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Dr. Stefan Frank - Folge 2215

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Lieber Weihnachtsmann …
  4. Vorschau

Lieber Weihnachtsmann …

Was sich die kleine Lydia mehr als alles andere wünschte

Seit ihre Lehrerin Almut Rainer nicht mehr da ist, macht die Schule gar keinen Spaß mehr, denkt die kleine Lydia wieder einmal und seufzt herzerweichend. Die neue, Frau Magister Anna Carola Laimer-Finkel, kann sie nicht leiden – niemand kann das. Denn Frau Laimer-Finkel ist furchtbar streng, und den komischen Namen kann sich Lydia auch nicht merken. Frau Rainer hingegen hatte alle ihre Schüler lieb. „Mein Herz geht auf, wenn ich euch endlich wiedersehe“, hat sie immer zur Begrüßung gesagt.

Kurz vor Weihnachten schließlich hat Lydia eine hervorragende Idee: Sie schreibt einen Brief an den Weihnachtsmann und bittet ihn darum, dass er ihr ihre alte Lehrerin wieder zurückbringt. Dass sie mit diesem Brief eine ganze Kette von wundervollen Ereignissen auslöst, kann sie in dem Moment natürlich selbst noch nicht ahnen …

Es war einer der ersten Tage im Dezember, der Himmel war grau verhangen, und vereinzelt fielen Schneeflocken auf die stacheligen grünen Hecken im Park, als sie ihn zum ersten Mal sah.

„Oh!“

Lydia blieb in einiger Entfernung stehen und betrachtete die unverhoffte Erscheinung sehr aufmerksam von oben bis unten. Jede Einzelheit erfasste sie mit großen, staunenden Augen. Keine auch noch so winzige Kleinigkeit entging ihr.

Als sie damit fertig war, kam sie zu dem Ergebnis, dass es sich nicht bloß um eine Sinnestäuschung und auch nicht bloß um jemanden handelte, der sich verkleidet hatte.

Hatte er auch gar nicht, denn weder trug er eine dieser roten Filzmützen mit weißem Plüschrand und einer weißen Bommel, noch konnte Lydia eines dieser Kissen entdecken, von denen bei den Kaufhausweihnachtsmännern manchmal ein Zipfel zwischen dem Gummizug der roten Hose und dem roten Oberteil hervorlugte.

Er hatte gar keinen besonders dicken Bauch und war auch ganz normal gekleidet: warmer, beigefarbener Mantel, eine dunkle Hose und Stiefel. An den Händen hatte er schwarze dicke Handschuhe aus Leder. Seine Haare waren schneeweiß und fielen in leichten Wellen bis auf seine Schultern herab. Genauso lockig und schneeweiß war sein Bart, der bis auf die Brust hinabhing.

Das war nicht so einer wie die, die vor den Kaufhäusern standen, mit Bärten aus steifem, glänzendem Kunststoff, die schief auf ihren verdrossenen Gesichtern hingen und mit Gummibändern an roten Ohren befestigt waren.

Nein, das war er! Der Echte! Der Richtige! Ohne jeden Zweifel.

Woran sie ihn erkannte? An dem freundlichen Gesicht und an den Augen, die genauso klug und gütig aussahen wie die auf dem Bild in dem neuen Buch mit den Weihnachtsgeschichten, das Mama ihr geschenkt hatte. Und dann auch noch an der ruhigen, vornehmen Haltung und überhaupt an allem.

„Hallo!“ Mutig wagte sie sich etwas näher.

„Hallo!“, erwiderte der Weihnachtsmann, und Lydia stellte fest, dass seine Stimme genauso echt war wie der Rest. Tief, freundlich und ohne die zuckersüße Falschheit, die sie bei manchen Erwachsenen oft so verwirrte.

„Bist du es wirklich?“, fragte sie ehrfürchtig, klemmte sich die hübsch bemalte längliche Holzkiste, in der ihre Blockflöte auf einem weichen Bett aus dunkelblauem Samt lag, unter den Arm und hauchte in ihre kalten Hände.

„Glaubst du, dass ich es wirklich bin?“, antwortete er mit einer Gegenfrage.

Lydia nickte, ohne erst lange überlegen zu müssen.

„Dann bin ich es wirklich. Für dich zumindest. Die Wahrheit findest du immer nur in dir selbst. Die darfst du dir von niemandem nehmen lassen.“ Er schlüpfte aus seinen Handschuhen und hielt sie ihr wortlos hin.

