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Dr. Antonelli und die Liebe

1. KAPITEL

„Neiiiin!“, flüsterte Belinda entsetzt.

Aber offenbar war es laut genug gewesen, dass man es hören konnte. Denn ein kleines Kindergesicht schaute vertrauensvoll zu ihr auf.

„Mummy?“

Doch es blieb keine Zeit mehr, um irgendetwas anderes zu tun, als ihre kleine Tochter Gemma noch fester in die Arme zu schließen. Gemeinsam mit ihr beugte Belinda sich dann nach vorn und stemmte sich mit dem Kopf gegen den Sitz vor ihnen. So wie man es für den Notfall im Flugzeug immer gezeigt bekam. Sie sah den Schrecken in der Miene ihrer besten Freundin Lizzy, die mit Gemmas Zwillingsbruder auf dem Schoß neben ihr saß.

„Stütz dich ab!“, befahl Belinda knapp.

Sie selbst zog den Kopf ein, um sich seitlich zu drehen und die dreijährige Gemma auf diese Weise so gut wie möglich zu schützen. Dabei erhaschte sie einen Blick auf das kalkweiße Gesicht des Fahrers, der sich verzweifelt darum bemühte, nicht die Kontrolle über den großen Reisebus zu verlieren. Irgendjemand hinter ihnen stieß einen Schrei aus, als der Bus trotz allem langsam und wie in Zeitlupe kippte.

Belinda hatte bereits geahnt, dass dieser Albtraum Wirklichkeit werden würde. Sie hatte gesehen, wie ein anderer Wagen ihnen auf dieser engen italienischen Gebirgsstraße entgegenkam, auf der sie sich befanden. Man konnte spüren, dass die Reifen des Busses auf den weichen Untergrund des Seitenstreifens gerieten, als der Busfahrer auszuweichen versuchte. Gestern hatte es auf der Fahrt von Rom Richtung Norden heftige Regenfälle gegeben. Ob dies möglicherweise die Festigkeit der Straßenoberfläche beeinträchtigt hatte? Oder war ein ganzer Bus voller Urlauber einfach viel zu schwer?

Doch der Grund für die Katastrophe war im Moment wirklich egal. Gleich würde der Bus über die Klippe stürzen.

„Halt dich fest, Schatz!“, sagte Belinda zu ihrer Tochter.

„Mummieee!“, schrie Gemma erschrocken.

„Schon gut, es ist alles in Ordnung.“

Die Beschwichtigung kam ganz automatisch. Man konnte nicht wie Belinda Smith in der Notfallmedizin arbeiten, ohne die Fähigkeit zu entwickeln, anderen jederzeit Trost zuzusprechen. Gleichgültig, wie viel Angst man selbst hatte.

Ja, der Bus rutschte den Berghang hinunter und begann dabei langsam seitwärts zu rollen. Aber sie würden doch nicht etwa sterben, oder?

Nicht jetzt.

Die Entscheidung, diese Reise zu unternehmen, war Belinda ohnehin schon sehr schwer gefallen. Eine Reise, bei der es darum ging, mit ihren geliebten Kindern das Land zu besuchen, das einen wesentlichen Teil ihrer Herkunft ausmachte.

So weit zu fahren, nur um sie zu verlieren?

Nein! Das konnte nicht sein. Das durfte nicht geschehen!

Der Lärm aus entsetztem Geschrei, kreischendem Metall und herabstürzenden Gepäckstücken erreichte eine ohrenbetäubende Lautstärke. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, aber wahrscheinlich waren es nicht mehr als ein paar Sekunden. Danach herrschte plötzlich eine unheimliche Stille.

„Lizzy? Kannst du mich hören? Geht‘s dir gut?“, fragte Belinda.

„Ja, ich glaube schon. Mein Knöchel tut ein bisschen weh. Das ist alles.“

„Stefano? Bist du okay, Schätzchen?“, fragte Belinda weiter.

„Ich bin … eingequetscht. Tante Lizzy quetscht mich, Mummy“, antwortete der Kleine gepresst.

„Gemma? Es ist alles gut, Süße. Nicht weinen“, meinte Belinda besänftigend.

„Und wie geht es dir, Belinda? Alles in Ordnung?“, wollte Lizzy wissen.

„Ja.“ Belinda zog ihre Füße unter dem Sitz vor ihr hervor und drehte sich vorsichtig, um sich hinzuknien. Sie lockerte den Griff um ihre Tochter. Aber sofort schlang Gemma die kleinen Ärmchen um ihren Hals.

