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Dorf der Idioten

Max Monnehay

Titel

Übersetzung aus dem Französischen von
Hans-Joachim Hartstein

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BASTEI ENTERTAINMENT

  

Für meinen Vater,
für Clint Eastwood,
zwei gnadenlose Typen, die alles
im Griff haben.

  

Sobald ein Dichter erwacht, ist er ein Narr. Will sagen: intelligent.

JEAN COCTEAU, OPIUM, 1930

Dummköpfe: denken anders als man selbst.

GUSTAVE FLAUBERT, WÖRTERBUCH DER GEMEINPLÄTZE, 1931

Ich musste mir nur lange genug vorsagen, dass ich ein Zauberer war, und schon kamen kleine weiße Kaninchen aus meinem Hintern. Und aus meinen Ärmeln schossen englische Gärten, Regenbögen und andere Dinge hervor, ich weiß nicht mehr, was alles, ich habe nichts gesehen.

BASTIEN, IRGENDWO, IRGENDWANN

Anti-Lektion 1

Wenn ihr ins Dorf der Idioten aufgenommen werden wolltet, musstet ihr richtig schön dumm sein. Das war das einzige Kriterium.

Sonst zögerten wir nicht, euch mit kräftigen Tritten in den Hintern auf die Straße zu setzen, egal wie dämlich ihr tatet.

Und wir genossen es, das kann ich euch sagen! Unsere Tritte waren mit zwei Jahrhunderten der Schikanen und Demütigungen gepfeffert, denn jeder Dummkopf schleppt die Geschichte seiner Leidensgenossen mit sich herum, wie andere die Narben von lange vor ihrer Geburt krepierten Vorfahren spüren, von so entfernten Verwandten, dass nicht einzusehen ist, warum man sich mit ihrem Kreuz herumschlagen soll. Unsere Tritte katapultierten euch wirkungsvoller durch die Luft als ein Schaufelbagger, neuestes Modell.

Wir schickten euch dahin zurück, woher ihr gekommen wart, oder woandershin, falls euch der Sinn danach stand, und auch gerne noch weiter weg, wenn die Aussicht, genauso klug als wie zuvor in euer Leben zurückzukehren, in Arbeit-Familie-Langeweile, schmerzhafter für euch war als die Streicheleinheiten, die wir euren kleinen Stadtärschen verpassten.

Euch blieb nichts anderes übrig, als der untergehenden Sonne entgegenzugehen, wie der Held mit dem zerbeulten Cowboyhut in einem Western von Clint Eastwood, und dazu noch mit einem verdammt unangenehmen Gefühl in der Gesäßgegend.

Ein paar Minuten genügten uns, um zu wissen, ob ihr tatsächlich Idioten wart oder einfach nur Simulanten. Es mag euch seltsam vorkommen, aber wir, die Idioten aus dem Dorf der Idioten, sahen auf den ersten Blick, ob eure Dummheit echt oder gespielt war. Man kann sagen, dass wir außerordentlich schlau waren, wenn es darum ging, unsere Leute zu erkennen.

Der Blinde erkennt den Blinden an der gedämpften Musik, die das Ballett seiner Hände begleitet.

Der Verrückte erkennt den Verrückten an der schlichten Tatsache, dass nur der ihn nicht für verrückt hält.

Das Absurdeste an der Geschichte war zweifellos, dass ihr euch verdammt dämlich vorkommen musstet, wenn ihr es nicht einmal geschafft hattet, als Deppen anerkannt zu werden.

Im letzten Tageslicht davonhumpelnd, eure verräterische Intelligenz im Gepäck, diesen lästigen Klotz, lästiger noch als die leichenstarre Leiche eurer verkorksten Existenz, einen letzten Blick über die Schulter zurück auf das Dorf werfend, in dem ihr glücklich, zumindest aber friedlich hättet leben können inmitten einer sympathischen Bande von Schwachköpfen – das war der Moment, in dem ihr euch wünschtet, nie gelebt zu haben.

Das jedenfalls ging mir durch den Kopf, als mich die Begeisterungsschreie der erbarmungslosen Legion erreichten, dieser Armee, die meine Fahnenflucht nicht akzeptieren wollte und meinen Namen skandierte, Bastien, Bastien, so herzzerreißend, dass ich schließlich beschloss, in ihre Reihen zurückzukehren.

