Logo weiterlesen.de
Dr. Stefan Frank - Folge 2205

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Dr. Bayers großes Versprechen
  4. Vorschau

Dr. Bayers großes Versprechen

Wie der Arzt seiner schönen Patientin ihren größten Wunsch erfüllte

Seit ein Verrückter Anna mit seinem Wagen angefahren hat, kann die hübsche junge Frau ihr rechtes Bein nicht mehr bewegen. Schon viele Ärzte haben versucht, ihr zu helfen – bisher leider ohne Erfolg. Und einen neuen Versuch will Anna nicht mehr wagen, ihr Vertrauen in die Medizin hat sich erschöpft. Resigniert und traurig sitzt sie Tag für Tag im Wohnzimmer ihrer Mutter Gabriele und starrt ins Leere.

Doch eines Tages hält Gabriele es nicht mehr aus. Sie wendet sich an ihren Hausarzt Dr. Frank und bittet ihn um Hilfe. Zum Glück weiß der Grünwalder Arzt, dass an der Waldner-Klinik ein sehr erfolgreicher neuer Kollege eingestellt wurde. Dr. Nick Bayer ist Chirurg und Orthopäde, vor allem aber kennt er sich mit einem völlig neuen Verfahren aus, das Annas Leben die entscheidende Wende bringen könnte. Aber wie kann man die junge Frau davon überzeugen, dass sie ausgerechnet diesem Arzt noch eine Chance geben soll?

Anna fühlte sich an diesem Tag so unbeschwert und glücklich wie schon lange nicht mehr. Ralf hatte sie am vergangenen Abend gefragt, ob sie seine Frau werden wollte. Stürmisch war sie ihm um den Hals gefallen und hatte ihn geküsst, bis sie beide keine Luft mehr bekommen hatten, und dann ganz atemlos ein „Ja!“ gehaucht.

Immer noch schwebte sie wie auf Wolken, und nichts konnte sie zurück auf die harte Erde holen. Auch nicht ihr Chef, der sie am Vormittag angeschrien und einen seiner berüchtigten Wutanfälle bekommen hatte – wie so oft wegen einer Nichtigkeit.

Egal, es interessierte sie nicht. Mit einem strahlenden Lächeln hatte sie seinen Zornausbruch über sich ergehen lassen, bis er völlig konsterniert mitten im Satz abgebrochen und sich abrupt umgedreht hatte, um davonzustapfen.

Ralf wollte sie heiraten!

„Bis an unser Lebensende wollen wir zusammenbleiben“, hatte er ihr zugeflüstert. „Wir werden Kinder haben, ein Haus bauen …“

„Kriegen wir auch einen Hund?“, hatte sie ihn unterbrochen. „Einen Schäferhund, einen Welpen. Ich finde Schäferhundbabys nämlich viel hübscher als Menschenbabys. Die sind nicht so rot und runzelig.“

„Du bist verrückt!“, hatte Ralf lachend erwidert und ihr einen Kuss auf die Nasenspitze gegeben. „Aber okay: ein Hundebaby für dich und Menschenbabys für mich. Zwei oder sogar drei – was hältst du davon?“

„Viel“, hatte sie gemurmelt und wieder begonnen, ihn zu küssen.

„Trotzdem, ein bisschen Zeit lassen wir uns noch, ja?“, hatte Ralf gemeint, kurz bevor sie einschliefen. „Es gibt noch so viele Strände, an denen ich mit dir surfen möchte. Berge, auf die wir klettern können. Wenn erst mal ein Baby da ist, wird daraus nichts mehr …“

In ihre Erinnerungen versunken ging sie den Bürgersteig entlang. So viele Leute waren unterwegs! Das schöne Wetter hatte all die Büromenschen, die in ihrer Mittagspause – genau wie sie – ein paar wärmende Sonnenstrahlen genießen wollten, hinaus auf die Straße gelockt.

Aber ihr wäre es auch egal gewesen, wenn es geregnet hätte. Oder gehagelt und gestürmt. Sie nahm die Welt immer noch wie durch einen rosaroten Schleier wahr, und in diesem Moment schien es ihr, als ob es nichts Böses oder Hässliches geben könne.

