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Dorian Hunter - Folge 006

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. FREAKS
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. mystery-press
  11. Vorschau

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter reist zusammen mit seiner Frau Lilian in ein einsames Dorf an der österreichisch-slowenischen Grenze. Begleitet wird er von acht ihm unbekannten Männern, die am selben Tag wie er geboren wurden.

In dem Dörfchen mit dem sonderbaren Namen Asmoda angekommen, findet die Reisegesellschaft keine Unterkunft. In ihrer Not suchen die Männer ein nahegelegenes Schloss auf und werden von der Schlossherrin, der Gräfin Anasthasia von Lethian, unerwartet freundlich empfangen. Lilian versucht Dorian zur Umkehr zu bewegen, aber Dorian weigert sich – und gerät in ein Abenteuer, das seinen Verstand übersteigt. Die Gräfin von Lethian ist eine Hexe. Vor dreißig Jahren zeugte sie zusammen mit dem Teufel in einer einzigen Nacht neun Kinder, die sie menschlichen Frauen unterschob. Sie sollten ganz normal aufwachsen und sich erst als Erwachsene ihrer Herkunft entsinnen.

Dorians Brüder nehmen die Offenbarung euphorisch auf. Schon immer spürten sie die dunkle Seite in sich. Nur Dorian will sein Schicksal nicht akzeptieren. Er tötet seine Mutter und wird daraufhin von seinen Brüdern gejagt. Es gelingt ihm, das Schloss in Brand zu stecken und mit seiner Frau zu entkommen. Aber Lilian ist nicht mehr sie selbst. Sie hat bei der Begegnung mit den Dämonen den Verstand verloren und kann den Weg zurück nach London nicht antreten. Übergangsweise bringt Dorian sie in einer Wiener Privatklinik unter, deren Personal auf die Behandlung psychischer Störungen spezialisiert ist.

Aber die unheimlichen Geschehnisse reißen nicht ab: In Wien begegnet Dorian der Hexe Coco Zamis – und fällt in ihren Bann! Coco hat von ihrer Familie den Auftrag erhalten, Dorian zu töten – doch sie verliebt sich in den Dämonenkiller und wechselt die Seiten, wodurch sie nicht nur ihre magischen Fähigkeiten verliert, sondern darüber hinaus aus der Schwarzen Familie ausgestoßen wird.

Coco wie auch Dorian sind nun gleichzeitig Jäger und Gejagte, denn Dorian hat sich geschworen, seine acht dämonischen Brüder, die offenbar den Brand auf Schloss Lethian überlebt haben, zur Strecke zu bringen. In London tötet er Roberto Copello, nachdem dieser den Secret-Service-Agenten Donald Chapman auf Puppengröße geschrumpft hat. Mit Hilfe des Secret Service gründet Dorian die »Inquisitionsabteilung«, der nicht nur er selbst, sondern auch Coco und der Puppenmann Chapman fortan angehören. Ein weiteres »inoffizielles« Mitglied ist der geheimnisvolle Hermaphrodit Phillip, dessen Adoptiveltern von Dämonen getötet wurden. Zum Hauptquartier der Inquisitionsabteilung wird die Jugendstilvilla in der Baring Road, in der Phillip aufgewachsen ist. Im Kampf gegen seinen Bruder Robert Fuller lernt Dorian in Kalifornien außerdem den FBI-Agent Tim Morton kennen, der ein düsteres Geheimnis zu hüten scheint …

FREAKS

von Ernst Vlcek

Frank Leary, der Besitzer des Realization Theatre am New Yorker Broadway, war bekannt dafür, dass er eine Nase für Talente hatte.

Es ahnte ja niemand etwas von dem Ritual, dass er nach dem Ende jeder Vorstellung in seinem Büro durchführte und für das er neben einer Kristallkugel und einigen Schalen mit Fledermaus- und Katzenknochen zusätzlich eine Kerze benötigte, die aus Menschenfett gemacht war.

