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Dorian Hunter - Folge 008

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. KINDER DES BÖSEN
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. mystery-press
  11. Vorschau

Auf Schloss Lethian an der österreichisch-slowenischen Grenze gerät der Reporter Dorian Hunter in ein Abenteuer, das seinen Verstand übersteigt. Die acht Männer, die seine Frau Lilian und ihn begleiten, sind seine Brüder – gezeugt in einer einzigen Nacht, als die Gräfin von Lethian, selbst eine Hexe, sich mit dem Teufel Asmodis vereinigte. Dorians Brüder nehmen die Offenbarung euphorisch auf. Schon immer spürten sie die dämonische Seite in sich. Nur Dorian will sein Schicksal nicht akzeptieren. Er tötet seine Mutter und wird daraufhin von seinen Brüdern gejagt. Es gelingt ihm, das Schloss in Brand zu stecken und mit seiner Frau zu entkommen. Aber Lilian ist nicht mehr sie selbst. Sie hat bei der Begegnung mit den Dämonen den Verstand verloren. Übergangsweise bringt Dorian sie in einer Wiener Privatklinik unter, die auf die Behandlung psychischer Störungen spezialisiert ist – und begegnet kurz darauf der jungen Hexe Coco Zamis, die von ihrer Familie den Auftrag erhalten hat, Dorian zu töten. Doch Coco verliebt sich in den Dämonenkiller und wechselt die Seiten, wodurch sie nicht nur ihre magischen Fähigkeiten verliert, sondern darüber hinaus aus der Schwarzen Familie ausgestoßen wird.

Coco wie auch Dorian sind nun gleichzeitig Jäger und Gejagte, denn Dorian hat sich geschworen, seine Brüder, die das Feuer auf Schloss Lethian offenbar allesamt überlebt haben, zur Strecke zu bringen. In London tötet er Roberto Copello, nachdem dieser den Secret-Service-Agenten Donald Chapman auf Puppengröße geschrumpft hat. Mit Hilfe des Secret Service gründet Dorian die »Inquisitionsabteilung«, der nicht nur er selbst, sondern auch Coco und der Puppenmann Chapman fortan angehören. Ein weiteres »inoffizielles« Mitglied ist der geheimnisvolle Hermaphrodit Phillip, dessen Adoptiveltern von Dämonen getötet wurden.

Zum Hauptquartier der Inquisitionsabteilung wird die Jugendstilvilla in der Baring Road, in der Phillip aufgewachsen ist. Im Kampf gegen seinen Bruder Robert Fuller lernt Dorian in Kalifornien außerdem den FBI-Agenten Tim Morton kennen, der mit den New Yorker Freaks zusammenarbeitet – ehemaligen Dämonen, die aus der Schwarzen Familie ausgestoßen und für ihr Versagen vom Höllenfürsten Asmodi mit körperlichen Makeln bestraft wurden. Dorian reist weiter nach Brunei und sabotiert einen Hexensabbat seines Bruders Jerome Hewitt. Daraufhin verwandelt Asmodis den Versager Hewitt ebenfalls in einen Freak und und straft ihn mit grässlichen körperlichen Schmerzen. Nur Dorian könnte Hewitt erlösen, doch er weigert sich, denn Hewitt ist kein Dämon mehr. Der Dämonenkiller kehrt nach London zurück und räuchert mit Hilfe der Inquisitionsabteilung das Internat Kollegium Isacaaron aus, in dem die Dämonen Kinder zum Bösen erziehen wollten. Doch dann ist plötzlich Coco, die im Internat undercover ermittelt hat, verschwunden …

KINDER DES BÖSEN

von Ernst Vlcek

Das Taxi fuhr im Schneckentempo den schmalen Waldpfad und weiter an der halb verfallenen Mauer entlang und hielt vor dem großen, schmiedeeisernen Tor.

