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Dr. Stefan Frank - Folge 2216

Gemeine Lügen

Warum ein böses Gerücht Schwester Marlene fast das Leben gekostet hätte

Zu gerne würde Sylvia von Anger den attraktiven Unfallchirurgen Dr. Molden für sich gewinnen! Doch wie es aussieht, hat der nur Augen für Schwester Marlene. Fieberhaft überlegt die Patientin, wie sie ihn davon abbringen kann, einer Pflegerin hinterherzulaufen, die ohnehin kein Interesse an ihm zeigt – und plötzlich hat sie eine Idee …

Wenige Tage später trifft Mario Molden die hübsche Marlene auf der Straße. Sie wechseln gerade höflich ein paar Worte, als plötzlich ein Sportwagen heranrast. Sich selbst kann der Chirurg noch in Sicherheit bringen, nicht jedoch Schwester Marlene. Der Wagen erfasst sie und schleudert sie zu Boden. Zu seinem Erschrecken sieht Dr. Molden, wie das Blut aus ihrer Halsschlagader sprudelt. Nein, da kann er nicht helfen, unmöglich! Schließlich hat ihm Sylvia von Anger erst kürzlich erzählt, dass sich Schwester Marlene mit dem HIV-Virus infiziert hat …

„Du siehst furchtbar blass aus, Lenchen.“ Gabriele Mengershausen strich ihrer Tochter liebevoll über die Wange.

„Das ist die Erkältung, die mir noch in den Knochen steckt“, erklärte Marlene Mengershausen. „Ich hätte mich am letzten Wochenende besser ins Bett gelegt und sie richtig auskuriert, statt darauf zu bauen, dass sie von selbst wieder verschwindet.“

„Du hast auch so müde Augen, als wenn du schon seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen hättest.“

„Ich habe bestimmt nicht genug geschlafen, weil nämlich ein neuer Job immer ziemlich aufregend ist und man sich an viel Neues gewöhnen muss. Natürlich spielt auch die Sorge, ob ich wirklich gut genug bin, eine Rolle. Deshalb ist es besonders blöd, dass mich diese Erkältung so verfolgt.“

„Bist du sicher, dass du dich richtig entschieden hast? Fühlst du dich wohl an der Waldner-Klinik?“

Marlene gab ihrer Mutter einen Kuss.

„Ja!“, antwortete sie mit großer Bestimmtheit. „Es war richtig, nach München zu gehen, und es war richtig, die Stelle an der Waldner-Klinik anzunehmen. Da arbeiten die besten Ärzte, das Betriebsklima ist hervorragend, und bessere Chefs als die Waldners kann man sich nicht vorstellen.“

„Aber?“, fragte Gabriele. „Da kommt doch jetzt ein ‚Aber‘, oder nicht?“

Marlene verzog das Gesicht, während sie mit einer Hand eine Strähne ihrer langen dunklen Haare zurückstrich. Sie war eine Frau von zarter Schönheit, mit großen dunklen Augen und einem überaus anziehenden Lächeln.

„Du kennst mich zu gut, Mama. Ich wollte eigentlich gar nicht darüber reden, so wichtig ist es nämlich nicht. Im Grunde genommen ist es sogar lächerlich. Und wäre ich zurzeit richtig fit, würde ich wahrscheinlich auch darüber lachen.“

„Nun erzähl schon.“

„Zusammen mit mir ist ein neuer Arzt für die Unfallambulanz eingestellt worden, Dr. Mario Molden. Und ich habe gehört, dass er sehr viel Unruhe an die Klinik gebracht hat.“

„Wieso?“

„Ja, wieso? Er sieht fantastisch aus, deshalb wahrscheinlich. Mein Typ ist er nicht – zu glatt, zu schön, zu sehr von sich eingenommen –, und ich bin noch nicht einmal sicher, ob er wirklich ein guter Arzt ist. Aber die Schwestern, einige der Ärztinnen und natürlich die Patientinnen sind ganz hingerissen von ihm.“

„Das muss dich doch gar nicht kümmern. Oder hast du sehr viel mit ihm zu tun?“

„Nein, das nicht. Ich hatte erst einmal Dienst in der Unfallambulanz, und ich schätze die Leiterin der Station, Frau Dr. Körner, sehr. Mit ihr kann ich wirklich gut zusammenarbeiten.“

Marlene unterbrach sich.

