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DOPPELTES GAME

Benjamin Kasperski

DOPPELTES GAME

Jugendkrimi

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www.storybakery.ch

wo Geschichten entstehen
where stories are made

# 1 #

David Boyle saß im Zimmer B4 der Kantonsschule Zürcher Oberland und döste vor sich hin. Kein bisschen interessierte er sich für das, was gerade erzählt wurde. Das Einzige, was er wusste, war, dass er Biologieunterricht hatte und dass es um Nerven oder so etwas ging. Mal im Ernst, wer hat die 7.30-Uhr-Lektion erfunden? Da hört einfach keine Sau zu, weil alle zu müde sind. Sogar Sophia sieht gelangweilt aus und das gibt es selten, dachte er vor sich hin. Aber David wusste auch, dass es sinnlos war, sich darüber zu ärgern. Er war bereits im fünften Jahr des Gymnasiums und der Frühling war gekommen – also würde David bald fertig sein. Seine schulischen Leistungen waren im Großen und Ganzen gut.

So konnte er sich diese erste Stunde des Schultages gönnen und über andere Dinge nachdenken, zum Beispiel über seine große Leidenschaft, das Gamen. David war ein wahrer Freak, was dieses Thema anging. Dünn gebaut, bleiche Haut mit vereinzelten Pickeln, die mittellangen, braunen Haare zerzaust und in die Augen fallend – er sah aus wie das Klischee eines Nerds. Und er spielte jeden Tag auf seiner Playstation.

Er saß also da und freute sich auf Unknown 4. Das Spiel war actiongeladen und handelte von einem Schatzjäger, dessen Leben an einem seidenen Faden hängt, ein Game ganz nach Davids Geschmack. Der vierte und letzte Teil der Abenteuer-Reihe sollte in wenigen Tagen herauskommen. Er musste sich also nur noch etwas gedulden, easy, wenn man bedachte, dass David seit bald vier Jahren darauf wartete.

»David! Du kannst der Klasse sicher nochmals erklären, wie ein Aktionspotenzial ausgelöst wird«, wurde David unsanft von der Biologielehrerin aus seinen Gedanken gerissen.

David zuckte zusammen. »Keine Ahnung.«

»Das gibt einen Strich. Beim nächsten Mal musst du nachsitzen. Verstanden?«

David nickte. Er regte sich kaum über die Ermahnung auf. Im Gegenteil. Er fand es eher lustig. Frau Thalmann hatte ihm schon so oft mit einer Strafe gedroht, dass er es gar nicht mehr ernst nahm. Was ihn dafür ärgerte, war, dass sie, wie viele andere Lehrer auch, es immer noch nicht fertigbrachte, seinen Namen richtig auszusprechen. Nämlich Englisch, da Davids Mutter aus London stammte. Lehrer waren einfach Egoisten, sie konnten vielleicht gut lehren, wollten aber selber nicht belehrt werden. Ignorantin, dachte David und tauchte weiter in seine Welt ein.

Es war bereits kurz vor der Mittagspause, als David erneut aus seinen Gedanken gerissen wurde. Er war gerade geistig in Schottland gewesen, einem der neuen Schauplätze in Unknown 4, als ihn Ben fragte, wo sie essen gehen wollten. Ben war der beste und einzige Schulkollege Davids, Big Ben genannt. Weil er 1.85 Meter groß war, bereits einen ausgeprägten Bart hatte und mindestens doppelt so breit war wie David – ein echter Kasten.

»Was? Was hast du gesagt?«, fragte David. »Essen gehen? Ist doch viel zu früh!«

Ben schaute ihn verdutzt an. »Ist das dein Ernst? Ich sterbe seit zwei Stunden vor Hunger und du merkst nicht einmal, dass es fast Mittag ist?«

#

Nach einem leckeren Döner kehrten sie in den Klassenverband und gleichzeitig in die Langeweile zurück. Während der Geschichtsstunde diskutierten viele der Schüler bereits, wo man den Freitagabend verbringen wolle. Es war schließlich Wochenende und das hieß für die meisten: Party, Party und nochmals Party. Dario, das Alphatier der Klasse, war inmitten der Frauenschar und benahm sich gewohnt machomäßig, was zu Davids Erstaunen ankam. Er selber blieb normalerweise lieber zu Hause und spielte auf der Playstation. Nur einmal war er mitgegangen und es hatte ihm überhaupt nicht gefallen. Das Besaufen, das Tanzen in den Clubs und der Kater am nächsten Morgen … das interessierte ihn nicht.