Vielleicht passte sie deshalb nicht auf.

Vielleicht achtete sie deshalb nicht auf das, was um sie herum geschah.

Viel zu spät nahm sie das Aufheulen des Motors wahr.

Viel zu spät hörte sie die Schreie um sich herum.

Viel zu spät drehte sie sich um.

Für einen Moment stand sie einfach nur da, starr vor Entsetzen.

Sie sah Menschen am Boden liegen, einen Mann, eine Frau und ein Kind, blutend und verletzt.

Sie hörte das durchdringende Wimmern des Kindes, den grausigsten Laut ihres Lebens, hörte es dann verzweifelt nach seiner Mama rufen.

Sie war wie erstarrt, hatte die Augen weit aufgerissen, die Arme abwehrend erhoben.

Sie sah den Wagen auf sich zurasen und fragte sich noch, welcher Irre sein Auto mitten in die Menschenmenge auf dem Bürgersteig lenken mochte.

Als sie endlich zur Seite springen wollte, war es zu spät.

Sie hörte ein scheußliches Knacken, als Metall auf Knochen traf, spürte einen stechenden, intensiven Schmerz. Dann fiel sie über die Motorhaube, versuchte, sich irgendwie festzuklammern, voller Angst, herunterzufallen und überrollt zu werden.

Das Auto hielt nicht an.

Kurz erhaschte sie einen Blick auf das Gesicht hinter der Windschutzscheibe, ein wahnsinniges, triumphierendes Gesicht, und sie wusste in diesem Moment mit absoluter Sicherheit, dass dieser Mann mit Absicht handelte, dass er zerstören und verletzen wollte.

Sie rutschte.

Mit letzter Kraft versuchte sie, sich wegzurollen und seitlich von der Motorhaube fallen zu lassen, denn der Fahrer steuerte nun auf ein Geschäft zu.

Hart prallte sie auf und schlug mit dem Kopf auf die Bordsteinkante. Das Letzte, was sie hörte, war das Klirren von zerbrechendem Glas. Ein Splitterregen ging auf den Bürgersteig nieder, spitzes Glas schnitt auch in ihre Haut.

Dann herrschte entsetzliche Stille.

***

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Anna schreckte schweißgebadet aus dem Schlaf, setzte sich auf und strich sich mit zitternden Fingern die feuchten Haare aus der Stirn. Ihr Nachthemd klebte ihr am Körper, sie fröstelte und schlang die Arme um sich. Ihr war so kalt, innerlich wie äußerlich.

Würde das denn niemals aufhören? Würde sie nie mehr Ruhe finden? Schon wieder hatte sie von jenem schrecklichen Tag geträumt – wie so oft im vergangenen Jahr. Von dem Gesicht hinter der Windschutzscheibe, das sie verfolgte und nicht losließ, ob sie wach war oder schlief. Von dem Unfall, der ihr alles genommen hatte. Ihre Gesundheit, ihren Job.

Und Ralf.

Anna Mürnau spürte, wie die Tränen zu fließen begann. Dass sie nach all dem Kummer und Leid überhaupt noch weinen konnte, dass sie nicht leergeweint war …

Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Wangen. Sie hasste diese Träume. Hasste es, das alles wieder und wieder durchleben zu müssen.

Doch ihre Tränen wollten nicht versiegen.

Sie tastete nach der Lampe auf ihrem Nachttisch und schaltete sie an. Das Licht tat gut, sie mochte es nicht, wenn sie in der Dunkelheit ihren Gedanken ausgesetzt war.

Jetzt hör doch endlich auf zu flennen, schalt sie sich selbst. Steh auf und zieh dir ein frisches Nachthemd an, dann leg dich wieder hin und schlaf weiter. Schlaf die Erinnerungen weg.

Aber wenn sie doch nur aufstehen könnte, ganz normal, wie andere Leute es taten!

Anna griff nach den Krücken, die neben ihrem Bett an der Wand lehnten, und versuchte sich hochzustemmen. Sie schaffte es erst im zweiten Anlauf.

Wenn dieses verdammte Bein bloß nicht so nutzlos wäre, dachte sie und presste die Lippen zusammen, während sie sich zur Kommode bewegte, eins der Nachthemden nahm, die griffbereit darauf lagen, und mithilfe der Krücken zu ihrem Bett zurückkehrte.