Jedermann glaubte, es sei Frank Learys Lebenssinn, ein erfolgreiches Theater zu führen.

In Wirklichkeit stand ihm der Sinn nach etwas ganz anderem …

1. Kapitel

Frank Leary zündete sich genüsslich eine Zigarre an und betrachtete durch die blauen Rauchkringel den blassen Jüngling, der in sein Büro kam.

»Sie haben mich rufen lassen, Mr. Leary?«, fragte Dave Allen.

Leary deutete mit der Zigarre auf den Besucherstuhl. »Setz dich, Dave!«, sagte er zwischen zwei Zügen. »Ich habe mit dir zu reden. Einen Drink?«

»Nein, danke«, lehnte Dave Allen höflich ab. Er trug bereits sein Bühnenkostüm. »In einer halben Stunde beginnt die Vorstellung.«

»Lampenfieber?«, fragte Leary.

Allen lächelte unsicher. »Ja und nein. Immerhin ist das meine erste große Rolle. Ich kann es gar nicht erwarten, bis sich der Vorhang hebt. Andererseits wäre ich froh, wenn ich diesen Abend schon hinter mir hätte. Wahrscheinlich ist es Lampenfieber. Aber ich werde Sie bestimmt nicht enttäuschen, Mr. Leary.«

»Davon bin ich überzeugt, Dave«, sagte Frank Leary. »Ich habe dir die Chance gegeben, weil ich dich für ein großes Talent halte. Auf der Bühne bist du große Klasse, aber sonst scheint es bei dir nicht zu klappen. Ich sorge mich um dich.«

»Wie meinen Sie das, Mr. Leary?«, fragte Allen irritiert.

Leary machte eine Pause, während er an der Zigarre zog und sein Gegenüber nicht aus den Augen ließ. »Ich habe bemerkt, wie du dich ständig um die Preston herumdrückst«, sagte er nach einer Weile und lächelte wissend. »Mir ist auch nicht entgangen, dass du ihr gelegentlich unter den Rock langst, wenn du dich unbeobachtet fühlst.«

Dave Allen wurde leicht rot, fasste sich dann jedoch und sagte: »Das ist wohl meine Privatangelegenheit, Mr. Leary. Aber wenn Sie sich schon dafür interessieren, dann sollen Sie wissen, dass Doris und ich uns lieben.«

»Das habe ich beinahe befürchtet«, meinte Frank Leary.

Allen erhob sich und fragte mit verkniffenem Gesichtsausdruck: »Ist sonst noch etwas, Mr. Leary?«

»Setz dich wieder, mein Junge!«, sagte Leary begütigend. Er beugte sich über den Tisch und fuhr mit eindringlicher Stimme fort: »Ich mag dich, Dave. Und ich halte etwas von dir. Sonst hätte ich dir die Rolle nicht gegeben. Wenn du bei der Premiere nicht durchfällst, dann ist dir eine steile Karriere gewiss. Mein Theater ist eines der besten südlich des Washington Square, und viele der Broadway-Größen, die heute am Times Square Triumphe feiern, haben bei mir begonnen.«

»Das weiß ich, Mr. Leary, aber …«

Leary unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Diese Leute sind nur groß geworden, weil sie auf meinen Rat gehört haben, Dave. Und dir möchte ich raten, die Finger von diesem Flittchen zu lassen. Die Preston ist deiner nicht wert, mein Junge.«

Dave Allen sprang wieder von seinem Stuhl hoch. »Nehmen Sie sofort zurück, was Sie über Doris gesagt haben, Mr. Leary! Ich lasse nicht zu, dass irgendjemand so über sie spricht.«

Leary schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich will dir doch nur helfen, mein Junge«, sagte er. »Es wäre schade, wenn deine Karriere wegen dieser Frau in die Brüche ginge. Früher oder später würdest du es doch erfahren, dass sie es mit jedem treibt, der ihr gerade in die Quere kommt. Deshalb ist es besser, wenn sich jetzt schon jemand findet, der dir die Augen öffnet.«

Allen war ganz weiß im Gesicht. Er stand mit geballten Fäusten da und zitterte am ganzen Körper. »Warum erzählen Sie mir so infame Lügen über Doris, Mr. Leary?«, fragte er mit erstickter Stimme.

