Logo weiterlesen.de
Doppelspiel der Leidenschaft

PROLOG

Für Nicolò Dante war die Ehe etwas Unangenehmes, dem er, wie allen anderen Schwierigkeiten auch, mit Entschlossenheit entgegentreten musste.

Sicher gab es Männer, die sich in das Unvermeidliche fügten, wie zum Beispiel seine Brüder Sev und Marco. Doch für ihn, Nicolò, kam das nicht infrage. Er hatte im Moment genug andere Probleme, und mit noch mehr würde er sich bestimmt nicht belasten.

Und im Augenblick hieß sein Problem Kiley O’Dell.

„Bitte kümmere dich darum“, forderte ihn Sev, sein ältester Bruder, auf. „Laut den Dokumenten, die Caitlyn entdeckt hat, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass dieser Frau erhebliche Anteile unserer Feuerdiamantenmine gehören.“

Eine einfache Aussage, aber mit nicht auszudenkenden Folgen. Das Schmuckimperium der Dantes gründete seinen Erfolg im Wesentlichen auf die legendären Feuerdiamanten. Weltweit gab es nur eine einzige Mine, in der sie gewonnen wurden, und sie gehörte den Dantes.

Diese kostbaren Steine wurden überall geschätzt: von gekrönten Häuptern und Finanzmagnaten bis hin zum Ladenbesitzer um die Ecke.

Nicolòs Gesichtsausdruck verdüsterte sich. „Unsere liebe Schwägerin hätte eben ihre Nase nicht in die alten Papiere stecken sollen. Jetzt haben wir nichts als Ärger.“ Fragend hob er eine Augenbraue. „Marco hätte besser auf seine Frau aufpassen sollen.“

Missbilligend schüttelte Sev den Kopf. „Nicolò, du hast wirklich keine Ahnung.“

„Ich glaube eher, ihr habt keine!“ Nicolò lehnte sich gegen Sevs Schreibtisch. „Was nützt Marco all sein Charme, wenn er bei seiner eigenen Frau nicht wirkt? Wie wir wissen, hat er ihr etwas vorgeschwindelt, damit sie ihm ihr Jawort gibt. Und jetzt, da er nun einmal mit Caitlyn verheiratet ist, könnte er sie wenigstens etwas bremsen.“

Sev verschränkte die Arme, seine braunen Augen funkelten belustigt. „Was für einem Irrglauben über die Ehe du aufsitzt. Wart nur ab, wenn du die Frau triffst, die dir durch das Inferno bestimmt ist: Sie wird dich eines Besseren belehren.“

„Vergiss es“, erwiderte Nicolò und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich habe nicht vor, mich auf diesen Familienfluch –“

„Segen“, verbesserte Sev ihn nachsichtig.

„Segen nennst du das? Mir kommt es eher wie eine Infektion vor.“

Sev neigte den Kopf zur Seite und dachte kurz darüber nach. „Interessanter Vergleich, aber ich finde, das Inferno ist mehr eine Art Vereinigung.“

„Und wie hat es sich denn angefühlt, als du es mit Francesca zum ersten Mal erlebt hast?“ Nicolò war nun doch neugierig geworden.

„Gibst du etwa zu, dass du an das Inferno glaubst?“

„Ich sehe lediglich, dass ihr beide daran glaubt“, räumte Nicolò widerwillig ein.

„Und Primo.“

„Na ja“, meinte Nicolò. „Großvater hat uns die Geschichte immer und immer wieder erzählt, sodass sie fast schon zur Legende geworden ist. Sie ist eine bequeme Ausrede und Entschuldigung für Begierde – mehr aber auch nicht.“

„Du hörst dich ja wie Lazz an“, sagte Sev. „Wenn ihr recht hättet, wie hätte dann Caitlyn Marco und Lazz unterscheiden können? Obwohl sie sich wirklich sehr ähneln, hat sie ohne Zögern oder Zweifel ihren Mann erkannt – und das unter ausgesprochen schwierigen Bedingungen. Fandest du das nicht auch sehr überzeugend?“

