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Dr. Stefan Frank - Folge 2203

Du bist mein Held!

Um Anna zu retten, riskiert Christian sein Leben – und findet die Liebe

Wie schön sie doch ist, denkt Christian ein ums andere Mal, wenn er Josefine begegnet. Ihre beiden Töchter Anna und Lilli gehen in denselben Kindergarten wie sein Sohn Daniel, und so laufen sich die beiden fast täglich über den Weg. Leider wechseln sie bisher nicht mehr als ein paar höfliche Worte miteinander.

Doch dann unternimmt der Kindergarten eines Tages einen Ausflug in den Münchner Tierpark Hellabrunn, und Christian und Josefine unterstützen die Erzieherin. Es wird ein vergnüglicher Tag für alle Beteiligen – bis Josefines Tochter Anna in das Elefantengehege klettert. Irritiert betrachten die Dickhäuter das kleine Mädchen.

Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, denkt Christian und überwindet ebenfalls den Sicherheitszaun. Aber kaum hat er das Mädchen über den Zaun gehoben, fühlt er einen heftigen Schmerz, und dann wird es schwarz um ihn herum …

„Daniel, jetzt lass das endlich sein!“, rief Christian Tillberg durch die weit geöffnete Terrassentür seines Arbeitszimmers in den Garten hinaus. „Herrje, und ich dachte, ihr hättet euch heute im Kindergarten genug ausgetobt.“

Christians fünfjähriger Sohn Daniel stand im Sandkasten und schleuderte mit seiner Schaufel Sand über den Zaun in den Nachbargarten. Dort hockte der ein Jahr ältere Kevin ebenfalls im Sandkasten und schleuderte mit lautem Gejohle Sand zurück. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis einer von den beiden anfangen würde zu weinen, weil er Sand ins Auge bekommen hatte.

Christian lief in den Garten, wo die Sandschlacht aber bereits wieder geendet hatte.

„Ich treff den Kevin doch eh nicht“, erklärte Daniel seinem Papa missmutig. „Der ist viel zu weit weg.“

„Dann frag ihn doch, ob er nicht zu uns rüberkommen will“, schlug Christian vor.

Mit den beiden Jungen war es doch immer das Gleiche. Sie stritten sich, und im nächsten Moment hatten sie sich bereits wieder vertragen und waren die dicksten Freunde.

„Baut euch eine Sandburg, grabt Löcher im Sand oder spielt von mir aus auch irgendwas ganz anderes. Aber mit Sand schmeißen gibt es nicht! Ist das klar?“

Daniel schaute seinen Vater aus großen Augen an, so als hätte er das mit dem verbotenen Sandwerfen noch nie zuvor gehört. Dann nickte er brav, und Christian zauste ihm durch die sandigen Haare, bevor er wieder ins Haus zurückging. Er wollte gerne noch ein wenig arbeiten.

„Kevin, willst du zu uns rüberkommen?“, hörte er Daniel draußen vergnügt rufen. „Papa ist wieder weg.“

Christian seufzte. Hoffentlich heckten die beiden nicht wieder etwas Neues aus.

Er wollte an diesem Nachmittag noch das Projekt abschließen, das er heute Morgen im Büro nicht ganz fertigbekommen hatte. Üblicherweise schaffte Christian es recht gut, Kind und Beruf unter einen Hut zu bekommen, aber an manchen Tagen war es eben doch etwas anstrengend.

Christian war ein sehr erfolgreicher Architekt und arbeitete mit drei Kollegen in einem Gemeinschafts-Architekturbüro im Münchener Süden. Er war froh darüber, dass er sich seine Arbeitszeiten frei einteilen konnte. So konnte er außerhalb der Kindergartenzeiten gut für seinen Sohn da sein, den Christian seit zwei Jahren alleine großzog. Was Christian bis halb drei nicht im Büro erledigt bekam, das erledigte er abends, wenn Daniel schlief, vom heimischen PC aus. Oder gelegentlich auch am Nachmittag, wenn Christian ihm eine ruhige Stunde schenkte.