Die Krücken kamen an ihren Platz zurück, dann zog Anna sich um, warf das verschwitzte Nachthemd einfach auf den Boden, hob dann die Beine aufs Bett und ließ sich mit einem Aufstöhnen zurück in die Kissen sinken.

Jede elende Bewegung bereitete ihr Schmerzen. Und dennoch hätte sie diese Schmerzen ohne zu klagen hingenommen, wenn dafür das Bein wieder in Ordnung gekommen wäre.

Die Schienbeinfraktur, die sie sich zugezogen hatte, als der Irre sie anfuhr, wollte und wollte nicht heilen.

„Sie haben Glück gehabt!“, hatten ihr die Ärzte damals im Krankenhaus versichert. „Es ist eine geschlossene und stabile Fraktur, die nicht operiert werden muss. In sechs, sieben Wochen werden Sie das Bein schon belasten können, und bald springen Sie wieder herum wie ein junges Fohlen.“

Glück gehabt – von wegen! Jetzt lief sie noch nicht einmal wie ein alter Gaul.

Anna lachte bitter auf. Zunächst hatte man ihr einen Liegegips angelegt, später sollte sie einen Gehgips bekommen. Doch der Optimismus der Ärzte schwand, ihr Bein blieb kraftlos und instabil. Röntgenaufnahmen zeigten, dass sich der Bruchspalt nicht schloss.

Es liege eine „Verzögerung der Frakturheilung“ vor. So nannten sie es, als auch nach vier Monaten nicht die geringsten Anzeichen einer Knochenneubildung zu erkennen waren.

Man verordnete ihr noch einmal einen Liegegips, doch auch das brachte nicht den erhofften Fortschritt. Es brachte ihr lediglich Frust.

„Wir müssen weitere Komplikationen verhindern“, hieß es dann – als ob das alles nicht schon kompliziert genug gewesen wäre! „Das Bein muss nun doch chirurgisch stabilisiert werden.“

Also kam sie ein weiteres Mal ins Krankenhaus, ein Marknagel sollte dem Knochen Halt geben. Man sagte ihr, entscheidend für den Erfolg sei es, die Ursache der Pseudarthrose – das war die medizinische Bezeichnung für das fehlende Zusammenwachsen von Knochenfragmenten nach einem Bruch – herauszufinden, doch man fand nichts.

Wochen vergingen, und immer noch zeigte sich keine Besserung. Das Bein blieb, wie es vor dem Eingriff gewesen war: kraftlos, nicht belastbar, und auch die Schmerzen wollten nicht nachlassen.

Annas Frust wuchs von Tag zu Tag, irgendwann verwandelte er sich in Verzweiflung. Sie war es so satt, hasste das Ausgeliefertsein, dieses Gefühl der Hilflosigkeit.

Dabei war sie immer so sportlich gewesen. Im Frühjahr und Herbst, wenn der Wind richtig blies, war sie an den Wochenenden mit Ralf regelmäßig zum Surfen an den Ammersee gefahren; ihre Urlaubsziele im Sommer hatten sie danach ausgesucht, ob es dort ein gutes Surfrevier gab.

Auch geklettert waren sie beide gern. Sie hatten es geliebt, schöne und schwierige Touren in den Bergen zu machen.

Jetzt konnte sie nicht einmal mehr auf festem Boden richtig stehen, geschweige denn auf einem Surfbrett. Und was das Klettern betraf: Weil es für sie schon zu mühsam war, nur die Treppe ins erste Stockwerk hinaufzusteigen, hatte sie sich im Haus ihrer Mutter im Erdgeschoss einquartieren müssen. Zum Glück gab es dort ein Gästezimmer.

Ralfs Besuche waren irgendwann immer seltener geworden …

Anna hatte schon lange befürchtet, dass er sich von ihr abwenden würde, doch sie hatte sich diesem Gefühl nicht stellen wollen.

Die Schienbeinfraktur war ja nicht ihre einzige Verletzung gewesen. Durch den Sturz auf den Bordstein hatte sie ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten, das zu einer Blutung in ihrem Kopf führte.