Ja, das ging mir durch den Kopf, damals, einen Monat, fünf Tage und vierzehn Stunden, bevor ich mich in die Flammen warf und mich dabei halbtot lachte.

Anti-Lektion 2

Ja, genau das ging mir durch den Kopf, einen Monat, fünf Tage und vierzehn Stunden, bevor mein Oberkörper und mein Kopf zur Fackel wurden, die wie ein Feuerkreisel durch die schwarze Nacht wirbelte, und niemand weiß, ob ich mich nicht immer noch kaputtlache.

Ich dachte an die armen Typen, die durch die Entfernung zu winzig kleinen Figuren geschrumpft waren. Durch die Entfernung und, vor allem, die Demütigung.

Jetzt, einen Monat, fünf Tage und vierzehn Stunden später, kann niemand mehr mit Bestimmtheit sagen, ob hinter dem hübschen Feuerbrei meiner verkohlten Gliedmaßen das Lächeln, das ich zur Schau trage, einen anderen Grund hat als den, dass meine Ober- und Unterlippe vollständig verbrannt sind. Damals fragte ich mich, ob wir vielleicht keinen Deut besser waren als diese armen Typen, die wir so schlecht behandelt hatten. Die armen Winzlinge am Horizont. Aber es kostete mich keine große Mühe, nicht mehr an unangenehme Dinge zu denken.

Überhaupt nicht mehr zu denken.

Meistens machten die Bewerber grobe Fehler, sie grinsten albern, zogen ausgiebig den Nasenschleim hoch, bohrten mit ihren Aspirantenfingern in höchst ungewöhnlichen Regionen der Nasenlöcher und verrenkten ihre Körper zu übertriebenen Posen, was wie eine Parodie wirkte. Diese Kandidaten für die Glückseligkeit hatten nicht begriffen, dass ein echter Dummkopf sein Leben lang bemüht ist, sich seine Dummheit nicht anmerken zu lassen, dass er sich ständig zwingt, weniger dumm zu erscheinen, als er in Wirklichkeit ist, und dass er die Reflexe, die er sich mühsam angequält hat, nicht so leicht loswird.

Kurz und gut, wir, die Idioten aus dem Dorf der Idioten, kapierten sofort, dass ihr gerissene Betrüger wart, wenn ihr euch wie Trottel benahmt.

Und wenn ihr beschlossen hattet, Samstag mit Sonntag oder Montag mit Dienstag zu verwechseln, damit die Täuschung noch echter wirkte, konntet ihr sicher sein, das Wochenende nicht in unserer Gesellschaft zu verbringen.

Wie dem auch sei, das Leben war für uns angenehm und leicht, so wie es das Leben sein kann; denn der Gedanke an langlebige Grabsteine tröstete uns über den Tod hinweg.

Die Tatsache, dass man dir, wenn du die Welt verlässt, automatisch ein Stück von eben dieser Welt zugesteht, dazu noch ein so solides Stück, ein Stück aus einem Felsen, für den die Zeit nichts weiter ist als ein sanftes Streicheln über den Rücken, ein Schaudern der Flanke, diese bloße Tatsache reicht aus, den Tod zum Teufel zu schicken.

Einige von uns sagten, schrien es bisweilen sogar heraus, weil die Ewigkeit ja bekanntermaßen zur Taubheit neigt: »Ich werde nicht tot sein, nie, ich werde ein Stein sein, und mein Name, der darauf steht, wird es euch beweisen!«

Befreit von dieser Urangst, auf die alle anderen Ängste zurückgehen, kann der Idiot auf dem Drahtseil balancieren und über den Abgrund lachen, der unter ihm gähnt.

Er allein hat die Kraft, dem Nichts zu trotzen, das am Ende alles verschlingt und vor dem die übrige Welt nur in die Knie gehen kann.

Wir waren recht freundlich, alle, freundlich und dumm wie Bäume. Gedacht haben wir fast nie.

Wir waren dermaßen unterbelichtet, wir, die Bewohner jenes abgelegenen Dorfes, wir vergaßen manchmal sogar, dass wir sprechen konnten. Dann waren unsere Unterhaltungen nicht mehr als plumpe Bewegungen dicklicher, behaarter Wesen mit abgeknabberten Fingernägeln. Ramponierte Finger verrenkten sich vor Mündern, die großen, rosafarbenen Löchern glichen, und Speichel spritzte aus Kehlen hervor, wenn der eine Idiot nicht verstand, was der andere Idiot sagen wollte.