Aber egal, was sein Sohn auch gerade wieder ausheckte, Christian liebte seinen Jungen über alles, und er konnte ihm nie lange böse sein. Daniel war ein vergnügter, kleiner Racker, der zum Glück nicht unter der Trennung seiner Eltern zu leiden schien.

Vor zwei Jahren hatte Christians Frau Sarah ihn verlassen und war zu ihrem Geliebten nach Fürstenfeldbruck gezogen. Seitdem lebte Christian allein mit seinem Jungen in dem großen Grünwalder Backsteinhaus. Daniel sah seine Mama bloß noch jedes zweite Wochenende, wenn Sarah ihn von Freitag bis Sonntag zu sich nach Fürstenfeldbruck holte.

Christian konnte es immer noch nicht richtig fassen, dass Sarah ihn und den gemeinsamen Sohn damals so einfach sitzengelassen hatte. Sicher, in ihrer Ehe hatte es schon länger gekriselt, doch Christian hätte sich noch zusammengerissen und wäre mit Sarah zusammengeblieben, des Kindes zuliebe.

Nun ja, rückblickend war es vielleicht besser so, denn Sarah und er waren schon lange nicht mehr glücklich miteinander gewesen. Im Grunde genommen war ihre Ehe von Anfang an bloß auf Sand gebaut gewesen, dachte Christian manchmal.

Er hatte Sarah vor sechs Jahren während eines Tauchurlaubs in Ägypten kennen und lieben gelernt. Da sie zufälligerweise beide aus München kamen, hatten sie sich auch nach dem Urlaub problemlos weiter treffen können.

Nach einem halben Jahr war Sarah dann schwanger geworden. Es war, wie man so schön sagte, ein Unfall gewesen. Sarah hatte gar keine Kinder haben wollen, sie hatte ihre Freiheit sehr geliebt.

Ihre Eltern hatten ihr aber dringend nahegelegt, zu heirateten, denn ihrer Meinung nach sollte ein Kind im Schutz einer Familien aufwachsen. Auch Christian war dieser Ansicht gewesen. Und obwohl er zu der Zeit schon gespürt hatte, dass er und Sarah nicht so richtig zueinander passten, hatte er Ja gesagt.

In ihrer Ehe hatte sich dann schnell weiter abgezeichnet, dass es mit einer gemeinsamen Zukunft schwierig werden würde. Sarah und Christian waren vom Typ her völlig verschieden, und sie hatten unterschiedliche Vorstellungen vom Zusammenleben.

Während Sarah ständig etwas erleben wollte, war Christian das, was man gemeinhin einen Familienmenschen nannte. Er war gerne zu Hause und kümmerte sich um seinen kleinen Jungen. Dafür steckte er auch im Beruf ein wenig zurück.

Sarah hatte auch ein Jahr lang Erziehungsurlaub genommen, aber das hatte überhaupt nicht funktioniert. Sie war mit ihrer Mutterrolle von Anfang an nicht gut zurechtgekommen und hatte sich aus dem Haus geschlichen, so oft es ging. Christian war vom ersten Tag an die Hauptbezugsperson für den kleinen Daniel gewesen.

Eines Tages hatte Sarah Christian dann gestanden, dass sie einen anderen Mann kennengelernt habe, mit dem sie nun zusammenziehen wolle. Es war alles ganz schnell gegangen, innerhalb von einer Woche war Sarah ausgezogen, und jetzt wohnte sie in Fürstenfeldbruck. Christian und Daniel waren in dem Haus in Grünwald geblieben.

Eigentlich hatte sich für Vater und Sohn gar nicht so viel verändert, dachte Christian manchmal, denn Sarah war ja sowieso eher selten zu Hause gewesen.

Er hatte dann schnell die Scheidung eingereicht, und seit einem Jahr war Christian geschieden; das Sorgerecht für Daniel hatte er.

Manchmal fragte sich Christian, ob er nun für immer mit seinem Sohn allein bleiben würde. Würde er überhaupt jemals eine Frau kennenlernen, die er von Herzen lieben konnte und die seine Liebe erwiderte?