»Da sind wir«, sagte der Fahrer über die Schulter zu seinen beiden Fahrgästen und stellte den Motor ab. »Im Herzen der Dark Eagle Woods. Niemand weiß, woher der Wald seinen Namen hat, und ich bin sicher, dass man hier noch nie einen Adler gesehen hat. Wollen Sie nicht doch, dass ich Sie bis zum Schloss fahre? Das Tor steht offen.«

»Nein, das ist nicht nötig«, sagte der männliche Fahrgast. »Meine Frau und ich werden das letzte Stück zu Fuß gehen.«

1. Kapitel

Der Mann war nicht ganz ein Meter siebzig groß, ziemlich korpulent und hatte ein gerötetes Gesicht, das auf einen zu hohen Blutdruck schließen ließ. Als er ausstieg, keuchte er.

Auf der anderen Seite öffnete der Fahrer den Wagenschlag und war der Frau beim Aussteigen behilflich. Er fand, dass sie noch recht passabel aussah, obwohl sie bereits über vierzig sein musste. Sie passte überhaupt nicht zu dem Mann, denn sie war größer als er, obwohl sie nicht einmal hohe Absätze trug. Ihr Gesicht war fast schön, doch ein harter Zug um ihren Mund hatte tiefe Furchen hinterlassen. Das Rouge auf ihren Wangen war etwas zu dick aufgetragen und konnte dennoch nicht die Blässe ihrer Haut verdecken. Alles in allem war sie aber eine gepflegte Frau.

»Warten Sie hier auf uns!«, trug sie dem Fahrer auf, der zustimmend nickte und irgendeine Bestätigung murmelte.

Sie ging zu ihrem Mann, der mit ausdruckslosem Gesicht durch das offenstehende Tor blickte, und hakte sich bei ihm unter. Zusammen betraten sie den verwilderten Park. Als sie an dem schmiedeeisernen Torflügel vorbeikamen, warf der Mann einen Blick auf das dort angebrachte Messingschild und schnaubte verärgert.

»Kollegium Isacaaron«, las er laut und fügte gepresst hinzu: »Wenn ich gewusst hätte, in welchem Zustand sich das Internat befindet, hätte ich Joey nie hierher geschickt.«

»Du wolltest, dass er eine strenge Erziehung erhält, Armand«, entgegnete die Frau mit ihrer flüsternden Stimme.

»Zucht und Ordnung haben noch niemandem geschadet«, rechtfertigte sich der Mann in aggressivem Tonfall. «Ich handelte in gutem Glauben. Schließlich hat George seinen Jungen auch hierher gegeben und war voll des Lobes. Ich kenne George gut genug, um seinem Urteil blind vertrauen zu können. Warum sollte ich dann erst Erkundigungen über das Internat einholen? Und bisher ist doch auch alles gutgegangen. Es bestand nie Grund zur Klage. Joey hat in seinen Briefen geradezu von seinen Lehrern geschwärmt. Erst als dich diese Person angerufen hat, bist du ganz aus dem Häuschen geraten.«

»Ihre Beschuldigungen können nicht aus der Luft gegriffen sein«, meinte seine Frau. »Warum sollte sie solche Dinge sagen, wenn sie nicht stimmen würden?«

Der Mann hob die Schultern. »Was weiß ich! Es gibt viele Gründe, warum man jemanden verleumdet. Vielleicht hasst diese Miss Skeates die Direktorin.«

»Aber sie hat mir am Telefon versichert, dass es Joey schlechtgeht, dass er misshandelt wird und unglaubliche Qualen auszustehen hat«, wandte seine Frau ein. »Ihre Stimme klang verzweifelt. Sie kann das alles doch nicht erfunden haben!«

Ihr Mann tätschelte ihre Hand, während sie über den Kiesweg durch den verwilderten, fast undurchdringlichen Park gingen.

