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Dr. Stefan Frank - Folge 2218

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Ich wünsche mir rosarote Rosen
  4. Vorschau

Ich wünsche mir rosarote Rosen

Wie Dr. Frank einem kranken Mädchen seinen Traum erfüllte

Mit unsicheren Schritten nähert sich die siebenjährige Maja Feldmann der Praxis von Dr. Frank. Vor der Tür bleibt sie noch einen Moment stehen und schnuppert.

„Vorsicht, mein Schatz!“, warnt der Grünwalder Arzt, als Maja ihre Hand nach einem blühenden Rosenbusch ausstreckt. „Das sind Rosen, die haben Dornen, an denen du dich stechen könntest.“

„Oh!“ Hastig zieht das blinde Mädchen die Hand wieder zurück. „Die duften so gut. Welche Farbe haben die?“

„Rosarot.“

„Wenn ich sie doch nur sehen könnte!“

„Sie sehen genauso aus wie die Rosenblüten auf deinem Kleid“, erklärt ihr Dr. Frank.

„Ich habe aber vergessen, wie mein Kleid aussieht“, flüstert Maja. „Ich habe sogar vergessen, wie ‚rosarot‘ aussieht. Und bald werde ich auch vergessen haben, wie du aussiehst.“

„Und? Was hat sie gesagt?“

Der Grünwalder Arzt hielt sich beide Hände vor den Mund, um das breite Grinsen dahinter zu verbergen, das er nicht mehr unterdrücken konnte, und simulierte ein Gähnen.

Das lange, verdutzte Gesicht seines Freundes und Kollegen Ulrich Waldner, der eben jetzt den Frühstücksraum betrat, sah einfach zu komisch aus.

„Ha!“ Der Leiter der renommierten Münchner Privatklinik ließ sich auf einen der rustikalen Holzstühle fallen und zuckte dann erschrocken zusammen, als plötzlich ein lautes „Määh!“ durch das offene Fenster ertönte.

„Was ist los?“, rief er der weißen Ziege, die den Kopf zum Fenster hereinsteckte, missmutig fragend zu. „Liegt ein Notfall vor? Wenn nicht, dann bin ich heute für niemanden zu sprechen.“

„Und?“, wiederholte Stefan Frank lachend seine Frage. „Hat sich dein Gefühl bestätigt? Müssen wir sofort wieder packen und heute noch zurückreisen, weil in der Waldner-Klinik ohne dich alles drunter und drüber geht?“

„Wenn du es genau wissen willst …“ Ulrich Waldner drehte den Kopf in alle Richtungen und hielt besorgt nach einem Frühstücksbüfett Ausschau, doch da war keines. Frustriert seufzend fuhr er fort: „Die exakte Auskunft meiner lieben Gemahlin lautete: ‚Bleib, wo du bist, Ulrich, hier in der Klinik kräht kein Hahn nach dir‘.“

„Armer Uli!“ Stefan spannte sämtliche Muskeln in seinem Gesicht an und presste die Lippen fest zusammen, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. „Bestimmt sagt Ruth das nur so, um dich nicht zu beunruhigen.“

Gegen Abend des vergangenen Tages waren die beiden Ärzte auf dem Wellness-Bergbauernhof Hügli in einem idyllischen kleinen Bergdorf im Schweizer Engadin angekommen. Während Stefan dem einwöchigen Aufenthalt mit Freude entgegensah, wollte bei Ulrich keine rechte Urlaubsstimmung aufkommen.

Erstens war er ein typischer Workaholic, der der Meinung war, seine Klinik würde keinen Tag lang ohne ihn weiterbestehen; zweitens gefiel ihm der Gedanke, entbehrlich zu sein, nicht besonders – und drittens war er ganz und gar nicht freiwillig hier. Seine Frau, die Anästhesistin Dr. Ruth Waldner, hatte ihn, nachdem er eine Woche lang fast durchgehend am Operationstisch gestanden und danach einen kleinen Schwächeanfall erlitten hatte, zu diesem Erholungsurlaub genötigt.

Und da auch Stefan Frank schon länger keine Pause mehr eingelegt hatte und seine Freundin, die Augenärztin Dr. Alexandra Schubert, sich zurzeit auf einer Vortragsreise durch Europa befand, hatte er seine Praxis dichtgemacht und sich seinem Freund angeschlossen.

„Suchst du was, Uli?“, wollte er nun schmunzelnd wissen und sog die kühle, klare Bergluft tief in seine Lungen.

Der Chefarzt, der aufgestanden war und nun in jeden einzelnen der bäuerlich bemalten Tontöpfe blickte, die auf einer Anrichte am Fenster der rustikalen Stube standen, drehte sich zu Stefan um.