Die Regierung hatte alles dafür getan, damit wir, die Idioten aus allen Dörfern Frankreichs, vor Dummheit rot werden mussten, und so erblickte am Ende eine amtlich nicht zugelassene Gesellschaft das Licht der Welt.

Der erste Dorftrottel war etwas schlauer als seine späteren Genossen, sonst wäre ihm die Idee, eine Gemeinschaft zu gründen, in der er und seinesgleichen in Frieden leben konnten, niemals gekommen.

Doch er war und blieb ein Trottel, wenn man der Definition des Wortes Glauben schenken will, wohingegen all die Hornochsen seelenruhig umherspazieren in der Gewissheit, keiner zu sein.

Anti-Lektion 3

Der Idiot, der keinerlei Gewissheit hatte außer der, keine zu haben, war Pierrot.

Pierrot war hochgewachsen, stets frisch rasiert, die Haare angeklatscht, als hätte man ein Murmeltier in zwei Hälften geteilt, auf seinen Kopf gelegt und glattgebürstet. Mit Hilfe billiger Pomade an den Schädel geklebt, glänzte es so feucht, dass Pierrot zu jeder Tages- und Nachtzeit wirkte wie soeben dem Wasser entstiegen.

Im Dorf gab es kein Schwimmbad und, soviel wir wussten, auch keinen Ozean. Man musste sich das Meer vorstellen, mit all den Dingen, die darin schwimmen, sogar Menschen. Was wir sahen mit unseren kleinen, immer wieder ganz neuen Augen, das war Erde, nichts als Erde, die sich in allen Schattierungen vor uns ausbreitete und schließlich abrupt ins Leere fiel, direkt hinter dem Horizont, dem sich keiner von uns je genähert hatte.

Dennoch stellte der eine oder andere Depp Pierrot immer wieder dieselbe Frage, jeden Tag: »Wie war das Bad, Pierrot?« Dann lächelte Pierrot, die ungeheuer weißen Zähne in dem Mondsichelmund brachten sein ganzes Gesicht zum Leuchten, ein strahlendes Johannisfeuer, und plötzlich glänzten seine Augen.

In solchen Momenten wirkte Pierrot eher wie ein Verrückter als wie ein Idiot. Vor allem sah er aus wie jemand, dem die Wahrheit scheißegal ist. Wirklich, so sah er aus.

Und Pierrot gab immer dieselbe Antwort: »Sehr gut, ich glaube, ich habe einen weißen Wal gesehen, weiter draußen, im offenen Meer.«

Das wirkte prompt: Der Depp war begeistert und Pierrot bestimmt glücklicher als jemand, der das Glück gehabt hatte, tatsächlich im Kielwasser eines Meeressäugetiers zu schwimmen.

Pierrot schien die Wahrheit vollkommen am Arsch vorbeizugehen.

Die Idee mit dem Test kam von ihm. Als die ersten Verdächtigen am Dorfeingang auftauchten, schloss er sich in seinem roten Haus ein, in seinen roten vier Wänden aus Backsteinen wie jenen, die das Dach über seinem Kopf gestützt hatten, als er noch ein Kind gewesen war, Mauern, die wie nach einem Gemetzel bluteten, wenn es regnete.

Er hatte vor, sich zwei oder drei Tage tot zu stellen in der Hoffnung, dass sich kein Idiot Sorgen um seine Sorgen machen würde.

Anti-Lektion 4

Mit zweiundzwanzig kümmerte mich mein Leben einen Dreck. Ich begnügte mich damit, ein Idiot zu sein. Glaubt ja nicht, dass das ein ruhiger Job ist.

Mein Leben kümmerte mich einen Dreck, und doch war ich der gestressteste Junge der Welt. Die vorwurfsvollen Blicke, die Seufzer und Beschimpfungen, die dir klarmachen, dass dich niemand vermissen würde, wenn du nicht geboren wärst, all das saugt die gesamte Energie aus dir heraus, noch bevor du die Gelegenheit hattest, irgendetwas mit deinen zehn Fingern anzufangen.