»Ich wusste gar nicht, dass sie dich schon so weit hat«, sagte Leary mit gespielter Verwunderung. In Wirklichkeit wusste er über die Beziehungen der beiden sehr wohl Bescheid. Schließlich hatte er sie gefördert, ohne dass irgendjemand etwas davon merkte. Er hatte ihr Glück geschmiedet – nur um es jetzt brutal zu zerstören.

Er räusperte sich und sagte: »Du glaubst, ich lüge? Na gut, dann muss ich dir den Beweis für meine Behauptungen liefern. Ich wollte dir das eigentlich ersparen, aber wenn du mir nicht glaubst, dann muss ich deutlicher werden. Oder meinst du vielleicht, dass Bilder lügen? Sieh dir einmal die Fotos an!« Er griff in eine Schublade und holte drei großformatige Hochglanzfotos heraus, die er zu Allen über den Tisch schob. Gebannt beobachtete er, wie dieser die Bilder mit zitternden Fingern an sich nahm und nacheinander betrachtete. Zuerst weiteten sich Allens Augen ungläubig, dann wich die Farbe aus seinem Gesicht und seine Lippen wurden blutleer. Seine Miene wurde starr wie eine Totenmaske, nur die Augen darin lebten. In ihnen spiegelte sich das ganze Spektrum niederer und unschöner menschlicher Emotionen. Leary weidete sich daran, wie Dave Allen litt.

Plötzlich zerknüllte Allen die Fotos zwischen den Händen.

»Du kannst sie behalten, Dave. Ich habe sie nur für dich beschafft.«

»Mussten Sie sie mir ausgerechnet vor der Premiere zeigen?«, fragte Allen verzweifelt.

»Ja, Dave«, sagte Leary scheinheilig. »Du willst doch ein Schauspieler sein. Da musst du lernen, hart zu werden. Du wirst in deinem Leben noch viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen, aber wenn du auf die Bühne kommst, darfst du deinen Schmerz die Zuschauer nie merken lassen.«

Allen stand mit hängenden Schultern da. Für ihn war eine Welt zusammengestürzt. »Kann ich jetzt gehen?«, fragte er stockend.

»Geh nur, mein Junge! Aber vergiss eines nicht: Die Show muss weitergehen.«

Nachdem der junge Schauspieler gegangen war, entspannte sich Leary in seinem Sessel. Die Erregung, die von ihm Besitz ergriffen hatte, klang langsam ab. Er rief sich noch einmal ins Gedächtnis, wie Allen die Pornofotos angestarrt hatte und ließ Allens seelischen Schmerz, den er fast körperlich gespürt hatte, in sich nachhallen.

Als die Klingel den Beginn der Vorstellung ankündigte, begab er sich in seine Privatloge. Dort saß er immer, wenn er unter seinen Schauspielern Intrigen gesponnen hatte, um ihre Reaktionen auf der Bühne auszukosten. Dave enttäuschte ihn nicht. Er vergaß seine persönlichen Probleme, verbarg seinen Kummer und ging ganz in seiner Rolle auf. Nur im dritten Akt, wo er Doris Preston schlagen musste, fiel er aus der Rolle. Er gab ihr eine so heftige Ohrfeige, dass sie gegen die Kulisse taumelte. Das Publikum applaudierte.

