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Dornröschentod

Im Vertrauen auf die Gunst der Feen

Ich bin da, Ariane.

Eine seidenweiche Stimme, kaum mehr als ein Wispern. Und dennoch hallte sie ihr in den Ohren, als käme sie aus jedem Winkel des Raums. Aus dem Spiegel über dem kleinen Tisch. Den Gardinen. Dem Himmelbett mit den zugezogenen Vorhängen. So weiß im Dämmerlicht, so weiß …

Ich habe dich erwartet. Bald wirst du Frieden finden, Ariane. Für immer.

Ariane blieb stehen. Sie war die Treppe hinaufgestiegen, Stufe um Stufe, wie von einem Traum, einer Vorahnung emporgetragen. Hatte sie wirklich einen Ruf gehört? Einen Ruf, dem sie wie unter Zwang gefolgt war? Ihr Geist streifte diese Frage nur flüchtig, ließ sie sofort wieder fallen. Plötzlich hatte das alles keine Bedeutung mehr. Die Angst, die sie monatelang begleitet hatte, fiel von ihr ab, fast war sie erleichtert. Ihre Flucht war zu Ende. In wenigen Sekunden würde sie ihren Frieden finden, so wie der Schatten es ihr zugeflüstert hatte. Einen Frieden, der von nichts und niemandem gestört werden konnte. Tief. Ewig.

Ein Rascheln. Ganz leise. Im Badezimmer war eine Lampe angegangen. Das Licht zeichnete die Umrisse der Tür nach. Dort, hinter dem schön verzierten Türflügel, atmete jemand. Erwartete sie. Seit dem Tag ihrer Geburt. Er hatte sie aufwachsen sehen, wo auch immer er gelauert hatte, nah oder fern. Hatte sie unausweichlich auf sich zukommen sehen.

Und jetzt war er hier, um sein Opfer an sich zu reißen.

Die Spindel. Ariane wusste alles über ihn. Glaubte sie zumindest. Alles, was die Zeitungen nach jedem neuen Mord über ihn berichtet hatten. Die Sorgfalt, mit der die Opfer dieses Irren aufgebahrt und zur Schau gestellt worden waren. Die Detailversessenheit, das teure cremefarbene Briefpapier, auf dem er seine Warnung an die Eltern der Opfer schrieb, die kaum erblühte Rose in den erkalteten Fingern, der Einstich am linken Zeigefinger, die Dornenranken, das Parfüm, das noch lange in den Räumen hing, in denen die toten Mädchen auf ihre Entdeckung warteten.

Der unsichtbare Killer. Niemand sah ihn kommen oder gehen. Er erschien wie aus dem Nichts, vollendete sein tödliches Werk und löste sich wieder in Luft auf.

Ein Phantom.

Unzählige Verdächtige waren verhört worden. Drei Profiler, die auf Serienmorde spezialisiert waren, hatten den Fall studiert und widersprüchliche Gutachten abgeliefert. Die Spindel ließ sich nicht fassen, nicht einschätzen. Eine schillernde Persönlichkeit mit zahllosen Masken. Ein genialer Lügner, ein Chamäleon.

Niemand hatte je sein Gesicht gesehen.

Arianes Atem ging langsam und regelmäßig. Friedlich sogar. Beinahe neugierig schaute sie auf den Türknopf.

Der sich jetzt drehte.

Dann ein kaum wahrnehmbares Klicken: Der Riegel war zurückgeglitten. Der Lichtschein wurde stärker und die Tür ging auf. Ganz langsam.

Ariane biss sich auf die Lippe, um nicht aufzustöhnen. Nun mach schon!, hätte sie am liebsten geschrien.

Komm endlich. Komm.

Ariane. Wie schön du bist, mein Kind.

Wieder die sanfte, leise Stimme, aber diesmal nur aus einer einzigen Richtung – von einer Gestalt in einem langen Umhang, die in dem Lichtkreis, der sie umgab, noch dunkler wirkte. Ariane kniff die Augen zusammen und versuchte die Gesichtszüge zu erkennen, die von der Kapuze überschattet wurden.

Die Straßengeräusche draußen verhallten. Nur der Fluss, der bereits seinen Eispanzer sprengte, drang in ihr Bewusstsein, wenn die Schollen mit gewaltigem Getöse zerbarsten. Der Frühling stand vor der Tür. Ein Frühling, den sie nicht mehr erleben würde.

Die Spindel beugte sich nach vorn, zündete eine Lampe auf einem Tischchen an und streifte die Kapuze zurück.

Arianes Züge erstarrten. Ein fassungsloser Ausdruck trat in ihre Augen – und erlosch sofort wieder.

Sie machte einen Schritt auf die Gestalt zu.

Mit offenen, ausgestreckten Händen.

Lächelnd.

Teil 1

Kapitel 1

Der Schulbus fuhr unter den Wohnzimmerfenstern vorbei. Ariane folgte ihm mit ihrem Blick und schaute zum dritten Mal nach, ob sie ihr Handy auch wirklich in der Tasche verstaut hatte.

»Und ruf mich an, wenn es ein Problem gibt, egal was«, drängte ihre Mutter.

»Na klar, wie üblich«, murmelte Ariane. »Als ob ich das nicht alles längst auswendig wüsste. Eure Liste der sechzig Notfälle … Oder halt, nein, ich meine natürlich, der dreihundertzweiundneunzig Notfälle. Ist alles in meinem Kopf abgespeichert und einsortiert. Lauter Sachen, über die andere sich totlachen würden, nur ich nicht.«

»Musst du immer so übertreiben?« Lise Prudent fummelte nervös an einem Zipfel des Vorhangs herum, der das Oberlicht über der Eingangstür verhüllte. An jedem Fenster im Haus gab es Vorhänge. Man konnte weder vom Garten noch von der Straße aus sehen, was im Inneren vorging. Höchstens sah man hin und wieder einen Schatten. Und trotzdem wurde Ariane sofort zurückgepfiffen, wenn sie sich nach Einbruch der Dunkelheit an eines der Fenster wagte. Dann wurden ihr die Gefahren aufgezählt, die draußen auf sie lauerten. Zum Beispiel Schlägerbanden, die durch die Straßen kurvten – tagtäglich stand etwas über ihre blutigen Kämpfe in der Zeitung. Der Park war mit infizierten Spritzen übersät. Harmlose Passanten wurden von verirrten Kugeln getroffen. Und was, wenn einer dieser Asozialen es auf Ariane abgesehen hatte?