Nicolò konnte es nicht leugnen. Irgendwie wusste er auch keine Erklärung dafür. Aber er wollte sich mit Sev nicht in eine Diskussion über das Inferno einlassen. „Du hast aber meine Frage, wie es sich angefühlt hat, noch nicht beantwortet.“

Ein seltsames Lächeln umspielte Sevs Lippen, und seine Augen begannen zu leuchten. Er wirkte glücklich und zufrieden. „Als ich Francesca zum ersten Mal gesehen habe, spürte ich eine körperliche Anziehungskraft, so als wären wir mit einem unsichtbaren Draht miteinander verbunden. Je näher wir einander kamen, desto stärker wurde das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Schließlich konnte ich nicht mehr widerstehen.“

„Aha. Also rein körperlich.“ „Ach, komm, Nicolò“, wandte Sev ein. „Willst du es nun wissen oder nicht?“

„Ja, natürlich, sonst hätte ich ja nicht gefragt.“ Obwohl er selbst nicht so recht wusste, warum. Faszination? Eine Art Schauder? Oder vielleicht, weil er sich sagte: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt? Sollte er etwas Ähnliches verspüren, dann würde er das Weite suchen. Und zwar auf der Stelle. Auf keinen Fall würde er so etwas Ungeheuerliches tun wie Sev, der seine zukünftige Frau mehr oder weniger erpresst hatte. Sie hatte zuerst für die Konkurrenz gearbeitet und war dann auf Sevs Drängen hin zu „Dante“ gewechselt. Außerdem hatte er sie zu einer vorgetäuschten Verlobung genötigt. Letztendlich hatten die beiden geheiratet.

Klarer Fall, dachte Nicolò, das Inferno stellt seltsame Dinge mit den Menschen an, die es verbindet. „Und als ihr euch berührt habt, ist etwas passiert, oder?“

„Ja. Eine Art elektrische Entladung.“

Bei der Erinnerung daran rieb Sev seine rechte Handfläche mit den Fingern der linken. Nicht nur er hatte diese Angewohnheit, sondern auch Marco und Primo. Und alle drei behaupteten, diese Geste sei eine Folge des Infernos, gewissermaßen ein Überbleibsel der ersten Berührung mit der Frau ihres Lebens. Sogar Caitlyn rieb sich ab und zu die Hand!

„Eine elektrische Entladung?“, wiederholte Nicolò fragend.

„Ja. Nein.“ Sev verzog das Gesicht. „Na ja, irgendwie schon. Aber es tut nicht weh. Man ist nur ausgesprochen überrascht. Und damit beginnt die Verbundenheit, man kann einfach nichts dagegen tun. Ab diesem Moment gibt es kein Zurück. Du bist mit der Frau, die für dich bestimmt ist, eins bis an euer Lebensende.“

Nur das nicht! Nicolò gefiel das Ganze kein bisschen. Er zog es nämlich vor, sich alle Möglichkeiten offen zu halten und immer die Freiheit der Wahl zu haben. Bei den Dantes galt er als der Problemlöser, denn er besaß eine wahre Begabung, Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen und Streitigkeiten beizulegen. Wenn nötig, ließ er sich hierfür einen kreativen Plan nach dem anderen einfallen.

Die Vorstellung, so die Kontrolle zu verlieren, wie Sev es geschildert hatte, war ihm geradezu zuwider. Offenbar verwandelte das Inferno seine Opfer in willenlose Objekte.

Zwar machte es Nicolò nichts aus, ab und zu auf Umwegen zum Ziel zu gelangen, wenn der gerade Weg versperrt war, aber unfreiwillig die Richtung zu ändern lag ihm gar nicht. Er hasste es, etwas gegen seinen eigenen Willen tun zu müssen.

