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Don't Date the Playboy

Zu diesem Buch

Ein Streik, der alles verändert …

Alles, was Lizzie sich wünscht, ist ein bisschen Romantik. Doch nach vielen, höchst zweifelhaften Tinder-Dates hat sie genug. Als sich dann auch noch herausstellt, dass ihr neuer Kollege Jake der Mann ist, mit dem sie den heißesten One-Night-Stand ihres Lebens hatte, zieht Lizzie die Reißleine. In einer hitzigen Videonachricht verkündet sie ihrer Schwester, dass sie keinen Sex mehr haben wird, bis die Männer sich wieder wie wahre Gentlemen verhalten! Als das Video versehentlich öffentlich gepostet wird, geht die Nachricht um die ganze Welt, und der Sexstreik artet zu einer regelrechten Bewegung aus. Wohl oder übel muss Lizzie an ihrem Streik festhalten. Und das, obwohl der charmante Jake ihr plötzlich nicht mehr aus dem Kopf gehen will …

Kapitel 1

Lizzie

Ihr wisst ja, was man über die Hände eines Mannes sagt. Nein, nicht der Mythos über die Schwanzgröße. Ich meine, das sagt man vielleicht, aber ich kann euch mit fast wissenschaftlicher Sicherheit bestätigen, dass Hände nicht lügen. Männer mit tollen Händen – mit Händen, die einem Klavier Concertos abschmeicheln können oder die über die sichere, gewandte Leichtigkeit verfügen, die notwendig ist, um mit einem Skalpell lebensrettende Einschnitte zu machen –, solche Hände lassen einen dermaßen kommen, dass man fast den Verstand verliert. Ich will damit sagen, dass manche Mädchen auf Arme oder Bauchmuskeln oder den Verlauf des Lustwegs eines Mannes seinen Bauch hinunter stehen – aber ich? Bei mir dreht sich alles um die Hände.

Also bin ich schon irgendwie beeindruckt und schrecklich angetörnt, als ich Colin dabei zusehe, wie er mit beinahe chirurgischer Methodik das Fleisch von einem mit extrasüßer Grillsauce bestrichenen Chickenwing nach dem anderen abreißt.

Sei vorsichtig bei dem, was du dir wünschst.

»Bist du dir sicher, dass du nichts willst? Das ist ein Angebot. Zwei zum Preis von einem.« Colin grinst, den Mund voller Hühnerfleisch. »Ich habe noch einen Gutschein.«

»Danke, ich möchte nichts«, antworte ich schwach und schaue zu, wie diese zauberhaften, anmutigen Hände Grillsauce über sein Kinn verschmieren. In diese Lage kann man sich also an einem Montagabend bringen, wenn man einen Sonntagnachmittag damit füllt, bei süßen Typen nach rechts zu wischen, ohne sich die Mühe zu machen, sich ihr Profil durchzulesen.

Ich hebe mein Glas mit dem viel zu warmen Chardonnay und versuche, keine Grimasse zu schneiden. Nicht dass Colin es bemerken würde. Ich kämpfe darum, mir in einer gerammelt vollen Sportbar direkt am Times Square Gehör zu verschaffen, in der bei ohrenbetäubender Lautstärke auf einer endlos scheinenden Reihe von Flachbildschirmfernsehern »das Spiel« läuft und das Bier eiskalt serviert wird, um vergessen zu machen, dass man etwas trinkt, das wie Pisse schmecken würde, sollte es um auch nur wenige Grade wärmer sein.

»Was verdammt noch mal war das?«, brüllt Colin plötzlich und reißt zur gleichen Zeit wie alle anderen Typen in der Bar die Hände hoch – Solotypen, die offensichtlich nicht den Mumm oder das mannhafte Wesen haben, Montagabend-Football mit einem Tinder-Date zu kombinieren.

»Sorry, echt, – aber ich kann einfach nicht fassen, was dieser Schiedsrichter da abzieht«, sagt er, als er sich endlich von den Bildschirmen abwendet. Er schenkt mir ein verschämtes Lächeln und entblößt blendend weiße Zähne. »Also, wie war noch mal dein Name?« Er kippt sein Bier in einem Zug herunter und gibt ein mächtiges Rülpsen von sich.

Männer sind heutzutage so charmant, dass es kaum auszuhalten ist.

Colin schnappt sich einen weiteren Chickenwing, als hinge sein Leben davon ab, zieht das Fleisch vom Knochen und stopft es sich in den Mund. Er redet weiter, bevor ich antworten kann, den Mund voll mit totem Vogel.

»Also, erzähl mir mehr von diesem … was war es noch mal? Hast du Kunstscheiß gesagt?«

Er legt die Stirn in Falten, als würde die Aufgabe, sich an die wenigen Details zu erinnern, die ich bisher aus meinem Leben preisgegeben habe, ihm gleich einen Schlaganfall bescheren.

»Du stehst wirklich auf diesen Kram, was? Alte Filme? Meine Mom bekommt auch nicht genug davon. Aber ich weiß nicht, was sie in diesen alten Kerlen sieht. Cary Grant? Ich meine, dieses Zeug stammt aus dem finstersten Mittelalter. Wir sind mittlerweile beim Fernsehen angekommen. Hast du Ballers gesehen? Also, das ist eine verdammt großartige Serie … oh Scheiße!«, brüllt er und springt auf, als hätte er einen Stromschlag bekommen. Er knallt mit der Hüfte gegen den Tisch und kippt sein Bier um … in meinen Schoß.

So viel zu einer kalten Dusche. Ich schnappe mir einen Stapel Servietten vom Tisch und tupfe mein Kleid ab. Das hier ist definitiv mein Stichwort, um verdammt schnell von diesem Ort zu verschwinden, bevor noch Schlimmeres passiert. Und lasst uns brutal ehrlich sein: Ich bin einsam und geil genug, dass drei weitere Chardonnays am Ende des Abends dazu führen könnten, mich begrapschen und betatschen zu lassen wie einen saftigen Chickenwing.

»War wirklich toll, dich kennenzulernen, Colin«, sage ich honigsüß. Meine Wangen schmerzen von dem falschen Lächeln, das ich aufgesetzt habe. Ich ziehe meinen Stuhl vom Tisch zurück, und die Erdnussschalen, die den Boden der Bar übersäen, knirschen unter meinen Absätzen. Colin mag nicht einmal ein Quäntchen Romantik in seinem beeindruckend muskulösen Körper haben, aber davon abgesehen würde ich es nie und nimmer auch nur in Erwägung ziehen, mich mit einem Mann einzulassen, der es wagt, in meiner Gegenwart über Cary Grant zu lästern.

Eine Frau hat schließlich Ansprüche.

