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Dominik Nerz: Gestürzt. Eine Geschichte aus dem Radsport

INHALT

I. Die Diagnose

II. Das erste Mal

III. Lektionen in Schmerz

IV. Neue Welt

V. Grauzone

VI. Bella Italia – Radsport anders

VII. Sehnsucht Tour

VIII. Im Superteam

IX. Anführer

X. Der nächste Schritt

XI. In der Falle

XII. Der Tunnel

XIII. Kopfsache

XIV. Das Ende – ein Anfang

Danksagung

Bildnachweis / Der Autor

I

DIE DIAGNOSE

Die Einsicht hat sich die Strada Provinciale 27 ausgesucht. Gesäumt von Olivenbäumen schlängelt sich die einspurige, mit rauem Asphalt belegte Straße durch die Hügel der Toskana von Monte Rocchina hinab nach Monsummano Terme nordwestlich von Florenz. Hin und wieder öffnet sich der Blick auf die von der tief stehenden Sonne beschienene, weite Ebene des Arno. Eine schöne Gegend. Dass sich die Einsicht ausgerechnet diesen Flecken Erde auserkoren hat, um sich im Gehirn festzusetzen, empfindet Dominik Nerz als passend. Hier in Italien hat seine Karriere als Radprofi vor fünf Jahren vermeintlich so richtig Fahrt aufgenommen. Hier begann auch der Weg in jene Sackgasse, in der er nun schon so lange feststeckt. Jetzt, am 20. September 2016, ist das Ende der Sackgasse erreicht, geht seine Karriere zu Ende. Noch nicht offiziell, aber in seinem Kopf. »Was würde denn passieren, wenn das wirklich dein letztes Rennen wäre?« Diese Frage taucht hier auf dieser Straße in der Toskana auf. Und die Antwort gleich mit: »Das Einzige, was passieren kann, ist, dass es dir endlich wieder besser geht, dass du tatsächlich wieder ein glücklicher Mensch werden kannst.«

Die Aussicht, wieder glücklich zu sein, ohne Schmerz, ohne den Frust, ohne das Gefühl, nicht er selbst zu sein, hat etwas Befreiendes. Nerz ist gerade 27 Jahre alt geworden, eigentlich das beste Alter für einen Radprofi. Aber glücklich ist er mit seinem Leben schon lange nicht mehr. In den Jahren zuvor hat er seinen Körper fast zugrunde gerichtet. Mutwillig, bis an den Rand des Todes. Weil er bei der Tour de France unter die besten zehn im Gesamtklassement fahren sollte. Er hat trotzdem immer weitergemacht, seinen Körper geschunden, weit über die Grenze des Verträglichen hinaus. In der Saison 2015 ist er mehrmals schwer gestürzt. Seinem von einer Magersucht gezeichneten Körper gönnt er dennoch keine Pause. Er macht einfach weiter, weil sein Sport das so vorsieht und er das verinnerlicht hat in all den Jahren, in denen er seit seiner Kindheit Rennen gefahren ist. Die schweren Stürze zehren seinen abgemagerten, auf Höchstleistung getrimmten Körper noch weiter aus, bis er sich schließlich ganz verweigert. Seit Monaten schon blockiert er die Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Nicht immer, aber immer wieder. Erst kurz bevor Dominik Nerz an diesem Nachmittag die Einsicht überkommt, dass dies sein letztes Rennen als Radprofi sein wird, hat sein Körper es wieder getan – einfach nicht mehr mitgemacht.

Der Giro della Toscana zählt nicht zu den bedeutenden Rennen im Kalender des internationalen Profiradsports. Der Rad-sport-Weltverband UCI hat die aus zwei Etappen bestehende Veranstaltung in die Kategorie 2.1 eingeordnet, die zweitniedrigste Stufe für Profirennen. Sie dient als Vorbereitung auf die Lombardei-Rundfahrt, den letzten großen Eintagesklassiker der europäischen Saison. Die erste Etappe führt über 174,7 Kilometer von Arezzo nach Montecatini Terme. Das Profil ist durchaus anspruchsvoll, aber nichts, was einem ausgewiesenen Kletterspezialisten wie Dominik Nerz Angst einjagen müsste. Kurz vor der Zielrunde ist noch ein etwas steilerer Anstieg zu bewältigen. Das Feld nimmt Tempo auf, es wird um die beste Position gekämpft. Auch Nerz hat sich vorne eingereiht. »Ich hatte immer ein gutes Renngespür«, sagt er. »Ich habe hochgeschaut, abgeschätzt, welche Straße wir nehmen und nur gehofft: ›Bitte nicht die linke, weil es da einen Berg hochgeht, den ich nicht eingeplant habe. Und so, wie die da gerade reinfahren, überlebe ich das nicht.‹ Dann ging es in den Berg rein.« Es ist noch nicht der eigentliche Anstieg, in den das Feld da hineinjagt, sondern eine kürzere, steile Rampe kurz davor, die auf dem Streckenprofil nicht verzeichnet ist. Es braucht eine gewisse Explosivität, um dort vorne mit dabei zu sein. So etwas zählt nicht zu den großen Stärken von Dominik Nerz. Er mag eher die langen, gleichmäßigen Anstiege. Laktat schießt in die Beine. Nicht nur ihm ergeht das so, auch viele der anderen Fahrer sind am Anschlag. Aber bei Nerz setzt nun Panik ein, weil er ahnt, was passieren wird, wenn er durch die Belastung in den roten Bereich vordringt. Noch sind es fast 40 Kilometer bis ins Ziel. Nerz kämpft, um nicht abgehängt zu werden. Er versucht verzweifelt, seinen Rhythmus zu finden. Es gelingt ihm nicht. Er ist zu langsam, sein Körper streikt. Die Muskeln sind dicht, alles ist Schmerz. »Als ich gesehen habe, dass ich keine Chance habe, hat mir das noch mal unglaublich viel Energie gezogen. Dann kam der Kopf dazu: ›Okay, du hast es einfach nicht drauf. Du bist einfach nicht stark genug.‹ Und dann war Ende.«

Nerz verliert den Anschluss. Alleine quält er sich den darauffolgenden Anstieg hinauf. Auf der Abfahrt ins Tal überkommt ihn die Gewissheit, dass es Zeit ist aufzuhören. »Die Vorstellung, auf diesem Niveau immer weitermachen zu müssen, jedes Rennen abgehängt zu werden, egal, was du tust. Und im Gegensatz dazu sagen zu können: ›Ich lasse das mit dem Radfahren. Ich muss es nicht mehr machen.‹ Das gab mir ein gutes Gefühl.« Es ist, als habe jemand einen Grauschleier entfernt. Auf einmal nimmt Dominik Nerz die schöne Umgebung wahr, die Landschaft, das herbstliche Licht. »Es war eine herrliche Stimmung«, erinnert er sich. »Das erste Mal seit langem habe ich wieder so eine Art Glücksgefühl verspürt.« Wenig später landet Nerz im Gruppetto, wo sich die abgehängten Fahrer zusammentun. Sein Teamkollege Shane Archbold ist auch dort. Kurz darauf stößt auch Emanuel Buchmann dazu, ein weiteres Mitglied seiner Mannschaft Bora-Argon18. Mit ihnen bestreitet Nerz seine letzten Kilometer als Radprofi. Die drei unterhalten sich, scherzen. Nerz ist gelöst, weil er beschlossen hat, die Sache hier und jetzt zu beenden. Aber er will ein würdiges Ende mit einer letzten Zielankunft. Einfach während des Rennens vom Rad zu steigen, kommt für ihn nicht in Frage. Er hält durch und erreicht das Ziel als 104. von 120 Fahrern mit mehr als elf Minuten Rückstand auf den Sieger. Doch das ist jetzt nicht mehr wichtig.