Oben in der Loge verging Frank Leary fast vor Lust und Wonne. Nach der Vorstellung ging er sofort in sein Büro und sperrte die Tür ab. Er schaltete nicht etwa das Licht ein, sondern holte im Dunkeln verschiedene Utensilien aus seinem Tresor, die er vor sich auf dem Schreibtisch aufbaute. Es handelte sich um eine Kristallkugel, einige Schalen mit Knochen von Fledermäusen und einer schwarzen Katze, die bei einem Hexensabbat vom Fürsten der Finsternis geweiht worden waren, und um eine Kerze, die zu vierzig Prozent aus Menschenfett bestand. Er entzündete die Kerze, entleerte die Schalen rund um die Kristallkugel auf den Tisch, murmelte magische Beschwörungen und legte die Tierknochen zu einem bestimmten Muster zusammen. Sein Kopf sank dabei auf die Glaskugel, seine Augen schlossen sich.

Als er sie nach einer Weile wieder öffnete, spiegelte sich immer noch das Licht der Menschenkerze in der Kristallkugel. Es wurde tausendfach reflektiert. Jetzt begannen sich die Reflexionen der Kerzenflamme zu bewegen, wurden durcheinandergewirbelt. Schatten bildeten sich. Die Lichter und Schatten bekamen Farbe und nahmen Konturen an.

Frank Leary blickte in Doris Prestons Garderobe. Sie saß vor ihrem Spiegel und schminkte sich ab. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Dave Allen kam hereingestürmt. Leary begann schneller zu atmen. Jetzt würde er gleich den Höhepunkt des von ihm inszenierten Schauspiels erleben. Was war dagegen eine Theateraufführung! Die Bühne des Lebens war viel ergiebiger; man musste nur ein guter Regisseur sein, die einzelnen Menschenschicksale miteinander verflechten und das Drama zu einem Höhepunkt führen. Das Faszinierende daran war, dass man nie wusste, wie das Spiel ausging, denn es gab kein Drehbuch, sondern nur einen Regisseur, der seine Schauspieler bis zu einem bestimmten Punkt lenken und manipulieren konnte. Darüber hinaus waren sie auf sich selbst gestellt.

Leary wusste nicht, welches Ende das Drama nehmen würde, aber von der Konstellation Preston-Allen versprach er sich einiges. Dave begann auch sofort zu toben, schimpfte Doris eine Hure und hielt ihr die Fotos unter die Nase. Zuerst begann Doris zu heulen und beteuerte, dass die Fotos eine Fälschung seien. Das brachte Dave noch mehr in Rage. Er schlug sie, bis Blut aus ihrer Nase quoll. Dann erst kam er wieder zu sich.

Doris erreichte die zweite Phase. Sie war plötzlich abgestumpft, sah, dass sie den Geliebten nicht halten konnte, wenn sie ihn weiter anlog. Sie verlor ihn vielleicht auch, wenn sie die Wahrheit bekannte, aber sie wollte nicht mehr lügen. Dazu war sie viel zu lethargisch. So gestand sie ihm, dass sie früher gelegentlich für Pornos posiert hatte, aber nur des Geldes wegen. Das wäre jetzt jedoch schon längst vorbei, sie hätte einen Schlussstrich unter ihre Vergangenheit gezogen. Ob ihr Dave nun glaubte oder nicht, aber sie hätte für ihn echte Gefühle empfunden. Schade, wenn nun alles auf diese Weise ein Ende finden würde.

Leary wartete vergeblich auf einen Höhepunkt des Schauspiels. Hatte er sich in den beiden getäuscht? Warum spielte Dave Allen das Drama nicht bis zur letzten Konsequenz durch? Er war doch der romantische Schwärmer, der noch an die wahre Liebe glaubte und sich von diesem Flittchen betrogen fühlen musste.

Und warum reagierte Doris nicht wie erwartet? Anstatt ihn in ihrem verletzten Stolz zu beschimpfen und ihn zu kränken, indem sie mit ihren früheren Liebhabern prahlte, gestand sie ihm ihre Liebe ein.

Was für eine verkehrte Welt! Leary sah kein erschütterndes Drama, sondern wurde Zeuge eines unbefriedigenden Ausklangs. Dave gestand, nicht zu wissen, ob er ihr das Vergangene verzeihen könnte, aber zumindest wollte er den Versuch machen.

