Nun stellte sich der Mann im Parka auch noch auf die Zehenspitzen, deutete mit einem Finger auf den Zettel in seiner Hand und machte dann eine Geste, die wohl äußerste Dringlichkeit signalisieren sollte.

Pater Johannes gab dem Orgelspieler, der sich – verwirrt über diese stockenden Schlussworte – über die Brüstung der Empore beugte, um zu sehen, was den Ablauf der Zeremonie verzögerte, ein Zeichen. Kurz darauf übertönten feierliche Orgelklänge das unpassende Gemurmel.

„Es tut mir sehr leid“, sagte Pater Johannes zu der Braut, die ihn erstaunt anblickte. „Offenbar geht es um etwas sehr Dringendes. Ich bin sofort wieder zurück.“

„Was hat das denn zu bedeuten?“, flüsterte Alexandra Stefan zu. Die beiden Ärzte hatten nach der Überreichung der Ringe wieder auf ihren Plätzen in der vordersten Reihe Platz genommen.

„Ich weiß es nicht.“ Dr. Stefan Frank schüttelte ratlos den Kopf. „Aber ist das nicht der junge Maximilian Hamerski, der im Gemeindeamt arbeitet?“

„Ja, du könntest recht haben, Stefan.“ Alexandra legte erschrocken eine Hand vor ihren Mund. „Du, der wird doch nicht aus irgendeinem Grund die Hochzeit jetzt noch verhindern wollen?“

„Falls er das vorhaben sollte, kommt er etwas zu spät“, flüsterte der Grünwalder Arzt zurück. „Die beiden sind bereits verheiratet. Und zwar sowohl standesamtlich als auch kirchlich. Daran ist jetzt nichts mehr zu ändern.“

Als der Pfarrer die drei Stufen vom Altar hinabstieg und mit großen Schritten, wehender Soutane und besorgtem Blick zum Tor eilte, standen Stefan und Alexandra auf, um dem völlig verwirrten Brautpaar beizustehen. Dabei waren sie mindestens ebenso erschrocken und besorgt wie Jan und Marion. Nicht nur deshalb, weil sie die Trauzeugen waren, nein, sie hatten diese Ehe auch gestiftet.

Jan-Ulrich Heller war ein lieber Freund aus Stefans Studienzeit. Ganz ohne Stefans Zutun hatte es ihn an die Münchener Waldner-Klinik verschlagen, wo er seit einem halben Jahr als Unfallchirurg tätig war. Da er sich – genau wie Stefan – nach dem Studium fast ausschließlich auf seinen Beruf konzentriert hatte, hatte Jan es bislang nicht geschafft, eine Familie zu gründen.

Marion, die vor der Hochzeit den Namen Fischer getragen hatte, arbeitete als Physiotherapeutin und Heilpraktikerin in ihrer eigenen Praxis. Alexandra hatte sich spontan mit der vierunddreißigjährigen Frau angefreundet, als sie, nach einem Sturz im letzten Winter, durch ihre Hände von den schmerzhaften Muskelverspannungen am Rücken kuriert worden war.

Der hübschen Augenärztin gefiel, dass Marion etwas ungewöhnlich war. Die Freundin trug ihr strohblondes Haar streichholzkurz, ihre Nase war von Sommersprossen übersät, und in ihren moosgrünen Augen blitzte fast immer der pure Übermut. Vor allem aber war sie sehr temperamentvoll!

Marion und Jan hatten sich bei einem gemeinsamen Abendessen zu viert kennengelernt. Stefan und Alexandra – die sich sofort darüber einig gewesen waren, dass Marion und Jan perfekt zueinander passten – hatten so lange heimlich die Fäden gezogen, bis die beiden endlich ein Paar geworden waren.