Durch seine schlechten Erfahrungen mit der Ehe war Christian vorsichtig und auch ein wenig skeptisch geworden. Vielleicht war er für die wahre Liebe einfach nicht geschaffen.

Vor seiner Beziehung mit Sarah hatte er zwar schon andere Freundinnen gehabt, aber die Frau, bei der sein Herz ganz eindeutig Ja gerufen hätte, hatte Christian bisher nicht gefunden. Und so langsam zweifelte er daran, dass er der Frau seines Herzens überhaupt jemals begegnen würde.

***

Am Mittwochnachmittag ging Christian mit seinem Sohn zum Kinderturnen. Es war ein schöner Frühlingstag, sodass sie die Strecke bis zur Turnhalle der Grünwalder Grundschule zu Fuß zurücklegen konnten.

Daniel hatte zuerst keine Lust zu laufen, aber als er sich dann Christians Cityroller ausleihen durfte, war er sofort Feuer und Flamme. Er sauste damit über den Bürgersteig, und sein Vater hatte Mühe, hinterherzukommen.

Nicht immer blieb Christian beim Turnen dabei. Manchmal brachte er Daniel auch nur hin, ging in der Zwischenzeit im nahegelegenen Supermarkt einkaufen und holte seinen Sohn dann nachher wieder ab. Aber heute hatte Christian keine Einkäufe zu erledigen, und so wollte er wieder einmal beim Kinderturnen zuschauen.

Daniel freute sich immer, wenn sein Papa da blieb – und heute freute sich die Sportlehrerin auch darüber.

„Ach, das ist schön, dass Sie hierbleiben, Herr Tillberg“, sagte sie mit einem Lächeln. „Ich wollte heute nämlich einmal die Turnringe herunterlassen, und wenn Sie möchten, können Sie auf der Matte Hilfestellung leisten.“

So stand Christian zehn Minuten später auf einer großen, blauen Turnmatte und passte auf, dass die Kinder an den Ringen nicht zu heftig hin- und herschwangen.

Als die Kleinen eine Trinkpause einlegten, hängte sich Christian selbst an die Ringe und schaukelte ein wenig. Er musste beim Schwingen die Knie anziehen, um nicht über die Matte zu schrappen.

Er war gerade dabei, neuen Schwung zu holen, als die Tür zur Turnhalle aufging und eine verspätete Mutter mit ihren beiden Kindern eintrat.

Als Christian die Frau sah, konnte er sich kaum mehr an den Ringen halten. Was war das für eine attraktive Frau! Sie war sehr groß und schlank, mit dunkelblonden Haaren, die ihr bis auf die Schultern fielen. Ihr Gesicht war zart und die Augen groß und leuchtend. Nur mit Mühe konnte Christian seinen Blick von der Frau abwenden.

Ihre beiden Mädchen glaubte er schon einmal gesehen zu haben. Gingen sie nicht auch in Daniels Kindergarten? In die Bärengruppe?

Die beiden Kindergartengruppen waren auf zwei verschiedenen Etagen. Daniel ging in die Zebragruppe im Erdgeschoss, die Eltern der Kinder aus der anderen Gruppe kannte Christian bei weitem nicht alle. Außerdem brachte Christian Daniel morgens immer schon recht früh in den Kindergarten …

Oh Gott, er baumelte ja immer noch an diesen Ringen. Christian kam sich plötzlich reichlich albern vor.

So elegant wie möglich ließ er sich auf die weiche Matte fallen, sank tief ein und erhob sich mit Mühe. Die Frau stand vorne neben der Bank und unterhielt sich mit der Sportlehrerin. Als Christian über die weiche Matte stapfte, warf sie ihm einen raschen Blick zu und lächelte. Christians Herz schmolz wie Butter in der Sonne. Diese Grübchen!

Oje, wie peinlich ihm das alles war. Dabei war er normalerweise sportlich, sehr sportlich sogar. Er bereitete sich zurzeit auf den Münchener Marathon vor, bei dem er in diesem Jahr um zweiten Mal mitlaufen wollte. Mindestens dreimal in der Woche ging Christian im Grünwalder Forst joggen. Aber hier beim Kinderturnen kam seine Fitness nicht unbedingt zur Geltung, dabei hätte Christian im Moment gerne einen guten Eindruck gemacht.