„Oh!“ Lydia schüttelte sich, um die schwere Schultasche, die sie auf dem Rücken trug und die ein wenig verrutscht war, wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dann nahm sie die Handschuhe und streifte sie über die bereits rot gefrorenen Hände. Natürlich waren sie viel zu groß, dafür aber sehr warm. „Danke! Meine hab ich irgendwo verloren. Solche Sachen wie das, was du gerade über die Wahrheit gesagt hast, hat Tante Almut auch immer gesagt.“

„Und jetzt sagt sie solche Sachen nicht mehr?“

Lydia schüttelte den Kopf und blickte nach oben, als eine einzelne Schneeflocke auf ihrer Nasenspitze landete.

„Leider! Jetzt haben wir nämlich eine neue Lehrerin: Frau Mak … Markis …kista …“

„Magister?“

„Ja, danke! Frau Magister Anna Carola Laimer-Finkel.“

„Du meine Güte!“ Der Weihnachtsmann lächelte. „Das ist aber ein sehr langer Name für eine einzige Lehrerin.“

„Ja, sehr lang!“, seufzte Lydia. „Morgens, wenn sie ins Klassenzimmer kommt, müssen wir immer alle im Chor sagen: ‚Guten Morgen, Frau Mark …‘“

„Magister Anna Carola Laimer-Finkel“, half der Weihnachtsmann aus.

„Richtig! Dafür haben wir ziemlich lange üben müssen. Tante Almut haben wir immer bloß Tante Almut genannt. Wenn die morgens ins Klassenzimmer gekommen ist, dann hat sie jeden Tag gesagt: ‚Guten Morgen, meine Lieben. Die Sonne geht in meinem Herzen auf, wenn ich euch wiedersehe.‘“

„Das ist ein sehr schöner Morgengruß.“

„Ja, das war schön. Damals habe ich mich schon jeden Morgen darauf gefreut, die Sonne in Tante Almuts Herzen aufgehen zu sehen. Aber Frau Ma …“

„Magister Anna Carola Laimer-Finkel …“

„Danke! Die sagt, so was gehört in den Kindergarten. In der Schule lernt man den Ernst des Lebens, und es hat etwas mit Rehspeck zu tun, dass man alles sagt. Den ganzen Namen.“

„So, so! Mit Respekt also. Und was sagt sie noch so alles?“

„Dass man ohne Dis …zü …plin und Ehrgeiz auf keinen grünen Zweig kommt.“

„Die hier aber doch.“ Der Weihnachtsmann fasste in eine Papiertüte, die neben ihm auf der Bank lag, brach ein Stück von einem Hörnchen ab und warf es einer Krähe hin, die in einiger Entfernung auf einer der Hecken saß und die beiden aufmerksam beäugte.

Lydia kicherte hinter vorgehaltener Hand, als der Vogel sich den Brocken holte und damit auf einen Tannenbaum flog.

„Siehst du?“, fragte der Weihnachtsmann. „Von einem grünen Zweig zum nächsten. Ganz ohne Respekt und Ehrgeiz.“

„Ja, nicht wahr? Das habe ich mir auch schon mal überlegt.“

„Das ist sehr gut!“, lobte er. „Bleib dabei, dir deine eigenen Gedanken zu machen. Auch Erwachsene haben nicht immer recht. Besonders, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens geht. Selbst dann nicht, wenn sie einen so langen Namen haben wie deine neue Lehrerin.“

„Oh nein!“ Lydia schüttelte den Kopf. „Tante Almut war bloß eine Lehrerin. Frau Mak …kister Anna Carola Laimer-Finkel ist eine de …plümierte Peterkogin und Psi …ko …“

„Psychologin?“

„Ja! So was ist sie auch. Das ist viel mehr als bloß eine Lehrerin.“

„Ich bin wirklich zutiefst beeindruckt!“, schmunzelte der Weihnachtsmann.

Das kleine Mädchen mit den langen blonden Haaren, die unter einer weißen Wollmütze hervorguckten, kicherte.

„Soll ich dir mal verraten, wie wir sie heimlich nennen?“, fragte sie dann.

„Klar, ich bin sehr neugierig.“

„Lukas hat das erfunden. Dem fallen immer so lustige Sachen ein. Aber das darf man nicht laut aussprechen, sonst gibt das mächtigen Ärger.“ Lydia schirmte ihren Mund zu beiden Seiten mit den warm verpackten Händen ab und beugte sich ganz nahe an das Ohr des Weihnachtsmannes. „Heimlich nennen wir sie Frau Schleimer-Stinkel“, flüsterte sie und fuhr heftig zurück, als plötzlich eine schrille Stimme mit nur zwei Wörtern die anheimelnde Atmosphäre schlagartig zerstörte.

