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Dr. Stefan Frank - Folge 2202

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Das Leben ist kein Märchen
  4. Vorschau

Das Leben ist kein Märchen

Warum für Ella trotzdem alles gut ausging

Ella soll Prinzessin werden – das haben ihre Mutter Irmgard und sie fest beschlossen. Und um diesen Traum zu erfüllen, tun sie fast alles: Sie fahren zu jeder Feierlichkeit, bei der ein unverheirateter Prinz anwesend sein könnte, studieren Bücher über das Benehmen bei Hofe und kaufen sich sündhaft teure Garderobe.

Über so viel Eifer kann Papa Karl nur den Kopf schütteln. Der erfolgreiche Bauunternehmer wünscht sich für sein Töchterchen einen etwas bodenständigeren Beruf. Etwas mehr Ehrgeiz täte ihr auch nicht schlecht, findet er. Ja, wenn sie so wäre wie Robin! Der junge Mann hilft auf der Baustelle und jobbt in der Waldner-Klinik – und alles, um sein Medizinstudium zu finanzieren. Vielleicht sollte er Robin und Ella mal miteinander bekannt machen …

„Nur noch einen Stich, Herr Ullmann, gleich haben wir es.“ Der Grünwalder Arzt entfernte mit einem Tupfer das Blut, das aus der Wunde quoll und ihm die Sicht nahm, und setzte zum letzten der fünf Stiche an.

„Ja, ja, machen Sie nur, Herr Dr. Frank. Ich spür ja sowieso nichts.“ Der stark untersetzte Fünfzigjährige schaute interessiert zu, wie Stefan Frank die relativ lange Schnittwunde an seiner rechten Handkante nähte. „So geht das also. Jetzt sehe ich das wenigstens auch einmal aus der Nähe. Jeder Stich ein extra Faden. Ich dachte immer, das macht man so, wie man auch einen Riss in einer Hose näht.“

„Möglich wäre es schon“, meinte Stefan Frank lachend, verknotete den letzten Faden und warf das blutige Nähbesteck in eine Metallschale. „Es wäre dann nur ziemlich kompliziert, den Faden wieder herauszuziehen. Da hätten Sie bestimmt nicht viel Freude dran.“

„Auch wieder wahr“, schmunzelte der bullige Mann, dessen Hinterkopf eine großflächige Tonsur zierte. „Sehen Sie, deswegen sind Sie ein studierter Arzt und ich ein Bauarbeiter. Sie haben es im Kopf und ich in den Oberarmen.“

„Na, na, jetzt wollen wir aber doch lieber bei der Wahrheit bleiben, Herr Ullmann“, schmunzelte Stefan. „Sie sind ein erfolgreicher Bauunternehmer mit über hundert Angestellten. Hätten Sie es nur in den Oberarmen, dann hätten Sie es niemals so weit gebracht.“

„Ach was!“, wehrte der Mann bescheiden ab. „Um Können oder Intelligenz geht es bei der großen Karriere in den seltensten Fällen, Herr Frank. Der eine hat Glück, der andere hat keins. So läuft es in der Welt.“

„Manchmal. Aber ich glaube kaum, dass das auch auf handwerkliche Berufe zutrifft. Ich zumindest würde mich nicht gerne auf einen Bauunternehmer verlassen wollen, dessen Häuser nur aus purem Glück stehen bleiben.“ Dr. Frank klebte das Ende des Verbands mit Leukoplast fest. „Wie ist das denn überhaupt passiert?“

„Das war meine eigene Schuld!“, brummte Karl Ullmann verlegen. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Kollegen so fix sind und frühmorgens schon alle Türen verglast haben. Ich renne also wie gewohnt drauflos, und schon rieseln die Scherben. Wie gesagt: mein Fehler. Die Kollegen können absolut nichts dafür.“

„Da muss man ja von Glück reden, dass Sie immer so rasant unterwegs sind und dabei die Hände schwingen, Herr Ullmann. Die meisten anderen wären mit dem Gesicht voran durchmarschiert, und das hätte leicht ins Auge gehen können. Achtung jetzt, ich gebe Ihnen noch eine Tetanusspritze. Die letzte Impfung haben Sie mit sechs bekommen, wie ich vorhin in Ihrer Kartei gesehen habe. Das ist schon eine ganze Weile her.“

„Ja, ja, stechen Sie nur zu, Herr Frank, wenn Sie meinen, dass das notwendig ist. Das halte ich schon aus. Ich habe eine Haut wie ein Elefant.“ Herr Ullmann drehte die dick verbundene Hand vor seinen Augen. „Hoffentlich komme ich mit der dicken Pfote überhaupt noch in meine Arbeitshandschuhe hinein.“

„Sie wollen doch nicht jetzt sofort wieder auf die Baustelle?“, fragte Stefan verwundert.