Nachdem der Gong das Wochenende eingeläutet hatte, kam Dario überraschenderweise zu David. »Hey, gehst du mit? Fast die ganze Klasse ist dabei.«

David war platt. Sonst kam nie jemand freiwillig zu ihm und lud ihn ein, mitzukommen. Und ausgerechnet Dario, den er heimlich bewunderte, hatte ihn gefragt.

David konnte nicht widerstehen und sagte zu.

Dario boxte ihn spielerisch in die Brust. »Wir gehen in einen Club. Da du erst 17 bist, brauchst du einen Ausweis. Bis später, Bro.« Und schon war er verschwunden.

Fuck, dachte David, woher soll ich bis heute Abend einen falschen Ausweis bekommen? Er musste sich etwas einfallen lassen.

#

Auf dem Nachhauseweg hatte David immer noch keine Lösung. Nachdem der Zug in Uster angekommen war, stieg David aus und setzte sich auf eine Bank, um auf den Bus zu warten. Dabei hörte er Musik, ruhigen, gechillten Sound, anders als die anderen, die meist auf aggressiven Rap abfuhren.

Es war der erste heiße Tag in diesem Jahr. Ein dicker Mann mit fettigem Haar saß gegenüber und las ein Käseblatt, sein weißes T-Shirt war völlig verschwitzt. Neben David quetschte sich eine Mutter mit ihrer Tochter. Das Kind wollte unbedingt ein Eis. Die Mutter war offensichtlich genervt, was David gut verstehen konnte, in der Hitze war es schwierig, konsequent zu bleiben. Er kannte solche Situationen nur zu gut von seiner Familie. Er hatte nämlich eine vierjährige Schwester …

So in Gedanken versunken merkte David nicht, dass sich von hinten jemand anschlich. Plötzlich wurde er in die Seite gezwickt. Wie von einer Tarantel gestochen, schreckte er hoch. Als er sich umdrehte, schaute er in die braunen Augen von Lea Frei.

Lea und David waren Freunde, seit sie sich im Kindergarten kennengelernt hatten. Nach der sechsten Klasse hatte sich ihre Beziehung verändert: David war ins Gymnasium gegangen, Lea hatte die Sekundarschule besucht und danach eine Lehre im Gesundheitsbereich begonnen. Damals hatte David befürchtet, dass sie sich auseinanderleben würden. Doch wie es sich zeigte, tat dies ihrer Freundschaft sogar gut. Sie trafen sich manchmal am Wochenende und erzählten sich die wichtigsten Ereignisse.

Lea mit ihrem trainierten Körper und den hellblonden Haaren strahlte ihn an und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Hey David. Wie geht’s so? Mir läuft’s top. Ich hab heute früher frei bekommen und gehe ins Fitness-Studio. Komm doch mit. Zu zweit macht es viel mehr Spaß!«

David lächelte ausweichend. Wieso war Fitness bei Lea nur so angesagt? »Ich hab schon was vor.«

Als ihn Lea unterbrechen wollte, ließ er sie nicht zu Wort kommen. »Ich rede nicht von Games. Ich gehe mit den Kumpels aus dem Gymi in einen Club. So wie du mir das immer rätst. Nur brauche ich einen Ausweis, der Eintritt ist ab 18. Kennst du jemanden, der mir ähnlich sieht und mir seinen Ausweis ausleihen würde?«

Lea lachte auf. »Mir fällt natürlich jemand ein. Den kennst du auch!«

David überlegte. Bis es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. »Dein Cousin. Tobi.« Enttäuscht schüttelte er den Kopf. »Aber der ist doch in England und macht einen Sprachaufenthalt.«

»Tja, wenn du mir öfters schreiben würdest, wüsstest du, dass Tobi letztes Wochenende nach Hause gekommen ist. Und wenn du mich ganz lieb fragst …«

Noch bevor Lea ihren Satz beenden konnte, wurde sie von David so fest umarmt, dass ihr beinahe die Luft wegblieb. Wieder einmal fiel ihr auf, wie mager David war. Sie konnte nicht verstehen, warum er nie mit ihr ins Training kam. Vielleicht konnte sie ihn irgendwann dazu überreden.