„Ein Frühstück würde ich suchen, wenn du nichts dagegen hast. Ich bin hungrig! Ich habe die ganze Nacht lang nichts gegessen, obwohl ich einen sehr anstrengenden Traum hatte.“ Er hob eines der irdenen Gefäße hoch, nahm den Deckel ab, warf einen prüfenden Blick hinein und schüttelte es. „Da sind ein paar tote Fleischfliegen drin. Meinst du, das könnte es sein? So eine Art Alpen-Sushi?“

In dem Moment betrat Urs Hügli, ein kleiner stämmiger Mann im mittleren Alter, mit schulterlangem Haar und noch längerem Bart, die Stube.

„Grüezi! Na, haben die Herren ein guets Nächtli gehabt?“, begrüßte er die beiden Ärzte freundlich und ging dann zum Fenster. „Sie haben schönes Wetter mitgebracht, oder? Na, ischt das heute eine würzige Luft, oder?“

„Ohne Frage“, erwiderte der Chefarzt. „Aber selbst wenn die Luft noch so gut gewürzt ist, satt wird man davon leider nicht. Wenn die Hühner vielleicht Probleme haben sollten, die Eier für mein Schinkenomelette zur Welt zu bringen …“ Er zeigte auf Stefan. „Er hier ist unter anderem Geburtshelfer.“

„Ha-ha-ha!“ Urs Hügli brach in schallendes Gelächter aus. „Ja, ja, die Bergluft macht ein gesundes Hüngerli“, fuhr er fort, nachdem er sich die Lachtränen aus den Augen gewischt hatte. „Bei Ihnen zu Hause heißt das aber wohl Kohldampf, oder?“

„Wir kommen aus Bayern“, stellte Ulrich Waldner klar. „Und ein richtiger Bayer hat weder Kohldampf noch ein Hüngerli, sondern einen ausgewachsenen Hunger. Und zwar viel, unabhängig von der Höhenlage und immer.“

„Jä so? Wohl, so ischt‘s recht! Wer viel schafft, muss auch tüchtig essen. Die Regula kommt gleich mit dem Zmörgele, oder?“

„Mit was?“

„Zmörgele oder Zmorge, so heißt bei uns das Frühstück. Das bringt die Regula gleich, oder?“

„Ja, ich weiß das leider nicht, mein lieber Herr Hügli.“ Dr. Waldner zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich kenne die Regula ja noch nicht einmal.“

„Das war keine Frage, Uli“, klärte Stefan seinen Freund schmunzelnd auf. „Das ist Schweizerdeutsch, da gehört an jeden Satz ein ‚oder‘.“

Das etwas missmutige Gesicht des Klinikchefs hellte sich schlagartig auf, als eine junge Frau mit einem großen Tablett die Stube betrat.

„Ah, das Zmörgele kommt, Stefan!“

Doch so schnell Ulrich Waldners Mundwinkel sich nach oben bewegt hatten, so schnell hingen sie auch wieder nach unten. Fassungslos starrte er auf Körner, Nüsse, getrocknete Beeren, Getreideflocken und Joghurt.

„En Guete!“, wünschte Regula mit einem sonnigen Lächeln und verschwand wieder.

„Ischt was nicht in Ordnung?“ Urs Hügli trat besorgt an den Tisch heran, als Dr. Waldner seine Schüssel von sich schob und einen abgrundtiefen, verzweifelten Seufzer ausstieß, der sich beinahe wie ein Schluchzen anhörte.

„Ihrer Regula ist hier ein gravierender Irrtum unterlaufen, mein lieber Herr Hügli“, erwiderte der Chefarzt mit sorgenvoll gerunzelter Stirn. „Vermutlich hat sie unseren gebratenen Speck, die Eier und die frischen Brötchen in den Stall gebracht und uns stattdessen das Ziegen-Zmörgele vorgesetzt.“ Mit Nachdruck und viel Hoffnung im Blick fügte er noch ein lautes: „Oder?“, hinzu.