»Schon gut, Mary. Wir sind ja hergekommen, um alles aufzuklären. Wenn es stimmt, was diese Miss Skeates behauptet, dann …«

Er unterbrach sich, als hinter einem Gebüsch plötzlich eine Frau hervortrat. Sie war noch recht jung, nicht älter als fünfundzwanzig, aber nicht besonders reizvoll. Die Frau trug eine graue Stulpenhose und eine Jacke in derselben Farbe. Das braune Haar hatte sie im Nacken zu einem Knoten geschlungen. Sie hatte ein Alltagsgesicht, nicht hübsch, nicht hässlich, ohne besondere Ausstrahlung. Nicht einmal jetzt war ihr Gesicht ein Spiegel ihrer Gefühle.

»Sind Sie Mr. und Mrs. Blair?«, fragte sie mit unsicherer Stimme und fuhr, ohne die Bestätigung abzuwarten, fort: »Mein Name ist Judith Skeates. Ich bin die Direktionssekretärin. Ich habe Sie gestern angerufen, Mrs. Blair, und Sie gebeten, Joey aus dem Internat zu nehmen.«

»Sie sind das also!«, sagte Mr. Blair schnaubend. Er stemmte die Hände in die Hüften und maß sein Gegenüber ab. »Was haben Sie sich denn dabei gedacht, als Sie meine Frau anriefen und ihr solche Schauergeschichten erzählten? Können Sie sich überhaupt vorstellen, was meine Frau in den letzten vierundzwanzig Stunden durchgemacht hat? Sie hat die ganze Nacht über kein Auge zubekommen und …«

»Joey hat schon wochenlang keine ruhige Nacht mehr gehabt«, unterbrach ihn Miss Skeates gepresst. »Sie haben überhaupt keine Ahnung, welche Höllenqualen er auszustehen hatte.«

»Sind Sie sich auch über die Tragweite Ihrer Anschuldigungen im klaren, Miss Skeates?«, fragte Armand Blair keuchend.

»Selbstverständlich.«

»Dann möchte ich nur noch wissen, warum Sie plötzlich Ihr Mitgefühl für Joey entdecken, nachdem Sie, Ihrer eigenen Aussage nach, wochenlang zugesehen haben, wie er litt?«, fragte Armand Blair scharf. »Könnten Ihre Motive nicht rein egoistischer Natur sein? Ich warne Sie, Miss Skeates! Wenn Sie aus Neid, Missgunst oder ähnlichen niederen Motiven nur Unfrieden stiften wollen, dann werden Sie die Konsequenzen zu tragen haben.«

»Ich tue das alles nur aus Mitleid für Joey«, versicherte Miss Skeates. »Ich konnte einfach nicht mehr länger zusehen, wie er gequält und misshandelt wird. Deshalb rief ich Sie an. Warum ich es nicht schon früher tat? Ich wusste nicht, dass es so schlimm steht. Wirklich, Sie müssen mir glauben. Ich hatte bisher keine Ahnung, was tatsächlich gespielt wurde.«

»Und was wird gespielt?«

Zum ersten Mal spiegelten sich Gefühle auf ihrem Gesicht. Ein verzweifelter, gequälter Ausdruck entstellte es. »Es ist schwer zu erklären«, sagte sie zögernd. »Es passieren so merkwürdige Dinge. Die unheimliche Atmosphäre, die über diesem Schloss lastet … und dazu jene Kinder, die durch und durch böse sind und eine sadistische Freude daran haben, ihre Mitschüler und Lehrer zu quälen. Ich merkte erst zu spät, dass Joey immer mehr verfiel. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Wenn Ihnen etwas an ihm liegt, wenn Sie Ihren Sohn lieben, dann müssen Sie ihn von hier fortbringen.«

»Warum schrieb er uns denn nicht, dass es ihm schlechtgeht?«, wollte Armand Blair wissen.

