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Dr. Stefan Frank - Folge 2204

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Hochzeit in der Gartenstraße
  4. Vorschau

Hochzeit in der Gartenstraße

Warum Dr. Frank die hübsche Franziska zum Altar führte

Als Jakob Westermann den jungen Gärtner Timo kennenlernt, hat der lebenslustige Rentner nur einen Gedanken: Das ist der richtige Mann für meine Enkelin! Aber wie soll er die beiden zusammenbringen? Da ist guter Rat teuer, zumal Timo eher schüchtern und Franziska Fremden gegenüber skeptisch ist.

Doch nachdem Timo einige Wochen in Jakobs Garten gewirkt hat, kommen sich der attraktive Landschaftsgärtner und die bildhübsche Franziska endlich näher. Und tatsächlich scheinen die beiden wie füreinander geschaffen zu sein. Bereits nach wenigen Wochen beschließen sie, zu heiraten. Natürlich soll Jakob seine Lieblingsenkelin zum Altar führen. Aber dann geschieht etwas, was das Glück des jungen Paares in seinen Grundfesten zu erschüttern droht …

Jakob Westermann brauchte seine Enkelin nur anzusehen, um zu wissen, was los war.

„Wieder nichts?“, fragte er.

Franziska Westermann schüttelte stumm den Kopf. Wie jeden Tag war sie sofort zum Briefkasten gelaufen, als sie ihn hatte klappern hören, in der Hoffnung, dass man ihr endlich eine feste Stelle als Lehrerin anbot. Seit dem Ende ihrer Ausbildung wurde sie jeweils für ein Jahr angestellt – und pünktlich zum Ende des Schuljahres wieder entlassen.

Die Schulleiterin der letzten Schule, an der sie gearbeitet hatte, war von Franziska so begeistert gewesen, dass sie ihr versprochen hatte, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, damit die junge Frau an ihrer Schule bleiben konnte. Doch Tage und Wochen vergingen, ohne dass die ersehnte Nachricht kam, weder von dieser noch von einer anderen Schule.

„Es wird so sein wie vorletztes Jahr“, bemerkte Jakob. „Da haben sie dich doch, wenn ich mich recht erinnere, noch nach Schulbeginn wieder eingestellt. Angeblich ein Versehen.“

„Letztes Jahr auch“, murmelte Franziska, während sie sich mechanisch eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn strich.

Mit ihren lebhaft blitzenden dunklen Augen und dem weich geschwungenen Mund, der sich so gern zum Lachen verzog, war sie sehr hübsch. Viele ihrer Schüler waren in sie verliebt, gelegentlich fand sie einen ungelenk geschriebenen Liebesbrief, den ihr jemand in die Tasche geschmuggelt hatte. Im Stillen freute sie sich darüber, ging aber niemals darauf ein, denn natürlich durfte sie keinen Schüler ermutigen.

„Irgendwann klappt es mit einer festen Stelle“, sagte Jakob und versuchte, zuversichtlich zu klingen.

Er stand leicht gebeugt am Küchentisch, ein schmaler, fast hagerer Mann von sechsundsiebzig Jahren, nicht sehr groß, mit silbernem Haarschopf und blauen Augen, die noch immer neugierig und interessiert in die Welt sahen.

Sie lebten seit zwei Jahren zusammen in seinem kleinen Haus am Rande von Grünwald. Franziskas Eltern, Jakobs Sohn Matthias und seine Schwiegertochter Andrea, waren beide schon tot. Franziskas Vater hatte Krebs gehabt und war vor vier Jahren gestorben. Zwei Jahre später war ihm seine Frau gefolgt, nachdem sie zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Jakobs Rente war bescheiden, aber sie reichte ihm zum Leben, da ihm das Haus gehörte und er zudem die Haushaltskasse durch den Ertrag seines Gartens entlastete.

Das Gärtnern war das ganze Glück seiner späten Jahre geworden. Bei jedem Wetter war er draußen, lockerte die Erde, rupfte Unkraut aus, beschnitt seine Sträucher, düngte und wässerte. Franziska half ihm, wenn sie – wie jetzt – Zeit hatte, aber die gleiche Begeisterung wie ihr Großvater brachte sie nicht auf.

Wenn sie arbeitete, kamen sie gut über die Runden, wenn aber ihr Gehalt ausblieb, wurde es eng.