Die beiden saßen schweigsam und bedrückt da. Dann wanderte Doris’ Hand wie von selbst zu Dave. Er ergriff sie – und plötzlich lagen sich die beiden in den Armen.

Frank Leary zog sich enttäuscht zurück. Es war alles ganz anders gekommen, als er es sich vorgestellt hatte. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass er die beiden später vielleicht noch einmal gegeneinander ausspielen konnte. Aber für den Augenblick war das nur ein schwacher Trost.

Leary holte seinen Chevrolet aus der Garage, lenkte ihn den Broadway hinunter, bog in die Canal Street ein und fuhr nach Chinatown. Er wusste selbst nicht, was er hier wollte, aber er war unbefriedigt und von einer verzehrenden Unrast befallen. Irgendetwas musste passieren. Er verließ Chinatown wieder, kreuzte den Chatham Square und kam in die Bowery. Hier, zwischen den alten Bauwerken mit den zweifelhaften Vergnügungsetablissements, wo sich die Schieber, Zuhälter und Straßenmädchen ein Stelldichein gaben, fühlte er sich gleich wohler. Vielleicht konnte er hier finden, wonach er suchte.

Plötzlich bremste er den Wagen abrupt ab. Im ersten Moment wusste er selbst nicht, warum. Eine gut gebaute Schwarze kam mit schwingendem Handtäschchen auf ihn zu. Er verscheuchte sie mit einer Handbewegung. Dann sah er den Bettler. Er hockte im Schneidersitz neben dem Eingang eines Kellerlokals. Vor ihm lag ein ausgebeulter, verfilzter Hut. Die viel zu kurzen Arme hatte er von sich gestreckt, und die verkrüppelten Hände waren wie zum Gebet gefaltet.

Leary spürte, wie ihm heiß wurde. Ein Gebet hatte für ihn dieselbe abschreckende Wirkung wie Knoblauch für einen Vampir. Er fühlte sich erst wohler, als er sich ins Gedächtnis rief, dass der Bettler nicht betete, sondern die Hände zu einer bittenden Geste zusammengelegt hatte.

»He, du da! Ja, du! Komm mal her!«, rief er dem Bettler zu, der ruckartig den Kopf hob.

»Ja, Mister«, entgegnete er zuvorkommend, ergriff mit den Händen, die direkt aus seinen Oberarmen hervorwuchsen, den Hut und kam mit schnellen, kleinen Schritten auf den Wagen zu.

»Komm auf die andere Seite!«, verlangte Leary und öffnete die Tür des Beifahrersitzes. »Steig ein!«

Der Bettler zögerte und betrachtete ihn prüfend. Sein Misstrauen war erwacht – was Leary schneller atmen ließ –, aber das war auch alles. In dem faltigen, ausgemergelten Gesicht des Alten zeigte sich kein Erkennen.

»Soll ich wirklich?«, fragte der Bettler verwundert. »Aber ich werde Ihnen mit meinen Lumpen die Sitzbezüge schmutzig machen, Mister. Außerdem kann ich meinen Platz nicht so ohne weiteres verlassen. Um diese Zeit hier ist allerhand los. Ich würde glatt einige Dollar verlieren.«

Leary warf eine Zwanzig-Dollar-Note auf den Beifahrersitz. Dem Bettler drohten die Augen aus den Höhlen zu fallen, als er den Schein sah. »Wenn das so ist …«, sagte er und stieg ein.

Leary fuhr los. Um seine Lippen spielte ein amüsiertes Lächeln.

»Wohin fahren wir, Mister?«, fragte der Bettler, nachdem er die Banknote in seinen Lumpen verstaut hatte, forscher.

»Erkennst du mich denn wirklich nicht mehr, Jimmy-Boy?«, fragte Leary.