„Na, was denn sonst? Krankenstand wegen eines kleinen Kratzers? Das kommt doch überhaupt nicht infrage. Das Haus soll ja im Herbst bezugsfertig sein. Die Leute verlassen sich doch darauf.“

„Aber Sie haben genügend fähige Mitarbeiter, die auch einmal für einen oder zwei Tage ohne Sie zurechtkommen, Herr Ullmann. Sie müssten doch eigentlich überhaupt nicht mehr selbst mit anpacken.“

„Ja, klar!“ Der Patient lachte laut auf. „Das sagt meine Frau auch ständig. Sie will, dass ich in feinen Anzügen herumspaziere und Wohltätigkeitsveranstaltungen besuche.“ Herr Ullmann verzog widerwillig das Gesicht und schüttelte sich bei diesem Gedanken. „Aber ich bin nun einmal im Grunde meines Herzens noch immer ein gewöhnlicher Bauarbeiter, und das werde ich auch bleiben. Man verwandelt sich nicht einfach so in einen schicken Schnösel, nur weil man ein paar Millionen auf dem Konto hat.“

„Manche schon“, widersprach Dr. Frank lachend. „Bei manchen Leuten geht das sogar sehr schnell. Und Ihrer Frau geht es gut?“

„Sicher, Herr Frank. Aber das würde sie niemals zugeben. Heutzutage ist es scheinbar schick, möglichst viele Wehwehchen zu haben. Der Kreislauf, die Nerven und der Blutdruck, die Verdauung, Migräne und so weiter.“ Karl Ullmann verdrehte schmunzelnd die Augen und schüttelte den Kopf. „Wenn ich auf einer Baustelle so viele Schwachstellen entdecken würde wie manche Leute in ihrem Körper, dann würde ich die Hütte sofort wieder abreißen und meinen Job an den Nagel hängen.“

Stefan lachte laut auf. Karl Ullmann, den er in seiner Praxis in der Grünwalder Gartenstraße nur äußerst selten zu Gesicht bekam, war ihm schon immer sehr sympathisch gewesen.

Wenn man nicht Bescheid wusste, so musste man tatsächlich annehmen, er sei ein einfacher Bauarbeiter. Tatsache aber war, dass Karl Ullmann zu den reichsten und auch angesehensten Einwohnern Grünwalds zählte. Dennoch traf man ihn nur selten ohne seine stets stark verschmutzte Arbeiterkluft an, und obwohl er sich mühelos die teuersten Autos hätte leisten können, fuhr er kaum jemals etwas anderes als einen Lastwagen oder seinen verbeulten grauen Pritschenwagen.

Hätte Irmgard Ullmann nicht so hartnäckig auf eine standesgemäße Villa gedrängt, würde Karl Ullmann mit seiner Familie vermutlich immer noch in der Dreizimmerwohnung hausen, von der aus er seine steile Karriere begonnen hatte. Angeberei und Überheblichkeit waren ihm nicht nur völlig fremd, sondern auch äußerst zuwider.

„Vielen Dank, Herr Dr. Frank. Sie haben das gekonnt und schnell erledigt“, lobte der Bauunternehmer und stand auf. „Sie wissen ja, wenn Sie einmal was brauchen sollten, wenn an Ihrer Villa was bröckelt oder undicht wird, Sie haben noch jede Menge bei mir gut.“

„Unsinn, Herr Ullmann!“, protestierte Stefan. „Ich tue doch nur …“

„Nein!“, fiel ihm der Patient energisch ins Wort. „Ich weiß schon, dass das Ihr Beruf ist. Aber dass Sie damals, bevor meine Mutter gestorben ist, jeden Tag gekommen sind, das vergesse ich Ihnen niemals. Kein anderer Arzt hätte das gemacht – kein anderer!“, fügte er doppelt so laut hinzu, als Stefan abermals widersprechen wollte. „Dabei bleibe ich. Und dass sie keine Schmerzen haben musste, sondern friedlich hinübergehen konnte, das war auch alleine Ihr Verdienst.“

„Na ja, mehr als gern geschehen, Herr Ullmann.“

„Eben deswegen! Und weil ich Sie mag!“

„Also gut … Danke, Herr Ullmann. Wenn mein Haus einmal einzustürzen droht, rufe ich Sie um Hilfe. Aber bis dahin schonen Sie bitte Ihre Hand und auch sich selbst. Und grüßen Sie mir Ihre Frau und die kleine Dani …“

„Himmelherrgott! Passen Sie auf, was Sie sagen Herr Frank!“, rief Karl Ullmann so vehement, dass Stefan erschrocken einen Schritt rückwärts machte.