Ein verwirrter Ausdruck huscht über seine Züge. »Moment mal … du gehst? Aber das Spiel ist noch nicht einmal zu Ende!«

Oh doch, das ist definitiv zu Ende. »Ja, tut mir leid«, antworte ich, »aber ich muss morgen sehr früh raus, arbeiten. Lass mich wissen, wie es ausgegangen ist.«

»Klar«, sagt er langsam. »Und vielleicht können wir das irgendwann mal wiederholen?« Er legt den Kopf schräg und schenkt mir ein ernstes Lächeln, als hätte er keine Ahnung, dass ich es gar nicht erwarten kann, von hier zu verschwinden. »Ich meine, es hat doch Spaß gemacht, stimmt’s?«

Na sicher. Wie ein Zahnarztbesuch Spaß macht. Wie in einem türkischen Gefängnis festzusitzen …

Ich antworte nicht, sondern drehe mich um und gehe weiter, bis ich zur Tür hinaus bin. Wundersamerweise kommt mein Uber-Taxi fast sofort. Ich kauere mich auf die Rückbank und beobachte, wie draußen vor dem Fenster die funkelnden Lichter der Brooklyn Bridge vorbeisausen, während wir von Manhattan aus den East River überqueren.

Das Schlimmste ist, dass ich diesem Date eine Sechs geben würde. Ich meine, verglichen mit den Katastrophen, die ich schon hinter mir habe, ist er fast schon ein Ritter in glänzender Rüstung. Er hat sich an meinen Namen erinnert? Häkchen. Hat noch eigenes Haar? Häkchen. Er hat mich nicht begrapscht, als wir in der Schlange zum Parken standen? Gebt diesem Typen eine Medaille und nennt es wahre Liebe.

Gott, ich hatte in dieser Stadt schon viel zu viele Dates.

Zumindest geht es mir in New York immer besser, selbst nach dem schlimmsten der miesen Dates – und davon hatte ich in letzter Zeit wahrhaftig genug. Ich versuche, nicht an meine Erfolgsbilanz zu denken, bis ich zu Hause bin und mir ein Glas Wein aus einer offenen Flasche im Kühlschrank einschenken, mich aufs Sofa sinken lassen, meine roten, hochhackigen Schuhe ausziehen und sie quer durch den Raum von den Füßen schleudern kann. Sie haben es aber auch nicht weit, denn meine Wohnung ist buchstäblich so groß wie ein Schuhkarton. Ein hübscher Schuhkarton mit freigelegten Backsteinmauern, Fenstern mit Blick auf den Prospect Park und einer Feuerleiter, auf die ich Näpfe mit Essen für das weiße Perserkätzchen der Nachbarin stelle. (Das ich langsam aber sicher zu kidnappen versuche.)

Schließlich braucht jeder ein Hobby, oder?

Aber hey, es könnte viel schlimmer sein. Zumindest habe ich keinen Mitbewohner – oder gar fünf.

Bevor ich aus Toledo in Ohio, wo ich aufgewachsen bin, nach Brooklyn kam, habe ich mir meine erste Wohnung als reizendes, bohemehaftes Appartement ausgemalt, wo ich meine Manolos im Ofen aufbewahre à la Carrie Bradshaw und glamouröse Partys gebe wie Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany.

Aber Manolos lassen sich mit dem Gehalt einer stellvertretenden Kuratorin schwer finanzieren, selbst wenn man im Metropolitan Museum of Arts arbeitet. Tatsächlich habe ich noch keinen einzigen Menschen hierher eingeladen, geschweige denn einen Vorwand gehabt, eine wilde, hepburnmäßige Soiree zu veranstalten, wo Leute mit dem Gesicht nach unten ohnmächtig umfallen, während ich »Baum fällt!« brülle. Seit meiner Trennung von Todd, auch bekannt als der Mann, den ich für die Liebe meines Lebens hielt, war ich zu mutlos und unglücklich, um auf viele Dates zu gehen – das heißt, bis vor Kurzem.

Und seht euch an, was daraus geworden ist.

Ich beuge mich vor, schnappe mir meinen Laptop vom Boden, rufe Facebook auf und fühle mich schon besser, als ich auf Videobotschaft klicke und das Bild meiner Schwester Jess auf dem Bildschirm erscheint. Man sieht ihr ihre fünfunddreißig Jahre kein bisschen an, und ihr klebt etwas an der Wange, das Haferbrei sein könnte.

Obwohl sie alles in allem immer noch wie eine Collegestudentin aussieht (Botox), wirkt sie total gestresst, was nicht gerade überraschend ist, wenn man bedenkt, dass sie zwei Kleinkinder großzieht, Amelia, vierzehn Monate (Licht meines Lebens) und Jackson, drei Jahre (Teufelsbraten), während sie versucht, ein eigenes Internetgeschäft mit dem Vertrieb von Kaffeebechern mit den Hashtags #Blessed und #Basic als Aufdruck zu starten. Als ich sie gefragt habe, was sie sich dieses Jahr zum Geburtstag wünscht, hat sie geantwortet: »Ich will für die Nacht in ein Hotel einchecken, Zimmerservice bestellen und Pommes frites essen, während ich Reality-TV schaue, bis ich ins verdammte Koma falle. Dann will ich sechzehn Stunden schlafen.«

Die Mutterschaft ist ein großes Glück.

»Lizzie, Babe, was gibt’s?«, fragt sie.

»Oh mein Gott«, sage ich, lange über den Tisch und nehme einen Schluck von meinem Wein. Dann ziehe ich die Beine unter mich, damit ich mich in den Schneidersitz setzen kann. »Ich hatte gerade das schlimmste Date aller Zeiten

Jess streckt einen Arm nach etwas außerhalb des Bildschirms aus, wahrscheinlich um irgendeinen klebrigen, selbst gemachten Brei in Amelias Mund zu befördern, und ein Lächeln zieht ihre Lippen nach oben. »Oh. Details. Lass hören.«

»Das willst du gar nicht wissen.«

»Bitte. Ich habe meinen Tag damit verbracht, mir komplizierte Märchen auszudenken, um meine Kinder dazu zu bringen, ihre Antibiotika zu nehmen. Erinnere mich daran, was Erwachsene so machen, bitte.«

»Einem Fremden dabei zusehen, wie er scharfe Chickenwings runterschlingt? In einer beschissenen Sportbar bei völliger Missachtung seines Dates?«

»Autsch.« Sie zuckt zusammen, bevor ihre Aufmerksamkeit weggerissen wird. »Jackson! Nein, wir erwürgen nicht den Hund!«

»Warum sind die Kinder noch auf?«, frage ich, denn mir ist vollauf bewusst, dass meine Schwester es hasst, wenn man sie aus ihrem Zeitplan bringt. Sie führt ihr Haus wie eine Militärbasis – oder ein Luxusgefängnis.

»Frag nicht«, seufzt sie, während sie meiner Nichte einen Löffel hinhält. »Richard macht Überstunden, und mein Abend ist mir gerade um die Ohren geflogen. Amelia, mach den Mund auf, Schätzchen«, gurrt Jess, bevor sie sich mit einem entnervten Gesichtsausdruck wieder dem Bildschirm zuwendet. »Warum hasst sie pürierte Pastinaken«, murmelt sie verärgert, mehr zu sich selbst, »und warum verschwendest du deine Zeit mit diesen Losern?«

»Was soll ich sonst tun?«, stöhne ich. »Tinder ist heutzutage der einzige Weg, um jemanden kennenzulernen, und die Profile dieser Männer sehen zumindest alle normal aus. Na ja, jedenfalls die meisten«, rudere ich schnell zurück, bevor sie widersprechen kann.