„Hoffentlich wird mich das Inferno nie, nie ereilen“, sagte er aus tiefstem Herzen. „Und jetzt zu Kiley O’Dell. Was hast du über sie herausgefunden?“

„Nichts.“

Nicolò hob die Brauen. „Was soll das heißen?“

„Ich will damit sagen, dass seitdem im ‚Snitch‘ die Frage aufgetaucht ist, wem die Mine gehört –“

„Lästiges Skandalblatt!“

Sev schmunzelte über den Einwurf. „Jetzt klingst du wie Marco.“ Er wurde wieder ernst. „Aber du hast ja recht, auf diese Art von Berichterstattung können wir wirklich verzichten. Und ganz offensichtlich liest diese O’Dell den ‚Snitch‘. Sie hat uns um einen Termin gebeten, um alles zu besprechen. Und du wirst ihn wahrnehmen. Leider haben wir nichts Brauchbares über sie herausfinden können, zumindest bis jetzt nicht.“

Nicolò riss die Augen auf. „Du meinst, ich soll mich unvorbereitet mit ihr treffen?“

„Ich fürchte, ja. Versuch, sie ein bisschen auszuhorchen. Primo hat damals die Mine ehrlich erworben. Warum glaubt diese O’Dell, dass ihrer Familie nach all den Jahren ein Anteil davon zusteht? Vielleicht kannst du etwas auf Zeit spielen, damit wir einen Privatdetektiv darauf ansetzen können.“ Und mit grimmiger Miene fügte er hinzu: „Ich muss dir nicht erst erklären, dass wir einpacken können, sollte sich der Anspruch als berechtigt herausstellen.“

„Und das wäre das Ende von ‚Dante‘.“

Sev nickte. „Die ganze Arbeit der letzten Jahre, der Wiederaufbau der Firma … alles umsonst. Mal sehen, welche Beweise diese O’Dell überhaupt für ihre Behauptung hat. Und während sich die selbst ernannte Miteigentümerin in Sicherheit wiegt, werden wir beginnen gegen sie vorzugehen.“

„Darum werde ich mich schon kümmern“, sagte Nicolò entschlossen.

„Ach, Nic –“

„Schon klar, die Sache ist von höchster Wichtigkeit.“ Er konnte sich an keine heiklere und schwierigere Aufgabe erinnern. „Irgendwie werde ich diese Frau ausschalten.“

„Sachte, sachte“, mahnte Sev. Auf Nicolòs fragenden Blick erklärte er: „Vergiss nicht, ihre Ansprüche könnten auch berechtigt sein. Darum sollten wir sie besser nicht gegen uns aufbringen. Wir brauchen eine einvernehmliche Lösung, keine Kämpfe.“

Nicolò schüttelte den Kopf. „Dann hätte Ms. O’Dell uns besser in Ruhe lassen sollen. Denn so oder so werde ich dem Ganzen ein Ende bereiten.“

1. KAPITEL

Kiley O’Dell war so ganz anders, als Nicolò erwartet hatte.

Er wurde von einer Woge sehnsüchtigster Gefühle erfasst, die ihn alles um sich herum vergessen ließen. Nichts interessierte ihn mehr, nur noch diese Frau.

Sie stand in der Eingangstür zu ihrer Hotelsuite im „Le Premier“ und redete mit ihm. Doch Nicolò hörte nicht, was sie sagte. In ihm klang die Sehnsucht wie ein mächtiges Rauschen, das immer weiter anschwoll.

Er hatte nur noch einen Wunsch: Sie sollte ganz und gar ihm, ihm allein gehören. Bis es für sie beide kein Entkommen mehr gab.

Nein. Er senkte den Kopf und kämpfte mit aller Kraft gegen den Gefühlsaufruhr an. Nur kein Spielball der Emotionen werden, dachte er. Das hier sieht verdammt nach dem Inferno aus. Wehret den Anfängen!

Er wich einen Schritt zurück.

Nicht mit mir! Auf keinen Fall.

Diese Frau bedeutete Ärger. Vom Scheitel ihres roten Haares bis zu den lackierten Zehennägeln. Und Ärger war das Letzte, was er brauchen konnte. Darum würde er diesen Gefühlen Einhalt gebieten, und zwar schnell. So schwer konnte das doch nicht sein. Er musste sich nur eine Lösung für dieses Problem überlegen, und schon würde er das Inferno in den Griff bekommen.

Er hob den Kopf und betrachtete Kiley O’Dell einen Moment lang. Dabei suchte er fieberhaft nach einem Ausweg aus seiner Zwangslage. Doch ihm fiel nichts ein. So stand er einfach nur da und ließ Kiley nicht aus den Augen.