Ich stand auf, machte mein Bett, frühstückte zusammen mit Mam: frisch gepresster Beleidigungssaft, Omelette mit Enttäuschungen, gebutterter Toast mit Versagerkonfitüre, und mein Tag war gegessen.

»Vergiss nicht, Bastien: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Und weil sie deinem Vater jetzt auch noch die Stütze gestrichen haben, wird es wohl die einzige bleiben. Ich rate dir deshalb zu essen, anstatt in deinem Omelett herumzustochern.«

Gerade war es mir gelungen, die Eierschalen, mit denen Mams Omelett übersät war, in Trüffellamellen zu verwandeln. Ich schloss die Augen und biss knirschend auf ein knuspriges Stück Schweinebauch. Auf ganz leckere Frühlingszwiebeln, frisch angebraten.

Mam machte ihre Drohungen, mich rauszuschmeißen, nie wahr, sie stieß sie nur der Form halber aus, denn die Plage, die ich für sie war, hatte sich zu einem unverzichtbaren Bestandteil ihres Lebens entwickelt. Ich führte also meine stumme Dummheit in der Dreizimmerwohnung spazieren, in der ich geboren worden war und in der ich sterben würde, falls die Dinge so blieben, wie sie waren.

Mein älterer Bruder hieß Ben. Er hatte das Elternhaus verlassen, um in Paris ein endloses Studium zu beginnen, das ihm einen wichtigen Posten in der Petrochemie, dieser obskuren Branche, und, wir wollen mal ehrlich sein, ein Gehalt garantieren sollte, das über einen so beschissenen Job hinwegtröstet.

Seine Stimme am Telefon war farblos wie Alaska, und ich hatte den starken Verdacht, dass die Petrochemie alles andere als ein Vergnügen war. Doch Ben versicherte immer nur, alles sei bestens. »Alles bestens, Mam, alles super.«

Und Mam war beruhigt.

Er wiederholte immer wieder: »Alles okay, ich schufte wie ein Tier, es könnte gar nicht besser laufen. Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen, Mam.«

Mein Zeigefinger drückte wie verrückt auf den Tasten des Telefons herum, denn ich sah voller Entsetzen, dass Mam sich ganz und gar keine Sorgen machte.

Im Gegenteil, sie verzog ihr Schmollmündchen zu einem breiten Grinsen voller weißer Zähne, während die Stimme meines Bruders meterlange Stalaktiten von den Küchenfenstern tropfen ließ.

Ich kapierte einfach nicht, warum Mams nackte Arme nicht so aussahen wie meine: bleich wie ein gerupftes Huhn.

Ich war eben nur ein Idiot, der wie wild auf den Telefontasten herumdrückte; dabei musste man sie nur leicht berühren, und schon funktionierten sie einwandfrei.

Ich muss gestehen, dass ich die Angewohnheit hatte, Kaugummikugeln nicht zu kauen, sondern ganz hinunterzuschlucken. Für mich waren das große runde Pillen mit Pfefferminz-, Erdbeer- oder Cola-Geschmack, dazu im Stande, mich von der Krankheit zu kurieren, die Mam regelmäßig dazu trieb, lächelnd ihre Fingernägel in meine Handgelenke zu bohren.

Und die Art und Weise, wie ich mit meinem Besteck hantierte, veranlasste unsere seltenen Gäste, ihre Teller vor mir in Sicherheit zu bringen. Und ihren Hintern. Eine Arschbacke in der Luft, wichen sie meinen Blicken und meinem Messer aus.

Meine Tischmanieren entsprachen der Rolle, die mir Mam am Tag meiner Geburt zugedacht hatte: der des Schwachsinnigen.

Vielleicht auch schon vorher.

»Bis bald, Mam.« Die Worte meines Bruders am anderen Ende der Leitung purzelten uns wie kleine Eiswürfel vor die Füße. Als Mam auflegte, fühlte ich mich so kalt wie eine verdammte Leiche.

Mam gelang es, mich aufzutauen, indem sie mich in die Wange kniff, bis Blut kam. »Hast du das Telefon immer noch nicht kaputt gekriegt, du Idiot?!«

Sogleich sorgte sie dafür, dass das schmerzhafte Andenken an diese Misshandlung durch eine weitere, spektakulärere ausgelöscht wurde, die noch mehr nach ihrem Geschmack war: eine saftige, schallende Ohrfeige.