„Ha-ha-ha!“ Herr Hügli amüsierte sich köstlich mit den beiden verrückten Bayern. Als er jedoch Ulrich Waldners aufrichtig verzweifelten Blick bemerkte, erklärte er: „Das tut mir leid, oder? Aber den Ernährungsplan, den hat die Frau Ruth so feschtgelegt. Sie meint, ich sollte auf Ihr Choleschterin achten, und Ihr Blutdruck wäre auch zu hoch, oder?“

„Iss einfach, Uli!“, riet Stefan Frank, der bereits damit begonnen hatte, sich sein Müsli zusammenzumischen. „Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, oder?“

„Eben! Genauso ischt das“, stimmte ihm Urs Hügli zu. „Wenn Sie nachher hungrig von der Wanderung zurückkommen, dann gibt es dafür zum Zmittag öppis Deftiges. Ein schönes Stück gedämpftes Fischfilet mit einem Sößchen aus würzigen Bergkräutern und Gummeli dazu.“

„Was für eine Wanderung?“ Ulrich Waldner blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. „Ich glaube, Sie verwechseln uns. Oder? Wir sind keine Alpinisten, die einen eurer Gipfel erklimmen wollen.“

„Die Frau Ruth hat gesagt, ich soll drauf schauen, dass Sie jeden Morgen mindescht drei Stunden wandern, oder? Und nach dem Zmittag packen wir Sie für eine Stunde ins Heu. Das entschlackt und ischt das Beschte für den Stoffwechsel.“

„Schön! Drei Stunden latschen! Und dann ein gedämpftes Fischli! Und dabei soll ich mich erholen? Und was, um Himmels willen, soll ich entschlacken und verstoffwechseln, wenn ich nichts im Bauch hab?“

„Vergiss die Bergkräuter und die Gummeli nicht, Uli!“, mahnte Stefan lachend. „Die sind bestimmt sehr nahrhaft. Was immer auch ein Gummeli sein mag.“

„Kartöffli sind das, oder?“, erklärte Herr Hügli.

„Gut …“ Dr. Waldner nickte gottergeben. „Jetzt weiß ich auch endlich, warum ihr Schweizer als so ordentlich geltet und ständig alles sauber macht.“

„Warum denn?“, wollte Urs Hügli wissen und lachte schon einmal vorsorglich laut los.

„Weil Ihr eure Spuren verwischen müsst, damit euch die ausgehungerten Feriengäste nicht auflauern können.“

„Ha-ha-ha! Ihr seid mir schon zwei Luschtige, oder?“

Unter schallendem Gelächter verließ Herr Hügli das zmörgelige Notstandsgebiet.

***

„Frankfurt, den …“

Lena Feldmann erhob sich halb von ihrem Stuhl und schaute über den Rand des Bildschirms zu ihrer Kollegin hinüber.

„Den wievielten haben wir heute, Katrin?“

„Den neunzehnten“, erwiderte die junge Frau, ohne das Tippen zu unterbrechen.

„Kann nicht sein!“, stöhnte Lena und schüttelte ihre honigblonden Locken. „Noch fast zwei Wochen bis Monatsende? Mein Geld ist aber jetzt schon alle!“

„Meins auch.“ Katrin beugte sich ein wenig zur Seite, um Lena an dem Bildschirm ihres Computers vorbei sehen zu können. „Dafür wird es diesmal aber ein bisschen mehr – bei den vielen Überstunden, die wir machen müssen.“

„Träum weiter!“, zischte Lena und druckte den Brief aus, den sie gerade getippt hatte. „Der alte Geizhals lässt sich bestimmt wieder etwas einfallen, damit er uns die Überstunden nicht bezahlen muss.“

„Alter, knickriger Sklaventreiber!“ Katrin setzte ihre Kopfhörer wieder auf und drückte auf den Start-Knopf des Diktaphons.

Lena legte den ausgedruckten Brief in die Mappe, die sie dann später – wenn sie die gesamte Post erledigt hatte – dem Chef zur Unterschrift vorlegen wollte.

Einige Minuten später zuckte sie erschrocken zusammen, als das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte.

„Ach Mensch! Du hast doch gesagt, du nimmst mir die Anrufe bis Mittag ab, Katrin“, maulte sie. „Ich schaffe den Berg Arbeit sonst nicht, den mir der Alte aufgeladen hat, und ich muss doch Maja spätestens um sechs von der Nachmittagsbetreuung abholen. Jede Minute länger kostet extra!“

„Ist privat“, erwiderte Lenas Bürokollegin und zuckte mit den Schultern.

„Verlag Heinz Röhrig, Lena Feldmann am Apparat“, meldete sich Lena misstrauisch. Sie konnte sich absolut nicht vorstellen, wer sie hier im Verlag privat anrufen sollte.

„Sie müssen bitte sofort kommen!“ Die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung klang atemlos, beinahe hysterisch.

„Wer, was, warum und wohin?“, fragte Lena genervt und verdrehte die Augen.