»Wir leben in Toronto und nicht in der Bronx, Mama«, stöhnte Ariane genervt. »Die Banden, von denen du sprichst, existieren nur in deiner Fantasie.«

»Ich weiß, wovon ich rede«, beharrte ihre Mutter. »Hör einfach auf mich. Später wirst du verstehen, warum.«

»Später wirst du verstehen …« Immer derselbe frustrierende Satz. Wie oft hatte sie ihn schon gehört? Als Kind hatte sie geglaubt, dass mit »später« eine relativ nahe Zukunft gemeint war – wenn ihr letzter Milchzahn ausfiel, wenn sie auf die weiterführende Schule kam, wenn sie den Mathe-Durchschnitt schaffte oder ihren Erste-Hilfe-Kurs bestand. Aber die Jahre vergingen und sie wurde genauso streng bewacht wie eh und je. Sie durfte nicht mit dem Bus zur Schule fahren: Ihr Vater brachte sie morgens hin und mittags wartete ihre Mutter vor dem Tor auf sie. An Ausflügen durfte sie nur teilnehmen, wenn ihre Eltern dabei waren und sie mit Argusaugen bewachten, und sie durfte sich nicht einmal im Garten in die Sonne legen. Nur auf der kleinen Terrasse, neben der weit geöffneten Küchentür.

Mit acht hatte sie es schön gefunden, die »kleine Prinzessin« zu sein, die unbestrittene Hauptperson in der Familie, die Königin in ihrem behüteten Zauberreich, in dem nur drei Menschen lebten – Papa, Mama und Ariane. Ihre Eltern waren fast immer für sie da. Lise hatte ein paar Monate nach Arianes Geburt ihren Job als Lehrerin gekündigt, und Patrick, ihr Vater, arbeitete daheim in seinem Grafikstudio, das er sich in der alten Garage des Hauses eingerichtet hatte.

Des jetzigen Hauses. Denn davor hatte es andere gegeben. Ein einsames Schloss, fünfzig Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, in dem Ariane ihre ersten Schritte gemacht hatte. Daran erinnerte sie sich natürlich nicht, aber sie erkannte auf den Fotos des Familienalbums den hohen Berg wieder, der wie ein Reißzahn aus dem dichten Wald aufragte. Als Nächstes hatten sie in einem hübschen Pavillon in der Nähe von Ottawa gewohnt. Dann auf einem alten Bauernhof in Nova Scotia, in einer Doppelhaushälfte in Calgary und in einem weiteren Doppelhaus in Edmonton … Ariane hatte längst den Überblick verloren. Alle ein, zwei Jahre hatte sie die Schule wechseln müssen. Und ihre Freunde zurücklassen – oder vielmehr die Kinder, mit denen sie eigentlich nur im Unterricht oder in der Sporthalle zusammen war. Sie hatte sich nicht nur immer wieder an ein neues Zuhause mit einer anderen Einrichtung gewöhnen müssen, sondern sogar an neue Klamotten. Wenn die Prudents umzogen, ließen sie alles hinter sich – Möbel, Geschirr, Bücher, Erinnerungen. Ariane kannte inzwischen die Vorzeichen, die einen dieser überstürzten Aufbrüche ankündigten: ein Blick, den ihre Eltern wechselten, zusammengepresste Lippen, ein Telefongespräch, das aus wenigen Worten bestand. Dann wusste sie, dass sich die ganze Familie am übernächsten Tag in ihren Van quetschen und nur die wichtigsten Papiere, ein paar Kartons und einen Koffer pro Nase mitnehmen würde. Wie oft schon hatte Ariane ihren Sachen nachgetrauert – ihren Ballettschuhen, ihrem Lieblingsspielzeug. Die neuen Dinge, die sie stattdessen bekam, würdigte sie anfangs keines Blickes, um sie nur ja nicht zu schnell ins Herz zu schließen. Sie hasste jedes neue Haus, bevor sie sich notgedrungen darin einnistete, wie ein Hund, der von seinen Besitzern in einer Scheune ausgesetzt worden war und sich resigniert ins Stroh wühlte.

»Bist du so weit?«

Die übliche Frage. Ihr Vater wartete auf sie, hatte bereits die Autoschlüssel aus der Tasche seines Dufflecoats genommen. Wenn Ariane nickte, öffnete ihre Mutter die Tür, um sie hinauszulassen, und schloss sie sofort wieder hinter ihnen. Dann ging sie ins Wohnzimmer und winkte ihnen vom Fenster aus nach, ein Lächeln auf den Lippen. Ein Lächeln, das mit den Jahren immer erschöpfter, immer ängstlicher geworden war.

»Ehrlich, Mama, du tust ja so, als würdest du mich nie wiedersehen«, hatte Ariane eines Tages gescherzt.

»Als Mutter hat man immer Angst«, hatte Lise geantwortet, ohne eine Miene zu verziehen. »Glaub mir.«

Aber die anderen Mütter waren nicht so besorgt. Sie kamen oft zu spät ans Schultor, meistens total außer Atem, den Hund an der Leine, die Arme voller Einkaufstaschen. Sie schrieben SMS wie »Warte bei Marjorie auf mich, die Sitzung dauert heute länger …«, und manchmal vergaßen sie sogar, eine Nachricht zu schicken. An heißen Sommertagen ließen sie ihre Töchter nachmittags mit anderen Mädchen ins Schwimmbad gehen, und sie drehten sich auf der Straße nicht ständig um, sondern spazierten fröhlich drauflos, als gehörte ihnen die ganze Stadt, grüßten lachend und winkend irgendwelche Freunde oder Nachbarn, die ihnen begegneten.

Arianes Mutter hatte es immer eilig, zog sie an der Hand hinter sich her und hielt sich dicht an den Häuserwänden – schnell, schnell, Papa wartet auf uns, die Straßen sind abends nicht sicher, der Bäcker macht gleich zu. Sie war nicht gern draußen. Manchmal fragte sich Ariane, ob ihre Mutter an einer Krankheit namens Agorophobie litt – die Angst vor weiten, offenen Plätzen –, weil sie am liebsten zu Hause blieb, in ihrem warmen, gemütlichen Nest, wo sie ihre beiden Lieben um sich und immer in Sichtweite hatte.