Im Teamhotel bestürmt man ihn mit besorgten Fragen. Was denn los gewesen sei? Dabei wissen ja auch die Kollegen und die Teamleitung, dass er schon seit Monaten immer wieder diese Einbrüche erlebt. Diesmal bleibt Nerz gelassen, trotz all der Fragen, die ihn sonst immer unter Druck gesetzt haben. Einen kurzen Moment des Zweifels schiebt er beiseite. Dann teilt er dem Sportlichen Leiter seines Teams mit, dass er am nächsten Tag nicht wieder aufs Rad steigen wird. André Schulze fordert ihn auf, sich bei der zweiten Etappe wenigstens noch einmal an den Start zu stellen, nicht aufzugeben. Doch Dominik Nerz will nicht mehr. Sein Entschluss steht jetzt fest. Er packt seine Sachen und fährt nach Hause. Der Gedanke aufzuhören schreckt ihn nicht. Nicht mehr.

Wenige Wochen zuvor ist das noch ganz anders. Schon Ende Juni hat man ihm gesagt, dass seine Zeit als Leistungssportler vorbei ist. Nerz ist damals zur Untersuchung an der Berliner Charité, um herauszufinden, warum sein Körper immer wieder aussetzt. Tage zuvor hat er bei der Dauphiné-Rundfahrt, dem wichtigsten Vorbereitungsrennen für die Tour de France, wieder so einen Einbruch erlebt. Sein Team wird ihn deshalb nicht mitnehmen nach Frankreich zum bedeutendsten Radrennen der Welt. Stattdessen sitzt Nerz im sportmedizinischen Institut der Berliner Charité gemeinsam mit seinem langjährigen Trainer Hartmut Täumler, der den Termin vermittelt hat. Seit dem frühen Morgen hat Nerz eine Untersuchung nach der anderen über sich ergehen lassen, die nun endlich Aufschluss geben sollen darüber, was nicht stimmt mit ihm. Blutwerte, Ultraschall, Lungenfunktion, Hormonspiegel, Gelenke – alles wird überprüft. Dominik Nerz hofft, dass die Ärzte etwas finden. Damit er endlich weiß, warum sein Körper so häufig nicht mehr mitspielt. Gleichzeitig fürchtet er sich vor einer Diagnose und die damit möglicherweise verbundenen Konsequenzen. Die Ärzte stellen eine erhöhte Anzahl Anti-Körper fest, die auf eine rheumatische Erkrankung hinweisen. Das könnte ein Grund sein für die schwachen Leistungen. Doch das Problem liegt viel tiefer. Was Chefarzt Prof. Dr. Bernd Wolfahrt, der leitende Olympiaarzt des Deutschen Olympischen Sportbundes, ihm am Nachmittag mitteilt, ist für einen Leistungssportler verheerend: Nerz ist chronisch überbelastet und kann deshalb nicht mehr an die Leistungsgrenze gehen. Sein Körper sei gefangen in einem dauerhaften Regenerationsprozess, den er aber niemals abschließen könne, solange er sich im Leistungssport aufhalte, erklärt Wolfahrt. »Sie werden Ihren Körper, wenn Sie das so weiter betreiben, nachhaltig schädigen. Ich rate Ihnen aufzuhören.«

Es ist das erste Mal, dass Dominik Nerz ahnt, dass es tatsächlich vorbei ist für ihn mit dem Radsport. Aber noch kann er das nicht akzeptieren. Es ist sein bisheriges Leben, das da vor der Abwicklung steht. Eine Alternative gibt es nicht. Zumindest keine, die er sich vorstellen kann. »Nein, ich packe das. Ich komme da wieder raus«, sagt die innere Stimme. Trotzig. Wie benommen sitzt er nach dem Gespräch mit Professor Wolfahrt gemeinsam mit seinem Trainer in der Kantine der Charité. Sie schweigen lange, keiner weiß, was nun zu tun ist. Doch dann fassen sie einen Plan: erst einmal Regeneration und dann Vorbereitung auf die Spanien-Rundfahrt im September. Bis dahin soll Nerz wieder fit werden. Dafür wollen sie alles tun. Schließlich geht es auch um einen neuen Vertrag, denn der Kontrakt mit Bora-Argon18 läuft zum Ende des Jahres aus. Es ist, als hätten sie Wolfahrts Worte gar nicht gehört. »Ich brauchte ein Ziel«, erinnert sich Nerz. Erst als er am Berliner Hauptbahnhof auf seinen Zug nach Hause wartet, trifft ihn die Aussage des Arztes noch einmal mit voller Wucht, dringt ins Bewusstsein ein. Und noch ein Gefühl macht sich bemerkbar, mischt sich in die Trauer: Scham. Alleine hockt Dominik Nerz auf einer Bank auf dem Bahnsteig und stellt sich eine entscheidende Frage: »Wie konntest du es so weit kommen lassen?«

II

DAS ERSTE MAL

Neuravensburg, etwa zehn Kilometer südwestlich von Wangen im Allgäu. Unterhalb der Burgruine gruppieren sich eine Tankstelle, ein Supermarkt und ein Hotel um die örtliche Kirche. Doch geprägt ist Neuravensburg von einem großen Wohngebiet, entstanden in den 1990er Jahren. Die Nähe zum Bodensee und die ruhige Lage machen diesen Ort zu einer attraktiven Wohngegend. Vor stattlichen Einfamilienhäusern stehen Autos der gehobenen Mittelklasse. Sport dient hier nicht als Vehikel, um den Verhältnissen zu entfliehen. Er ist Teil des Lebensgefühls. Man hält sich fit in der schönen Landschaft. Im Sommer auf dem Rennrad oder dem Mountainbike, im Winter beim Skifahren in den nahe gelegenen Bergen oder beim Langlauf.