„Gott prüft Ihre Verbindung von der ersten Sekunde an, wie es scheint. Nun wird sich zeigen, was Ihre Liebe wert ist. Ich bin untröstlich. Seien Sie stark!“ Pater Johannes war etwas kurzatmig, als er mit dieser rätselhaften Aussage an den Altar zurückgeeilt kam. „Es tut mir sehr, sehr leid, aber wir müssen die Zeremonie hiermit beenden. Der feierliche Auszug aus der Kirche kann leider nicht mehr stattfinden. Kommen Sie bitte mit nach nebenan in die Sakristei, dort wird man Ihnen alles erklären.“

„Ach du heiliges Kanonenrohr! Was zum Teufel …?“ Marion, die wie immer das Herz auf der Zunge trug, stockte, erschrocken über ihre unpassende Ausdrucksweise. „Tut mir leid, Pater. Was ist denn passiert?“

„Komm, Liebes, man wird es uns schon sagen.“ Jan, der sehr viel zurückhaltender, ernsthafter und vernünftiger war als seine frisch angetraute Ehefrau, legte Marion einen Arm um die von Spitzen eingerahmten Schultern. „Je schneller wir nach nebenan gehen, desto schneller wissen wir Bescheid.“

„Und die Gäste?“, brauste Marion auf. „Die lassen wir hier einfach sitzen, bis sie vermodern?“ Sie blickte der Reihe nach in die bekannten Gesichter und hob die Schultern, um zu signalisieren, dass auch sie noch immer ahnungslos war.

„Ach ja, die Gäste!“ Pater Johannes wandte sich an die beiden Trauzeugen. „Könnten Sie bitte eventuell …? Die Zeit ist sehr knapp.“

„Gerne, aber was soll ich sagen?“, fragte Stefan den Pfarrer. „Dass die Hochzeit zu Ende ist? Dass sie alle gehen sollen? Oder sollen sie warten?“

„Oh, ja, richtig!“ Pater Johannes trat nahe an Stefan und Alexandra heran und murmelte einige Worte.

„Ach du dickes Ei!“, entfuhr es der Augenärztin. Doch sofort wandte sie sich mit einem beruhigenden Lächeln an das verunsicherte Brautpaar, das noch immer keine Ahnung hatte, was ihm bevorstand. „Stefan und ich regeln alles, macht euch überhaupt keine Gedanken wegen der Gäste. Wir kommen dann sofort zu euch in die Sakristei. Natürlich lassen wir euch nicht im Stich.“

Auch Stefan Frank nickte den beiden aufmunternd zu. Dann stolperten Jan und Marion hinter dem Pfarrer her zu einer kleinen verborgenen Tür seitlich des Altars.

Der Grünwalder Arzt trat vor die Gäste, die inzwischen laut miteinander diskutierten und die wildesten Vermutungen anstellten.

„Ich bitte für einen Augenblick um Ihre Aufmerksamkeit!“

Stefan hätte beinahe laut losgelacht, als sämtliche Münder augenblicklich zuklappten, und alle Blicke sich neugierig auf ihn richteten. Von einer Sekunde auf die andere herrschte eine so vollkommene Stille, dass man es vermutlich deutlich gehört hätte, wenn ein Floh den Mittelgang entlanggehüpft wäre.

„Es tut mir sehr leid, aber die Zeremonie ist hiermit zu Ende“, verkündete Stefan laut. „Es sind familiäre Probleme aufgetreten, die sofort gelöst werden müssen. Bitte gehen Sie jetzt alle in den Festsaal des Hotels Zur goldenen Krone, dort ist ein Büfett für sie alle vorbereitet. Genießen Sie es. Ich denke nicht, dass Marion und Jan die Gelegenheit dazu haben werden, heute noch dort zu erscheinen.“

„Bevor hier irgendwelche wilden Gerüchte auftauchen, möchte ich Ihnen allen versichern, dass Marion und Jan Heller rechtmäßig verheiratet sind und sich daran auch nichts mehr ändern wird“, fügte Alexandra noch rasch hinzu, als das laute Gemurmel sich wieder erhob.