In den wässrigen Augen des Alten glomm wieder das Misstrauen auf. »Sollte ich Sie denn kennen?«

»Aber sicher!«, meinte Leary lachend. »Wir sind alte Bekannte, Jimmy-Boy. Wir kennen uns aus einer Zeit, als es dir noch besser ging. Du erinnerst dich wirklich nicht mehr an mich? Sagt dir der Name Frank Leary nichts?«

»Frank Leary?«, wiederholte der Bettler und schien nachzudenken.

»Soll ich deinem Gedächtnis nachhelfen, Jimmy-Boy?«, fragte Leary. Aus den Augenwinkeln sah er, dass das Gesicht des Alten einen Ausdruck der Besorgnis angenommen hatte. »Es ist schon ein paar Jährchen her, da wir in denselben Kreisen verkehrt haben. Wir gehörten sozusagen der gleichen Familie an. Hat es jetzt gefunkt, Jimmy-Boy?«

Aus den Augenwinkeln sah Leary, wie sich der Alte versteifte. In seinem Gesicht zeichnete sich die nackte Angst ab. Endlich hatte er begriffen. Leary weidete sich an der Angst des Alten. Er konnte sie fast körperlich fühlen. Und je mehr sich die Furcht des Bettlers steigerte, umso größer wurde Learys Lustgefühl.

»Ich kenne Sie nicht, Mister«, sagte der Bettler mit belegter Stimme. Er griff in die Tasche und warf Leary den Zwanzig-Dollar-Schein in den Schoß. »Da! Nehmen Sie Ihr schmutziges Geld! Ich möchte aussteigen.«

Leary trat das Gaspedal stärker durch, um den Alten nicht erst auf den Gedanken kommen zu lassen, aus dem fahrenden Auto zu springen.

»Aber aber, Jimmy-Boy! Du brauchst dich doch nicht zu verstellen. Du weißt, wovon ich spreche. Ich merke es dir an. Warum solltest du denn sonst plötzlich vor Angst zittern? Du fürchtest dich doch vor mir, oder? Dabei möchte ich nur mit dir über die alten Zeiten plaudern. Schade, dass du dich nicht mehr an mich erinnerst.«

»Doch!«, sagte der Bettler, und es klang etwas gefasster. »Ich glaube mich an Sie zu erinnern, Leary. Sie sind ein Voyeur besonderer Art. Sie spielen bei den Menschen Schicksal, stürzen sie ins Unglück und weiden sich dann an ihrem Schmerz.«

»Wie habe ich es genossen, als dich damals unser Oberhaupt aus der Familie ausstieß«, sagte Leary und nickte in seliger Erinnerung. »Du hast dem Fürsten der Finsternis ein Mädchen verweigert, das du selbst begehrtest. Eines der sträflichsten Vergehen, Jimmy-Boy. Zur Strafe wurdest du aus der Schwarzen Familie ausgestoßen und darüber hinaus noch mit einem körperlichen Makel versehen. Wie lebt es sich mit zu kurzen Armen, Jimmy-Boy?«

»Was wollen Sie eigentlich von mir, Leary?«, fragte der Bettler.

Leary hob die Schultern. »Nur eine kleine Spazierfahrt machen und über die alten Zeiten reden. Wie würde es dir am Hafen gefallen?«

»Lassen Sie mich aussteigen!«

»Nicht doch, Jimmy-Boy!«, sagte Leary mit gespielter Empörung. Dann ließ er plötzlich die Maske fallen. Er konnte die Erregung, die ihn erfasst hatte und sich ständig steigerte, nicht mehr länger verbergen. »Du und ich, Jimmy-Boy, wir werden zusammen am Hafen einige herrliche Minuten verbringen«, sagte Leary mit heiserer Stimme. »Ich kenne dort eine Stelle, wo wir ungestört sind. Niemand wird uns in die Quere kommen, wenn wir uns unterhalten. Und sei unbesorgt, es wird niemand da sein, der deine Schreie hört!«

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