Dominik Nerz, geboren am 25. August 1989, ist acht Jahre alt, als seine Familie vom sechs Kilometer entfernten Niederwangen nach Neuravensburg zieht. Die Eltern haben sich dort ein großzügiges Haus bauen lassen. Die moderne Betonfassade ist teilweise mit Holz verkleidet, wie bei den Bauernhäusern der Gegend. Im Eingangsbereich steht neben der Garderobe ein riesiger Pokal, in der Nische unterhalb der Treppe in das obere Stockwerk ein Rennrad. Es sind die einzigen sichtbaren Hinweise auf die Radsportkarriere des Sohnes. Vater Michael ist Finanzberater. Das ergrauende Haar hat er nach hinten gekämmt. Er spricht ruhig und überlegt. Die Mutter Ulrike ist eine lebhafte, quirlige Frau, Diplom-Betriebswirtin und leidenschaftliche Gastronomin. Ein »ganz leichtes, fröhliches, unglaublich glückliches Kind mit kleinen, dicken, krummen Beinen« sei ihr Sohn gewesen, sagt sie. »Er hat sich von Anfang an wahnsinnig gerne bewegt, konnte aber auch gut stillsitzen und basteln. Er war nicht so ein Hibbelkind.« Bei aller Neugier und Abenteuerlust sei Dominik die Dinge aber stets auch mit einer gewissen Besonnenheit angegangen. Er war kein Draufgänger. Auch Michael Nerz sagt, sein Sohn habe »schon immer einen Bewegungsdrang« gehabt. Sie seien viel mit befreundeten Familien in der Natur gewesen, hätten Lagerfeuer am Fluss gemacht, erzählt er. All das habe Dominik begeistert. Beide Eltern sind selbst sportlich. Die Mutter ist eine leidenschaftliche Skifahrerin, der Vater war in seiner Jugend ein begabter Skilangläufer. Zu seinen Gegnern gehörte damals auch der spätere Olympiateilnehmer und Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle. Zwei Mal habe er Behle in der Jugend geschlagen, sagt Michael Nerz.

Um den Bewegungsdrang ihres Sohnes in Bahnen zu lenken, melden die Eltern Dominik in einer Kindersportgruppe an. Der Junge liebt dieses »Bubeturne«, aber mit zehn Jahren muss er aufhören, weil er zu alt ist. Sport will und soll er weiter treiben. Er probiert verschiedene Sachen aus: Leichtathletik, Fußball natürlich. Nichts packt ihn so richtig. Es ist das Rennrad seines Vaters, das ihn schließlich zum Radsport bringt. Michael Nerz ist zu dieser Zeit ein leidenschaftlicher, sehr ambitionierter Hobbyradfahrer. Gemeinsam mit ein paar Freunden nimmt er an Veranstaltungen wie dem Ötztaler-Radmarathon teil, dessen Strecke mehr als 200 Kilometer lang ist und bei dem über 5.000 Höhenmeter zu absolvieren sind. »Wir waren eine Clique, die beruflich vorankommen und sich trotzdem noch relativ intensiv sportlich betätigen wollte«, sagt Michael Nerz. »Aber ich bin nie Rennen gefahren. Wir haben es als Ausgleich zum Beruf gemacht und uns organisiert, so dass wir zwei, drei Mal im Jahr mal bei so einer Veranstaltung mitfahren konnten.« Das silberfarbene Rennrad seines Vaters hat es Dominik angetan: »Ich fand das so toll, dass ich gesagt habe: ›Ich möchte auch so ein Fahrrad haben.‹« Doch bevor er ein eigenes Rennrad bekommt, soll er erst einmal ausprobieren, ob der Radsport ihm überhaupt Spaß macht. So wird Dominik Nerz im Winter 2000 Mitglied der Rad-Union Wangen. Der Verein hat eine lange Tradition, er existiert seit 1913. Das Prunkstück ist die Jugendarbeit. Die Nachwuchsfahrer der Rad-Union dominieren die regionalen Rennen. Doch mit Radfahren hat das Training erst mal gar nichts zu tun. Es ist Winter und deshalb hält man sich in der Sporthalle fit: Zirkeltraining, Fußball, alles, was Spaß macht. Es ist wie beim »Bubeturne«, das Dominik so geliebt hat. Erst im Frühjahr geht es dann tatsächlich mit dem Radfahren los: erste Ausfahrten mit der Trainingsgruppe. Nerz fährt auf einem Leihrad des Vereins: roter Stahlrahmen, Rahmenschaltung und ein bisschen zu groß für den damals noch recht klein gewachsenen Jungen.

Was ihn schon bald noch mehr begeistert, ist das Gefühl der Freiheit. Das Rennrad eröffnet ihm neue Räume, erweitert seinen Horizont. Dominik Nerz beginnt auf eigene Faust, die Gegend zu erkunden. Die Eltern sorgen sich um die Sicherheit des Elfjährigen, weshalb sein Vater ihm eine knapp zwölf Kilometer lange Runde auf Nebenstraßen mit wenig Verkehr zeigt. Aber Dominik ignoriert diesen abgesteckten Rahmen. »Ich bin so gut wie nie auf dieser Runde gefahren, weil ich woanders fahren wollte. Ich musste alles erkunden«, erinnert er sich. »Aus diesem Grund habe ich eine wahnsinnige Leidenschaft für das Radfahren entwickelt.« Auch das erste Frühjahrstrainingslager in Cesenatico in Italien, dem Heimatort des Radsportidols Marco Pantani, verstärkt das Gefühl, mit dem Rad die Welt entdecken zu können. Zum ersten Mal ist er ohne seine Eltern fern von zu Hause. Neben dem Quartier liegt eine dieser typischen Spielhallen mit Spielautomaten für Jugendliche. »Da haben wir unser ganzes Taschengeld verbraten«, erzählt Nerz. Ein bisschen was bleibt aber auch übrig für Gelato, italienisches Eis. Mehr als daheim erlaubt wäre. »Das haben wir natürlich ausgenutzt.« Aber nach einer Woche merkt Nerz auch, dass er Heimweh hat nach Neuravensburg, nach seiner Familie. »Ich war froh, als ich wieder nach Hause fahren durfte«, sagt er.

Da ist noch etwas, was seine Begeisterung für den Radsport befeuert. Am Ende der 40 bis 50 Kilometer langen Trainingsrunden mit dem Verein ist er richtig kaputt. »Die Bewegung auf dem Rad hat mir gefallen. Das war genau meins. Nirgendwo konnte ich mich so auspowern. Und das brauchte ich irgendwie. Das Radfahren hat mir genau das gegeben.«

Dominik Nerz ist ehrgeizig. Bei den Trainingsausfahrten orientiert er sich an den Älteren, will mithalten. »Die Rad-Union war damals schon mit Nationalfahrern bestückt, die aber alle etwas älter waren. Und die hat er sich irgendwie zum Vorbild genommen«, sagt sein Vater. Abends kommt sein Sohn sehr müde, aber zufrieden nach Hause. Er hat seinen Sport gefunden.