Die Fahrt zum Gymnasium war kurz, aber der Wagenstrom, der sich in die City ergoss, verstopfte sämtliche Kreuzungen. Patrick hielt gewissenhaft jede Geschwindigkeit und jede Vorfahrtsregel ein. Er rastete nie aus, wenn er von einem Verkehrsrowdy angepflaumt wurde, lenkte den Wagen behutsam und schaute ständig in den Rückspiegel.

»Oh, gut, die haben wir abgehängt«, platzte Ariane heraus, als er einem Lieferwagen auswich und in eine kleine Einbahnstraße einbog, was einen unnötigen Umweg bedeutete.

»Ach ja?«, brummte ihr Vater unwirsch. Seine Hände umklammerten nervös das Lenkrad.

»Na, die Typen vom FBI, die dich schon seit einer Ewigkeit verfolgen.«

»Ah ja. Das hatte ich ganz vergessen.« Er lächelte, und Ariane fragte sich, ob sie sich das alles nur eingebildet hatte – die verkrampften Hände, der verkniffene Mund, der hervortretende Kiefer – Dinge, die ihren Vater in einem ganz anderen Licht zeigten. Als wäre er ein lauernder Fremder, jederzeit zum Angriff bereit – vielleicht sogar gefährlich.

»He, ich werde nachher klatschnass«, stellte Ariane fest und verzog das Gesicht.

»Dann hättest du deinen Schirm mitnehmen sollen.«

»Also ehrlich, Papa! Etwa den mit den Pinguinen, den ich mit sechs von dir gekriegt habe? Ich bin bald sechzehn, schon vergessen?«

Wieder die verkrampften Hände am Steuer. »Ich weiß, Ariane«, sagte ihr Vater leise. »Und ob ich das weiß.«

Das französische Gymnasium von Toronto, ein wuchtiger Ziegelbau mit großen, weiß gerahmten Panoramafenstern, die das Ganze etwas aufhellten, lag nur einen Katzensprung vom Fairbank-Memorial-Park entfernt. Die Fenster des Physik- und Chemielabors – Ariane hatte sich am Anfang des Schuljahrs einen Arbeitsplatz in Fensternähe gesichert – gingen auf die weite, baumbestandene Rasenfläche hinaus. Die Sandwege dazwischen wimmelten bei schönem Wetter von Joggern, und im Winter, wenn der Park unter einer dicken Schneedecke lag, war alles voller Langläufer. Ariane hantierte mit ihren Reagenzgläsern und ließ dabei das Schauspiel des Lebens an sich vorüberziehen. Mal schlenderten plaudernde Freundinnen unter den Fenstern vorbei, mal knutschende Pärchen; hin und wieder bildeten sich kleine Menschentrauben, Grüppchen, die diskutierten, manchmal auch demonstrierten. Kinder rannten herum, spielten im Sand und bauten bröckelige Burgen, die sie hinterher mit ihren Schaufeln zertrümmerten.

Ariane fühlte sich ausgeschlossen von diesem Lebensstrom, der so viel Hoffnung, Wut und einfache Freuden, so viel verborgene, manchmal auch schreiende Not mit sich führte. Das Elend eines Obdachlosen, der mit leerem Blick auf einer Bank kauerte; ein schluchzendes kleines Mädchen, dessen Puppe in den Schlamm geworfen und zertrampelt worden war. Ariane hatte nie in einem Park oder auf anderen öffentlichen Plätzen gespielt. Ihr Leben fand ausschließlich zu Hause statt: Gesellschaftsspiele mit ihren Eltern, Musik- und Zeichenstunden, Kuchenbacken, Verkleiden, Weihnachtsschmuck basteln, Ostereier verzieren. In jedem der Häuser, in denen sie mit ihren Eltern gewohnt hatte, gab es eine gut ausgestattete Bibliothek voller Bücher und CDs, diverse Fitnessgeräte, einen riesigen Flachbildschirm, ein Töpferrad und das teuerste, modernste Spielzeug, das auf dem Markt war. Alles Schätze in einem Paradies mit eng gesteckten Grenzen, die sie auf keinen Fall überschreiten durfte.

Ein Paradies, in dem Ariane zu ersticken drohte, aus dem sie sich jetzt nur noch hinaussehnte.

»Schlagen Sie bitte Ihre Hefte mit den Versuchsanordnungen auf Seite 58 auf«, sagte M. Deschênes, der Nawi-Lehrer. »Erster Abschnitt, Aufgabe 3 und 4. Haben Sie alle Ihre Unterlagen? Noch Fragen? Die Arbeitsschritte sind einfach, Sie müssen sich nur an die Mengenangaben halten.«

Gedämpftes Stimmengewirr stieg in dem großen Saal auf. Ariane schaute aus dem Fenster. Dort, wo die Allee eine Biegung machte und ein »U« mit fast symmetrischen Seiten bildete, stand ein Mann, reglos und mit erhobenem Kopf. Wahrscheinlich einer der zahlreichen Amateur-Ornithologen. Aber dieser Mann stand mit leeren Händen da, während die anderen Vogelliebhaber, die durch den Park spazierten, alle paar Minuten ihre Ferngläser oder ihre Fotoapparate mit den Super-Zoomobjektiven zückten. Ariane beobachtete manchmal, wie sie ihre Stative am Seeufer aufstellten und eine Nikon oder Pentax – das neueste Modell natürlich – darauf befestigten. Beneidenswert. Mit so einer Ausrüstung würden ihr Aufnahmen gelingen, von denen sie vorläufig nur träumen konnte.

Fotografieren war eine Leidenschaft, die Ariane mit zehn Jahren entdeckt hatte. Ihr Vater hatte ihr zum Geburtstag eine kleine Digitalkamera geschenkt, die leicht zu bedienen war und mit der sie wild drauflosgeknipst hatte: ihre Geschenke, die Kerzenflammen, die sich auf den Fotos zu fantastischen Gebilden verzerrten, ihre Eltern und ihre Babysitterin, die in diesem Jahr auf sie aufgepasst hatte, wenn Lise und Patrick ausnahmsweise einmal ausgegangen waren. Wie hieß das Kindermädchen noch mal? Maria? Lizzie? Auf den Fotos war ihr Gesicht nur teilweise zu sehen, ein zartes, verlorenes Profil, eine erhobene Hand, ein Rücken, auf dem ein glänzender brauner Zopf baumelte, der fast so dick war wie ein Kinderarm. Ariane hatte noch ihr Parfüm in der Nase und das Lied im Ohr, das sie ihr immer vorgesungen hatte – ein Wiegenlied, dessen Text sie nicht verstand, vielleicht auf Spanisch oder Portugiesisch. Wenn Maria – oder Lizzie – dieses Lied gesungen hatte, war es Ariane so vorgekommen, als tanzten die Wörter, als veränderten sie ihre Farbe, schillerten im Licht des Sonnenuntergangs, um schließlich in einem Schauer aus Regenbogenfarben zu verpuffen.