Zusammen stiegen sie in den Bus und fuhren davon.

#

Zehn Minuten später stand David vor seinem Zuhause, einem Mehrfamilienhaus etwas außerhalb der Stadt Uster. Er wohnte im obersten Stock zusammen mit seiner Familie.

Als er zur Tür hereinkam, wurde er von Mog stürmisch begrüßt. Der Hund war verrückt danach, alles abzuschlabbern. David liebte sein Haustier und verbrachte nebst der Gamerei auch viel Zeit mit ihm. Fröhlich kraulte er Mog das Kinn.

Plötzlich wurde ihm bewusst, wie lecker es nach Tomatensauce duftete. Erst halb fünf, wieso kocht meine Mum schon jetzt, bekommen wir Besuch?, überlegte David alarmiert.

Davids Vater war Italiener und wenn Besuch kam, musste die ganze Familie ausnahmslos am Tisch sein. Da gab es keine Entschuldigungen.

Leise betrat David die Küche und beobachtete seine Mutter. Ihre Schürze hatte Tomatenflecken abbekommen, während sie zu einer alten Norah-Jones-CD summte. Gewisse Dinge ändern sich zum Glück nie, dachte David grinsend.

Ava Boyle war mittelgroß und wirkte trotz ihrer 46 Jahre jung und sportlich. Das lag daran, dass sie fast täglich joggen ging. Ihre schwarzen Haare hatte sie erst vor Kurzem geschnitten, was sie noch um einiges jünger aussehen ließ.

»Hey David. Wie war die Schule?«, fragte Ava.

»Ganz okay. Im Geschichtstest hab ich eine Fünf geschrieben.« David wusste natürlich, dass es gescheit war, zuerst die Nachricht der guten Note zu überbringen, um dann zu fragen, ob er abends weggehen dürfe.

Ava war erstaunt. »Wow. Great, my boy. Sonst bist du doch nie gut in Geschichte!«

»Das Thema Kalter Krieg hat mich irgendwie gepackt. Es fiel mir ganz leicht, den Stoff zu lernen«, behauptete David. In Wirklichkeit hatte er sich einen Spickzettel gemacht, was sonst eigentlich nicht seine Art war, aber er hatte einfach keine Lust zum Lernen gehabt. Doch das musste Ava nicht unbedingt wissen.

»Freut mich sehr für dich. Ist sonst noch etwas passiert?«

»Nein, nicht wirklich. Naja, Dario hat gefragt, ob ich heute mit ihm und den anderen in den Ausgang komme. Wäre das okay für dich?«

Ava war einverstanden, unter der Bedingung, dass er mit ihnen zu Abend aß. David bedankte sich und ging hinaus.

»Wer kommt überhaupt?«, fragte er über die Schulter.

Aus der Küche kam die Antwort postwendend. »Zio Leo.«

Das hatte er befürchtet. Zio Leo war der Bruder seines Vaters Noah Agnelli und immer, wenn er zu Besuch kam, war das Macho-Getue vorprogrammiert.

»Chillig«, murmelte David genervt und legte sich auf sein Bett. »Erst mal eine Runde zocken!«, sagte er sich und schob die Scheibe in die Playstation.

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»David. Kommst du den Tisch decken? Es gibt gleich Essen«, brüllte seine Mum einige Zeit später. David trug das Headset und war mitten im Spiel. Das Problem beim Onlinespielen war, dass man nicht auf Pause drücken konnte, dies seiner Mum klarzumachen, war jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. »Jaja, ich komme gleich. Nur noch diese Runde!«

Ava, die diese Antwort wohl schon hundert Mal gehört hatte, stürmte in sein Zimmer und befahl ihm, sofort zu kommen, sonst sei der Ausgang gestrichen. Widerwillig ging er in die Küche und machte sich ans Werk.

# 2 #

Arvid Jansson war wieder mal zu spät. Eilig und mit zerzausten Haaren bahnte er sich einen Weg durch die Menge. An diesem ersten schönen Sommerabend des Jahres war der Bahnhof Stadelhofen voller Menschen. Aus der Richtung des Brezelkönigs, eines Imbissstands, kam ein leckerer Duft. Ein Junge spielte Gitarre in der Hoffnung, Geld von den Passanten in seinen Hut geworfen zu bekommen, die Stimmung war trotz der vielen Menschen friedlich.

Arvid allerdings war gestresst. Eigentlich hatte er sich, bevor er in Uster auf den Zug gegangen war, nur einen Kaffee kaufen wollen. Dass im Kioskshop vor der Kasse eine lange Schlange stand, hatte er erst bemerkt, nachdem er sich das Getränk bereits aus der Maschine gelassen hatte. Trotzdem hätte er den Zug noch erwischt, wäre einer alten Frau nicht das Portemonnaie aus der Hand gefallen. Arvid hatte ihr geholfen, das Geld wieder einzusammeln. Für seine Ritterlichkeit wurde er jedoch nicht belohnt, den Kaffee hatte er stehen lassen, der Zug war ihm vor der Nase davongefahren. Und darum musste er nun über den Stadelhofenplatz hetzen.

Wie man es seinem Namen schon anhörte, waren Arvids Wurzeln in Schweden. Sein Vater war da geboren und aufgewachsen und hatte seine Mutter später in Deutschland kennengelernt und geheiratet. Als Arvid zehn Jahre alt gewesen war, waren seine Eltern zusammen mit ihm und seiner Schwester in die Schweiz gezogen. Und Arvid war geblieben, auch wenn seine Eltern längst tot waren. Als Softwareentwickler arbeitete er selbständig in seinem Atelier. Er hatte nicht viele Aufträge, aber es reichte gerade so knapp. An diesem Abend hatte er sich mit möglichen neuen Kunden verabredet, ein sehr wichtiger Termin. Denn Arvid brauchte Geld, um seine Schulden abzuzahlen.

»Hoffentlich sind sie noch dort!«, dachte Arvid nervös, während er einigen Passanten auswich. Als er um eine Ecke bog, prallte er heftig mit einem Mann im Anzug zusammen. Arvid, selber auch ziemlich kräftig und groß, fiel bei der Landung voll aufs Steißbein und blieb stöhnend liegen. Trotz der Schmerzen vergewisserte er sich als Erstes, ob sein schwarzer Dakine-Rucksack noch da war.

Der Mann im Anzug hatte sich bereits wieder aufgerappelt. Ein Anwalt oder Banker, vermutete Arvid aufgrund des teuren Anzugs und der schön frisierten Haare. Wobei sein Schimpfen reichlich ordinär klang.

»Idiot! Sie spinnen doch, dass Sie so durch die Straßen stressen. Mein Anzug ist ruiniert. Das wird sie teuer zu stehen kommen!«

Doch Arvid dachte gar nicht daran, irgendetwas zu zahlen. Da er außerdem keine Zeit für eine Streiterei hatte, rannte er einfach weiter. Der wütende Mann probierte fluchend, Arvid festzuhalten. Vergeblich, Arvid war bereits auf und davon.

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Endlich erreichte Arvid das Restaurant, wo er verabredet war. Praktisch alle Tische waren besetzt. Das Treffen sollte draußen stattfinden.

Arvid ließ seinen Blick über die Leute schweifen und erspähte einen freien Tisch, auf dem ein Schild mit der Aufschrift Réservé stand. Vielleicht sind die auch verspätet, überlegte er hoffnungsvoll.

Kurz bevor er den Tisch erreichte, kam ein Kellner im roten Anzug und entfernte das Schild. Arvid stürmte auf ihn zu. »Warum nehmen Sie das weg? Ich habe reserviert!«

Der Kellner, jung und unerfahren, schaute Arvid verunsichert an. »Hier muss ein Missverständnis vorliegen.«

»Was für ein Missverständnis?«, fragte Arvid. »Ich war hier verabredet für ein Geschäftstreffen!«

»Das tut mir sehr leid. Ich dachte, der Tisch sei frei, weil die Gäste, die hier saßen, bereits gegangen sind. Ich habe mich noch gewundert, warum die so schnell wieder …«

»Was?«, brüllte Arvid den Kellner an.

Mehrere Augenpaare verfolgten die Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern.

»Was waren das für Leute?«

»Eine Frau und zwei Männer. Sie waren nur ganz kurz hier.«

»Wie haben sie ausgesehen?«

»Äh … das weiß ich nicht mehr genau.«

»Erinnern Sie sich! Sagen Sie mir alles, was Ihnen aufgefallen ist!«, drängte Arvid.

»Also, die Frau hatte kurzes braunes Haar und trug Schuhe mit Absätzen. Die Männer hatten beide schwarze Anzüge. Ach ja, und Glatzen.«

Arvid hatte sich ein wenig beruhigt. »Sorry wegen der Schreierei. Es ist nun mal sehr wichtig für mich. Wie lange ist es her, seit sie weg sind?«

»Vielleicht drei Minuten.«

»Wissen Sie, in welche Richtung sie gegangen sind?«

»Zum Bellevue.«

»Zur Tramstation?«

»Ich glaube schon.«

Okay, das war besser als nichts. Arvid bedankte sich so freundlich wie möglich und stürmte weiter, die neugierigen Blicke, die ihm folgten, ignorierend. Ihm war egal, was andere über ihn dachten. Er hatte ein Ziel. Eine Mission. Eine Chance. Und die durfte sich auf keinen Fall in Luft auflösen.

Als er die Tramstation erreichte, suchte er immer hektischer nach der Frau und den beiden Männern. Doch er hatte kein Glück.

Niedergeschlagen setzte sich Arvid schließlich auf eine Bank. Ein Tram fuhr gerade los. Hoffnungslos sah er dem Gefährt hinterher. Da erblickte er durch die Glasscheibe zwei kahl geschorene Köpfe. Das mussten sie sein! Wie vom Blitz getroffen, sprang er auf und rannte dem Tram hinterher. Es dauerte nicht lange und er bekam Seitenstechen. Er war unsportlich und hatte dementsprechend keine Kondition. Gleich würde er nicht mehr Schritt halten können.

Als das Tram hinter einer Kurve verschwand, blickte sich Arvid verzweifelt um. Etwas weiter vorne stand ein Taxi, welches gerade einen Kunden entlassen hatte. Schnell rannte er los, setzte sich hinein und befahl dem Fahrer, dem Tram zu folgen.

Dieser grinste – »Oh, das passiert sonst nur im Fernsehen« – und tat wie geheißen.

Kurze Zeit später holten sie das Tram ein, es war die Vier, die übers Limmatquai fuhr. Jedes Mal, wenn das Fahrzeug hielt, überprüfte Arvid, ob die Gruppe ausstieg oder nicht. Sein Verdacht, dass sie zum Hauptbahnhof fahren würden, bestätigte sich.

Da angekommen, stieg Arvid hastig aus dem Taxi und gab dem Fahrer ein gutes Trinkgeld, obwohl er sich dies nicht leisten konnte. Die Freude des erstaunten Mannes konnte er kaum genießen, denn er musste sich beeilen. Geschickt schlängelte er sich durch den Menschenstrom und holte auf.

An einem Kiosk hielt die Gruppe inne.

Keuchend schrie Arvid: »Halt. Warten Sie!«

Doch die drei beachteten ihn nicht und gingen weiter.

Arvid rannte nun, so schnell er konnte. Schließlich erreichte er einen der Männer und klopfte ihm auf die Schulter. Blitzschnell drehte sich der Typ um, verdrehte Arvid den Arm, um ihn dann in den Schwitzkasten zu nehmen.

Arvid schrie auf. »Ich bin Arvid Jansson. Wir waren verabredet.«

Als die Frau, die dem Spektakel zugeschaut hatte, das hörte, gab sie dem Mann ein Zeichen, Arvid freizugeben.

»Sie sind Arvid Jansson?«, fragte sie ungläubig.

»Natürlich. Wollen Sie einen Ausweis?«, erwiderte er.

Die Frau war offensichtlich nicht amüsiert. »Wir haben auf Sie gewartet. Zu so einem Gespräch kommt man doch nicht zu spät!«

»Es ist leider etwas dazwischen gekommen.«

»Was kann wichtiger sein als unser Termin?«

Arvid schluckte. »Das ist kompliziert.« Es war ihm einfach zu peinlich, seine Geschichte mit dem Kaffee zu erzählen. »Geben Sie mir noch eine Chance, bitte!«

Nach kurzem Schweigen meinte die Frau: »Na, dann lassen Sie mal sehen! Sie wissen, wovon ich rede.«

Arvid atmete auf. »Gerne. Kommen Sie mit, hier ist es nicht ideal.«

»Was Sie nicht sagen.« Sie musterte ihn. »Wir müssen uns ein anderes Mal verabreden. Ich habe keine Zeit mehr.«

»Bitte!« Arvids Stimme klang plötzlich laut und klar. Er hatte hart für diesen Moment gearbeitet. »Ich habe alles da. Sie können auch nur einen kurzen Blick darauf werfen, um sich davon zu überzeugen.«

Die Frau konnte ihre Neugierde nicht verbergen. »Und wo sind wir ungestört?«

Spontan sagte er: »An der Limmat kenne ich einen ruhigen Ort. Was halten Sie davon?«

Etwas überrascht willigte die Frau ein und sie machten sich mit Arvid auf den Weg. Dabei erfuhr er, dass die Frau Mia Goldmann hieß und die beiden Männer ihre Bodyguards waren. Arvid schluckte. Bodyguards? Worauf hatte er sich da eingelassen?

#

Wenig später standen sie unter einer Brücke, direkt am Ufer der Limmat, wo es erstaunlicherweise ganz ruhig war. Der Zeitpunkt war gekommen. Vorsichtig öffnete Arvid seinen Rucksack. Zum Vorschein kam eine Art iPad, welches mit einem Helm verbunden war.

»Das soll also eine neue Technologie sein, die der heutigen Zeit voraus ist?«, spottete Mia Goldmann.

Arvid hatte ihr das versprochen, als sie vor einigen Wochen in Kontakt gekommen waren. Jetzt war sie offensichtlich nicht sehr beeindruckt.

Aber so leicht gab sich Arvid nicht geschlagen. »Warten Sie mit Ihrem Urteil, bis Sie es gespielt haben.«

»Kann ich es testen?«

Arvid übergab ihr das stromlinienförmige Gerät. Vorsichtig setzte Mia den Helm auf. Automatisch senkte sich die schwarze Brille auf Augenhöhe und näherte sich ihrem Gesicht. Kurz bevor sie ihre Augen berührte, stoppte die Bewegung. Nun konnte sie nichts mehr sehen. Komplette Dunkelheit.

»Ist alles okay da drinnen?«, fragte Arvid einigermaßen ängstlich.

Mia gab das Daumen-hoch-Zeichen als Antwort.

Nun konnte er die Demoversion starten. Nervös, schließlich könnte es hier um einen Millionendeal gehen, wollte Arvid das Gerät einschalten. Als er den Touchscreen berührte, blieb dieser dunkel. Nun klickte er auf den Bildschirm, vergeblich. What the hell! Damit hatte Arvid überhaupt nicht gerechnet. Was war denn nur los? In seinem Atelier hatte doch alles geklappt.

Verzweifelt tastete er mit den Fingern, die trotz der Aufregung nicht zitterten, das Gerät ab, um vielleicht die Ursache für den Defekt zu finden. Völlig unerwartet wurde er schon nach kurzer Zeit fündig: Das Verbindungskabel saß lose, weil ein kleines Stück herausgebrochen war. Nein, nein, nein! Das kann nicht sein, dachte er. Was für ein Pech ich doch immer habe. Mia Goldmann merkte auch, dass etwas nicht stimmte. Auf ihre Nachfrage teilte Arvid stotternd mit, dass es ein kleines Problem gebe.

»Was soll das nun bedeuten?«, fragte Mia genervt, als sie den Helm abzog.

»Dass Sie meine Erfindung heute Nacht nicht austesten können. Leider. Aber es ist nichts Gravierendes. Ein kaputtes Teilchen, welches ich schnell wieder reparieren kann. Glauben Sie mir, es lohnt sich!«

»Sorry, Herr Jansson, aber Sie machen mir keinen professionellen Eindruck. Zuerst die Geschichte im Restaurant und nun das. Sie hatten Ihre Chance und haben sie nicht genutzt. Es tut mir leid, aber meine Firma ist international tätig und macht keine Geschäfte mit Amateuren.«

Arvid wollte protestieren, blieb aber stumm.

Mia, offensichtlich irgendwie von seinem Elend berührt, fuhr fort: »Allenfalls könnte ich Sie weiterempfehlen. Unser Kerngeschäft sind ohnehin nicht die Games. Das machen wir so nebenbei. Aber es gibt da durchaus Leute … Allerdings müssten Sie einiges ändern.«

Arvid nickte. Immerhin war der Abend kein kompletter Reinfall. Die Frau machte kehrt, gefolgt von ihren Beschützern. Bevor sie die Treppe hinaufstieg, drehte sie sich noch einmal um und meinte mit einem Augenzwinkern: »Und ich empfehle Ihnen, in Zukunft nicht mit einem Kinderrucksack an geschäftliche Treffen zu kommen.« Mit diesen Worten war sie verschwunden.

Wie angewurzelt blieb Arvid stehen. Er konnte es einfach nicht fassen. Am liebsten hätte er ihr nachgeschrien, dass dieser sogenannte Kinderrucksack sehr wichtig für ihn war, mit ihm zusammen hatte er viel erlebt. Aber er ließ es bleiben.

Plötzlich kam ihm der Gedanke, sich einfach vornüber in die Limmat fallen zu lassen, anstatt über die Treppe wieder nach oben zu steigen. Ich hatte eine Chance und habe sie vermasselt, dachte er bitter. Doch schließlich siegte die Vernunft. Er begann zu überlegen, wie sein Meisterwerk hatte kaputtgehen können. Er hatte es doch bewacht, als wäre es sein Kind.

Und dann fiel es ihm ein: der Zusammenprall mit dem Banker. Als er mit voller Wucht auf den Rücken geflogen war. Dabei musste das Teil herausgebrochen sein.

»So ein Idiot. Wenn ich den irgendwann wiedersehe, hau ich ihm eine runter.«

Da durchbrach das Piepsen seines Smartphones die Stille.

Arvid hatte eine Mail bekommen.

Lieber Herr Jansson

Mein Name ist Selina Klein und ich arbeite für

eine kleine Technologieorganisation. Ich weiß

aus zuverlässiger Quelle, dass Sie zurzeit an einem

neuen Game arbeiten und wir wären sehr

daran interessiert, mit Ihnen Geschäfte zu machen.

Was halten Sie von einem Treffen?

Liebe Grüße, Selina Klein

Arvid war fassungslos. Hatte diese Mia Goldmann, gleich nachdem sie weggegangen war, Glücksfee gespielt? Oder hatte er das alles nur geträumt? Zuversicht machte sich in ihm breit. Ihm wurde eine neue Möglichkeit geboten und dieses Mal war er fest entschlossen, seine Chance zu nutzen. Es war Zeit, aus seinem Bunker herauszukommen. Sein Spiel musste ans Licht, musste gespielt werden. Millionen sollten erfahren, wie es war, süchtig nach dieser doppelten Realität zu sein. Und wenn er dabei noch ein bisschen Geld verdiente, um endlich die Schulden bei seinem Cousin abzubezahlen, dann war das schwer in Ordnung.

Mit Leichtigkeit bewältigte Arvid Jansson die Treppe, die ihm vor einigen Minuten noch steil und mühsam vorgekommen war, und stürmte zurück nach Uster und von da aufs Land, in jenen abgelegenen Winkel, wo sein Atelier stand.

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