Von meiner Schwester Sara hörten wir nur selten etwas, meistens in Form skandalöser Gerüchte, die uns von einer Nachbarin zugetragen wurden, die entzückt war von der Aussicht, uns fertigmachen zu können. Allem Anschein nach hatte Sara das Kostüm Modell »kleine Schlampe« angezogen, das Mam ihr am Tag ihrer Geburt eigenhändig geschneidert hatte.

Vielleicht auch schon vorher.

Sehr bald schon hatte meine Schwester das makellos glatte Plastik ihrer Puppen gegen das Fleisch von Vorstadtganoven aus der Gegend eingetauscht, welkes Fleisch, Fleisch, das man häufiger sieht, als einem lieb ist, und das, meist damit einhergehend, ein Unglück kommt selten allein, scheußlich tätowiert ist mit der üblen Tinte der Knasterfahrungen. Dass einer das Gesetz mit Füßen getreten hat, mag ja noch angehen, aber dass ein Adler auf seinem Unterarm, so hässlich wie eine Kröte, keinen Zweifel lässt, das ist unverzeihlich.

Sara hatte die Haustür zugeschlagen, als wir anderen an einem Sonntag, der seine Sonne in vollen Zügen auskotzte, zu einem Picknick aufgebrochen waren. Drei Traumtänzer, Hand in Hand, in der Hoffnung, den mit der Geburt des ersten Kindes gestorbenen Familiensinn wiederzubeleben. Mam, Pap, ich und rund zwanzig Dosen Heineken genossen gerade die frische Luft in einem schattigen Wald, als meine kleine verrückte wütende Schwester mit dem größten Vergnügen (bei der bloßen Vorstellung wird mir warm ums Herz) eine Abschiedsorgie feierte und die Küche verwüstete, Tisch und Stühle umschmiss, Wandschränke herausriss. Welchen Spaß ihr das gemacht haben musste, meinem Schwesterchen, und wie stolz ich auf sie war, das Geschirr in tausend Scherben auf dem Linoleum verstreut, ich frohlockte, gut versteckt hinter meinen Händen, als ich das herrliche Massaker sah, bis hin zu den Glühlampen, die sie aus der Fassung gerissen und im Spülbecken zerdeppert hatte. Wir haben Sara nie wiedergesehen.

Anti-Lektion 5

Die Fernsehsendung, in der Pierrot beleidigt wurde, lief am späten Abend im Ersten.

Es war Mam, die über das tägliche Fernsehprogramm entschied.

Mam entschied über alles, ehrlich gesagt.

Pap war nämlich das, was man allgemein einen versoffenen Penner nennt.

Die Hosen anhaben: Man muss sie erst mal anziehen können, die Hosen, um sie anzuhaben, und dein Vater sitzt schon seit vier Tagen in Unterhosen rum. Mam konnte einem die ungeschminkte Wahrheit so elegant ins Gesicht schleudern.

Die Sendung begann gegen 23 Uhr. Pap zog sich seine dreißigste Flasche Bier rein, und ich saß neben ihm und war dankbar dafür, dass ich zu blöd war, um auszurechnen, wie viele Liter das ergab.

Pierrot erschien gegen Mitternacht auf dem Bildschirm. Pap schnarchte, die dreiunddreißigste Flasche zwischen die Schenkel geklemmt.

Pierrot redet über sein Projekt – ein Dorf der Idioten –, wobei er sich vom Gelächter der anderen Gäste und des Publikums nicht aus der Fassung bringen lässt.

Mam wirft mir einen besorgten Blick zu.

Ich tue so, als würde ich nichts kapieren.

Dazu muss ich sagen, dass ich mir das zur Gewohnheit gemacht habe, die inzwischen zu einem Reflex geworden ist.

Ich zerrupfe den Bezug des mottenzerfressenen Sessels zwischen den Fingern.

Das alte Stück ist nur noch Staub, und es fehlt nicht viel, dann sitze ich auf einem kleinen Aschehaufen.

Ich schaue auf den Teppich unter meinen Füßen und sehe nichts als Staub. Ich schaue auf den Schnickschnack aus Ton, der der Größe nach auf der Anrichte aufgereiht ist, und da sieht’s auch nicht anders aus.