»Außerdem habe ich meine heißen Zwanziger an Todd verschwendet, in einer beschissenen Einzimmerwohnung in Williamsburg, und diesen bescheuerten Verkäuferinnenjob gemacht, damit er seine Träume verwirklichen konnte, und dann verlässt er mich für seine Assistentin! Jetzt bin ich DREISSIG und hänge in dieser Tinderödnis fest. Ich meine, die letzten drei Männer, mit denen ich etwas hatte, haben alle mitten im Sex aufgehört, um auf meinen Brüsten zu kommen! Nicht einer, nicht zwei, sondern alle drei!«, füge ich verzweifelt hinzu. »Ist Romantik denn total tot, Jess? Und, noch wichtiger, ist auf meiner Brust eine Zielscheibe aufgemalt oder so?«

Jess fängt an zu lachen, wobei sie immer noch einen Löffel voll mit klebrigem Zeug in der Hand hält. Ich sehe Jackson nackt hinter ihr im Wohnzimmer herumlaufen wie ein verrücktes Tier, das einen Schuss aus dem Betäubungsgewehr braucht. »Lizzie! Nicht vor den Kindern, okay?«, warnt sie mich grinsend. »Es ist ja schließlich nicht so, als wäre dreißig alt! Ich bin fünfunddreißig, weißt du!«

»Ja, aber du bist fünfunddreißig mit einem Mann und zwei Kindern und du wohnst in einem entzückenden Haus in Austin, Texas! Ich bin dreißig, und auf mich wartet zu Hause in der Stadt ohne Maske nichts außer dieser halben Flasche billigen Fusels.«

Ich kippe meinen Wein herunter, als sei er Sauerstoff, und bin mir bewusst, dass ich gerade dabei bin, schnell die Grenze zwischen beschwipst und sturzbetrunken zu überqueren.

»Mir kommen buchstäblich die Tränen für dich«, erwidert sie gedehnt. »Ich meine, wir sprechen von Tinder! Was hast du erwartet? Dass dieser Mann dich von den Füßen reißt, du in sein Penthouse in Tribeca einziehst und dort mit ihm glücklich bis ans Ende deiner Tage lebst?«

Ich seufze und nehme noch einen Schluck Wein. Nicht erwartet. Eher gehofft. Ich meine, ist es so schlimm, dass ich immer noch glaube, dass es da draußen einen Mann gibt, der mich fürstlich bewirtet und außerdem mit mir schläft, als sei er direkt Magic Mike XXL entstiegen? Der mir unerwartet Blumen schickt, Liebesbriefchen in meiner Handtasche hinterlässt und einfach so eine Flasche Prosecco mit nach Hause bringt?

Der »Ich hab’s dir ja gesagt«-Ausdruck auf dem Gesicht meiner Schwester beantwortet mir die Frage mit einem volltönenden Nein. Offensichtlich werde ich nicht viel (will sagen: überhaupt kein) Mitleid von meinem eigen Fleisch und Blut bekommen, daher gibt es nur eins, was mir zu tun übrig bleibt – das Thema wechseln.

»Also, was ist das da auf deiner Wange?«, frage ich hinterlistig, eine Augenbraue hochgezogen – eine Bewegung, für deren Perfektionierung ich Monate vor Joan-Crawford-Filmen gebraucht habe. »Ist Richard früher nach Hause gekommen und hat dir eine Gesichtsbehandlung angedeihen lassen?«

Richard ist auf klassische Weise gut aussehend, mit seinem blonden, durch und durch amerikanischen, attraktiven Oberschichtenaussehen, und er ist der süßeste Typ überhaupt. Er ist nur … wie soll ich es ausdrücken? Nicht besonders interessant? Tatsächlich bewirkt ein Gespräch mit ihm im Wesentlichen einen sofortigen Anfall von Schlafkrankheit. Ich habe keine Ahnung, wie Jess es schafft, lange genug wach zu bleiben, um mit ihm zu schlafen. Wahrscheinlich sagt sie sich das Alphabet rückwärts auf oder etwas in der Art.

»Oh mein Gott«, antwortet sie und schaudert buchstäblich vor Entsetzen zurück. »NEIN! Das ist ja so eklig! Wir würden … ich würde … niemals!«, stammelt sie, und ihr Gesicht hat plötzlich die Farbe einer Sommertomate.

»Niemals ist eine ziemlich lange Zeit, Schwesterherz«, sage ich mit einem unartigen Lächeln. »Du solltest es mal versuchen. Was ist das Schlimmste, das geschehen könnte – du würdest dich vielleicht tatsächlich amüsieren?«

»Du bist total verdorben«, schießt sie zurück. Sie prustet jetzt fast. »Richard und ich haben ein normales Sexleben«, beteuert sie. »Normal. Wir würden niemals … so etwas machen!«

Seht ihr, was habe ich euch gesagt? Sie sagt sich definitiv das Alphabet auf, wenn er mit ihr schläft. Oder sie zählt Deckenplatten. Außerdem liebe ich es, meine Schwester dazu zu bringen, sich vor Scham zu winden. Es ist kinderleicht: jedes Mal ein direkter Volltreffer.

»Entspann dich«, sage ich und lache. »Du bekommst wahrscheinlich mehr Action als ich, selbst wenn sie nach einem festen Zeitplan stattfindet. Sieben Uhr abends, Badezeit, sieben Uhr dreißig Gutenachtgeschichten«, necke ich sie. »Acht bis acht Uhr fünfzehn eheliche Intimität.«

»Ich hasse dich.« Jess runzelt finster die Stirn, aber sie lacht. »Und ich lasse dich hiermit wissen, dass es eher acht bis acht Uhr dreißig ist.«

»Go, Richard!«, jubele ich. »Wer hätte gedacht, dass der Mann das in sich hat.«

Nachdem wir aufgelegt haben, bin ich immer noch nicht müde, obwohl ich früh aufstehen muss, also schnappe ich mir die Fernbedienung und schalte den Fernseher ein. Als Jess und ich klein waren, bevor unsere Eltern sich endlich getrennt haben, bin ich praktisch jeden Tag nach der Schule vor dem Fernseher geparkt worden, während sie sich in der Küche stritten. In der Folge ist der Fernsehsender TCM mit seinen alten Spielfilmen irgendwie zu meinem besten Freund geworden, und ich finde es immer noch tröstlich, in das Fantasieland auf dem Bildschirm abzutauchen: in eine Welt, wo die Frauen stark, keck und gut gekleidet sind und die Männer wirklich wissen, wie man eine Dame behandelt.

Ein wenig Champagner zum Abendessen? Ja, bitte.