„Lydia Schönberg!“

„Oh!“

„Das ist sie, nicht wahr?“, flüsterte der Weihnachtsmann. „Genau so habe ich sie mir vorgestellt.“

„Wieso bist du noch nicht zu Hause?“ Mit raschen, energischen Schritten und strengem Gesicht näherte sich eine etwa fünfunddreißigjährige, ziemlich kleine Frau mit kurz geschnittenen rotblonden Locken, die so drahtig waren, dass sie beinahe unbeweglich in alle Richtungen von ihrem Kopf abstanden. „Die Schule ist seit fast zwei Stunden aus! Und was treibst du hier mit diesem alten Mann, Lydia?“

„Ich … ich hab doch heute noch Flöten gehabt!“, rechtfertigte sich Lydia.

„Du meinst wohl Flötenunterricht!“, korrigierte die diplomierte Pädagogin. „Sprich in ganzen Sätzen! Mit sieben Jahren müsste das doch wohl schon möglich sein. Sogar bei dir, oder?“

„Ja! Ich hatte noch Flötenunterricht, Frau Ma …kister Laimer-Finkel.“

„Und wieso treibst du dich alleine im Park herum?“

„Ich gehe immer durch den Park nach Hause. Ich wohne doch dort drüben. In dem kleinen Haus gegenüber vom Doktor.“

„Alleine? Immer? Warum das? Wieso holt deine Mutter dich nicht ab?“ Die Fragen kamen wie Maschinengewehrsalven aus dem Mund der Lehrerin.

„Die kommt doch heute erst später nach Hause.“

„Warum?“

„Weil sie in München ist.“

„Was hat sie denn in München verloren, wenn sie sich hier um dich kümmern soll?“

„Sie hat doch … Mama hat doch heute … Scheidung hat sie heute. Im Gericht in München.“

„Natürlich!“ Die Lehrerin verdrehte seufzend die Augen und schüttelte den Kopf. „Da sieht man ja, was dabei herauskommt! Hat dir noch niemand beigebracht, dass man nicht mit fremden Männern spricht?“ Anna Carola Laimer-Finkel stemmte beide Hände in die Hüften und blickte das kleine Mädchen herausfordernd an. „Was hast du da gerade gemacht? Das würde mich doch wirklich interessieren. Wolltest du diesen alten Mann eben küssen?“

„Ich? Nein!“ Lydias Gesicht färbte sich dunkelrot. Erschrocken über diese Unterstellung riss sie die Augen weit auf, und ihre Lippen bebten. „Ganz bestimmt wollte ich das nicht!“

„Es hat aber so ausgesehen! Ich werde morgen mit deiner Mutter darüber sprechen. Geh jetzt nach Hause! Unverzüglich!“

„Okay.“ Lydia hielt den Kopf tief gesenkt. „Schade! Tschüss“, hauchte sie und versuchte, den Weihnachtsmann anzulächeln, aber es wurde nur ein tieftrauriger Blick daraus.

„Bis bald, mein liebes Kind“, erwiderte der Weihnachtsmann mit fester Stimme. „Wir sehen uns ganz bestimmt wieder.“

„Und Sie? Was haben Sie hier verloren?“, stellte Anna Carola Laimer-Finkel ihn zur Rede.

„Meine Ruhe und meinen inneren Frieden. Eben jetzt, vor einer Minute“, erwiderte der etwa fünfundsechzigjährige Mann und stand auf.

„Es wirkt merkwürdig, wenn ein alter Mann so vertraulich mit kleinen Mädchen spricht!“, zeterte die Pädagogin unbeirrt weiter. „Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“

„Bisher hatte ich eben Glück.“

„Ich werde Sie im Auge behalten!“, drohte sie. „Sollte ich noch einmal eine solche Szene beobachten wie eben diese hier, dann werde ich die Polizei rufen. Also, halten Sie sich in Zukunft von der Schule fern, wenn Sie keinen Ärger wollen!“

Als sie eine Frau sah, die auf dem Bürgersteig außerhalb des Parks mit einer vollen Einkaufstasche unterwegs war, wandte sie sich ruckartig um.

„Frau Bauer! Hallo! Warten Sie einen Augenblick! Mit Ihnen wollte ich ohnehin sprechen. Lukas ist heute schon wieder frech gewesen! Lange werde ich mir das nicht mehr ansehen!“

Den Kopf hoch erhoben und das Kinn energisch nach vorne gereckt, stürmte sie auf die erschrockene Frau zu.

„Du meine Güte!“, murmelte der alte Herr und schritt zügig auf die Gartenstraße zu. „Ehrgeiz! Disziplin! Der Ernst des Lebens …! Ach du meine Güte!“

***

Zur selben Zeit saß Almut Rainer in dem hellen, freundlichen Büro einer Grundschule in München und blickte Frau Ingeborg Sedelmayer, die Direktorin, erwartungsvoll an.

Almut Rainer war sechsundfünfzig Jahre alt und hatte schon so manches Fältchen im Gesicht, aber dennoch war sie noch immer eine schöne Frau. Sie war groß, schlank, und ihr silbergraues dichtes Haar fiel, glatt und glänzend wie Seide, bis weit über ihre Schultern hinab.

Frau Sedelmayer lehnte sich zurück und faltete ihre Hände zu einem Zelt.

„Ich sage es am besten ganz offen, Frau Rainer: Sie sind mir sehr sympathisch, aber wir haben hier mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, wie Sie es ja auch in Grünwald erlebt haben.“

„Aha? Und zwar?“ Almut wusste längst, dass jedes weitere Wort überflüssig war. Die Entscheidung war längst gefallen, und zwar nicht zu ihren Gunsten.

„Ich spreche von einem übermäßig engagierten Elternverein, dessen Obfrau jede Gelegenheit und jedes Mittel nutzt, um unsere Schule in eine vermeintliche Eliteanstalt für zukünftige Führungskräfte zu verwandeln. Man verlangt heute von uns, dass wir aus ganz normalen Kindern elitäre Wesen machen sollen.“

„Oder aus glücklichen Kindern, gebrochene und willenlose Wirtschaftssklaven“, sinnierte Almut.

„Ja, so könnte man es auch formulieren.“ Frau Sedelmayer blies ihre Backen zu Ballons auf, verdrehte die Augen nach oben und ließ die Luft dann in kurzen Intervallen entweichen. „Wir mussten letztes Jahr zum Beispiel einen völlig normalen, netten und durchaus begabten Jungen von unserer Schule nehmen, nur weil der Elternverein der Meinung war, er übe einen schlechten Einfluss auf die anderen Kinder aus.“

Die Direktorin blickte Almut vielsagend an.

„Wenn ich nun eine Lehrerin anstelle, die – verzeihen Sie, wenn ich es so direkt sage – bereits über fünfzig Jahre alt ist, aus einer anderen Schule hinauskomplimentiert wurde und nicht über eine Zusatzausbildung in Psychologie, moderner Pädagogik, strategischem Denken und was es da sonst noch so alles gibt, verfügt, dann bricht hier spätestens in einem halben Jahr die nächste Protest- und Unterschriftenaktion aus.“ Sie zog die Augenbrauen bis zum Ansatz ihrer schwarz getönten Dauerwellen hoch und blickte Almut mitfühlend an. „Davon hätten wir beide nicht viel.“

„Aber das ist doch verrückt!“ Almut schüttelte erschrocken den Kopf. „Man muss den Kindern doch zuerst Freude am Wissen und Lernen vermitteln. Und natürlich auch menschliche Werte. Alles andere kann dann – je nach Fähigkeiten und Interessen – später gezielt gefördert werden.“

„Ja, ja!“ Frau Sedelmayer seufzte tief. „Das wissen Sie, und ich weiß es auch. Aber menschliche Werte sind heute nicht mehr gefragt. Ebenso wenig wie Freude am Lernen.“ Die Direktorin verdrehte die Augen nach oben. „Leistung, das ist gefragt. Und Fortschritt. Wenn schon Freude, dann bitte nur daran, schneller, besser und leistungsfähiger zu sein als andere.“

„Aber damit schädigt man doch die Seele eines …“

„Weiß ich!“, fiel die Direktorin Almut ins Wort. „Und ganz im Vertrauen: Es würde mich nicht wundern, wenn nicht vielleicht genau das durchaus erwünscht wäre.“

„Und die Kinder, die daran zerbrechen?“

„Für die haben wir ganz wunderbare Medikamente. Und wenn die auch nichts nützen, dann nennt man das wohl ‚natürliche Auslese‘.“

Frau Sedelmayer beugte sich über ihren Schreibtisch.

„Es tut mir sehr, sehr leid, dass ich Ihnen keine großen Hoffnungen machen kann. Vielleicht versuchen Sie es mal in einer Privatschule. Ich an Ihrer Stelle würde aber eher um Frührente ansuchen.

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