Kurz nach dem Trainingslager in Cesenatico steht Dominik Nerz erstmals am Start eines Radrennens. Die Rad-Union veranstaltet in Niederwangen ein Rennen des Vier-Länder-Cups, ein Highlight des regionalen Rennkalenders. Hier soll Nerz in der Schülerklasse U13 seine ersten Wettkampfkilometer sammeln. Schon in den Tagen vorher kann er nicht schlafen vor Aufregung. Inzwischen hat er schon ein paar Radrennen im Fernsehen gesehen. Aufgefallen ist ihm, dass die Profis alle einen Kopfhörer im Ohr haben. Dass es sich dabei um ein Funkgerät handelt, mit dem die Radprofis Kontakt zu ihren Sportlichen Leitern halten, weiß er nicht. »Die hören Musik«, denkt er und stopft sich fortan bei seinen Trainingsfahrten seinen Discman in die Trikottasche. Den bringt er auch zum Rennen in Niederwangen mit. Sein Trainer Beppo Schmied macht ihm klar, dass das vielleicht doch keine so gute Idee ist. Ein anderes Problem lässt sich so leicht nicht beheben. In einem Feld mit 30 Schülern der U13 hat sich der angehende Radrennfahrer Nerz noch nicht bewegt. Im Training wird diszipliniert Zweierreihe gefahren. Im Rennen geht es wild durcheinander. Schon auf der ersten Runde wird ihm das zum Verhängnis: Die Straße wird eng. »Ich hatte zwei Optionen: Entweder fahre ich in den Stacheldraht oder ich falle auf die Straße. Ich habe mich dann für die Straße entschieden«, erinnert sich Nerz.

Die anderen Jungs springen nach dem Sturz schnell wieder aufs Rad. Dominik Nerz betrachtet sein blutendes Knie und den aufgeschürften Ellenbogen. Er ist konsterniert. Heulend fährt er die Runde zu Ende und steigt vom Rad. Seine Mutter kann ihre Tränen angesichts des blutenden und weinenden Jungen ebenfalls nicht zurückhalten. »Ich bin nie damit zurechtgekommen, dass mein Kind auf die Straße fällt. Schon bei seinem allerersten Radrennen war das so. Und dieses Bild geht mir bis heute nicht aus dem Kopf: Da saß der Sohn auf dem Boden und hat geheult. Und ich habe geheult, weil ich es nicht mit ansehen konnte. Die Haut war abgezogen. Gesund fand ich das alles überhaupt gar nicht. Das hat mich innerlich nie verlassen«, sagt sie. Aber wie ihr Sohn stellt auch sie an diesem ersten Tag fest, dass man im Radsport mit dieser Haltung alleine dasteht. Von den anderen, erfahrenen Radsport-Müttern wird sie belächelt. Auch der Trainer versteht das Getue nicht. Er ist eher von der rustikaleren Art: Mit der Hand wischt er Dominik über das blutig geschlagene Knie. »Der hat mich erst mal angeschnauzt: ›Willst du mich jetzt verarschen? Das sind doch nur ein paar Kratzer. Da musst du weiterfahren. Das Rennen ist noch nicht vorbei.‹« Es ist die erste Lektion: Im Radsport werden Schmerzen ignoriert. Zahlreiche weitere werden folgen. Irgendwann hat Nerz diese Grundbedingung des Radsports so verinnerlicht, dass er selbst dann weitermacht, als es beginnt, ihm gesundheitlich zu schaden. »Im Grunde«, sagt Dominik Nerz knapp 18 Jahre nach seinem ersten Rennen, »hat meine Karriere als Rennfahrer damit angefangen, wodurch sie dann auch aufgehört hat – mit einem Sturz.«

Der erste Sturz seiner Rennfahrer-Karriere hält ihn nicht davon ab weiterzumachen. Auch die skeptische Mutter kann nicht verhindern, dass ihr Sohn immer wieder mal auf dem Asphalt landet. Er ist dem Radsport verfallen. »Ich habe gemerkt, dass es ihm viel Spaß macht«, sagt Ulrike Nerz. »Er hat es ja gemacht, weil er es wollte. Es war seins.« Der Spaß an der Sache wächst mit den ersten Erfolgen. Daran können auch die gerade in den Schülerklassen noch häufigen Stürze nichts ändern. Nerz gewöhnt sich daran. Aber es gibt auch eine Strategie, dem »Chaoshaufen« zu entfliehen. Mit Patrick Nuber und Gerold Mohr hat die Rad-Union zwei begabte Nachwuchsfahrer in ihren Reihen. Beide sind ein Jahr älter und körperlich stärker als Nerz. Das Duo dominiert die Schülerrennen nach Belieben. Meist setzen sie sich schon in der ersten Runde ab und wenn sie das Feld überrunden, nehmen sie Nerz im Windschatten mit: »Und dann waren wir am Ende Erster, Zweiter, Dritter – Huber, Mohr, Nerz.« Es dauert nicht lange und Dominik Nerz feiert auch seine ersten eigenen Siege. Und mit jedem Erfolg wächst der Ehrgeiz, die nächste Stufe zu erreichen. Bald schon gehört er zum Landeskader Baden-Württemberg.

Noch deutet allerdings nichts darauf hin, dass Nerz es einmal zu den Profis schaffen wird. Es ist auch nicht sein erklärtes Ziel. Den Profiradsport verfolgt er nur sporadisch. Natürlich entgeht ihm nicht, dass Deutschland im Sommer mit Jan Ullrich bei der Tour de France mitfiebert. Aber er selbst sitzt im Juli nur selten vor dem Fernseher, er trainiert lieber. An den Wänden seines Zimmers finden sich auch keine Poster von Radfahrern. Sein Vorbild ist eher der US-Serienheld Angus MacGyver, eine Mischung aus Geheimagent, Abenteurer und Erfinder. »Ich wollte immer so sein wie MacGyver und habe zu der Zeit immer alles auseinandergebaut. Dann bin ich zum Opa gerannt, weil ich es nicht mehr zusammengebracht habe, und wir haben es dann gemeinsam wieder zusammengebaut«, erzählt Nerz. Er liebt das Tüfteln, genauso wie den Radsport. Wenn er mit seinen Kumpels aus dem Verein zum Training verabredet ist und die anderen Jungs sich die Namen von Radprofis geben, denen sie nacheifern, heißt es immer: »Du bist der Klöden.« Dominik Nerz ist zwölf Jahre alt und hat keine Ahnung, wer Andreas Klöden ist. Er weiß nicht, dass der zu den besten deutschen Radprofis gehört und zu den wichtigsten Helfern des deutschen Tour-Helden Ullrich zählt. Aber wenn die anderen sagen, der Klöden ist gut am Berg, dann findet er: Das passt. Denn auch er ist gut, wenn es bergauf geht. Meist kann er seine Freunde abhängen, wenn es steil wird. Dieses Talent zeigt sich auch, als nach den Kriterien in den Schülerklassen in der U15 und U17 die ersten Rundstrecken-Rennen gefahren werden, bei denen auch schon mal etwas längere Anstiege zu bewältigen sind. »Da habe ich dann gemerkt: Das ist meins, das kann ich! Ich bin teilweise sehr offensiv gefahren, bin alleine weggefahren und habe das erfolgreich zu Ende gebracht. Aber ein taktisches Verständnis hatte ich nicht.«