„Ich habe nichts gegen Dr. Molden, aber ich mag ihn auch nicht sonderlich. Das Problem ist nur: Er stellt mir nach, Mama. Ich weiß auch nicht, warum, er könnte wirklich jede andere in der Klinik haben, aber er fragt mich ständig, wann ich mal mit ihm ausgehe. Das wird allmählich lästig. Er ist nämlich hartnäckig. Obwohl ich ihm bisher jedes Mal einen Korb gegeben habe, gibt er nicht auf.“

„Wahrscheinlich ist es das, was ihn reizt“, bemerkte Gabriele trocken. „Manche Männer sind ja recht einfach gestrickt. Wenn sie Widerstand erfahren, erwacht ihr Ehrgeiz.“

„Und was soll das heißen? Dass ich mit ihm ausgehen soll, damit er Ruhe gibt?“

„Ausgehen allein würde vermutlich nicht reichen“, antwortete Gabriele. „Er braucht einen richtigen Sieg, schätze ich.“

„Kann sein, dass er den braucht, aber dafür muss er sich jemand anders suchen“, erklärte Marlene. Sie stand auf. „Trinken wir ein Glas Wein?“

„Gerne.“

Marlene verschwand in der Küche ihrer kleinen Wohnung in München-Schwabing. Sie hatte Glück gehabt: Die Wohnung war bezahlbar, und sie konnte von dort zu Fuß zur Waldner-Klinik gehen.

Ihre Mutter hatte ihr einen Zuschuss zur Einrichtung gegeben und sie klug beraten. Jetzt fehlten nur noch Kleinigkeiten, die aber nicht lebenswichtig waren. Marlene würde sie sich nach und nach anschaffen.

Sie kam mit einer Weinflasche und zwei Gläsern zurück, die sie zur Hälfte füllte, bevor sie sich wieder neben ihre Mutter auf das hübsche rote Sofa fallen ließ.

„Zum Wohl, Mama.“

„Auf deine Zukunft, Lenchen.“ Als sie ihre Gläser wieder abgestellt hatten, fügte Gabriele nachdenklich hinzu: „Lass dich von diesem Arzt nicht so verunsichern, irgendwann wird er schon aufgeben. Ein Mann, der so viel Erfolg bei Frauen hat, steckt bestimmt nicht freiwillig ständig Niederlagen ein.“

„Das ist auch meine Hoffnung. Aber ich bin jetzt seit vier Wochen da, und in der Zeit hat er mich ungelogen jeden Tag mindestens einmal eingeladen.“

„Und er ist in dieser Zeit mit keiner anderen ausgegangen?“

„Woher soll ich das wissen? Es wird viel über ihn getuschelt, aber ob das nur Gerüchte sind oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Im Augenblick wird ihm eine Affäre mit einer OP-Schwester nachgesagt, zusammen gesehen habe ich sie allerdings noch nicht. Wenn er diese Affäre hat, hindert ihn das jedenfalls nicht daran, mich weiterhin anzumachen. Aber mir fällt schon auf, dass er darauf achtet, mit mir allein zu sein, wenn er versucht, sich mit mir zu verabreden. Er macht das nie vor Zeugen.“

„Vielleicht musst du deutlicher werden? Oder ihn bitten, mit seinen Einladungen aufzuhören?“

„Das habe ich schon getan, aber dann lacht er immer und sagt, er fragt so lange weiter, bis ich irgendwann aufgebe und Ja sage. Und ich will ihn natürlich nicht gegen mich aufbringen. Ärzte können Krankenschwestern das Leben ganz schön schwermachen, wenn sie es darauf anlegen.“

„Und wenn du einen Freund erfindest?“

„Das hätte mir etwas früher einfallen müssen. Wenn ich jetzt einen Freund aus dem Hut zaubere, von dem bis jetzt noch nicht die Rede war, wirkt das vermutlich nicht gerade überzeugend.“

„Auch wieder wahr.“ Gabriele legte ihrer Tochter einen Arm um die Schultern. „Bin ich froh, dass ich solche Probleme nicht mehr habe“, seufzte sie.

Sie hatte sich als Webdesignerin selbstständig gemacht und entwarf für ihre Kunden Internetauftritte. Seit drei Jahren war sie Witwe, und ihr Mann, Marlenes Vater, hatte gut für sie vorgesorgt. Sie musste also eigentlich nicht arbeiten, und gerade das verlieh ihr die Freiheit, selbstbewusst aufzutreten. Sie vermutete, dass sie vor allem deshalb Erfolg hatte, weil sie nicht darauf angewiesen war.