„Ich verstehe nicht ganz, was …“

„Wenn meine Frau das hört! Man darf jetzt nur noch Ella sagen. Ella ist nämlich jetzt eine vornehme junge Dame. Wenn mir einmal Dani herausrutscht, dann kriegen die beiden einen Nervenzusammenbruch.“

„Oh! Gut, ich will es mir merken. Ab sofort nur noch Ella. Inzwischen ist sie ja wirklich schon eine junge Dame geworden. Achtzehn müsste sie jetzt sein, nicht wahr?“

„Jawohl.“

„Weiß sie denn schon, was sie nach dem Abitur machen will?“

„Es gibt kein Abitur.“ Karl Ullmann seufzte tief. „Sie hat es nicht geschafft. Trotz der unzähligen Nachhilfestunden ist sie mit Pauken und Trompeten in sämtlichen Hauptfächern durchgerasselt. Das Mädel kommt eher nach mir, sie hat es auch nicht unbedingt im Kopf. Na ja! Ich habe auch kein Abitur, und es kräht kein Hahn danach.“

„Das ist ja auch kein Beinbruch. Wird sie es noch einmal versuchen, oder macht sie lieber eine Ausbildung?“

„Tz! Ausbildung! Sachen sagen Sie, Herr Frank! Als ich vorgeschlagen habe, dass sie in die Schwesternschule gehen soll, haben die beiden einen hysterischen Schreianfall gekriegt. Nein, nein, das ist alles unter ihrer Würde. Prinzessin soll sie werden – mindestens.“

„Prinzessin? Das ist doch kein Beruf.“

„Wem sagen Sie das! Aber ich habe da nichts mitzureden, Herr Frank. Seit meine Irma vor zehn Jahren herausgefunden hat, dass ihre Urgroßmutter ein ‚von‘ vor dem ‚Kleefeld‘ stehen hatte, bildet sie sich weiß Gott was ein. Und das Mädel hat sie damit angesteckt.“

Karl Ullmann zog den Bauch ein und reckte seine Nase gen Himmel.

„So hoch tragen sie die Nasen. Alle beide“, erklärte er. „Und statt Rechnen oder gar etwas Nützliches zu lernen, wird die Dani zur blasierten Dame der feinen Gesellschaft ausgebildet. Ballett, geziertes Benehmen, geschwollenes Daherreden –auf solche Sachen konzentrieren die sich.“

Er schnaubte verächtlich.

„Und zu sämtlichen Ereignissen, bei denen endlich ein heiratswilliger Prinz auftauchen könnte, kaufen sie sich teure Einladungen. Bei der Krönung in Holland waren sie auch, fein herausgeputzt, als siebter Zwerg in der letzten Reihe.“

„Wozu das?“, wunderte sich Stefan Frank.

„Sie haben gehofft, dass dieser englische Prinz auftaucht, der noch keine hat. Ist aber nicht gekommen. Samt Klamotten und Klunker hat mich der Ausflug gut fünfzigtausend gekostet. Für das Geld könnte ich ein ganzes Haus bauen. Ein schönes Haus.“ Der Bauunternehmer warf einen Blick auf seine billige Armbanduhr. „Du meine Güte! Ich muss los.“

„Schicken Sie mir doch Ihre Tochter einmal vorbei, Herr Ullmann.“ Stefan drückte dem Mann die linke Hand. „Ich würde gerne einmal mit ihr reden.“

„Bevor es zu spät ist, meinen Sie, Herr Frank? Ich fürchte, der Zug ist längst abgefahren.“

„Nein, das glaube ich nicht.“ Dr. Frank schüttelte entschieden den Kopf. „Sie muss nur lernen, zwischen Tagträumen und der Realität zu unterscheiden. Mädchen in diesem Alter neigen häufig dazu, auf einen Märchenprinzen zu warten. Manche warten ihr ganzes Leben lang. Es ist doch keine Zukunftsperspektive, Prinzessin zu werden. Dani – Pardon! – Ella kann doch nicht ihre gesamte Zukunft in die Hände eines Mannes legen, der vielleicht irgendwann einmal kommt, vielleicht aber auch nicht. Das Leben ist doch kein Märchen!“