Ausnahmsweise einmal habe ich Glück – es läuft Die große Liebe meines Lebens, und der Bildschirm leuchtet in herrlichem Technicolor. Während ich zusehe, wie Cary Grant Deborah Kerr zärtlich das feuerrote Haar aus dem überirdisch schönen Gesicht streicht, mache ich es mir in den Kissen bequem und ziehe die Füße unter mich. Also, da kommen wir der Sache schon näher. Stundenlang in der eisigen Kälte oben auf dem Empire State Building auf die Frau warten, die man liebt, UND sich jahrelang nach ihr verzehren, nachdem sie nicht aufgetaucht ist? Das war noch Romantik.

Mitten beim Sex auf der Brust einer Dame zu kommen? Also bitte.

Bei dem Gedanken verdrehe ich die Augen, leere mein Weinglas und stelle es auf den Boden, bevor ich mich unter der lilafarbenen Wolldecke meiner Großmutter zusammenrolle.

So eine Scheiße würde Cary Grant nie abziehen.

Kapitel 2

Lizzie

Als ich am nächsten Morgen ins Museum gehe, verrät mir das Geklapper meiner Stiefel auf dem Marmorboden, dass ich definitiv einen Kater habe. Autsch. Aber trotz meiner pochenden Kopfschmerzen überkommt mich das gleiche Hochgefühl wie immer auf dem Weg durch das Foyer mit seiner vergoldeten Decke und den Ornamenten. Das Met ist eins der größten Museen der Welt, beheimatet unglaubliche Werke aus Kunst und Kultur und liegt direkt am Rand des Central Park. Als ich neu in die Stadt gezogen bin, war ich ständig hier, bin einfach durch die Gänge gewandert und habe mir jedes zweite Wochenende eine neue Ausstellung angesehen. Todd hat sich oft darüber lustig gemacht und gemeint, ich sei besessen von der Vergangenheit. Aber er hat nie verstanden, dass es mir nicht um die Kunstgegenstände geht, sondern um die Geschichten, die sie erzählen. Tausend verschiedene Kulturen über Hunderte von Jahren, und sie alle stellen die gleichen Fragen nach dem Leben, der Liebe und unserem Platz in der Welt. An dem Tag, an dem ich die Stellung als stellvertretende Kuratorin ergatterte, habe ich mich gefühlt, als liefe mein Leben jetzt endlich wieder in der Bahn – ich tat etwas nur für mich, nachdem ich mich so lange nach seinen Plänen gerichtet hatte.

Aber heute würdige ich die prächtige Treppe kaum eines zweiten Blickes. Nein, ich bin im Notfallmodus: Direkt auf dem Weg in den Keller für meine nächste Dröhnung.

Oh Kaffeemaschine, wo steckst du?

Ein Pfiff bohrt sich direkt durch meinen Schädel. »Da hat sich aber jemand letzte Nacht gut amüsiert.«

Ich stöhne. Unser Leiter der PR-Abteilung, Bernard, steht an der Espressomaschine und braut etwas Perfektes und an Espresso Grenzendes zusammen. Wie immer trägt er italienischen Kaschmir und tadellose Hosen. Ich hasse ihn im Moment dafür, dass er nüchtern ist, aber das bedeutet nicht, dass ich nicht katzbuckeln kann, um zu bekommen, was ich brauche. »Wie sehr liebst du mich?«, frage ich mit bettelndem Gesichtsausdruck.

Er erbarmt sich meiner. »Genug, um dich daran zu hindern, dich zum Narren zu machen. Hier.«

»Du bist ein Engel.« Ich schnappe mir das Tässchen, leere es mit einem Schluck und halte es ihm dann flehend wieder hin.

Er seufzt. »Noch eine einzige Tasse, dann ist aber Schluss. Sonst hast du ein Problem.«

»Sicher«, lüge ich. »Was immer du sagst.«

Er stellt die Maschine wieder an, dann sieht er auf sein Telefon. »Scheiße, ein Stifter ruft an. Denk dran, nur noch eine einzige.« Er zögert. »Und, ähm, vielleicht könntest du etwas dagegen unternehmen.« Er deutet vage auf meinen ganzen Körper, bevor er geht.«

Ich mache ihm keinen Vorwurf. Mein Spiegelbild in der silbernen Espressomaschine zeigt einen bleichgesichtigen Ghul, der mich anstarrt, daher greife ich in meine Handtasche, um einen roten Lippenstift herauszuholen, den ich vorsichtig auf meine Lippen auftrage. Es ist ein Trick, den ich gelernt habe, als ich in die Stadt gezogen bin – roter Lippenstift verzeiht alle Sünden. Ihr wisst schon, wie an den Tagen, nachdem ich mir eine halbe Flasche Wein einverleibt habe, während ich den Tod der Romantik beklagte.

Ich schenke mir einen weiteren Espresso ein und weiß, dass ich mir noch vor dem Mittagessen Nachschub holen werde, dann nehme ich es mit der schmalen Treppe auf, die in meine Kellerhöhle führt. Das Hauptmuseum selbst besteht aus luftigen Gängen und riesigen Ausstellungsräumen, aber hinter den Kulissen sieht es anders aus: ein kaninchenbauartiges Labyrinth von Hinterzimmern und Lagerschränken. Als man mir am ersten Tag mein Büro gezeigt hat, eine niedrige Kiste in der Kellerecke, hielt ich es für einen Scherz. Ein erniedrigendes Aufnahmeritual für die Neue. Aber jetzt, nachdem ich mich eingelebt habe, gefällt es mir sogar irgendwie. Die Belüftungsrohre rumoren nur etwa alle halbe Stunde oder so, ich habe die Wände mit gerahmten Drucken von Hollywoodfilmklassikern wie Leoparden küsst man nicht und die Nacht vor der Hochzeit dekoriert, und mein großes Bücherregal ist bis oben hin voll mit Kunstgegenständen, die Liebe und Romantik im Verlauf der Zeiten darstellen. Was soll ich sagen? Ich bin ein Nerd, wenn es um altertümliches Liebeswerben geht.

Ich öffne gerade meinen Laptop, als Skye, meine Praktikantin, in den Raum gehüpft kommt. Nun, »gehüpft« geht vielleicht ein wenig zu weit, denn sie trägt Sandalen mit derart hohem Keilabsatz, dass es mich überrascht, wie sie den Fußweg zur Arbeit ohne Nasenbluten geschafft hat. Mit ihrem langen, blonden Haar und ihrer kurvigen Figur ähnelt sie einer Veronica Lake, und sie hat sogar diese typische Haarwelle, die ihr über eins ihrer großen, grünen Augen fällt.

Ich würde sie hassen, wenn sie nicht so naiv wäre. Es ist schwer, am Groll gegen ein Mädchen festzuhalten, das glaubt, der Mann, der sie am vergangenen Abend in einer Bar angequatscht hat, sei ein berühmter Fotograf, der sie jetzt ganz bestimmt zu einem Star machen wird, nachdem sie ihm privat für ein Fotoshooting nackt Modell gestanden hat.