Eine knappe halbe Stunde braucht die S-Bahn vom Alexanderplatz nach Berlin-Lichtenrade. Hartmut Täumler, das verbliebene graue Haar kurz gestutzt, genau wie der ebenso graue Bart, wohnt dort in einem Bungalow am Waldrand. Seitdem er sich 2016 in den Ruhestand verabschiedet hat, lebt er hier im Berliner Süden. Er ist ein angenehmer Gesprächspartner, nachdenklich, reflektiert. Wenn man ihm so gegenübersitzt und mit ihm redet, fällt es schwer, sich jenen Trainer vorzustellen, von dem Dominik Nerz sagt: »Der kannte keine Gnade. Da gab es keine Kompromisse. Ich hatte teilweise auch richtig Angst vor ihm.« Täumler ist 1989 mit seiner Familie über die grüne Grenze in Ungarn in den Westen geflohen. In der DDR war er als Radsport-Verbandstrainer der Junioren fest in das ostdeutsche Sportsystem eingebunden. Doch die Widersprüche zwischen Anspruch und Realität des sozialistischen Systems werden ihm schließlich zu viel. Hartmut Täumler nutzt nach der Flucht seine Kontakte zum westdeutschen Radsport-Funktionär Karl Link, der damals den Olympiastützpunkt in Stuttgart leitet und ihm die Stelle des Juniorentrainers beim Württembergischen Radsportverband verschafft. »Das war wie ein Sechser im Lotto, eine unkündbare, unbefristete Stelle. Ich bin bis heute dankbar dafür«, sagt Täumler.

2006 stößt Dominik Nerz zum baden-württembergischen Landeskader der Junioren und damit zu Hartmut Täumler. Der Trainer hat zu dieser Zeit schon dem ein oder anderen jungen Radsportler den Weg zu den Profis geebnet. Darunter Stefan Schumacher, der 2008 bei der Tour de France zunächst für einen Tag das Gelbe Trikot erobert, wenig später aber positiv auf das Blutdopingmittel CERA getestet wird. In Dominik Nerz erkennt Täumler nicht gleich den zukünftigen Radprofi. Dessen Leistungen sind im ersten Jahr bei den Junioren eher durchschnittlich. Was dem Trainer allerdings auffällt, ist der besondere Ehrgeiz, den der 16 Jahre alte Nerz mitbringt. »Das war 2006 schon zu sehen«, sagt Täumler. »Als Kleiner, der sich mehr Mühe geben musste als die, die biologisch schon einen Schritt weiter waren, musste er immer beißen. Das hat er ohne Ende gemacht.« Es ist dasselbe Muster, das Dominik Nerz schon in den Zeiten bei der Rad-Union angetrieben hat: mithalten mit den Älteren. Forscht man nach, woher dieser Ehrgeiz kommt, wird recht schnell klar, dass dies ein Teil dessen ist, was seine Eltern ihren Kindern mit auf den Weg gegeben haben. »Wir sind alle ehrgeizige Menschen. Wir sind auch strukturiert und ziemlich zielorientiert«, erklärt Ulrike Nerz.

Mit der Aufnahme in den württembergischen Landeskader sind die Weichen für ihren Sohn endgültig auf Leistungssport gestellt. Die Trainingsumfänge sind deutlich höher, die Renndistanzen werden länger. Damit Dominik seinen Sport mit der nötigen Ernsthaftigkeit betreiben kann, beginnen die Eltern, die familiären Rahmenbedingungen anzupassen. Sie organisieren einen Physiotherapeuten, bei dem er auch ohne Termin regelmäßig Massagen erhält. Seine Mutter holt ihn mit dem Auto von der Schule in Wangen ab, damit er die zehn Kilometer nach Hause nicht mit dem Schulbus fahren muss. Denn das kostet Zeit, die dann zum Trainieren fehlt. Sein Vater verbringt Stunden auf der Autobahn, um den Sohn irgendwo einzusammeln, wenn am Wochenende ein Rennen fern der Heimat stattfindet. Häufig reist die ganze Familie inklusive Dominiks fünf Jahre jüngerer Schwester Annika auch mit zu den Rennen, um ihn anzufeuern.

Den Eltern ist es aber mindestens ebenso wichtig, dass ihr Sohn einen Schulabschluss macht. Damit Dominik den wegen des Radsports am Wirtschaftsgymnasium in Wangen versäumten Stoff nachholen kann, knüpft Michael Nerz Kontakte zum Sportinternat im nahe gelegenen Isny, in dem vor allem Nachwuchs-Athleten aus dem Skisport lernen und trainieren. Dort kann sein Sohn den entsprechenden Unterricht nachholen. Es ist ein perfekt eingestelltes Familiensystem. Der Radsport wird zum prägenden Thema. »Das war schwierig, eine groß angelegte Logistik. Für alle war das ein Stück weit wirklich anstrengend, weil wir ja auch noch einen anderen Alltag hatten. Wir haben es trotzdem immer gut verstanden, einen Ausgleich hinzubekommen«, meint Ulrike Nerz. »Aber das macht was mit einem, das war omnipräsent.« Dominik Nerz sagt, seine Familie sei mit ihm in den Radsport reingewachsen. »Meine Eltern haben mich immer zu 110 Prozent unterstützt und mich nie zu was gezwungen. Es war nie so, dass ich Druck von zu Hause hatte«, betont er. »Aber als ich die Möglichkeit hatte, Profi zu werden, war das natürlich schon für alle irgendwie cool, weil man den Radsport im Kollektiv lieb gewonnen hatte.«

Dabei ist der Weg in den Profisport auch mit Beginn der Juniorenzeit noch nicht vorgezeichnet. Profi zu werden, kann Dominik Nerz sich zwar vorstellen. Den nötigen Ehrgeiz hat er auch. Aber es ist kein Traum, den er Tag und Nacht träumt. Nach wie vor sind es der Spaß an der Bewegung und die Möglichkeit, sich auszupowern, gepaart mit Ehrgeiz und Ehrfurcht vor dem neuen Trainer, die ihn antreiben. »Ich hatte nie diesen Antrieb, auf das Ziel hinzutrainieren, Profi zu werden. Ich habe trainiert, weil es mir Spaß gemacht hat, und weil ich Angst vor Täumler hatte. Ich habe trainiert, um besser zu werden. Und Täumler wusste genau, was er tut. Wenn du dich an seine Vorgaben gehalten hast, bist du automatisch ein guter Rennfahrer geworden. Und ich hatte das Glück, dass ich dazu noch Talent hatte«, sagt Nerz.