Miss Skeates lachte humorlos. »Weil Mrs. Reuchlin, die Direktorin, alle Briefe der Zöglinge zensiert. Glauben Sie mir, wenn ich nicht all meinen Mut zusammengenommen hätte, dann wäre nie bekannt geworden, was innerhalb der Internatsmauern passiert. Ich hoffe nur, dass meine Bemühungen nicht umsonst waren. Sie dürfen sich nicht von Mrs. Reuchlin täuschen lassen. Diese Hexe versteht es meisterlich, die Leute um den Finger zu wickeln. Aber diesmal wird sie damit keinen Erfolg haben. Ich bin sicher, dass es Ihnen das Herz zusammenkrampft, wenn Sie Joey gegenüberstehen.«

Armand Blair wollte wieder etwas entgegnen, doch diesmal kam ihm seine Frau zuvor.

»Wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie uns verständigt haben, Miss Skeates«, sagte sie. »Seien Sie meinem Mann wegen seiner ablehnenden Haltung nicht böse! Er steht von vornherein allem und jedem misstrauisch gegenüber. Und die Beschuldigungen, die Sie vorgebracht haben, sind in der Tat so unfasslich und schrecklich, dass wir sie einfach nicht glauben wollen. Schon um Joeys willen nicht.«

Die Sekretärin nickte mitfühlend. »Ich kann mich gut in Ihre Lage versetzen und bin Ihrem Mann nicht böse. Sie werden sich mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass ich die Wahrheit gesprochen habe. Ich möchte Sie nur um eines bitten: Verraten Sie mich nicht! Sagen Sie Mrs. Reuchlin nicht, dass ich Sie auf die Zustände im Internat aufmerksam gemacht habe!«

»Aha!«, sagte Armand Blair.

Seine Frau warf ihm einen ermahnenden Blick zu und sagte schnell: »Wir werden Ihnen bestimmt keine Schwierigkeiten machen, Miss Skeates.«

Judith Skeates zuckte plötzlich zusammen und lauschte. Auch Mr. und Mrs. Blair vernahmen das Knirschen sich nähernder Schritte.

»Ich muss gehen, damit ich nicht mit Ihnen gesehen werde«, sagte sie und warf Mrs. Blair einen flehenden Blick zu. »Bitte, verraten Sie mich nicht!«

Fast lautlos verschwand sie zwischen den Büschen.

Mr. und Mrs. Blair setzten ihren Weg fort. Nach wenigen Metern kamen sie an eine Biegung des Kiesweges und begegneten einem Mann. Er war groß, hager, von nicht leicht zu bestimmendem Alter und besaß ein pferdeähnliches Gesicht, das von einer roten, wallenden Mähne umrahmt war.

»Ah, habe ich mich doch nicht getäuscht, als ich Motorenlärm zu hören glaubte!«, rief er aus.

Mr. Blair stellte sich und seine Frau vor.

»Ah!«, wiederholte der Mann. »Sie sind die Eltern von Joey. Sehr erfreut. Mein Name ist Theophil Crump, und ich bin für die Leibeserziehung der Zöglinge verantwortlich.« Er schüttelte ihnen die Hände und legte sein Gesicht in besorgte Falten, während er weitersprach: »Ich habe viel Freude an meinem Beruf. Es ist ein erhebendes Gefühl zu wissen, den Kindern zu Gesundheit und zur Kräftigung des Körpers zu verhelfen und Männer aus ihnen zu machen. Mit Joey habe ich leider meine liebe Not. Er ist so zart und schwach und kränkelt dauernd. Aber damit will ich Sie nicht jetzt schon belasten. Darf ich wissen, weswegen Sie gekommen sind?«

»Darüber werden wir mit der Direktorin sprechen«, sagte Mr. Blair knapp.