Sie hatte sich von diesen ersten missglückten Porträts nicht entmutigen lassen: Immer wieder ließ sie ihre Eltern posieren, die mit einer wahren Engelsgeduld ihre Anweisungen befolgten. Dann fotografierte sie die wenigen Ladenbesitzer, mit denen ihre Mutter hin und wieder ein Wort wechselte, den Polizisten, der häufig um ihren Block patrouillierte, die Studentin, die ihr Violinstunden gab. Doch bald war ihr spärlicher Bekanntenkreis erschöpft und Ariane musste sich neue Modelle suchen.

Auf diese Weise hatte sie vom Fenster aus ein dünnes kleines Mädchen entdeckt, mit straffen Zöpfen, die ihr fast waagrecht vom Kopf abstanden. Die Kleine kauerte an der Straßenecke, halb hinter einem Lieferwagen verborgen, und leckte die Eistropfen von ihrer Waffeltüte. Ihre Augen waren geschlossen, sie war ganz in ihren Genuss vertieft und hatte alles um sich herum vergessen. Nachdem Ariane sie eine Weile fasziniert beobachtet hatte, schlich sie sich unauffällig davon, um ihren kostbaren Fotoapparat zu holen.

Das Foto hatte sie heute noch – schlecht gerahmt zwar und etwas verschwommen, aber so lebendig! Das Mädchen auf dem Bild würde nie altern, war für immer in diesem Moment reiner Glückseligkeit eingefangen. Manchmal, wenn Ariane das Foto betrachtete, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Ja, so müsste das Leben sein: fröhlich und unbeschwert, statt zwanghaft, eingeengt, in Watte gepackt, stumm.

Das Leben. Seit dieser ersten unvergesslichen Erfahrung jagte sie ihm unablässig nach, wo immer es ihr begegnete, aber ganz im Geheimen, als wäre es etwas Verbotenes. Sie fotografierte Händchen haltende Liebespaare, alte Frauen, die sich mit einem wohligen Seufzer auf eine freie Bank setzten, fluchende Taxifahrer, einen Bauern, der rauchend an seinem Traktor lehnte und dabei mechanisch die Karosserie streichelte, als wäre es ein erschöpftes Pferd, das ein bisschen Aufmunterung brauchte. Die besten Abzüge bewahrte sie in ihren Fotoalben auf, die sie oft durchblätterte und beim letzten Umzug verbissen verteidigt und in das neue Haus hinübergerettet hatte.

Der Mann war noch da. Was schaute er so intensiv an? Ariane reckte den Hals, um seinem Blick zu folgen. Vielleicht einen Vogel, der sich auf das Schuldach gesetzt hatte? Nein. Seine Augen wanderten von links nach rechts und von oben nach unten. Als zählte er die Fenster.

Komisch, dachte Ariane.

Vorsichtig ließ sie eine Hand in die Tasche ihres Laborkittels gleiten. Sie hatte sich gerade im Internet eine superflache Kamera gekauft, winzig, aber mit modernster Technik ausgestattet: Die Bilder, die ihr damit glückten, waren fast so gut wie die mit ihrer schweren Leica. Die kleine Kamera war immer dabei. Auch im Unterricht.

Das Gesicht des Spaziergängers wurde von der Fahnenstange zerschnitten, die an der Fassade des Schulgebäudes angebracht war. Auf der sonnigen Hälfte funkelten eine rote Haarsträhne und ein grünes Auge, auf der Schattenseite schimmerte die Haut grau, und das Auge war mit einem trüben Film überzogen. Engel und Teufel, dachte Ariane. Triumph und Verzweiflung.

Wieder einen perfekten Moment eingefangen. Fantastisch.

Sie drückte auf den Auslöser.

Kapitel 2

»Ariane! Das Essen ist fertig!«

»Ich komme!«

Ariane schaltete den Laserdrucker ab und betrachtete zufrieden die Fotos auf dem großen Zeichentisch, der ihr als Schreibtisch diente. Sie hatte Glück gehabt. Alle Bilder, die sie heute Morgen in der Schule gemacht hatte, waren gut geworden. Drei. Mehr hatte sie nicht geschafft. M. Deschênes hatte bereits zu ihr hergeschaut, und sie wollte nicht riskieren, dass er ihre Kamera konfiszierte.

Der erste Abzug zeigte den Mann mit erhobenem Kopf vor einem hellen Hintergrund. Die Allee war messerscharf abgeschnitten, kein einziger Grashalm am Rand – sehr gelungen. Der Schatten des Fremden erstreckte sich hinter ihm auf dem Kies, schien ihn regelrecht einzusaugen, während der Schatten der Fahnenstange sein Kinn zerschnitt und eine durchbrochene Linie bis hinauf zu seiner Stirn zeichnete. Das zweite Bild hatte von einem Sonnenstrahl profitiert, der plötzlich zwischen den Wolken hervorgebrochen war – das lichtüberflutete Auge funkelte, und ein katzenhaftes Lächeln spielte um die dünnen Lippen. Der Mann war nicht schön, aber mit den hohlen Wangen, der leicht vorspringenden Hakennase und den geblähten Nasenflügeln sah er irgendwie faszinierend aus.

Das dritte Bild, diesmal eine Großaufnahme, zeigte nur das halbierte Gesicht – wie eine Theatermaske, die widersprüchliche Gefühle zum Ausdruck bringen soll. Ariane studierte es gebannt. Das Gesicht war ihr seltsam vertraut, obwohl sie es noch nie gesehen hatte, das wusste sie genau. War es ihr vielleicht im Traum erschienen? Traumgeschöpfe hatten auch eine Nase, einen Mund, sie lachten und redeten, auch wenn sie nur Marionetten waren, Fantasiegebilde, die eine Botschaft zu überbringen hatten. Aus welchem unerschöpflichen Vorrat an Gesichtern, die im Gedächtnis gespeichert waren, stiegen diese Züge auf und fügten sich willkürlich neu zusammen? Vielleicht war ihr der Mann – oder jemand, der ihm ähnlich sah – im Supermarkt begegnet oder auf dem Weg zum Sportplatz? Oder in der Tankstelle, im Fernsehen? Und sie hatte ihn abgespeichert, für immer in ihrem Gedächtnis festgehalten, ohne es zu merken.

