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Dr. Stefan Frank - Folge 2219

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Glaub nicht seinen schönen Worten!
  4. Vorschau

Glaub nicht seinen schönen Worten!

Warum ein junger Arzt sein Neujahrsversprechen nicht hielt

Was für ein charmanter Mann, denkt Nina, als sie auf einer Party dem attraktiven Neurologen Dr. Jonas Töpfer begegnet. Und auch er scheint Gefallen an ihr gefunden zu haben, zumindest umwirbt er sie in den nächsten Wochen auf sehr ritterliche Art und Weise. Doch als er sie schließlich bittet, sie auf eine Silvesterfeier bei seinen Freunden zu begleiten, ist Nina doch ein wenig verwundert. Er möchte sie allen vorstellen, hat Jonas gesagt. Aber ist es dafür nicht noch ein bisschen früh? Immerhin ist außer ein paar relativ unschuldigen Küssen noch gar nichts zwischen ihnen passiert! Dennoch sagt sie zu, nicht ahnend, dass um Punkt zwölf Uhr eine noch größere Überraschung auf sie wartet …

„Sie sind schon da, Frau Rothe? Augenblick, bitte, ich bin sofort da!“

Marie-Luise Flanitzer legte das Telefon zur Seite, sprang auf, verließ ihren Platz vorn am Empfang von Dr. Stefan Franks Praxis und eilte an ihrer älteren Kollegin Martha Giesecke vorbei zur Haustür. Als sie sie geöffnet hatte, sah sie Agnes Rothe am Fuß der Rampe stehen und verzagt lächeln. In der Hand hielt sie ein Handy mit besonders großen Zahlen und Tasten, denn ihre Augen waren nicht mehr die besten.

„Wir wussten nicht, dass Sie heute allein kommen“, sagte Marie-Luise, während sie die alte Dame schwungvoll die Rampe hinauf ins Haus schob. „Beim letzten Mal war doch Ihre Enkelin bei Ihnen.“

„Nina konnte heute nicht, aus beruflichen Gründen, und ich wollte meinen Termin bei Herrn Dr. Frank nicht verschieben“, erklärte Agnes Rothe. Dies war ihr zweiter Besuch in Stefan Franks Praxis in der Gartenstraße in Grünwald.

Sie war eine zarte Dame von fünfundsiebzig Jahren, die sich vor einigen Wochen ein neues Hüftgelenk hatte einsetzen lassen, weil sie ohne Schmerzen nicht mehr hatte laufen können. Doch die erhoffte Verbesserung ihres Zustands war nicht eingetreten, im Gegenteil: Die Schmerzen waren eher noch schlimmer geworden – so schlimm schließlich, dass sie mittlerweile im Rollstuhl saß. Sie, die immer gern zu Fuß gegangen war, musste nun sogar die Hilfe eines Pflegedienstes in Anspruch nehmen.

Die Operation war in der privaten Eden-Klinik durchgeführt worden, mit der ihr bisheriger Hausarzt zusammenarbeitete. Die Ärzte, die ihr das neue Gelenk eingesetzt hatten, konnten die Ursache für die fortdauernden Beschwerden ihrer Patientin nicht finden. In ihren Augen war die Operation glatt verlaufen. Eigentlich hätte auch das zweite Hüftgelenk in absehbarer Zeit noch erneuert werden sollen, doch davon wollte die alte Dame jetzt nichts mehr wissen.

Als die Ärzte der Eden-Klinik ihr schließlich gesagt hatten, sie könnten nichts mehr für sie tun, hatte Agnes Rothe einen einsamen Entschluss gefasst: Sie hatte den Hausarzt gewechselt und sich einen Termin bei Dr. Frank in Grünwald geben lassen, von dem sie schon viel gehört hatte. In der letzten Woche war sie gemeinsam mit ihrer Enkelin zum ersten Mal bei ihm aufgetaucht, um ihm ihre Leidensgeschichte zu erzählen.

Stefan Frank empfing seine neue Patientin mit einem freundlichen Lächeln.

„Guten Tag, Frau Rothe.“

„Guten Tag, Herr Dr. Frank. Haben Sie etwas gefunden?“

„Sagen wir mal so, ich habe einen Verdacht, aber zusätzlich zu den Röntgenbildern brauchen wir noch ein MRT, um Gewissheit zu haben. Ein MRT bildet den Zustand Ihres Hüftgelenks noch genauer ab als ein herkömmliches Röntgenbild. Meine Vermutung ist, dass sich rund um das operierte Gelenk eine Entzündung gebildet hat.“

„Und deshalb habe ich noch immer diese Schmerzen?“, fragte sie atemlos.