»Ah, verstehe. Bitte, wenn Sie mir folgen wollen!«

Die Blairs schlossen sich ihm an und betraten das Gebäude. Die Korridore und Räume waren so düster und deprimierend wie das graue Gemäuer des Schlosses. Umso überraschter war Mr. Blair, als er mit seiner Frau ins Direktionsbüro kam. Nicht dass die Einrichtung moderner, freundlicher und weniger veraltet als die übrige Einrichtung gewesen wäre; nein, aber die Direktorin, Mrs. Irene Reuchlin, war eine angenehme Überraschung. Er hatte sich eine alte, bissige und keifende Matrone vorgestellt und sah sich einer außergewöhnlich schönen Frau gegenüber, und das verschlug ihm schier den Atem. Sie schien seine Gedanken genau zu kennen, denn ihre grünen Augen blitzten vor Spott und ihren Mund umspielte ein maliziöses Lächeln. Nach der Begrüßung brachte sie die Sprache sofort auf Joey. Sie fragte nicht nach dem Grund ihres Besuches, sondern schien ganz selbstverständlich anzunehmen, dass sie nur gekommen wären, um sich nach seinen Leistungen zu erkundigen und ganz allgemein ihr Urteil über ihn einzuholen.

Armand Blair hörte ihren Ausführungen nur mit halbem Ohr zu. Er suchte unablässig nach einer Gelegenheit, ihr den wahren Grund ihres Kommens vorzutragen. Aber das war auch insofern schwierig, weil er nicht recht wusste, wie er beginnen sollte. Er konnte der Direktorin nicht einfach sagen, dass man ihm zugetragen hätte, Joey würde gequält und misshandelt. Was, wenn die Sekretärin sich alles aus den Fingern gesogen hatte? Was er übrigens immer noch hoffte.

Mrs. Reuchlin hatte eine tiefe, wohlklingende Stimme, die verführerisch einschmeichelnd und abweisend zugleich sein konnte. Man musste dieser Stimme einfach lauschen, und Mr. Blair, der schon einige Male zu einer Entgegnung oder einem Einwand angesetzt hatte, schluckte seine Bemerkungen immer wieder hinunter.

Als Mrs. Reuchlin endlich eine längere Pause machte, platzte Mary Blair heraus: »Eigentlich sind wir gekommen, um Joey zu sehen.«

Mrs. Reuchlin hob erstaunt eine Braue.

»Ich fürchte, das wird nicht gehen«, sagte sie mit sanftem Tadel. »Hat das Sekretariat es etwa versäumt, Ihnen unsere Hausordnung zuzuschicken? Daraus könnten Sie nämlich ersehen, dass Besuche von Eltern und näheren Verwandten nur sonntags gestattet sind. Sie verstehen das sicherlich, davon bin ich überzeugt. Wir erziehen unsere Zöglinge nach strengen Regeln. Wir legen auf Disziplin und Ordnung größten Wert, können aber mit unseren bewährten Erziehungsmethoden nur erfolgreich sein, wenn wir selbst mit gutem Beispiel vorangehen.«

»Das verstehe ich vollkommen«, erwiderte Mr. Blair. »Aber ist es nicht möglich, dass Sie dieses eine Mal eine Ausnahme machen, wo wir doch schon einmal hier sind?«

Mrs. Reuchlin lächelte. »Wir sind nicht weiter als vierzig Meilen von der Londoner Stadtgrenze entfernt. Ist es da wirklich zu viel verlangt, Sie zu einem geeigneteren Termin nochmals herzubitten? Sagen wir, kommendes Wochenende?«

»Mein Mann hat nur selten frei«, wandte Mrs. Blair ein. »Er kann sich seine Zeit nicht immer so einteilen, wie er will. Es hat sich gerade heute so ergeben ...« Sie verstummte, als ihr Mann sich räusperte.