Erneut betrachtete sie die Fotos. Auf den beiden ersten Bildern richtete der Mann seinen Blick auf die Fenster im ersten Stock, über dem Physiksaal, in dem Ariane fotografiert hatte. Auf dem zweiten hatte er den Blick gesenkt und sich etwas nach links gewandt.

Ariane sog die Luft ein. Er schaute sie an. Das Schattenauge sah immer noch verloren und traurig aus; aber in dem anderen, dem Sonnenauge, lag etwas Spöttisches, fast wie eine Herausforderung.

»Fang mich, wenn du kannst«, murmelte Ariane.

»Führst du jetzt schon Selbstgespräche?« Ihr Vater war ins Zimmer gekommen und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Lise wird langsam ungeduldig – ihr Gratin wird kalt. Karotten und Zucchini, mit Comté-Käse überbacken, dein Lieblingsessen. Hast du neue Fotos gemacht?«

»Ja, schau mal. Die sind wirklich gut geworden.«

Ihr Vater beugte sich über den Tisch, ohne die Abzüge zu berühren. »Du hast Recht, sehr gelungene Bilder. Schöne Licht- und Schatten-Komposition. Wo hast du sie aufgenommen?«

Ariane legte einen Finger auf ihre Lippen. »In der Schule, vom Physiksaal aus. Direkt vor dem Unterricht. Sag’s aber nicht Mama, sonst regt sie sich nur auf.«

»Vom Physiksaal aus …« Er streckte die Hand aus, nahm das letzte Foto zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt es auf Augenhöhe. »Wer ist das?«

Seine ganze Haltung hatte sich geändert. Das Foto vibrierte, wie von einem fernen Erdbeben, und Ariane duckte sich auf ihrem Stuhl.

»Niemand«, sagte sie hastig. »Nur so ein Typ im Park. Er hat mich doch gar nicht gesehen.«

»Aber er schaut dich an.«

Das war keine Feststellung, sondern ein Vorwurf.

»Nein! Er bewegt doch nur die Augen. Ich glaube, er hat die Fenster gezählt. Komisch, was?«

»War er lange da?«

Ariane verdrängte schnell die reglose Gestalt, die noch ziemlich lange nach ihrer ersten Versuchsreihe in ihrem Blickfeld geblieben war. »Ach, höchstens zehn Minuten«, log sie.

»Zehn Minuten«, wiederholte ihr Vater mit tonloser Stimme, und die vertraute Angst stieg in Ariane auf. Nein. Nicht schon wieder. Nur das nicht …

»Papa, bitte«, flehte sie.

Aber er hörte nicht mehr hin. Er war schon aus dem Zimmer gegangen und hatte das Foto mitgenommen.

Zwei Uhr morgens. Ariane stützte sich auf einem Ellbogen ab und fixierte die grünen Leuchtziffern ihres Radioweckers. Aus dem Wohnzimmer drangen gedämpfte Stimmen zu ihr herauf. Sie zog sich die Decke über den Kopf und wühlte ihr Gesicht ins Kissen, um das ominöse Gemurmel auszublenden. Um es zum Verstummen zu bringen. Zu vergessen.

Schlafen. Sie musste schlafen. Vielleicht war morgen alles wieder normal. Ihre Mutter würde Pfannkuchen oder Rührei und frisch gepressten Orangensaft zum Frühstück servieren, ihr Vater würde sie in die Schule fahren und sie würde den Französischaufsatz zurückbekommen, den sie vorige Woche geschrieben hatten. Das Thema hatte sie fasziniert: Gibt es inakzeptable Meinungen? Sie war gespannt auf die Note, die Mme. Labergé ihr gegeben hatte …

Nein. Es half nichts, sich etwas vorzumachen. Die Uhr tickte bereits. Morgen Früh würde ihre Mutter mit übernächtigtem Gesicht in der Küche sitzen und die Schule anrufen, um Arianes Fernbleiben zu entschuldigen. Ihr Vater würde schon die Kartons hervorholen – im Flurschrank lag immer ein Vorrat bereit – und seine Akten darin verstauen. Dann würde jeder von ihnen einen Koffer mit Kleidung und dem Allernötigsten packen. Hinterher würden sie schweigend im Wohnzimmer sitzen und auf das Läuten des Telefons warten. Zweimal. Dann Pause, und wieder zweimal. Ihr Vater würde den Hörer abnehmen und ein paar knappe Sätze sagen. Dann würde er in sein Arbeitszimmer gehen, um seine Mails zu checken. Er würde seinen Laptop ausschalten und in seiner Computertasche verstauen.

»Also, gehen wir.«

Wie oft hatte sie diese Worte schon gehört? Oder hilflos mit angesehen, wie ihre Eltern die Haustür abschlossen, das Gepäck in die Garage brachten und im Wagen verstauten, ohne einen Ton zu sagen? Wie oft hatte sie auf dem Rücksitz gelegen, unter einer Decke versteckt? Dann sprang der Motor an, sie hörte ein letztes Mal die Geräusche des Viertels, die schrille Stimme einer Nachbarin, einen Jazzsong oder ein Chanson, das Klappern einer Gartenschere, und schon waren sie unterwegs, fuhren und fuhren, manchmal stundenlang, manchmal kaum zwanzig Minuten. Irgendwann erreichten sie eine fremde Garage, die manchmal eher einem riesigen, verlassenen Hangar glich. Dort wartete ein anderer Wagen, der Schlüssel steckte, und das makellose Innere roch ganz neu.

»Deine neue Kutsche, Prinzessin«, scherzte ihr Vater dann.

Ihre Eltern hatten ihr die Umzüge als Abenteuer verkauft, mit diesem typischen verlogenen Lächeln. Wir wechseln nur mal das Haus und den Wagen, das macht doch Spaß, oder? Und früher hatte sie ihnen geglaubt. Fast jedenfalls.

Jetzt nicht mehr.