Ihr Name passte zu ihr. Sie war nicht groß, schlank, aber mit leichten Rundungen an den richtigen Stellen. Sicher zog sie die wohlgefälligen Blicke vieler Männer auf sich. Ihre helle Haut harmonierte mit den Haaren, die ihr in Wellen über den Rücken fielen.

Doch am meisten faszinierten Nicolò ihre hellgrünen Augen.

„Mr. Dante?“, fragte sie, da er bisher keinen Ton herausgebracht hatte. Der leicht melodische Klang ihrer Stimme war Nicolò ausgesprochen angenehm. „Alles in Ordnung?“

„Nicolò“, stellte er sich schließlich vor. Hatte sie eine Ahnung, wie schwer es ihm fiel, ein Minimum an Anstandsregeln zu befolgen? Heftig verlangte es ihn danach, Kiley in die Arme zu nehmen und sie auf dem schnellsten Weg ins Schlafzimmer zu tragen …

Vielleicht ahnte sie, was in ihm vorging, denn der Ausdruck ihrer Augen veränderte sich, und an der zarten Stelle ihres Halses begann ein verräterisches Pulsieren.

Also fühlte sie wie er, das war nicht schwer zu erraten. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den hohen Wangenknochen war von zarter Röte überzogen.

Die Luft zwischen ihnen knisterte förmlich vor Spannung. Oje, oje, dachte Nicolò, das ist ganz und gar nicht gut.

Ihr gelang es schneller als ihm, sich wieder zu fassen. „Ich bin Kiley O’Dell. Danke, dass Sie gekommen sind.“

All ihre Bewegungen wirkten lebhaft und entschieden: der Blick, mit dem sie ihn musterte. Die Geste, mit der sie sich halb umdrehte und einladend ins Innere der geräumigen Suite wies. Kein Zweifel, sie hatte sich auf diese Begegnung gut vorbereitet.

„Bitte, kommen Sie doch herein“, sagte sie und ließ ihm den Vortritt.

Sie gab ihm nicht die Hand. Umso besser, dachte er. Wenn ich mich jetzt schon so zu ihr hingezogen fühle, wäre es ja regelrecht gefährlich, sie auch noch zu berühren. Und das vor dem Hintergrund des Infernos, das den Männern in meiner Familie so zusetzt.

Natürlich glaubte er weder Primo, der die Geschichte aufgebracht hatte, noch Sev und Marco, die ihm, Nicolò, weismachen wollten, sie hätten es bei der ersten Berührung mit ihren zukünftigen Frauen erlebt. Er schenkte dem Ganzen keinen Glauben.

Und auch jetzt, da er voller Sehnsucht war und fast daran verzweifelte, wollte er sich nicht eingestehen, dass seine Gefühle etwas mit dem Inferno zu tun haben könnten.

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte Kiley ihn, während sie zur Minibar ging.

Ihr Schritt war leicht und beschwingt, und ihr sanfter Hüftschwung und die enge schwarze Hose betonten ihren wohlgeformten Po. Nicolò unterdrückte ein Seufzen. Bewegt sie sich absichtlich so aufreizend?, fragte er sich. Will sie mich auf diese Art um den Finger wickeln?

„Ich habe Mineralwasser da. Und auch etwas Stärkeres, wenn Sie möchten.“ Ein Königreich für ein Glas feinen Single-Malt-Whiskey, dachte Nicolò. Er antwortete: „Nein, danke.“ „Wollen wir uns erst etwas unterhalten – oder gleich zur Sache kommen?“

„Worüber sollten wir uns unterhalten?“

Sie wandte sich um und lächelte spitzbübisch. „Warum sollten wir unser Treffen nicht so angenehm wie möglich gestalten? Sie wissen schon, Höflichkeiten austauschen – wie es so üblich ist, wenn Menschen sich zum ersten Mal begegnen.“

Na gut, dachte er, da muss ich wohl oder übel mitspielen. „Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel könnten Sie mir erzählen, was Sie bei ‚Dante‘ so machen, Nicolò.“

„Probleme lösen.“

Sie lachte, und ihre hellgrünen Augen funkelten. „Und zurzeit bin wohl ich Ihr Problem?“

„Ich weiß nicht recht.“ Er hob eine Braue. „Was glauben Sie?“

„Wird sich herausstellen.“

Sie verschränkte die Arme, lehnte sich an einen Sessel und musterte Nicolò ausgiebig. Sucht sie womöglich nach einer Schwachstelle?, fragte er sich. Da kann sie aber lange suchen!