„Das kannst du auch sein.“ Marlene trank noch einen Schluck Wein. „Aber du siehst, dass es kein echtes Problem ist, das ich habe, andere Leute haben es viel schwerer. Deshalb wollte ich dir gar nichts davon sagen. Wenn ich ehrlich bin: Im Augenblick macht mir der hartnäckige Schnupfen mehr zu schaffen als Dr. Molden.“

„Und die anderen Kollegen in der Klinik sind überwiegend nett?“

„Ja, bis jetzt komme ich mit allen gut klar. Und der Chef, also Dr. Waldner, ist wirklich großartig. Seine Frau ist ja Anästhesistin in der Klinik, die beiden sind ein tolles Team. Ich habe sie schon mal zusammen im OP erlebt. Die verständigen sich wortlos, ein Blick genügt, und einer weiß, was der andere denkt oder will.“ Marlene seufzte. „So stelle ich mir das in einer guten Partnerschaft vor.“

„Es ist eher die Ausnahme, dass Ehepaare zusammenarbeiten“, gab Gabriele zu bedenken.

„Ich will damit ja nur sagen, dass ich es schön finde, wenn Leute sich verstehen, ohne viele Worte machen zu müssen. Bei Papa und dir war es doch auch so.“

„Das stimmt.“ Ein melancholisches Lächeln huschte über Gabrieles Gesicht, das jedoch schnell wieder verschwand. „Also, die Waldners gefallen dir gut, die Chefin der Unfallambulanz schätzt du ebenfalls – wen sonst noch?“

„Da gibt es noch einen Pfleger, den mag ich auch sehr, weil er einfach toll mit den Patienten umgeht. Und dann ist da natürlich noch Herr Dr. Frank.“

„Wer ist das?“ Gabriele warf ihrer Tochter einen fragenden Blick zu. „Ich glaube nicht, dass du den Namen schon einmal erwähnt hast.“

„Ich habe ihn ja auch gestern erst kennengelernt. Er ist der beste Freund vom Chef, die beiden haben zusammen studiert. Herr Dr. Frank ist Allgemeinmediziner und Geburtshelfer, er hat eine Praxis in Grünwald und Belegbetten bei uns. Stell dir vor, er kommt jeden Tag nach Schwabing, um seine Patienten in der Klinik zu besuchen. Grünwald liegt ziemlich weit draußen, aber der weite Weg schreckt ihn nicht. Wenn man seine Patienten über ihn reden hört, weiß man sofort, dass er ein großartiger Arzt sein muss …“

„Hast du dich in ihn verliebt?“, fragte Gabriele leicht beunruhigt, als Marlene verstummte.

Ein helles Lachen antwortete ihr.

„Nein, Mama. Dr. Frank ist deutlich älter als ich, außerdem hat er eine sehr hübsche Freundin, die auch Ärztin ist, Augenärztin. Sie hat ihn gestern abgeholt, also habe ich sie auch noch kennengelernt.“

Marlene wurde wieder ernst.

„Stell dir vor, er ist auf mich zugekommen und hat sich vorgestellt, das fand ich schon bemerkenswert. Er hat gesagt: ‚Sie müssen Schwester Marlene sein. Ich gehöre zwar nicht zur Klinik, bin aber jeden Tag hier, also werden wir uns von jetzt an sicher öfter über den Weg laufen.‘“

„Das ist in der Tat nett“, fand Gabriele.

„Ja, nicht wahr? Ich habe danach eine Kollegin etwas nach ihm ausgehorcht, und die hat sofort angefangen zu schwärmen. Offenbar hat Dr. Frank in Notfallsituationen auch schon im OP assistiert, wenn niemand anders zur Verfügung stand. Sie hat gesagt, er muss einen Menschen nur ansehen, dann weiß er schon, was ihm fehlt.“

„Was vermutlich eine leichte Übertreibung ist.“

„Klar“, gab Marlene zu, „aber dass er ein guter Arzt ist, dem die Patientinnen und Patienten vertrauen, glaube ich sofort, nachdem ich mit ihm gesprochen habe.“

Gabriele leerte ihr Weinglas.

„Ich werde müde“, stellte sie fest.

„Ich auch, aber morgen habe ich zum Glück Spätdienst. Wir können also etwas länger schlafen. Bist du immer noch entschlossen, morgen wieder heimzufahren, Mama?“

„Ja, es gibt einige Sachen, die ich dringend erledigen muss. Außerdem kann ich dir hier ohnehin nicht mehr helfen. Die Wohnung sieht schon sehr hübsch aus, und du musst dich jetzt vor allem auf deine Arbeit konzentrieren. Es sei denn, du wirst richtig krank und bekommst eine Grippe, dann würde ich dich natürlich pflegen.“

Marlene ließ den Kopf an die Schulter ihrer Mutter sinken.