Hartmut Täumler behauptet dagegen, ihm sei immer klar gewesen, dass Nerz Profi werden will. »Wenn er rangegangen wäre nach dem Motto: ›Ich versuch’s mal‹, wäre er nicht so weit gekommen.« Deshalb habe er dessen Ehrgeiz nur in die richtigen Bahnen lenken müssen. Er tut das mit Strenge. Süßigkeiten nennt er »Schlamm«, und der ist verboten. Wenn er jemanden damit erwischt, schickt Täumler ihn schon mal vom Trainingslager nach Hause. Ein Radfahrer müsse auch »aus der Pfütze saufen« können, lautet einer der Sprüche des Trainers, die Dominik Nerz in Erinnerung geblieben sind. Täumler habe sie auch im Schneetreiben auf der Straße trainieren lassen. Dann sei er im warmen Auto neben ihnen gefahren, habe den Kopf rausgestreckt und gesagt: »Was ist los, Männer? Lächeln und weitermachen!« Wenn Trainingsprotokolle gefehlt hätten, habe es auch schon mal einen bösen Anruf gegeben. »Druck und Strenge brauchen die Jungs, sonst wird’s nichts«, findet Hartmut Täumler. Es ist die alte Schule. Er habe Leistungssport einfach so weitertrainiert, wie er das in der DDR gelernt habe, erklärt Täumler. »Ich habe aber eigentlich nicht das Empfinden gehabt, dass es zu streng war. Vielleicht mit dem einen oder anderen schon, das mag sein. Aber in dem Alter brauchen die Jungs das.« Heute sei ihm der Einfluss der Eltern zu groß und insgesamt alles zu verweichlicht.

Hartmut Täumler lässt seine Sportler im Winter große Umfänge trainieren, um die Basis für die Saison zu legen. Und er legt großen Wert darauf, dass sie auch auf der Bahn trainieren und Rennen bestreiten. Dort wird ohne Bremsen gefahren, man muss vorausschauend agieren, Lücken erkennen und in diese Lücken vorstoßen, sich durchsetzen mit den Ellenbogen. Alles Dinge, die man auch als Radprofi auf der Straße braucht. Mit der richtigen Trittfrequenz zu fahren, wird auf der Bahn ebenfalls geschult. »Auf der Straße fahren alle zu dicke Gänge. Wenn ich das nicht mit 13, 14, 15 lerne, dann ist es zu spät. Mit 20 schaffe ich das nicht mehr«, erklärt Täumler.

Dominik Nerz mag die Bahn nicht besonders. Zum einen hat er Respekt vor den steilen Kurven, zum anderen fehlt ihm die Freiheit der Straße. »Das war mir viel zu langweilig«, berichtet er. »Man ist den ganzen Tag nur im Kreis gefahren und hat nichts gesehen.« Aber sein Ehrgeiz treibt ihn auch hier an. »Er hat schon gesagt: ›Der Vierer, da will ich mit, da kann ich reifen, da kann ich Erfolg haben‹«, erinnert sich Täumler. »Aber ich musste ihn manchmal schon auch ein bisschen auf die Bahn schubsen, weil er das nicht wollte. Er war von vornherein der Straßenfahrer.« Seinen ersten großen Erfolg feiert Nerz dennoch auf der Bahn. Bei den Deutschen Meisterschaften in Cottbus gewinnt er 2006 mit dem Vierer des Landesverbandes den Titel in der Mannschaftsverfolgung bei den Junioren.

Es folgt die erste Berufung in den Nationalkader. Das Training, der Ehrgeiz, das Familiensystem – das alles beginnt sich auszuzahlen. Den endgültigen Durchbruch erlebt Dominik Nerz in seinem zweiten Jahr bei den Junioren. Zehn Siege gelingen ihm in der Saison 2007. Er ist jetzt 18 Jahre alt. Nerz gewinnt unter anderem die Gesamtwertung der schweren Toskana-Rundfahrt für Junioren und feiert dabei einen Etappensieg. Bei der Trofeo Karlsberg im Saarland gewinnt er ebenfalls eine Etappe und belegt in der Gesamtwertung Platz zwei. Zudem sichert er sich den Titel des Deutschen Bergmeisters und gewinnt die Gesamtwertung der »Ain’ Ternational-Rhône Alpes-Valromey Tour«, eines anspruchsvollen Etappenrennens in Frankreich. Romain Bardet, heute die größte Hoffnung der Franzosen auf einen Gesamtsieg bei der Tour de France, wird dort damals Neunter. »Das war das absolute Überflieger-Jahr von mir«, sagt Nerz. Auch Hartmut Täumler erkennt in dieser Saison den entscheidenden Schritt in Richtung Profi-Radsport. »2007 habe ich mir gedacht, das wird mal einer«, erinnert er sich.

Der Trainer übernimmt Nerz nach dem Ende der Juniorenzeit in sein U23-Team. Schon seit ein paar Jahren betreut Täumler neben den Junioren-Mannschaften des Württembergischen Radsportverbandes auch dieses Nachwuchs-Team unterhalb der Profis. Die Equipe »Ista« fungiert als Nachwuchsschmiede für das deutsche ProTour-Team Gerolsteiner von Hans-Michael Holczer, neben dem Team Telekom bzw. T-Mobile lange die zweite große deutsche Profi-Mannschaft. Nerz und Täumler schwärmen auch Jahre später noch von der gemeinsamen Saison bei Ista. »Wir hatten einen richtigen Flow im Team«, ist Nerz heute noch begeistert. Das Team ist erfolgreich und mit den Erfolgen kommen Einladungen zu internationalen Rennen. Ista hat ein anspruchsvolles Rennprogramm. Auch deshalb ist das Team beliebt bei den jungen Fahrern. Im April startet die Mannschaft bei der Türkei-Rundfahrt, an der auch Mannschaften aus der UCI ProTour, der ersten Liga des Radsports, teilnehmen. Dominik Nerz beendet das einwöchige Etappenrennen auf Rang 30 der Gesamtwertung. Er ist damit der beste Fahrer seines Teams. »Bei Ista habe ich den Radsport richtig lieben gelernt. Ich habe gemerkt, was es bedeutet, in einem funktionierenden Team zu fahren und rumzureisen.«

Hartmut Täumler nimmt Nerz dabei wie schon während der Juniorenzeit immer wieder in die Verantwortung, macht ihn bei bestimmten Rennen zum Teamkapitän. Doch Dominik Nerz tut sich schwer damit, diese Rolle auszufüllen. »Das hängt mit seinem Ehrgeiz zusammen«, glaubt Täumler. »Ein Mannschaftskapitän verteilt Aufgaben. So ein Ehrgeiziger wie Dominik fährt dann aber alles selber und vergisst, dass andere was für ihn tun müssen. Das hat er immer schwer verstanden, schwer umsetzen können. Mannschaftskapitän, das war nicht so unbedingt sein Ding. Er hat immer gute Rollen gespielt, wenn er den Rücken frei hatte oder besser, wenn er im Rücken anderer als Arbeiter aufgetreten ist.«

Das Team Ista ist von vornherein als Durchgangsstation geplant. Hartmut Täumler überlegt gemeinsam mit Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer, wann es sinnvoll sein könnte, den vielversprechenden Nachwuchsfahrer Nerz aus dem Farmteam in die Profimannschaft zu holen. Doch zuerst braucht Holczer einen neuen Hauptsponsor, um sein Team zu retten. Der deutsche Radsport steckt mittendrin in einer schweren Dopingkrise. Der Radsport ist komplett in Verruf geraten. Die Deutsche Telekom und deren Mobilfunktochter T-Mobile haben sich bereits Ende 2007 als Sponsoren verabschiedet. Radsportler stehen unter Generalverdacht. Wenn Dominik Nerz auf der Straße trainiert, wird auch er von Autofahrern als Doper beschimpft. Holczers Suche nach einem neuen Geldgeber scheitert. Dennoch ist Hartmut Täumler sicher, dass sein U23-Team weiter bestehen wird. Doch als die Gerolsteiner-Profis Bernhard Kohl und Stefan Schumacher ebenfalls des Dopings überführt werden, ziehen auch seine Sponsoren den Stecker. Im Oktober ist klar, es geht 2009 nicht weiter mit Ista.

Im Herbst wird Dominik Nerz vom Bund Deutscher Radfahrer noch für die Straßenrad-WM in Varese nominiert. John Degenkolb gewinnt im Straßenrennen der U23 die Bronzemedaille. »Das war eine Super-Taktik – alles hat gepasst«, schwärmt Degenkolb nach dem Rennen. Das BDR-Team fährt an diesem Tag tatsächlich ein starkes Rennen. In jeder Fluchtgruppe ist ein Fahrer im deutschen Nationaltrikot dabei. Schließlich gehören Degenkolb, Nerz und Martin Reimer zur entscheidenden Spitzengruppe. »Da haben wir uns abgesprochen, wer die besten Beine hat. Nerz sagte, er nicht. Bei Martin sahen wir, dass er in den Anstiegen nicht ganz mitkam. Da war es klar, dass ich das Zepter in die Hand nehmen muss«, schildert John Degenkolb damals die Vergabe der Kapitänsrolle während des Rennens. »Ich bin überwältigt und ziehe meinen Hut vor Dominik Nerz, der sich aufgeopfert hat.«

Degenkolb fährt damals für das Thüringer Energie Team, die stärkste deutsche U23-Mannschaft. Auch Marcel Kittel gehört zu der Equipe aus Erfurt. Tony Martin hat von dort ebenfalls seinen Weg in den Profiradsport gefunden. Alle drei sind heute international gefeierte Top-Profis. John Degenkolb gewann 2015 Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix, zwei der wichtigsten Eintagesklassiker. Kittel ist zum Weltklasse-Sprinter gereift und deutscher Rekordetappensieger bei der Tour de France. Tony Martin gewann vier Mal den Weltmeister-Titel im Einzelzeitfahren. Ende 2008 erhält auch Dominik Nerz ein Angebot aus Thüringen. Der Manager des Thüringer Energie Teams, Jörg Werner, und der Sportliche Leiter der Equipe, Jens Lang, wollen den begabten Kletterer gerne in ihre Mannschaft holen. Einer wie Nerz fehlt ihnen noch im Portfolio ihres gut alimentierten, professionell strukturierten Teams. »Ich war immer ein großer Fan von Dominik Nerz. Er war eines der größten Talente, das wir in Deutschland hatten«, sagt Jörg Werner, wenn man ihn heute danach fragt.

Es gehört zur Philosophie der Thüringer, dass alle Fahrer in Erfurt leben und dort am besten auch noch eine Ausbildung absolvieren, um nicht alleine auf den Radsport angewiesen zu sein. Doch Dominik Nerz ist nicht bereit, sein gewohntes Umfeld in Neuravensburg zu verlassen. »Das wollte ich auf gar keinen Fall, keine Chance. Und damit hatte sich das für mich erledigt«, erklärt er. Statt zum damals besten deutschen U23-Team wechselt Nerz deshalb zum Continental-Team von Milram. Das gibt ihm die Chance, weiter daheim wohnen zu bleiben, während er für das offizielle Farmteam der letzten in der ProTour verbliebenen deutschen Mannschaft fährt. Das verbindende Glied ist jedoch lediglich der gemeinsame Sponsor Milram. Das Nachwuchsteam ist eher undurchsichtig und chaotisch geführt, aber der Vertrag ist gut dotiert. »Da habe ich zum ersten Mal richtig Geld verdient«, sagt Nerz.

Die meiste Zeit ist er in der Saison 2009 allerdings für die Nationalmannschaft im Einsatz. Seinen größten Erfolg in dieser Saison feiert er im Mai bei den Deutschen Meisterschaften der U23 in Auenstein. John Degenkolb ist diesmal sein Rivale und der klare Favorit auf den Titel. Sein Thüringer Energie Team ist mit Abstand das stärkste. »Alle anderen haben gewusst, wir streiten uns um Platz zwei«, beschreibt Dominik Nerz die Ausgangslage. In John Degenkolb hat er zu dieser Zeit jenen Konkurrenten gefunden, der seinen Ehrgeiz weiter anstachelt. »Die haben sich gegenseitig hochgeschaukelt«, sagt Hartmut Täumler. »Auch wenn Dominik das nicht zugegeben hat, es hat ihn ganz schön gewurmt, dass ›Dege‹ so erfolgreich war. Das hat ihn angefressen.«

Dabei ist Degenkolb ein ganz anderer Fahrertyp: ein Sprinter mit Qualitäten in mittelschwerem Terrain. Nerz ist ihm überlegen, wenn es über eine längere Strecke richtig bergauf geht. Der 162 Kilometer lange Kurs durch die Weinberge von Auenstein im Landkreis Heilbronn ist jedoch eher etwas für Degenkolb. Die Strecke hat es in sich: 2.700 Höhenmeter sind auf den 18 Runden zu überwinden. Von den 150 Startern erreichen nur 39 das Ziel. Im Finale setzen sich vier Fahrer aus der 15 Mann starken Spitzengruppe ab. Neben Degenkolb und Nerz gehören noch Julian Kern und David Rösch zu dem Quartett. Rösch attackiert am Berg. Degenkolb muss reagieren. Dominik Nerz weiß das, er lässt den Konkurrenten die meiste Arbeit bei der Verfolgung machen. »Degenkolb hat gesagt: ›Du musst schon auch ordentlich mitfahren‹«, erinnert sich Nerz. »Aber ich habe gesagt: ›Mir egal, du willst Meister werden.‹« Da auch Kern wieder aufschließt, wird Rösch noch vor dem Ziel wieder gestellt. Die Entscheidung fällt im Sprint, bei dem John Degenkolb als der Stärkste gilt. Die Zielgerade ist leicht ansteigend, das liegt ihm. »Aber er war da schon angeknockt«, sagt Nerz. Er beweist an diesem Tag, dass auch er bei einer solchen Ankunft stark fahren kann. »Dominik hat dann praktisch den Sprint lanciert und da war mir eigentlich schon fast klar, dass er das packt an dem Tag«, erinnert sich Täumler. »Das war taktisch richtig gut, er hat lange genug gewartet, was ja oftmals ein bisschen schiefgeht bei solchen Sprints, wenn man alleine fährt. Das war schon besonders.«

Dominik Nerz gewinnt den Sprint und kann es hinterher selbst kaum fassen: »Das ist mein größter Erfolg, damit hätte ich nicht im Traum gerechnet. Und dass ich auch noch John im Sprint schlagen konnte, ist Wahnsinn.« Selbst im Rückblick fast zehn Jahre danach, nach vielen Jahren im Profisport, klingt noch der Stolz auf diesen Tag durch. »Ich glaube, Degenkolb war perplex, dass ich ihn im Sprint angreife. Das Rennen hätte auch keinen Meter länger sein dürfen, sonst hätte er mich überrollt. Aber es hat halt genau gepasst«, schwärmt Nerz. »Und da war ich auf einmal Deutscher Meister.«

Der Titelgewinn in Auenstein ist sein vorletzter Sieg als Radsportler. Im September fährt er im Trikot der Nationalmannschaft noch einen Etappensieg beim Giro della Valle d’Aosta in Italien ein. Diesen Erfolg nennt Nerz den wichtigsten Sieg während seiner Zeit in der U23. Die Rundfahrt ist neben der Tour de l’Avenir in Frankreich das wichtigste Etappenrennen für den Nachwuchs. »Da waren wirklich die Besten der Besten zu der Zeit am Start. Da eine Etappe abzuschießen, war natürlich schon Bombe«, sagt Dominik Nerz. Es ist das letzte Mal, dass er in den Genuss eines Sieges kommt. Als Profi wird er kein Rennen mehr gewinnen.

III

LEKTIONEN IN SCHMERZ

Bei der Tour de France 1985 kommt es im Finale der 14. Etappe in St. Etienne zu einem folgenschweren Sturz in der Verfolgergruppe. Auch der Mann im Gelben Trikot geht zu Boden. Es dauert mehrere Minuten, bis Bernard Hinault wieder auf seinem Rad sitzt und die letzten knapp 300 Meter bis ins Ziel rollt. Sein Gesicht ist zerschlagen, das Blut strömt aus der Nase, tropft auf das Maillot Jaune und den Asphalt. Im Ziel muss sich Hinault vehement Platz verschaffen gegen die Fotografen und Journalisten, die einen Blick erhaschen wollen auf den blutenden Patron des Pelotons. Hinault, genannt »der Dachs«, strebt seinen fünften Toursieg an, aber in diesem Moment steht dieses Vorhaben auf der Kippe. Im Film »Slaying the Badger« (»Den Dachs erlegen«) von 2012 beschreibt der englische TV-Kommentator Phil Liggett, was sich anschließend abspielt: »Er nahm seinen heulenden Sohn auf den Arm und sagte zu ihm: ›Berühr meine Nase.‹ Und das Kind berührt seine Nase. ›Siehst du, es ist nichts.‹« »Nichts« ist in diesem Fall ein doppelter Nasenbeinbruch. Doch das kann den Franzosen nicht abhalten. Hinault leidet, aber er gibt nicht auf. Acht Tage später fährt er im Gelben Trikot und mit immer noch geschwollenem Gesicht in Paris ein. Er hat seine Gegner besiegt – und den Schmerz. Vor allem den Schmerz.

Diese Episode ist nicht nur ein Teil der Legende Hinault. Sie ist eine typische Erzählung des Radsports. Denn Radsport und Schmerzen bilden eine unzertrennliche Einheit. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Radsportler lernen das früh. Nicht nur, wenn sie – wie Dominik Nerz – im allerersten Rennen stürzen. Wenn schon ein doppelter Nasenbeinbruch »nichts« ist, sind ein paar Schürfwunden erst recht nichts. Ein bisschen Tapete ist ab, heißt es dann lapidar. »Stürzen gehört zum Radsport wie das Weinen zur Liebe«, hat der ehemalige belgische Radprofi Johan Museeuw es geradezu poetisch zusammengefasst.

Nach einem Sturz aufzustehen, sich wieder aufs Rad zu setzen, ist für Radprofis ganz selbstverständlich. Als sich der Belgier Philippe Gilbert bei der Tour de France 2018 auf der Abfahrt vom Col de Portet d’Aspet in den Pyrenäen versteuert, sein Rad nicht mehr kontrollieren kann und über die Begrenzungsmauer ein paar Meter in die Tiefe stürzt, klettert er anschließend nicht nur wieder hinauf auf die Straße, sondern auch zurück in den Sattel und fährt die verbleibenden 60 Kilometer bis ins Ziel. Gilbert bewältigt dabei noch zwei Anstiege der ersten Kategorie, den Col de Menté und den Col du Portillon. Und das alles mit gebrochener Kniescheibe, wie sich später herausstellt. Der Italiener Vincenzo Nibali hatte sich ein paar Tage zuvor mit gebrochenem Wirbelkörper noch die letzten vier Kilometer nach L’Alpe d’Huez hinaufgequält. Der deutsche Radprofi Tony Martin war auf der achten Etappe mit der gleichen Verletzung nach einem Sturz bei Tempo 60 ebenfalls noch weitergefahren. Es ist auch für ihn keine neue Erfahrung. »Als Radsportler bist du Stürze gewohnt, hast das Stürzen gewissermaßen gelernt. Man hat sich gewisse Schutzmechanismen angeeignet, die der Körper dann anknipst«, sagt Martin anschließend in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Als Radprofi sei man eine Art Trapezkünstler, meint der ehemalige niederländische Radprofi Hennie Kuiper, 1975 Straßenrad-Weltmeister und zwei Mal Gesamtzweiter bei der Tour de France. Oft genug gebe es dabei kein Fangnetz. Und wie im Zirkus stockt dem Publikum der Atem, wenn die Nummer schiefgeht, die Fahrer auf den Asphalt knallen oder wie Philippe Gilbert in einen Abgrund stürzen. Die Stürze sind im Zeitalter von Social Media, in dem jeder Crash zigtausendfach in kurze Clips geschnitten und geteilt wird, längst zu einer Art Entertainment geworden. Zumal all die für die Sinne verstörenden Elemente eines Sturzes – das Quietschen der Bremsen, die Schreie, das Knirschen des Carbons und das Scheppern von Metall auf dem Asphalt – meist nur undeutlich wahrzunehmen sind in der medialen Vermittlung. Wenn man direkt daneben steht, ist die Tonspur sehr viel lauter. Für den Zuschauer bleibt es jedoch so oder so ganz unbegreiflich, wie es Radprofis schaffen, nach solchen Stürzen aufzustehen und einfach weiterzufahren. Schon das Zusehen schmerzt. Dominik Nerz sagt, seine Freunde und seine Familie hätten vermutet, er habe gar keine Schmerzwahrnehmung mehr gehabt. Das stimmt natürlich nicht. Auch Radprofis empfinden Schmerz. Aber es gibt eine rationale Erklärung dafür, warum sie nur dann nicht weiterfahren, wenn es wirklich gar nicht mehr ...

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