„Das glaube ich, ja. Außerdem scheint sich das neue Gelenk auch noch verschoben zu haben, jedenfalls sitzt es nicht so, wie es sitzen sollte. Es reibt deshalb ständig an der Gelenkpfanne, und das bereitet Ihnen natürlich zusätzliche Probleme.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Die Operation, die Aufregung und die Schmerzen waren also umsonst?“, flüsterte sie. „Es hat überhaupt nichts genützt? Im Gegenteil, es hat alles nur schlimmer gemacht?“

Er griff nach ihrer Hand und drückte sie. Es waren unter anderem diese Situationen, die ihm seinen geliebten Beruf gelegentlich verleideten. Schlimmer war nur, jemandem sagen zu müssen, dass man nichts mehr für ihn tun konnte.

So war es in diesem Fall zum Glück nicht, aber er hätte eigentlich sagen müssen:

„Meine Kollegen haben vermutlich gepfuscht, Frau Rothe. Noch kann ich das nicht beweisen, aber alles, was ich auf den Röntgenbildern sehen konnte, deutet in diese Richtung.“

Doch er schluckte die Worte hinunter, sie hätten nichts besser gemacht. Wahrscheinlich hätte die Patientin sich nur noch mehr aufgeregt, wäre noch verzweifelter gewesen. Das wollte und konnte er ihr nicht zumuten. Sollte er aber Gewissheit erlangen, würde er die Sache ganz sicher nicht auf sich beruhen lassen.

„Meiner Meinung nach wäre es das Beste, Sie in die Waldner-Klinik zu überweisen, damit Sie dort noch einmal an der Hüfte operiert werden können“, sagte er deshalb ruhig, ohne direkt auf ihre Fragen einzugehen. „Die Entzündung muss ausgeräumt werden, und ich vermute, Sie brauchen auch ein anderes Gelenk.“

„Noch eine Operation?“ Erneut liefen die Tränen. „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, Herr Dr. Frank.“

Noch immer hielt er ihre Hand.

„So, wie es jetzt ist, kann es doch nicht weitergehen, Frau Rothe“, sagte er. „Sie sitzen im Rollstuhl und sind bei allem, was Sie tun, auf Hilfe angewiesen. Für eine vitale Frau wie Sie kann das keine Option sein.“

„Wissen Sie, was mein voriger Hausarzt gesagt hat? ‚Eine Hüftoperation ist doch heutzutage ein Klacks, nach zwei Wochen laufen Sie schon wieder herum, Frau Rothe.‘ Genau diese Worte hat er gebraucht, und jetzt sehen Sie mich an.“

„Ich würde nicht sagen, die Operation ist ein Klacks, aber jedenfalls gehört ein neues Hüftgelenk längst zu den Routineeingriffen. Ich glaube, wir kriegen das wieder hin, Frau Rothe, auch wenn es für Sie erst einmal schrecklich klingt, dass Sie vermutlich noch einmal operiert werden müssen. Aber danach werden Sie keine Schmerzen mehr haben. Diese Entzündung im Hüftgelenk wirkt sich doch auf Ihren gesamten Körper aus. Da müssen wir zuerst ansetzen. Ich gebe Ihnen schon einmal Antibiotika, damit sich die Infektion nicht noch weiter ausbreitet.“

„Es hilft ja alles nichts. Immerhin ist die Waldner-Klinik in Schwabing, das ist nicht einmal sehr weit von uns entfernt.“

„Sehen Sie? Außerdem arbeitet Ihre Enkelin doch als Restauratorin ganz in der Nähe der Klinik und könnte Sie also leicht auch mal in ihrer Mittagspause besuchen. Ich will Sie nicht überreden, natürlich können Sie frei wählen, in welches Krankenhaus Sie gehen. Es ist nur so, dass ich in der Waldner-Klinik Belegbetten habe und seit Langem mit den Kollegen dort zusammenarbeite. Ich vertraue ihnen.“ Mit einem Lächeln setzte Stefan Frank hinzu: „Mit Ulrich Waldner, dem Klinikchef, habe ich zusammen studiert.“

Jetzt erst ließ er die Hand seiner Patientin los und nahm wieder auf dem Stuhl hinter seinem Schreibtisch Platz.