»Hallo, Skye«, sage ich gähnend. »Hast du irgendwelche Memos bekommen? Ich muss mich vor dem Personalmeeting auf den neuesten Stand bringen, falls Morgan wieder auf mir herumhackt.«

»Vergiss die Memos«, verkündet sie atemlos. »Hast du schon das Neueste gehört? Jake Weston ist zurück!«

Mist.

Jake Weston. Der Name allein reicht aus, meine Haut vor Ärger kribbeln zu lassen. Jake ist ein freiberuflich arbeitender »Sucher«, was bedeutet, dass er die Welt bereist und für Museen, Antiquitätenhändler und private Kunden Kunstobjekte aufspürt. Wenn ein Baseballstar Sneakers einer limitierten Edition haben will: Jake findet sie. Tickets für die erste Reihe für Hamilton auf den letzten Drücker? Jake ist euer Mann.

Aber die einzige Interaktion, die ich bisher mit ihm hatte, hat per E-Mail stattgefunden, wo der Ausdruck »herablassend« das Ganze nicht einmal ansatzweise beschreibt. Seine Lieblingsphrase ist: »Nun ja, tatsächlich …« Aus irgendeinem Grund stelle ich ihn mir, wann immer ich seine Mails öffne, als einen stocksteifen Fünfzigjährigen mit rapide schütter werdendem Haar vor.

Anscheinend war er zuletzt in Thailand, wo er eine seltene Statue eines goldenen Affen aufgespürt hat, und ich schätze, von dieser Reise ist er jetzt zurückgekommen. Was auch gut ist, denn so sehr er mich nervt, er wird unersetzlich sein bei der Suche nach einigen wichtigen Werken, die ich für die Ausstellung »Das goldene Zeitalter Hollywoods« brauche, zu der ich meine Chefin endlich überreden konnte.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?«, unterbricht Skyes Stimme die Gedanken in meinem Kopf, der trotz des Kaffees immer noch wie verrückt pocht. »Er ist wieder da!«

»Ich verständige die Medien«, entgegne ich trocken und klappe meinen Laptop zu. Ich werde offensichtlich nichts getan bekommen, wenn Skyes Mundwerk weiter wie eine Maschinenpistole arbeitet.

»Das Personalmeeting soll in fünf Minuten losgehen«, erklärt sie in einem leicht missbilligenden Ton, stemmt die Hände in die Hüften und nimmt die Pose einer sexy, aber genervten Lehrerin der dritten Klasse ein. »Morgan hat mich gebeten, dafür zu sorgen, dass du unterwegs bist, weil du schon zu dem Meeting letzte Woche zu spät erschienen bist.«

»Das waren zwei Minuten!«

Sie zuckt die Achseln. »Erschieß nicht den Boten. Gott, bin ich müde.« Sie gähnt anmutig, während ich E-Mails checke und mir dann meinen Aktenordner mit Notizen für das Meeting schnappe. »Ich habe gestern Nacht bis drei Uhr in The Box gearbeitet. Ich probiere da gerade diese neue Nummer aus, bei der ich von der Decke hänge und mich dann in ein mit Schlagsahne gefülltes Champagnerglas herunterlasse. Du wirst nicht glauben, wie lange es dauert, das alles wieder runterzubekommen«, seufzt sie, als sei es die absolute Folter, jeden Abend Dessert von seinem Körper zu waschen.

Skye arbeitet drei Abende die Woche schwarz als Burlesque-Tänzerin in einem Club in der Innenstadt. Bei ihrem Vorstellungsgespräch hat sie mir erzählt, dass sie entweder eines Tages a) Kuratorin wie ich oder b) Dita Von Teese werden wolle. Nur gut, dass sie noch jede Menge Zeit hat, sich zu entscheiden.

»Gott, was gäbe ich nicht alles dafür, um wieder aufs College zu gehen«, stöhnt sie. »Ich konnte jeden Tag bis mittags schlafen und habe es trotzdem zu all meinen Kursen geschafft. Das waren Zeiten, weißt du?«, bemerkt sie, ihre Stimme voller Nostalgie, was mich vielleicht rühren würde, wenn es nicht so lächerlich wäre.

»Du hast erst letztes Jahr deinen Abschluss gemacht, Skye«, gebe ich zurück und widerstehe der Versuchung, die Augen zu verdrehten. »Könntest du mir vor dem Meeting noch eine Tasse Kaffee besorgen? Ich hatte gestern auch einen ziemlich langen Abend.« Sobald die Worte meinen Mund verlassen, ertappe ich mich dabei, dass ich selbst ein Gähnen unterdrücke. Verdammt, warum sind solche Sachen immer so ansteckend.

»Oooooh!«, kreischt sie, das Geräusch wie ein Vorschlaghammer in meinem Gehirn. »Dein Leben ist ja so glamourös! Hattest du ein heißes Date?«

Lasst mich mal sehen: Ich bin in den Klamotten der letzten Nacht aus der Ohnmacht auf der Couch aufgewacht, und meine Kleider stanken auf die denkbar schlimmste Weise nach abgestandenem, billigem Bier. Nicht direkt glamourös. Oder heiß, was das betrifft.

»Heiß? Nein. Ein Date? Ja«, antworte ich, stehe auf, recke die Arme über den Kopf und ziehe an der großen Schleife meiner Bluse in meinem Nacken, die sich plötzlich so anfühlt, als würde sie mich erwürgen.

»Keine Sorge«, tröstet Skye mich, »du wirst ganz bestimmt jemanden kennenlernen. Wahrscheinlich dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Ich meine, so habe ich Spencer kennengelernt.« Ihre grünen Augen weiten sich, und sie rückt näher heran, ihre Miene ernst wie die einer Regierungsbeamtin bei der Preisgabe von Staatsgeheimnissen.

»Ich hatte mindestens schon eine Woche allen Männern abgeschworen, und dann kommt Spencer hereinspaziert. Er hat am ersten Abend, als ich in The Box getanzt habe, in der ersten Reihe gesessen und meinen Strass-Tanga aufgehoben, den ich während meiner ›Star Light, Star Bright‹-Nummer von der Bühne habe fallen lassen, weißt du? Ich meine den Tanga mit der amerikanischen Flagge. Nun, seitdem sind wir zusammen«, fügt sie träumerisch hinzu.

Ich blinzele sie verständnislos an. Ich bin noch nicht wach genug für diesen Scheiß. Ist zehn Uhr morgens zu früh für einen Drink? Denn ein kleines Katerbier jetzt sofort klingt ziemlich gut.

»Das klingt … wirklich romantisch, Skye«, gelingt es mir herauszuwürgen, während ich meine Notizen zu der Ausstellung zusammenraffe.

»Oh, das war es auch«, sagt sie und kehrt ruckartig in die Realität zurück. »Die meisten Männer heutzutage haben überhaupt keinen Sinn für Romantik, aber Spencer kapiert es einfach, verstehst du? Neulich Abend, als ich chinesisches Essen mit nach Hause gebracht habe? Er hat mich den Glückskeks wählen lassen, den ich haben wollte, bevor er sich einen ausgesucht hat. Er weiß, wie sehr ich Kekse liebe!«

Oh mein Gott, denke ich mit einem Seufzer. Es besteht keine Hoffnung, was die Männer von heute angeht. Nicht die geringste.

Skye plappert weiter über Spencers unglaubliche romantische Gesten (er klappt die Klobrille herunter! Manchmal!), und ich klinke mich mental aus, während wir die Treppe hoch zum Personalmeeting gehen. Morgan, meine Chefin, steht bereits an der Stirnseite des Konferenztischs. Wir sind immer noch ein paar Minuten zu früh dran, und das Meeting hat noch nicht einmal angefangen, aber ihr Gesichtsausdruck macht klar, dass sie schon vor fünf Minuten hätte beginnen wollen.

»Dann sind wir endlich alle da«, sagt sie und wirft uns einen eindringlichen Blick zu. »Gut, fangen wir an.«

Ich sinke auf einen Stuhl und begreife zu spät, dass Skye mir die vierte Tasse Kaffee gar nicht geholt hat. Durch dieses Meeting muss ich also eiskalt ohne Heißgetränk. Und kalt ist das richtige Wort: Unsere Hohepriesterin und Oberherrin, Morgan, könnte jede dieser Femmes fatales von Eisprinzessinnen im Boden versinken lassen. Mit ihrem glänzenden dunklen Haar, ihrem stählernen Blick und ihren Augenbrauen, die zu einem Ausdruck ewiger Missbilligung gezupft sind, sorgt sie dafür, dass unsere Abteilung läuft wie ein deutsches Präzisionsautomobil. Aus den Neunzehnhundertvierzigern.

»Bernard?«, fragt sie scharf. »Updates?«

Wir arbeiten uns durch den anstehenden Zeitplan und haken dabei alle aktuellen Ausstellungen ab. Das Met rühmt sich eines erlesenen Programms, und wir haben alles, angefangen von rumänischer Volkskunst bis hin zur Geschichte der Black-Pride-Protestfotografie. Als Morgan endlich zum September kommt, dem Monat der Hollywood-Ausstellung, befinde ich mich schon im Halbschlaf, aber als ich meinen Namen höre, reiße ich mich aus meinem Kateralbtraum und setze mich auf.

»Lizzie wird in diesem Herbst mit einer Ausstellung ihr Debüt als leitende Kuratorin geben, und diese Ausstellung, wie soll ich es ausdrücken, ist auf gewisse Weise Neuland für das Met«, sagt Morgan mit einem herablassenden Grinsen.

Ich schlucke mühsam. Ewig habe ich das Museum bedrängt, eine Ausstellung über das »Goldene Zeitalter Hollywoods« zu machen, und obwohl die Tatsache, dass Morgan endlich zugestimmt hat, für mich ein wahr gewordener Traum ist, bin ich mir gleichzeitig schmerzhaft bewusst, dass ich bisher noch nie so viel Verantwortung zu tragen hatte wie als Kuratorin für diese Ausstellung. Ich fliege zum ersten Mal solo auf dem Pilotensitz, und ich darf nicht versagen, wenn ich jemals in der Hackordnung des Museums aufsteigen will.

»Ich kann es kaum erwarten zu hören, was sie plant«, fährt Morgan eisig fort, »aber lassen Sie uns ihr erst zu diesem Meilenstein gratulieren – den sie hoffentlich nicht vermasseln wird.«

Alle kichern auf eine Art, die mich sofort nervös macht. Ich stehe auf und warte lächelnd eine Runde höflichen Applauses ab, während ich mir vorstelle, dass Laser von oben herunterstrahlen und sich durch Morgans Fischgrätenmuster-Hosenanzug brennen.

»Vielen Dank für Ihr Vertrauen in mich, Morgan«, hebe ich an und bedenke sie mit einem Lächeln, so zuckersüß, dass ich überrascht bin, dass sie nicht sofort Diabetes bekommt.

»Für mich ist diese Chance wirklich aufregend«, spreche ich weiter. »Ich weiß, dass Hollywood normalerweise nicht in unserem Fokus liegt, aber ich finde, mehr denn je ist in diesem Zeitalter digitaler Medien, in dem überwiegend Dating-Apps darüber bestimmen, wie Menschen sich kennenlernen, zueinander finden und miteinander Schluss machen, die Romantik irgendwie auf der Strecke geblieben. Ich beabsichtige mit der Hollywood-Ausstellung, die Rolle des Films in der Entwicklung romantischer Narrative zu erkunden und zu zeigen, welche Wechselwirkungen sich mit konservativeren Traditionen des Liebeswerbens ergeben und wie in der Nachkriegszeit darauf aufgebaut wurde.«

Ich schaue mich um in der Erwartung von Feedback, aber alle schauen auf ihre Handys oder haben sich sonst wie mental ausgeklinkt und warten nur darauf, dass das Meeting zu Ende geht.

»Und wie Sie vielleicht schon gehört haben«, unterbricht Morgan mich, »kommt heute Morgen Jake Weston, um mit Lizzie über Neuerwerbungen für die Ausstellung nachzudenken.«

Und sofort merken alle auf. Der Raum füllt sich mit Gekicher und leisem Raunen, und es summt in der Luft wie in einem Bienenstock, in den gerade jemand hineingetreten hat. Ich beobachte, wie zwei Frauen, die dem ägyptischen Seitenflügel vorstehen, die Köpfe zusammenstecken, erröten und hektisch miteinander flüstern.

»Also, geben Sie ihm Ihre volle Kooperation bei allem, was er benötigen könnte«, setzt Morgan ihre Ansprache fort. »Vor allem Sie, Lizzie.« Sie wirft mir einen herablassenden Blick zu. »Jake bringt viel Erfahrung mit, und ich bin mir sicher, dass Sie viel von ihm lernen können.«

»Absolut«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Also, wie ich gerade sagte, was die Ausstellung …«

»Schon gut, wir haben einen Eindruck gewonnen.« Morgan macht eine wegwerfende Geste, die mich zum Schweigen bringt. »Nächster Punkt?«

Ich setze mich wieder hin, und mein Blut beginnt bereits zu kochen. Was ist das eigentlich mit diesem Jake Weston? Und warum stiehlt er mir für den wichtigsten Augenblick meiner Karriere die Schau?

Nach dem Meeting gehe ich wieder in mein Büro und mache mich an die Arbeit. Bei jeder Ausstellung gibt es eine Million winziger Details, die geplant werden müssen, und im Moment bin ich noch in der Beschaffungsphase – ich versuche zu ermitteln, welche Kunstgegenstände und Ausstellungsstücke ich wirklich rechtzeitig bekommen kann und wie sie zusammenwirken, damit die Ausstellung mehr ist als bloß ein Haufen verschiedener Sachen, die im selben Raum stehen. Das ist der eigentliche Schlüssel zu einer tollen Ausstellung – alles muss eine Geschichte erzählen oder ein Thema von einer anderen Seite beleuchten, sodass die Menschen, wenn sie den Raum wieder verlassen, tatsächlich etwas gelernt haben, das sie davor nicht wussten oder das ihre Wahrnehmung verändert.

Ich schleudere meine Schuhe von den Füßen und fange an, E-Mails zu verschicken, versuche, nicht nur eine Filmkopie von Casablanca zu finden, die ich vielleicht für die Ausstellung ausleihen könnte, sondern Humphrey Bogarts berüchtigten Trenchcoat und Filzhut, um sie in der Ausstellung zu zeigen. Ich vertiefe mich gerade in Memorabilien-Händler an der Westküste, als ein lautes Klopfen an meiner Tür ertönt.

»Falscher Raum«, rufe ich, ohne hochzuschauen. Hier klopft nie jemand an, was nur bedeuten kann, dass der Junge von der Post sich wieder einmal verlaufen hat. »Lieferungen kommen ans andere Ende des Gangs.«

Aber die Tür geht auf, und ein Mann kommt herein. Nicht irgendein Mann, sondern ein zum Sterben schöner Mann, der aussieht, als sei er direkt einem Bogart-Film entstiegen. Er hat das markante Kinn des Hauptdarstellers, und er trägt einen dunklen, schmal geschnittenen Anzug, dessen Jackett sich über seine breiten Schultern spannt.

Hallo, Lover.

»Ähm, hi.« Ich blinzele. Hat dieser Typ 1952 eine falsche Abzweigung genommen und ist in meinem Büro gelandet? Und können wir bitte das Portal schließen, damit er nie mehr dorthin zurückkommt?

Ich erröte und wünsche mir plötzlich, ich hätte heute Morgen zumindest die Zeit gehabt, zu duschen. Deospray verdeckt vieles, aber gerade jetzt würde ich alles darum geben, frisch und munter zu sein und das sanfte Aroma einer Sommerabendbrise zu verströmen. Ich räuspere mich. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Das bezweifele ich.« Er schreitet in den Raum, als gehöre er ihm. Plötzlich steht er vor meinem Schreibtisch und streckt mir eine Hand hin. Seine blauen Augen leuchten. »Ich bin derjenige, der hier ist, um Ihre kleine Ausstellung zu retten.«

»Kleine Ausstellung?«, wiederhole ich und verkrampfe mich. Ich schätze, er hat seinen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammenden Chauvinismus mit durch die Zeiten gerettet. »Es ist die größte Ausstellung des Sommers. Und ich brauche keine Rettung, weder von Ihnen noch von sonst irgendjemandem. Wer sind Sie überhaupt?«, frage ich zähneknirschend.

Er sieht mich an, als sollte ich das bereits wissen. »Ich bin Jake Weston«, sagt er.

Moment mal. Jake? Der herablassende Jake. Der »Nun ja, tatsächlich«-Jake. Jake, die Geißel meiner Posteingangsordner-Existenz?

Und er sieht so aus?

Verdammt. So viel zum Thema Verschwendung eines wunderschönen Gesichts.

»Hi«, antworte ich, schon etwas kühler. Er hat die Hand ausgestreckt, um meine zu schütteln, daher ergreife ich sie widerstrebend. »Ich bin Lizzie.«

Sein Händedruck ist kühl und fest, aber die Berührung seiner Finger an meinen bringt etwas in meinem Hinterkopf zum Kribbeln. Ich sehe ihn mir genauer an. Er hat etwas Vertrautes an sich, und mich beschleicht der Verdacht, dass wir uns irgendwie, irgendwo schon einmal begegnet sind …

Heilige Scheiße!

Plötzlich strömt alles wieder auf mich ein. Whiskey und kalte Winterluft und das Gekreische der Silvesternacht. Ich kenne diesen Mann.

Ziemlich intim.

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, erwidert er, sein Gesicht freundlich, aber unbewegt, sein Ton so lässig, dass er beinahe gelangweilt klingt. Ich starre ihn ungläubig an, und mir klappt der Unterkiefer herunter. Ist mein Gesicht etwas, was man so vollständig vergessen kann? Oder der Rest von mir, wenn wir schon dabei sind?

Oh mein Gott, verdammt, ich kann es nicht glauben. Ich sehe ihn fassungslos an, und meine Kehle ist plötzlich wie zugeschnürt und ganz heiß.

Er erinnert sich nicht einmal an mich.

Er erinnert sich nicht an die Tatsache, dass er, als ich ihn das letzte Mal habe vor mir stehen sehen und er sich Jake Weston genannt hat, bewusstlos geworden ist …

Mit dem Gesicht zwischen meinen Beinen.

Kapitel 3

Silvester vor drei Jahren

»Na los, noch einen!«

Über die stampfende Musik der Lautsprecher, aus denen »Back That Azz Up« dröhnt, kann ich Dellas Stimme kaum hören. Ich greife nach einem weiteren Schnapsglas mit Tequila und kippe es herunter, dann lecke ich eine Prise Salz von Dellas Handrücken, bevor sie mir einen Limonenschnitz ins Gesicht presst und ihr blondes, gelocktes Haar über die Schultern wirft. Wir trinken jetzt seit zwei Stunden, und alles verschwimmt langsam an den Rändern, eine willkommene Ablenkung von meinem gebrochenen Herzen und meiner extrem weinerlichen Verfassung.

Das Alibi ist unsere Stammkneipe, vor allem, weil es nur einen Block von Dellas Wohnung entfernt liegt. Das Ambiente ist, wenn man es so nennen kann, beinahe nicht existent, es gibt nur ein paar wackelige Tische hier und da und eine verschrammte Holztheke, die sich durch die ganze Länge des Raumes zieht. Aber die Musik ist laut, das Licht gedämpft und die Drinks sind billig – und stark, was von entscheidender Wichtigkeit ist, wenn ein Arschloch von einem Anwalt dir das Herz gebrochen hat und du versuchst, deinen Kummer in einem Fass Tequila zu ertränken, bevor das nächste noch schlimmere Jahr deines Lebens anbricht.

»Scheiß auf Todd!«, brüllt Della und gibt dem Barkeeper das Zeichen für eine weitere Runde. Della ist nicht nur meine beste Freundin und Komplizin, sondern einer dieser magischen Menschen, die immer die Aufmerksamkeit eines Barkeepers auf sich lenken können. Es ist verrückt – sie sieht den Mann kaum an, und ganz plötzlich steht er neben ihr und füllt aufmerksam unsere Gläser mit Tequila, während sie dankbar mit den Wimpern klimpert. Ich habe keinen Schimmer, wie sie das macht, aber sie zieht sie an wie ein gottverdammter Traktorstrahl. Vielleicht hat es etwas mit der Tatsache zu tun, dass sie wie Kate Hudsons kleine Schwester aussieht: Viele goldene Locken, große, braune Augen und reine Haut, die niemals Make-up braucht. Glücklicherweise setzt sie ihre Kräfte zum Guten, nicht zum Bösen ein.

Sex-Appeal bringt große Verantwortung mit sich.

»Scheiß auf Todd und scheiß auf dieses Jahr!« Sie greift nach ihrem frisch gefüllten Glas und hält es hoch. »Du warst ohnehin zu gut für ihn. Auf dein neues Leben!«, brüllt sie gut gelaunt, bevor sie den Tequila herunterkippt.

Ich versuche zu lächeln.

»Du amüsierst dich nicht!«, tadelt Della mich.

»Doch, das tue ich!«, protestiere ich. Ich scheine nur Todds Gesichtsausdruck nicht vergessen zu können, den er aufgesetzt hatte, als er sich vor einigen Tagen schuldbewusst gewunden hat, während er mir eröffnete, dass er mich wegen seiner Assistentin verlassen würde. Wegen Harmony, die er als eine »jüngere, ehrgeizigere Version« von mir bezeichnete.

»Harmony«, wiederhole ich. »Allein der klimpernde, melodische Klang ihres Namens genügt, um mir den Schädel platzen zu lassen. Na ja, das und die Tatsache, dass er mich nicht einmal ansehen konnte, als er es gesagt hat. Was für eine Schlange. Nein, keine Schlange.« Ich schlage auf die Theke. »Eine Ratte. Eine Super-Ratte, wie Holly Golightly in Frühstück bei Tiffany es formuliert hat.«

Versteht ihr, Holly hat diese Theorie, nach der man die Männer der Welt in zwei Kategorien einteilen kann: Ratten und Super-Ratten, und Todd fällt eindeutig in die Kategorie Super-Ratte.

Della nickt. »Ich meine, welcher Typ Mann verlässt einen, nachdem man ihm das Jurastudium finanziert hat, indem man in einer Boutique auf der Madison Avenue überteuerte Stilettos verkauft hat?«

»Ich habe stundenlang auf meinen geschwollenen Füßen gestanden, und die Kunden haben mich eher wie eine Dienerin und nicht wie eine Verkäuferin behandelt. Wie gesagt, eine Super-Ratte. Der Fall ist abgeschlossen.«

Ich nippe an meinem Tequila. »Genug von ihm. Wie läuft das Geschäft?«, frage ich und spiele an dem goldenen, herzförmigen Medaillon an meinem Hals herum.

»Alles bestens«, antwortet sie und schiebt ihr Glas beiseite. »Ich bin heute Nachmittag mit diesem tollen Kissen fertig geworden, auf dem EAT ME steht.«

Della hat vor ungefähr einem Jahr einen Etsy-Shop aufgemacht, der Stickereien mit schlüpfrigen Sprüchen verkauft, außerdem gestrickte Schwänze in pinken und grünen Neonfarben. Der Shop ist irre beliebt, und sie kann sich kaum retten vor Anfragen.

Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass der Barkeeper Della anstarrt und praktisch schon auf die Theke sabbert. »Er steht total auf dich«, sage ich und deute mit dem Kopf in seine Richtung, während ich nach meinem Schnapsglas greife und es so schnell leere, dass ich Sterne sehe.

»Er hat Möglichkeiten.« Sie zuckt die Achseln und saugt an einem Limonenschnitz. »Zumindest heute Nacht«, fügt sie hinzu, wirft die Limone zur Seite und schenkt dem Mann ein breites Lächeln, so als wolle sie ihn bei lebendigem Leib auffressen, während sie darauf wartet, dass er wieder in ihre Richtung kommt. Was er nach ungefähr einer Minute auch tut. Eine aschblonde Haartolle fällt ihm über die Augen, und seine Bizepse dehnen sich, als er sich über die Bar beugt, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern.

Allein die beiden zu beobachten deprimiert mich von Neuem.

Sie dreht sich wieder zu mir um, einen unartigen Glanz in den Augen. »Er heißt Zach und sagt, er will mich zum Frühstück ausführen, wenn er heute Nacht hier fertig ist. Soll ich es ihm erlauben?«

»Wahrscheinlich«, seufze ich. Da geht sie hin, meine Flügelfrau. Oh, na schön, dann wird zumindest eine von uns heute Nacht flachgelegt. Nur werde das nicht ich sein.

Wieder mal.

»Hast du etwas dagegen, wenn ich für ein paar Minuten rübergehe und mit ihm rede?« Sie zeigt auf die Hintertür der Bar, die einen Spalt offen steht, damit ein wenig kühle Luft hereinkommt. »Du weißt schon, nur um sicherzustellen, dass er kein Serienmörder oder so etwas ist. Ich würde das nächste Jahr lieber nicht damit anfangen, dass ich auf einer Müllkippe in Queens aufwache.«

»Klar, warum nicht?«, antworte ich großzügig und proste ihr zu, obwohl ich gerade innerlich sterbe.

»Ich liebe dich über alles«, sagt Della mit einem Augenzwinkern und grinst, während sie sich vom Barhocker gleiten lässt. »Bin gleich wieder da.«

Ja, sicher, denke ich. Ich sehe ihr nach, und dann wirft sich der Barkeeper das Handtuch über die Schulter und folgt ihr rasch. Wenn du damit meinst, dass ich dich wahrscheinlich irgendwann nächsten Dienstag wiedersehe. Della dreht sich um und legt die Hände um den Mund, damit sie die Musik überschreien kann.

»Mach keinen Mist!«

Ich nicke und versuche, mit zusammengebissenen Zähnen zu lächeln, dann recke ich mit der freien Hand den Daumen hoch. Nachdem sie in der Menge verschwunden ist, betrachte ich mein Glas, das immer noch darauf wartet, dass ich es austrinke, und nehme diesmal einen anmutigen Schluck, statt es sofort herunterzustürzen. So wie diese Nacht sich entwickelt, sollte ich mich vielleicht lieber zurückhalten.

Plötzlich werde ich von hinten angerempelt, taumele zur Seite und falle beinahe von meinem Stuhl. »Was soll der Scheiß?!« Ich drehe mich um und sehe einen Mann, der andere Gäste mit den Ellbogen aus dem Weg schiebt und sich auf den gerade frei gewordenen Barhocker neben mir setzt, ohne sich zu entschuldigen oder meine Anwesenheit auch nur zur Kenntnis zu nehmen – oder die Tatsache, dass er mich praktisch bewusstlos geschlagen hat.

Und da sagen die Leute, Männer, die sich in der U-Bahn breit machen, seien schlimm.

»Entschuldigung?«, frage ich, aber er ist zu sehr damit beschäftigt, nach einem Barkeeper Ausschau zu halten, um es überhaupt mitzukriegen.

Ich ramme ihm den Ellbogen so fest ich kann in den Brustkorb.

»Au!« Er dreht sich um.

»Hoppla.« Ich grinse. »Ich habe dich gar nicht gesehen. So beschäftigt. Silvester eben.« Ich zucke die Achseln, und wenn er weiß, dass ich das mit Absicht gemacht habe, lässt er sich nichts anmerken.

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