Wie lange war es her, seit sie zum letzten Mal bei Nacht und Nebel aufgebrochen waren? Drei, vier Jahre? Ariane hatte es fast vergessen. Hatte sich der Illusion hingegeben, dass sie eines nicht allzu fernen Tages ein ganz normales Leben führen würde, so wie andere Mädchen in ihrem Alter. Letzte Woche hatte sie eine Einladung zur Geburtstagsparty einer Klassenkameradin angenommen. Diesmal, hatte sie sich geschworen, würde sie sich nicht mit einer Ausrede abfertigen lassen. Wenn ihre Eltern sie nicht gehen ließen, würde sie eine Erklärung verlangen – die Erklärung, die sie nie bekommen hatte. Höchstens in Form von Märchen und Fabeln, in blumige Umschreibungen verpackt. Von ihrem Alter war die Rede gewesen, von besonderen Umständen. Was denn für Umstände, um Himmels willen? Warum diese ewigen Umzüge, die ihr mehr wie eine Flucht erschienen? Warum diese lückenlose Bewachung, die ihr das Gefühl gab, in einem goldenen Käfig zu leben? Und weil sie die ganze Zeit im Dunkeln tappte, hatte Ariane sich die abenteuerlichsten Szenarien ausgemalt: Ihre Eltern waren Geheimagenten und wurden von einem Verbrecher verfolgt, der auf der Flucht war, seit seine Familie bei einer brutalen Polizeiaktion ums Leben gekommen war. Oder sie selbst war die Tochter dieses Verbrechers und die Polizei hatte sie entführt … Sie konnte doch adoptiert sein? Vielleicht war sie auch eine reiche Erbin und wurde von der Mafia bedroht, die Tochter eines Großindustriellen aus der Schweiz oder Italien. Oder sogar Russland, warum nicht? Ihre Mutter, die in Wahrheit ihre treue alte Amme war, riskierte zusammen mit ihrem Mann tagtäglich ihr Leben, bis Ariane endlich volljährig wurde.

Im unteren Stock fiel scheppernd etwas auf den Boden. Arianes Mutter liebte diesen Fliesenboden, Burgunder Naturstein, und schwärmte immer, wie kostbar und selten er sei. Das Haus war riesig, alt, voll unerwarteter Winkel und Ecken, kleiner Stiegen, die die Zimmer miteinander verbanden, und tiefer Schränke. Es gab einen Speicher, einen Kamin, zwei riesige modernisierte Badezimmer und einen Whirlpool. Das alles mussten sie jetzt zurücklassen. Und dann wohin? Nach Halifax oder Regina? Eine neue Stadt, neue Gesichter, neue Landschaften. Wieder einmal würde sie sich völlig umgewöhnen, das Alte komplett vergessen müssen. Sie würde nie auf direkte Fragen antworten können, musste neue Erinnerungen sammeln, die so zerbrechlich und flüchtig wie die vorigen waren, und so immer weiter, bis …

Ja, bis wann?

Ariane schlug ihre Decke zurück und stand auf. Nein, diesmal blieb sie nicht im Bett wie ein verängstigtes Kind und wartete ab, was ihre Eltern für sie beschließen würden. Diesmal würde sie hinuntergehen und ihnen die Fragen stellen, die ihr schon so lange auf der Zunge brannten.

Diesmal wollte sie es wissen.

Sie schlich auf den Treppenabsatz hinaus und spitzte die Ohren. Die Wohnzimmertür war zu. Ariane sah einen Lichtstrahl, der wie ein Pfeil quer über den Hausflur fiel. Eine Schranke, ein Verbot – eines der vielen, mit denen sie leben musste.

Aber davon ließ sie sich nicht aufhalten.

Sie war schon auf der zweiten Stufe, als unten die Tür aufging. Ihre Mutter kam mit einem Armvoll Wäsche heraus – Ariane erkannte die Servietten und das Tischtuch vom Abendessen – und ging damit in die Küche.

»Es hat doch keinen Sinn, um diese Zeit noch die Waschmaschine anzustellen. Du kannst ja doch nichts mitnehmen.« Die Stimme ihres Vaters. Er klang völlig erschöpft.

»Ich will wenigstens ein sauberes Haus zurücklassen«, entgegnete ihre Mutter. »Damit … Ach, ich weiß auch nicht, warum. Ich hoffe, die neuen Mieter werden hier glücklich sein.«

Ariane erstarrte, wagte kaum zu atmen. Wenn ihre Mutter jetzt den Kopf hob, würde sie sie sehen. Aber Lise ging weiter. Kurz darauf hörte Ariane das trockene Klicken, mit dem die Wäschetrommel zufiel, dann ein Summen.

»Komm wieder rein und setz dich«, rief ihr Vater aus dem Wohnzimmer. »Ruh dich aus. Wir haben eine lange Nacht vor uns.«

»Ich weiß.« Ihre Mutter kam mit hängenden Schultern zurück. Sie schaute nicht zur Treppe und zog die Wohnzimmertür hinter sich zu, aber nicht ganz.

Der Lichtpfeil war jetzt ein schimmerndes gelbes Band, das sich dort, wo die Fliesen vom häufigen Gebrauch ausgetreten und nachgedunkelt waren, rosa färbte. Ariane starrte wie hypnotisiert auf diesen Lichtschimmer. Die Stimmen ihrer Eltern klangen zwar gedämpft, aber jetzt konnte sie verstehen, was sie sagten.

»Hast du das Foto eingescannt?«, fragte ihre Mutter.

»Ja, gleich danach. Ich habe es noch vor dem Abendessen abgeschickt.«

»Zum ersten Mal haben wir sein Gesicht gesehen.«

»Falls er es wirklich ist. Vertrau ihnen, sie werden es nachprüfen.«

»Wie üblich. Und wie üblich wird er ihnen entwischen.« Die Stimme ihrer Mutter versagte. Dann weinte sie.