„Lassen Sie sich meinen Vorschlag in Ruhe durch den Kopf gehen, und besprechen Sie ihn mit Ihrer Enkelin. Ich bin auf jeden Fall der Ansicht, dass weitere Aufnahmen von Ihrer Hüfte gemacht werden müssen und dass Sie sich ein zweites Mal operieren lassen sollten. Schließlich können Sie nicht von jetzt an mit unerträglichen Schmerzen leben. Das hieße ja, dass Sie nicht mehr laufen können und dauerhaft ein Pflegefall bleiben.“

Es klopfte an der Tür, und Martha Gieseckes in Ehren ergrauter Kopf erschien.

„Frau Rothes Enkelin ist hier. Darf sie hereinkommen?“

„Nina!“, rief Agnes Rothe.

„Natürlich darf sie hereinkommen“, antwortete Stefan Frank. „Ich würde sagen, sie erscheint genau zum richtigen Zeitpunkt.“

Martha Giesecke trat zur Seite, und eine sehr hübsche dunkelhaarige Frau mit blauen Augen erschien. Sie trug eine wattierte Jacke in Silberblau, die ihr sehr gut stand, und ihre Wangen waren von der Kälte gerötet. Ihr Blick war besorgt – vor allem, als sie die Tränen bemerkte, die ihrer Großmutter über die Wangen liefen.

„Omi!“, rief sie und lief zu ihrer Großmutter, um sie zu umarmen. „Was ist denn? Mein Termin war doch schneller zu Ende, als ich dachte, also habe ich mich beeilt …“

Martha Giesecke wechselte einen kurzen Blick mit ihrem Chef, dann schloss sie behutsam die Tür.

Nina Rothe begrüßte den neuen Hausarzt ihrer Großmutter.

„Was ist los, Herr Dr. Frank?“, wiederholte sie dann ihre Frage, dieses Mal an ihn gerichtet.

Er wiederholte, was er Agnes Rothe zuvor schon erklärt hatte.

„Natürlich ist eine zweite Operation nicht schön“, schloss er seine Ausführungen, „aber …“

Nina Rothe wartete das Ende seines Satzes nicht ab. Sie war eine tatkräftige junge Frau, die sich trotz ihrer Jugend bereits einen Namen als Restauratorin mittelalterlicher Gemälde gemacht hatte.

„Wenn Sie mit Ihrer Vermutung recht haben, dann bleibt uns doch gar keine Wahl, oder? Und ein MRT würde Aufschluss darüber geben, was mit der Hüfte meiner Oma los ist?“

„Sicher, deshalb schlage ich es ja vor. Die Röntgenbilder geben schon Hinweise, sind aber nicht präzise genug.“

„Die Ärzte, die sie operiert haben, haben immer nur gesagt, dass alles in Ordnung ist. Wieso haben die denn das mit der Entzündung nicht gesehen? Und dass das Gelenk gar nicht richtig sitzt?“

„Von meiner Seite aus sind das bisher ja nur Vermutungen, und vielleicht war die Entzündung vor zwei Wochen noch nicht so ausgeprägt“, mutmaßte Stefan Frank vorsichtig. „Wir sollten zuerst eine sichere Diagnose haben. Ich habe Ihrer Großmutter schon gesagt, dass ich mit der Waldner-Klinik in Schwabing zusammenarbeite …“

„Das ist die beste Klinik weit und breit, Omi“, erklärte Nina Rothe. „Und ich kann dich jeden Tag besuchen, falls eine weitere Operation wirklich notwendig sein sollte. Für uns ist das sehr praktisch, dass sie in Schwabing liegt.“

Agnes Rothe nickte tapfer, obwohl ihr anzusehen war, dass sie wieder mit den Tränen kämpfte.

„Es ist nur so, dass ich keine Kraft zum Kämpfen mehr habe“, gestand sie leise. „Seit Wochen diese Schmerzen, der Rollstuhl, der Pflegedienst, auf den ich plötzlich angewiesen bin … das war alles zu viel für mich. Und wenn das jetzt vielleicht noch Monate so weitergeht …“ Sie fing erneut bitterlich an zu weinen.

Nina versuchte, sie zu trösten, aber ihr brach dabei beinahe das Herz. Sie hing sehr an ihrer Großmutter, mit der sie seit zwei Jahren in einer hübschen Wohnung in Schwabing zusammenlebte.