»Ich finde es einfach lächerlich, wegen einer Lappalie so ein Theater zu machen«, meinte er ärgerlich. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so schwerwiegende Folgen haben könnte, wenn Sie es Joey gestatten, uns kurz zu sehen. Oder haben Sie andere Gründe, uns unseren Sohn vorzuenthalten?«

»Wie darf ich das verstehen?«, fragte Mrs. Reuchlin mit eisiger Stimme. Mr. Blair schnaubte wütend: »Fassen Sie es auf, wie Sie wollen! Ich streite mich nicht länger mit Ihnen, sondern verlange, dass Sie mich Joey sehen lassen. Das ist schließlich mein gutes Recht als Vater.«

Mrs. Reuchlin nickte leicht. »Wenn Sie darauf bestehen, dann muss ich Ihnen Ihren Willen lassen – wenn auch unter Protest.« Ihre Stimme klang noch kalt und ablehnend, im nächsten Moment war sie jedoch wieder sanft und zuvorkommend, wenngleich ein spöttischer Unterton mitschwang. »Ich habe geahnt, dass Sie hartnäckig sein würden und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich. Deshalb habe ich angeordnet, dass man Ihren Sohn vorführt. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ich keine Verantwortung für die Folgen übernehme.«

»Welche Folgen sollte das haben, wenn ein Junge mit seinen Eltern zusammentrifft?«, fragte Mrs. Blair irritiert.

Mrs. Reuchlin wurde einer Antwort enthoben, da es an die Tür klopfte. Sie sagte: »Das wird bereits Joey sein. Herein!«

Die Tür wurde zaghaft geöffnet, und ein etwa zwölfjähriger Junge erschien. Er war bis auf die Knochen abgemagert. Seine Augen, stumpf und blicklos, lagen tief in den Höhlen; seine schmalen Lippen waren blutleer, und die Haut war so blass, als wäre noch nie ein Sonnenstrahl auf sie gefallen.

»Joey!«, rief Mrs. Blair entsetzt und presste die Hand gegen den Mund. Das war nicht ihr Junge, den sie vor sechs Wochen in dieses Internat geschickt hatte. Er war ein Gespenst, ein Schatten seiner selbst.

Auch in Mr. Blairs Gesicht zuckte es. Er konnte die Augen nicht von dem Jungen lassen, der sein Sohn sein sollte.

Joey machte eine artige Verbeugung, schloss umständlich die Tür und trat dann ins Büro. Er ging zuerst zu seiner Mutter, die zu keiner Bewegung fähig war, sagte: »Tag, Mutter« und drückte ihr mit eiskalten Lippen einen Kuss auf die Wange; dann wandte er sich seinem Vater zu, küsste auch ihn flüchtig auf die Wange und begrüßte ihn mit: »Tag, Vater.«

Als er sich wieder zurückziehen wollte, hielt ihn Mr. Blair an den Armen zurück. Es krampfte ihm das Herz zusammen, als er die knochigen, dünnen Ärmchen durch den Stoff spürte.

»Joey!«, sagte er mit krächzender Stimme und hörte, wie seine Frau im Rücken des Jungen aufschluchzte.

»Ja?«, fragte Joey ausdruckslos und blickte durch Mr. Blair hindurch.

»O Joey!«, entfuhr es Mr. Blair plötzlich. Impulsiv presste er seinen Sohn an sich. »Was haben sie nur mit dir getan?«

»Was hat wer mit mir getan?«, fragte Joey so unbeteiligt, als ginge ihn das alles nichts an.

»Erkennst du uns denn nicht, Joey?«, fragte Mr. Blair. »Ich bin es, Armand, dein Vater. Und dort, das ist deine Mutter. Weißt du denn nicht mehr, wer wir sind? Freust du dich denn nicht, dass wir hier sind?«

»Ja. Doch, Vater«, sagte Joey tonlos. »Ich freue mich, dass ihr gekommen seid. Aber ihr hättet bis zum Wochenende warten sollen. Es geht nicht, dass ihr einfach die Hausordnung stört.«

Mr. Blair starrte den Jungen fassungslos an. Das war nicht sein Sohn. Das war nicht der fröhliche Joey, der Quecksilber im Blut zu haben schien und in dessen Augen der Schalk saß. Das war …

»Es ist vielleicht besser, wenn ich Sie allein lasse«, ließ sich Mrs. Reuchlin hören und erhob sich von ihrem Platz. »Sie haben fünfzehn Minuten.«

»O nein!« Mr.

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