„Wem sagen Sie das“, seufzte Karl Ullmann. „Wenn Sie es schaffen, meiner Tochter das klarzumachen, kann ich das in meinem ganzen Leben nicht wiedergutmachen. So viele Schäden können an Ihrer Villa gar nicht auftreten!“

„Ach was!“ Stefan Frank winkte ab. „Aber unter welchem Vorwand wollen Sie Ella denn zu mir schicken?“

„Ich werde sagen, sie soll zur Impfauffrischung kommen. Es gibt ja ohnehin dauernd was zu impfen, wenn man auf so was Wert legt. Ich ja nicht. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja bis dahin endlich auch schon eine Impfung gegen die Dummheit. Das wäre endlich mal eine, die Sinn macht!“

***

Etwa zur gleichen Zeit kam Dr. Ulrich Waldner, der Chef der gleichnamigen Klinik in München, aus dem Operationssaal. Als er ein lautes Stöhnen aus einem der Zimmer auf der chirurgischen Station hörte, stutzte er und eilte alarmiert auf die offene Tür zu.

„Ja hallo! Was machen Sie denn da?“, wollte er wissen.

„Oh! Moment!“

Ein junger Mann, kaum älter als neunzehn Jahre, der etwa sechzig oder höchstens siebzig Kilo wog, war gerade dabei, einen älteren Herrn, der weit über hundert Kilogramm wog, vom Bett in den Rollstuhl zu wuchten. Das Gesicht des jungen Mannes war dunkelrot, die Adern an beiden Schläfen traten stark hervor – man konnte das Blut darin deutlich pulsieren sehen –, und feine Schweißtropfen glitzerten auf seiner Stirn.

Als der übergewichtige Patient sicher im Rollstuhl gelandet war, stieß der junge Mann erst einmal einen ganzen Schwall angehaltener Luft aus.

„Ich habe Schwester Hilde gefragt, ob Herr Götz raus darf, er möchte so gerne ein bisschen in die Sonne“, erklärte er dann. „Schwester Hilde hat es erlaubt. Eine Stunde lang dürfen wir wegbleiben, hat sie gesagt.“

„Tz!“ Beide Hände in die Hüften gestemmt, schaute der Chefarzt den schlaksigen Jungen mit den braunen Haaren kopfschüttelnd an. „Mein lieber Herr …?“

„Held. Robin Held, Herr Dr. Frank hat mich heute Morgen hergebracht. Erinnern Sie sich? Sie haben mir erlaubt, mich hier während der Ferien ein wenig nützlich zu machen. Ich möchte nämlich im Herbst ein Medizinstudium beginnen, und da möchte ich schon vorher so viel wie möglich lernen.“

„Ja, ja, natürlich erinnere ich mich“, erwiderte der Chefarzt schmunzelnd. „Ich hatte nur Ihren Namen vergessen. Robin Hood also.“

„Nein, Held!“, korrigierte Robin.

„Ich weiß!“, versicherte Ulrich Waldner lachend. „Aber Stefan, Herr Frank, hat Sie so genannt. Er behauptet, Sie seien einer der erfreulichsten jungen Männer, die in Grünwald herumlaufen – und wie man sieht, hat er damit gar nicht so unrecht.“

„Das kann ich nur bestätigen“, meldete sich Erwin Götz zu Wort. „Flink, hilfsbereit, immer freundlich und einfühlsam, das ist er. Und er will partout kein Trinkgeld annehmen. Ist mir auch noch nie passiert. Held oder Robin Hood, Jacke wie Hose, egal, passt beides. Aber ich darf doch raus, Herr Chefarzt, oder?“

„Aber ja. Solange Sie im Rollstuhl sitzen bleiben und nicht herumhampeln, spricht nichts dagegen. Aber darum geht es ja gar nicht.“ Ulrich Waldner wandte sich, schmunzelnd den Zeigefinger erhoben, an Robin. „Wenn Sie schon so wissbegierig sind und alles lernen wollen, dann merken Sie sich gleich Regel Nummer eins: Niemals heben wir einen Patienten alleine hoch! Alles klar? Wenn Sie sich einen Leistenbruch zuziehen, bin ich wegen Beschäftigung von Schwarzarbeitern dran. Sie sind ja noch nicht mal angemeldet!“

„Das kann nicht passieren, Herr Dr. Waldner“, entgegnete Robin. „Ich arbeite ja ehrenamtlich, ohne Lohn, da ist das keine Schwarzarbeit.“

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