„Die Probleme betreffen jemanden aus der engen Verwandtschaft des Brautpaares. Genaueres wissen wir auch noch nicht“, ergänzte Stefan. „Genießen Sie trotzdem das Fest. Es ist bereits alles bezahlt, und es wäre schade, wenn die guten Sachen verderben würden. Bitte trinken Sie ein Glas Champagner auf Jan und Marion, und wünschen Sie den beiden Glück! Ich fürchte, sie werden es brauchen können …“

***

Zur selben Zeit über den Wolken …

„Ladys und Gentlemen, bitte begeben Sie sich jetzt auf Ihre Plätze, stellen Sie die Sitze in eine aufrechte Position, und schließen Sie die Sicherheitsgurte. Wir setzen in Kürze zur Landung in Frankfurt am Main an. Die Außentemperatur liegt bei minus sieben Grad Celsius, es erwarten Sie heftiges Schneetreiben und eisiger Nordwind. Aufgrund der herrschenden Wetterbedingungen könnten sich die direkten Anschlussflüge nach Berlin, Hamburg, München und Wien möglicherweise etwas verspäten.“

„Ach du liebes bisschen, hier ist ja Winter! Daran habe ich überhaupt nicht gedacht! Da merkt man, wie lange ich nicht mehr in der guten alten Heimat gewesen bin. Du meine Güte, was machen wir denn da?“ Schwester Benedikte, eine etwa sechzigjährige, groß und sehr kräftig gebaute Ordensschwester, packte fester zu, als sich das kleine, etwa anderthalbjährige Mädchen, das sie auf dem Schoß hielt, in ihren Armen zu winden begann. „Brav sein, Dana, wir landen jetzt bald.“

„What? Was hat the man gesprecht?“, fragte Mary-Claire, eine junge dunkelhäutige Ordensschwester, die seit einem Jahr in der deutschen Missionsstation der Barmherzigen Schwestern in Johannesburg arbeitete, wo man sich hauptsächlich um Waisenkinder kümmerte. Trotz der Bemühungen von Schwester Benedikte und dem Eifer ihrer Mitschwester, beherrschte Mary-Claire die schwere deutsche Sprache noch nicht so besonders gut.

„Winter!“, stöhnte Schwester Benedikte und zeigte nach unten.

„No, Joel, sitzen müssen!“ Lachend fing Mary-Claire den etwa dreijährigen Jungen ein, der eben ausbüxen wollte. „Der Flugzeug landet in der schöne Land mit der nette Großpapa.“

Joels fünfjährige Schwester Lilly, die zwischen Schwester Benedikte und Mary-Claire saß, grölte derweil ein Kinderlied über Tiere, in dem viel gequakt, gebellt, trompetet, geschnattert und gewiehert wurde – und das in einer Frequenz, die jedem, der nicht an den Umgang mit kleinen Kindern gewöhnt war, die Tränen in die Augen treiben musste.

„Schnee!“, fuhr Schwester Benedikte erklärend fort, und als sie bemerkte, dass Mary-Claire nicht so recht verstand, worüber sie sich Sorgen machte, fügte sie hinzu: „Kalt! Eiskalt!“ Sie umschlang ihren Oberkörper mit beiden Armen und schüttelte sich. „Brrr! Kalt wie auf dem Gipfel des Kilimandscharo. Eisig wie am Nordpol. Und die Kleinen haben nur ganz dünne Sommerkleidchen und kurze Hosen an. Hoffentlich hat der Großvater daran gedacht, ein paar warme Sachen mitzubringen.“

„Schnee? Snow? Richtige, echter Snow? Schön!“ Mary-Claire klatschte, hell auflachend, in die Hände.

Der kleine Joel auf ihrem Schoß tat es ihr gleich und stieß dabei einen schrillen Schrei aus, der ein Glas in tausend Stücke hätte zerspringen lassen, wäre eines in der Nähe gewesen.

„Was ist das, Schnee?“, wollte Lilly wissen und unterbrach dafür kurz ihr Lied. Sie stellte diese Frage in einem Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch und Afrikaans. Niemand außer den beiden Ordensschwestern hätte auch nur ein Wort davon verstanden.

„Schnee!“, wiederholte Schwester Benedikte und beugte sich lachend zu dem kleinen Mädchen hinab. „Ganz Deutschland ist weiß zugedeckt. Wie ein riesiger Kuchen unter einer dicken Schicht Puderzucker sieht das aus.

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