»Hab keine Angst, Lise. Morgen sind wir in Sicherheit.«

»Fragt sich nur, wie lange.«

»Fünf Monate. Wir müssen nur noch fünf Monate durchhalten, bis zum zwanzigsten März. Wenn Ariane sechzehn ist, besteht keine Gefahr mehr. Die Spindel ist ein Psychopath. Sobald seine Opfer den sechzehnten Geburtstag überschritten haben, interessieren sie ihn nicht mehr. So wie dieses Mädchen in Sherbrooke.«

»Das war nur ein glücklicher Zufall. Und darauf möchte ich mich nicht verlassen.«

»Ich auch nicht. Aber dass sie an ihrem sechzehnten Geburtstag durchgebrannt ist, war unvorhersehbar. Selbst für den Mörder. Sie hat sich eine ganze Woche lang mit ihrem Freund in einer Hütte am Seeufer versteckt. Ihre Eltern sind fast gestorben vor Angst, aber ihr hat es das Leben gerettet.« Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: »Und ihnen auch.«

Arianes Mutter schnäuzte sich energisch. »Hast du an das Familienstammbuch gedacht? Und an Arianes Schulakte?«

»Ja, keine Sorge. Leg dich noch ein bisschen hin …«

»Nein, ich bleibe bei dir. Und ich hoffe, dass es unsere letzte durchwachte Nacht ist. Mach die Tür zu, Patrick. Ich möchte sie nicht aufwecken.«

Dann ertönten Schritte. Die Tür drehte sich langsam in den Angeln und der Lichtstreifen verschwand. Dunkelheit hüllte Ariane ein.

Kapitel 3

Morgens um fünf, als der Himmel über den Dächern langsam heller wurde, öffnete Ariane ihr Schlafzimmerfenster und ließ ihre große Reisetasche an der Wand hinunter. Sie hatte ein Seil um die Griffe geknotet, das schwarzgrüne, das sie im Flurschrank gefunden hatte. Dieses Seil war nur ein einziges Mal zum Einsatz gekommen, als Ariane mit ihrer Mutter an einer Kletterwand für Anfänger trainiert hatte. Lise war eine erfahrene Bergsteigerin und hatte in ihrer Jugend die schwierigsten Gipfel in Europa und den USA bestiegen – die Verdonschlucht in Frankreich, die Mauer von Céüse und El Capitan im Yosemite-Nationalpark. Sie war lange nicht mehr geklettert, wollte aber ihrer Tochter diesen Sport zeigen, der ihr früher so viel Spaß gemacht hatte.

Für Ariane war der Ausflug mit ihrer Mutter ein spannendes Abenteuer gewesen, das jedoch abrupt geendet hatte. Ein junger Betreuer war mit ihrer Mutter ins Gespräch gekommen, hatte die Touren aufgezählt, die er machen wollte, und sich nützliche Tipps von ihr geben lassen. Dann hatte er den Fehler begangen, nach Ariane zu fragen – nach ihrem Namen, ihrem Alter. Ariane hatte gesehen, wie das Gesicht ihrer Mutter sich verfinsterte. So wie die Schatten der Wolken in den weiten Ebenen Manitobas, die sie vorigen Sommer durchquert hatten, die leuchtenden Farben der Gräser ausgelöscht und die lichtdurchflutete Landschaft in eine trostlose, fast unheimliche Leere verwandelt hatten. Ohne Erklärung hatte ihre Mutter sie an der Hand genommen und zum Ausgang gezerrt. Arianes Proteste hatte sie völlig ignoriert.

Jetzt wusste sie, warum.

Ein dumpfes Geräusch drang zu ihr herauf – die Reisetasche war am Boden aufgetroffen. Ariane prüfte, ob ihre Fototasche sicher an ihrem Gürtel befestigt war; sie enthielt ihr ganzes Geld, dreihundert Dollar, die sie für ein neues Objektiv gespart hatte, und ihren funkelnagelneuen Pass. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu und stellte den Kragen auf, um besser mit dem Dämmerlicht zu verschmelzen und neugierigen Blicken zu entgehen. M. Beauchamps, ihr nächster Nachbar, stand immer früh auf, um seine Tai-Chi-Übungen im Garten zu machen. Sie würde hinten herum gehen, obwohl es ein kleiner Umweg war, und dann die Richtung zum Busbahnhof einschlagen.

Ein letztes Mal drehte sie sich um und warf einen Blick auf ihr Zimmer. Das Bett war gemacht, der Schreibtisch aufgeräumt, der Computer auf Stand-by. Ariane hatte den Verlauf aller Seiten gelöscht, die sie in dieser Nacht aufgerufen hatte, und auf der Tastatur gut sichtbar einen Zettel mit nur zwei Sätzen zurückgelassen:

Ich liebe euch. Macht euch keine Sorgen um mich, ich komme zurück, wenn ich sechzehn bin.

Ihre Eltern würden es verstehen.

Das Seil schürfte ihre Handflächen auf; sie wagte nicht, ihre Füße an der Fassade abzustützen, um sich nicht zu verraten. Die Wohnzimmerfenster lagen auf der anderen Seite, zur Terrasse hin, aber die geringste Erschütterung der bemalten Schindeln würde durch das ganze Gebälk hallen. Ariane überkreuzte die Knöchel, umklammerte die lange Nylonschnur noch fester mit ihren Fingern und setzte ihren Abstieg fort. Nur gut, dass sie ihre Turnschuhe mit den dicken Sohlen trug. Sie war bequem angezogen, hatte neutrale Farben gewählt – Jeans, Sweatshirt, dunkle Jacke. Ihre Reisetasche enthielt Unterwäsche zum Wechseln, eine zweite Jeans, zwei Baumwollhemden, vier T-Shirts, einen dicken Pulli. Den brauchte sie jetzt noch nicht, der Herbst war ungewöhnlich mild. Ein schöner Altweibersommer, hatte die Haushaltshilfe gesagt, als sie vor zwei Tagen die Küchenfenster geputzt hatte. Die Ahornbäume in der Straße hatten wie Rubine unter dem blauen Himmel gefunkelt. Ihr feuerrotes Laub hatte Ariane immer an brennende Fackeln erinnert. Aber jetzt fragte sie sich, ob sie die Bäume je wieder ansehen konnte, ohne an vergossenes Blut zu denken.

Das Blut der Mädchen, die der Spindel zum Opfer gefallen waren.

