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Doppelleben

Antje Vollmer

Doppelleben

Heinrich und Gottliebe von Lehndorff
im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop

Mit einer Erinnerung von Hanna Schygulla
an Gottliebe von Lehndorff,
einem kunstgeschichtlichen Essay zu Schloß Steinort
von Kilian Heck
und unveröffentlichten Photos und Originaldokumenten

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Begründet von Hans Magnus Enzensberger
Herausgegeben von
Klaus Harpprecht und Michael Naumann

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ISBN 978-3-8477-5309-4

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Doppelleben von Antje Vollmer ist August 2010 als dreihundertneunter Band der Anderen Bibliothek erschienen.

In gedruckter Form erhältlich im Abonnement www.ab-abo.de oder

als limitierte gedruckte Ausgabe unter:

https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Doppelleben::389.html

Covergestaltung: Christina Hucke

Herausgabe: Klaus Harpprecht und Michael Neumann

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DIE LETZTEN BRIEFE

Für Heinrich und Gottliebe von Lehndorff

Verwildert die Güter. Der große Arzt, die Zeit,

Bettet ins Vergessen den Schmerz. Sag selbst,

Immer wieder erdrückt vom Gesetz

Der großen Zahl, traust du dem Ganzen?

Redselig ordnen in noblen Posen Sieger

Des Tages ihre Geschäfte und schreiben sich ein

In die Schlagzeilen der Geschichtsbücher.

Das schweigsame Gras nur weiß mehr.

Es atmet die Sehnsucht der Kerker aus.

Mißglückte Fluchten. Mißbrauchte

Treue. Mißlungene Rettung. Was heißt es,

Sein Leben zu opfern? Wofür? Warum?

Immanuel Kant disputierte in Königsberg

Unsere Urteilskraft. Das zwanzigste, das blutige

Jahrhundert, voll Götzen, Geld und Geboten,

Trocknete sie fürs Herbarium der Moral.

Die Wahrheit, so soziologisch

Unbrauchbar, ist ein Schmerz

Aus des Scheiterns weichem Wissen.

Die letzten Briefe ahnen es so wie

Die letzten Schwalben den Herbst.

Am Ende nur leuchtet hell die Welt

Als das Mögliche nach dem Unmöglichen.

Bin unglücklich, weil mein Herz

Dir noch so vieles sagen möchte,

Aber Papier und Zeit sind zu Ende

So mußt Du Dir es denken.

Hans Eckhardt Wenzel

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die Geschichte der 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründeten Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen: »Gepriesen und geliebt, zeitweilig zu wenig verkauft und … mitunter schon totgesagt«. (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – an dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern ….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

– Jeden Monat erscheint ein neuer Band, von den besten Buchkünstlern gestaltet.

– Die Originalausgabe erscheint in einer Auflage von 4.444 Exemplaren – limitiert und nummeriert.

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Vorwort
GESCHICHTE UND INTERESSE

Es gibt keine Geschichte ohne unser Interesse an ihr. Welche Auswahl aber trifft unser Interesse, das der Gegenwart verhaftet ist? Wissen wir schon, was wir finden? Finden wir nur, was wir suchen?

Das Interesse am deutschen Widerstand gegen Adolf Hitler und gegen das NS-Regime hat nie die Intensität erreicht, die der Person des Diktators galt. Das war so in beiden deutschen Nachkriegsstaaten, das hat sich auch mit der deutschen Einheit nicht geändert. Das Wissen um diesen Teil der Geschichte ist im Bewußtsein der meisten Deutschen nie Kernbestand der eigenen Identität geworden.

Dennoch wird das nicht als Mangel empfunden. Kommt das Gespräch unter historisch interessierten Zeitgenossen auf dieses Thema, so dauert es meist nicht lange, bis der Gesprächspartner die Arme auf den Tisch stützt und mit Entschiedenheit feststellt: »Also, über die Akteure des 20. Juli 1944 habe ich so meine eigene Meinung!« Und dann kommt eine Begründung, die so regelmäßig in nahezu gleicher Form und Formulierung auftaucht, daß es sich entweder um ein lange geprüftes, historisch gefestigtes generelles Allgemeinwissen aller Deutschen handeln muß oder doch um eine Mischung aus Urteilen und Vorurteilen, die man sich zu eigen gemacht hat, ohne sich allzu intensiv mit diesen Fragen beschäftigt zu haben. Kurz gefaßt lautet dieses Urteil: Die meisten Verschwörer seien früher selbst begeisterte Nazis gewesen. Viel zu spät und nicht mutig genug hätten sie ihr Komplott geplant. Der hohe Anteil von Adeligen in dieser Gruppe zeige, daß es besonders den Großgrundbesitzern aus dem Osten vor allem um den Erhalt ihrer Standesprivilegien ging. Was die Militärs unter ihnen betreffe, so sei festzuhalten, daß sie überhaupt erst mit dem Widerstand begannen, als klar war, daß der Krieg bereits verloren war. Sie hätten sich nicht gewehrt, als die Kommunisten und Sozialdemokraten schon 1933 massiv verfolgt wurden. Das Schicksal der Juden oder auch der Polen, Ukrainer und Weißrussen habe die meisten aus dieser Gesellschaftsschicht nicht interessiert. Wiewohl Militärs, seien sie nicht einmal mutig und entschlossen genug gewesen, Hitler bei irgendeiner Gelegenheit einfach zu erschießen oder bei einem Selbstmordattentat ihr eigenes Leben zu wagen. Alles in allem sei es kein großer Verlust, daß sie beim völligen Neuanfang einer Demokratie in Deutschland keine Rolle mehr spielen konnten, ihre Zeit sei abgelaufen gewesen. Wenn innerhalb der verschiedenen Gruppen des Widerstands jemand besonderen Respekt verdiene, dann allenfalls der zivile Widerstand der Weißen Rose oder des Kreisauer Kreises um Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg, die immerhin die Vision einer europäischen Perspektive entwickelten für ein Deutschland, das nach der totalen und verdienten Niederlage aus dem reinen Nichts zu einem zivilen Rechtsstaat neu aufgebaut werden mußte.

Wenn auch zugespitzt und vergröbert, scheint dies die häufigste Ansicht über den 20. Juli zu sein, an der auch regelmäßige Gedenkfeiern wenig geändert haben.

Das war nicht immer so. In den ersten zehn Jahren der jungen Bundesrepublik war das Thema des Widerstands gegen Hitler eher ein Unthema, es existierte nicht im öffentlichen Interesse und Bewußtsein. Von den Mitgliedern der Verschwörung waren etwa einhundertfünfzig hingerichtet, ohne Urteil erschossen oder durch Selbstmord ums Leben gekommen, ihre Familien waren traumatisiert und mit den Notwendigkeiten des Existenzneuaufbaus beschäftigt. Die meisten Deutschen, die den Nationalsozialisten einmal zugestimmt und dann wohl oder übel – und allzu viele begeistert – mitgemacht hatten, waren mit Überlebensproblemen befaßt, die heimkehrenden Soldaten waren von den Kriegserlebnissen gepeinigt, die Zivilbevölkerung war von Bombenkrieg und den Flüchtlingserfahrungen gezeichnet. Die neuen (und nicht selten auch alten) politischen Eliten versuchten, das spannungsreiche Miteinander zwischen Mitläufern des NS-Regimes und Geschädigten, zwischen Tätern und Opfern, zu organisieren. So galt die kleine Schar derer, die ihr Leben für den Sturz des Diktators hingegeben hatten, als Gruppe von »Verrätern« oder doch als unerwünschte, störende Mahner, denen schließlich keiner gerecht werden könne. Es dauerte viele Jahre, bis die erste Gedenkfeier für die Opfer des 20. Juli stattfinden konnte. Die Familien der Hingerichteten standen unter Schock und mußten sehen, wie sie in dieser Zeit allein zurechtkamen.

Die zweite Etappe ist geprägt von dem langsam erwachenden Interesse an den wenigen Deutschen, die den Widerstand gegen Hitler gewagt hatten. Der CDU-Politiker Eugen Gerstenmaier, der selbst den 20. Juli im Bendlerblock erlebt hatte, erreichte schließlich Adenauers Zustimmung zu einem »Hilfswerk 20. Juli« und einer jährlichen Gedenkfeier. Vor allem die ZEIT-Herausgeberin Marion Dönhoff verhinderte mit einem ersten Memorandum und jährlichen Artikeln zum 20. Juli, daß die Mitglieder der Verschwörung vergessen wurden. Joachim Fest, der Herausgeber der FAZ, war ein Leben lang mit der Frage beschäftigt, welche diabolische Magie, welches düstere Charisma es Adolf Hitler ermöglicht hatte, daß eine ganze politische und intellektuelle Elite in Deutschland nicht vermochte, seinen Aufstieg zu verhindern und seinen Sturz rechtzeitig zu vollziehen.

Es erschienen die ersten großen Biographien. Im Protestantismus der fünfziger und sechziger Jahre war Dietrich Bonhoeffer hochangesehen – auch dank der Publikationen seines Freundes Eberhard Bethge. Im In- und Ausland erschütterten das Schicksal der Weißen Rose und das Tagebuch von Anne Frank. Mit den Auschwitzprozessen der frühen sechziger Jahre erreichten schließlich auch die Kenntnis und das Entsetzen über die Verbrechen des Holocaust jeden Deutschen. Aber auch in dieser Zeit war, zumindest in Westdeutschland, das Wissen über den frühen Widerstand von Kommunisten und Sozialdemokraten gegen das Aufkommen des NS-Regimes ein Randthema, das in der Zeit des Kalten Krieges nur Teile der Öffentlichkeit interessierte und gelegentlich in den Auseinandersetzungen zwischen Ost und West auch instrumentalisiert wurde.

Das änderte sich in den späten sechziger Jahren, mit Beginn der Studentenbewegung, vollkommen. Jetzt interessierte alles: die Verstrickung der Elterngeneration in die aktive Unterstützung des NS-Regimes, der Mangel an Aufarbeitung von Justizverbrechen, die Kontinuität einzelner NS-Akteure in den politischen Verwaltungen der jungen deutschen Demokratie, die Eingliederung ehemaliger Wehrmachtsgeneräle in die neu aufgebaute Bundeswehr. Das alles war getragen von einem bohrenden Mißtrauen gegenüber bisherigen historischen Urteilen und Geschichtsdarstellungen, einem kaum zu stillenden Wissensdurst auf das, was wirklich geschehen war. Geprägt waren diese Debatten von einem Anklagegeist, der zwischen Rechthaberei, Fassungslosigkeit und Nicht-Ertragen-Können oszillierte. In dieser Zeit wurde besonders der frühe Widerstand der Kommunisten und Sozialdemokraten interessant, um dessen Kenntnis man sich im Westen gänzlich betrogen fühlte. Die Rote Kapelle, die Edelweiß-Piraten aus Köln, die jüdisch-kommunistische Widerstandsgruppe Herbert Baum, auch die frühen anarchistischen Jugendbewegungen oder der Attentatsversuch des Tischlers Georg Elser in München im Jahre 1939 wurden wichtige Zeugnisse eines Widerstands, von dem man bis dahin nicht einmal gewußt hatte.

In dieser Zeit mußte das Interesse an dem eher konservativ geprägten Widerstand der meisten Verschwörer des 20. Juli zurücktreten, zumal diese schon durch ihre liberalen, konservativen und großbürgerlichen Porträtisten nicht dazu einluden, zum Gegenstand eines eher linksliberal geprägten Zeitinteresses zu werden. Und so bildete sich etwa seit den siebziger Jahren jenes Urteil, daß der 20. Juli von Adeligen, Militärs und Konservativen zu spät organisiert worden sei, vorwiegend aus eigenem Interesse. Und man könne, alles in allem, von Glück reden, daß diese Gruppe nicht erfolgreich gewesen sei. Denn »wirkliche Demokraten« seien sie nun ernstlich nicht gewesen, Gesellschaftsbild wie Herkunft galten als reaktionär, standesorientiert und nationalistisch. Vorbilder für eine Generation junger rebellischer Geister konnten und durften sie nicht sein.

Dies alles hatte ich im Kopf, als ich anfing, mich mit Heinrich Graf Lehndorff zu beschäftigen, jenem Mitglied der Gruppe um Henning von Tresckow, die nicht nur einmal, sondern viele Male versuchte, Deutschland und die Welt von Adolf Hitler zu befreien. Und soviel nur vorweg: Heinrich Graf Lehndorff erfüllte viele der oben genannten Urteils- und Vorurteilskriterien. Er war Mitglied einer sehr alten Adelsfamilie, er besaß einen Grundbesitz von immensem Umfang, er war zwar nur von niedrigem militärischen Rang, ein Oberleutnant, aber als solcher Ordonnanzoffizier von einem der Feldmarschälle Hitlers. Er war konservativ erzogen, er war kein Intellektueller. Und was noch erschwerend hinzukommt: Er kam aus der entlegensten Provinz, er kam aus Ostpreußen.

SECHS KURZPORTRÄTS

Wer sich auf den Weg macht, um die Spuren des Widerstandskämpfers Heinrich Graf Lehndorff zu finden, beginnt mit einer langen und schwierigen Suche. Das hat seine Gründe. Vor und nach dem 20. Juli 1944 gab es keine Zeit, Dokumente zu sichern oder Zeichen zu hinterlassen. Es galt Spuren zu verwischen und Verbindungen zu Mitverschwörern unsichtbar zu machen. Heinrich von Lehndorff stand, als die Operation Walküre ausgerufen wurde, auf der Liste der für den Staatsstreich vorgesehenen Verbindungsoffiziere an erster Position, verantwortlich für den Wehrkreis I, Königsberg. Deshalb wurde bereits am 21. Juli nach ihm gefahndet. Seine drei Kinder hatte er elf Tage vorher zum Zug Richtung Westen gebracht, damit sie bei seinen Schwiegereltern in Graditz (bei Torgau an der Elbe) in Sicherheit wären. Seine im neunten Monat schwangere Frau Gottliebe, geb. Gräfin Kalnein, wurde am 23. Juli aus dem Schloß gejagt, von einem wutschnaubenden und um die eigene Reputation und Glaubwürdigkeit besorgten Außenminister Ribbentrop, der jetzt erst das Doppelspiel seiner so bewunderten Gastgeberfamilie durchschaute, deren Schloß Steinort – sechs Kilometer entfernt vom Oberkommando des Heeres Mauerwald, 14 Kilometer entfernt von der Wolfschanze – er als »standesgemäßes Domizil« erwählt hatte.

Mit Hitlers Außenminister als Dauergast im eigenen Schloß war es viel zu gefährlich, Photos, historische Dokumente, gar Tagebücher und Briefe zu verwahren oder rechtzeitig an einen sicheren Ort zu schaffen. Ab Anfang August 1944, nach der gelungenen zweiten Flucht von Heinrich von Lehndorff, geriet seine ganze Familie in Sippenhaft: die Frau, die Töchter, die Eltern, die Schwester. Die Lehndorffs besaßen als uralte ostpreußische Familie keine Besitztümer im Westen, in denen Briefe oder Akten ausgelagert worden wären. Nach Krieg, Sippenhaft und Flucht kamen sie in immer neuen Notunterkünften unter – die Töchter erinnern sich an etwa sechzehn. Das alte Familienarchiv aus der Zeit der Vorbesitzer, das sorgfältig gepflegt worden war, endet mit dem Jahre 1931. Es findet sich heute zu großen Teilen im Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig und in kleineren Beständen im Archiv in Allenstein (heute Olsztyn). Es steht zu vermuten, daß diese Dokumente von dem jungen Schloßherrn selbst rechtzeitig auf den Weg in eine sichere Umgebung gebracht wurden, während er alle aktuellen Dokumente aus der Zeit der Konspiration vernichtet haben dürfte. Deswegen sind die Originalfunde aus den dreißiger und vierziger Jahren rar. Dennoch finden sich, forscht man intensiver nach, einzelne Bruchstücke, Erinnerungen, Bilder, Beschreibungen von Freunden und Verwandten, aber auch von Feinden, die zusammengesetzt doch ein eigenes, besonderes, deutliches Bild von dem Menschen ergeben, den wir suchen.

Diese Quellen sind im folgenden Buch – gerade wenn es sich um die Jugendzeit und das private Leben Heinrich von Lehndorffs handelt – in den Aufzeichnungen und Interviews seiner Frau, seiner Freunde und seiner Verwandten ausführlich zitiert. Diese Texte haben ihren ganz eigenen Reiz. Sie entführen in eine Welt, die noch nichts von den kommenden Katastrophen ahnte. Manchmal treffen sie einen Ton und eine Erinnerung, die den heute Lebenden so fern ist wie ein versunkener Kontinent. Erst wer diese Sprachmusik gehört hat, ahnt, was alles zusammenbrach in jenen Jahren zwischen 1933 und 1945.

Die erste knappe Personenbeschreibung von Heinrich Lehndorff stammt von der Gestapo selbst. Sie schickt ein Telegramm folgenden Inhalts:

Mit dieser Eilmeldung wurde Heinrich Graf Lehndorff im gesamten Reichsgebiet und in allen von deutschen Truppen besetzten Ländern gesucht – erhalten sind die Telegramme von so unterschiedlichen Orten wie Köln, Krakau und Schwerin. Das Fahndungsersuchen ging »An alle Kriminalpolizei(leit)stellen im Reichsgebiet, einschließlich Kripo Straßburg, Metz und Luxemburg, die Kommandeure der Sicherheitspolizei und des SD Abteilung V, Königsberg, Tilsit, Zichenau, Krakau, Warschau, Radom, Veldes und Marburg/Drau«, dazu »nachrichtlich an die Befehlshaber des SD in den vorgenannten Bereichen«.

Diesen und allen anderen Fahndungsersuchen lag ein Blitztelegramm aus Berlin mit der Nummer 10 636 vom 9. August 1944 um 15.00 Uhr zugrunde. Sachdienliche Hinweise sollten »sofort fernmündlich, telegraphisch, durch Polizeifunk oder Kurier« an die Sonderkommission 20. Juli in der Gestapo-Zentrale Prinz-Albrecht-Straße 8, »Fernsprecher 12 00 40 oder 12 64 21« übermittelt werden.

Alle hier zitierten Kopien aus der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin

Fünf Tage später, am 14. August 1944, konnte der Sturmbannführer Paul Opitz für die Gruppe II der Sonderkommission 20. Juli der Geheimen Staatspolizei an alle ihre Gestapo-Leitstellen melden, daß der Blitzfahndungserlaß vom 9. August 1944 erfolgreich war: »Der flüchtige Graf Heinrich Lehndorff, geb. 22. 06. 1909 in Hannover, ist ergriffen. Fahndung einstellen.«

Bis zu diesem Zeitpunkt war der Gesuchte zweimal seinen Verfolgern entkommen, das erste Mal am 21. Juli auf seinem Besitz in Ostpreußen, dem Schloß Steinort, das zweite Mal am 8. August, unmittelbar vor seiner nächtlichen Einlieferung in das berüchtigte Hausgefängnis der Geheimen Staatspolizei, Prinz-Albrecht-Straße 8, Berlin. Für fünf letzte Tage seines Lebens in Freiheit war er seinen Jägern entkommen, wenn auch von allen Hunden gehetzt.

Die zweite Skizze des Gesuchten hat seine Frau, Gottliebe Gräfin Lehndorff, in einem späteren Gespräch mit ihrer Tochter Vera festgehalten. Nach dem ersten Fluchtversuch und der ersten Festnahme hatte man ihren Mann kurz in den ersten Stock seines Schlosses gebracht. Da – so sagt sie in dem Tonbandinterview – »standen wir vor seinem schönen, großen Schreibtisch, und da saßen die dann und machten die Schubladen immer auf und zu, und holten alles raus, und schmissen alles auf den Boden. Weißt du, das ist furchtbar, du bist ja so ausgeliefert! Und er stand gegenüber von diesem Schreibtisch, rechts saß einer von diesen schwarzen Gestapisten, links ein anderer schwarzer Gestapist. Er war nicht gefesselt. Er stand so da mit seinen langen Armen, so absolut. Er hatte immer so ein Junkerfräckchen – so nannte ich das – so ein grünes Jäckchen an, ein bißchen zerlumpt, zerlumpt nicht, aber ein bißchen altersschwach, so ein wenig abgeschabt. Und dann stand er so da, und die Arme hingen so runter, und das Gesicht war gar nicht anzusehen. Es war furchtbar.«

»Irgendwie plötzlich gebrochen?«

»Es war noch mehr, es war nicht Angst auf dem Gesicht, sondern eine totale Hoffnungslosigkeit.«

»Weil er natürlich wußte, was das heißt?«

»Ja, es war aus. Und ich stand genauso hoffnungslos auf der anderen Seite mit meinem dicken Bauch. Ja, was sollte sein?«

Kurze Zeit danach wurde Heinrich Graf Lehndorff zunächst in das Gefängnis in Königsberg transportiert, zu seinem ersten »scharfen« Verhör in der Haft.

Das dritte Porträt stammt von Carl-Hans Graf Hardenberg, aufgeschrieben »Sylvester 1945«. Carl-Hans Graf Hardenberg, der konservativ-preußisch-knorrige Monarchist, war schon in der Vorkriegszeit mit Lehndorff befreundet, der wiederholt bei ihm in Neuhardenberg zu Gast war. Zu Beginn des Krieges hatte er mit ihm zusammen versucht, Fedor von Bock, den späteren Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, dessen Ordonnanzoffizier und Adjutant sie waren, für den Widerstand zu gewinnen. Daß dies nicht gelang, war nicht ihre Schuld. »Schon die ersten Besprechungen, die wir mit den einzelnen Feldmarschällen und Generalobersten hatten, zeigten zwar, daß kein Einziger von ihnen gewillt war, gegen einen von uns einzuschreiten. Fast alle haben sie mit dem Gedanken gespielt, seine Notwendigkeit anerkannt, ihre Bereitwilligkeit geäußert, mitzumachen, wenn – ein anderer die Verantwortung übernähme.«

Aus: Carl-Hans von Hardenberg: Patrioten im Widerstand. Erlebnisbericht. 1945. Veröffentlicht in Reinhild Gräfin von Hardenberg: Auf immer neuen Wegen, S. 163 ff.

Hardenberg erwähnt in seinen Erinnerungen zwei nahe Freunde aus der Umgebung Henning von Tresckows persönlich und mit größtem Respekt: Fabian von Schlabrendorff, den Verwandten Tresckows und späteren Richter am Bundesverfassungsgericht, und Heinrich Graf Lehndorff. »Heini Lehndorff, dieser hervorragende Sohn der ostpreußischen Scholle, mit dem mich bei der gemeinsamen Arbeit von der Heeresgruppe her aufrichtige Freundschaft verband, war ihnen scheinbar erst entsprungen, nachher aber leider wieder eingebracht worden. Er war in den Jahren des Krieges in seltener Weise gereift und aus dem sorglosen Offizier zu höchstem Verantwortungsbewußtsein herangewachsen. Er war ein ganzer Mann und starb als ein Held.«

Die Herausgeberin der ZEIT, Marion Dönhoff, die zeitweise mit den Lehndorffkindern Heinrich, Karin (Sissi) und Ahasverus gemeinsam aufwuchs und erzogen worden war, hat folgende Abschiedsszene in Erinnerung: »Im August 1939 trafen wir uns alle in Königsberg mit dem Gefühl, dies werde wohl das letzte Mal sein. Wir hatten keinen Zweifel daran, daß Hitler den Krieg wollte und nichts anderes als den Krieg. Nie werde ich den Moment vergessen, als wir vor dem Hotel Berliner Hof standen und Heini’s jüngerer Bruder sich von meinen Brüdern verabschiedete. Der war damals 23 Jahre alt, ein großgewachsener, ernster, fast klassisch schöner Jüngling, der im 1. Infanterieregiment als Leutnant diente. Seine letzten Worte waren: ›Auf den Barrikaden sehen wir uns wieder!‹; dabei leuchteten seine Augen, wie ich es seit Kindertagen an ihm nicht mehr erlebt hatte.

Er (Ahasverus) war sehr früh, schon vor Ausbruch des Krieges, mit den ersten Anfängen der Widerstandsbewegung in Verbindung gekommen und war ganz erfüllt von der Aufgabe, Deutschland von der Geißel Hitler zu befreien. Zwei Monate, nachdem im Juni 1941 der Krieg gegen Rußland begonnen hatte, ist er als Kompanieführer in Estland gefallen.

Marion Gräfin Dönhoff: Um der Ehre willen, S. 143 f.

Für Heini Lehndorff war der Verlust dieses einzigen Bruders ein herber, kaum zu verwindender Schlag. Zweifellos hat das Gefühl, die Aufgabe erfüllen zu müssen, die dieser sich gesetzt hatte, seinen Entschluß mitbestimmt, die Beziehung zur Opposition aufzunehmen.«

Hans Graf Lehndorff: Menschen, Pferde, weites Land. S. 283 f.

Hans Graf Lehndorff, der Vetter des Widerstandskämpfers und spätere Verfasser des Ostpreußischen Tagebuches, beschreibt den jungen Landwirt, der 1936 den riesigen, aber schwer heruntergekommenen Besitz Steinort übernommen hatte, so: »Heini, der Landwirtschaft gelernt hatte, ging mit großer Passion an die Aufgabe heran, das stark vernachlässigte Gut wieder in Ordnung zu bringen. Von Natur aus war er dafür der geeignete Mann. Sein Sinn für das Praktische verband sich mit viel Humor und einer handfesten Lebensfreude. Das weibliche Element spielte eine wesentliche Rolle in seinem Leben, und so wirkte er viel unbeschwerter und weniger kritisch als beispielsweise sein erheblich jüngerer Bruder Ahasverus. … Als ich ihn und seine Frau im Oktober 1940 besuchte, fiel mir bei der Fahrt durch den ›Mauerwald‹ auf, daß viele alte Fichten von einem Schädling kahlgefressen worden waren. Der Wald sah trostlos aus. In der Annahme, daß Heini sehr unglücklich darüber sein würde, begrüßte ich ihn etwas zögernd. Er aber gab sich ganz wie immer, und als ich ihn auf den großen Schaden ansprach, sagte er: ›Ja, erst habe ich mich sehr aufgeregt. Inzwischen habe ich mich aber wieder beruhigt, denn in den nächsten Tagen passiert etwas sehr viel Schlimmeres als mit dem Wald. Es sollen nämlich achttausend Arbeiter der Organisation Todt hineinkommen, um ein Munitionslager zu bauen. Wir sind natürlich sehr im Zweifel, ob das nur ein Munitionslager wird. Das Verkehrsflugzeug von Moskau nach Berlin hat seine Route bereits geändert und fliegt seit einigen Tagen über unseren Wald.‹ Acht Monate später marschierten unsere Truppen in Rußland ein, und es zeigte sich, daß da kein Munitionslager, sondern das Oberkommando der Wehrmacht für den Rußlandfeldzug gebaut worden war« – direkt auf dem Grund und Boden der Lehndorffs.

Auf dem Ausschnitt S. 23 nicht mehr abgebildet

Zuletzt ein Foto, das die Spannungen eines Lebens in der Konspiration spiegelt: ein Spaziergang im Park von Steinort, ausgehend von der hinteren Terrasse, vorbei an den uralten Eichen im Park, auf dem Weg zum kleinen Teehaus im Schinkel-Stil. Vorne ein Mann, lächelnd, in elegantem weißen Jackett, Joachim von Ribbentrop, Hitlers Außenminister. Er hatte sich seit 1941 im linken Flügel des Lehndorff-Schlosses einquartiert und residierte dort mit seinen Beamten, Köchen, Bediensteten, Militärs und Gestapo-Sicherheitsbeamten. Er hat zwei kleine Mädchen an der Hand, links und rechts, Nona und Vera von Lehndorff, ungefähr sechs und vier Jahre alt. Die Mädchen mit blonden Pagenköpfen tragen hübsche weiße Sommerkleidchen, Kniestrümpfe, Schuhe mit Bündchen. Die Kinder hüpfen von dem »guten Onkel« weg, sie wollen nicht an der Hand gehen. Sie wenden sich unwillig und hilfesuchend ihren Eltern zu, die in der zweiten Reihe gehen, Heinrich und Gottliebe Lehndorff. Die Eltern blicken besorgt auf die Kinder, beruhigend, besänftigend, Sicherheit vermittelnd. In der Reihe dahinter Heinrichs Schwester Sissi, an den Seiten Militärs aus dem Gefolge Ribbentrops und Diplomaten in Reitstiefeln. Die junge Gräfin ist schön, schlank und strahlend, sie trägt eine lange schmale Perlenkette. Wenn Ribbentrop sie alleine traf, küßte er ihr die Hand, vor den Gestapo-Leuten grüßte er sie mit »Heil Hitler«. Die Szene wirkt wie ein Filmschnitt: letztes Jahr in Steinort, damals in Masuren.

FAMILIENGESCHICHTEN I – GROSSE VORFAHREN

Der junge Graf Heinrich war ein Lehndorff. Auch wenn ihm das offenbar in seiner Kinder- und Schulzeit nicht allzuviel bedeutete, wer aus einer solchen Familie stammt, wächst mit Geschichte auf – und mit vielen Geschichten.

Die Lehndorffs gehören zu den großen und bekannten Familien Ostpreußens, wie die Dohnas, Dönhoffs, Eulenburgs, Groebens, Kanitz. Alle diese Familien leben heute nicht mehr an ihren Herkunftsorten, sie haben auch nicht mehr ihre frühere Bedeutung. Damit fängt die Schwierigkeit der Suche nach den fernen Wurzeln eines individuellen Schicksals an, das ohne diese Ursprünge doch nicht zu verstehen ist. Jede Kindheit hat ihre Vorgeschichte, und manche Vorgeschichten prägen ein späteres Leben mehr, als es den einzelnen bewußt ist.

Viele der großen Adelsfamilien waren Anfang des 16. Jahrhunderts mit dem Deutschen Ritterorden nach Ostpreußen gekommen. Die Wurzeln der Lehndorffs reichen weiter zurück. Sie waren westpreußisch-pruzzischer Abstammung, hatten also seit Menschengedenken in diesen östlichen Landstrichen gelebt. Erst seit 1420 ist das spätere Steinort als Stammsitz der Familie vermerkt. Ihre Ursprünge aber sind im westpreußischen Kulmer Land zu finden, im Geschlecht der Stangos. Lange vor der Ankunft der Deutschen Ritter siedelten sie in einer Ortschaft namens Mgowo. Dieser Flecken wurde dann zur Zeit der Ritterherrschaft »Legendorf« genannt. Die Vorfahren der Lehndorffs müssen in ihrem Stammesgebiet eine führende Funktion gehabt haben – sei es durch offene Wahl der ansässigen freien Bauern, sei es durch glücklich gewonnene Familienfehden. Erst mit dem anbrechenden Jahrhundert der fremden Kolonisatoren mußten sie sich dem Orden unterwerfen oder waren gezwungen, sich mit ihm zu arrangieren. Was ihnen einst gehörte, wurde nun zum »Lehen« erklärt. Folglich hießen sie »von Legendorf«, später »von Lehendorf« oder »von Lehndorff«.

Information 2009 von Stanislaus Graf Dönhoff, Schönstein

Die Politik, das Militär, der Landbesitz und vor allem die Pferde bestimmten die Geschicke aller Geschlechter der Lehndorffs. Eines der bekanntesten Familienmitglieder aus dieser Zeit der Kooperation mit dem Ordensstaat war Paul Legendorf, der Bischof von Ermland. Die ersten Gutsbesitzer erhielten den Titel »Amtshauptmann von preußisch Eilau bzw. von Oletzkow«. Der erweiterte Besitz Steinort wurde wahrscheinlich Fabian von Lehndorff zugesprochen, obwohl die ostpreußische Geschichtsliteratur meist vermeldet, daß die Verleihungsurkunde für die »Große Wildnis am See« – das spätere Steinort – erst Anfang des 16. Jahrhunderts vom deutschen Ritterorden an Fabian, Caspar und Sebastian von Lehndorff gemeinsam ausgestellt worden sei. Im Jahre 1590 wurde deren Enkel, Meinhard, geboren, der die berühmteste Sehenswürdigkeit der Steinort-Anlagen gepflanzt hat, die Eichenallee, die bis heute als Naturschönheit eine magische Aura hat. Meinhard war Oberstleutnant und Landrat von Rastenburg. Mit dessen Sohn betreten die Lehndorffs das Feld der großen Politik und der großen Abenteuer, weit weg vom ursprünglichen Kulmer Land, weit weg aber auch von der sumpfigen Steinorter Wildnis, in der die ersten Eichen wuchsen, während die Kutschwagen nach langen harten Wintern regelmäßig tief im Morast versanken.

Über diese ersten politischen Vorfahren hat Hans von Lehndorff eine hinreißende kleine Familienskizze geschrieben:

»Meinhards Sohn, der den eigentümlichen Namen Ahasverus (Ahasverus Gerhard 1637–1688) trug, wurde 1637 geboren; er war erst zwei Jahre alt, als sein Vater starb. Seine Mutter, eine geborene zu Eulenburg, hatte ihren Bruder zu seinem Vormund bestellt. Ahasverus verlebte seine Kindheit in Steinort, wurde dann auf verschiedene Schulen geschickt, auf denen ihm eine universale Bildung zuteil geworden ist.

Hans Graf Lehndorff: Menschen, Pferde, weites Land, S. 204–206

Lesen wir heute seine Tagebuchaufzeichnungen und die Briefe, die er als junger Mensch an seine Mutter und an Freunde geschrieben hat, erscheint es uns fast unverständlich, wie ein Mensch unter den damaligen Lebensumständen ein derartig umfassendes Wissen erwerben konnte. Als Neunzehnjähriger wurde er mit seinem gleichaltrigen Vetter Eulenburg (Georg Friedrich zu Eulenburg) und dem sie begleitenden ›Hofmeister‹ auf die sogenannte Kavalierstour geschickt, die für ihn sieben Jahre (1656–1663) dauerte und ihn nach Dänemark, Holland, England, Frankreich, Italien und Spanien führte. Da er sehr mitteilsam war, ergibt sich aus seinen Briefen ein überaus anschauliches Bild der damaligen Verhältnisse an den Brennpunkten des europäischen Lebens. Auch die Voraussetzungen, unter denen man damals reiste, die Strapazen, die dabei zu bestehen waren, finden in seinen Aufzeichnungen einen eindrucksvollen Niederschlag. Er schildert, wie sie nach einer nächtlichen Landung in England lange umherirren mußten, bis sie Schutz vor dem Regen fanden; wie sie ausgeplündert wurden, ehe sie ihre Reise fortsetzen konnten, dann aber wenige Tage später bei Cromwell zu Gast waren und dabei sein durften, wie er mit seiner Familie die Mittagsmahlzeit einnahm, und wie Cromwells Mundschenk sie hinterher in den Weinkeller führte. In Paris, wo Ahasverus drei Jahre blieb, erlebte er Ludwig den XIV. aus nächster Nähe, verkehrte im Haus vieler bekannter Persönlichkeiten, lernte zahllose junge Leute aus aller Welt kennen, die gleich ihm ihren Horizont zu erweitern trachteten, war ein gerngesehener Gast im Haus der nach Paris ausgewanderten Tochter Gustav Adolfs, Königin Christine von Schweden, die er später in Rom wiedersah. Als er einmal seine Mutter um eine Erhöhung der Geldzuwendung bat, die sie ihm regelmäßig zukommen ließ, teilte sie ihm mit, sie sei dazu nicht in der Lage, weil feindliche und andere räuberische Truppen mehrere Steinorter Vorwerke dem Erdboden gleichgemacht und Steinort selbst fast vollständig abgebrannt hätten. Sie konnte es aber möglich machen, ihm einen Wagen mit zwei Pferden für seinen Gebrauch nach Paris zu schicken. Später, von Italien aus, besuchte er die Malteser auf ihrer Insel, freundete sich mit vielen Ordensrittern an und wurde von ihnen auf Kaperfahrten gegen Türken und Seeräuber mitgenommen; er wurde damit geehrt, daß er als erster auf ein Seeräuberschiff hinüberspringen durfte, mußte dabei aber feststellen, daß die gesamte Mannschaft an der Pest erkrankt bzw. schon gestorben war. Schließlich berichtete er von Venedig und von der Reise über die Pyrenäen nach Spanien. Von dort kehrte er als Sechsundzwanzigjähriger über Paris nach Preußen zurück – ein vielerfahrener Mann, der seinem Landesherren, dem großen Kurfürsten von Brandenburg, für wichtige politische Aufgaben zur Verfügung stand. Da er offenbar ein schwieriger und anspruchsvoller Mensch war, kam es jedoch nicht zu einer Einigung über die Art seiner Verwendung im Staatsdienst. Er nahm vielmehr einen militärischen Auftrag des Königs Casimir von Polen an, der ihn sechs Jahre lang in Warschau festhielt, stellte ein aus Deutschen bestehendes Infanterieregiment zusammen und war längere Zeit Befehlshaber sämtlicher in Polen dienender deutscher Truppen. In all diesen Jahren genoß er das besondere Vertrauen König Casimirs sowie seines Nachfolgers Michael. Letzterer bat ihn sogar einmal, nach Wien zu reisen und sich die Schwester Kaiser Leopolds anzusehen, die er zu heiraten gedächte. Dem allzu prekären Auftrag hat sich Ahasverus allerdings zu entziehen gewußt; auch hätte er diese unglückliche Ehe wohl nicht verhindern können. Nach der Zeit in Warschau war er sechs Jahre lang in den verzweiflungsvollen Kriegen jener Zeit für den großen Kurfürsten und für Holland tätig. Seine Briefe berichten mehr vom Sterben der Soldaten an Hunger und Krankheiten als von den Verlusten der Schlacht. Es folgten noch einige Jahre in dänischen Kriegsdiensten, dann kehrte er als zweiundvierzigjähriger Generalleutnant nach Steinort zurück.«

Zit. nach Hans Graf Lehndorff: ebd., S. 206

Kaum blieb dem Weitgereisten genug Zeit, sich um die Entwicklung seines eigenen Landguts zu kümmern – bei einem Tatareneinfall waren 1656 der ganze Ort und das Schloß nahezu zerstört worden –, da erhielt er 1683 mit der Ernennung zum Oberburggrafen des preußischen Kurfürsten den Auftrag, sich um nahezu jede Amtsangelegenheit im Interesse des fernen Dienstherrn zu kümmern. Daß er auch in diesen neuen Positionen ein eigenständiger Kopf blieb, geht aus mehreren Berichten der damaligen Zeit hervor: »Der fortwährende Krieg hatte Handel und Wandel in Preußen gelähmt, des Landes Kraft verzehrt, die Mannschaft zum großen Teil aufgerieben, das Eigentum unsicher gemacht, mannigfaltigen Verbrechen die Tür geöffnet. Die Abgaben lasteten furchtbar, die Einquartierung der Soldaten war fast unerträglich gesteigert, in manchen Häusern lagen vier Personen. Übergriffe der fremden Mannschaft blieben natürlich nicht aus. Dazu stand auf den Lebensmitteln eine hohe Steuer.« Ahasverus hat dem Kurfürsten diese Mißstände in Briefen und Eingaben immer wieder vorgehalten und ihn dabei mit aller Deutlichkeit bei seiner Ehre als Regent gepackt. Große Monarchien und Herren könnten es sich nicht leisten, so mit ihren Untertanen umzugehen, wenn sie ihr Land langfristig verteidigen wollten – so lautete seine durch eigene bittere Erfahrungen gewonnene Ansicht.

Das Herold-Jahrbuch, 12. Band, Neue Folge, Sonderdruck, S. 63, nennt das Jahr 1687

Zit. nach Hans Graf Lehndorff: ebd., S. 207

»Am Tage nach seiner Einführung in das Amt des Oberburggrafen schloß er seine dritte Ehe mit einer jungen Gräfin Dönhoff. Seine beiden ersten Frauen waren, wie das in der guten alten Zeit zu sein pflegte, nach der Geburt von Kindern gestorben, von denen die meisten auch nicht lange am Leben blieben. 1686 wurde Ahasverus von Kaiser Leopold in den Grafenstand erhoben. Zwei Jahre später starb er plötzlich und unerwartet. Der große Kurfürst, der ebenfalls im Jahre 1688 starb, soll, als er von Ahasverus’ Tod erfuhr, ausgerufen haben: ›Ich habe meinen besten Staatsmann verloren!‹«

Der nächste Lehndorff mit politischer Funktion war der Enkel jenes Ahasverus, Ernst Ahasverus Heinrich. Wegen einer frühen Fußverletzung hatte er ein lahmes Bein und konnte deshalb nicht Soldat werden. Hervorragend ausgebildet, wurde er aber bereits mit neunzehn Jahren Legationsrat und mit einundzwanzig Jahren Kammerherr der Königin Elisabeth Christine, der von ihrem Gatten stets gemiedenen Gemahlin Friedrichs des Großen. Fast dreißig Jahre blieb er in ihren Diensten am preußischen Hof und hat, in französischer Sprache, zahlreiche Tagebücher verfaßt, die im Lehndorff-Archiv in Leipzig bis heute verwahrt werden. Mit den drei Brüdern Friedrichs des Großen war er befreundet. Die nahezu achthundert Briefe des Prinzen Heinrich zeigen, daß diese Freundschaft auch nach seinem späten Ausscheiden aus dem Hofdienst erhalten blieb. Seine Tagebuchaufzeichnungen, vom Französischen ins Deutsche übersetzt, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts wegen ihres pointenreichen Zeitkolorits berühmt.

Sein Sohn, der 1770 geborene Carl Ludwig, ist der nächste Lehndorff mit Verwicklungen in die europäische Politik. Auch über ihn, den gemeinsamen Urgroßvater von Heinrich und Hans von Lehndorff, schreibt letzterer ein brillantes kleines Porträt: »Carl Ludwig, mein Urgroßvater, war also bereits sechzehn Jahre alt, als Friedrich der Große starb. Er wuchs zunächst in Steinort auf, besuchte als Fünfzehnjähriger das Joachimsthaler Gymnasium in Berlin und trat dann in die École militaire ein. Ihm war, ebenso wie seinem Urgroßvater Ahasverus, dem er in Bezug auf Charakter, Temperament, Begabung und Dynamik ähnlich gewesen sein muß, die militärische Laufbahn vorbestimmt. Nachdem er längere Zeit in Potsdam gedient hatte, machte er die Feldzüge 1793 und 1794 gegen die französischen Revolutionsarmeen mit, aus denen er unversehrt zurückkehrte. Im Jahre 1800 wurde er, seinem großen Wunsch entsprechend, zur Kavallerie versetzt und diente mehrere Jahre als Schwadronschef bei dem Dragoner-Regiment von Rouquette im südlichen Ostpreußen. Mit diesem Regiment war er als Major an dem unglücklichen Krieg gegen Napoleon beteiligt und geriet 1807 verwundet in französische Gefangenschaft. Wie unvorstellbar frei man damals auf Ehrenwort als Gefangener lebte, geht aus seinen Briefen hervor. Rein äußerlich ist es ihm zu kaum einer Zeit seines Lebens so gut gegangen wie in der Gefangenschaft. Er lebte zuerst völlig frei in Nancy in einer von ihm gemieteten Privatwohnung, ließ sich dann aber nach Paris versetzen, weil er von dort aus seine Entlassung besser betreiben konnte, die dann auch auf dem Wege des Austauschs erfolgte. Denn es zog ihn mit Gewalt zurück in seine vom Krieg devastierte Heimat Ostpreußen. Aus dem Militärdienst zunächst ausgeschieden, kümmerte er sich intensiv um den Wiederaufbau des Landes, in Sonderheit auch seines von ihm sehr geliebten Besitzes Steinort, in dem die Kriegsheere besonders wüst gehaust hatten. Als Napoleons Heere geschlagen aus Rußland zurückfluteten, stellte er ein Kavallerie-Regiment auf, das weitgehend aus Mitteln der Preußischen Landstände finanziert wurde und sich in den Befreiungskriegen 1813/14 hervortat. Es nannte sich ›Ostpreußisches National-Kavallerie-Regiment‹, aus dem später die Garde-Husaren hervorgegangen sind. Er selbst diente nach dem Krieg weiterhin als Oberst und Brigade-Kommandeur bei der Besatzungsarmee in Frankreich. 1819 wurde er, nach Auflösung der Besatzung, als Kommandeur der 15. Kavallerie-Brigade nach Köln versetzt. Hier faßte er im Jahre 1823 als fast Dreiundfünfzigjähriger einen Entschluß, mit dem er seine Angehörigen überraschte und den er bis dahin immer von sich gewiesen hatte: Er verlobte sich mit der noch sehr jungen Gräfin Pauline Schlippenbach. Wie wenig er daran gedacht hatte, noch zu heiraten, ist aus der Tatsache ersichtlich, daß er seit langem den Plan hegte, Steinort an den Sohn seiner Schwester Dönhoff zu vererben, an der er besonders hing. Nun aber änderte sich die Situation völlig. Seine Mutter, mit der er von Kindheit an innig verbunden war und der er alles Persönliche anvertraute, schreibt dazu an eine Freundin und Verwandte, die Herzogin von Holstein-Beck: ›Wie dem auch sei – nachdem sich die Sache wider alles Erwarten, ja, auch wider Carls Erwarten, der nicht für möglich hielt, daß er noch einmal jemanden mit einem so starken Gefühl dieser Art inspirieren könnte – also nachdem die Sache nun unwiderruflich ist, möchte ich glauben, daß Gott ihm aus großer unverdienter Gnade noch das häusliche Glück auf seine alten Tage zugedacht hat, daß die Ehe im Himmel geschlossen ist und also auch nicht ohne Segen sein wird. Eine Zuversicht, der ich mich so gern überlasse bei menschlichen Handlungen, die nicht vernunftwidrig sind und die mit guten und ehrlichen Absichten unternommen werden‹.

ebd., S. 208 f.

1824 wurde Carl Ludwig als Kommandeur der 2. Kavallerie-Brigade nach Danzig versetzt und schied neun Jahre danach als Generalleutnant aus dem Militärdienst aus. Er erhielt den Titel Landhofmeister und wurde später mit dem Schwarzen-Adler-Orden ausgezeichnet. Aus seiner Ehe sind fünf lebenstüchtige Kinder hervorgegangen – die einzige Generation meiner Familie, die nicht durch Kriege dezimiert und, oft genug, nahezu ausgerottet worden ist …« Wie glücklich der Familienverband über diese späte Heirat und den unverhofften Kindersegen war, der den Bestand der Großfamilie sicherte, ließ sich daran ablesen, daß der unverheiratete Bruder des Familienoberhauptes zur Feder griff und Tafeln mit selbstverfaßten kleinen Gedichten an die Eichen der Parkalleen heftete:

»Glück auf, Glück auf, du lang ersehnter Knabe,

im Lande, wo die Freude wohnt und Leid.

Gelobt sei Gott für diese hohe Gabe,

zerstreut ist nun der Zukunft Dunkelheit …«

ebd., S. 212

Noch bemerkenswerter für das Schicksal Europas aber war, was Hans Lehndorff dann berichtet: »Ein Denkmal gesetzt hat sich Carl Ludwig Lehndorff vor allem durch seinen aktiven Einfluß auf die Konvention von Tauroggen in den letzten Tagen des Jahres 1812. Damals ritt er auf tief verschneiten Wegen in wenigen Stunden die hundert Kilometer von Gumbinnen nach Tauroggen, um General Yorck von Wartenburg die Nachricht von der Zustimmung der Landstände zur Lösung von Napoleon zu bringen. Drei Jahre später wäre es beinahe zu einer höchst merkwürdigen Begegnung mit Napoleon gekommen. Er (Carl Ludwig) schreibt davon an seine Mutter: ›Denken Sie, liebste Mutter, eine sonderbare Bestimmung, die ich bei einem Haar gehabt hätte: Napoleon sollte und soll durch Kommissarien von allen gegen ihn verbündeten Mächten auf der Insel St. Helena bewacht werden. Lange hat man in der Armee nach jemandem gesucht, der zu diesem Geschäfte vermöge des militärischen Grades, Sprache, Denkart etc. päßlich wäre. Auch mir hat man diese Proposition gemacht, und wirklich, einige Jahre jünger, wenn die Bedingung, wenigstens auf zwei Jahre sich zu verpflichten, dort zu bleiben, nicht dabeigewesen wäre, so weiß ich nicht, ob ich nicht der Sonderbarkeit der Geschichte halber und um diesen doch immer noch außerordentlichen Vogel genauer kennenzulernen, mich dazu angeboten hätte. So aber habe ich es doch zu viel gefunden, von den sparsam gemessenen Lebensjahren zwei so gut als wegzustreichen, nicht gerechnet das Jahr, das auf der Reise hin und zurück draufgeht.‹ So kurz bemessen, wie er dachte, war seine Zeit allerdings nicht, denn er starb erst neununddreißig Jahre später als Vierundachtzigjähriger nach vielen Jahren segensreichen Wiederaufbaus seiner Heimat und seiner Besitzung Steinort.«

Hans Graf Lehndorff: ebd., S. 214

Mit diesem verhinderten Napoleon-Bewacher endet aber fürs erste die Beziehung der Grafen Lehndorff zur großen europäischen Politik. Der nächste Besitzer von Steinort, Carl Meinhard (1826–1883), hatte zwar eine diplomatische Ausbildung, war, wie seine Vorfahren, Reichsritter des Johanniterordens, außerdem Mitglied des Preußischen Herrenhauses, nahm auch 1856 am Pariser Kongreß teil, beschränkte aber im wesentlichen seine Tätigkeiten auf wirtschaftliche Aufgaben in seiner Heimatprovinz, unter anderem auf die ökonomisch hoch risikoreiche Gründung der ostpreußischen Südbahn, die später an das russische Eisenbahnnetz angeschlossen wurde. Mit ihm und seiner schönen Frau Anna, einer geborenen Gräfin Hahn-Basedow, die gleichzeitig seine Cousine war, sind wir inmitten jener Generationen, über die es zahlreiche Familienanekdoten gibt, die – wie auf allen ostpreußischen Gütern – gern und ausschweifend in steter Wiederholung erzählt wurden. Insbesondere diese Anna, eine Großtante Heinrich von Lehndorffs, muß eine ausdrucksstarke Persönlichkeit gewesen sein. Nicht zuletzt sorgte sie dafür, eine lückenlose Geschichte der Familie zusammenzustellen, die Veröffentlichung der Tagebücher des berühmten preußischen Kammerherrn zu vermitteln und eine umfangreiche Gründung von Heimen und Aktivitäten zur Pflege von Waisenkindern und Armen zu initiieren. »Ungewöhnlich ist auch die Geschichte ihres Sterbens. Ihr war beim Essen ein Stück Knochen in die Lunge geraten – ein Mißgeschick, dem man früher machtlos gegenüberstand. Als es nach langen qualvollen Leidenstagen, die sie im festen Glauben an ihren Erlöser heldenhaft durchstand, zum Sterben kam, ließ sie noch einmal ihr ganzes Hausgesinde zusammenkommen und verabschiedete sich von jedem einzelnen. Dann schloß sie die Augen und erwartete das Ende. Sie wollte nicht mehr gestört werden. Da hörte sie, wie der jüngere der beiden anwesenden Ärzte den Älteren fragte, ob er der Kranken noch eine Spritze machen solle. Noch einmal schlug sie, wie es heißt, ihre schönen Augen auf, sah den jungen Arzt freundlich an und sagte: ›Sie Schaf‹, und das waren ihre letzten Worte.«

FAMILIENGESCHICHTEN II –
DANDYS UND PFERDEBESESSENE

Annas Sohn, Carl Meinhard, der legendäre »Onkel Carol«, ist vielleicht die extravaganteste Figur der Lehndorffschen Ahnenreihe. Da er beim Tod seines Vaters 1883 noch nicht mündig war, hatte seine resolute und willensstarke Mutter den Besitz für ihn verwaltet. Mit dem jungen Gutsnachfolger aber hatte auch sie offensichtlich ihren Meister gefunden. Hans Lehndorff, der diesen Dandy sehr geschätzt haben muß, schreibt über ihn und das damalige Steinort ein paßgenaues und liebevolles Porträt. So ähnlich wie sein Vetter muß auch Heinrich von Lehndorff den »Onkel Carol« erfahren und bestaunt haben. Nicht zuletzt erhalten wir hier eine genaue Orts- und Schloßbeschreibung des alten Steinort aus der Zeit vor dem Besitzerwechsel, so daß wir den berühmten Schloßherrn, die mühselige Anreise nach Steinort und den Gang durch die altertümlichen Schloßräume wie in einem Dokumentarfilm miterleben können.

»Für die Zeit seines Militärdienstes hatte ihn (Onkel Carol) seine Mutter in eine kleine pommernsche Garnison gegeben, die einen besonders strengen Kommandeur aufzuweisen hatte. Von ihm erhoffte sie sich, daß er ihren Sohn, so weitab vom Schuß, ordentlich an die Kandare nehmen und zur Raison bringen würde. Das hat er wohl auch versucht. Aber da er ihn nicht einsperren und ihm auch den Sonntagsurlaub nicht versagen konnte, hatte dieser Plan von vornherein ein großes Loch. Onkel Carol fuhr jeden freien Sonntag nach Berlin zum Rennen, wo er seine Freunde traf und gelegentlich auch selbst in den Sattel stieg. Da er montags um sechs Uhr früh wieder zum Dienst bei seinem Regiment sein mußte, hätte er Karlshorst eigentlich jedesmal lange vor Beendigung der Rennen verlassen müssen, um den letzten Zug in seine Garnison noch zu erreichen. So jedenfalls machte es sein Kommandeur, der sonntags ebenfalls zum Rennen nach Karlshorst fuhr. Nach dem Hauptrennen brach er immer zeitig auf, während Carol seelenruhig dablieb. Der Kommandeur konnte sich nicht erklären, wie sein Leutnant es schaffte, am nächsten Morgen pünktlich zur Stelle zu sein. Erst nach längerer Zeit bekam er heraus, daß Carol den Güterzug benutzte, der nachts in die gewünschte Richtung fuhr. Da das aber nur für Vieh-Begleiter erlaubt war, ließ er sich jedesmal ein Schaf besorgen, das mit ihm auf die Reise ging. In der Kaserne hatten sich auf diese Weise bereits eine Reihe von Schafen angesammelt. Das brachte den Kommandeur auf einen listigen Gedanken: Nachdem er sich vergewissert hatte, daß der Güterzug erst gegen fünf Uhr dreißig eintraf, setzte er für den nächsten Montag den Dienst auf fünf Uhr fest. Trotzdem mußte er in Karlshorst erleben, daß sein Leutnant, der das Hauptrennen gewann, hinterher keinerlei Anstalten traf, den Rennplatz zu verlassen. Der Kommandeur hatte zudem das Pech, von einem Vorgesetzten ins Gespräch gezogen zu werden, als es Zeit zum Aufbruch war, und dadurch seinen Zug zu verpassen. Er warf sich zwar in eine Droschke, erreichte den Schlesischen Bahnhof aber erst, als der Zug gerade aus der Halle fuhr. Der Bahnhofsvorsteher, bei dem er sich erkundigte, ob noch eine andere Möglichkeit bestünde, zu seinem Standort zu gelangen, gab ihm den freundlichen Rat, sich ein Schaf zu besorgen und mit dem Güterzug zu fahren. Aber diesen Ausweg hatte er sich ja selbst verbaut, als er den Dienst vorverlegte. Was sollte er nun machen? Der Bahnhofsvorsteher kam ihm noch einmal zu Hilfe: ›Sie haben Glück! Einer von Ihren Leutnants fährt heute mit einem Extrazug. Er kommt gegen Mitternacht hier durch, und wenn Sie ihn bitten, nimmt er Sie bestimmt mit. Er ist ein ganz netter Mensch.‹ Und so geschah es. Spätnachts gingen die Lampen an, und der vom Bahnhof Friedrichstraße kommende Extrazug fuhr ein mit Carol, der nach seinem Sieg und der anschließenden Feier in bester Stimmung war. Er gab dem Kommandeur seinen Ehrenpreis zu halten, sprach ein paar Worte mit dem Bahnhofsvorsteher, und dann fuhren beide einträchtig miteinander nach Hause.

Da die Idee mit dem Extrazug, auf die er später noch öfter zurückkam, nur einer von vielen Geistesblitzen war, die Onkel Carol in die Tat umsetzte, steckte er begreiflicherweise tief in Schulden, für die auch ein Besitz wie Steinort auf die Dauer nicht geradestehen konnte, und der Familienrat mußte immer wieder zusammentreten, um zu überlegen, wie man seinen Tatendrang zügeln könnte. Das ist nur unvollständig gelungen. Vielmehr taten sich bis in sein Alter hinein in seiner Umgebung lauter Dinge, die man anderswo nicht zu erleben pflegte. Wir Kinder haben noch manches davon mitbekommen. …

Als ich zehn Jahre alt war, fuhr mein Vater mit Heinfried und mir zum ersten Mal nach Steinort. Onkel Carol war verreist, aber sein Haus mit allem Drum und Dran war ein getreues Abbild seiner Persönlichkeit. Schon die Fahrt dorthin hatte mich tief beeindruckt. Wir wurden in der Kreisstadt Angerburg von der Bahn abgeholt und hatten von dort fast zwei Stunden mit dem Wagen zu fahren. Die Beine der Pferde waren bis zu den Knien mit Lehm beschmiert, woraus wir Rückschlüsse auf den Zustand der Wege ziehen konnten, die vor uns lagen. Zuerst ging es lange auf einer festen Straße durch hügeliges Gelände, von dessen Höhen man immer wieder die riesige Fläche des Mauersees mit seinen Inseln und Buchten überblicken konnte. Dann bog die Straße um den nördlichsten Ausläufer des Sees herum nach Süden ab und führte durch den Ort Stawisken, der schon zu Steinort gehörte. Trotzdem hatten wir noch eine gute Stunde Fahrt vor uns, zunächst lange Zeit durch Wald. Himmelhohe Fichten, unter deren Schirmdach sich fast nächtliches Dunkel ausbreitete, wechselten ab mit Eichenbeständen, Erlenbrüchen und schmalen Lichtungen, auf denen gelegentlich ein Reh oder ein Stück Damwild zu sehen war. Auf den ungepflasterten Wegen sanken die Wagenräder bis zur Mitte in den Lehm ein, und mehr als einmal drohte der Wagen umzukippen. Immer wieder lehnte man sich instinktiv nach der entgegengesetzten Seite, um ihn ins Gleichgewicht zu bringen. Wir passierten die Orte Stobben und Kittlitz und fuhren dann noch ein langes Wegstück durch viele Löcher bis zu einer kleinen Anhöhe. Dort begann eine schnurgerade Allee alter Eichen, an deren Ende die roten Dächer von Steinort zwischen den Baumkronen schimmerten. Wieder auf festem Boden angekommen, entschlossen sich die Pferde noch ein letztes Mal zu schnellerer Gangart, bis das Dorf erreicht war, das sich zu beiden Seiten der Straße hinzog. Noch mal kam eine kleine Anhöhe, oben wendete der Wagen nach links und hielt vor einem langgestreckten, grauen, schmucklosen Gebäude, das einen wenig gepflegten Eindruck machte. Uns Kindern erschien es sogar etwas düster. Die Haustür öffnete sich, und wir traten zu ebener Erde in eine große Halle mit einem Fußboden aus riesigen, schon ziemlich abgenutzten Dielen. An den Wänden hingen Familienporträts aus früheren Zeiten, dazwischen ausgestopfte Elchköpfe. Rechts und links führte je eine breite Holztreppe mit sanfter Steigung bis zur halben Höhe der unteren Raumhälfte. Dort bildeten beide einen Absatz, wandten sich einander zu und vereinigten sich zu einer einzigen, in entgegengesetzter Richtung hochführenden Treppe. Wenn Onkel Carol zu Hause war, stand er oben auf dem Podest, an ein Billard gelehnt, und empfing die heraufkommenden Gäste mit einem Zuruf, der sie zugleich darauf aufmerksam machte, daß die oberste Stufe wesentlich höher sei als die übrigen. Das konnte, wenn man den Blick nach oben gerichtet hinaufstieg, leicht übersehen werden und zu einem unbeabsichtigten Kniefall führen. Oben angekommen, bekam jeder Gast, ganz gleich welchen Alters, ein Glas Portwein und eine Schachtel Streichhölzer in die Hand. Auch wir Kinder bildeten keine Ausnahme von dieser Regel, was sehr zur Hebung unseres Selbstbewußtseins beitrug.

Da das Haus schon jahrzehntelang keine verantwortliche Hausfrau mehr unter seinem Dach gehabt hatte, befand es sich in einem abenteuerlichen Zustand. Wir Kinder wohnten in einem riesigen Raum rechts neben der Eingangshalle, den wir die Reitbahn nannten. Darin standen mindestens vier Betten einfachster Machart mit entsprechenden Nachttischen, auf jedem ein Leuchter mit Kerze. Die Matratzen waren hart, die Decke so fest gestopft, daß sie wie ein Brett auf einem lag und der Wind auf beiden Seiten durchpfiff. Nachts rutschte sie dauernd aus dem Bett. Wir dachten uns alles mögliche aus, um sie festzuhalten, kamen aber nie richtig zum Schlafen. Auf dem Fußboden lagen mehrere Pferdefelle, eins von einer Fliegenschimmelstute, die einmal ein gutes Rennpferd gewesen war. An den Wänden, von denen sich die Tapeten ablösten, hingen Bilder, meist eingerahmte Photographien, in merkwürdiger Anordnung. Wenn man sie anhob, sah man dahinter ein Loch in der Wand, aus dem einem Spinnen entgegentaumelten. Die Nachttöpfe waren nicht immer leer. In der Dönhoffstube im ersten Stock, in der mein Vater wohnte, hatte das alte Mahagonibett nur zwei Füße. Die beiden anderen waren durch eine Steinsäule ersetzt, die Onkel Carol aus Ägypten mitgebracht hatte. Neben dieser Stube lag ein schönes großes Eckzimmer, die Bischofsstube. Dort hing an der Wand über den Betten ein riesiges Gemälde, das einen typisch lehndorffisch aussehenden Bischof im Ornat mit Krummstab darstellte. Den hatte es im 16. Jahrhundert tatsächlich gegeben. Da man aber nicht wußte, wie er aussah, war er nach genauen Angaben und Wünschen von Onkel Carols Mutter gemalt worden. Angeblich spukte er auch im Hause, wir haben ihn aber nie gesehen. Als mein Vater und ich einmal in sehr heißen Sommertagen in Steinort nächtigten, wachten wir bei Tagesanbruch von einem eigentümlichen Klopfen auf. Es war aber nicht der Bischof, der dies Geräusch verursachte, sondern es saßen Puten auf den äußeren Fensterbrettern und pickten die Fliegen von den Scheiben. Das große Eßzimmer, ein langgestreckter Raum, hatte nur an der Schmalseite ein Fenster, das man aber nicht öffnen konnte, weil im Fensterrahmen ein Baumpilz wuchs. An der Längswand neben dem Fenster hing ein herrliches Bild meiner Urgroßmutter Lehndorff geb. Schlippenbach, in einer überdachten Gondel in Venedig, und an der Wand gegenüber ein Porträt ihres Mannes in Generalsuniform, im freien Feld auf einem Baumstumpf sitzend. In den Wohnzimmern hingen andere schöne Familienbilder, daneben hervorragende zeitgenössische Porträts von Mitgliedern der preußischen Königsfamilie, von der Mutter Friedrichs des Großen, von Königin Luise, Prinz Louis Ferdinand von Preußen, der mit meinem Urgroßvater eng befreundet war. Mit den Porträts konkurrierten in aufregender Weise die Gobelins an den Wänden, alles Szenen aus der alttestamentlichen Simson-Geschichte. In dem Zimmer, in dem man nach den Mahlzeiten zu sitzen pflegte, fiel der Blick auf Simson, dem die Augen ausgestochen werden …

Die schönsten Zimmer in Steinort lagen parterre auf der Parkseite. Sie hatten wunderbare Parkettböden aus verschiedenfarbigem Holz und waren mit vergoldeten Empire-Möbeln eingerichtet, Stühlen, Sesseln, Sofas, Schränken, Spiegeln, Kommoden und Etageren für Blumen und Porzellan. An den Zimmerdecken hingen venezianische Kronleuchter, vor den Fenstern gestickte Vorhänge. Die anschließende Bibliothek hatte Glasschränke im gleichen Stil. Diese Räume waren aber seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden und daher völlig verstaubt, die Vorhänge und Möbelbezüge von Motten zerfressen, die Spiegel blind, die Porzellanstücke zerschlagen oder von Besuchern als Andenken mitgenommen. Es war bedrückend, sich beim Anblick dieser Zimmer auszumalen, wie herrlich man früher darin gelebt haben mochte. Hin und wieder warfen wir heimlich einen Blick hinein. Onkel Carol selber bewohnte zwei kleine Zimmer im südlichen Teil des Hauses. Dort durften wir ihn gelegentlich besuchen, was wir mit einigem Bangen taten, weil es drinnen eng und stickig war. Er war aber immer sehr nett zu uns und behandelte uns wie Erwachsene. Meistens lag er im Bett, einen Kneifer auf der Nase, las oder besah Münzen und Münzkataloge. Die Schränke, zwischen denen man hindurchgehen mußte, um an sein Bett zu gelangen, enthielten eine der größten Münzsammlungen, die es damals gab, zweihundertachtzigtausend Stück, alle brandenburgisch-preußischen Ursprungs. Er hatte sie im Laufe seines Lebens gesammelt und dabei großes Fachwissen erworben. Ständig korrespondierte er mit Numismatikern und hatte fast immer einen oder mehrere über Wochen und Monate bei sich zu Gast. Als ich von ihm wissen wollte, wie er an das Münzensammeln gekommen wäre, erzählte er mir, er hätte als Junge beim Spielen in einer Sandkuhle einen Beutel mit Geldstücken gefunden. Die hätte er einem Fachmann gezeigt, und der hätte sie alle für Fälschungen erklärt. Diese Tatsache hätte ihn so interessiert, daß er daraufhin mit dem Sammeln angefangen hätte. Und das hätte ihn dann nicht mehr losgelassen.

In den Sommermonaten war das Haus immer voller Gäste, nicht selten saßen mehr als zwanzig Menschen um den lang ausziehbaren Eßtisch herum. Onkel Carol forderte sie auf seinen Reisen auf: ›Kommen Sie mich mal in Steinort besuchen‹, und dann kamen sie mit Frau und Kindern und blieben manchmal vier Wochen in Steinort. Er wußte oft gar nicht, wer sie alle waren, und wenn es ihm zu viele wurden, erschien er nicht mehr zu den Mahlzeiten …

Aus Hans Graf Lehndorff: ebd., S. 182–192

Wer zum ersten Mal nach Steinort kam, konnte sicher sein, daß ihm etwas Außergewöhnliches zustieß. Er schloß sich auf der Toilette ein und bekam die Tür nicht mehr auf, es ergoß sich von irgendwoher ein Eimer Wasser über ihn, das Bett brach unter ihm zusammen, oder er machte sich durch seine Teilnahme an irgendwelchen fingierten jagdlichen Unternehmungen lächerlich. In Szene gesetzt wurde das alles durch zwei Helfershelfer, die ständig zur Verfügung standen, den Diener und Chauffeur Achenbach, von Onkel Carol ›Etschenbetsch‹ genannt, seinen ehemaligen Burschen aus dem Kriege, und die sogenannte ›Kiste‹, einen alten Oberst Engel, Junggeselle, ständiger Gast im Hause. Die beiden waren mit allen Wassern gewaschen, und wer ihnen in die Fänge geriet, mußte Lehrgeld zahlen. Wir erlebten, wie sie einen Zeitungsreporter aus Berlin in der Mache hatten, der das Landleben kennenlernen wollte. Als er fragte, ob es in Steinort Trüffeln gebe, wurde er in den Schweinestall geschickt, um sich von dem – vorher verständigten – Schweinemeister das Trüffelschwein geben zu lassen. Der gab ihm auch ein gutwilliges Schwein an die Hand, mit dem er den ganzen Vormittag im Park spazierenging. Als er hörte, daß es dort auch Wildschweine gebe, wollte er wissen, ob die mit der Saufeder gejagt würden. Das wurde ihm bestätigt und beschrieben, und am nächsten Tag wurden Übungen veranstaltet. Er mußte auf einen Tisch steigen, wohin man ihm die Saufeder hinaufreichte – einen korkenzieherartig gewundenen spitzen Eisenstab, den der Schmiedemeister nach besonderen Angaben angefertigt hatte. Dann wurde ein ausgestopfter Keiler zur Tür hineingeschoben, auf den mußte er springen und ihm den großen Korkenzieher mit Drehbewegungen in den Leib stoßen (der Keiler war schon manches gewöhnt). Zu einer praktischen Ausübung dieser Art von Jagd kam es aber nicht. Vielmehr bedeutete man ihm, die Schweine hätten jetzt Schonzeit, und ließ ihn statt dessen auf einen ›Seehund‹ schießen. Der Journalist wurde am Kanal postiert und nach einer Weile in einiger Entfernung ein ausgestopftes Hasenfell von unsichtbarer Hand durch das Wasser gezogen. Er schoß darauf, aber leider vorbei, wie man ihm erklärte.«

Man sieht, er war ein echter Kindskopf und Spaßvogel, der Onkel Carol, und mit ihm seine beiden Faktoten, die Bediensteten im Schloß. Es spiegelt sich in dieser Anekdote aber auch eine typische Einstellung vieler Adeliger jener Zeit gegenüber den Städtern, Intellektuellen, den »Zeitungsfritzen« aus dem fernen Berlin. Diesen wurde klargemacht, daß sie keine Ahnung von wirklichen praktischen Dingen hatten. Das wahre Leben fand anderswo, auf dem Lande, statt. Es schien der Großstadtexistenz unendlich überlegen.

Diesem Onkel Carol, der unerwartet plötzlich starb, folgte dann Heinrich von Lehndorff im Jahre 1936. Er übernahm also einen Besitz, mit dem es, rein ökonomisch gesehen, nicht zum besten stand, wenn auch die Persönlichkeit des Vorbesitzers nichts zu wünschen übrig ließ an Farbigkeit, Originalität, Lebensfreude und Skurrilität.

Zu ergänzen bleibt noch, daß Carol, wie schon zu vermuten, keine Kinder hatte und deswegen der Besitz Steinort nach den Regeln des Fideikommiß auf die zweite Linie des Bruders Heinrich überging. Dieser, der Großvater des Widerstandskämpfers, 1829 geboren, hatte wieder an die politisch-militärische Tradition der Lehndorffs angeknüpft, war Major und Flügeladjutant des Königs und späteren Kaisers Wilhelm des I. geworden, gehörte zu dessen ständigen Begleitern und Vertrauten. Höhepunkt seiner Karriere war, daß er 1869 den Kronprinzen Friedrich auf seiner Orientreise begleiten durfte, deren Krönung in der Einweihung des Suezkanals bestand. Auf dieser Reise sah er Athen, Konstantinopel und Jerusalem und traf nahezu alle gekrönten Häupter der damaligen Welt.

Die dritte Linie der Lehndorffs, der Großonkel Georg, der 1833 geboren wurde, steigerte die besondere Neigung der Lehndorffs zu den Pferden zur Lebenspassion. Er drehte der Politik ganz den Rücken und wurde mit 142 Siegen im Sattel der führende Mann im deutschen Rennsport. Ja, sein Ruf ging weit über die Grenzen hinaus, er zog als erster deutscher Reiter mit seinen Pferden nach St. Petersburg und Moskau. Dort gewann er ebenso bedeutende Turniere wie auf französischen Rennbahnen. 1866 fand er seine Lebensbestimmung, als er mit der Leitung des Königlich-Preußischen Hauptgestüts Graditz betraut wurde, das er vierzig Jahre geleitet hat. Sein Ruf als Vollblutzüchter war legendär. Selbst in England wurde er, extrem ungewöhnlich für einen Ausländer – und gar einen Deutschen – zum Mitglied des berühmten und exquisiten Jockey Club ernannt. Dadurch und durch seinen Einfluß auf das preußische Landwirtschaftsministerium hatte er die Möglichkeit, aus England hochwertige Zuchtpferde für die Vollblutzucht ins Land zu bringen. Er heiratete Clara, geborene Gräfin Kalnein. Alle seine Kinder, Enkel und Urenkel hatten die Leidenschaft für die Pferde im Blut. Sein Sohn Siegfried übernahm zunächst das staatliche Gestüt Graditz, um dann schließlich nach Trakehnen überzuwechseln, dem Lebenstraum und Heiligtum aller Pferdezüchter. Als sein Vater Georg 1914, achtzigjährig, in Berlin starb, wurde zu seiner Beerdigung in der Steinorter Familiengruft ein Kranz aus Schlüsselblumen geschickt, die seine Enkel in den Graditzer Wiesen gepflückt hatten. Aus dieser Linie stammt Hans Lehndorff, der schon oft zitierte Chronist der Lehndorff-Familie und des »Ostpreußischen Tagebuches«.

Wir wissen nicht, wie viel Sinn für Familiengeschichte sein Vetter, der junge Heinrich Lehndorff, hatte. Aber auch er wird an den langen Abenden im Familienkreis die eine oder andere Geschichte immer wieder gehört haben, schließlich war er ja gelegentlich selbst mit seinen Cousins Gast im aufregend-ungewöhnlichen Schloß des Onkel Carol. Wenn er also in die Runde seiner Vorfahren schaute, so hatte er eine ganze Reihe von bedeutenden, ungewöhnlichen und höchst unterschiedlichen Persönlichkeiten vor Augen, die er sich als Vorbild hätte wählen können. Sie waren geprägt von der großen europäischen Politik oder von der Leidenschaft, ja Obsession für den Pferderennsport, von klassischer Bildung in den europäischen Metropolen bis zu dandyhafter Exzentrik und Skurrilität, sie umfaßten kantige aufmüpfige Persönlichkeiten rebellischen Charakters oder pflichtgetreue kaiserliche Staatsdiener. Und alle waren tief verwurzelt in einer Landschaft, die weit entfernt lag vom späteren deutschen Kernland Preußens, vom »Reich«, selbst wenn seine Bewohner dazu eine besondere Treue entwickelten. Gleichzeitig aber waren sie geprägt von einer europäischen Konstellation, wo die Nähe zu Polen, Rußland und Schweden nicht nur geographisch, sondern auch in den Biographien spürbar und verpflichtend war, wenn auch die Träume immer nach Westen flogen, nach Berlin, nach Paris, nach London.

KINDHEIT IN PREYL

Aus einem Gespräch 2009 mit Ria von der Groeben, der Schwester Hans Lehndorffs

Der Onkel des extravaganten Carol aus Steinort, Heinrich, hatte den eigenen Besitz Preyl, etwa 17 km nördlich von Königsberg an einem See gelegen, als Stammsitz für den zweiten Familienzweig der Lehndorffs erworben. Kurz nach 1900 wurde von seinem Nachfolger dort ein Neubau errichtet, eines der wenigen Schlösser in ganz Ostpreußen, das ganz dem damaligen historistischen Zeitgeschmack entsprach. Es hatte eine funktionale Küche, moderne Öfen und Bäder. Zu den praktischen Einrichtungen in Preyl gehörte ein neben der Küche gelegener Eiskeller, konstruiert nach dem neuesten Stand der Technik. Ein fensterloser gekachelter Raum, in dem auf den Eisblöcken, die aus dem See geschnitten wurden, das geschlachtete Rind und das Wildbret neben anderen Vorräten lagerten, die die Lagerwirtschaft in dem immer großen Haushalt so benötigte. Die Zimmer hießen nicht »Königsstube« oder »Luisenturm«, sondern waren numeriert wie in einem Hotel. Auch Manfred, der Vater des späteren Widerstandskämpfers, war – wie alle jüngeren Lehndorffs – der Pferdeleidenschaft verfallen. Sein Rennstall lag in Königsberg, auf einem Gelände in Karolinenhof. Dort befanden sich auch die Rennbahn und der Parcours für die Dressurreiter, wo der kleine Heinrich, die Schwester Sissi, der Bruder Ahasverus, die ...

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