Der kleine Verlag, für den sie arbeitete, war spezialisiert auf Broschüren, Handzettel und Gebrauchsanweisungen, aber auch Dissertationen und Memoiren von Leuten, die der Meinung waren, ihre Lebensgeschichte sei so aufregend und einzigartig, dass die ganze Welt davon erfahren sollte. Diese Leute zahlten beachtliche Summen für ein paar billig gemachte Büchlein, die dann doch nur dazu taugten, die eigene Verwandtschaft damit zu nerven.

Es waren immer wieder einige Kunden darunter, die wegen jeder Kleinigkeit anriefen, weil ihnen gerade etwas eingefallen war, was unbedingt noch mit ins Buch hinein musste.

Sie schloss ergeben die Augen und wartete auf etwas, wie:

„Frau Feldmann, mir ist gerade wieder eingefallen, dass Horst-Heinrich, als er 1976 am Strand von Rimini um meine Hand angehalten hat, Tränen in den Augen hatte. Das muss unbedingt noch …“

Doch stattdessen …

„Tut mir leid, Frau Feldmann. Hier ist Isolde Blum von der Grundschule in der Kaiserstraße. Ich bin völlig außer mir. Es ist etwas Schreckliches passiert. Bitte kommen Sie sofort!“

„Wa … wo … ich … bitte …“ Lena bekam kaum noch ein Wort heraus. Ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Auch konnte sie den Hörer kaum noch halten, so heftig zitterten ihre Hände. Kalter Schweiß brach auf ihrem ganzen Körper aus, und ihr Kopf war innerhalb von Sekunden blutleer und wollte das Gehörte nicht in eine vernünftige Reihenfolge bringen.

„Ich erfahre gerade, dass man Maja in die Sauerbruch-Klinik bringt, Frau Feldmann. Kommen Sie bitte gleich dorthin.“

Es machte „Klick“ in der Leitung, dann war die Verbindung unterbrochen.

„Meine Güte! Was ist passiert?“, rief Katrin erschrocken aus, als Lena aufstand und schwankend zur Tür stakste, als befände sie sich auf einem Schiff, das durch meterhohe Wellen pflügte. „Du bist ja schneeweiß im Gesicht! Ist dir übel geworden?“

Katrin sprang auf, riss sich die Stöpsel aus den Ohren und schaffte es gerade noch, ihre Kollegin festzuhalten, ehe diese gegen die geschlossene Tür prallte.

„Maja … die Direktorin der Grundschule hat angerufen. Ich muss in die Klinik … etwas Schreckliches … weiß nicht genau …“

Katja sog scharf die Luft ein.

„Verdammte Sch …! Warte!“ Sie rannte zu ihrem Platz zurück, kramte in ihrer Handtasche und drückte Lena dann einen Zwanziger in die Hand. „Du fährst mit dem Taxi! Klar?“

„Aber …“ Lena Feldmann hielt den Geldschein hoch. „Ähm … ich … du hast doch selbst …“

„Nimm und geh! So viel hab ich schon noch. Und wie ich dich kenne, ist dein Konto bis zum Limit überzogen. – Oh, warte noch!“ Katrin sauste zu Lenas Schreibtisch und nahm die Handtasche, die über der Stuhllehne hing. „Tasche nicht vergessen! Ruf mich an, sobald du was weißt!“

In dem Moment kam Heinz Röhrig, der Direktor des Verlags – wie immer in leichter Rückenlage und wie eine hochschwangere Frau seinen mächtigen Kugelbauch stolz vor sich her tragend – aus seinem Büro.

„Was soll denn das werden, meine Damen?“, erkundigte er sich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Machen wir einen kleinen Spaziergang? Haben wir nichts zu tun?“

„Ein Unfall in der Schule, ihre Tochter“, erklärte Katja, atemlos vor Aufregung und den Tränen nahe. „Sie muss sofort in die Klinik.“

„Jetzt? Ist denn die Post schon fertig? Die Briefe müssen alle heute noch raus!“

„Das kann ich ja dann machen“, bot Katrin an. „Es ist ein Notfall, sie muss weg!“

„Ach so? Und wer macht dann Ihre Arbeit?“

So etwas wie Mitleid kannte Herr Röhrig nicht. Drohend baute er sich vor Lena auf und hob einen seiner kurzen Wurstfinger.

„In einer Stunde sind Sie wieder da, oder Sie brauchen erst gar nicht mehr zu kommen. Die Stunde arbeiten Sie natürlich am Abend nach, das versteht sich doch, oder? Wenn das Kind in der Klinik ist, haben Sie ja jetzt ohnehin keine Ausrede mehr, warum Sie immer so pünktlich gehen müssen.“

„Geh jetzt, Lena!“

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