Die Spannung zwischen ihnen beiden wuchs, bis schließlich Kiley das Schweigen brach.

„Jetzt sind Sie dran“, meinte sie mit sanfter Stimme.

„Dran? Womit?“

„Mit fragen.“ Sie seufzte. „So funktioniert das nun mal: Wenn Sie jemanden kennenlernen möchten, werden höfliche Fragen gestellt und freundliche Antworten gegeben, damit die Spannung nachlässt.“

„Fühlen Sie sich angespannt?“

„Machen Sie Witze? Jetzt sagen Sie bloß nicht, dass Sie nichts davon spüren.“ Sie unterstrich ihre Worte mit einer schnellen und anmutigen Geste. „Unglaublich, Dante, wir werden voneinander angezogen wie zwei Magneten – und können kaum etwas dagegen tun.“

Da es ihr ebenso erging wie ihm, war es offenbar keine Einbildung. „Und deswegen meinen Sie, sollten wir der Anziehung nachgeben?“

„Ist das die Art, wie Sie Ihre Probleme zu lösen pflegen?“, konterte sie. Aufmerksam betrachtete sie ihn. „Wollen Sie mir so vielleicht meinen Teil der Mine abluchsen? Indem Sie mich verführen? Eine kreative Idee, muss ich schon sagen.“

Stimmt. „Nein.“

„Gut. Da bin ich aber froh.“

„Ihnen gehört ja gar kein Teil der Mine.“ Er trat einen Schritt auf sie zu, um zu sehen, wie sie reagieren würde. Sie rührte sich zwar nicht, verspannte sich aber merklich und wirkte einen Moment lang erschrocken. Doch sie zwang sich, gelassen zu bleiben.

Aha, dachte Nicolò. Sie hat alles sehr geschickt angefangen, aber mir ist sie nicht gewachsen. „Und weil Sie keinen Anspruch haben, würde es nichts ändern, wenn ich mit Ihnen ins Bett gehe.“

Zu Nicolòs Überraschung lachte sie auf und erwiderte unbefangen: „Na gut, dann ist dieser Teil vom Tisch.“

„Komisch. Mir kommt es vor, als wäre die Spannung immer noch da.“

Nun machte sie einen Schritt auf ihn zu, und sofort wurde das Knistern zwischen ihnen noch deutlicher – wie ein unsichtbarer elektrischer Draht. „Sollen wir etwas dagegen tun, Dante?“, fragte sie. „Schwer wird es uns nicht fallen.“

Mit diesen Worten öffnete sie den obersten Knopf ihrer Bluse, dann den zweiten. Den dritten. Ein herzförmiges Medaillon an einem silbernen Kettchen kam zum Vorschein. Dann nahm Nicolò lebhaftes Rot wahr – zwischen Kileys heller Haut und ihrer schwarzen Bluse.

Er konnte nicht verhindern, dass sich seine Aufmerksamkeit von ihren Brüsten auf ihre schwarze Hüfthose richtete: Trug sie einen Slip im selben Rotton? Welche Geheimnisse lagen unter ihrer dunklen Kleidung verborgen?

Er sah ihr in die Augen. Ihrem sehnsuchtsvollen Blick nach würde er es bald wissen. Schon war sie dabei, die letzten beiden Knöpfe aufzumachen.

„Hören Sie auf!“, forderte er sie mit rauer Stimme auf.

Sie standen ganz dicht beieinander, und Nicolò war entschlossen, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Noch immer war die Anziehungskraft zwischen ihnen greifbar, aber es schwang auch ein Hauch von Misstrauen mit. Gegen die Sehnsucht würde er vorgehen und zugleich das Misstrauen nähren.

„Aufhören!“, wiederholte er. „Und bekennen Sie endlich Farbe.“

Errötend wich sie zurück. Ihre vorher so geschmeidigen Bewegungen hatten nun etwas Hastiges. Ihre Augen wirkten viel dunkler als zuvor.

Verwirrt begann sie die Bluse wieder zu schließen und knöpfte sie in der Eile falsch zu.

„Was habe ich mir dabei nur gedacht?“, meinte sie mehr zu sich selbst als zu Nicolò. Sie schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können. „Was machen Sie nur mit mir, Mr. Dante?“

„Lady, Sie haben doch mit einem Striptease begonnen. Ich kann doch nichts dafür. Also haben Sie jetzt Beweise für Ihre Ansprüche auf die Mine oder nicht? Oder war das gerade alles, was Sie mir zeigen wollten?“

Tatsächlich hatte er sie aus dem Konzept gebracht, etwas, das der selbstbewussten Ms. O’Dell nur selten passierte, wie Nicolò annahm. „Sie spüren es auch“, beharrte sie ruhig. „Versuchen Sie nicht, mir einzureden, dass ich mir das nur einbilde.“

„Trotzdem, ich habe meine Kleidung anbehalten.“

Zu Nicolòs Verwunderung lachte sie ihn an, auf eine natürliche und offene Art, was die Wogen etwas glättete. „Sie haben ja recht, Dante. In Ihrer Gegenwart muss ich auf der Hut vor mir selbst sein. Sieht so aus, als würden Sie den Vamp in mir wecken. Bisher kannte ich diese Seite an mir noch gar nicht.“ Und als wollte sie sich selbst tadeln, schüttelte sie den Kopf. „Man lernt eben nie aus.“

Tief durchatmend ging sie zum Tisch, auf dem etliche Papiere lagen. Sie setzte sich und bot Nicolò den anderen Stuhl an.

„Also gut, kommen wir zum Geschäftlichen. Sie wollen Beweise. Hier sind sie.“ Sie schob ihm einen Stapel Unterlagen zu. „Mein Großvater war Cameron O’Dell. Er und sein Bruder Seamus waren die ursprünglichen Eigentümer der Mine, die Ihr Großvater Primo Dante gekauft hat. Das hier sind Kopien der entsprechenden Dokumente: die Geburtsurkunde meines Großvaters, seine Sterbeurkunde und eine Bescheinigung, dass ihm die Mine zur Hälfte gehört hat.“

Nicolò blätterte die Papiere durch. „Soviel ich sehe, ist er gestorben, bevor der Verkauf an Primo abgeschlossen war.“

„Stimmt. Aber in dem Fall ist seine Berechtigung auf seinen Erben übergegangen: meinen Vater, um genau zu sein.“ Kiley schob ihm noch ein Dokument zu. „Hier ist die Kopie von Großvaters Testament.“

„Haben Sie eine Geburtsurkunde Ihres Vaters, aus der hervorgeht, dass er zum Todeszeitpunkt des Großvaters bereits auf der Welt war?“

„Habe ich.“ Sie reichte ihm ein weiteres Dokument. Dann stützte sie die Ellbogen auf die Knie, wobei ihr herzförmiges Medaillon nach vorne schwang. Ein seltsames Schmuckstück, dachte Nicolò, anscheinend ist es aus Silberbändern geflochten. Irgendwie wirkt es schwer und beinahe unförmig.

„Vielleicht hat Ihr Großvater Seamus Geld gegeben, aber mein Großonkel hatte in Wahrheit nicht das Recht, über den Anteil meines Vaters zu verfügen.“

Nicolò ließ sich Zeit und prüfte die Papiere genau, doch er fürchtete bereits, nichts zu finden, was Zweifel aufkommen ließ. Sicher hatte ein erfahrener Urkundenfälscher hier ganze Arbeit geleistet.

Dennoch hoffte Nicolò, ihm würde irgendeine Ungereimtheit auffallen. Schließlich fragte er: „Und warum hat Ihre Familie uns so lange nicht darauf aufmerksam gemacht? Sie hätte doch schon vor Jahrzehnten ein Gerichtsverfahren anstrengen können.“

„Was mich angeht, so wusste ich nicht, dass ich Miteigentümerin war. Mein Vater …“ Plötzlich sah sie traurig aus. „Er konnte mir nichts davon erzählen, er ist gestorben, als ich noch ein Baby war.“

„Also wurden Sie von Ihrer Mutter großgezogen?“

„Was macht das schon für einen Unterschied?“, fuhr sie ihn an.

Er hob eine Braue. Eigentlich hatte er nur höflich sein wollen, doch mit seiner Frage war er auf starke Abwehr gestoßen. Offenbar ein wunder Punkt in ihrem Leben, dachte Nicolò. Sehr interessant. Und sie hat zum ersten Mal unbeherrscht reagiert. Also hat sie bisher ihre Worte sorgsam abgewägt, um sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Vielleicht gelingt es mir, sie aus der Reserve zu locken.

„Sie haben doch vorgeschlagen, wir sollten einander besser kennenlernen. Deshalb habe ich gefragt.“ Und er hakte nach: „Erzählen Sie mir von ihr. Wie heißt sie? Wie ist sie nach dem Tod Ihres Vaters zurechtgekommen?“

Kiley presste die Lippen aufeinander. „Sie sind wohl krankhaft neugierig?“

Er zuckte mit den Schultern. „Meinetwegen glauben Sie doch, was Sie wollen. Ich möchte lediglich wissen, ob Ihre Mutter mit der Masche, die Sie hier abziehen, irgendetwas zu tun hat. Oder sind Sie allein darauf gekommen?“

„Es ist keine Masche, wie Sie es nennen.“

„Das sagen Sie. Seamus wird da anderer Ansicht sein.“

Nicolò nahm ein kurzes Zögern bei ihr wahr. Für ihn ein typisches Zeichen für eine Lüge. Er besaß die Gabe, solche Zeichen zu erkennen: eine Änderung im Gesichtsausdruck, eine unauffällige Bewegung, eine fahrige Geste.

Diese Begabung war auch der Grund, dass seine Brüder ihn beim Pokern nicht dabeihaben wollten. Egal, wie geschickt sie zu bluffen versuchten, Nicolò kam ihnen immer auf die Schliche – genau wie er gerade Kiley ertappt hatte.

Sie befeuchtete sich die Lippen mit der Zungenspitze: wieder ein Zeichen! „Seamus?“, fragte sie.

„Er ist noch am Leben, will man Primo Glauben schenken“, behauptete er auf gut Glück. Und betont freundlich schlug er vor: „Wissen Sie was? Warum bleiben Sie nicht ein paar Tage hier und genießen die Annehmlichkeiten des ‚Le Premier‘? In der Zeit versuche ich, Seamus ausfindig zu machen. Bestimmt wird er uns helfen, die Angelegenheit zu klären.“

„Geben Sie mir meine Unterlagen wieder!“, verlangte sie barsch.

Wortlos schob er ihr die Papiere zu. Dabei berührten sich für einen Bruchteil von Sekunden ihre Fingerspitzen, so leicht, dass es kaum zu spüren war. Eine kurze Entladung, kaum mehr als ein bloßes Zucken, war die Folge. Erschrocken sprang Nicolò auf.

„Was zum Teufel ziehen Sie hier ab?“, rief er.

Sie rutschte mitsamt ihrem Stuhl ein Stück zurück. „Keine Ahnung, was Sie meinen.“

Zum ersten Mal in seinem Leben folgte Nicolò nicht seinem Instinkt, sondern äußerte blindlings einen Verdacht. „Klar wissen Sie das. Sie lesen den ‚Snitch‘, Ms. O’Dell, richtig? So haben Sie von der Mine mit den Feuerdiamanten erfahren – und von dem Dante’schen Inferno. Das hat Sie auf eine glänzende Idee gebracht. Vielleicht lassen sich entsprechende Nachweise für einen Anspruch an der Mine finden, haben Sie sich gesagt. Und sollte das nicht klappen, dann lässt sich eventuell das Inferno nachahmen.“

Sie sprang auf. „Sind Sie verrückt geworden?“

„Und was war das gerade für eine elektrische Entladung?“

„Woher soll ich das wissen? Vielleicht ein Kurzschluss in Ihrem Kopf?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Doppelspiel der Leidenschaft" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen