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Doppelhelix hält besser. Erstaunliches aus der Welt der Genetik

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Sam Kean

Doppelhelix hält besser

Erstaunliches aus der Welt der Genetik

Aus dem Englischen von Jens Hagestedt und Friedrich Pflüger

Hoffmann und Campe

Das Leben kann also als DNA-Kettenreaktion betrachtet werden.

Maxim D. Frank-Kamenetskii, Unraveling DNA

Einleitung

Dies ist ein Buch über die DNADNA – über das Ausgraben von Geschichten, die seit Tausenden, sogar Millionen von Jahren in unserer DNADNA verborgen liegen, und über die Entschlüsselung von Geheimnissen der menschlichen Existenz, von Rätseln, deren Antworten verloren schienen, aber heute mit Hilfe der DNADNA gelöst werden können. Und ja, ich habe dieses Buch geschrieben, obwohl mein Vater mit Vornamen Gene heißt. Und nicht nur mein Vater, sondern auch meine Mutter – zumindest wenn man ihn ausspricht. Gene und Jean. GeneGen und Jean Kean. Auf dem Spielplatz musste ich wegen des absurden Singsangs der Namen meiner Eltern massenweise Sticheleien über mich ergehen lassen: Jeder Charakterfehler und jede Schwäche wurde auf meine genes zurückgeführt. Wenn ich mich idiotisch benommen hatte, grinsten die Leute und kalauerten, dafür seien meine genes – also, für das Ohr nicht unterscheidbar, zugleich meine Gene und Gene und Jean – verantwortlich. Dass SexSex dazugehört hatte, als Gene und Jean ihre GeneGen an mich weitergaben, machte die Sache nicht besser. Der Spott war doppelt mit Stacheln versehen – unmöglich, ihm etwas entgegenzusetzen.

All das hatte zur Folge, dass ich mich in der Schule, im naturwissenschaftlichen Unterricht, vor dem Thema DNADNA und GenetikGenetik fürchtete, weil ich wusste, sobald die Lehrerin der Klasse den Rücken zukehrte, würden innerhalb von zwei Sekunden die Witzeleien anfangen. Und wenn sie nicht anfingen, dann hatte irgendein Klugscheißer dergleichen zumindest im Sinn. Ganz hat mich diese PawlowPawlow, Iwan’sche Angst nie verlassen, auch nicht, als ich zu begreifen begann, wie mächtig eine gewisse Substanz namens DNADNA ist. Als ich in die Highschool kam, machten mir die Sticheleien nichts mehr aus, aber das Wort gene rief in mir noch immer eine Menge Reaktionen hervor, die nicht alle nur angenehm waren.

Einerseits reizt mich das Thema DNADNA und GenetikGenetik. Es gibt in den Naturwissenschaften kein zweites, das so spannend ist, kein Gebiet, das die Wissenschaft im selben Maße voranzubringen verspricht (und damit meine ich nicht nur die bekannten – allzu optimistischen – Verheißungen neuer medizinischer Heilverfahren). Die DNADNA hat den Forschungen auf allen Gebieten der Biologie neues Leben eingehaucht und die Wissenschaft vom Menschen revolutioniert. Andererseits, immer wenn sich jemand anschickt, unsere elementare menschliche Biologie zu ergründen, wehren wir uns gegen diesen Eingriff – wir möchten nicht auf bloße DNADNA reduziert werden. Und wenn jemand ankündigt, an dieser elementaren Biologie herumbasteln zu wollen, bekommen wir es mit der Angst zu tun.

Was die Sache noch zwiespältiger macht: Die DNADNA bietet sich als leistungsfähiges Werkzeug zum Durchstöbern unserer Vergangenheit an. Die Biologie ist zu einer Geschichtswissenschaft geworden, die sich nur anderer Methoden bedient als die traditionelle. Allein im letzten Jahrzehnt hat uns die GenetikGenetik Geschichten im Gesamtumfang der Bibel erschlossen, Geschichten, deren Plots wir für nicht rekonstruierbar gehalten hatten, weil entweder zu viel Zeit vergangen war oder weil es zum Zusammenstückeln stimmiger Erzählungen an fossilen oder anthropologischen Zeugnissen fehlte. Es hat sich aber herausgestellt, dass wir diese Geschichten die ganze Zeit in uns herumgetragen haben: Billionen von Texten, die die kleinen Mönche in unseren Zellen das ganze dunkle Zeitalter hindurch Stunde um Stunde, Tag für Tag gewissenhaft niedergeschrieben haben, darauf wartend, dass wir endlich ihre Sprache erlernen würden. Zu diesen Geschichten gehören die großen Sagas, die davon erzählen, woher wir kommen und wie wir uns aus dem Urschlamm zur mächtigsten aller Arten entwickelten, die es auf diesem Planeten je gegeben hat. Zum Teil sind die Geschichten aber auch erstaunlich individuell.

Wäre mir in der Schule ein zweiter Versuch vergönnt gewesen (neben der Chance, meinen Eltern unverfänglichere Vornamen zu geben), so hätte ich mir für mein Mitwirken im Spielmannszug ein anderes Instrument ausgesucht. Nicht (oder jedenfalls nicht nur) weil ich in der 4., 5., 6., 7., 8. und 9. Klasse als einziger Junge Klarinette spielte, sondern weil ich beim Spielen dieses Instruments mit all seinen Grifflöchern und Klappen so ungeschickt war. Das lag nicht daran, dass ich zu wenig geübt hätte. Vielmehr machte ich meine Finger und meine abgespreizten Tramperdaumen für meine Defizite verantwortlich. Meine Finger waren beim Klarinettespielen nämlich so unbeholfen, dass sie sich ständig in die Quere kamen und ich permanent das Bedürfnis verspürte, mit den Gelenken zu knacken, damit das Blut wieder pulsieren konnte. Außerdem versteifte sich alle naselang mein ausgestreckter Daumen, sodass ich das Gelenk mit der anderen Hand wieder in die richtige Position bringen musste. Meine Finger waren zu dem, was die Finger der besser spielenden Mädchen fertigbrachten, einfach nicht imstande. Ich sagte mir, dass dieses Problem ererbt war, ein Vermächtnis des Genbestands meiner Eltern.

Nachdem ich die Kapelle verlassen hatte, dachte ich nicht weiter über meine Theorie der Fingerfertigkeit beim Musizieren nach – bis ich zehn Jahre später von dem Geiger Niccolò PaganiniPaganini, Niccolò hörte, dessen außergewöhnliche Begabung ihn sein ganzes Leben hindurch genötigt hatte, Gerüchten entgegenzutreten, er habe dem Teufel für sein Talent seine Seele verkauft (die Kirchenbehörde seiner Heimatstadt weigerte sich nach seinem Tod jahrzehntelang, seinen Leichnam auf dem Friedhof zu bestatten). Heute wissen wir, dass PaganiniPaganini, Niccolò einen Pakt mit einem subtileren Herrn geschlossen hatte – mit seiner DNADNA. PaganiniPaganini, Niccolò war höchstwahrscheinlich mit einer genetischen Anomalie zur Welt gekommen, die ihm absonderlich biegsame Finger bescherte. Seine Bindegewebe waren wie Gummi: Seinen kleinen Finger konnte er so weit abspreizen, dass er mit der übrigen Hand einen rechten Winkel bildete (versuchen Sie das mal!). Auch konnte er seine Hände ungewöhnlich weit dehnen – ein unbezahlbarer Vorteil, wenn man Geige spielt. Meine simple Hypothese, dass Menschen »dazu geboren« seien (oder auch nicht), bestimmte Instrumente zu spielen, schien also gerechtfertigt, und dabei hätte ich es belassen können. Aber ich ging der Sache weiter nach und erfuhr, dass PaganinisPaganini, Niccolò Syndrom wahrscheinlich Ursache ernster gesundheitlicher Probleme gewesen war: hatte der Geiger doch sein ganzes Leben lang unter Gelenkschmerzen, Sehschwäche, Atemnot und Erschöpfung zu leiden gehabt. Ich jammerte in den frühmorgendlichen Proben für den Spielmannszug wegen steifer Knöchel, aber PaganiniPaganini, Niccolò hatte auf dem Höhepunkt seiner Karriere oft Konzerte absagen müssen und war in den letzten Jahren seines Lebens überhaupt nicht mehr aufgetreten. In ihm hatte sich eine Leidenschaft für Musik mit einem Körper verbunden, der perfekt darauf eingestellt war, Vorteile aus seinen Schwachstellen zu ziehen – vielleicht das Großartigste, was ein Mensch sich erhoffen kann. Aber diese Schwachstellen sorgten dafür, dass PaganiniPaganini, Niccolò nicht alt wurde. Er mag den Pakt mit seinen GenenGen nicht freiwillig geschlossen haben, aber er war in einem solchen Pakt gefangen, wie wir alle, und der Pakt ließ ihn werden, aber auch vergehen.

Die DNADNA hat zahllose weitere Geschichten offenbart. Wissenschaftler haben im Nachhinein genetische Störungengenetische Störung bei Charles DarwinDarwin, Charles, Abraham LincolnLincoln, Abraham und einigen ägyptischen Pharaonen diagnostiziert, andere haben die DNADNA selbst erforscht, um ihre verborgenen linguistischen Eigenschaften und ihre erstaunliche mathematische Schönheit aufzuzeigen. In allen möglichen Zusammenhängen begannen Geschichten über die DNADNA aufzutauchen, die die unterschiedlichsten Themen – von der Biologie bis zur Sozialkunde – miteinander verbanden. Die DNADNA förderte Geschichten von Menschen zutage, die Atombombenexplosionen überlebt hatten, und über Entdeckungsreisende, die in der Arktis zu Tode gekommen waren. Geschichten vom Beinah-Aussterben der menschlichen Spezies und von Schwangeren, die ihren Ungeborenen KrebsKrebs vererbt hatten. Geschichten, in denen – wie bei PaganiniPaganini, Niccolò – die Naturwissenschaft ein Licht auf die Kunst wirft, und sogar Geschichten, in denen – etwa wenn Forscher anhand der Porträtmalerei genetischen Defekten nachgehen – umgekehrt die Kunst der Naturwissenschaft auf die Sprünge hilft.

Eine Tatsache, von der man im Biologieunterricht erfährt, die man zunächst aber kaum zu würdigen weiß, ist die ungeheure Länge des DNADNA-MolekülsMolekül. Obwohl es im winzigen Kern unserer schon winzigen Zellen eingezwängt ist, ließe es sich zu außerordentlichen Dimensionen entrollen. Die DNADNA einiger Pflanzenzellen wäre aufgedröselt an die hundert Meter lang, die gesamte DNADNA eines menschlichen Körpers etwa doppelt so lang wie die Entfernung zwischen dem Pluto und der Sonne, und mit der gesamten DNADNA auf unserem Planeten könnten wir das ganze bekannte Universum mehrmals durchmessen. Je länger ich mich mit den Geschichten, die die DNADNA schreibt und geschrieben hat, befasste, umso klarer wurde mir, dass die gewaltige Spannweite der DNADNA – die der Vergangenheit wie auch die zukünftige – zu ihren wesentlichen Eigenschaften gehört. Da alles menschliche Tun eine forensische Spur in unserer DNADNA hinterlässt, erzählen die Geschichten, die das MolekülMolekül notiert – ob über Musik oder Sport oder skrupellose Mikroben –, in ihrer Gesamtheit eine einzige lange und verwickelte Geschichte über das Werden des Menschen auf der Erde: warum wir zu den absurdesten Geschöpfen der Natur gehören und dennoch ihre Krone tragen.

Doch am Grund meiner Begeisterung spüre ich die Angst, die das Thema GeneGen mir macht. Während der Recherchen für dieses Buch habe ich mich einem GentestGentest unterzogen, einfach so, ohne mir groß Gedanken zu machen – trotz der hohen Gebühren von 414 Dollar. Ich wusste, dass persönliche GentestsGentest große Schwächen haben, und selbst wenn sie solide durchgeführt werden, sind sie oft nicht sonderlich hilfreich. Wahrscheinlich würde meine DNADNA verraten, dass ich grüne Augen habe – aber ich besitze auch einen Spiegel. Wahrscheinlich käme heraus, dass ich Koffein nicht gut vertrage, aber auch das wusste ich bereits – ich hatte schon genug unruhige Nächte nach einer spät getrunkenen Cola erlebt. Abgesehen davon war es schwer, das Verfahren zur Gewinnung der DNADNA ernst zu nehmen. Ich bekam ein Plastikfläschchen mit orangefarbenem Deckel zugeschickt, und die Gebrauchsanleitung forderte mich auf, meine Wangen mit meinen Handknöcheln zu massieren, damit sich im Mund ein paar Zellen von der Schleimhaut lösten. Das tat ich und spuckte dann mehrfach in das Fläschchen, bis es zu zwei Dritteln mit Speichel gefüllt war. Dieser Vorgang dauerte zehn Minuten, da die Gebrauchsanweisung allen Ernstes behauptete, dass nicht jeder Speichel geeignet sei. Es müsse das gute, dicke, sirupartige Zeug sein – wie ein gezapftes Bier, das nicht viel Schaum haben dürfe. In der Hoffnung auf erfreuliche Neuigkeiten über meine Vorfahren schickte ich den genetischen Spucknapf am nächsten Tag ab. Anschließend ging ich daran, meinen Test online registrieren zu lassen, und las die Anleitung zum Umgang mit sensiblen Informationen oder befürchteten Erkenntnissen. Erst jetzt begann ich, mir ernsthafte Gedanken zu machen. Wenn es in Ihrer Familie mehrere Fälle von Brustkrebs, AlzheimerAlzheimer oder anderen Krankheiten gab – oder wenn Ihnen schon der Gedanke, eine dieser Krankheiten zu haben, Angst macht –, dann können Sie diese Information im Testergebnis schwärzen lassen. Sie können ein Häkchen in einem Kästchen machen und so die Information vor sich selbst geheim halten. Was mich zögern ließ, war das Kästchen für ParkinsonParkinson. Eine meiner frühesten Erinnerungen – und die bei weitem schrecklichste von ihnen – ist, wie ich einmal im Haus meiner Großeltern durch den Flur ging und den Kopf in das Zimmer steckte, in dem mein Großvater, parkinsonkrank darniederliegend, seine letzten Tage verbrachte.

Als mein Vater noch ein Junge war, sagten die Leute ihm immer, er sei meinem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten – und ich bekam früher dieselben Kommentare zu meiner Ähnlichkeit mit meinem alten Herrn zu hören. Ich hatte also damals, als ich einen Blick in das besagte Zimmer warf und in dem Bett mit metallenem Sicherheitsgitter eine weißhaarige Version meines Vaters sah, zugleich mich selbst gesehen. Ich erinnere mich an jede Menge Weiß in diesem Zimmer: Weiß waren die Wände, war der Teppich, war das Laken, war der hinten offene Kittel, den mein Großvater trug. Ich weiß auch noch, dass er vornübergeneigt dasaß, sodass er fast umgekippt wäre, mit lose sitzendem Hemdchen und einer herabhängenden weißen Haarsträhne.

Ich bin nicht sicher, ob er mich sah, aber als ich auf der Schwelle zögerte, stöhnte er und fing an zu zittern, was seine Stimme leicht erbeben ließ. Dabei hatte er noch Glück: Meine Großmutter, von Beruf Krankenschwester, betreute ihn zu Hause, und seine Kinder kamen regelmäßig zu Besuch. Doch er hatte geistig und körperlich sehr abgebaut. Am stärksten ist mir der dicke, sirupartige Speichelfaden voller DNADNA in Erinnerung, der ihm am Kinn hing. Ich war ungefähr fünf, zu jung, um zu verstehen. Aber ich schäme mich noch heute, dass ich davongerannt bin.

Jetzt konnten also Unbekannte – ja, schlimmer noch, jetzt konnte ich selbst – nachsehen, ob der Strang sich selbst reproduzierender MoleküleMolekül, der bei meinem Großvater ParkinsonParkinson ausgelöst haben mochte, auch in meinen Zellen lauerte. Die Chancen, dass das nicht der Fall war, standen nicht schlecht. Die GeneGen meines Großvaters waren durch die meiner Großmutter in ihrem Sohn um einen Teil ihrer VirulenzVirulenz gebracht worden, und Genes GeneGen wiederum durch die von Jean. Trotzdem bestand natürlich die Möglichkeit. Mit jedem KrebsKrebs und jeder anderen degenerativen Krankheit, für die ich vielleicht anfällig war, hätte ich leben können. Nicht so mit ParkinsonParkinson. Ich verfügte, die betreffenden Daten zu schwärzen.

Solche persönlichen Geschichten sind ebenso Teil der GenetikGenetik wie die ganze spannende Historie dieser Wissenschaft – vielleicht sogar noch mehr, weil in jedem von uns mindestens eine dieser Geschichten verborgen liegt. Daher erzählt das vorliegende Buch neben dem Werdegang der GenetikGenetik besonders diese persönlichen Geschichten und bringt sie mit der gegenwärtigen und zukünftig zu erwartenden Forschung in Sachen DNADNA in Zusammenhang. Die genetische Forschung samt den Veränderungen, die sie mit sich bringen wird, ist mit einer unaufhaltsam heranrollenden hohen Meereswoge verglichen worden. Doch wird diese Woge den Strand, an dem wir stehen, nicht als Tsunami, sondern in Form kleiner Wellen erreichen. Wir werden diese Wellen zu spüren bekommen, eine nach der anderen, wenn sich das Wasser auf den Strand ergießt.

Zum Glück können wir uns auf die Ankunft dieser Wellen vorbereiten. Einige Wissenschaftler haben erkannt, dass die Geschichte von der DNADNA den alten College-Kurs in Westlicher Zivilisation als die große Erzählung von der menschlichen Existenz abgelöst hat. Zu wissen, was die DNADNA ist und wie sie tickt, kann uns helfen, nachzuvollziehen, woher wir kommen und wie unser Körper und unser Geist funktionieren; die Grenzen der DNADNA zu erkennen hilft zu verstehen, warum unser Körper und unser Geist manchmal nicht funktionieren. Vorbereiten müssen wir uns ebenso darauf, was die DNADNA uns sagen (und nicht sagen) wird über hartnäckige gesellschaftliche Probleme wie die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Ethnien sowie darüber, ob Eigenschaften wie Aggressivität und IntelligenzIntelligenz veränderbar sind oder nicht. Wir werden uns entscheiden müssen, ob wir Eiferern vertrauen wollen, die zwar zugeben, dass wir nicht gänzlich begreifen, wie die DNADNA funktioniert, aber trotzdem schon heute von der Chance, ja von der Pflicht sprechen, es besser zu machen als vier Milliarden Jahre Biologie. Aus dieser Perspektive ist die bemerkenswerteste Geschichte in Sachen DNADNA die, dass unsere Spezies lang genug überlebt hat, um sich (vielleicht) zum Herrn über die DNADNA aufzuschwingen.

An der Geschichte, die DoppelhelixDoppelhelix hält besser erzählt, wird noch geschrieben, und ich habe das Buch so strukturiert, dass jedes Kapitel die Antwort auf eine einzige Frage gibt. Die übergeordnete Erzählung beginnt in der fernen mikrobischen Vergangenheit, schreitet fort zu unseren tierischen Vorfahren, verweilt dann bei den PrimatenPrimaten und deren menschenähnlichen Konkurrenten wie den NeandertalernNeandertaler und erreicht ihren Höhepunkt bei der Entstehung moderner, kultivierter Menschen mit ihrer blumigen Sprache und ihren hypertrophen Gehirnen. Doch auch mit dem letzten Abschnitt des Buches werden nicht alle Fragen restlos beantwortet sein. Die Dinge bleiben ungewiss – das gilt besonders für die Frage, wie dieses großartige menschliche Experiment, allem auf den Grund zu gehen, was sich über unsere DNADNA in Erfahrung bringen lässt, ausgehen wird.

I A, C, G, T und Sie

Wie man eine genetische Partitur liest

1 GeneGen, Launen der Natur und die DNADNA

Wie geben Lebewesen Merkmale an ihre Nachkommen weiter?

Frost und Flammen, Feuer und Eis. Die beiden Wissenschaftler, die die ersten großen Entdeckungen auf dem Gebiet der GenetikGenetik machten, hatten zwar auch eine Menge gemeinsam – nicht zuletzt die Tatsache, dass beide vergessen waren, als sie starben, und dass kaum jemand um sie trauerte. Aber während das Vermächtnis des einen dem Feuer anheimfiel, ging das des anderen in eisiger Kälte zugrunde.

Das Feuer kam im Januar 1884, in einem Kloster in Alt Brünn, das heute zur Tschechischen Republik gehört. Die Mönche verbrachten einen ganzen Tag damit, das Büro ihres verstorbenen Abts Gregor MendelMendel, Gregor auszuräumen, und beseitigten dabei skrupellos seine Akten, indem sie sie im Innenhof des Klosters verbrannten. MendelMendel, Gregor, eigentlich ein warmherziger und tüchtiger Mann, war in seinen letzten Lebensjahren zu einer Belastung für das Kloster geworden, zum Gegenstand von Zeitungsgeschwätz und behördlichen Nachforschungen. Sogar eine Rauferei mit einem Dorfschulzen hatte MendelMendel, Gregor sich geleistet (und gewonnen). Keine Verwandten erschienen, um seine Hinterlassenschaft abzuholen, und die Mönche vernichteten MendelsMendel, Gregor Papiere, um sich von dem modernden Ballast zu befreien. Wir wissen nicht, wie die Dokumente aussahen, aber vielleicht befanden sich darunter Konvolute von losen Blättern, vielleicht auch ein Laborjournal mit neutralem Umschlag, vermutlich eingestaubt, weil es lange nicht benutzt worden war. Die vergilbten Seiten könnten voller Skizzen von Erbsenpflanzen und gespickt mit Zahlentabellen gewesen sein – MendelMendel, Gregor liebte Zahlen. All das gab wahrscheinlich, als es in Flammen aufging, nicht mehr Rauch und Asche her als andere Papiere. Doch zerstörte die Verbrennung dieser Unterlagen, vorgenommen an genau derselben Stelle, an der vor Jahren einmal MendelsMendel, Gregor Gewächshaus gestanden hatte, die einzigen originalen Niederschriften von der Entdeckung des GensGen.

Die Kälte kam im selben Winter 1884 – wie in vielen Wintern zuvor und allzu wenigen danach. Johannes Friedrich MiescherMiescher, Johannes Friedrich, ein mittelmäßiger Schweizer Professor für PhysiologiePhysiologie, befasste sich wieder einmal mit dem Lachs, genauer: mit einer Substanz – einer baumwollgrauen Paste –, die er vor Jahren aus Lachssperma gewonnen hatte. Um das leichtverderbliche Sperma vor dem Schlechtwerden an der Luft zu bewahren, musste MiescherMiescher, Johannes Friedrich die Fenster aufreißen und sein Labor auf altmodische Weise tiefkühlen, sodass er gezwungen war, sich tagein, tagaus dem Schweizer Winter auszusetzen. Dabei noch irgendetwas zu leisten erforderte übermenschliche Hingabe, aber die hätten ihm selbst Leute zugestanden, die schlecht über ihn dachten. (Zu einem früheren Zeitpunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn hatten Freunde ihn eines Nachmittags von seiner Laborbank zerren müssen, um ihn zu seiner eigenen Hochzeit zu bringen; er hatte den Gang zum Altar schlicht vergessen.) Obwohl er ein Getriebener war, hatte MiescherMiescher, Johannes Friedrich herzlich wenig vorzuweisen – die Ergebnisse seines wissenschaftlichen Lebenswerks waren überschaubar. Dennoch riss er weiterhin Jahr für Jahr die Fenster auf und fröstelte weiter, obwohl er wusste, dass ihn das langsam, aber sicher umbrachte. Und trotzdem blieb ihm die Basis jener milchiggrauen Substanz verborgen: die DNADNA.

DNADNA und GeneGen, GeneGen und DNA. Heute sind diese Wörter synonym. Hören oder lesen wir eines von ihnen, assoziieren wir blitzschnell das andere hinzu. Sie gehören zusammen wie Holmes und Watson oder WatsonWatson, James und CrickCrick, Francis. Dazu scheint es zu passen, dass MiescherMiescher, Johannes Friedrich und MendelMendel, Gregor, zwei in mönchischer Einsamkeit nur sechshundert Kilometer voneinander entfernt im deutschsprachigen Mitteleuropa arbeitende Forscher, in den 1860er Jahren DNADNA und GeneGen fast gleichzeitig entdeckten. Ja, es scheint nicht nur zu passen, sondern vom Schicksal so bestimmt gewesen zu sein.

Doch um zu verstehen, was DNADNA und GeneGen wirklich sind, müssen wir die beiden Wörter voneinander entkoppeln. Sie haben nicht dieselbe Bedeutung und hatten sie auch nie gehabt. DNADNA ist ein physisches Etwas: eine chemische Substanz, die an den Fingern klebt. Die GeneGen sind zwar ebenfalls physischer Natur, sie bestehen sogar aus langen Abschnitten von DNADNA. Aber in mancherlei Hinsicht ist es besser, sie als rein begriffliche, immaterielle Entitäten zu betrachten. Ein GenGen ist im Grunde Information und damit eher wie eine Geschichte – und DNADNA die Sprache, in der diese Geschichte geschrieben ist. DNADNA und GeneGen bilden zusammen größere Strukturen, sogenannte ChromosomenChromosom: DNA-reiche Informationsträger, die die meisten GeneGen in Lebewesen beherbergen. Die ChromosomenChromosom wiederum liegen im ZellkernZellkern, einer Bibliothek mit Instruktionen, die unseren ganzen Körper steuern.

All diese Strukturen spielen im Leben eines jeden OrganismusOrganismus und bei der VererbungVererbung eine bedeutsame Rolle. Doch obwohl sie fast gleichzeitig im 19. Jahrhundert entdeckt wurden, dauerte es fast hundert Jahre, bis die Biologen einen Zusammenhang zwischen DNADNA und GenenGen herstellten, und beide Entdecker starben, ohne ihren verdienten Ruhm erlangt zu haben. Wie GeneGen und DNADNA schließlich zu einem Gespann wurden, das ist die erste Geschichte in der Wissenschaft von der VererbungVererbung, und sie ist keineswegs abgeschlossen: Noch heute geben Bemühungen, die Beziehung zwischen GenenGen und DNADNA präziser zu fassen, der GenetikGenetik wichtige Impulse.

MendelMendel, Gregor und MiescherMiescher, Johannes Friedrich begannen mit ihren Forschungen zu einer Zeit, als volkstümliche Theorien – einige grotesk oder zum Brüllen komisch, andere auf ihre Weise genial – die Vorstellungen der Menschen von der VererbungVererbung beherrschten, und seit Jahrhunderten waren diese Volkslegenden mit ihren Ansichten darüber, wie wir verschiedene Merkmale ererben, in schillernden Farben ausgemalt worden.

Natürlich wusste jedermann, dass Kinder ihren Eltern ähneln. Rotes Haar, Neigung zu Glatzenbildung, Geisteskrankheiten, fliehendes Kinn, sogar zwei Daumen an einer Hand – all diese Merkmale konnten den genealogischen Stammbaum hinauf- und hinabverfolgt werden. Und Märchen, diese kodierten Formen des kollektiven Unbewussten, drehten sich vielfach um ein armes Wesen, das »in Wahrheit« ein Prinz oder eine Prinzessin mit königlichem Stammbaum ist, mit einem biologischen Kern, den weder Lumpen noch eine Froschgestalt entstellen können.

Das ist weitgehend Allgemeinwissen. Aber die Mechanismen der VererbungVererbung – wie genau Merkmale von Generation zu Generation weitergegeben werden – waren selbst für die klügsten Köpfe ein Rätsel. Kein Wunder, dass die bei diesem Vorgang nicht ausbleibenden Launen der Natur zu den wildesten Spekulationen führten, die noch im 19. Jahrhundert zirkulierten. Eine allgegenwärtige volkstümliche Theorie, die Theorie von der »Mutterprägung«, behauptete, dass es das Kind verunstalte, wenn die Schwangere etwas Schauriges sehe oder von heftigen Gefühlen heimgesucht werde. Eine Frau, die es sich vor der Niederkunft versagt hatte, ihr starkes Verlangen nach Erdbeeren zu befriedigen, hatte ein Baby mit roten, erdbeerförmigen Flecken auf der Haut geboren, und Gleiches, so hieß es, könnte geschehen, wenn es sich um einen Heißhunger auf Speck handelte. Eine andere Frau hatte sich den Kopf an einem Sack Kohlen gestoßen, und ihr Kind war mit schwarzem Haar auf einer – nur einer – Seite des Kopfes zur Welt gekommen. Grässlicheres berichteten Ärzte im 17. Jahrhundert: Da habe eine Frau aus Neapel, nachdem sie von Seeungeheuern erschreckt worden sei, einen Sohn mit Schuppen am Körper geboren, der nur Fisch esse und auch nach Fisch rieche. Bischöfe erzählten, den Gläubigen zur Warnung, von einer Frau, die ihren Ehemann, einen Schauspieler, hinter der Bühne verführt hatte. Er hatte den Mephisto gespielt und noch sein Kostüm getragen. Das habe zur Folge gehabt, dass ihnen ein Sohn mit Hörnern und Pferdefuß geboren worden sei. Ein einarmiger Bettler hatte eine Frau angeblich so verängstigt, dass sie einen einarmigen Sohn gebar. Schwangere, die auf einsamen Kirchhöfen urinierten, um es nicht auf belebten Straßen tun zu müssen, kämen, so hieß es, unvermeidlich mit Bettnässern nieder. Und wenn Frauen in anderen Umständen in der Schürze, also vor ihrem sich wölbenden Bauch, Holzscheite zum Ofen trugen, brächten sie einen Sohn mit grotesk langem Schniedel zur Welt. Im vielleicht einzigen überlieferten glücklichen Fall von mütterlicher Prägung hatte eine Patriotin im Paris der postrevolutionären Jahre einen Sohn mit einem Muttermal auf der Brust zur Welt gebracht, das die Umrisse einer phrygischen Mütze hatte. Für die junge französische Republik waren phrygische Mützen – diese kuriosen Hüte mit dem unförmigen Stück Stoff obendrauf – Symbole der Freiheit, und die hocherfreuten Behörden belohnten die Frau mit einer Pension auf Lebenszeit.

Ein großer Teil dieses Aberglaubens überschnitt sich mit dem Kirchenglauben, und so war es ganz natürlich, dass die Leute schwere GeburtsfehlerGeburtsfehler – Zyklopenaugen, außen liegende Herzen, Ganzkörperbehaarung – als Zeichen für die in der Bibel ausgesprochenen Warnungen vor der Sünde, dem Zorn und Richterspruch Gottes deuteten. In einem Fall hatte angeblich ein grausamer schottischer Gesetzeshüter namens Bell in den 1680er Jahren zwei religiöse Abweichlerinnen an Pfählen am Strand festgebunden und mit Schmähungen überhäuft, während die Flut stieg und über sie hinwegzuspülen begann. Nachdem die ältere ertrunken war, ersäufte er die jüngere, störrischere mit eigenen Händen. Wegen dieser Morde zur Rede gestellt, hatte Bell stets gelacht und sich den Scherz erlaubt, die Frauen dürften doch jetzt, inmitten der Krabben und Hummer, ihren Spaß haben. Dann aber erlaubte sich auch die Natur einen Scherz, und zwar mit Bell: Er heiratete, und seine Kinder kamen mit einem schweren GeburtsfehlerGeburtsfehler, mit Unterarmen, die zu furchtbaren Zangen verdreht waren, zur Welt. Diese »Hummerscheren« erwiesen sich sogar als erblich: Auch Bells Enkel und Urenkel wurden mit ihnen geboren. Man muss kein Bibelforscher sein, um zu erkennen, was diese Legende bedeuten soll: dass die Schandtat des Vaters an seinen Kindern und Kindeskindern bestraft worden war, bis in die dritte und vierte Generation. (Solche Geschichten über Babys mit »Hummerscheren« machten in Schottland noch um 1900 die Runde.)

Während die Theorie der »mütterlichen Inschriften« auf Umwelteinflüsse abhob, bezogen sich andere Erklärungsansätze eher auf vorgeprägte angeborene Eigenschaften. Diese Theorien des sogenannten PräformationismusPräformationismus basierten auf der Vorstellung vom HomunkulusHomunkulus, einem winzigen Miniaturmenschen, den die Alchimisten des Mittelalters zu kreieren versucht hatten. Der HomunkulusHomunkulus war der biologische Stein der Weisen gewesen, und wäre es gelungen, ein solches Geschöpf hervorzubringen, hätte das als Beweis gegolten, dass Alchimisten über göttliche Kräfte verfügten. (Der Schöpfungsvorgang selbst stellte sich nicht ganz so erhaben dar. Ein Rezept lautete, Sperma, Pferdedung und Urin sechs Wochen lang in einem ausgetrockneten Kürbis zu fermentieren.) Im späten 17. Jahrhundert hatten Vertreter der protowissenschaftlichen Biologie die Idee vom HomunkulusHomunkulus geklaut und die These aufgestellt, ein solcher lebe in jeder weiblichen Eizelle. Damit war die Frage, wie lebende EmbryonenEmbryo aus anscheinend toten Klümpchen Materie hervorgehen könnten, elegant aus der Welt geschafft. Denn nach präformationistischerPräformationismus Auffassung war eine Urzeugung nicht notwendig. Die Homunkulusbabys waren schon fertig vorgebildet und benötigten nur einen Auslöser wie Sperma, um zu wachsen. Allerdings warf diese Sicht ein Problem auf: Kritiker wiesen darauf hin, dass die Theorie einen unendlichen Regress impliziere, der darauf hinauslaufe, dass eine Frau all ihre künftigen Kinder und ebenso deren Kinder und wiederum deren Kinder und so fort in sich tragen müsse, so wie in russischen Matrjoschkas weitere Puppen eingebettet sind. Die einzig mögliche Schlussfolgerung für Anhänger des »OvismusOvismus« war also, dass Gott am Tag eins (das heißt am Tag sechs der Erschaffung der Welt) das gesamte Menschengeschlecht in Evas Eierstöcke gestopft hatte. Für »Spermisten« stellte sich die Sache noch schwieriger dar: Ihrer Theorie zufolge hätte Adam die ganze Menschheit in seinen noch kleineren Spermien haben müssen. Als die ersten Mikroskope aufkamen, glaubten einige Spermisten allen Ernstes, in Samenflüssigkeit kleine Menschlein herumschwimmen zu sehen. OvismusOvismus und SpermismusSpermismus fanden Akzeptanz zum Teil deshalb, weil mit ihnen die Erbsünde erklärt werden konnte: Wir alle befanden uns schon in Adam und Eva, als sie aus dem Paradies vertrieben wurden, und sind demzufolge mit ihrem Makel behaftet. Der SpermismusSpermismus führte aber ebenso zu theologischen Verlegenheiten: Denn was geschah mit den unendlich vielen ungetauften Seelen, die immer, wenn ein Mann ejakulierte, zugrunde gingen?

Doch so poetisch oder herrlich schlüpfrig diese Theorien auch waren, zu MieschersMiescher, Johannes Friedrich Zeiten hatten die Biologen dafür nur Spott übrig; für sie waren das Altweibergeschichten. Diese Männer wollten wilde Anekdoten und ungreifbare »Lebenskräfte« aus der Wissenschaft verbannen und VererbungVererbung und Entwicklung ausschließlich auf chemische Prozesse zurückführen.

MiescherMiescher, Johannes Friedrich hatte ursprünglich gar nicht vorgehabt, sich dieser Bewegung zur Entmystifizierung des Lebens anzuschließen. Als junger Mann hatte er in seiner Schweizer Heimat Medizin studiert – in seiner Familie war der Arztberuf Tradition. Eine typhusartige Infektion in der Kindheit hatte ihn jedoch schwerhörig und damit unfähig gemacht, mit dem Stethoskop zu arbeiten oder das Bauchwehgejammere eines bettlägerigen Kranken zu hören, weshalb sein Vater, ein angesehener Gynäkologe, ihm vorgeschlagen hatte, in die Forschung zu gehen. So fing der junge MiescherMiescher, Johannes Friedrich 1868 im Tübinger Labor des Biochemikers Felix Hoppe-SeylerHoppe-Seyler, Felix als Assistent an. Hoppe-SeylerHoppe-Seyler, Felix war mit seinem Labor in einem eindrucksvollen mittelalterlichen Schloss untergekommen, allerdings nur im höfischen Waschkeller; für MiescherMiescher, Johannes Friedrich fand er Platz im Nebenraum, der ehemaligen Küche.

Hoppe-SeylerHoppe-Seyler, Felix wollte die in menschlichen Blutzellen vorkommenden biochemischen Substanzen katalogisieren. Und da er die roten Blutkörperchen bereits erforscht hatte, überließ er die weißen Blutzellen MiescherMiescher, Johannes Friedrich – eine für seinen neuen Assistenten schicksalhafte Entscheidung, da die weißen Blutkörperchen im Unterschied zu den roten eine winzige Kapsel, den sogenannten ZellkernZellkern, enthalten. Die meisten Forscher ignorierten diese Kapsel damals, da sie keine Funktion zu haben schien, und konzentrierten sich stattdessen auf das ZytoplasmaZytoplasma, die zähflüssige Substanz, die den größten Teil einer Zelle ausmacht. Doch die Gelegenheit, etwas Unbekanntes zu analysieren, reizte MiescherMiescher, Johannes Friedrich.

In diesem Labor, einer renovierten Küche im Keller eines Tübinger Schlosses, entdeckte Friedrich MiescherMiescher, Johannes Friedrich (Nebenbild) die DNADNA. (Bibliothek der Universität Tübingen)

Um den ZellkernZellkern studieren zu können, benötigte MiescherMiescher, Johannes Friedrich regelmäßig neue weiße Blutkörperchen. Er wandte sich an ein örtliches Krankenhaus. Es war – jedenfalls seinem Ruf zufolge – auf Kriegsveteranen spezialisiert, die am Rande des Schlachtfelds grauenvolle Amputationen und anderes Unglück hatten ertragen müssen. Wie auch immer, das Hospital beherbergte viele langwierig Kranke, und jeden Tag sammelte ein Krankenpfleger die gelblichen, mit Eiter vollgesogenen Verbände ein und brachte sie MiescherMiescher, Johannes Friedrich. Der Eiter verkam an der Luft oft zu Schleim, und MiescherMiescher, Johannes Friedrich musste an allen Bandagen riechen und die mit fauligem Geruch – das waren die meisten – wegwerfen. Doch was an »frischem« Eiter zurückblieb, war voll von weißen Blutkörperchen.

Voller Ehrgeiz – aber auch voller Zweifel an seiner Begabung – stürzte sich MiescherMiescher, Johannes Friedrich in das Studium des ZellkernsZellkern, so als könnte der bloße Arbeitsaufwand anderweitige Defizite wettmachen. Dabei setzte er sich täglich allen möglichen Chemikalien aus. Ein Kollege beschrieb ihn später als jemanden, der »von einem Dämon getrieben« sei. Ohne diese Hingabe hätte MiescherMiescher, Johannes Friedrich seine Entdeckung wohl auch nicht machen können, da sich die entscheidende Substanz innerhalb des ZellkernsZellkern als schwer fassbar erwies. Um die Zellmembranen aufzulösen, wusch er seinen Eiter zunächst in warmem Alkohol, dann in einem aus Schweinemagen gewonnenen Säureextrakt. Mit diesem Verfahren gelang es ihm, eine graue Paste zu isolieren. In der Annahme, es handle sich um ProteinProtein, führte er nun Tests durch, um die organische Verbindung zu identifizieren. Doch die Paste widerstand allen Versuchen, das vermeintliche ProteinProtein zu zerlegen, und löste sich, anders als jedes bekannte ProteinProtein, weder in Salzwasser noch in kochendheißem Essig noch in verdünnter Salzsäure auf. Also versuchte MiescherMiescher, Johannes Friedrich es mit chemischer Elementaranalyse und verkohlte die Paste, bis sie zerfiel. Er gewann die erwarteten Elemente Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, fand aber auch 3 Prozent Phosphor, ein Element, das in ProteinenProtein nicht vorkommt. Überzeugt, etwas Einzigartiges entdeckt zu haben, gab er der Substanz den Namen »NukleinNuklein« – sie war das, was die Wissenschaftler später als deoxyribonucleic acid oder DNADNA [deutsch auch DNSDNS für Desoxyribonukleinsäure; der Übers.] bezeichnen sollten.

MiescherMiescher, Johannes Friedrich brachte seine Ergebnisse zu Papier, feilte ein Jahr lang daran und schaute dann im Herbst 1869 im herrschaftlichen Waschkeller vorbei, um die Arbeit Hoppe-SeylerHoppe-Seyler, Felix zu zeigen. Doch von Freude darüber weit entfernt, hob der ältere Wissenschaftler nur die Augenbrauen und brachte Zweifel an dem Befund seines Assistenten zum Ausdruck, dass der ZellkernZellkern irgendeine spezielle, nicht-proteinartige Substanz enthalte. Er musste einen Fehler gemacht haben, ganz sicher. MiescherMiescher, Johannes Friedrich protestierte, aber Hoppe-SeylerHoppe-Seyler, Felix bestand darauf, die Experimente des jungen Mannes selbst zu wiederholen – Schritt für Schritt, Bandage für Bandage –, bevor er ihm erlaubte, seine Ergebnisse zu veröffentlichen. Hoppe-SeylersHoppe-Seyler, Felix Herablassung kann für MieschersMiescher, Johannes Friedrich Selbstvertrauen nicht förderlich gewesen sein (er hat nie wieder so schnell gearbeitet). Und selbst nach erneuter zweijähriger Arbeit, die zeigte, dass MiescherMiescher, Johannes Friedrich recht hatte, beharrte Hoppe-SeylerHoppe-Seyler, Felix darauf, einen eigenen, MieschersMiescher, Johannes Friedrich Publikation begleitenden Aufsatz zu schreiben, in dem er den Verfasser spöttisch dafür lobte, unsere »Kenntnis der Zusammensetzung des Eiters gefördert« zu haben. Dennoch ging MiescherMiescher, Johannes Friedrich 1871 als Entdecker der DNADNA in die Wissenschaftsgeschichte ein.

Rasch warfen einige parallel gemachte Entdeckungen mehr Licht auf MieschersMiescher, Johannes Friedrich MolekülMolekül. Die wichtigste war die Erkenntnis eines deutschen Protegés von Hoppe-SeylerHoppe-Seyler, Felix, dass NukleinNuklein aus verschiedenen kleineren MolekülenMolekül besteht, unter anderem aus Phosphaten und Zuckern (den namengebenden De[s]oxyribose-Zuckern) sowie aus vier gewundenen chemischen Substanzen, die heute als »NukleinbasenNukleinbasen« bezeichnet werden: AdeninAdenin, CytosinCytosin, GuaninGuanin und ThyminThymin. Doch niemand wusste, wie diese Bestandteile zusammenpassten; die DNADNA schien befremdlich heterogen und unbegreifbar.

(Heute wissen die Biochemiker, was jeder dieser Bestandteile zum Bau der DNADNA beiträgt. Das MolekülMolekül bildet eine DoppelhelixDoppelhelix – stellen Sie sich eine korkenzieherartig verdrehte Leiter vor. Die Holme der Leiter sind Stränge aus alternierenden Phosphaten und Zuckern, die Sprossen – die wichtigsten Teile – bestehen aus je zwei NukleinbasenNukleinbasen, die sich auf bestimmte Weise paaren: AdeninAdenin, A, verbindet sich immer mit ThyminThymin, T, und CytosinCytosin, C, immer mit GuaninGuanin, G. Das ist übrigens leicht zu merken: Es verbinden sich miteinander die runden Buchstaben C und G sowie die eckigen Buchstaben A und T.)

Weitere Entdeckungen förderten die wachsende Bedeutung der DNADNA als Forschungsgegenstand. So fanden Wissenschaftler heraus, dass die Zellen bei jeder Teilung ihre ChromosomenChromosom sorgfältig aufteilen. Das ließ darauf schließen, dass die ChromosomenChromosom für irgendetwas wichtig waren, sonst würden sich die Zellen diese Mühe nicht machen. Eine andere Forschergruppe stellte fest, dass die ChromosomenChromosom vollständig und unversehrt von den Eltern auf die Kinder übergehen. Und ein deutscher Chemiker stieß darauf, dass ChromosomenChromosom zum größten Teil aus nichts anderem bestehen als aus DNADNA. Diese Konstellation einzelner Funde – es gehörte ein bisschen Phantasie dazu, die Verbindungslinien zu ziehen, um das große Bild zu erkennen – brachte ein kleines Team von Biologen zu der Annahme, dass die DNADNA eine unmittelbare Rolle bei der VererbungVererbung spielen könnte. Das NukleinNuklein faszinierte die Menschen.

MiescherMiescher, Johannes Friedrich hatte enormes Glück, dass das NukleinNuklein zu einem respektablen Objekt solider Forschung wurde; andernfalls wäre seine Karriere beendet gewesen. Nach seiner Zeit in Tübingen kehrte er nach Basel zurück, wo ihm sein neues Institut jedoch ein eigenes Labor verweigerte – man teilte ihm eine Ecke in einem Gemeinschaftsraum zu, und chemische Analysen musste er in einem alten Korridor durchführen (die Schlossküche sah aus dieser Perspektive nun gar nicht mehr so schlecht aus). Zu seinem neuen Job gehörte auch ein Lehrauftrag. Aber MiescherMiescher, Johannes Friedrich hatte ein distanziertes, ja frostiges Gebaren – er gehörte zu denen, die sich unter Menschen nicht wohlfühlen –, und obwohl er sich mit seinen Vorlesungen viel Mühe gab, erwies er sich als pädagogische Katastrophe. Seine Studenten erinnerten sich an ihn als jemand, der »etwas Unsicheres und Unstetes« an sich hatte, »kurzsichtig« und »schwerhörig« war, in Anspruch genommen »durch seine lebhafte innere, geistige Tätigkeit«. Wir stellen uns die Helden der Wissenschaft gern als elektrisierende Persönlichkeiten vor, aber MiescherMiescher, Johannes Friedrich hatte keine Spur von Charisma.

Die Erkenntnis, ein grausam schlechter Lehrer zu sein, zehrte weiter an MieschersMiescher, Johannes Friedrich Selbstwertgefühl und führte dazu, dass er sich wieder der Forschung widmete. Statt in Eiter versuchte er der DNADNA jetzt in Sperma auf den Grund zu kommen und hielt damit an dem fest, was ein Kommentator seinen »Fetisch, anrüchige Flüssigkeiten zu untersuchen« genannt hat. Spermien sind im Wesentlichen nukleinbestückte Geschosse, das heißt sie enthalten jede Menge DNADNA ohne viel ZytoplasmaZytoplasma, das für MieschersMiescher, Johannes Friedrich Forschungen irrelevant war. MiescherMiescher, Johannes Friedrich hatte auch eine günstig gelegene Quelle für Sperma, und zwar in den Lachsschwärmen, die jeden Herbst und Winter den nahe der Universität vorbeifließenden Rhein verstopften. In der Laichzeit wachsen Lachshoden wie Tumore, schwellen auf das Zwanzigfache ihrer normalen Größe an und wiegen dann oft mehr als ein Pfund. Um Lachse zu fangen, konnte MiescherMiescher, Johannes Friedrich praktisch die Angelrute aus seinem Laborfenster hängen. Die »reifen« Hoden presste er durch ein Seihtuch und isolierte auf diese Weise Millionen von verwirrten kleinen Schwimmern. Die Kehrseite war, dass das Lachssperma bei für den Menschen angenehmen Temperaturen verdarb, weshalb MiescherMiescher, Johannes Friedrich in den kalten Morgenstunden vor Sonnenaufgang im Labor sein musste, um die Fenster aufzureißen, und erst wenn die Temperatur auf etwa 2 Grad Celsius gefallen war, konnte er mit der Arbeit beginnen. Und wenn Laborglas zu Bruch ging, musste er wegen seines schmalen Budgets manchmal von dem hauchdünnen Chinaporzellan seiner lieben Ehefrau stibitzen, um Experimente zu Ende zu führen.

Aus diesen Forschungen wie auch aus den von Kollegen an anderen Zellen durchgeführten Untersuchungen schloss MiescherMiescher, Johannes Friedrich, dass alle ZellkerneZellkern DNADNA enthalten. Er schlug sogar vor, die in einer Vielzahl von Größen und Formen vorkommenden ZellkerneZellkern grundsätzlich als DNA-TrägerDNADNA-Träger zu definieren – vielleicht ein letzter Griff nach Ruhm, obwohl er sich über seine Reputation keine großen Gedanken machte. Es hätte ja sein können, dass sich die DNADNA als relativ bedeutungslos erwies – dann hätte er zumindest herausgefunden, was es mit dem rätselhaften ZellkernZellkern auf sich hatte. Aber es sollte nicht sein. Obwohl MiescherMiescher, Johannes Friedrich, wie wir heute wissen, im Großen und Ganzen recht hatte mit seiner Definition des ZellkernsZellkern, wiesen die Kollegen seine Anregung zurück; es gab einfach noch zu wenig Indizienbeweise für ihre Richtigkeit. Und selbst wenn sie sie akzeptiert hätten – MieschersMiescher, Johannes Friedrich These, dass die DNADNA Einfluss auf die VererbungVererbung habe, hätten sie auf keinen Fall zugestimmt. Dass MiescherMiescher, Johannes Friedrich keinerlei Vorstellung hatte, worin dieser Einfluss bestehen könnte, machte seine These nicht attraktiver. Wie viele Biologen damals bezweifelte er, dass die Samen etwas in die Eizellen injizieren, zum Teil, weil er annahm – ein Nachhall der Homunkulustheorie –, dass die Eizellen alles für das Leben Notwendige bereits enthielten. Stattdessen stellte er sich vor, dass Spermanuklein als eine Art chemischer Impulsgeber fungiere und den Anstoß für die Entwicklung der Eizellen gebe. Leider fand MiescherMiescher, Johannes Friedrich wenig Zeit, um solchen Vorstellungen nachzugehen und sie zu verteidigen. Er musste noch immer unterrichten, und die Behörde überhäufte ihn mit »undankbaren und öden« Aufgaben, etwa mit der Berichterstattung über die Ernährung in Gefängnissen und Grundschulen. Auch forderte die jahrelange Arbeit bei offenen Fenstern, viele Schweizer Winter hindurch, nun ihren Tribut, und er erkrankte an Tuberkulose. Schließlich gab er die Forschungen in Sachen DNADNA ganz auf.

Zur selben Zeit sahen sich andere Forscher in ihren Zweifeln an der DNADNA so sehr bestätigt, dass sie auf strikten Oppositionskurs gingen. Dazu trug vor allem eine wichtige Entdeckung bei: An ChromosomenChromosom war mehr dran war als Phosphate, Zucker und A-, C-, G- und T-Basen. ChromosomenChromosom enthielten auch Proteinklumpen, die als aussichtsreichere Kandidaten zur Erklärung der chemischen VererbungVererbung betrachtet wurden. Der Grund dafür war, dass ProteineProtein, wie man wusste, aus zwanzig verschiedenen, als »AminosäurenAminosäure« bezeichneten Untereinheiten bestehen. Jede dieser Untereinheiten diente vielleicht als »Buchstabe« zur Niederschrift chemischer Instruktionen, und die Verschiedenheit zwischen diesen Buchstaben schien groß genug, um die überwältigende Mannigfaltigkeit des Lebens zu erklären. Verglichen damit schien das A, C, G und T der DNADNA, ein aus vier Buchstaben bestehendes Kauderwelsch-Alphabet mit begrenzter Ausdruckskraft, allzu einfach und langweilig. Aus diesen Überlegungen folgerten die meisten Biologen, dass DNADNA Phosphor für Zellen speichere, sonst nichts.

Leider begann selbst MiescherMiescher, Johannes Friedrich daran zu zweifeln, ob in DNADNA genügend alphabetische Vielfalt stecke. Auch er versuchte es mit den ProteinenProtein als Schlüssel zur VererbungVererbung und entwickelte eine Theorie, nach der die ProteineProtein Informationen dadurch kodierten, dass sie in verschiedenen Winkeln molekulare Arme und Zweige herausstreckten – eine Art chemisches Formsignal. Noch immer nicht klar war allerdings, wie die Spermien diese Informationen an die Eizellen weitergaben, und so wurde MieschersMiescher, Johannes Friedrich Verwirrung immer größer. Gegen Ende seines Lebens wandte er sich wieder der DNADNA zu und behauptete, dass sie doch eine Rolle bei der Vererbung spieleVererbung. Er kam aber nur langsam voran, unter anderem, weil er mehr und mehr Zeit in hochgelegenen Tuberkulosesanatorien verbringen musste. Bevor er hieb- und stichfeste Ergebnisse vorlegen konnte, zog er sich 1895 eine Lungenentzündung zu, an der er wenig später starb.

Die nachfolgende Forschung versuchte weiter, MieschersMiescher, Johannes Friedrich Grundthese zu diskreditieren, indem sie der Überzeugung Nachdruck verlieh, dass, selbst wenn die ChromosomenChromosom die VererbungVererbung steuern sollten, die Informationen in den ProteinenProtein und nicht in der DNADNA enthalten seien. Nach MieschersMiescher, Johannes Friedrich Tod versammelte sein Onkel, ebenfalls Wissenschaftler, die Schriften und Korrespondenz des Neffen in einem zweibändigen Werk. Im Vorwort schrieb er: »Die Würdigung MiescherMiescher, Johannes Friedrich’s und seiner Arbeiten wird mit der Zeit nicht abnehmen, sondern wachsen, und die von ihm gefundenen Tatsachen und Gedanken sind Keime, denen noch eine fruchtbringende Zukunft bevorsteht.« Schöne Worte, aber diese Hoffnung muss ihm selbst töricht vorgekommen sein: In den Nachrufen auf MiescherMiescher, Johannes Friedrich wurden seine Forschungen in Sachen NukleinNuklein kaum erwähnt – die DNADNA, ebenso wie MiescherMiescher, Johannes Friedrich selbst, schien kaum der Rede wert.

Immerhin starb MiescherMiescher, Johannes Friedrich als bekannter Wissenschaftler. Gregor MendelMendel, Gregor dagegen machte sich zu Lebzeiten nur mit Skandalen einen Namen.

MendelMendel, Gregor hat zugegeben, nicht aus einem frommen Impuls Augustinermönch geworden zu sein, sondern weil er wusste, dass sein Orden sein Studium finanzieren und seine Rechnungen begleichen würde. Als Bauernsohn hatte er nur deshalb zur Schule gehen können, weil ein Onkel das Schulgeld übernommen hatte; und der Besuch des Gymnasiums war ihm allein deshalb möglich gewesen, weil seine Schwester einen Teil ihrer Mitgift geopfert hatte. Aber mit der Kirche als zahlungskräftigen Partner im Rücken konnte MendelMendel, Gregor an der Universität Wien Naturwissenschaften studieren und bei Christian DopplerDoppler, Christian, der den gleichnamigen Effekt postuliert hatte, die Technik der Versuchsanordnung erlernen. (MendelsMendel, Gregor ersten Aufnahmeantrag hatte DopplerDoppler, Christian allerdings abgelehnt – vielleicht, weil MendelMendel, Gregor, wie so oft, auch diesmal bei der Prüfung einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.)

Der Abt von St. Thomas, MendelsMendel, Gregor Kloster, bestärkte den jungen Mönch in seinem Interesse an Naturwissenschaft und Statistik zum Teil aus Geldgier: Er glaubte, naturwissenschaftlich betriebene Landwirtschaft würde bessere Schafe, Obstbäume und Weinstöcke hervorbringen und dazu beitragen, dass das Kloster aus den Schulden käme. MendelMendel, Gregor hatte aber genug Zeit, auch andere Interessen zu verfolgen, etwa Sonnenflecken zu kartografieren und Wirbelstürmen auf den Grund zu gehen. Außerdem unterhielt er ein Bienenhaus (wobei sich eine der Arten, die er gezüchtet hatte, als so böse und rachsüchtig erwies, dass sie wieder vernichtet werden musste) und beteiligte sich an der Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Meteorologie.

Anfang der 1860er, kurz bevor MiescherMiescher, Johannes Friedrich von der medizinischen Fakultät in die chemische Forschung wechselte, begann MendelMendel, Gregor in der Gärtnerei von St. Thomas mit einigen nur scheinbar einfachen Experimenten an Erbsenpflanzen. Abgesehen davon, dass er dieses Gemüse gern aß und immer vorrätig haben wollte, hatte er sich für Erbsen deshalb entschieden, weil sich mit ihnen komplikationslos experimentieren ließ. Da weder Bienen noch der Wind seine Erbsenblüten bestäuben konnten, hatte er die Kontrolle darüber, welche Pflanze sich mit welcher fortpflanzte. Außerdem gefiel ihm die binäre Entweder-oder-Natur von Erbsen: Die Pflanzen hatten entweder lange oder kurze Stiele, grüne oder gelbe Schoten, schrumpelige oder glatte Erbsen, nichts dazwischen. MendelsMendel, Gregor erste bedeutsame Erkenntnis lautete daher, dass einige Merkmale über andere »dominieren«. So brachte die Kreuzung von reinrassigen Pflanzen mit grünen Erbsen und reinrassigen Pflanzen mit gelben Erbsen nur Pflanzen mit gelben Erbsen hervor: Gelb dominierte. Wichtig war aber, dass das Merkmal Grün nicht verschwand. Als MendelMendel, Gregor die gelberbsigen Pflanzen der zweiten Generation miteinander kreuzte, erwuchsen daraus einige Pflanzen mit grünen Erbsen – auf drei dominante gelbe kam eine latente, »rezessive« grüne. Das Verhältnis von 3:1* trat auch bei anderen Merkmalen auf.

Genauso bedeutsam war MendelsMendel, Gregor Erkenntnis, dass die Dominanz oder Rezessivität eines Merkmals keinen Einfluss darauf hatte, ob ein anderes Merkmal dominant oder rezessiv war – jedes Merkmal war unabhängig. So konnte eine rezessiv-kleine Pflanze dominant-gelbe Erbsen haben und eine dominant-große Pflanze rezessiv-grüne Erbsen. Jedes der sieben Merkmale, die MendelMendel, Gregor untersuchte – darunter glatte (dominant) versus schrumpelige (rezessiv) Erbsen und lila (dominant) versus weiße (rezessiv) Blüten –, wurde unabhängig von den anderen Merkmalen vererbt.

Dank dieser Fokussierung auf gesonderte, unabhängige Merkmale war MendelMendel, Gregor erfolgreich, wo andere an VererbungVererbung interessierte Gärtner gescheitert waren. Hätte MendelMendel, Gregor versucht zu beschreiben, wie ähnlich eine Pflanze ihren »Eltern« insgesamt sei, so hätte er zu viele Merkmale in Betracht ziehen müssen. Die Pflanzen wären ihm als verwirrende Collagen aus »Vater« und »Mutter« erschienen. (Charles DarwinDarwin, Charles, der ebenfalls Erbsen züchtete und mit ihnen experimentierte, scheiterte bei dem Versuch zu verstehen, wie sie ihre Erbanlagen weitergeben, zum Teil aus diesem Grund.) Doch indem er sein Augenmerk auf immer nur ein Merkmal einengte, konnte MendelMendel, Gregor erkennen, dass jedes von einem eigenen Faktor beherrscht wurde. Er hat das Wort nie verwendet, aber damit hatte er die vererbbaren eigenständigen Faktoren entdeckt, die wir heute als GeneGen bezeichnen. MendelsMendel, Gregor Erbsen waren der Newton’sche Apfel der Biologie.

Neben seinen qualitativ wertvollen Entdeckungen stellte MendelMendel, Gregor die GenetikGenetik aber auch auf ein solides quantitatives Fundament. Als Anhänger der statistischen Verfahren der Meteorologie, der Übersetzung täglicher Barometer- und Thermometermessungen in zusammengesetzte Klimadaten, abstrahierte er mit derselben Methode von individuellen Pflanzen auf die allgemeinen Gesetze der VererbungVererbung. Tatsächlich verstummen seit fast einem Jahrhundert die Gerüchte nicht, er habe sich von seiner Liebe zu vollkommen stimmigen Daten dazu verleiten lassen, Zahlen zu fälschen.

Wenn Sie tausendmal eine Münze werfen, bekommen Sie ungefähr fünfhundertmal Kopf und fünfhundertmal Zahl; es ist aber unwahrscheinlich, dass Sie exakt je fünfhundertmal das eine und das andere bekommen, da jeder Wurf unabhängig und das Ergebnis zufällig ist. Genauso liegen die Daten von Experimenten aufgrund der zufälligen Abweichungen immer ein bisschen höher oder niedriger, als die Theorie vorhersagt. MendelMendel, Gregor dürfte daher nur ungefähr ein Verhältnis von 3:1 zwischen großen und kleinen Pflanzen (oder anderen betrachteten Merkmalen) erhalten haben. Gleichwohl behauptete er, bei seinen Tausenden von Erbsen geradezu platonisch perfekte Verhältnisse von 3:1 vorgefunden zu haben, was den Argwohn moderner Genetiker geweckt hat. Ein moderner Faktenprüfer hat errechnet, die Wahrscheinlichkeit, dass MendelMendel, Gregor – allerdings bei Buchführung und meteorologischen Experimenten ein Pedant in Sachen numerischer Genauigkeit – auf redliche Weise zu seinen Resultaten gekommen ist, sei kleiner als 1:10000. Viele Wissenschaftshistoriker haben MendelMendel, Gregor im Laufe der Jahre verteidigt oder behauptet, er habe seine Daten unbewusst manipuliert, da die Standards für die Aufzeichnung von Daten damals andere gewesen seien. (Ein Sympathisant erfand sogar ohne jede faktische Grundlage einen übereifrigen Hilfsgärtner, dem bekannt gewesen sei, welche Zahlen MendelMendel, Gregor wünschte, und daher heimlich Pflanzen ausgesondert habe, um seinem Chef einen Gefallen zu tun.) Da MendelsMendel, Gregor originale Labornotizen nach seinem Tod verbrannt wurden, können wir nicht prüfen, ob er die Zahlen frisiert hat. Aber Hand aufs Herz: Wenn MendelMendel, Gregor wirklich geschummelt haben sollte, wäre seine Leistung dann nicht noch bemerkenswerter? Würde das doch bedeuten, dass er die richtige Antwort – das goldene Verhältnis von 3:1 in der GenetikGenetik – gewusst hätte, bevor er genügend Indizien für ihre Richtigkeit besaß. Vielleicht wollte der Mönch mit den angeblich falschen Daten auch einfach nur die Launen realer Experimente korrigieren, um seine Daten überzeugender zu machen, damit andere mit eigenen Augen sehen könnten, was ihm wie durch Offenbarung zuteil geworden war.

Wie auch immer, zu MendelsMendel, Gregor Lebzeiten schöpfte niemand Verdacht, dass er gemogelt haben könnte – schon, weil sich niemand dafür interessierte. Als er 1865 bei einer Konferenz einen Vortrag über die VererbungVererbung bei Erbsen hielt, »reagierten die Zuhörer«, so ein Historiker, »wie Zuhörer immer reagieren, wenn ihnen zu viel MathematikMathematik zugemutet wird: Es wurden keine Fragen gestellt, es gab keine Diskussion.« Kein Grund, sich zu ärgern. Aber als MendelMendel, Gregor seine Ergebnisse im darauffolgenden Jahr veröffentlichte, erntete er wieder nur Schweigen.

MendelMendel, Gregor forschte noch ein paar Jahre weiter, doch schwand seine Chance, wissenschaftlich zu Ansehen zu kommen, 1868, als sein Kloster ihn zum Abt wählte. Da er nie Verwaltungsarbeiten geleistet hatte, musste er viel lernen, und das tägliche Kopfzerbrechen darüber, St. Thomas im Fahrwasser zu halten, beschnitt die Zeit, die er dem Gartenbau widmen konnte. Darüber hinaus machten die mit seiner herausgehobenen Position verbundenen Annehmlichkeiten, wie gutes Essen und Zigarren (MendelMendel, Gregor rauchte bis zu zwanzig Stück am Tag und wurde so fett, dass sein Ruhepuls manchmal 120 überschritt), ihn träge und minderten seine Freude an den Gärten und Gewächshäusern. Ein Besucher erinnerte sich später, dass Abt MendelMendel, Gregor mit ihm einen Gang durch die Gärten gemacht und begeistert auf die Blütenpracht und die reifen Birnen gedeutet habe; auf seine Experimente angesprochen, habe er aber, fast peinlich berührt, sofort das Thema gewechselt. (Der Frage, wie er es geschafft habe, Erbsen zu züchten, die immer groß ausfallen, sei MendelMendel, Gregor ausgewichen: »Es ist nur ein kleiner Kniff, aber damit ist eine lange Geschichte verbunden, die zu lang ist, um hier erzählt zu werden.«)

MendelsMendel, Gregor wissenschaftliche Karriere verkümmerte auch deshalb, weil er immer mehr Zeit mit Gezänk über politische Themen verschwendete, vor allem über die Trennung von Kirche und Staat (im Unterschied zu dem kühlen MiescherMiescher, Johannes Friedrich konnte MendelMendel, Gregor – was aus seinen wissenschaftlichen Schriften nicht hervorgeht – ein Hitzkopf sein). MendelMendel, Gregor trat – als nahezu einziger katholischer Abt seines Landes – öffentlich für den politischen Liberalismus ein, doch die Liberalen, die Österreich 1874 regierten, hintergingen ihn und machten den steuerfreien Status der Klöster rückgängig. 7300 Gulden jährlich verlangten die Behörden von St. Thomas, zehn Prozent seines geschätzten Wertes. Als der betrogene MendelMendel, Gregor empört nur einen Teil des Betrags zahlte und sich weigerte, den Rest zu berappen, konfiszierten die Behörden Ländereien der zu St. Thomas gehörenden Güter. Sie schickten sogar einen Dorfschulzen, um Besitztümer direkt aus dem Kloster zu pfänden. Im vollen Ornat stellte MendelMendel, Gregor seinen Gegenspieler vor dem Haupttor, blickte ihm fest in die Augen und forderte ihn auf, ihm den Schlüssel aus der Tasche zu ziehen. Der Dorfschulze machte mit leeren Händen kehrt.

Insgesamt aber erreichte MendelMendel, Gregor wenig mit seinen Bemühungen, die Rücknahme des neuen Gesetzes zu erreichen. Er wurde zu einem wunderlichen Kauz, forderte Zinsen auf konfiszierte Einkünfte und schrieb lange Briefe an Abgeordnete über obskure Punkte der Besteuerung kirchlichen Eigentums. Ein Anwalt seufzte, MendelMendel, Gregor sei voller Argwohn und sehe überall nur Feinde, Verräter und Intriganten. Die »Affäre MendelMendel, Gregor« machte den einstigen Wissenschaftler in Wien berühmt-berüchtigt. Sie war es auch, die seinen Nachfolger in St. Thomas zu der Überzeugung brachte, dass MendelsMendel, Gregor Manuskripte nach seinem Tod verbrannt werden sollten, um den Streit zu beenden und dem Kloster das Gesicht zu wahren. Die Notizen, die die Experimente mit den Erbsen beschrieben, gehörten, so betrachtet, zu den nebensächlichen Dingen, die der Vernichtung anheimfielen.

MendelMendel, Gregor starb 1884, nicht lange nach den Querelen von Staat und Kirche. Seine Haushälterin fand ihn steif und aufrecht auf dem Sofa sitzend; Herz und Nieren hatten versagt. Wir wissen das, weil MendelMendel, Gregor aus Angst, lebendig begraben zu werden, um vorsorgliche Autopsie gebeten hatte. In gewissem Sinne aber erwies sich MendelsMendel, Gregor Sorge, vorschnell begraben zu werden, als prophetisch. In den ersten fünfunddreißig Jahren nach seinem Tod wurde seine heute klassische Studie über die VererbungVererbung von ganzen elf Wissenschaftlern zitiert. Und diese elf (die meisten von ihnen Agrarwissenschaftler) sahen in seinen Experimenten nur leidlich interessante Anleitungen zur Züchtung von Erbsen und nicht etwa allgemeine Aussagen zum Thema VererbungVererbung. Die Wissenschaftler hatten MendelsMendel, Gregor Theorien in der Tat zu früh begraben.

Die Biologen machten jedoch ständig Entdeckungen an Zellen, die MendelsMendel, Gregor Thesen bestätigten. Die bedeutsamste war, dass sich verschiedene Merkmale mit verschiedenen Häufigkeitsverhältnissen vererben, woraus man schloss, dass die ChromosomenChromosom die Erbinformationen separat weitergaben; für die Häufigkeitsverhältnisse bei der VererbungVererbung galt also dasselbe, was MendelMendel, Gregor in Bezug auf die VererbungVererbung der Merkmale selbst entdeckt hatte. So kam es, dass drei Biologen, die um 1900 unabhängig voneinander auf MendelsMendel, Gregor Artikel über die Erbsen gestoßen waren, erkannten, wie sehr dieser Text ihre eigene Arbeit widerspiegelte, und beschlossen, den Mönch wiederauferstehen zu lassen.

MendelMendel, Gregor soll einem Mitbruder einmal prophezeit haben: »Meine Zeit wird kommen.« Und wie sie kam! Nach 1900 verbreitete sich der »MendelismusMendelismus« so rasch und mit so viel ideologischem Eifer, dass er anfing, Charles DarwinsDarwin, Charles natürlicher AusleseAuslesenatürliche Auslese als vorherrschender biologischer Theorie Konkurrenz zu machen. Viele Genetiker hielten DarwinismusDarwinismus und MendelismusMendelismus für völlig unvereinbar – und einigen gefiel sogar die Aussicht, DarwinDarwin, Charles in dieselbe historische Vergessenheit stoßen zu können, wie sie Friedrich MiescherMiescher, Johannes Friedrich und Gregor MendelMendel, Gregor erfahren hatten.

2 DarwinDarwin, Charles vor dem Niedergang

Warum haben Genetiker versucht, die natürliche AusleseAuslesenatürliche Auslese zu unterbinden?

So sollte ein NobelpreisträgerNobelpreisträger seine Zeit nun wahrlich nicht verbringen müssen. Ende 1933, kurz nachdem ihm die höchste Auszeichnung zuteil geworden war, die es für Naturwissenschaftler gibt, erhielt Thomas Hunt MorganMorgan, Thomas Hunt von seinem langjährigen Assistenten Calvin BridgesBridges, Calvin eine Nachricht, aus der hervorging, dass BridgesBridges, CalvinBridges, Calvin’ Libido ihn in Schwierigkeiten gebracht hatte. Wieder einmal.

Ein paar Wochen zuvor hatte er auf einer langen Bahnreise eine Frau aus Harlem kennengelernt. Sie hatte es geschafft, sich sein Vertrauen zu erschleichen und ihn davon zu überzeugen, dass sie eine indische Prinzessin sei und dass ihr märchenhaft reicher Vater, ein Maharadscha, auf dem Subkontinent gerade – Zufall über Zufall – ein wissenschaftliches Institut für Fruchtfliegengenetik ins Leben gerufen habe, eine Einrichtung für Forschungen ausgerechnet auf dem Gebiet, auf dem BridgesBridges, Calvin zusammen mit MorganMorgan, Thomas Hunt arbeitete. Und da ihr Vater einen Mann suche, der das Institut leiten könne, hatte sie BridgesBridges, Calvin den Job angeboten. BridgesBridges, Calvin, ein CasanovaCasanova, Giacomo, wie er im Buche steht, hätte mit der Frau wahrscheinlich in jedem Fall etwas angefangen, aber die Aussicht auf den Job machte sie ihm unwiderstehlich. Er war so hingerissen, dass er anfing, seinerseits Kollegen Jobs in Indien anzubieten, schien aber nicht zu merken, dass Ihre Hoheit jedes Mal, wenn sie zusammen ausgingen, für horrend hohe Rechnungen sorgte. Wenn er nicht in Hörweite war, behauptete die vorgebliche Prinzessin sogar, Mrs. Bridges zu sein, und kaufte alles Mögliche auf seine Rechnung. Als die Wahrheit herausgekommen war, versuchte sie, noch mehr Geld aus ihm herauszupressen, indem sie ihm mit einer Klage drohte, weil er sie »zu unmoralischen Zwecken über Bundesstaatsgrenzen hinweg verschleppt« habe. In Panik und völlig durcheinander – BridgesBridges, Calvin war zwar in Liebesdingen ein Erwachsener, in vielerlei anderer Hinsicht aber wie ein Kind –, wandte er sich an MorganMorgan, Thomas Hunt.

MorganMorgan, Thomas Hunt beriet sich mit Alfred SturtevantSturtevant, Alfred, seinem anderen Assistenten. Wie BridgesBridges, Calvin arbeitete auch SturtevantSturtevant, Alfred mit MorganMorgan, Thomas Hunt seit Jahrzehnten zusammen; das Trio hatte gemeinsam einige der bedeutsamsten Entdeckungen in der Geschichte der GenetikGenetik gemacht. SturtevantSturtevant, Alfred und MorganMorgan, Thomas Hunt ärgerten sich über BridgesBridges, CalvinBridges, Calvin’ Liebschaften und Eskapaden, aber in diesem Fall war ihre Loyalität stärker als jede andere Überlegung. Sie beschlossen, dass MorganMorgan, Thomas Hunt sein Gewicht in die Waagschale werfen solle. MorganMorgan, Thomas Hunt zögerte nicht lange, drohte der Frau, sie verhaften zu lassen, und hielt den Druck so lange aufrecht, bis Fräulein Prinzessin mit dem nächsten Zug verschwand. Dann versteckte er BridgesBridges, Calvin, bis die Gefahr vorbei war.*

Als er BridgesBridges, Calvin vor vielen Jahren als Mädchen für alles angestellt hatte, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, dass er ihm eines Tages in diesem Stil aus der Patsche würde helfen müssen. Genauso wenig hatte er ahnen können, dass sein eigenes Leben in fast allen Belangen so verlaufen würde, wie es verlaufen war. Nachdem er einst als wissenschaftlicher Niemand vor sich hin geforscht hatte, war er mittlerweile zu einem großen Tier in der GenetikGenetik geworden. Nachdem er einst in Manhattan in lachhaft beengten Verhältnissen hatte arbeiten müssen, leitete er nun ein großes Labor in Kalifornien. Nachdem er seinen »fly boys« im Laufe der Jahre viel Aufmerksamkeit und Zuneigung entgegengebracht hatte, musste er sich jetzt gegen Anschuldigungen ehemaliger Assistenten wehren, er habe Anerkennung für die Ideen anderer eingeheimst. Und nachdem er lange erbittert gegen überzogene Geltungsansprüche ehrgeiziger wissenschaftlicher Theorien angegangen war, hatte er nun vor den beiden ehrgeizigsten Theorien der gesamten Biologie kapituliert und damit sogar dazu beigetragen, ihre Geltung zu vergrößern.

Für Letzteres hätte der jüngere MorganMorgan, Thomas Hunt den Älteren vielleicht verachtet. MorganMorgan, Thomas Hunt hatte seine Karriere zu einem merkwürdigen Zeitpunkt in der Geschichte der Naturwissenschaft begonnen, nämlich um 1900, als zwischen MendelsMendel, Gregor GenetikGenetik und DarwinsDarwin, Charles natürlicher AusleseAuslesenatürliche Auslese ein alles andere als gutbürgerlicher Bürgerkrieg ausbrach: Der wissenschaftliche Streit wurde so unangenehm, dass die meisten Biologen meinten, eine der beiden Theorien müsse verschwinden. In diesem Krieg war MorganMorgan, Thomas Hunt neutral geblieben, da er den Eindruck hatte, dass beide Theorien zu sehr auf Spekulation beruhten – und gegen Spekulation hegte er ein geradezu reaktionäres Misstrauen. Wenn er keine Beweise sehen konnte, hätte er die betreffende Theorie am liebsten aus der Wissenschaft verbannt. Während wissenschaftlicher Fortschritt oft darauf angewiesen ist, dass ein brillanter Theoretiker auftritt und seine Vision mit vollkommener Klarheit darlegt, wurde der in seinem Denken elend starrsinnige und notorisch konfuse MorganMorgan, Thomas Hunt durch alles, was er nicht mit eigenen Augen sehen konnte, nur verwirrt.

Dennoch ist er, und zwar gerade wegen seines konfusen Denkens, der beste Führer durch das Rosenkrieg-Intermezzo, in dem Darwinisten und Mendelisten nur Verachtung füreinander übrighatten. MorganMorgan, Thomas Hunt misstraute zunächst sowohl der GenetikGenetik als auch der natürlichen AusleseAuslesenatürliche Auslese, aber seine geduldigen Experimente mit Fruchtfliegen kitzelten die Halbwahrheiten aus den beiden Theorien heraus. Am Schluss gelang es ihm – oder ihm und seinen begabten Assistenten –, GenetikGenetik und EvolutionstheorieEvolutionstheorie gemeinsam in den großen Teppich der modernen Biologie zu verweben.

Der zeitweilige Niedergang des DarwinismusDarwinismus begann Ende des 19. Jahrhunderts und hatte durchaus rationale Gründe. Der wichtigste war, dass die Biologen zwar DarwinsDarwin, Charles Beweis für die Existenz der EvolutionEvolution akzeptierten, aber seinen Mechanismus dafür – die natürliche AusleseAuslesenatürliche Auslese, das Überleben der am besten Angepassten – für völlig ungeeignet hielten, die von ihm behaupteten Veränderungen herbeizuführen.

Die Kritiker ritten vor allem auf ihrer Überzeugung herum, dass die natürliche AusleseAuslesenatürliche Auslese nur die Schwachen eliminiere. Im Dunkeln bliebe, woher denn bitte die vorteilhaften neuen Merkmale kommen sollten. DarwinDarwin, Charles hatte das Problem durch die These aus der Welt zu schaffen versucht, die natürliche AusleseAuslesenatürliche Auslese arbeite sich ungeheuer langsam an winzigen Unterschieden zwischen den Individuen ab. Doch außer ihm glaubte niemand, dass minimale Abweichungen greifbare Langzeitfolgen haben könnten – man glaubte stattdessen an EvolutionEvolution durch Sprünge. Selbst Thomas Henry HuxleyHuxley, Thomas Henry, »DarwinsDarwin, Charles Bulldogge«, versuchte, den Meister – »sehr zu seinem Missfallen« – davon zu überzeugen, dass Arten sich manchmal durch Sprünge weiterentwickeln. Vergeblich. DarwinDarwin, Charles bewegte sich kein Stück – er akzeptierte nur unendlich kleine Schritte.

Nach DarwinsDarwin, Charles Tod 1882 gewannen weitere Argumente gegen die natürliche AusleseAuslesenatürliche Auslese an Einfluss. Das wichtigste: Statistiker hatten gezeigt, dass sich die Ausprägungen der meisten Merkmale von Arten in Form einer Gauß’schen Glockenkurve verteilen: . So waren die meisten Menschen mehr oder minder durchschnittlich groß, während es von den übrigen umso weniger gab, je größer oder kleiner sie waren. Auch die Merkmale von Tieren, etwa ihre Schnelligkeit (oder Kraft oder IntelligenzIntelligenz), prägten sich zahlenmäßig in Form von Glockenkurven aus, weil die meisten Individuen durchschnittlich waren. Gewiss, die lahmen Enten und die Dummköpfe wurden von der natürlichen AusleseAuslesenatürliche Auslese eliminiert, wenn sie von Räubern gefressen wurden. Damit aber EvolutionEvolution zustande käme, müsste sich – so die meisten Forscher – der Durchschnittswert verschieben; das durchschnittliche Individuum müsste schneller oder stärker oder intelligenter werden. Andernfalls bliebe die Art im Großen und Ganzen gleich. Aber wenn die Langsamsten auf der Strecke blieben, machte das die, die entkommen waren, nicht plötzlich schneller – was dazu führte, dass sie weiterhin mittelmäßige Nachkommen hatten. Darüber hinaus nahmen die meisten Biologen an, dass die Schnelligkeit eines der seltenen schnellen Geschöpfe verwässert werde, wenn es sich mit langsameren Tieren fortpflanze, was zu weiteren mittelmäßigen Nachkommen führe. Nach dieser Logik mussten die Arten in den Geleisen durchschnittlich ausgeprägter Merkmale steckenbleiben – Anstöße zu natürlicher AusleseAuslesenatürliche Auslese konnten sie nicht voranbringen. Wirkliche EvolutionEvolution, wie die Abstammung des Menschen vom Affen, musste also durch Sprünge zustande kommen.*

Doch gab es nicht nur diese offenkundigen statistischen Probleme. Der DarwinismusDarwinismus hatte noch etwas anderes gegen sich: Befindlichkeiten. Die Leute verabscheuten die Theorie der natürlichen AusleseAuslesenatürliche Auslese, die ihnen vor allem eine Theorie von der Unbarmherzigkeit des Todes zu sein schien, vom Zermalmtwerden der Schwachen von den Starken. Intellektuelle wie der Dramatiker George Bernard ShawShaw, George Bernard fühlten sich von DarwinDarwin, Charles sogar verraten. ShawShaw, George Bernard hatte DarwinDarwin, Charles anfangs verehrt, weil der große Biologe religiöse Dogmen zerschlagen habe. Doch je mehr er von DarwinsDarwin, Charles Theorie erfuhr, umso unsympathischer wurde sie ihm. »Wenn einem [ihre] ganze Bedeutung aufgeht«, klagte er später, »rutscht einem das Herz in die Hosen. Es liegt ein unheimlicher Fatalismus darin verborgen; alle Schönheit und IntelligenzIntelligenz … wird auf grauenvolle und teuflische Weise zu etwas Zufälligem herabgewürdigt.« Sollte die Natur von solchen Gesetzen beherrscht werden, so wäre sie nur ein »Kampf um das Futter«.

Die dreifache Wiederentdeckung MendelsMendel, Gregor im Jahr 1900 mobilisierte die Gegner des DarwinismusDarwinismus, da nun eine wissenschaftliche Alternative da war – und bald darauf ein direkter Kontrahent. MendelsMendel, Gregor Werk stellte nicht Mord und Hungertod in den Vordergrund, sondern Zeugung und Wachstum. Außerdem ließen MendelsMendel, Gregor Erbsen Anzeichen von Sprunghaftigkeit erkennen – entweder lange oder kurze Stiele, gelbe oder grüne Erbsen, keine Zwischenformen. Besonders stark setzte sich der englische Biologe William BatesonBateson, William für MendelMendel, Gregor ein. Nachdem er 1902 einem Arzt geholfen hatte, das erste menschliche GenGen zu identifizieren, gab er dem MendelismusMendelismus den neuen Namen »GenetikGenetik« und wurde zu »MendelsMendel, Gregor Bulldogge« in Europa, indem er unermüdlich für dessen Arbeit eintrat. Er begann sogar Schach zu spielen und zu rauchen, nur weil MendelMendel, Gregor beides leidenschaftlich gern getan hatte. Andere unterstützten BatesonsBateson, William gruseligen Fanatismus, weil ihnen der DarwinismusDarwinismusDarwinismus nicht mit dem progressiven Ethos des neuen Jahrhunderts vereinbar schien. Schon 1903 schwadronierte der deutsche Naturwissenschaftler Eberhard DennertDennert, Eberhard, »dass wir an seinem [des DarwinismusDarwinismus] Sterbelager stehen und dass auch seine Freunde sich eben anschicken, ihm wenigstens noch ein anständiges Begräbnis zu sichern« (ein Gedanke, der eines heutigen Anhängers der Schöpfungslehre würdig wäre). Gewiss gab es immer noch eine Minderheit unter den Biologen, die gegen die DennertsDennert, Eberhard und BatesonsBateson, William der Welt DarwinsDarwin, Charles Vision einer sich schrittweise vollziehenden EvolutionEvolution verteidigte, und zwar verbissen (ein Historiker hat beiden Seiten »ein bemerkenswertes Maß an Gehässigkeit« attestiert). Aber diese wenigen Standhaften konnten nicht verhindern, dass sich die »Finsternis des DarwinismusDarwinismus«, wie diese Rezeptionsphase genannt wurde, immer weiter verdunkelte.

Doch MendelsMendel, Gregor Werk mobilisierte die Gegner des DarwinismusDarwinismus nur – vereinen konnte es sie nicht. Die Biologen hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Reihe bedeutsamer Entdeckungen über GeneGen und ChromosomenChromosom gemacht, Entdeckungen, auf die die GenetikGenetik sich noch heute stützt. Sie hatten festgestellt, dass alle Lebewesen GeneGen haben, dass die GeneGen mutieren, sich verändern können, dass alle ChromosomenChromosom in den Zellen paarweise vorkommen und dass alle Lebewesen von Mutter und Vater je gleich viele ChromosomenChromosom erben. Man hatte aber noch keine Vorstellung, wie diese Entdeckungen ineinandergriffen; die einzelnen Pixel ergaben noch kein Bild. Stattdessen kam eine verwirrende Vielzahl von halbgaren Theorien auf, wie die »ChromosomentheorieChromosomChromosomentheorie«, die »MutationstheorieMutationMutationstheorie« und die »Gentheorie«. Jede dieser Theorien konzentrierte sich auf einen einzigen Aspekt der VererbungVererbung, und jede nahm Unterscheidungen vor, die heute nur noch konfus wirken: Einige Biologen glaubten (zu Unrecht), dass die GeneGen nicht auf den ChromosomenChromosom säßen, andere, dass jedes Chromosom nur ein einziges GenGen beherberge, wieder andere, dass die ChromosomenChromosom für die VererbungVererbung überhaupt keine Rolle spielten. Es ist furchtbar unfair, das zu sagen, aber die Lektüre dieser sich überlappenden Theorien kann überaus frustrierend sein. Man möchte diese Forscher anschreien, als handelte es sich um dusselige Glücksrad-Kandidaten: »Denkt nach! Alles, was ihr zur Lösung des Rätsels braucht, ist bekannt!« Aber jeder richtige Gedanke ließ Entdeckungen von Konkurrenten unberücksichtigt, und so bekämpften sich die Mendelisten untereinander fast ebenso heftig, wie sie den DarwinismusDarwinismus bekämpften.

Zur selben Zeit, da sich diese Revolutionäre und Konterrevolutionäre in Europa kabbelten, arbeitete der, der den Streit zwischen DarwinismusDarwinismus und GenetikGenetik schließlich beilegen sollte, unerkannt in Amerika. Obwohl er Darwinisten und Genetikern gleichermaßen misstraute – beide Gruppen schwafelten ihm zu viel über Theorie –, hatte Thomas Hunt MorganMorgan, Thomas Hunt nach seinem Besuch bei einem Botaniker in Holland im Jahr 1900 angefangen, sich für VererbungVererbung zu interessieren. Hugo de Vriesde Vries, Hugo war einer der drei Biologen, die MendelMendel, Gregor in diesem Jahr wiederentdeckt hatten, und in Europa kaum weniger berühmt als DarwinDarwin, Charles – auch deshalb, weil er eine konkurrierende Theorie über den Ursprung der Arten aufgestellt hatte. Die de Vriesde Vries, Hugo’sche »MutationstheorieMutationMutationstheorie« behauptete, dass die Arten durch zwar seltene, aber umso heftigere MutationsperiodeMutationMutationsperioden gingen, in denen die Eltern VariantenVariante, Spielarten hervorbrächten: Nachkommen mit deutlich abweichenden Merkmalen. De Vries hatte die MutationstheorieMutationstheorie entwickelt, nachdem er in einem ehemaligen Kartoffelfeld in der Nähe von Amsterdam anomale Exemplare von Primeln entdeckt hatte. Einige dieser Pflanzen hatten glattere Blätter, längere Stengel oder größere gelbe Blüten mit mehr Blättern gehabt. Entscheidend war aber, dass sich diese VariantenVariante mit den herkömmlichen, normalen Primeln nicht fortpflanzten; sie schienen einen Sprung gemacht zu haben und zu einer neuen Art geworden zu sein. DarwinDarwin, Charles hatte von evolutionären Sprüngen nichts wissen wollen, weil er glaubte, dass eine aufgetretene Variante sich dann mit normalen Individuen fortpflanzen müsse und dass ihre guten Eigenschaften dabei abgeschwächt würden. Die de Vriesde Vries, Hugo’sche Vorstellung von der MutationsperiodeMutationMutationsperiode wischte diesen Einwand vom Tisch: Ihr zufolge traten immer mehrere Individuen mit VariantenVariante zugleich auf, Individuen, die sich nur miteinander fortpflanzen konnten.

Die Sache mit den Primeln grub sich in MorgansMorgan, Thomas Hunt Gedächtnis ein. Dass de Vriesde Vries, Hugo keine Ahnung hatte, wie es zu diesen MutationenMutation gekommen war, spielte für ihn keine Rolle. MorganMorgan, Thomas Hunt hatte einen Beweis dafür gesehen, dass eine neue Art aufgetreten war, nicht nur eine Spekulation gelesen, dass dies möglich sei. Nachdem er eine Stelle an der New Yorker Columbia University ergattert hatte, beschloss MorganMorgan, Thomas Hunt, den MutationsperiodenMutationMutationsperiode von Tieren nachzugehen. Er startete Experimente mit Mäusen, Meerschweinchen und Tauben, sah aber bald, wie langsam diese Tiere sich vermehren. Daraufhin folgte er der Anregung eines Kollegen und versuchte es mit DrosophilaeDrosophila, Taufliegen, häufig »Fruchtfliegen« genannt.

Wie viele andere New Yorker waren die Fruchtfliegen damals gerade erst eingewandert – auf den Schiffen, die in den 1870er Jahren die ersten Bananen nach Amerika brachten. In Folie eingewickelt, waren die exotischen gelben Früchte für 10 Cent das Stück weggegangen, und man hatte die Stauden bewachen lassen müssen, damit die Früchte nicht vom gierigen Mob geklaut wurden. 1907 waren Bananen und Fliegen in New York nichts Besonderes mehr, sodass MorgansMorgan, Thomas Hunt Assistent einen ganzen Schwarm Fliegen einfach dadurch anlocken konnte, dass er eine Banane aufschnitt und sie dann auf der Fensterbank vergammeln ließ.

Die Fruchtfliegen erwiesen sich als für MorgansMorgan, Thomas Hunt Arbeit bestens geeignet. Sie vermehrten sich schnell – alle zwölf Tage erblickte eine neue Generation das Licht der Welt – und lebten von Nahrung, die billiger war als Erdnüsse. Mit den klaustrophobisch engen räumlichen Verhältnissen in Manhattan hatten sie auch keine Probleme. MorgansMorgan, Thomas Hunt Labor – der »Fliegenraum«, Raum 613 im Gebäude Schermerhorn Hall an der Columbia University – war zwar nur fünf mal sieben Meter groß und mit acht Arbeitstischen vollgestellt. Doch in einer leeren Literflasche Milch lebten tausend Fruchtfliegen glücklich und zufrieden. Dutzende dieser Flaschen, die MorgansMorgan, Thomas Hunt Assistenten einer Legende zufolge aus der Cafeteria und von Veranden in der Umgebung »geborgt« hatten, reihten sich bald in seinen Regalen.