„Manchmal glaube ich nicht mehr daran, Opa“, sagte sie und setzte, plötzlich aufbrausend, hinzu: „Ich hasse es, dir auf der Tasche zu liegen.“

Er ging zum Herd und setzte Wasser auf.

„Du liegst mir nicht auf der Tasche“, sagte er ruhig. „Wir kommen doch gut klar, Franzi, jetzt hör auf, dir Sorgen zu machen. Lehrer werden überall und immer gebraucht, und du bist ja nicht die Einzige, mit der sie es so machen. Natürlich ist es billiger, euch immer nur befristet einzustellen, statt euch einen unbefristeten Vertrag zu geben oder gar zu verbeamten. Aber irgendwann …“

„Eine meiner Kolleginnen will jetzt klagen“, unterbrach ihn Franziska, während sie sich an den Tisch setzte, noch immer die Briefe in der Hand, die an diesem Tag gekommen waren. „Die schicken sie schon seit fast zehn Jahren von einer Schule zur anderen.“

Jakob gab frische Pfefferminze in eine Kanne und goss heißes Wasser darüber. Dann stellte er zwei Becher auf den Tisch und die Kanne auf ein Stövchen, bevor er sich zu seiner Enkelin setzte.

„Wir kommen klar“, wiederholte er. „Wir sind gesund, es geht uns gut. Andere sind da viel schlechter dran. Ich verstehe schon, dass du gern endlich eine Perspektive haben möchtest, aber sieh es doch mal so: Du machst jetzt Erfahrungen, die andere, die gleich eine feste Stelle bekommen, niemals machen werden.“

„Und was für Erfahrungen sollen das sein?“

„Nun, du lernst unterschiedliche Schulen kennen, und du weißt dich durchzusetzen, obwohl du Berufsanfängerin bist. Außerdem hast du gelernt, neue Kollegen schnell einzuschätzen und auch in schwierigen Situationen zurechtzukommen.“

Als sie etwas erwidern wollte, hob er abwehrend die Hände.

„Das ist bestimmt nicht einfach, und ich verstehe, dass du im Augenblick meinst, auf solche Erfahrungen gern verzichten zu können. Aber glaub mir, es wird der Tag kommen, an dem du sagst: ‚Eigentlich war es gut so‘.“

Er hob den Deckel von der Teekanne und schnupperte.

„Ich glaube, man kann ihn schon trinken“, sagte er und schenkte ihr von dem Tee ein.

„Ich will nur nicht mehr das Gefühl haben, ständig herumgestoßen zu werden“, meinte sie nach einer Weile. „Ich will wissen, wohin ich gehöre.“

Er griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand und hielt sie fest. Für einen so schmalen Mann war seine Hand überraschend groß, sie umschloss ihre mühelos.

„Im Augenblick gehörst du hierher“, sagte er. „Das wird sich irgendwann ändern, aber von mir aus kann es ruhig noch dauern, bis es so weit ist. Mit dir zusammen ist es in diesem Haus viel schöner als allein.“

Unwillkürlich schossen ihr Tränen in die Augen. Ihre Oma, Jakobs Frau Lene, war schon lange tot, und Franziska hatte nur noch unscharfe Erinnerungen an sie. Aber an eine Sache konnte sie sich noch ganz genau erinnern: Oma Lene war eine großartige Bäckerin gewesen, im Haus hatte es immer nach ihren Backwerken geduftet.

Auch Lene selbst war von diesem Duft umgeben gewesen, an den sich Franziska besser erinnerte als an das Gesicht ihrer Großmutter. Manchmal fand sie das bestürzend, aber sie war ja auch erst sieben gewesen, als Lene gestorben war.

„Du musst nicht weinen“, sagte er weich. „Ich kann es nur wiederholen, Franzi: Es geht uns gut, also mach dir nicht zu viele Sorgen. Du bist eine sehr engagierte, kluge und beliebte Lehrerin, also wird es irgendwann auch mit einer unbefristeten Stelle klappen. Ich habe daran nicht den geringsten Zweifel, wirklich nicht.“

Franziska wischte sich kurz über die Augen und trank einen Schluck Pfefferminztee.

„Danke, Opa“, sagte sie. „Niemand kann mich so gut aufbauen wie du. Soll ich dir gleich noch im Garten helfen?“

„Ich könnte Hilfe gebrauchen“, antwortete er. „Aber vor allem muss ich endlich jemanden finden, der mir die Bäume schneidet. Diesen Menschen, der mir vor ein paar Jahren meine Bäume fast umgebracht hat, lasse ich jedenfalls nicht mehr in den Garten. Ich habe mich schon überall umgehört, aber gute und zuverlässige Leute zu finden, scheint immer schwerer zu werden.“

„Müssen die Bäume denn geschnitten werden?“, fragte Franziska.

„Ja“, antwortete Jakob entschieden.

„Ich kenne leider auch niemanden, der dir helfen könnte, Opa.“

„Ich treffe mich heute Abend mit Willi auf ein Bier oder zwei. Er hat gesagt, er hört sich für mich um.“

Wilhelm Billinger, allgemein nur Willi genannt, war Jakobs ältester Freund. Er wohnte mit seiner Frau ganz in der Nähe, und die beiden Männer sahen sich mehrmals in der Woche. Manchmal stießen auch Franziska und Willis Frau Marianne dazu, aber am liebsten waren die beiden Männer unter sich, und die Frauen akzeptierten das.

„Was hast du vor?“, erkundigte sich Jakob, als er ihre Becher erneut mit Tee füllte.

„Mal sehen“, antwortete Franziska ausweichend. „Auf jeden Fall bleibe ich hier, denke ich. Ich habe keine Lust, rauszugehen.“

„Das solltest du aber. Es ist so schön draußen, nutz das doch aus! Die dunkle Jahreszeit dauert noch lange genug.“

Nachdem sie ihren Tee getrunken hatten, gingen sie in den Garten. Franziska folgte den Anweisungen ihres Großvaters, denn im Garten hatte er allein das Sagen. Sie arbeiteten zwei Stunden, dann richtete Jakob sich auf.

„Zeit, Schluss zu machen“, stellte er nach einem Blick auf die Uhr fest. „Sonst komme ich zu spät zu meinem Treffen mit Willi.“

Sie aßen gemeinsam noch ein Brot, danach verließ er das Haus.

„Warte nicht auf mich“, rief er, bereits an der Gartenpforte. „Es könnte spät werden.“

Franziska räumte auf, trödelte unschlüssig ein wenig herum und landete schließlich auf dem Sofa vor dem Fernseher. Sie war nicht ganz bei der Sache, aber der Film war so vorhersehbar, dass man ihm auch mit halber Aufmerksamkeit folgen konnte.

***

„Das ist Timo“, sagte Willi Billinger mit einer Kopfbewegung Richtung Theke. „Wenn nachher weniger los ist, solltest du mal mit ihm reden. Er ist eigentlich Gärtner, findet aber keinen Job, der ihm zusagt. Er mag diese modernen Gartencenter nicht, genau wie du.“

„Ich habe doch keinen Job zu vergeben, Willi“, erwiderte Jakob verwundert, während sein prüfender Blick den jungen Mann maß, der hinter dem Tresen stand und Bier zapfte.

Er war blond, hatte breite Schultern und muskulöse Arme. Seine Haare waren widerspenstig, der Blick der blauen Augen flink und aufmerksam. Es war ein gutes Gesicht, fand Jakob, intelligent und offen.

Dafür, dass dieser Timo Gärtner war, zapfte er das Bier bemerkenswert schnell und professionell. Wo Hanno den wohl aufgetrieben hatte?

Hanno Winkel gehörte das Lokal, natürlich hieß es „Hannos Winkel“. Noch heute konnte sich Hanno an diesem kleinen Scherz erfreuen.

Er hatte das Lokal vor zehn Jahren übernommen. Damals war es eine heruntergekommene Kneipe gewesen, in die sich außer einigen Gewohnheitstrinkern niemand verirrt hatte.

Heute brummte der Laden, und es wurden auch Kleinigkeiten zum Essen angeboten. Die Atmosphäre war locker und angenehm.

Jakob und Willi hatten ihr erstes Bier vor sich stehen und saßen an „ihrem“ Tisch in ihrer Stammkneipe. Willi nannte sie auch „mein zweites Wohnzimmer“. Seine Frau Marianne hörte das nicht gern, doch da sie eine kluge Frau war, ging sie meist darüber hinweg. Sie kannte ihren Willi, schließlich war sie seit über vierzig Jahren mit ihm verheiratet.

„Du willst doch deine Bäume geschnitten haben, oder nicht?“, fragte Willi jetzt auf Jakobs Einwand hin. „Er versteht was vom Baumschnitt, ich habe ihn schon ausgehorcht.“

„Wann denn?“, fragte Jakob. „Er hat doch überhaupt keine Zeit zum Reden.“

„Vorhin, ich bin ja schon eine Weile hier“, erklärte Willi gemütlich, leerte sein Glas in einem Zug und winkte in Timos Richtung.

Dieser sah die Geste sofort und nickte zum Zeichen, dass die Bestellung angekommen war.

„Der ist auf Zack, was?“, fragte Willi zufrieden. „Sieht alles, kriegt alles mit, behält die Ruhe und ist trotzdem schnell. Vorhin wollte hier jemand Ärger machen, den hat er so ruhig und souverän vor die Tür gesetzt, das hast du noch nicht gesehen.“

„Wie lange bist du denn schon hier?“, fragte Jakob irritiert.

„Zwei Stunden“, antwortete Willi. „Marianne hat heute ihren Kaffeeklatsch, da ist es bei uns nicht zum Aushalten. Sieben Frauen, die alle durcheinanderreden – du weißt doch, dass ich dann immer flüchten muss.“

„Wieso hast du das nicht vorher gesagt? Ich hätte früher kommen können.“

„Ach, ich weiß doch, dass du Franzi im Augenblick trösten musst. Oder hat sie jetzt endlich eine Zusage bekommen?“

„Nein, immer noch nicht.“ Jakob schüttelte trübsinnig den Kopf. „Das Schlimmste ist, dass sie allmählich den Mut verliert. Sie will es sich nicht anmerken lassen, aber manchmal, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, hat sie ganz traurige Augen. Es tut mir richtig weh, wenn ich das sehe.“

Eine Stunde später setzte sich Timo zu ihnen. Hanno war gekommen und hatte den Platz am Zapfhahn für eine Weile übernommen.

„Du bist also Timo. Ich bin Jakob.“

„Weiß ich doch längst, hat Willi mir alles schon erzählt“, erklärte der junge Mann lächelnd. „Du brauchst also jemanden, der dir die Bäume beschneidet. Obstbäume, sagte Willi. Wie alt?“

Jakob beschrieb seine Bäume und vergaß auch nicht, das Erlebnis mit dem Gärtner zu erwähnen, der seine Bäume beinahe umgebracht hatte. Doch schon an Timos Fragen merkte er, dass der junge Mann etwas von seinem Fach verstand.

„Was meinst du?“, fragte er schließlich. „Könntest du das machen?“

„Mit Vergnügen sogar“, antwortete Timo. „Ich helfe hier ja nur aus, und ich mache das auch gern, aber mein Beruf ist nun mal Gärtner. Um ehrlich zu sein, mir fehlt die Arbeit mit Pflanzen. Aber ich brauche einen Job, bei dem ich wenigstens ein paar eigene Vorstellungen verwirklichen kann.“

„Was für eine Ausbildung hast du denn?“

„Eigentlich bin ich Landschaftsgärtner. Jedes Mal wenn ich solche öden Einheitsgärten sehe, juckt es mich, den Leuten zu sagen, dass es noch etwas anderes gibt als glatte Rasenflächen, streng abgezirkelte Beete und Kirschlorbeer.“

Jakob lebte auf, je länger er Timo zuhörte.

Willi lächelte still in sich hinein. Er hatte ja gewusst, dass diese beiden Männer wie füreinander geschaffen waren.

***

„Der Chef ist noch nicht da“, sagte Martha Giesecke am nächsten Morgen, als ihre jüngere Kollegin Marie-Luise Flanitzer ein wenig abgehetzt die Praxis von Dr. Stefan Frank in der Grünwalder Gartenstraße erreichte. In wenigen Minuten sollte die Sprechstunde beginnen.

Marie-Luise wirkte halb verdutzt, halb erleichtert. Verdutzt, weil Stefan Frank sich kaum jemals verspätete, erleichtert, weil ihre eigene Beinahe-Verspätung so weniger auffiel.

„Ist er denn oben?“, fragte sie. „Haben Sie ihn schon gehört, Schwester Martha?“

„Nein“, antwortete Martha. „Es ist alles still da oben. Da ich nicht glaube, dass er verschlafen hat, ist er also wohl nicht da. Aber ich gehe jetzt trotzdem mal hoch und klingele.“

Stefan Franks Praxis lag im Erdgeschoss seines Hauses, im ersten Stock wohnte er. Aber da er seit einigen Monaten eine neue Lebensgefährtin hatte, kam es vor, dass er bei ihr übernachtete, wie seine beiden Mitarbeiterinnen wussten.

Dr.

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