Tagelang hatte man sie nach dem Unfall auf der Intensivstation überwacht, immer wieder per CCT und MRT kontrolliert, ob der Hirndruck stabil blieb. Glücklicherweise war es nicht zu Komplikationen gekommen, und ihr Körper hatte den Bluterguss schließlich von selbst abgebaut.

Wie erleichtert sie damals gewesen war! Wenn diese Verletzung, die um so vieles gefährlicher war, folgenlos ausheilte, dann würde dieser dumme Bruch doch erst recht ohne Schwierigkeiten heilen, hatte sie geglaubt – und dass sie schon bald wieder ganz gesund sein würde.

Anna ballte die Hände zu Fäusten. Wie lächerlich diese Hoffnung gewesen war! Bis heute konnte sie nicht ohne Hilfe laufen, das Bein nicht belasten. Aus einer sportlichen, lebenslustigen jungen Frau, die sich darauf freute, den Mann zu heiraten, den sie liebte, war ein Krüppel geworden.

Die Tränen flossen erneut. Ja, genau so hatte Ralf sie genannt, als er ihr vor zwei Monaten erklärt hatte, dass er sie nicht heiraten könne. Nicht mehr heiraten wolle. Dass er sich eine gesunde Frau wünsche, und dabei war sein Blick zu ihrem rechten Bein gewandert, das so schwach und dünn und nutzlos geworden war. Er wollte eine Frau, die mit ihm seinen heißgeliebten Sport ausüben konnte.

Annas Hand glitt unwillkürlich zu ihrem Gesicht, und unter den Tränen, die ihr über die Wangen liefen, konnte sie immer noch die Narben spüren. Die Glassplitter hatten tiefe Wunden in ihre Haut gerissen, auch wenn die Narben nun viel schmaler geworden waren und kaum noch auffielen.

Sie hatte es eigentlich schon damals geahnt, als Ralf sie nach dem Unfall zum ersten Mal besuchen durfte und sie das Entsetzen in seinem Blick gesehen hatte. Hastig hatte er sich abgewandt, um nicht ihr geschwollenes, verunstaltetes Gesicht betrachten zu müssen. Sie hatte gespürt, dass Ralfs Liebe zu ihr in diesem Moment zu sterben begann.

Hass wallte in der jungen Frau auf – Hass auf den Mann, der das alles zu verantworten hatte. Auf den Fahrer des Wagens, der aus einer Enttäuschung heraus nur noch einen Wunsch hatte: andere so zu verletzen, wie er selbst verletzt worden war.

Nun, das ist ihm gelungen, dachte Anna. Zwei Menschen sind tot, und ein Kind wird für immer im Rollstuhl sitzen – von mir und den vielen anderen Verletzten gar nicht zu reden.

Nie hätte sie geglaubt, dass sie so tief hassen könnte. Es war ein hässliches Gefühl, das wusste sie, doch sie konnte sich nicht dagegen wehren.

Ja, dachte Anna, das ist aus mir geworden: eine verbitterte Frau, die nicht verzeihen kann und dafür büßen muss, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort war.

***

Wie immer hatte Gabriele Mürnau liebevoll den Frühstückstisch gedeckt. Die gelben Rosen, die sie eben noch im Garten gepflückt hatte, passten perfekt zu der sonnigen Küche, die sie ganz in Gelb- und Terrakottatönen eingerichtet hatte.

Wenn doch nur auch in Annas Herz die Sonne wieder scheinen würde, dachte sie traurig, als sie das Klicken der Krücken im Flur hörte. Was kann ich bloß tun, um das Lachen in ihr Leben zurückzubringen?

Vielleicht sollte ich doch Dr. Frank um Rat fragen, überlegte sie. Vielleicht bekomme ich morgen einen Termin in seiner Praxis, nachdem ich Anna zur Physiotherapie gefahren habe.

Sie ließ sich nichts von ihren Gedanken anmerken, als ihre Tochter die Küche betrat.

„Hast du gut ge …“, begann sie, doch sie brach wieder ab, als sie die tiefen Schatten unter Annas Augen sah. Nein, ganz offensichtlich hatte ihre Tochter nicht gut geschlafen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dr. Stefan Frank - Folge 2205" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen