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Dr. Stefan Frank - Folge 2220

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Ab heute gehört uns die Welt!
  4. Vorschau

Ab heute gehört uns die Welt!

Dr. Frank und zwei junge Patienten auf der Suche nach dem Glück

Direkt an seinem achtzehnten Geburtstag hat Ben Reuttenthal sein Elternhaus verlassen, weil es dort nicht auszuhalten war. Zu seiner Familie hat er keinen Kontakt mehr, lediglich seine kleine Schwester Lea trifft er hin und wieder heimlich. Als sie ihm eines Tages schreibt, er soll sofort nach Hause kommen, ahnt er deshalb, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Und in der Tat: Sein Bruder Alexander hat sich betrunken hinters Steuer gesetzt und einen Autounfall verursacht, der eine junge Frau namens Nina beinahe das Leben gekostet hätte! Alexander bereut nichts, doch Ben schämt sich – wieder einmal – für seine Familie. Also macht er sich auf den Weg ins Krankenhaus, um Nina zu besuchen. Was er nicht ahnt: Diese Begegnung wird sein gesamtes Leben verändern …

Je näher Benedikt Reuttenthal der protzigen Grünwalder Villa kam, desto zögernder wurden seine Schritte.

Ben stattete dem Haus, in dem er aufgewachsen war, nur selten einen Besuch ab, denn die Villa barg keine guten Erinnerungen für ihn. Das Einzige, was ihn noch hierher zog, war Lea, seine kleine Schwester – seine Halbschwester, um genau zu sein –, die er von ganzem Herzen liebte. Sie war, und dafür dankte er dem Himmel immer wieder aufs Neue, vollkommen anders als der Rest der Familie: liebevoll, mitfühlend, ehrlich und anständig.

Wörter, von denen die anderen nicht einmal wissen, wie sie geschrieben werden, dachte Ben mit bitterem Spott, geschweige denn, was sie bedeuten.

Als er das Haus erreichte, blieb er einen Moment stehen und atmete einmal tief durch, bevor er die Hand hob und auf die Klingel drückte. Weshalb sein Vater ihn wohl hierher beordert haben mochte?

Am vergangenen Abend, als er nach Hause gekommen war, hatte er die Nachricht auf seinem Anrufbeantworter vorgefunden: „Ich wünsche, dass du morgen um achtzehn Uhr bei uns erscheinst.“

Kein Gruß, keine freundliches Wort, nur dieser eine Satz, aber mehr hatte Ben eigentlich auch nicht erwartet, denn normalerweise sprachen sie nicht miteinander.

Er hatte den Befehl seines Vaters mit einem Schulterzucken abgetan.

Wünschen kannst du viel, hatte er gedacht, während er der schroffen, herrischen Stimme gelauscht hatte.

Ben würde den Teufel tun und in der Villa antanzen, nur weil seinem Vater danach war.

Doch gerade, als er die Nachricht gelöscht hatte, war eine SMS seiner Schwester eingegangen, als wüsste sie ganz genau, was ihm in diesem Moment durch den Kopf ging.

Du musst kommen“, hatte Lea geschrieben. „Bitte, Ben! Es ist etwas passiert. Etwas Schreckliches.“

Er hatte sofort zurückgeschrieben, was denn geschehen sei, jedoch keine Antwort erhalten.

Ein unbehagliches Gefühl hatte ihn erfasst, doch er versuchte, sich zu beruhigen.

So schlimm wird es schon nicht sein, sagte er sich.

Siebzehnjährige Mädchen neigten schon mal dazu, Dinge zu übertreiben, sie dramatischer zu machen, als sie tatsächlich waren – obwohl es in diesem grässlichen Haus wahrhaftig genug echte Dramatik gab.

Nun, er musste abwarten. Er war nicht auf dem Laufenden, hatte nicht die geringste Ahnung, was sich abgespielt haben mochte, denn er war erst vor zwei Tagen aus Australien zurückgekehrt, wo er ein halbes Jahr verbracht hatte.

Unwillkürlich legte sich ein Lächeln auf seine Lippen. Es war eine tolle Zeit gewesen, hart und anstrengend, aber aufregend, denn er hatte sich seinen Aufenthalt dort am anderen Ende der Welt durch Arbeiten finanziert und viel Neues erlebt.

Das große schmiedeeiserne Tor schwang auf, und Ben trat hindurch, ging langsam die Auffahrt zur Villa hinauf.

Betty, seine Stiefmutter, öffnete ihm, ein falsches Lächeln auf den Lippen.

„Wie schön, dich zu sehen“, begrüßte sie ihn und hielt ihm die Hand hin – die Ben jedoch ignorierte. Er wusste, dass sie ihn genauso wenig leiden konnte wie er sie und ihn am liebsten von hinten sah.

Die Hand sank herab, das Lächeln verschwand. Ihr linkes Lid begann zu zucken. Betty wandte sich ab.

Sie ist nervös, stellte Ben überrascht fest. Da scheint ja tatsächlich irgendetwas nicht in Ordnung zu sein.

Er folgte seiner Stiefmutter zum Wohnzimmer, blieb jedoch in der Tür einen Moment stehen und ließ seinen Blick schweifen.

Sein Vater stand am Fenster, schaute hinaus in den Garten und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Fensterbank. Alexander, sein Halbbruder, lümmelte in einem Sessel und gab sich gelangweilt, als ginge ihn das, was auch immer der Grund für dieses Treffen war, nicht das Geringste an. Betty hatte sich auf die weiße Couch gesetzt, saß stocksteif da und knetete nervös die Finger.

Ben betrachtete die drei misstrauisch. Am Tag seines achtzehnten Geburtstags war er für immer fortgegangen, weil er es nicht eine Sekunde länger ertragen hätte, in diesem Haus zu bleiben. In all den Jahren hatte er versucht, sich auch gefühlsmäßig von seiner Familie zu lösen, doch Ärger und Zorn wollten ihn nicht loslassen, und er wusste, dass er so lange mit ihnen verbunden bleiben würde, wie die Erinnerungen an all die Verletzungen seiner Kindheit und Jugend nicht verblasst waren.

Während sich die Beziehung zu seinem Vater und seiner Stiefmutter am besten mit: „Ich mag sie nicht, aber sie gehen mir an meinem Allerwertesten vorbei“, beschreiben ließ, weckte allein schon der Anblick seines Bruders tiefste Abscheu in ihm. Alexander war durch und durch bösartig, gemein und hinterhältig. Ein Mensch, der seine Freude darin fand, andere zu quälen und zu demütigen. Der glaubte, sich alles erlauben zu können – und der gleichzeitig der größte Feigling war, den er kannte.

Bens Blick wanderte wieder zu Alexander, und unwillkürlich grinste er, als er an jenen Tag zurückdachte, an dem er fortgegangen war. Dies war eine der wenigen Erinnerungen, die er mochte: wie er seinem Bruder eine ordentliche Tracht Prügel verpasst hatte.

Nein, Benedikt war kein Mensch, der Gewalt für ein geeignetes Mittel hielt. Er fand es widerlich, wenn Leute sich schlugen. Aber genauso widerlich hatte er es gefunden, dass Alexander seine kleine Schwester misshandelte.

Lea war die Einzige, von der sich Ben damals verabschiedet hatte. Als er ihr Zimmer betreten hatte, hockte die Achtjährige weinend auf ihrem Bett, die Arme und den Körper voller blauer Flecken. Er hatte sofort gewusst, dass dies das Werk seines Bruders war, und er hatte ebenfalls gewusst, dass Alexander nicht allein der Kleinen wehtun wollte, sondern vor allem ihm, Ben.

Eisige Ruhe hatte ihn erfüllt, als er in Alexanders Zimmer marschiert war und sich den Bruder vorgenommen hatte.

„Damit du weißt, wie das ist“, hatte er dem heulenden Alexander gesagt, als er mit ihm fertig war, und ihn noch einmal geschüttelt. „Und damit du dir ein für alle Male merkst, dass du Lea in Ruhe zu lassen hast. Hältst du dich nicht daran, bekommst du die nächste Lektion, verstanden?“

Soweit Ben wusste, hatte Alexander sich daran gehalten. Zumindest hatte er nie mehr körperliche Gewalt gegen seine kleine Schwester angewandt. Und Lea hatte bald gelernt, sich gegen ihren Bruder zu wehren, gegen seine Demütigungen, seine Lügen, seine Intrigen. Alexander verlor seine Macht über sie – und dafür hasste er seine Schwester.

„Was gibt’s denn hier so Komisches?“, fragte sein Vater in diesem Moment.

Tobias Reuttenthal hatte sich umgedreht und betrachtete missbilligend seinen ältesten Sohn.

„Euch“, erwiderte Ben, „und ein paar Erinnerungen, die mir lieb und teuer sind“, fügte er hinzu, während er eine Hand zur Faust ballte und in die andere hieb, wobei er Alexander weiterhin anschaute. Sein Grinsen vertiefte sich, als er die Wut in den Augen seines Bruders aufblitzen sah.

Doch zu seinem Erstaunen verkniff sich Alexander jede Bemerkung. Obwohl es ihm offensichtlich schwerfiel.

Es verblüffte Ben. Und unwillkürlich fragte er sich, ob diese Zusammenkunft etwas mit seinem Bruder zu tun haben mochte.

War Alexander wieder einmal in Schwierigkeiten?

Aber was hatte das mit ihm zu tun?

In diesem Moment wurde die Tür zum Wohnzimmer aufgestoßen, und Lea stürmte herein. Impulsiv warf sie sich in die Arme ihres großen Bruders, der sie lachend auffing.

Die Hände noch auf ihren Schultern, schob Ben sie ein Stück von sich weg und betrachtete sie überrascht.

„Mein Gott, hast du dich in diesem halben Jahr verändert!“, stellte er fest. „Du bist ja richtig erwachsen geworden. Und noch hübscher als zuvor. Von wem du das nur hast?“

Unwillkürlich schaute Lea zu ihrer Mutter hin, blickte aber schnell wieder weg.

„Tja, wenn ich das nur wüsste“, murmelte sie vor sich hin und grinste. „Wahrscheinlich haben sie mich doch im Krankenhaus vertauscht.“

Lea ähnelte weder ihren Eltern noch ihrem Bruder, wofür sie äußerst dankbar war.

Genau wie Ben hatte sie dunkle Haare, aber damit hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Sie war ein rassiger, südländischer Typ, mit kohlrabenschwarzen Augen, dichten, dunklen Wimpern, einer schmalen, ganz leicht gebogenen Nase, vollen Lippen und einer Haut, die schnell bräunte. Dichte schwarze Locken, die sich nie bändigen lassen wollten, umrahmten ihr Gesicht und verliehen ihr einen zusätzlichen Reiz.

Blitzgescheit war sie auch, selbstbewusst, zielstrebig und mindestens so stur und hartnäckig wie ihr Vater, was immer wieder zu erbitterten Zusammenstößen zwischen den beiden führte. Obwohl Tobias auch bei ihr versuchte, sie mit harten Strafen gefügig zu machen, erreichte er damit – genau wie früher bei Ben – nur das Gegenteil.

„Zwei Monate noch“, flüsterte Lea ihm zu, als wüsste sie, was er gerade dachte, „dann bin ich achtzehn und mache den Abflug. Du weißt doch, was du mir versprochen hast, oder?“

„Klar weiß ich das“, erwiderte er ebenso leise.

„Wenn ihr zwei endlich mit eurer überschwänglichen Begrüßung zu Ende seid, dann könnten wir vielleicht zur Sache kommen“, sagte Tobias Reuttenthal kalt, und in dem Blick, mit dem er Sohn und Tochter betrachtete, lag keinerlei Zuneigung.

Aber da war etwas anderes, was sich in den Augen seines Vaters widerspiegelte, und einen Moment lang rätselte Ben, was es sein mochte. Unsicherheit? Angst?

Nein. Fast hätte er den Kopf geschüttelt. Sein Vater zeigte niemals eine Schwäche.

Ben stand neben seiner Schwester, einen Arm um ihre Schultern gelegt, und nun spürte er, wie Lea sich unwillkürlich anspannte.

„Setz dich!“, herrschte sein Vater ihn an.

„Nein danke. Ich bleibe lieber stehen.“ Ben neigte den Kopf ein wenig zur Seite. „Also, was willst du von mir?“

„Soweit ich informiert bin, vertrödelst du im Moment deine Zeit.“

„Sagen wir mal so: Ich nehme mir eine verdiente Auszeit“, erwiderte Ben. „Wenn du so gut informiert bist, dann solltest du ja ebenfalls wissen, dass ich auch mein zweites Staatsexamen mit Prädikat bestanden habe und anders als andere“ – sein Blick ging wieder zu Alexander – „mein Studium zudem in der kürzest möglichen Zeit durchgezogen habe. Nach all der harten Arbeit gönne ich mir jetzt ein bisschen Spaß.“

„Alex kann doch nichts dafür“, meldete sich Betty. Ihre Stimme klang weinerlich. „Die haben ihn an der Uni sabotiert. Weil ihn die Professoren nicht leiden konnten. Da konnte er noch so viel lernen: Sie haben ihn immer wieder durchfallen lassen.“

Ben verkniff sich jegliche Antwort darauf. Alexander verfügte zwar über eine gewisse Bauernschläue, doch ansonsten war er dumm. Und faul. Eine ungute Mischung, vor allem, wenn sie auch noch mit Überheblichkeit gepaart war. Mit dem Abitur hatte es zwar so gerade eben noch geklappt – nicht zuletzt, weil Tobias der Schule eine nicht unbeträchtliche Spende hatte zukommen lassen und die Lehrer alles dafür getan hätten, diesen Schüler endlich loszuwerden –, aber an der Uni hatte Papas Brieftasche dann nichts mehr genützt …

„Wie auch immer du es nennen willst, du verfügst über genügend Zeit“, fuhr sein Vater fort. „Also wirst du mir einen Gefallen tun.“

„Nein.“

Lauernd schaute Tobias seinen Ältesten an.

„Auch nicht, wenn ich dir im Gegenzug zusichere, dass ich Lea großzügig unterstützen werde, selbst wenn sie sich an ihrem achtzehnten Geburtstag genauso feige davonmacht wie du damals? Glaubt ihr vielleicht, ich wüsste nicht von diesen Plänen? Doch wenn du zustimmst, werde ich ihr keinerlei Schwierigkeiten machen.“

Ben spürte, wie seine Schwester sich versteifte, und sein Gesicht verschloss sich.

„Was soll das?“, fragte er schroff. „Hast du vielleicht vergessen, dass deine erste Frau, meine Mutter, selbst ziemlich vermögend war? Und dass ich der Alleinerbe war, weil ihr bei ihrem Tod ja Gott sei Dank schon geschieden wart? Es muss dich wahnsinnig gefuchst haben, dass du deine dreckigen Finger nicht auf ihr Geld legen konntest, da Mama so clever war zu bestimmen, dass du niemals Zugriff auf mein Erbe erhalten solltest. – Mit anderen Worten, ich habe genug Geld für Lea und mich. Sie braucht deine Almosen nicht.“

Ben drückte seine Schwester kurz an sich.

„Und sollte dich das jetzt so ärgern, dass du deinen Zorn am liebsten an Lea auslassen würdest, dann sieh dich vor. Jurist zu sein hat seine Vorteile. Ich weiß, wie ich gegen dich vorgehen kann, wenn du Lea nicht in Ruhe lässt. Und glaub mir, ich hätte nicht die geringsten Skrupel, einen Skandal loszutreten, um sie vor dir zu schützen.“

Tobias wurde blass, dann rot, dann wieder blass.

Was ist los mit ihm?, dachte Ben verblüfft.

Es war Lea, die ihm die Antwort gab. Sie lachte bitter auf.

„Im Moment reagiert er allergisch auf das Wort ‚Skandal‘“, erklärte sie ihrem Bruder. „Noch einen kann er nämlich nicht gebrauchen. Er hat dich herkommen lassen, weil er will, dass du Alexander nach Spanien bringst. Dort soll er bei Bekannten untertauchen. Mein lieber Bruder will sich absetzen, weil er sonst in den Knast kommt!“

***

In der Stille, die nach Leas Worten einsetzte, war deutlich zu hören, dass Ben scharf den Atem einsog.

Tobias machte drohend ein paar Schritte auf seine Tochter zu.

„Lea, halt sofort den Mund!“

Ben schob sich ein Stück vor.

„Pack sie ja nicht an“, warnte er.

„Oh nein, ich werde nicht den Mund halten“, erwiderte Lea und schüttelte den Kopf. „Du würdest Ben ja sowieso alles erzählen müssen.

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