„Ich werde nicht krank, aber es ist schön, mit dir zu reden und dich um mich zu haben“, sagte sie leise. „Ich kenne ja noch kaum jemanden in München, Freunde habe ich hier überhaupt noch nicht. Und am Telefon kann man nicht so gut über alles sprechen. Ich telefoniere ja öfter mit Carolin, aber das ist nicht so wie früher, wenn wir zusammengesessen haben. Im Grunde weiß sie ja nicht, worüber ich rede, wenn ich ihr von hier erzähle.“

Carolin Hertz war Marlenes beste Freundin in Wilhelmshaven, und vor Marlenes Umzug hatten sie einander fast jeden Tag gesehen. Auch Carolin war Krankenschwester, aber sie hatte eine Mutter, die Hilfe brauchte, weil sie vergesslich wurde und nicht mehr allein leben konnte. Deshalb war Carolin zu ihr gezogen.

„Du wirst auch hier Freunde finden, und irgendwann findet Carolin vielleicht eine andere Lösung. Ich glaube nicht, dass sie sich noch lange allein um ihre Mutter kümmern kann.“

„Das hat sie neulich am Telefon auch gesagt. Ihre Mutter ist aus der Wohnung gelaufen, als Carolin Dienst hatte, und dann wusste sie nicht mehr, wie sie zurückkommen sollte. Zum Glück hat jemand sie erkannt und ihr geholfen, aber darauf kann man sich ja nicht immer verlassen.“

Auch Marlene fing jetzt an zu gähnen, und so beschlossen sie, ins Bett zu gehen. Gabriele würde auf dem Sofa schlafen, das man mit wenigen Handgriffen in ein Bett verwandeln konnte.

„Ich sollte mich nicht allzu spät auf den Weg machen“, sagte Gabriele, als sie ihrer Tochter eine gute Nacht wünschte. „Es ist eine elend lange Fahrt nach Hause. Ich glaube, das nächste Mal fliege ich.“

„Und vor allem bleibst du nächstes Mal länger, Mama. Schlaf gut.“

Aber Gabriele lag noch länger wach und dachte über das nach, was Marlene ihr über die Waldner-Klinik und einige Kollegen erzählt hatte. Hoffentlich gab es mit diesem Dr. Molden keinen Ärger!

***

„Sie ist einfach unerträglich“, sagte der Pfleger Paul Behmel zu seinem Kollegen Tilo Kehlmann.

Nach einem anstrengenden Vormittag machten die beiden jungen Männer Pause. Sie hatten beide Frühdienst in der Waldner-Klinik, zurzeit arbeiteten sie auf der Chirurgischen Station.

Die Patientin, von der Paul Behmel sprach, war Sylvia von Anger. Sie hatte in der Woche zuvor nachts einen schweren Unfall gehabt, bei dem die Schuldfrage noch nicht geklärt war. Dr. Molden, der neue Unfallchirurg, hatte sie noch in derselben Nacht operieren müssen und war dann bis zum Morgen immer wieder bei ihr gewesen, da ihr Zustand sich zunächst nicht hatte stabilisieren wollen.

Erst nach Stunden war es ihr endlich besser gegangen. Sie hatte die Augen aufgeschlagen, Dr. Molden gesehen und offenbar sofort Feuer gefangen.

Seitdem bestand sie darauf, nur von Dr. Molden betreut zu werden. Ließ er sich einmal nicht bei ihr sehen, verschlechterte sich ihr Zustand rapide.

Dr. Waldner, der Klinikchef, hatte zunächst keinerlei Neigung gezeigt, sich dem Willen der reichlich hysterisch wirkenden Patientin zu beugen – bis sie einen lebensbedrohlichen Asthmaanfall bekommen hatte. Danach hatte Dr. Waldner verfügt, Dr. Molden möge zumindest einmal am Tag nach der Patientin sehen, damit Ruhe herrschte. Seitdem wartete das Personal ungeduldig darauf, dass Sylvia von Anger entlassen werden konnte, denn sie machte fast allen außer Dr. Molden – und vielleicht sogar auch ihm – das Leben schwer.

„Ich komme ganz gut mit ihr klar“, erwiderte Tilo.

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