Fünf waren es schon. Fünf Mädchen, die am Abend ihres sechzehnten Geburtstags ermordet worden waren. Sie hatten ausgestreckt auf ihren Betten gelegen, umringt von der ganzen Familie. Alle tot. Die Eltern, manchmal auch Onkel oder Tanten, waren erwürgt vorgefunden worden – mit hervortretenden Augen, blauen Lippen und einer tiefen Rille im Hals. Ganz anders die Mädchen. Ihre Gesichter waren unversehrt, sie sahen aus, als schliefen sie. Nur ein paar Blutstropfen auf der Bettdecke und ein winziger Einstich am Zeigefinger ihrer linken Hand. Ein tödlicher Stich. Das Gift, ein hoch konzentrierter Manzinella-Extrakt, führte in wenigen Stunden zum Tod, manchmal sogar innerhalb von Minuten. Ariane hatte sich die Namen und Wohnorte der Mädchen eingeprägt. Alle waren gewarnt worden, zumindest hatte sie das in einem der zahlreichen Blogs über die Spindel gelesen. Eines Tages war ein Brief bei den Familien eingetroffen, mit einer Botschaft auf teurem cremefarbenem Papier, wie es normalerweise für Hochzeits- oder Geburtsanzeigen verwendet wurde. In sorgfältiger Handschrift stand darauf:

Ich habe sie im Auge.

Sie können mich nicht sehen, aber ich bin da.

Bis zu ihrem sechzehnten Geburtstag wird sie in Schönheit heranwachsen und Jahr für Jahr stärker und klüger werden.

Ich werde sie vor jedem Unheil bewahren.

Doch an ihrem sechzehnten Geburtstag,

bevor die Sonne am Horizont versinkt,

komme ich zu ihr, um sie ins Dunkel zurückzustoßen.

Dann gehört sie mir.

Der Kies unter Arianes Schuhen knirschte leise. Sie nahm ihre Tasche in die Hand und schlich zu dem kleinen Gartentor, das auf eine ruhige Seitenstraße führte. Das Tor war immer verriegelt, aber Ariane wusste, wo ihre Eltern den Schlüssel aufbewahrten. Er lag unter einem Stapel Backsteine verborgen, unter dem wuchernden wilden Wein am Schuppen, in dem sie ihr Werkzeug, Säcke mit Erde und Sämereien lagerten. Ihre Mutter war eine leidenschaftliche Gärtnerin, und Ariane verstand jetzt auch, warum – Schönheit und Leben erschaffen lenkte sie ein bisschen von ihren Ängsten ab.

Vorsichtig tastete sie unter den Blättern herum, bis ihre Finger auf den kalten Schlüsselschaft stießen. Ihr Blick fiel auf die Gartenschürze ihrer Mutter und den Strohhut mit der breiten Krempe am Fenstergriff. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und das vertraute Bild verschwamm.

»Ich will nicht, dass er euch umbringt«, wisperte sie. »Ich verschwinde einfach, dann findet er mich nicht. Und selbst wenn, kann er wenigstens euch nichts tun.«

Mit der flachen Hand wischte sie ihre nassen Wangen ab, dann schüttelte sie den Kopf, um die letzten Tränen zu verscheuchen, und ging zum Tor.

ARIANES TAGEBUCH

Busbahnhof, 20. Oktober, 5:47 Uhr

Ich habe in letzter Sekunde noch mein Netbook ins Außenfach der Reisetasche gesteckt. Jetzt liegt es offen auf meinen Knien. Wenn ich auf den Tasten herumtippe, wirke ich wenigstens beschäftigt, seriös. Hoffentlich genügt das, damit niemand herkommt und mich fragt, was ich hier so früh am Morgen mache. Es sind nicht viele Leute da - ein Obdachloser, der auf einer Bank schläft, zwei Frauen, die leise miteinander reden und sich irgendwelche Stoffmuster zeigen. Und ich natürlich. Ich sitze im dunkelsten Bereich, außerhalb des Warteraums, weit weg von den Anschlagtafeln und der Cafeteria, die noch geschlossen ist. Aber ich kann es nicht lassen, alle paar Sekunden den Kopf zu heben und verstohlene Blicke um mich zu werfen. Ich weiß, dass ich das nicht tun sollte - es ist die beste Methode, Aufmerksamkeit zu erregen. Auch auf der Straße habe ich mich immer wieder umgedreht, um nachzusehen, ob mir jemand folgt. Ich muss mich daran gewöhnen, jede meiner Gesten zu kontrollieren, meine Haltung und selbst meine Blicke sorgfältig abzuwägen.

Und nicht nur das. Ich muss mich auch daran gewöhnen, dass ich in Lebensgefahr schwebe. Wie macht man das? Wie lebt man damit, Tag für Tag?

Im Moment lässt es mich seltsam kalt. Ich bin wie betäubt. Weiß nicht, wann die Angst mich überwältigen wird. Und was dann? Fange ich an zu schreien, zu weinen? Oder stürze ich ins nächste Polizeirevier und flehe die Beamten an, mich einzusperren und zu beschützen?

Das wäre zwecklos. Meine Eltern haben mich mein Leben lang beschützt. Deshalb haben sie schlecht geschlafen, sind nachts durchs Haus gegeistert, in allen Häusern, in denen wir gelebt haben. Als kleines Mädchen hörte ich immer ihre Schritte, so regelmäßig wie mein Herzschlag, und ich dachte mir Geschichten aus, von einem Monster, das aus den schwarzen Wassern der Vergangenheit aufsteigt, einem Riesen, der in der Rüstkammer seines Schlosses hin und her stampft und sein Schwert poliert, von einer alten Frau, die mit der Schuhspitze auf den Boden trommelt …

Eine alte Frau. Die böse Fee. Die böse Fee mit dem Spinnrad!

Mir ist schlecht. Atme, Ariane. Wenn du dich jetzt übergibst, fällst du auf. Und wer weiß, wer sich hier herumtreibt.

Der Mann auf dem Foto. Ist das wirklich er? Wenn ja, kenne ich sein Gesicht. Jeder Teil davon hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Ich werde ihn wiedererkennen.

Wo soll ich hin? Ich stelle mir die Orte vor, an denen er seine Opfer getötet hat, kleine Pünktchen auf der Landkarte, und die durchbrochenen Linien, die sie miteinander verbinden. Ergibt dieses Muster einen Sinn?

Die Spindel hat nur in Kanada getötet. Also muss ich über die Grenze. Nach New York, zum Beispiel.

Das ist eine riesige Stadt. Dort werde ich in der Menge verschwinden. Endgültig.

Auf der Abfahrtstafel blinkt eine neue Zeile auf. In ein paar Minuten steige ich in den Bus. Egal, wohin er fährt. Und später suche ich mir eine Anschlussverbindung.

Ich werde mein Leben retten.

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