„Mummy!“

„Ich geh nicht weg, Schatz“, sagte Belinda. „Ich will nur aufstehen, damit ich sehen kann, was passiert ist. Und um zu gucken, dass keiner von euch verletzt ist. Tut dir irgendwas weh?“

„Neiin.“

„Alles liegt fast auf dem Kopf, Mummy. Schau mal! Wir stehen auf einem Fenster!“ Seitdem er sprechen konnte, hatte Stefano schon immer ein großes wissenschaftliches Interesse an seiner Umgebung gezeigt. Und Belinda hatte sich oft gefragt, ob sein Vater früher wohl genauso gewesen war.

Was würde Mario jetzt denken? Wenn er wüsste, dass sie seine Kinder in Gefahr gebracht hatte?

Wenn er überhaupt von der Existenz seiner Kinder wüsste.

Es war seltsam, dass Belinda ausgerechnet jetzt, zu einem so unpassenden Zeitpunkt, an den Vater der Zwillinge dachte. Oder vielleicht doch nicht so seltsam? Die Schuldgefühle lagen bei ihr immer dicht unter der Oberfläche. Und auch die Gedanken an Mario waren nie weit weg. Hier in Italien, seinem Heimatland, musste Belinda sogar noch häufiger an ihn denken als sonst.

Im Augenblick fiel es ihr jedoch ausnahmsweise nicht weiter schwer, diese Gedanken zu verbannen. Denn andere Leute um sie herum fingen an, sich zu bewegen.

„Hilfe!“, stöhnte jemand. „Bitte … helfen Sie mir!“

Anderen Menschen zu helfen, das konnte Belinda. Das Schlimmste war zwar eingetreten, aber ihren Lieben ging es gut.

Nun war es Zeit, anderen beizustehen.

Ein grell orangefarbener Helikopter schwebte über dem Unfallort. Nach dem eindrucksvollen Personaleinsatz von Polizei, Feuerwehr und Sanitätern traf schließlich auch der Rettungshubschrauber am Schauplatz des Unglücks ein.

Der hochgewachsene Mann neben dem Piloten trug denselben orangefarbenen Overall wie die Sanitäter hinten im Hubschrauber. Aber das Leuchtetikett auf seiner Uniform trug die Aufschrift „Dottore“, und der für ihn bestimmte Rucksack enthielt eine weit umfangreichere Ausstattung an Ausrüstung und Medikamenten als diejenigen der Sanitäter.

Es war ungewöhnlich für den Leiter einer Notaufnahme, persönlich mit an Bord eines Rettungshubschraubers zu sein. Aber als medizinischer Direktor der Rettungsflugwacht interessierte sich Dr. Mario Antonelli für genau solche Fronteinsätze.

Das war seine große Leidenschaft.

Vor Jahren hatte er selbst als Notarzt an hochgefährlichen Einsatzorten gearbeitet und Pionierarbeit für bessere Methoden zur Rettung von Menschenleben geleistet. Jetzt, als Direktor, flog er nicht mehr allzu oft mit an die Unglücksorte. Doch diesmal handelte es sich um einen so schwerwiegenden Unfall, dass dies seinen persönlichen Einsatz erforderte. Ein voll besetzter Bus mit Urlaubsreisenden aus England war von der Straße abgekommen und mindestens achthundert Meter eine Felsklippe hinuntergestürzt.

Während der Helikopter auf der Straße landete, schloss Mario einen Moment lang die Augen. Er schickte ein stilles Stoßgebet gen Himmel, dass keine Kinder unter den Opfern waren.

Natürlich konnte er damit umgehen, wenn es sein musste. Vor langer Zeit hatte er gelernt, mit einer solch furchtbaren Situation fertig zu werden. Aber es war ihm einfach lieber, es nicht noch einmal tun zu müssen.

Gebückt lief er unter den sich noch drehenden Rotorblättern her, ehe er sich wieder aufrichtete. Der Einsatzleiter erwartete ihn bereits, um ihn über die Lage zu informieren.

„Aktuelle Situation?“, erkundigte Mario sich knapp.

„Wir haben alle Passagiere aus dem Bus gefunden. Zwei Verletzte wurden bereits evakuiert. Eine Frau im hinteren Fahrzeugteil ist noch von einem Sitz eingeklemmt. Sie scheint schwerverletzt zu sein. Ein Bein ist gequetscht oder gebrochen. Die Feuerwehr bereitet sich gerade darauf vor, sie freizuschneiden“, berichtete der Einsatzleiter.

„Dio!“ Mario musste sich darauf konzentrieren, über die steile Klippe hinabzuklettern.

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