Die Trinkpause war zu Ende, und die Kinder stellten sich wieder bei den Ringen an.

Christian leistete Hilfestellung und strengte sich sehr an, es ganz besonders gut zu machen. Dabei schaute er immer wieder aus den Augenwinkeln zu der schönen Mutter hinüber. Wenn sich ihre Blicke trafen, begann Christians Herz augenblicklich, aufgeregt zu holpern.

Ich bin ja verrückt, dachte er. So schnell verliebt man sich doch nicht. Oder etwa doch?

Die Liebe auf den ersten Blick war wohl eher etwas für Fünfzehnjährige, die sich zu viele romantische Filme anschauten. Aber das war doch nichts für ihn, einen gestandenen Mann von neununddreißig Jahren, der als erfolgreicher Architekt mit beiden Beinen fest im Leben stand.

Doch im Moment stand Christian keineswegs fest auf seinen Beinen, sondern auf einer weichen und sehr nachgiebigen Turnmatte. Vielleicht war das mit ein Grund dafür, dass er sich tatsächlich wie ein Fünfzehnjähriger fühlte, der sich Hals über Kopf verliebt hatte – in eine Frau, die er nicht kannte und mit der er noch kein Wort gewechselt hatte.

***

„Nein, morgen kann ich wirklich nicht eher von der Arbeit kommen“, sagte Klaus Millmann genervt. „Herrje, Josefine, jetzt lass mich doch endlich mit deinem Kram in Ruhe, ja? Du kriegst das schon hin, da bin ich mir sicher.“

„Und wie soll ich morgen bitteschön um sechs Uhr in der Fotogalerie in München sein, wenn ich um fünf noch mit Lilli und Anna zum Schwimmkurs muss? Das schaffe ich nie im Leben!“

„Jetzt übertreib mal nicht. So dringend wird das mit deiner Besprechung – oder was auch immer da ist – schon nicht sein. Sonst ruf die Leute doch an, und regle das am Telefon. Ich muss schließlich auch ständig meine Termine verlegen, wenn es nicht anders geht. Im Übrigen muss ich jetzt mal weiter arbeiten, bis später dann.“

Josefine konnte es nicht glauben – ihr Mann hatte einfach aufgelegt! Da bat sie ihn – was äußerst selten einmal vorkam – bei der Kinderbetreuung um Hilfe, und er? War sie inzwischen eigentlich ganz allein für die Kinder zuständig?

Klaus war doch wohl der Vater! Warum passte er nicht auch mal auf die beiden auf? Warum unterstützte ihr Mann sie so gar nicht – jetzt, wo es bei ihr beruflich aufwärts ging?

Josefine war gelernte Fotografin. Bevor die Kinder auf die Welt kamen, hatte sie in einem Münchener Fotogeschäft gearbeitet. Aber von den Arbeitszeiten her hatte sich das gar nicht mit dem Familienleben vereinbaren lassen. Also hatte Josefine ihren Job an den Nagel gehängt. Er verdiene genug, sie brauche nichts hinzuzuverdienen, hatte Klaus immer gesagt.

So hatte sich Josefine in den letzten Jahren um die inzwischen vierjährige Lilli und die fünfjährige Tanja gekümmert. Sie hatte den Vier-Personen-Haushalt in Ordnung gehalten und sich um Haus und Garten gekümmert. Das war ganz sicher Arbeit genug, aber Erfüllung hatte sie bei ihrer Tätigkeit als Nur-Hausfrau und Mutter immer weniger gefunden. Und so hatte Josefine in ihrer Freizeit, wenn Kinder und Haushalt sie einmal nicht forderten, an neuen Fototechniken gearbeitet, Motive gesucht und immer wieder viele neue Fotos gemacht.

Aber im Grunde war ihre „Fotografiererei“, wie Klaus sich gerne etwas belustigt ausdrückte, für sie und ihre Familie nicht mehr als ein nettes Hobby gewesen. Niemand hatte sie richtig ernst genommen.

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