Ich schaue zu Pap hinüber.

Ratet mal, was ich sehe! Staub.

Eigentlich nur eine Frage der Zeit.

Und vor allem eine Frage der Fantasie, wenn ihr meine Meinung wissen wollt.

Mam sagt nicht, was sie sonst bei jeder Gelegenheit sagt: Hast du den armen Sessel immer noch nicht kaputt gekriegt, du Idiot?!

Ihr Blick wandert ständig vom Bildschirm zu mir, von mir zum Bildschirm, eine Augenakrobatik, bei der einem schwindlig werden kann, und ich wage meinen Blick auf nichts anderes zu richten als auf das aufgedunsene Gesicht von Pap.

Mein Gehirn nimmt die Informationen auf, die Pierrot liefert.

Pap lässt im Schlaf einen Furz fahren.

In diesem Moment kann ich sagen, dass ich bereits weg bin.

In diesem Moment fahre ich über einen Ozean aus Staub.

Die Segel und das offene Meer und all das, es ist, als wäre alles schon entschieden. Jawohl.

Geografiestunde 1
Frankreich, eine solidarische Nation

Die Regierung förderte die Intelligenz. Das war ihr Ding. Sie selbst war sehr intelligent, jetzt wollte sie, dass alle es wurden.

Allerdings nicht so intelligent wie sie selbst, denn man wollte ja auch in Zukunft noch manipulieren.

Nicht so intelligent wie sie, aber intelligent genug, damit das Land wieder eine zufriedenstellende Wachstumsrate erreichte.

Der Schock saß tief. Es mussten Opfer gebracht werden.

Den Quellen zufolge wurden im Jahre 1487 während der vier Tage dauernden Einweihung des Templo Mayor durch Ahuitzotl zwischen dreitausend und vierundachtzigtausend Azteken geopfert.

Um Kalifornien vor Erdbeben zu bewahren, ermordete der Serienkiller Herbert William Mullin zwischen dem 13. Oktober 1972 und dem 13. Februar 1973 dreizehn unschuldige Menschen.

Was uns unerträglich erscheint, all diese im Namen von irgendwem und irgendwas geopferten Leben, müsste uns die Augen öffnen für das, was heutzutage mit den Schwächsten unter uns gemacht wird, und zwar völlig legal.

Das Beste ist es, sich blind und taub zu stellen, um nicht in der liebevollen Umarmung einer Zwangsjacke sein Leben fristen zu müssen.

Die Regierung hatte in der Verwaltung ein solches Chaos angerichtet, dass ein Idiot unmöglich heil davonkommen konnte.

Natürliche Auslese: Wenn du dich geschlagen gibst, weil deine Waffen wie Plastikspielzeuge aussehen, verglichen mit den Bazookas, die direkt auf deinen kleinen Arsch gerichtet sind. Sagte Mam.

Überleben war alles, worauf der Idiot im besten Falle hoffen durfte. Ja, darauf reduzierten sich die Erwartungen der Gutmütigsten unseres Landes.

Dass die Träume der Ärmsten im Geiste zerstört wurden, gefiel Pierrot ganz und gar nicht. Es machte ihn sogar stinksauer.

Denn wenn du nicht aufpasstest, verschwand deine Geburtsurkunde auf Nimmerwiedersehen. Das war dann, als hättest du nie existiert.

Dass man ihn wie Fliegendreck auf dem Superzeugnis dieser Scheißgesellschaft ausradieren wollte, ließ Pierrot an Revolution denken.

Wenn du nicht Acht gabst, verschwand dein Name wie von selbst von den Wählerlisten, einfach so, abrakadabra, schwupp!, und du hattest bei der Zukunft dieses Landes kein Wörtchen mehr mitzureden.

Dass man ihm den Mund verbieten wollte, weckte in Pierrot den Wunsch, alles kaputt zu schlagen.

Deine elementarsten Rechte wurden zu heißer Luft, und in den mit übel wollenden Beamten vollgestopften Büros prallten deine Schreie an den Wänden ab, trieben dich dem Ausgang entgegen, dem einzigen Weg, der dir gewiesen wurde, wo du auch hinkamst.

Die Armeen, die Pierrot nachts unter seinem Laken aufmarschieren ließ, in seinen von Meuterei und Aufstand bevölkerten, vom Schweiß des ...

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