Dieses Zusammenleben hatte hervorragend funktioniert, bis Agnes‘ Hüftbeschwerden immer schlimmer geworden waren. Die alte Dame war fit und unternehmungslustig gewesen, hatte Freundschaften gepflegt, war in Konzerte und ins Kino gegangen. Abends, wenn Nina von der Arbeit nach Hause gekommen war, hatten sie gegessen, was Agnes gekocht hatte.

Doch seit der Operation war alles anders. Agnes saß im Rollstuhl und brauchte praktisch für alles Hilfe.

„Wann kann ich meine Oma in die Waldner-Klinik bringen, Herr Dr. Frank?“, fragte Nina, sobald sich Agnes wieder beruhigt hatte.

„Gleich morgen, wenn Sie wollen. Ich würde jetzt noch anrufen und sie anmelden, das dürfte kein Problem sein. Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Je eher wir der Sache auf den Grund gehen, desto besser.“

„Dann am liebsten heute noch“, sagte Nina. „Wozu Zeit verlieren?“

„Heute?“, rief Agnes erschrocken. „So schnell?“

„Je schneller du in die Klinik gehst, desto schneller bist du auch wieder draußen, Omi. Und wir beide wollen doch Silvester zusammen feiern, oder nicht?“

Ob es dieses Argument war, das Agnes zum Nachgeben bewegte, oder ob ihr auch hier die Kraft zum Kämpfen fehlte, war nicht auszumachen, jedenfalls sagte sie leise: „Ist gut.“

Stefan Frank griff also zum Telefon. Er hatte Glück, sein Freund Ulrich Waldner war direkt am Apparat.

„Wir können deine Patientin auf jeden Fall heute noch aufnehmen“, sagte er, nachdem Stefan ihm den Fall geschildert hatte. „Ob das heute noch mit dem MRT klappt, weiß ich nicht, aber ich kläre das in der nächsten halben Stunde. Wie heißt die Patientin?“

Stefan diktierte ihm, was er wissen musste.

„Wir sehen uns später, Uli“, sagte er zum Abschied, denn abends, nach seiner Sprechstunde, fuhr er regelmäßig nach Schwabing, um seine stationär aufgenommenen Patienten in der Klinik zu besuchen.

Es war ziemlich viel Aufwand, denn von Grünwald nach Schwabing fuhr man je nach Verkehrslage eine halbe bis Dreiviertelstunde, aber er ließ sich diese Besuche nicht nehmen, zumal er wusste, wie wichtig sie für seine Patienten waren.

Er wandte sich wieder Agnes Rothe und ihrer Enkelin zu.

„Dr. Waldner klärt, was noch zu klären ist, auf jeden Fall können Sie heute noch aufgenommen werden. Vielleicht besteht sogar die Möglichkeit, das MRT heute noch zu machen, das wusste er noch nicht.“

„Gut“, sagte Nina Rothe, „dann fahren wir jetzt zurück nach Schwabing, packen ein paar Sachen für dich zusammen, und danach bringe ich dich in die Klinik, Omi. Vielen Dank, Herr Dr. Frank. Ich bin so froh, dass jetzt endlich etwas unternommen wird. Die vergangenen Wochen waren furchtbar. Immer hieß es: ‚Sie müssen Geduld haben, in Ihrem Alter kann es schon einmal ein bisschen länger dauern, bis die Schmerzen abklingen‘. Aber nichts ist passiert.“

„Ich sehe heute Abend noch nach Ihnen, Frau Rothe“, sagte Stefan Frank zu der alten Dame. „Sobald meine Sprechstunde beendet ist, mache ich mich auf den Weg nach Schwabing.“

Agnes Rothe nickte nur. Sie sah noch blasser aus als bei ihrem Eintreffen, und ihrem Gesicht war anzusehen, dass sie Angst hatte.

„Man wird sich in der Klinik sehr gut um Sie kümmern“, setzte Stefan hinzu. „Und ich werde alles tun, damit es Ihnen bald besser geht, das verspreche ich Ihnen.“

Zum ersten Mal lächelte Agnes Rothe zaghaft.

„Ihnen glaube ich das sogar, Herr Dr. Frank.“

Als die beiden gegangen waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um sich Notizen zu machen.

„Einen Augenblick bitte noch, Schwester Martha, aber ich muss mir das ausführlicher aufschreiben als ...

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